ACHTZEHNTES KAPITEL

Die Gewohnheit macht selbst mit

dem Tode vertraut.

Um zwei in der Nacht stand ein zitternder Wagen am Krankenhaus in Briez.

Armida zog einen Schlüsselbund aus ihrem „Ridicule“ und öffnete ein

Seitenpförtchen. Jappes schritt hinter ihr auf einem schmalen Pfad, der

mit Steinfliesen gepflastert war. Eine doppelte Zierbaumhecke stach in

schwarzen Linien vom matten Boden ab. Ein müder Wind führte einen

dumpf-süßen Bromgeruch mit sich. Eine Jodwelle löste ihn ab. An einem

schmalen Gitterfenster lehnte eine Krankenschwester. Dann verschluckte

das Haus die späten Wanderer. Schwere Bastläufer dämpften die Schritte

und geleiteten Armida und ihren Begleiter die Stiegen hinan. An einer

weißen Türe standen sie still. Sie klopften. Und die Tür wich ihnen aus.

Sie traten in einen weißen Saal und ein Mann in weißer Litewka stellte

sich vor: „Doktor Seraph.“ Armida sagte: „Molo.“ Dann kam ein Gruß mit

den Lippen.

Tische des Ekels und Tische voll röchelnder Schmerzen. Leichentische,

Operations- und Seziertische. In einer Ecke ein Laparotomietisch mit

Zinkplatte und weißem Emailleanstrich: Apparate für Narkose:

Chloroformmasken mit Rinne und Netz. Flaschen aus braunem Glas mit

federndem Verschluß. Aethermasken mit Bügeln und Stoffüberzügen und

sechsfacher Gazeschicht. Doktor Seraph hielt einen Apparat zur lokalen

Anästhesie in der Hand. Eine Tube mit Aethylchlorid und ein

Doppelgebläse.

In einer Desinfektionsschale Scalpelle und Sticheltrephinen.

Lupuslöffel, Curetten und Acupuncturnadeln, Pinzetten und Zangen und

Bistouris. Messer und Schere und Spatel.

Doktor Seraph sprach gedämpft, als wolle er die Tote nicht wecken, die

auf dem Leichentisch lag. Ihr Fleisch war grünlich gelb. Er nahm einen

Block mit Notizen und trat zu der Toten.

Milchdrüsenkrebs. Ein Ulcus mit torpidem Charakter. Die Sekretion des

Geschwürs serös, jauchig und stinkend. Die Jauche enthielt nekrotische

Gewebspartien. Parenchymatöse Blutungen hatten die Kräfte erschöpft. Die

Lymphdrüsen am Hals waren affiziert und verschlechterten die Prognose.

Die Frau war mager und schwach. Wir halfen mit Opiaten nach. Sie schlief

und vergaß ihre Schmerzen. Wir fürchteten, sie würde durch die

Ulceration und infolge der häufigen Blutungen an Anämie sterben, aber

die metastatische Geschwulst entwickelte sich rasch. Wegen Recidivs war

sie zweimal operiert, und infiltrierte Lymphdrüsen waren exstirpiert

worden; ein operativer Eingriff konnte sie nicht mehr retten.

Jappes bemerkte: „Man pflegt die Therapie der carcinomatösen Dyskrasie

als die ‚Partie honteuse‘ der Medizin und Chirurgie zu bezeichnen.“

„Ja,“ antwortete Doktor Seraph: „Einwandfreie Heilungen sind selten. Es

gibt noch heute kein Medikament und auch keine wirksame Art von Diätetik

gegen Carcinosis. Deshalb grassieren die Scharlatane und Kurpfuscher,

die das Gebreste durch besondere Arcana zu heilen wähnen. Die Aetiologie

der Krebskrankheit gibt leider für die Therapie keinen Anhaltspunkt. Wir

können nicht feststellen, weshalb die Tumoren so infektiös sind. Ein

Spezifikum für Carcinosis gibt es nicht, wenn man auch mit der

Condurangorinde und der Guackotinktur den Glauben der Patienten

zeitweise auffrischt.“

„Ermüde dich nicht, Molo,“ bat Armida, „unser junger Freund ist noch

nicht übers Physikum hinaus. Er wird noch Gelegenheit haben, die

chirurgische Pathologie und Therapie zu hören.“

Doktor Seraph fuhr belehrend fort: „Die Therapie beschränkt sich auf

eine indirekte innere Behandlung, ich sage indirekt, weil sie keine

direkten Angriffspunkte findet. Gegen Anämie gibt man Eisen oder Chinin.

Amarra zur Unterstützung der Verdauung. Das wirksamste der wenig

wirksamen Mittel ist das von alters her angewandte Arsenik. Wenn es die

Krankheit auch nicht zu heilen vermag, so verzögert sich doch der

Verlauf und schiebt den Tod hinaus.“

„Kann man sich etwas von den Heilquellen erwarten?“ fragte Jappes mit

lebhaftem Interesse.

