Die Könige und Hanswürste tragen
nicht umsonst einen Purpurmantel.
Sie saßen im Wintergarten und die Berliner weideten ihre Augen an den
Schnörkeln einer tanzenden Korpulenz. Lüsterne Blicke hafteten an der
flaumigen Corsage und im Taumel rissen sie die Fetzen vom wirbelnden
Fleisch. Armida saß wie eine Königin. Um die Schultern ein brokatener
Shawl, ein funkelndes Diadem umlohte ihre weiche Frisur. Ihre Hand war
ohne Ringe und ihre Nägel rosig angehaucht wie Taubenfüße. Der prangende
Raum erzuckte im erotischen Taumel. Die Tänzerin wagte eine groteske
Spirale und die Musik erstarb in einem glühend-weichen Seufzer. Jappes
blies eine feine Three Castle in einen blühenden Akanthus, machte eine
Drehung und tippte Armida auf die Nägel. „Onglissa! Die Krallen sind
scharf und passen zur Musik – so erkünstelt –“
„Du sollst die Krallen einer Dame nicht höhnen. Die Ehre einer
Damenbegleitung weißt du nicht zu würdigen. Sieh, wie der Clown auf der
Bühne seine Dame graziös umtänzelt.“
„Verzeih, Liebling!“ bemerkte Jappes und feixte, „beides ist mir
furchtbar gleichgültig: Sowohl der Gegenstand auf der Bühne als der
Gegenstand meiner Begleitung. Wenn ich manchmal ein Gefühlchen hinüber
äußere, ist es nur die Routine des Angeborenen. Jappes ist sehr weit von
der Sache.“
– Hast du uns sonst nichts anzuvertrauen? baten zwei zitternde Löckchen,
die sich aus der Umklammerung des Haarreifs gerettet hatten. – Hast du
uns sonst nichts anzuvertrauen? baten zwei schattige Brauen, die um den
See zweier blauer Augen wuchsen. –
Jappes schneuzte sich geräuschvoll. Einer eingedorrten Dame mit
schlanker Turbanfrisur lief ein kalter Schauer über den dürren Rücken
und ein verachtender Blick krallte sich in seine zwinkernden Augen. Er
hüllte das Produkt seiner Anstrengung in das Linnen und wandte sich an
Armida: „Verzeih, Liebling! manchmal muß man Rücksicht auf sich nehmen
und die angehäuften Unannehmlichkeiten wegräumen. Die Dame ist eine von
den weichen, die aus der Not keine Tugend zu machen wissen. Ueberhaupt
will dieses späte Mädchen hier im freiesten Lokal seine Konservenbüchse
der Erziehung öffnen! Eine alte Jungfer kann nicht so leicht mit der
Vergangenheit brechen, weil sie nie in der Gegenwart gelebt hat.“
„Freiheit und Anstand sind blutsverwandte Begriffe und zieren jeden, der
sich ihrer zu bedienen weiß. Dein Spruch ist: zurück zur Natur. Es gibt
auch viel Natürliches, was häßlich ist –“
„Gewiß, meine Gnädigste,“ – trank ein Glas Wasser leer – „auf Ihr Wohl.
Das macht frisch im Kopf, es ist nichts schwieriger als gute Einfälle
haben. Um ehrbare Leute zu belästigen, bedarf es keines besonderen
Talentes. Man braucht nur ein Organ dazu. Liebling, die Menschen sind
komische Leute.“
Pause.
Polichinell sang auf der Bühne ein schleimiges Couplet. Er sah gar
komisch aus in seinem gewürfelten Pierrot und in seiner umgestülpten
Stranitzenkegelmütze. Ein buntes Mädchen fingerte eine quietschende
Melodie am Flügel und um ihren Mund war ein Lächeln gemalt. Der
Hanswurst sang:
„Wer Arbeit kennt und sich nicht drückt,
der ist verrückt.“
Dabei machte er schweißtriefende Sprünge und klapperte seine Armut über
die Bretter. Jappes rümpfte die Nase: „Wenn der Tintenfisch in Gefahr
ist, quetscht er seine Tintenblase leer und die Feinde sehen ihn nicht
mehr.“ Die Dürre wurde durch die Worte in ihrer Andacht gestört und die
Wut zog ihre Lippen zum Strich. „So ist sie sehr appetitlich, dachte
Jappes, alte Schote, dein olympischer Frühling ist vorbei!“ Am Applaus
merkte der Komiker, daß er gefallen hatte. Jappes war aufgebracht, weil
die knöcherne Dame ihm so viel vorwurfsvolle Aufmerksamkeit schenkte:
„Kannst du Runen lesen, meine Teuerste?“ fragte er Armida.
