Die Kunst bleibt rein, selbst wenn
sie vom Pöbel beschmutzt wird.
Jappes führte Pepy aus. Beide in hoher Wichs. Er unterhielt und war
galant. Lässig schlenderte er mit ihr in den Wandelgängen. „Ja, Pepy,
wer ins Theater geht, sollte alle seine Sorgen in der Garderobe ablegen
können. Eine Oper soll man eigentlich genießen wie ein türkisches Bad:
den Zauber wohlig-prickelnd über sich ergehen lassen und dabei mit der
Nacktheit seiner Gefühle allein sein. Die Oper will ich durchaus nicht
mit einem türkischen Bade vergleichen. Nein!“ Pepy zerknitterte das
Programm in ihren Händen: „Jappes, du bist wieder toll!“
„Kleine, liebe Puppe,“ fuhr Jappes fort, „ich habe den Hang zum
Raffinierten und das viele wimmelnde Fleisch reizt mich. Dann könnte ich
eine Dummheit begehen, irgendeine Mastdame anrempeln und sie in den
großen Wandspiegel bugsieren. Die Lorgnetten machen mich nervös und ich
verspüre Lust, eine Dame in der Abendtoilette in die Schulter zu beißen.
Pepy, hier dürfen wir nicht oft herein, wenn du keinen Skandal aushalten
kannst. Schau den Dickwanst drüben! Die Verblüffung über seinen
plötzlichen Reichtum ist nicht mehr aus seinen Zügen gewichen und nun
geht er mit seinen plattfüßigen Metzgergefühlen eine Oper genießen.
Genußmenschen à hundertfünfzig Kilogramm Lebendgewicht. Da, der Kerl,
sieht aus wie ein geschundenes Gerippe, ein Kopf wie eine Blase, und
halluziniert der Kokotte, die neben ihm geht, die schlotterndsten
Liebesgefühle. Aber wahrlich, das Weib ist wie aus Milch und Rosenduft
und schön wie eine Sünde. Das Gefunkel der Geschmeide macht mich
verrückt. Pepy, fühlst du dich wohl in diesem Massengeflunker?“
„Du bist wirklich lächerlich, es ist doch nett.“
„Nein! ich amüsiere mich, wie köstlich! das reinste Panoptikum.
Korsettstramme Offizierlichkeiten, mit besäbelter Sicherheit im
Auftreten, vierdimensionale Damen, in ihren Zügen das flache Bedauern,
daß ihr Schoßhund fehlt. Junge flirtende Holdseligkeiten mit
halbgezwungen-flötender Drehung zu ihrem Manne gewandt. Ihr Mann, eine
selig-sichere Kotillon-Erinnerung. Rauschende Seidenpuppen durchlauern
die Gruppen, ziehen die Blicke auseinander und mustern, mustern. Und die
Männer sehen dasselbe ins Weibliche übersetzt, vielleicht zäher,
sicherer, brünstiger. Die Männer sind stärker, sicherer, zugeknöpfter!“
„Die Männer sind nicht alle wie du, komm, du machst wirklich noch einen
Alarm.“
„Ich sehe den Wind,“ entgegnete Jappes; „die Leute würden mich nie
langweilen, nicht einmal, wenn sie im Negligé wären. Ich weiß, wie sie
sind, und was sie nicht sind. Die hier alle sind verblassend wenig, weil
sie etwas zeigen oder etwas sehen wollen. Den Leuten steht die Form
ihrer Nachttöpfe auf der Nase geschrieben. Ich wollte, ich hätte keine
Nase.“