Der Arzt: „Eher im Gegenteil! Die stark angreifenden Brunnen von Aachen,

Wiesbaden, Kreuznach und andere, sind eher schädlich. Die indifferenten

Thermen jedoch, wie Ems und Gastein können gegen andere Uebel gebraucht

werden, wenn der Patient carcinomös veranlagt ist. Sie fördern das

Wachstum der krebsigen Geschwulst nicht, der operative Eingriff und die

Narkose sind die einzigen Mittel, den Krebskranken das Leiden und den

Tod zu erleichtern.“ – Das sagte er mit einer unbeholfen-sachlichen

Ironie.

„Es gibt Aerzte, die prinzipiell keine Krebse operieren,“ füllte Jappes

die Pause.

„Die Operation mit dem Messer oder der Schere“, dozierte Seraph, „ist am

radikalsten und man hat eine Kontrolle, ob durch die blutige

Exstirpation die carcinomatöse Geschwulst beseitigt ist; weil aber in

der Regel Recidive auftreten, ist die Operation meist nur vom

physiologischen Standpunkt aus ein galanter Aderlaß ...“

Armida glättete sein ironisches Grinsen: „Komm, Freund Molo, die Nacht

ist schon weit, und du verlierst deine Kräfte in klinischer Prosa. Du

hast nicht nur für die Toten zu sorgen. Laß die gelehrten Reflexionen.

Töte den Krebs deiner müden Nächte durch die Narkose des Schlafes.“

Doch Jappes: „Eine plastische Operation kann man im Alter nicht machen

oder bei anämischen Patienten. Das wäre eine Kur nach Doktor Eisenbart.

Der Blutverlust wäre zu groß und die Qual würde jenseits des Acheron

enden.“

„Das wäre nicht das schlimmste,“ betonte Armida.

„Du sprichst recht,“ sagte die gelehrte Litewka: „Wo das Messer versagt

und die Schere, bleibt noch die quälende Aetzung. Die Idee hat etwas für

sich, weil kein Blut verloren geht und die ätzende Flüssigkeit bis in

die miterkrankten feinsten Lymphgefäße eindringt. So würde der örtliche

Krankheitsstoff zerstört. Doch nur im Prinzip! Die Erfahrung beweist,

daß das Gewebe, welches mit dem Aetzmittel in Berührung kommt, mit

demselben eine innige, feste Verbindung eingeht und das Aetzmittel

unwirksam macht. Auch dann noch treten Recidive auf und die Krankheit

beginnt von neuem. Erfolge hat man mit Chlorzink erzielt als Paste oder

als Aetzpfeil. Der Schmerz ist sehr heftig, den man nach der Aetzung

durch subcutane Morphiuminjektionen dämpfen kann. Die Geschwulst wird

ein mehliger Schorf.“

Doktor Seraph öffnete ein Schränkchen. – „Chlorgold und Antimonbutter

finden manchmal wirksam Verwendung. Von den Pasten Arsenik und die

Wiener Aetzpaste.“ Er reichte sie Jappes.

„Ist sie an Peritonitis gestorben?“ deutete Armida auf die Tote.

„Sie ist in Marasmus verfallen und ist mit starken Krämpfen in langem

Todeskampf verschieden.“

Jappes besah die Tote mit ihrer zerfetzten Brust. Sie lag mit

geschwollenen Lippen und gläsernem Blick. Aus ihrem Munde floß ein

bräunlicher Schleim. Ihn quälte die nächtliche Stille, die in

unbestimmten Intervallen von einem jammervoll-schmerzlichen Stöhnen

zerrissen wurde. Klänge wie gedämpfter Eulenruf, die in würgende Laute

verklangen ... Ihn quälte die tote Gestalt auf dem schreiend-nackten

Totengerüst. Vor den Fenstern lag die lauernde Nacht, und Wärter schoben

die verzerrten Leichen.

„Gegen den Tod kann man nicht prophylaktisch wirken, auch nicht

operativ,“ sagte Armida, „aber du könntest dich schonen, Molo, sonst

legt der knöcherne Mann dir bald die seltsame Schlinge.“ Sie grüßte ihn

kurz.

Armida und Jappes traten ins Dunkel. Von ferne krähte ein Hahn. „Es hat

wieder einer verleugnet,“ lachte Jappes und sprang zum Wagen. Am Steuer

lehnte der Chauffeur und gähnte dem Morgen entgegen.

Zwei Laternen fraßen die eilende Finsternis.

Jappes dachte an zwei seltsame Ringe, welche der Doktor an den Fingern

trug.

Fetzen · 第 37 / 82 题