Die Gewohnheit macht selbst mit
dem Tode vertraut.
Um zwei in der Nacht stand ein zitternder Wagen am Krankenhaus in Briez.
Armida zog einen Schlüsselbund aus ihrem „Ridicule“ und öffnete ein
Seitenpförtchen. Jappes schritt hinter ihr auf einem schmalen Pfad, der
mit Steinfliesen gepflastert war. Eine doppelte Zierbaumhecke stach in
schwarzen Linien vom matten Boden ab. Ein müder Wind führte einen
dumpf-süßen Bromgeruch mit sich. Eine Jodwelle löste ihn ab. An einem
schmalen Gitterfenster lehnte eine Krankenschwester. Dann verschluckte
das Haus die späten Wanderer. Schwere Bastläufer dämpften die Schritte
und geleiteten Armida und ihren Begleiter die Stiegen hinan. An einer
weißen Türe standen sie still. Sie klopften. Und die Tür wich ihnen aus.
Sie traten in einen weißen Saal und ein Mann in weißer Litewka stellte
sich vor: „Doktor Seraph.“ Armida sagte: „Molo.“ Dann kam ein Gruß mit
den Lippen.
Tische des Ekels und Tische voll röchelnder Schmerzen. Leichentische,
Operations- und Seziertische. In einer Ecke ein Laparotomietisch mit
Zinkplatte und weißem Emailleanstrich: Apparate für Narkose:
Chloroformmasken mit Rinne und Netz. Flaschen aus braunem Glas mit
federndem Verschluß. Aethermasken mit Bügeln und Stoffüberzügen und
sechsfacher Gazeschicht. Doktor Seraph hielt einen Apparat zur lokalen
Anästhesie in der Hand. Eine Tube mit Aethylchlorid und ein
Doppelgebläse.
In einer Desinfektionsschale Scalpelle und Sticheltrephinen.
Lupuslöffel, Curetten und Acupuncturnadeln, Pinzetten und Zangen und
Bistouris. Messer und Schere und Spatel.
Doktor Seraph sprach gedämpft, als wolle er die Tote nicht wecken, die
auf dem Leichentisch lag. Ihr Fleisch war grünlich gelb. Er nahm einen
Block mit Notizen und trat zu der Toten.
Milchdrüsenkrebs. Ein Ulcus mit torpidem Charakter. Die Sekretion des
Geschwürs serös, jauchig und stinkend. Die Jauche enthielt nekrotische
Gewebspartien. Parenchymatöse Blutungen hatten die Kräfte erschöpft. Die
Lymphdrüsen am Hals waren affiziert und verschlechterten die Prognose.
Die Frau war mager und schwach. Wir halfen mit Opiaten nach. Sie schlief
und vergaß ihre Schmerzen. Wir fürchteten, sie würde durch die
Ulceration und infolge der häufigen Blutungen an Anämie sterben, aber
die metastatische Geschwulst entwickelte sich rasch. Wegen Recidivs war
sie zweimal operiert, und infiltrierte Lymphdrüsen waren exstirpiert
worden; ein operativer Eingriff konnte sie nicht mehr retten.
Jappes bemerkte: „Man pflegt die Therapie der carcinomatösen Dyskrasie
als die ‚Partie honteuse‘ der Medizin und Chirurgie zu bezeichnen.“
„Ja,“ antwortete Doktor Seraph: „Einwandfreie Heilungen sind selten. Es
gibt noch heute kein Medikament und auch keine wirksame Art von Diätetik
gegen Carcinosis. Deshalb grassieren die Scharlatane und Kurpfuscher,
die das Gebreste durch besondere Arcana zu heilen wähnen. Die Aetiologie
der Krebskrankheit gibt leider für die Therapie keinen Anhaltspunkt. Wir
können nicht feststellen, weshalb die Tumoren so infektiös sind. Ein
Spezifikum für Carcinosis gibt es nicht, wenn man auch mit der
Condurangorinde und der Guackotinktur den Glauben der Patienten
zeitweise auffrischt.“
„Ermüde dich nicht, Molo,“ bat Armida, „unser junger Freund ist noch
nicht übers Physikum hinaus. Er wird noch Gelegenheit haben, die
chirurgische Pathologie und Therapie zu hören.“
Doktor Seraph fuhr belehrend fort: „Die Therapie beschränkt sich auf
eine indirekte innere Behandlung, ich sage indirekt, weil sie keine
direkten Angriffspunkte findet. Gegen Anämie gibt man Eisen oder Chinin.
Amarra zur Unterstützung der Verdauung. Das wirksamste der wenig
wirksamen Mittel ist das von alters her angewandte Arsenik. Wenn es die
Krankheit auch nicht zu heilen vermag, so verzögert sich doch der
Verlauf und schiebt den Tod hinaus.“
„Kann man sich etwas von den Heilquellen erwarten?“ fragte Jappes mit
lebhaftem Interesse.
