Ein Ton in deiner Stimme sagt mir,
daß dein Wesen Lüge ist.
Professor Günther war ein überflüssiges Möbel, obwohl er eine kluge
Glatze trug, wie einen Spiegel der Weisheit, in welchem der
Gelehrtendünkel und der Professorenwahnwitz jener verschrobenen Kaste
sich spiegelten. Er hatte den Tempel der Wissenschaft geplündert und
sich zum vielfachen Doktor gekrönt. Er wußte, daß er eine Potenz war.
Und das wurde sein Verhängnis, denn nichts ist schlimmer als das
Bewußtwerden der eigenen Größe.
Zwei Seelen wohnten in seiner Brust: im Privatleben die Seele eines
Schweines, im offiziellen Leben die Seele eines Berufspsychologen. Er
hatte eine Kurve seiner Gemütsbewegungen gezeichnet, kannte die Grade
der Verliebtheit von der errötenden Unberührten über das kanonische
Alter hinaus bis zum fast begierdelosen Weibe. Er hatte seine
Beobachtung nach empirischer Methode graphisch dargestellt, fand, daß
die Kurve bei der Frau aus dem Unendlichen kommt und bis zum
fünfundvierzigsten Jahre etwa mit regelmäßigen periodischen Schwankungen
parallel zur X-Achse verläuft und von da langsam abfallend mit
asymptotischer Annäherung an die Abszisse wieder ins Unendliche
überspringt. Beim Manne beginnt die Kurve im Pubertätspunkte, dessen
Abszisse das Alter, dessen Ordinate die Umgebung ist. Auch diese Kurve
hat einen konstant-flachen, aber schwankungslosen Verlauf, fällt indes
gegen siebzig Jahre steil ab. Die Flächen hatte er ausplanimetriert und
wußte alles zahlenmäßig auszudrücken. Für ihn galt die Zahl, die Nummer.
Jedes Gefühl hatte er in eine Formel gefaßt, die er für das einzelne
Individuum mit der Variablen des Temperaments multiplizierte. Nach ihm
war die Psychologie die Wissenschaft dessen, was man unter Seele
versteht.
Seine privaten Vorlesungen waren interessant, weil er seltsame
Widersprüche lehrte und dadurch das Staunen seines Auditoriums bis zur
Verblüffung steigerte, so daß er am Schlusse seines Vortrages mit
frenetischem Beifallstaumel hinausgetrampelt wurde. Der Einpauker
Günther bereitete im Gegensatz zur Universität die Studenten für die
praktische Seite des Doktor- und Staatsexamens vor. Jappes merkte sich
den Mann, und während dessen Sprechstunde stand er dem Seelenkundigen
gegenüber. Er platzte mit der Frage zur Tür hinein: „Ist Liebe ein
Affekt oder ein Instinkt?“
Professor Günther rollte seine mausgrauen Augen eine Weile musternd,
brachte die Glatze in Kampfstellung und kaute die Frage hervor: „Haben
Sie keine Visitenkarte?“ Jappes stand vor ihm mit eingeknicktem Fuß wie
ein Häuflein Elend. Von seinen Lippen schlotterte es demütig:
„Entschuldigen Sie, Herr Professor, ich bin immer etwas rasch und ich
war so geblendet von Ihrem Wissen, daß ich wie ein Falter in das
lockende Licht flatterte ...“ Hier überreichte er seine Visitenkarte:
Jappes Paul
cand. med. et. phil. et. cam.