Man erzählt manchmal einen Witz,
um über eine Pointe zu lachen.
Arco Calvandi hatte einen Witz erzählt: „Eine Landpomeranze hatte von
einem leckeren Schmeichler erfahren, daß sie angenehm empfunden würde.
Und die Schönheit sagte ihr: du bist wie ich. Das wollte sie im Bilde
sehen, weil der Spiegel ihr Bild immer wieder verlor. Sie suchte einen
Maler auf. ‚Mögen Sie mich malen,‘ flehte ihr weicher Sopran! Der Maler:
‚Gnädiges Fräulein entschuldigen: wie wünscht gnädiges Fräulein gemalt
zu werden?‘ Und die Holde: ‚Wie man so gemalt wird.‘ Der Maler witterte
das Wild: ‚Ich bin Historienmaler.‘ Sie sann und die Frage entfiel ihr:
‚Was ist ein Historienmaler?‘ Er: ‚Einer, der nach der Geschichte malt.‘
‚Gut,‘ sagte die Schöne errötend, ‚dann komme ich nach der Geschichte
wieder.‘ Sie ging, und ein Lachen prallte an die Staffelei des Malers.“
Aber Armida hatte eine richtige Geschichte, die war kein Witz. Alf
Skyölen, ihr Vater, in Saßnitz auf Rügen. Von Norwegen war er gezogen,
an der schwedischen Grenze. Mit einem Schiff und zwei Segeln hatte der
Wind ihn südwärts geblasen. An die Insel spie ihn das Meer. Dort fand er
ein Weib vom Wetter gebräunt. Er nahm es zur Frau. Sie bauten sich Kähne
und hielten sich Fischer; geteertes Holz und gegerbte Gesichter. Das
Jahr verschlang ein Boot und drei Fischer, er baute dann zehn und dang
sich die nötigen Mannen. Zu Ostern rissen die Netze, so schwanger vom
zappelnden Hering; im Sommer ruderten die Fischer die flache Last der
Flundern. Das Gold in der Truhe wuchs, die Summe der schwimmenden Fänge.
Alf Skyölen war stolz auf seine schwarze Armada. Sie beherrschte die
Küste und die laichenden Fische. Als ihm eine Tochter ward, nannten die
Fischer das Mädchen Armida. Sie kannten den Namen nur so und dachten an
die Herrin der Meere.
Da kam das Verhängnis von Westen. Netze und Fischer und Skyölen mit Frau
verschlangen die Tiefen.
Und von der Armada blieb nur Armida.
Schornsteinfeger sind schwarz.
Bäcker sind weiß. Ich sage, was
vom Meere kommt, ist tückisch und
bewegt.
Mit dem Gold und dem Traum nach der Ferne wuchs sie dann groß. Schön wie
das Meer und verschlagen wie dieses. Und ewig bewegt. Sich selbst
überlassen, wurde sie der Heimat fremd. In Greifswald war sie im
Pensionat und hörte Vorlesungen dortselbst, lebte in Heidelberg und
studierte ein Semester Jura, ein anderes Philosophie, zwei weitere
Theologie, im fünften Medizin. Das lockte sie. War zwei Monate lang in
München, studierte Kunstgeschichte, besuchte die Pinakotheken und die
Ausstellungen, blieb am Rembrandt haften und gewann Böcklin lieb. Ließ
alles im Stich und warf sich auf die Plastik und die Glyptothek erhielt
ihren Besuch fünf Monate. Am Tag in den Galerien, des Nachts im Café.
Abends im Theater und morgens verließ sie irgendeine Bude nach einer
wüst durchzechten Nacht. Sie lockte Menschen, umkoste sie und verschlang
sie mit tückischer Tiefe. Der Taumel küßte sie und Armida jagte die
Begierde. Sie war stürmisch und kühl und sie wußte: das Meer wuchs in
ihr. Fuhr in die Berge und stieg mit den Gemsen um die Wette. Holte
Edelweiß von den zerbröckelten Wänden und mit Lächeln im Blick erzählte
sie vom Locken der Tiefe. Hatte nur zweierlei Freunde: denen sie Geld
abnahm, denen sie Geld gab, und gegen beide war sie maßlos. Sie wußte,
in ihr gab es eine Ebbe, eine Flut, einen ruhigen Abgrund und eine
stürmische Brandung mit Gischt und mit donnerndem Wirbel. Das Meer wuchs
in ihr und sie wuchs mit dem Meere.
Da fand ihr Wesen den Damm und sie fühlte, daß es auch Menschen gab, die
fern von dem Einfluß der anderen sind. Sie traf in Berlin auf Molo
Seraph, und hier brachen sich die Fluten ihres wogenden Wesens. Er war
ihr der Damm und die Schleuse: Er lenkte sie weiter in gebändigtem Fluß.
Dann wurde sie mürrisch und trübe. Doktor Seraph folgte der geregelten
Bewegung, aber ihm grauste vor der schlingenden Tiefe.
... Sie war wie das Meer mit der steten Bewegung, mit Tang und mit
Schlick und weiter Gebärde. Sie war wie die Sehnsucht voll zuckender
Bilder, sie war wie der Abend voll dämmerndem Gram, sie war wie ein Fest
voll glänzender Freude. Sie war wie die Zeit voll fiebernder Eile.