„Das hängt davon ab, wo sie geschrieben sind.“
„Versuch es einmal in dieser ledernen Visage,“ bat Jappes, „kannst du
nicht lesen, daß die Jungfer lebhaft bedauert, daß in ihrer Jugend
niemand sie um ihre Unschuld begaunert hat.“
„Du sollst nicht so viel von Unschuld reden,“ gab Armida zurück, „du
magst das Wesen des Clowns auf der Bühne nicht leiden und doch liebst du
es, selbst frech und lächerlich zu scheinen. Ich kann dein Wesen
verstehen, weil ich weiß, daß auch der Clown ein ernstes Wesen birgt.
Darum soll nichts dir zum Vorwurf gelten. Wir gehen, heute abend haben
wir noch Wichtiges vor und die Zeit geht auf zwölf.“ Sie bezahlte die
Zeche und Jappes tat, als ob er an einer Seite gelähmt sei: „Hol mir
meinen Mantel, mein Lieb, ich liebe es, wenn du mich bedienst.“ Armida
gehorchte.
„Geh vor mir her,“ – befahl sie auf der Straße – „es könnte uns lästig
werden, zu zweien zu gehen.“
„Du könntest vielleicht auch eine neue Bekanntschaft wünschen.“
Zehn Schritt hinter ihm trippelte Armida. Sie trank den Rhythmus seiner
Bewegungen und ihre Seele erbebte: Jappes ist Harmonie! Aber er wußte
nichts von ihren Gedanken.
Die organische Funktionentheorie
ist das Schoßhündchen der
Psychologen – ist aber nicht immer
stubenrein.
Armida wechselte ihre Wohnung zweimal in achtundvierzig Stunden. Ihre
Kleider jede dritte Stunde und ihr Wesen war ein stetes
Uebergangsstadium. Jappes versicherte sie: Er könne sich nie an diese
Eigenarten gewöhnen, wenn nicht seine zarte Ritterlichkeit ihm die Kraft
verleihe, das Ritual der Mode ihrer Gewohnheiten nachzubeten. Er nannte
Armida bald Zierstengelchen, bald Seidenäffchen, bald Leckerchen. Er
fand immer etwas Süßes, Rauschendes, sagte es aber so kühl, daß alle
Wirkung dabei in die Brüche ging. Er sagte: „Sternchen, ich liebe es,
tote Kinder des Geistes zu gebären, denn für die Geburtshilfe braucht
man den Fötus und für den Spiritus braucht man Verwendung. Meine
Gedanken saugen sich groß am Nabelstrang der Phantasie und der geistige
Trödelkram muß zum Lumpensammler kommen.“ Armida ließ ihn reden, sie
horchte nur der Melodie und der Text war ihr Luft. Und so gefiel es
beiden.
Ein Kraftwagen nahm beide in seine Arme und brachte sie schnaufend zum
Stettiner Hof. Sie fanden ein Telegramm vor:
Armida Grand Prix, Dresdener Bank
Tausend hundert und zwanzig fünf.
Calvandi.
„Ein Codetelegramm?“ fragte Jappes.
„Eigentlich ist Calvandi nur ein Codewort,“ erklärte Armida, „und dann
mein Name. Das andere sind angenehme Ziffern.“ Zwei Ohren spreizten sich
neugierig. – Der bunte Bettschirm sah, daß ein braunes Kleid über einen
weißen Mädchenkörper gestülpt wurde, und er zitterte beim Gedanken an
doppelte Szenen seiner wachen Nächte in Treue.
Von einem Turm fiel ein Glockenschlag in die Nacht. Eins!