ACHTES KAPITEL

Weil die Engel Gott gleich sein

wollten, versuchten sie Menschen

zu erschaffen, brachten aber nur

uneheliche fertig.

Jappes saß auf dem Bett und rauchte eine Wertheim-Zigarre. Er dachte an

die Reisen des Alten. Mählich dämmerte ihm, wie die Literarhistoriker

behaupten konnten, Homer habe nicht gelebt. Er malte sich den epischen

Aufschneider in Kaftan und Fes mit brodelnder Pfeife. Nein! das war doch

unmöglich: Einer, der überhaupt nicht existiert, kann doch auch nichts

erzählt haben. Auf dem Flur schrillte die Klingel, Jappes horchte auf,

obwohl er niemand erwartete. Es ist eine sonderbare Erscheinung, daß

eine Klingel uns mit Blitzesschnelle aus unserer Gedankenwelt reißen

kann. Wir lassen die Reihe unserer Bekannten plötzlich vorbeidefilieren,

haben das Empfinden, als müsse etwas ganz Bestimmtes kommen, die

Empfindung verdichtet sich zur Vorstellung, – ein angstjammerndes

Telegramm, – eine himmelhochjauchzende Postanweisung – – – – nichts!

Alles ist still. Unsere Vorstellung assoziiert keine Phantasiebrocken

mehr. Und wenn der Vorwitz, das weibliche Organ unseres besseren Ich,

uns nicht zu sehr quält, erfahren wir nie, wer geklingelt hat. Es war

halt nichts für uns – und das ist unser Trost.

Aber es war etwas für Jappes: Das Pfandhausmädchen. Ein kleines, rundes

Ding, mit Anlagen zu zappeliger Fülle, harmonisch zusammengespielte

Details mit angenehmen Rundungen und sanften Uebergängen. Sie lachte ein

kleines, glückliches Lachen durch ihren Crêpeschleier und bebte, als

Jappes das „gnädige Fräulein“ empfing:

„Nennen Sie mich nicht gnädiges Fräulein,“ sagte sie untertänig, „ich

bin Ihnen zu sehr viel Dank verpflichtet, und ich will nicht, daß Sie

sich demütigen. Damals im Pfandhaus waren Sie so gut zu mir, und ohne

Sie hätte ich der Mutter den Kranz nicht kaufen können.“ Ihre Worte

wurden von Tränen erstickt. Brandrote Locken fielen über den Tisch, als

sie sich schluchzend nach vorne beugte. Sie weinte, bis sie ihrem Gemüt

Genüge getan hatte, und Jappes ging es nahe. Streichelnd hob er ihr

Köpfchen: „Armes, kleines Mädchen, mußt nicht heulen, ich bin ja bei

dir.“

„Ich bin so gefühlvoll,“ wimmerte sie.

„Das beweist eine gesunde Natur,“ erwiderte Jappes, „wie heißt du, komm,

sage mir? Ich will gut zu dir sein.“

Zwei große rotgeweinte Augen standen unter Wasser: „ich heiße ... meine

Freundin nennt mich eigentlich immer Pepy.“

„Mußt nicht weinen, Pepy,“ tröstete er, obwohl seine Augen selbst kaum

trocken blieben. Dann riß er sich zu seiner starken Natur zurück, wie

wir zu tun pflegen, wenn wir mit einem geliebten Wesen um einen Menschen

trauern, der uns beiden nahestand, und uns selbst die Rolle des Trösters

unserem Freunde gegenüber zufällt. Für Jappes war Trost ein Bedürfnis

schwacher Seelen. Er kannte zu wenig von dieser jungen Mädchenseele und

er schämte sich vor sich selbst, weil er mit abgedroschenen

Gemeinplätzen der Schulbank ein einsames Mädchen über den Tod seiner

Mutter hinwegtäuschen sollte. Die traurigen Empfindungen seiner eigenen

Seele hatte er niedergekämpft und seine Sprache hatte den Klang der

Unsicherheit: Die Saite des Mitleids darf im Trostakkord nicht fehlen.

Er sprach von der Unabänderlichkeit der ewigen Gesetze, von der

Vergänglichkeit alles Irdischen, vom Erwachen im Jenseits zum besseren

Sein, von der Erlösung von den Trieben und dunklen Gewalten. „Die Glorie

der Verklärtheit umstrahlt die Verblichene, die, von der Fessel des

Alltags ledig, in seraphischer Reinheit von der Erfüllung ihrer Träume

durchschauert, den Allspender des Glückes preist.“ ... Da fühlte er, daß

er log. Er wußte, wie weit er allem Pietistisch-Frömmelnden fernstand,

wie alles Sentimental-Weinerliche ihm fremd war. Er fluchte sich beim

Gedanken, daß er diesem Mädchen den Popanz überirdischer Vergeltung zum

Trost vorhielt, obwohl das Sterben für ihn ein biologisches Geschehen,

ein chemischer Prozeß, ein Auflösen der Materie in andere Daseinsformen

war.

