SIEBENZEHNTES KAPITEL

Die Könige und Hanswürste tragen

nicht umsonst einen Purpurmantel.

Sie saßen im Wintergarten und die Berliner weideten ihre Augen an den

Schnörkeln einer tanzenden Korpulenz. Lüsterne Blicke hafteten an der

flaumigen Corsage und im Taumel rissen sie die Fetzen vom wirbelnden

Fleisch. Armida saß wie eine Königin. Um die Schultern ein brokatener

Shawl, ein funkelndes Diadem umlohte ihre weiche Frisur. Ihre Hand war

ohne Ringe und ihre Nägel rosig angehaucht wie Taubenfüße. Der prangende

Raum erzuckte im erotischen Taumel. Die Tänzerin wagte eine groteske

Spirale und die Musik erstarb in einem glühend-weichen Seufzer. Jappes

blies eine feine Three Castle in einen blühenden Akanthus, machte eine

Drehung und tippte Armida auf die Nägel. „Onglissa! Die Krallen sind

scharf und passen zur Musik – so erkünstelt –“

„Du sollst die Krallen einer Dame nicht höhnen. Die Ehre einer

Damenbegleitung weißt du nicht zu würdigen. Sieh, wie der Clown auf der

Bühne seine Dame graziös umtänzelt.“

„Verzeih, Liebling!“ bemerkte Jappes und feixte, „beides ist mir

furchtbar gleichgültig: Sowohl der Gegenstand auf der Bühne als der

Gegenstand meiner Begleitung. Wenn ich manchmal ein Gefühlchen hinüber

äußere, ist es nur die Routine des Angeborenen. Jappes ist sehr weit von

der Sache.“

– Hast du uns sonst nichts anzuvertrauen? baten zwei zitternde Löckchen,

die sich aus der Umklammerung des Haarreifs gerettet hatten. – Hast du

uns sonst nichts anzuvertrauen? baten zwei schattige Brauen, die um den

See zweier blauer Augen wuchsen. –

Jappes schneuzte sich geräuschvoll. Einer eingedorrten Dame mit

schlanker Turbanfrisur lief ein kalter Schauer über den dürren Rücken

und ein verachtender Blick krallte sich in seine zwinkernden Augen. Er

hüllte das Produkt seiner Anstrengung in das Linnen und wandte sich an

Armida: „Verzeih, Liebling! manchmal muß man Rücksicht auf sich nehmen

und die angehäuften Unannehmlichkeiten wegräumen. Die Dame ist eine von

den weichen, die aus der Not keine Tugend zu machen wissen. Ueberhaupt

will dieses späte Mädchen hier im freiesten Lokal seine Konservenbüchse

der Erziehung öffnen! Eine alte Jungfer kann nicht so leicht mit der

Vergangenheit brechen, weil sie nie in der Gegenwart gelebt hat.“

„Freiheit und Anstand sind blutsverwandte Begriffe und zieren jeden, der

sich ihrer zu bedienen weiß. Dein Spruch ist: zurück zur Natur. Es gibt

auch viel Natürliches, was häßlich ist –“

„Gewiß, meine Gnädigste,“ – trank ein Glas Wasser leer – „auf Ihr Wohl.

Das macht frisch im Kopf, es ist nichts schwieriger als gute Einfälle

haben. Um ehrbare Leute zu belästigen, bedarf es keines besonderen

Talentes. Man braucht nur ein Organ dazu. Liebling, die Menschen sind

komische Leute.“

Pause.

Polichinell sang auf der Bühne ein schleimiges Couplet. Er sah gar

komisch aus in seinem gewürfelten Pierrot und in seiner umgestülpten

Stranitzenkegelmütze. Ein buntes Mädchen fingerte eine quietschende

Melodie am Flügel und um ihren Mund war ein Lächeln gemalt. Der

Hanswurst sang:

„Wer Arbeit kennt und sich nicht drückt,

der ist verrückt.“

Dabei machte er schweißtriefende Sprünge und klapperte seine Armut über

die Bretter. Jappes rümpfte die Nase: „Wenn der Tintenfisch in Gefahr

ist, quetscht er seine Tintenblase leer und die Feinde sehen ihn nicht

mehr.“ Die Dürre wurde durch die Worte in ihrer Andacht gestört und die

Wut zog ihre Lippen zum Strich. „So ist sie sehr appetitlich, dachte

Jappes, alte Schote, dein olympischer Frühling ist vorbei!“ Am Applaus

merkte der Komiker, daß er gefallen hatte. Jappes war aufgebracht, weil

die knöcherne Dame ihm so viel vorwurfsvolle Aufmerksamkeit schenkte:

„Kannst du Runen lesen, meine Teuerste?“ fragte er Armida.

