Die Professoren sind Seifenblasen,
die meistens durch ihren eigenen
Wind platzen.
Die Sonne warf einen gelben Klecks an die Tapete. Wagen fuhren über die
Straße mit Hüh und Hott. Die Wirtin stellte den Kaffee auf den
Nachttisch und Jappes tat, als schliefe er noch. Er war ärgerlich und
die Langeweile durchzog seine Seele mit grauen Fäden. Er wollte etwas
erleben, was Neues hören. Rekelte sich aus dem Schlaf und warf sich in
die Kleider. Der Postbote brachte einen Brief von der Mutter. Jappes
legte ihn auf den Tisch und quälte sich, was wohl drin stehe.
Ging fort und ließ den Brief ungeöffnet.
Tagsüber war er an der Universität und schlürfte das Manna des Wissens
am Busen der Alma Mater. Lutschte sich stundenlang müde am ledernen
Lutschbeutel verbissener Pedanten, ließ sich anöden vom faden
Aesthetengeflunker, horchte der einschläfernden Musik verkrüppelter
Humanitätsduselei, hörte subjektive Anschauungen über objektive
Rhetorik, trieb im seichten Fahrwasser der sturmlosen Logik, geriet in
die Strömung lyrischer Ergüsse und lauschte dem Gesäusel romantischer
Seiltänzer. Und die Abwechslung reizte seinen Appetit, von allen Bissen
zu essen, die auf den Schanktischen der Universität angeboten wurden,
hörte, daß Moral keine Tugend sei, stocherte im geistigen
Riesenmüllkasten und fand nebst abgenagten Knochen die Asche der guten
Gedanken, ohne etwas vom Feuer der Kohle zu merken. An dieser Brutstätte
großer Gedanken gewahrte er, daß das Gefieder der Vögel buntschillernd
gespreizt war, daß die Vögel aber lauter faule Eier legten. Fand, daß
das Schönste das Getrampel war, das die Dozenten sich in der
akademischen Stunde ergreint hatten, zerbrach sich den Kopf darüber, wie
die Studenten die Rezepte der Weisheit nachschreiben konnten, statt
gegen den hirnzerschlitzenden Blödsinn Front zu machen, der dort
verzapft wurde. Die Professoren rieben sich gegenseitig aneinander, um
sich von den eigenen Unsauberkeiten freizumachen. Um sieben verließ er
die letzte Vorlesung. Ein Dozent hatte über den Empirismus geredet: Eine
erkenntnistheoretische Richtung, die alle Erkenntnis aus der Erfahrung
ableitet. Für Jappes praktische Begriffe einer praktischen Lehre. Neben
dem reflektierenden und kritischen Empirismus gefiel ihm der naive am
besten. Die Hörer drängten zur Tür. Zwei Studenten diskutierten, ob John
Locke oder Francis Bacon die Ehre gebühre, als Begründer des Empirismus
anerkannt zu werden. Jappes mischte sich ein: „Ich bin dafür, Wilhelm
Wundt aus Neckarau in Baden die Ehre zu geben, weil er den naiven
Empirismus erfunden hat und ich bin Badenser!“
„Ein glänzender Kopf – Wilhelm Wundt,“ sagte der eine Student, und
Jappes dachte an Pomade.
Er verfolgte eine üppige Bluse, die in ein Speisehaus lenkte. Saß
vis-à-vis von ihr und sah sie auf und nieder wogen. Eine duftige
handgearbeitete Guipurespitze wehrte dem kühnsten Auge, zu den gewölbten
Eigentümlichkeiten des Mädchens zu dringen. Die Dame bestellte zwei
Menüs, schlang sie hinunter und unterhielt sich mit Jappes über ihre
Appetitlosigkeit. Er war sprachlos und kaute ein wieherndes Beefsteak à
la tartare hinunter. Zahlte und empfahl sich: „Gnädiges Fräulein, lieben
könnte ich Sie, aber nicht füttern.“ Und sie: „Reiten Sie angenehm mit
Ihrem Roßbeef!“
Aus einem Kaffeehaus floß das sacharinsüßliche Ariengesäusel einer
Streichkapelle. Das viktoriaschwangere Gebrüll eines Veteranenvereins
zitterte durch den Tabaksqualm eines säuerlichen Bierlokals. In den
Anlagen standen junge Astronomen, die sich mit dem Teleskop der Liebe in
die Augensterne ihrer Geliebten verirrten. Jappes eilte vorüber, er
hatte Sehnsucht nach dem Brief, der am Morgen von seiner Mutter gekommen
war.
Während er las, betete Reinette im Nebenzimmer ihr Liebesbrevier. Der
Mutter ging es gut, und Pepy schrieb: Ich hole Dich morgen um sieben Uhr
ab. Wir gehen in den Lohengrin. Es hat seine Bedeutung.
Es hat seine Bedeutung, las er zum zweitenmal.