Durchs Zimmer ging die Stille auf leisen Füßen. Pepy nach einer Weile:

„Ich bin sehr unglücklich!“

Jappes schwieg und er fühlte, daß seine Zunge am Leim der Lüge klebte.

Das Mädchen saß zusammengekauert und Jappes hielt ihre Hände. Und

unsicher: „Pepy, der Tod nimmt uns alle mit sich. Wir weinen und trauern

und können das Verhängnis nicht abwenden. Unsere Trauer ist Ohnmacht und

unsere Liebe zu den Toten ist ohne Sehnsucht. Unsere Seele wird vom

jähen Riß des Verlustes zerrissen. Wir trauern, weil wir vor dem letzten

Rätsel stehen und keine Lösung sehen. Und unsere Seele, die nach einer

Antwort ringt, zerfließt in ihrer Ohnmacht in Tränen. Ist die Seele uns

nicht anerzogen mit all ihren Attributen der Sehnsucht und Liebe? Unsere

Seele ist nichts oder etwas sehr Großes, das wir nicht fassen können.“

Pepy saß nachdenklich und ihr leuchtendes Gesicht lag verklärt unter dem

brandroten Gelock. Ein Zucken warf sich über ihren jugendlichen Leib,

ein Zittern, wie es durchs Boot läuft, wenn der Wind in die gebauschten

Segel greift, und jäh sprang es über ihre Lippen: „Die Seele ist unser

Verhängnis,“ und nach einem Augenblick: „Herr Jappes, ich bin ein

uneheliches Mädchen.“

Als er schwieg, fühlte sie, daß sie mit ihm einsam war.

Wir gebrauchen manchmal Worte,

die, aus dem Zusammenhang der Rede

gerissen, ein Schlagwort sind, das

ein Schicksal enthält.

Draußen kokettierte die Sonne mit den Abendschatten und warf ihnen

rosige Blicke zu. Jappes stand am Fenster und sog nervös an seiner

Zigarre, zählte die Fenster der gegenüberliegenden Häuser, zählte die

Vorübergehenden, gruppierte sie dutzendweise, fuhr mit dem Daumen die

Umrisse der Fensterscheiben entlang. Wieviel Uneheliche gehen wohl

vorüber? dachte er, und keinem sieht man es an. Dachte, ob es uneheliche

Zwillinge gäbe, ob Uneheliche ihren Vater lieben könnten, ihren Vater,

den sie nie gekannt. Dachte, daß sein Vater gestorben war. Sein Vater,

der sich nie um ihn gekümmert hatte. Er wußte, daß er ein großer hagerer

Mann war, mit unruhigen Augen, der immer schnell über den Hof ging,

immer im Hause herumarbeitete und doch nie etwas tat. Eines Tages war er

gestorben und Jappes wußte nichts von ihm. Eine Stimme in ihm sagte:

„Du bist unehelich seit dem Tod deines Vaters.“ Und Jappes dachte: Es

ist keine Unehre, unehelich zu sein, wenn man in Liebe gezeugt wurde.

