Das Wesen einer typischen Tante
ist Komik, und Komik ist immer
etwas Ernstes.
Am Bubenbad in Stuttgart entdeckte Armida eine mütterliche Tante. Eine
schwäbische Schwäbin mit Runzeln im Blick und eine zierliche Zofe. Wie
eine Robbe war sie mit hängenden Armen und fettiger Schwarte. Ihr Kleid
von Kattun verdeckte die Trümmer der Ehe. Ihr bäuchiger Leib gemahnte an
das Kap der guten Hoffnung. Ihr treues Geleite war ein knurrender Mops,
der die Art der Möpse auf der Straße mit sachgemäßer Beschnüffelung
absolvierte. Ihr Blick war auf die Erde gerichtet, weil sie vom Himmel
nichts hoffte.
Armida nannte sie: Ida Telluren.
Sie war eine einsame Frau, die den Abend mit Patiencen verbrachte oder
im Gespräch mit der schleichenden Stille. Zwei Papageien hatten sich
unter ihren Liebkosungen zu Tode geschrien.
Papageien werden bei Tanten nicht alt, so dachte die gelenkige Nichte
Armida. Ihr Mann, der gesprenkelte Assessor, war hinter seiner Brille an
Gallenergüssen gestorben. Und die Witwe suchte den Schmerz im Gähnen der
Reisen zu töten. Sie war treu, obzwar noch viele die stramme Fülle
begehrten. Sie kannte die Lust der flaumigen Betten, die den Männern die
besten Sinne verwirren und sie kannte die eignen Pulse des Blutes. Bei
Tag war sie sicher vor dem Stachel des Satans. Nur die Nacht wob die
Besorgnis um das Pfand ihrer Treue. Ida Telluren war klug, denn sie
spürte sich noch nicht als vergöttertes Tantchen. Sie fand eine List,
die Männer vom Pfuhl ihrer Träume zu bannen: Im Hotel stellte sie neben
die zierlichen Hülsen der eigenen Füße ein Paar Stiefel aus derberem
Leder. So lebte sie abends im Gedanken an den seligen Mann; und draußen
hielten die Stiefel die Wache.
Die Jahre verspritzten die üppigen Formen und das Alter zeichnete die
Skizze der Tante. Die Nase quoll auf, und die Zähne entwichen. Die
Brüste schlotterten in fettiger Fülle. Wuchs der Geschmack für Kaffee,
für Schnäpse und Möpse. Ihr Wesen schrie auf: Nun werde ich zur Tante.
Der Ausgleich für ihr wackliges Tantengemüt bestand in der Liebe zur
jungfräulichen Nichte Armida. Mit verschlissenem Plaid, der Beute der
jagenden Reisen, spülte die Zeit sie hinunter nach dem schwäbelnden
Schwaben. Am Nesenbach lag ihre Kemenate und sie empfing nur gekrückte
Gestalten, die sie mit minniglicher Atzung von Tee und Kaffee und
Tantengebäck zu ermuntern suchte. Manchmal war Vollblut im Haus: die
niedliche Nichte Armida. Mit zierlichen Füßen küßte sie die Läufer der
Treppe. Dann wurde die Tante viel jünger, und geschwätzig floß ihr
Bächlein der Rede. Verließ die opalisierenden Schreier, mied den
gekniffenen Schwanz des Mopses und hielt das Kätzchen im Arme, die
weiche Armida.
Ihr Brevier waren die Räuber von Schiller. Sie wußte das Jahr, da sie
der junge medizinische Schiller in gefolterten Nächten bei grimmiger
Kälte geschrieben. Im Winter 1778/1779! – Die Finger rieb sie vor Kälte,
wenn sie des fröstelnden Jünglings gedachte. Mit heiliger Scheu ging sie
an der Solitude vorüber, wo das Große geboren worden war und starrte mit
geknicktem Genicke zu den lebendigen Gemälden der Decke. Hetsch und
Guibal und Heideloff hatten hier ihre Pinsel verewigt.
Ida Telluren liebte diluviale Gestalten. Sie selbst war ein Mammut aus
dem Diluvium der bräutlichen Schichte. Wisent und Ur bockten kämpfend im
Protz ihrer geräumigen Säle. An den Wänden spreizten sich die derben
Gerüste der knochigen Ichthyosaurier von kundiger Hand in Kohle
gehalten. In der Tantenstube ein Porträt von Victor Thaumatosaurus, aus
Holzmaden, der Jura-saurische Intimus von Ida Telluren. Knochen, nur
Knochen, denn Tante Telluren haßte das Fleisch. Im Staatsarchiv an der
Neckarstraße wohnten die betagten Skelette und Ida liebäugelte oft mit
den geognostischen Typen. Seufzend verließ sie den Saal, in Trauer über
die knochigen Riesen sinnend.
Tanten träumen seltsame Träume und Ida Telluren war Tante; auch Tante im
Traum: Sie sah schnäbelnde Ichthyosaurier auf einer Bank im
Mondenschein, _sie_ war so innig und ließ _ihn_ gewähren. Doch bald
befiel ihn die Lust nach südlicheren Früchten. Da erbebte die Tante und
schwitzte Besorgnis, hob die Hand und schrie zum Schutze der Unschuld.
Armida lag wachend und dachte: Der Schweiß einer Tante riecht seltsam!
Am Morgen ging Ida Telluren zu einem Traumatologen.