Der Arzt: „Eher im Gegenteil! Die stark angreifenden Brunnen von Aachen,
Wiesbaden, Kreuznach und andere, sind eher schädlich. Die indifferenten
Thermen jedoch, wie Ems und Gastein können gegen andere Uebel gebraucht
werden, wenn der Patient carcinomös veranlagt ist. Sie fördern das
Wachstum der krebsigen Geschwulst nicht, der operative Eingriff und die
Narkose sind die einzigen Mittel, den Krebskranken das Leiden und den
Tod zu erleichtern.“ – Das sagte er mit einer unbeholfen-sachlichen
Ironie.
„Es gibt Aerzte, die prinzipiell keine Krebse operieren,“ füllte Jappes
die Pause.
„Die Operation mit dem Messer oder der Schere“, dozierte Seraph, „ist am
radikalsten und man hat eine Kontrolle, ob durch die blutige
Exstirpation die carcinomatöse Geschwulst beseitigt ist; weil aber in
der Regel Recidive auftreten, ist die Operation meist nur vom
physiologischen Standpunkt aus ein galanter Aderlaß ...“
Armida glättete sein ironisches Grinsen: „Komm, Freund Molo, die Nacht
ist schon weit, und du verlierst deine Kräfte in klinischer Prosa. Du
hast nicht nur für die Toten zu sorgen. Laß die gelehrten Reflexionen.
Töte den Krebs deiner müden Nächte durch die Narkose des Schlafes.“
Doch Jappes: „Eine plastische Operation kann man im Alter nicht machen
oder bei anämischen Patienten. Das wäre eine Kur nach Doktor Eisenbart.
Der Blutverlust wäre zu groß und die Qual würde jenseits des Acheron
enden.“
„Das wäre nicht das schlimmste,“ betonte Armida.
„Du sprichst recht,“ sagte die gelehrte Litewka: „Wo das Messer versagt
und die Schere, bleibt noch die quälende Aetzung. Die Idee hat etwas für
sich, weil kein Blut verloren geht und die ätzende Flüssigkeit bis in
die miterkrankten feinsten Lymphgefäße eindringt. So würde der örtliche
Krankheitsstoff zerstört. Doch nur im Prinzip! Die Erfahrung beweist,
daß das Gewebe, welches mit dem Aetzmittel in Berührung kommt, mit
demselben eine innige, feste Verbindung eingeht und das Aetzmittel
unwirksam macht. Auch dann noch treten Recidive auf und die Krankheit
beginnt von neuem. Erfolge hat man mit Chlorzink erzielt als Paste oder
als Aetzpfeil. Der Schmerz ist sehr heftig, den man nach der Aetzung
durch subcutane Morphiuminjektionen dämpfen kann. Die Geschwulst wird
ein mehliger Schorf.“
Doktor Seraph öffnete ein Schränkchen. – „Chlorgold und Antimonbutter
finden manchmal wirksam Verwendung. Von den Pasten Arsenik und die
Wiener Aetzpaste.“ Er reichte sie Jappes.
„Ist sie an Peritonitis gestorben?“ deutete Armida auf die Tote.
„Sie ist in Marasmus verfallen und ist mit starken Krämpfen in langem
Todeskampf verschieden.“
Jappes besah die Tote mit ihrer zerfetzten Brust. Sie lag mit
geschwollenen Lippen und gläsernem Blick. Aus ihrem Munde floß ein
bräunlicher Schleim. Ihn quälte die nächtliche Stille, die in
unbestimmten Intervallen von einem jammervoll-schmerzlichen Stöhnen
zerrissen wurde. Klänge wie gedämpfter Eulenruf, die in würgende Laute
verklangen ... Ihn quälte die tote Gestalt auf dem schreiend-nackten
Totengerüst. Vor den Fenstern lag die lauernde Nacht, und Wärter schoben
die verzerrten Leichen.
„Gegen den Tod kann man nicht prophylaktisch wirken, auch nicht
operativ,“ sagte Armida, „aber du könntest dich schonen, Molo, sonst
legt der knöcherne Mann dir bald die seltsame Schlinge.“ Sie grüßte ihn
kurz.
Armida und Jappes traten ins Dunkel. Von ferne krähte ein Hahn. „Es hat
wieder einer verleugnet,“ lachte Jappes und sprang zum Wagen. Am Steuer
lehnte der Chauffeur und gähnte dem Morgen entgegen.
Zwei Laternen fraßen die eilende Finsternis.
Jappes dachte an zwei seltsame Ringe, welche der Doktor an den Fingern
trug.