Schlapphof Baden

„Sie sind sehr vielseitig, Herr Kommilitone Jappes Paul vom Schlapphof.“

Eigentlich nur Vorder- und Rückseite, dachte Jappes, letztere, na ...

vielleicht würde der Herr Professor doch nicht von meinem Anerbieten

Gebrauch machen. Dann verschluckte ihn ein Klubsessel auf eine

einladende Handbewegung hin.

„Nun, Herr Kommilitone,“ spreizte sich Professor Günther vor Jappes, mit

lohender Zigarre und paffte einen wirbelnden Dunst an die Decke, –

„unterbreiten Sie mir Ihre Fragen, bitte!“ Hier machte er eine Geste mit

der Hand, als biete er einen Präsentierteller an: Bitte, bedienen Sie

sich!

„Meine Frage muß Ihnen doch lächerlich sein, Herr Professor, denn im

Vergleich zu den Studenten sind Sie ja unendlich klug und Sie vergessen

an einem Tage mehr, als unsereins in einem Jahre mühsam

zusammenstoppelt.“

Professor Günther lachte sich Grübchen und der Stolz perlte aus seiner

Stirne. Er wehrte mit der Hand ab. Jappes wiederholte: „Ist Liebe ein

Instinkt oder ein Affekt?“

Die Frage löste bei Professor Günther die strenge Sachlichkeit des

Gelehrten aus. Ein klassisches Räuspern leitete seine Erklärung ein:

„Entschieden, die Liebe ist ein Affekt. Eine heftige Gemütserregung mit

einer Reaktion auf den Körper. Jeder andere Bewußtseinsinhalt wird von

den Affekten hintangestellt. Die Vernunft ist ausgeschaltet, und unser

Handeln ist zwangsläufig und wir haben keine freie Ueberlegung, weder in

der Wahl noch in der Anwendung fester Grundsätze.“

„Wer liebt, ist also unvernünftig, unzurechnungsfähig,“ schlußfolgerte

Jappes, „es scheint doch eine Grenze zu geben, wo Affekte und Instinkte

zusammenlaufen. Der Instinkt ist doch die dauernde Disposition des

Nervensystems, den automatischen Ablauf einer komplizierten Handlung zu

bestimmen. Nach der Affektentheorie ist die Vernunft doch auch

ausgeschaltet und mithin wäre alles, was im Affekt geschieht, eine

automatische Handlung. Wir denken doch nichts dabei, wenn wir lieben, es

ist uns zur Selbstverständlichkeit geworden, wir beten das Ritual der

Liebe ohne den Glauben, automatisch. Die Liebe wäre also ein Instinkt

und kein Affekt?“

Professor Günther streckte die linke Hand vor, Daumen und Zeigefinger in

Schnabelstellung, die übrigen Finger gespreizt: „Distinguo! Wir

unterscheiden, Freund, zwischen objektiver Wahrnehmung und subjektiver

Empfindung. Denken Sie sich, Herr Kommilitone, zwei Liebende von einem

Dritten beobachtet.“

„Das wäre sehr unangenehm für alle drei,“ bemerkte Jappes.

Professor Günther verschluckte ein Lächeln: „Für den objektiven

Beobachter zweier Liebenden ist die Liebe unbedingt ein Affekt! ...“

Jappes entschuldigte eine Unterbrechung: „Es ist doch unmöglich eine

objektive Beobachtung über die Liebe anzustellen, weil unsere Instinkte

sich aus den einfachen Reaktionsvorgängen durch die äußeren Reize des

Geschauten entwickeln. Sind wir aber selbst verliebt, so entzieht sich

unsere Selbstanalyse der Kontrolle, weil durch den Affekt die freie

Ueberlegung ausgeschaltet ist!“

„Darauf wollte ich gerade zu sprechen kommen,“ bejahte der Psychologe,

„gerade das ist die Grenze, die Norm. Die platonische Liebe ist ein

Affekt, die praktische Liebe ist ein Instinkt: Entschuldigen Sie die

Frage, waren Sie schon verliebt?“

Und Jappes: „Platonisch noch nie, deshalb kam ich auf den Gedanken, die

Liebe sei kein Affekt.“ Und er dachte, er müsse mit Pepy darüber reden.

Jappes entschuldigte sich, er müsse gehen, er habe eine Verabredung mit

einer Freundin. Professor Günther drückte ihm die Hand: „Dann leben Sie

wohl, Herr Jappes Paul vom Schlapphof, und kommen Sie mal zu uns, unser

Haus steht Ihnen offen. Ihre Freundin können Sie mitbringen.“

Jappes entwich dankend dem Zigarrenqualm.

Fetzen · 第 44 / 82 题