Weil die Engel Gott gleich sein
wollten, versuchten sie Menschen
zu erschaffen, brachten aber nur
uneheliche fertig.
Jappes saß auf dem Bett und rauchte eine Wertheim-Zigarre. Er dachte an
die Reisen des Alten. Mählich dämmerte ihm, wie die Literarhistoriker
behaupten konnten, Homer habe nicht gelebt. Er malte sich den epischen
Aufschneider in Kaftan und Fes mit brodelnder Pfeife. Nein! das war doch
unmöglich: Einer, der überhaupt nicht existiert, kann doch auch nichts
erzählt haben. Auf dem Flur schrillte die Klingel, Jappes horchte auf,
obwohl er niemand erwartete. Es ist eine sonderbare Erscheinung, daß
eine Klingel uns mit Blitzesschnelle aus unserer Gedankenwelt reißen
kann. Wir lassen die Reihe unserer Bekannten plötzlich vorbeidefilieren,
haben das Empfinden, als müsse etwas ganz Bestimmtes kommen, die
Empfindung verdichtet sich zur Vorstellung, – ein angstjammerndes
Telegramm, – eine himmelhochjauchzende Postanweisung – – – – nichts!
Alles ist still. Unsere Vorstellung assoziiert keine Phantasiebrocken
mehr. Und wenn der Vorwitz, das weibliche Organ unseres besseren Ich,
uns nicht zu sehr quält, erfahren wir nie, wer geklingelt hat. Es war
halt nichts für uns – und das ist unser Trost.
Aber es war etwas für Jappes: Das Pfandhausmädchen. Ein kleines, rundes
Ding, mit Anlagen zu zappeliger Fülle, harmonisch zusammengespielte
Details mit angenehmen Rundungen und sanften Uebergängen. Sie lachte ein
kleines, glückliches Lachen durch ihren Crêpeschleier und bebte, als
Jappes das „gnädige Fräulein“ empfing:
„Nennen Sie mich nicht gnädiges Fräulein,“ sagte sie untertänig, „ich
bin Ihnen zu sehr viel Dank verpflichtet, und ich will nicht, daß Sie
sich demütigen. Damals im Pfandhaus waren Sie so gut zu mir, und ohne
Sie hätte ich der Mutter den Kranz nicht kaufen können.“ Ihre Worte
wurden von Tränen erstickt. Brandrote Locken fielen über den Tisch, als
sie sich schluchzend nach vorne beugte. Sie weinte, bis sie ihrem Gemüt
Genüge getan hatte, und Jappes ging es nahe. Streichelnd hob er ihr
Köpfchen: „Armes, kleines Mädchen, mußt nicht heulen, ich bin ja bei
dir.“
„Ich bin so gefühlvoll,“ wimmerte sie.
„Das beweist eine gesunde Natur,“ erwiderte Jappes, „wie heißt du, komm,
sage mir? Ich will gut zu dir sein.“
Zwei große rotgeweinte Augen standen unter Wasser: „ich heiße ... meine
Freundin nennt mich eigentlich immer Pepy.“
„Mußt nicht weinen, Pepy,“ tröstete er, obwohl seine Augen selbst kaum
trocken blieben. Dann riß er sich zu seiner starken Natur zurück, wie
wir zu tun pflegen, wenn wir mit einem geliebten Wesen um einen Menschen
trauern, der uns beiden nahestand, und uns selbst die Rolle des Trösters
unserem Freunde gegenüber zufällt. Für Jappes war Trost ein Bedürfnis
schwacher Seelen. Er kannte zu wenig von dieser jungen Mädchenseele und
er schämte sich vor sich selbst, weil er mit abgedroschenen
Gemeinplätzen der Schulbank ein einsames Mädchen über den Tod seiner
Mutter hinwegtäuschen sollte. Die traurigen Empfindungen seiner eigenen
Seele hatte er niedergekämpft und seine Sprache hatte den Klang der
Unsicherheit: Die Saite des Mitleids darf im Trostakkord nicht fehlen.
