ZWEIUNDZWANZIGSTES KAPITEL

Ein Ton in deiner Stimme sagt mir,

daß dein Wesen Lüge ist.

Professor Günther war ein überflüssiges Möbel, obwohl er eine kluge

Glatze trug, wie einen Spiegel der Weisheit, in welchem der

Gelehrtendünkel und der Professorenwahnwitz jener verschrobenen Kaste

sich spiegelten. Er hatte den Tempel der Wissenschaft geplündert und

sich zum vielfachen Doktor gekrönt. Er wußte, daß er eine Potenz war.

Und das wurde sein Verhängnis, denn nichts ist schlimmer als das

Bewußtwerden der eigenen Größe.

Zwei Seelen wohnten in seiner Brust: im Privatleben die Seele eines

Schweines, im offiziellen Leben die Seele eines Berufspsychologen. Er

hatte eine Kurve seiner Gemütsbewegungen gezeichnet, kannte die Grade

der Verliebtheit von der errötenden Unberührten über das kanonische

Alter hinaus bis zum fast begierdelosen Weibe. Er hatte seine

Beobachtung nach empirischer Methode graphisch dargestellt, fand, daß

die Kurve bei der Frau aus dem Unendlichen kommt und bis zum

fünfundvierzigsten Jahre etwa mit regelmäßigen periodischen Schwankungen

parallel zur X-Achse verläuft und von da langsam abfallend mit

asymptotischer Annäherung an die Abszisse wieder ins Unendliche

überspringt. Beim Manne beginnt die Kurve im Pubertätspunkte, dessen

Abszisse das Alter, dessen Ordinate die Umgebung ist. Auch diese Kurve

hat einen konstant-flachen, aber schwankungslosen Verlauf, fällt indes

gegen siebzig Jahre steil ab. Die Flächen hatte er ausplanimetriert und

wußte alles zahlenmäßig auszudrücken. Für ihn galt die Zahl, die Nummer.

Jedes Gefühl hatte er in eine Formel gefaßt, die er für das einzelne

Individuum mit der Variablen des Temperaments multiplizierte. Nach ihm

war die Psychologie die Wissenschaft dessen, was man unter Seele

versteht.

Seine privaten Vorlesungen waren interessant, weil er seltsame

Widersprüche lehrte und dadurch das Staunen seines Auditoriums bis zur

Verblüffung steigerte, so daß er am Schlusse seines Vortrages mit

frenetischem Beifallstaumel hinausgetrampelt wurde. Der Einpauker

Günther bereitete im Gegensatz zur Universität die Studenten für die

praktische Seite des Doktor- und Staatsexamens vor. Jappes merkte sich

den Mann, und während dessen Sprechstunde stand er dem Seelenkundigen

gegenüber. Er platzte mit der Frage zur Tür hinein: „Ist Liebe ein

Affekt oder ein Instinkt?“

Professor Günther rollte seine mausgrauen Augen eine Weile musternd,

brachte die Glatze in Kampfstellung und kaute die Frage hervor: „Haben

Sie keine Visitenkarte?“ Jappes stand vor ihm mit eingeknicktem Fuß wie

ein Häuflein Elend. Von seinen Lippen schlotterte es demütig:

„Entschuldigen Sie, Herr Professor, ich bin immer etwas rasch und ich

war so geblendet von Ihrem Wissen, daß ich wie ein Falter in das

lockende Licht flatterte ...“ Hier überreichte er seine Visitenkarte:

Jappes Paul

cand. med. et. phil. et. cam.

Fetzen · 第 43 / 82 题