ZEHNTES KAPITEL

Die Kunst bleibt rein, selbst wenn

sie vom Pöbel beschmutzt wird.

Jappes führte Pepy aus. Beide in hoher Wichs. Er unterhielt und war

galant. Lässig schlenderte er mit ihr in den Wandelgängen. „Ja, Pepy,

wer ins Theater geht, sollte alle seine Sorgen in der Garderobe ablegen

können. Eine Oper soll man eigentlich genießen wie ein türkisches Bad:

den Zauber wohlig-prickelnd über sich ergehen lassen und dabei mit der

Nacktheit seiner Gefühle allein sein. Die Oper will ich durchaus nicht

mit einem türkischen Bade vergleichen. Nein!“ Pepy zerknitterte das

Programm in ihren Händen: „Jappes, du bist wieder toll!“

„Kleine, liebe Puppe,“ fuhr Jappes fort, „ich habe den Hang zum

Raffinierten und das viele wimmelnde Fleisch reizt mich. Dann könnte ich

eine Dummheit begehen, irgendeine Mastdame anrempeln und sie in den

großen Wandspiegel bugsieren. Die Lorgnetten machen mich nervös und ich

verspüre Lust, eine Dame in der Abendtoilette in die Schulter zu beißen.

Pepy, hier dürfen wir nicht oft herein, wenn du keinen Skandal aushalten

kannst. Schau den Dickwanst drüben! Die Verblüffung über seinen

plötzlichen Reichtum ist nicht mehr aus seinen Zügen gewichen und nun

geht er mit seinen plattfüßigen Metzgergefühlen eine Oper genießen.

Genußmenschen à hundertfünfzig Kilogramm Lebendgewicht. Da, der Kerl,

sieht aus wie ein geschundenes Gerippe, ein Kopf wie eine Blase, und

halluziniert der Kokotte, die neben ihm geht, die schlotterndsten

Liebesgefühle. Aber wahrlich, das Weib ist wie aus Milch und Rosenduft

und schön wie eine Sünde. Das Gefunkel der Geschmeide macht mich

verrückt. Pepy, fühlst du dich wohl in diesem Massengeflunker?“

„Du bist wirklich lächerlich, es ist doch nett.“

„Nein! ich amüsiere mich, wie köstlich! das reinste Panoptikum.

Korsettstramme Offizierlichkeiten, mit besäbelter Sicherheit im

Auftreten, vierdimensionale Damen, in ihren Zügen das flache Bedauern,

daß ihr Schoßhund fehlt. Junge flirtende Holdseligkeiten mit

halbgezwungen-flötender Drehung zu ihrem Manne gewandt. Ihr Mann, eine

selig-sichere Kotillon-Erinnerung. Rauschende Seidenpuppen durchlauern

die Gruppen, ziehen die Blicke auseinander und mustern, mustern. Und die

Männer sehen dasselbe ins Weibliche übersetzt, vielleicht zäher,

sicherer, brünstiger. Die Männer sind stärker, sicherer, zugeknöpfter!“

„Die Männer sind nicht alle wie du, komm, du machst wirklich noch einen

Alarm.“

„Ich sehe den Wind,“ entgegnete Jappes; „die Leute würden mich nie

langweilen, nicht einmal, wenn sie im Negligé wären. Ich weiß, wie sie

sind, und was sie nicht sind. Die hier alle sind verblassend wenig, weil

sie etwas zeigen oder etwas sehen wollen. Den Leuten steht die Form

ihrer Nachttöpfe auf der Nase geschrieben. Ich wollte, ich hätte keine

Nase.“

Fetzen · 第 21 / 82 题