Er sprach von der Unabänderlichkeit der ewigen Gesetze, von der
Vergänglichkeit alles Irdischen, vom Erwachen im Jenseits zum besseren
Sein, von der Erlösung von den Trieben und dunklen Gewalten. „Die Glorie
der Verklärtheit umstrahlt die Verblichene, die, von der Fessel des
Alltags ledig, in seraphischer Reinheit von der Erfüllung ihrer Träume
durchschauert, den Allspender des Glückes preist.“ ... Da fühlte er, daß
er log. Er wußte, wie weit er allem Pietistisch-Frömmelnden fernstand,
wie alles Sentimental-Weinerliche ihm fremd war. Er fluchte sich beim
Gedanken, daß er diesem Mädchen den Popanz überirdischer Vergeltung zum
Trost vorhielt, obwohl das Sterben für ihn ein biologisches Geschehen,
ein chemischer Prozeß, ein Auflösen der Materie in andere Daseinsformen
war.
Durchs Zimmer ging die Stille auf leisen Füßen. Pepy nach einer Weile:
„Ich bin sehr unglücklich!“
Jappes schwieg und er fühlte, daß seine Zunge am Leim der Lüge klebte.
Das Mädchen saß zusammengekauert und Jappes hielt ihre Hände. Und
unsicher: „Pepy, der Tod nimmt uns alle mit sich. Wir weinen und trauern
und können das Verhängnis nicht abwenden. Unsere Trauer ist Ohnmacht und
unsere Liebe zu den Toten ist ohne Sehnsucht. Unsere Seele wird vom
jähen Riß des Verlustes zerrissen. Wir trauern, weil wir vor dem letzten
Rätsel stehen und keine Lösung sehen. Und unsere Seele, die nach einer
Antwort ringt, zerfließt in ihrer Ohnmacht in Tränen. Ist die Seele uns
nicht anerzogen mit all ihren Attributen der Sehnsucht und Liebe? Unsere
Seele ist nichts oder etwas sehr Großes, das wir nicht fassen können.“
Pepy saß nachdenklich und ihr leuchtendes Gesicht lag verklärt unter dem
brandroten Gelock. Ein Zucken warf sich über ihren jugendlichen Leib,
ein Zittern, wie es durchs Boot läuft, wenn der Wind in die gebauschten
Segel greift, und jäh sprang es über ihre Lippen: „Die Seele ist unser
Verhängnis,“ und nach einem Augenblick: „Herr Jappes, ich bin ein
uneheliches Mädchen.“
Als er schwieg, fühlte sie, daß sie mit ihm einsam war.
Wir gebrauchen manchmal Worte,
die, aus dem Zusammenhang der Rede
gerissen, ein Schlagwort sind, das
ein Schicksal enthält.
Draußen kokettierte die Sonne mit den Abendschatten und warf ihnen
rosige Blicke zu. Jappes stand am Fenster und sog nervös an seiner
Zigarre, zählte die Fenster der gegenüberliegenden Häuser, zählte die
Vorübergehenden, gruppierte sie dutzendweise, fuhr mit dem Daumen die
Umrisse der Fensterscheiben entlang. Wieviel Uneheliche gehen wohl
vorüber? dachte er, und keinem sieht man es an. Dachte, ob es uneheliche
Zwillinge gäbe, ob Uneheliche ihren Vater lieben könnten, ihren Vater,
den sie nie gekannt. Dachte, daß sein Vater gestorben war. Sein Vater,
der sich nie um ihn gekümmert hatte. Er wußte, daß er ein großer hagerer
Mann war, mit unruhigen Augen, der immer schnell über den Hof ging,
immer im Hause herumarbeitete und doch nie etwas tat. Eines Tages war er
gestorben und Jappes wußte nichts von ihm. Eine Stimme in ihm sagte:
„Du bist unehelich seit dem Tod deines Vaters.“ Und Jappes dachte: Es
ist keine Unehre, unehelich zu sein, wenn man in Liebe gezeugt wurde.