Die Stimme in ihm flüsterte: „Die Väter sind nicht die Herren der

Kinder. Sie haben sie im Taumel gezeugt und etwas von ihrem Wesen

verloren, aus dem im Kinde ein neues fremdes Wesen entsteht.“

Jappes lauschte dem Locken eines Kreuzschnabels und dachte

verschwommene, uneheliche Gedanken. Hockte auf dem Fensterbrett und warf

die Zigarre in den Hof: „Kinder sind fleischgewordene Begierden, sonst

nichts,“ – dann saß er bei Pepy – „die in der Gemeinschaft der Begierde

Gezeugten sind nicht unehelich. Unehelich sind die in der Ehe Gezeugten

in Gedanken an einen anderen Gatten. Die Ehe ist die große Lüge, der

Ausgleich der Triebe ohne die Gemeinschaft der Seelen. Viele verehren in

der Ehe einen anderen Geliebten oder eine andere Geliebte und der

männliche oder weibliche Gatte ist nur der Altar, auf dem sie das Opfer

ihrer Sehnsucht bringen.“

„Verachten Sie mich deswegen, Herr Jappes?“

Er nahm ihre Hand: „Pepy, wir sind nicht verantwortlich für die Taten

unserer Väter. In der Ehe wissen unsere Väter nicht, was sie tun. Sie

können das Geschlecht der Seele so wenig bestimmen wie das Geschlecht

des Leibes. Im Zeugen ist der Mensch Tier; die Väter wissen vom Wesen

des Kindes am wenigsten; sie wissen nur um die Not und die Bedürfnisse

des Leibes. Unser größtes Glück ist es vielleicht, dem Einfluß des

Vaters früh zu entgehen.“

Pepy sagte leise: „Herr Jappes, Sie reden wie ein Verführer, sind Sie

etwa nicht stolz, daß Sie ein eheliches Kind sind?“

„Mein Vater ist nicht mehr, und ich weiß nur, daß er der Mann meiner

Mutter war, daß ich manchmal zufrieden bin, nicht zu sein, wie mein

Vater war. Das ist mein Ernst, jawohl! Ein uneheliches Kind zeugen, ist

kein Verbrechen, auch kein Vergehen. Das Zivilgesetzbuch hat es mit

keiner Strafe bedacht, obwohl die Ehe eine zivilrechtliche Gültigkeit

ist. Pepy, fühlst du dich nicht ebenso frei, wie ein anderes Mädchen,

bist du nicht aus dir selbst herausgewachsen ohne den traditionellen

Zwang der hierarchischen Familienbrödelei! Vom Wesen der Väter haben wir

nichts Wesentliches, manchmal eine leise Erinnerung, und dann zucken wir

auf, weil wir wissen, daß es nicht unsere eigene Regung ist, die in uns

wach wird.“

„Haben Sie Ihren Vater nicht liebgehabt?“

„Nein,“ sagte Jappes, „denn ich habe ihn nie gebraucht und nicht

gekannt, denn um einen Menschen zu lieben, muß man ihn kennen, und um

ihn zu kennen, muß man ihn gebrauchen – komm, Pepy! sag’ ‚du‘, ich werde

dein Freund sein, denn ich habe nichts vom Vater.“

Und Pepy: „Sie sind sonderbar und haben eine verzerrte Weltanschauung.

Mein Vater ist ein berühmter Mann und die Mutter ist aus Liebe zu ihm

gestorben. Sie dürfen nicht höhnen, weil ich die Frucht einer Liebe

bin.“

„Ich höhne nicht, denn ich sage dir, die in der Gemeinschaft der

Begierde Gezeugten sind nicht unehelich. Die Welt ist verzerrt und ich

schaue diese Verzerrung. Wir sind immer das Material der

Zufälligkeiten.“ Dann zerdrückte er eine Fliege und sagte: „Du sollst

nicht töten! ... Der Mensch lebt nicht allein, aber er lebt manchmal

einsam. Pepy, komm wieder, wenn du glaubst, daß ich dir was bin.“

Sie ging.

Schlechte Hirtenbriefe sind meist

gute Witze. Gute Hirtenbriefe sind

meist schlechte Possen.

Jappes lag zu Bett und die Langweile kritzelte ihm ein dürres Kapitel.

Er spann seine Gedanken durch die Nacht: Die Ehe – Zwangsvorstellung der

Liebe. Die Instinkte sind die aktiven Kräfte, die uns die Sinne

verwirren, und uns die Echtheit unseres Gefühls vorzaubern. Wir vergehen

in der Schwüle der gegenseitigen Unausstehlichkeit. Wir wissen um unsere

geheimsten Tricks, um unsere intimsten Regungen, Wünsche. Die Begierde

bäumt sich hoch. Wir werden müde vom Taumel. Armseligkeit! Wir tragen

unsere Kinder mit uns in latentem Zustand. Wir suchen nach Namen und

suchen nach den Kindern, die zu den Namen passen. Bei jeder Geburt

verrinnt ein neuer Traum, das Kind paßt nicht zum Namen. Und wir haben

so viele Namen übrig. Wir verstäuben in der Ohnmacht des Alters und die

unmündige Hoffnung unserer Schöpferkraft trinkt sich genug am Kelch der

Enttäuschung. Wir sind die Opfer der Zufallsväter. Und es ist der Fluch

des Opfers, daß es andere Opfer will.

Er dachte daran, daß impotente Bischöfe in Fulda ein Manifest zur

Kindererzeugung zusammengepeitscht hatten. Erinnerte sich, daß auf dem

Gymnasium ein schwindsüchtiger Lehrer über die physikalischen und

biogenetischen Kräfte sprach und dabei einen Ohnmachtsanfall erlitt. Der

Ekel fegte sein Hirn blank, als er an die pensionierten Gefühle des

Alters dachte. Lauschte der Nacht, die draußen vorüberging, hörte

Gläserklang im Nebenzimmer, schmeichelndes Lachen eines Mädchenmundes

und dazwischen brünstige Laute eines Mannes. Dachte, daß Kinder um die

Existenz betrogen wurden, daß die Begierde sich ins Leere verspritzte

und die Lust sich selbst auffraß. Dachte an die Toten, die ihm

gleichgültig waren, um welche er nie geweint hatte, und laut: „Lasset

uns beten, auf daß sie nicht wieder auferstehen.“

Dann kam der Schlaf und trug ihn ins Vergessen.

Fetzen · 第 19 / 82 题