„Das hängt davon ab, wo sie geschrieben sind.“

„Versuch es einmal in dieser ledernen Visage,“ bat Jappes, „kannst du

nicht lesen, daß die Jungfer lebhaft bedauert, daß in ihrer Jugend

niemand sie um ihre Unschuld begaunert hat.“

„Du sollst nicht so viel von Unschuld reden,“ gab Armida zurück, „du

magst das Wesen des Clowns auf der Bühne nicht leiden und doch liebst du

es, selbst frech und lächerlich zu scheinen. Ich kann dein Wesen

verstehen, weil ich weiß, daß auch der Clown ein ernstes Wesen birgt.

Darum soll nichts dir zum Vorwurf gelten. Wir gehen, heute abend haben

wir noch Wichtiges vor und die Zeit geht auf zwölf.“ Sie bezahlte die

Zeche und Jappes tat, als ob er an einer Seite gelähmt sei: „Hol mir

meinen Mantel, mein Lieb, ich liebe es, wenn du mich bedienst.“ Armida

gehorchte.

„Geh vor mir her,“ – befahl sie auf der Straße – „es könnte uns lästig

werden, zu zweien zu gehen.“

„Du könntest vielleicht auch eine neue Bekanntschaft wünschen.“

Zehn Schritt hinter ihm trippelte Armida. Sie trank den Rhythmus seiner

Bewegungen und ihre Seele erbebte: Jappes ist Harmonie! Aber er wußte

nichts von ihren Gedanken.

Die organische Funktionentheorie

ist das Schoßhündchen der

Psychologen – ist aber nicht immer

stubenrein.

Armida wechselte ihre Wohnung zweimal in achtundvierzig Stunden. Ihre

Kleider jede dritte Stunde und ihr Wesen war ein stetes

Uebergangsstadium. Jappes versicherte sie: Er könne sich nie an diese

Eigenarten gewöhnen, wenn nicht seine zarte Ritterlichkeit ihm die Kraft

verleihe, das Ritual der Mode ihrer Gewohnheiten nachzubeten. Er nannte

Armida bald Zierstengelchen, bald Seidenäffchen, bald Leckerchen. Er

fand immer etwas Süßes, Rauschendes, sagte es aber so kühl, daß alle

Wirkung dabei in die Brüche ging. Er sagte: „Sternchen, ich liebe es,

tote Kinder des Geistes zu gebären, denn für die Geburtshilfe braucht

man den Fötus und für den Spiritus braucht man Verwendung. Meine

Gedanken saugen sich groß am Nabelstrang der Phantasie und der geistige

Trödelkram muß zum Lumpensammler kommen.“ Armida ließ ihn reden, sie

horchte nur der Melodie und der Text war ihr Luft. Und so gefiel es

beiden.

Ein Kraftwagen nahm beide in seine Arme und brachte sie schnaufend zum

Stettiner Hof. Sie fanden ein Telegramm vor:

Armida Grand Prix, Dresdener Bank

Tausend hundert und zwanzig fünf.

Calvandi.

„Ein Codetelegramm?“ fragte Jappes.

„Eigentlich ist Calvandi nur ein Codewort,“ erklärte Armida, „und dann

mein Name. Das andere sind angenehme Ziffern.“ Zwei Ohren spreizten sich

neugierig. – Der bunte Bettschirm sah, daß ein braunes Kleid über einen

weißen Mädchenkörper gestülpt wurde, und er zitterte beim Gedanken an

doppelte Szenen seiner wachen Nächte in Treue.

Von einem Turm fiel ein Glockenschlag in die Nacht. Eins!

Fetzen · 第 36 / 82 题