EINUNDZWANZIGSTES KAPITEL

Das Wesen einer typischen Tante

ist Komik, und Komik ist immer

etwas Ernstes.

Am Bubenbad in Stuttgart entdeckte Armida eine mütterliche Tante. Eine

schwäbische Schwäbin mit Runzeln im Blick und eine zierliche Zofe. Wie

eine Robbe war sie mit hängenden Armen und fettiger Schwarte. Ihr Kleid

von Kattun verdeckte die Trümmer der Ehe. Ihr bäuchiger Leib gemahnte an

das Kap der guten Hoffnung. Ihr treues Geleite war ein knurrender Mops,

der die Art der Möpse auf der Straße mit sachgemäßer Beschnüffelung

absolvierte. Ihr Blick war auf die Erde gerichtet, weil sie vom Himmel

nichts hoffte.

Armida nannte sie: Ida Telluren.

Sie war eine einsame Frau, die den Abend mit Patiencen verbrachte oder

im Gespräch mit der schleichenden Stille. Zwei Papageien hatten sich

unter ihren Liebkosungen zu Tode geschrien.

Papageien werden bei Tanten nicht alt, so dachte die gelenkige Nichte

Armida. Ihr Mann, der gesprenkelte Assessor, war hinter seiner Brille an

Gallenergüssen gestorben. Und die Witwe suchte den Schmerz im Gähnen der

Reisen zu töten. Sie war treu, obzwar noch viele die stramme Fülle

begehrten. Sie kannte die Lust der flaumigen Betten, die den Männern die

besten Sinne verwirren und sie kannte die eignen Pulse des Blutes. Bei

Tag war sie sicher vor dem Stachel des Satans. Nur die Nacht wob die

Besorgnis um das Pfand ihrer Treue. Ida Telluren war klug, denn sie

spürte sich noch nicht als vergöttertes Tantchen. Sie fand eine List,

die Männer vom Pfuhl ihrer Träume zu bannen: Im Hotel stellte sie neben

die zierlichen Hülsen der eigenen Füße ein Paar Stiefel aus derberem

Leder. So lebte sie abends im Gedanken an den seligen Mann; und draußen

hielten die Stiefel die Wache.

Die Jahre verspritzten die üppigen Formen und das Alter zeichnete die

Skizze der Tante. Die Nase quoll auf, und die Zähne entwichen. Die

Brüste schlotterten in fettiger Fülle. Wuchs der Geschmack für Kaffee,

für Schnäpse und Möpse. Ihr Wesen schrie auf: Nun werde ich zur Tante.

Der Ausgleich für ihr wackliges Tantengemüt bestand in der Liebe zur

jungfräulichen Nichte Armida. Mit verschlissenem Plaid, der Beute der

jagenden Reisen, spülte die Zeit sie hinunter nach dem schwäbelnden

Schwaben. Am Nesenbach lag ihre Kemenate und sie empfing nur gekrückte

Gestalten, die sie mit minniglicher Atzung von Tee und Kaffee und

Tantengebäck zu ermuntern suchte. Manchmal war Vollblut im Haus: die

niedliche Nichte Armida. Mit zierlichen Füßen küßte sie die Läufer der

Treppe. Dann wurde die Tante viel jünger, und geschwätzig floß ihr

Bächlein der Rede. Verließ die opalisierenden Schreier, mied den

gekniffenen Schwanz des Mopses und hielt das Kätzchen im Arme, die

weiche Armida.

Ihr Brevier waren die Räuber von Schiller. Sie wußte das Jahr, da sie

der junge medizinische Schiller in gefolterten Nächten bei grimmiger

Kälte geschrieben. Im Winter 1778/1779! – Die Finger rieb sie vor Kälte,

wenn sie des fröstelnden Jünglings gedachte. Mit heiliger Scheu ging sie

an der Solitude vorüber, wo das Große geboren worden war und starrte mit

geknicktem Genicke zu den lebendigen Gemälden der Decke. Hetsch und

Guibal und Heideloff hatten hier ihre Pinsel verewigt.

Ida Telluren liebte diluviale Gestalten. Sie selbst war ein Mammut aus

dem Diluvium der bräutlichen Schichte. Wisent und Ur bockten kämpfend im

Protz ihrer geräumigen Säle. An den Wänden spreizten sich die derben

Gerüste der knochigen Ichthyosaurier von kundiger Hand in Kohle

gehalten. In der Tantenstube ein Porträt von Victor Thaumatosaurus, aus

Holzmaden, der Jura-saurische Intimus von Ida Telluren. Knochen, nur

Knochen, denn Tante Telluren haßte das Fleisch. Im Staatsarchiv an der

Neckarstraße wohnten die betagten Skelette und Ida liebäugelte oft mit

den geognostischen Typen. Seufzend verließ sie den Saal, in Trauer über

die knochigen Riesen sinnend.

Tanten träumen seltsame Träume und Ida Telluren war Tante; auch Tante im

Traum: Sie sah schnäbelnde Ichthyosaurier auf einer Bank im

Mondenschein, _sie_ war so innig und ließ _ihn_ gewähren. Doch bald

befiel ihn die Lust nach südlicheren Früchten. Da erbebte die Tante und

schwitzte Besorgnis, hob die Hand und schrie zum Schutze der Unschuld.

Armida lag wachend und dachte: Der Schweiß einer Tante riecht seltsam!

Am Morgen ging Ida Telluren zu einem Traumatologen.

Fetzen · 第 42 / 82 题