Die Stimme in ihm flüsterte: „Die Väter sind nicht die Herren der
Kinder. Sie haben sie im Taumel gezeugt und etwas von ihrem Wesen
verloren, aus dem im Kinde ein neues fremdes Wesen entsteht.“
Jappes lauschte dem Locken eines Kreuzschnabels und dachte
verschwommene, uneheliche Gedanken. Hockte auf dem Fensterbrett und warf
die Zigarre in den Hof: „Kinder sind fleischgewordene Begierden, sonst
nichts,“ – dann saß er bei Pepy – „die in der Gemeinschaft der Begierde
Gezeugten sind nicht unehelich. Unehelich sind die in der Ehe Gezeugten
in Gedanken an einen anderen Gatten. Die Ehe ist die große Lüge, der
Ausgleich der Triebe ohne die Gemeinschaft der Seelen. Viele verehren in
der Ehe einen anderen Geliebten oder eine andere Geliebte und der
männliche oder weibliche Gatte ist nur der Altar, auf dem sie das Opfer
ihrer Sehnsucht bringen.“
„Verachten Sie mich deswegen, Herr Jappes?“
Er nahm ihre Hand: „Pepy, wir sind nicht verantwortlich für die Taten
unserer Väter. In der Ehe wissen unsere Väter nicht, was sie tun. Sie
können das Geschlecht der Seele so wenig bestimmen wie das Geschlecht
des Leibes. Im Zeugen ist der Mensch Tier; die Väter wissen vom Wesen
des Kindes am wenigsten; sie wissen nur um die Not und die Bedürfnisse
des Leibes. Unser größtes Glück ist es vielleicht, dem Einfluß des
Vaters früh zu entgehen.“
Pepy sagte leise: „Herr Jappes, Sie reden wie ein Verführer, sind Sie
etwa nicht stolz, daß Sie ein eheliches Kind sind?“
„Mein Vater ist nicht mehr, und ich weiß nur, daß er der Mann meiner
Mutter war, daß ich manchmal zufrieden bin, nicht zu sein, wie mein
Vater war. Das ist mein Ernst, jawohl! Ein uneheliches Kind zeugen, ist
kein Verbrechen, auch kein Vergehen. Das Zivilgesetzbuch hat es mit
keiner Strafe bedacht, obwohl die Ehe eine zivilrechtliche Gültigkeit
ist. Pepy, fühlst du dich nicht ebenso frei, wie ein anderes Mädchen,
bist du nicht aus dir selbst herausgewachsen ohne den traditionellen
Zwang der hierarchischen Familienbrödelei! Vom Wesen der Väter haben wir
nichts Wesentliches, manchmal eine leise Erinnerung, und dann zucken wir
auf, weil wir wissen, daß es nicht unsere eigene Regung ist, die in uns
wach wird.“
„Haben Sie Ihren Vater nicht liebgehabt?“
„Nein,“ sagte Jappes, „denn ich habe ihn nie gebraucht und nicht
gekannt, denn um einen Menschen zu lieben, muß man ihn kennen, und um
ihn zu kennen, muß man ihn gebrauchen – komm, Pepy! sag’ ‚du‘, ich werde
dein Freund sein, denn ich habe nichts vom Vater.“
Und Pepy: „Sie sind sonderbar und haben eine verzerrte Weltanschauung.
Mein Vater ist ein berühmter Mann und die Mutter ist aus Liebe zu ihm
gestorben. Sie dürfen nicht höhnen, weil ich die Frucht einer Liebe
bin.“
„Ich höhne nicht, denn ich sage dir, die in der Gemeinschaft der
Begierde Gezeugten sind nicht unehelich. Die Welt ist verzerrt und ich
schaue diese Verzerrung. Wir sind immer das Material der
Zufälligkeiten.“ Dann zerdrückte er eine Fliege und sagte: „Du sollst
nicht töten! ... Der Mensch lebt nicht allein, aber er lebt manchmal
einsam. Pepy, komm wieder, wenn du glaubst, daß ich dir was bin.“
Sie ging.
Schlechte Hirtenbriefe sind meist
gute Witze. Gute Hirtenbriefe sind
meist schlechte Possen.
Jappes lag zu Bett und die Langweile kritzelte ihm ein dürres Kapitel.
Er spann seine Gedanken durch die Nacht: Die Ehe – Zwangsvorstellung der
Liebe. Die Instinkte sind die aktiven Kräfte, die uns die Sinne
verwirren, und uns die Echtheit unseres Gefühls vorzaubern. Wir vergehen
in der Schwüle der gegenseitigen Unausstehlichkeit. Wir wissen um unsere
geheimsten Tricks, um unsere intimsten Regungen, Wünsche. Die Begierde
bäumt sich hoch. Wir werden müde vom Taumel. Armseligkeit! Wir tragen
unsere Kinder mit uns in latentem Zustand. Wir suchen nach Namen und
suchen nach den Kindern, die zu den Namen passen. Bei jeder Geburt
verrinnt ein neuer Traum, das Kind paßt nicht zum Namen. Und wir haben
so viele Namen übrig. Wir verstäuben in der Ohnmacht des Alters und die
unmündige Hoffnung unserer Schöpferkraft trinkt sich genug am Kelch der
Enttäuschung. Wir sind die Opfer der Zufallsväter. Und es ist der Fluch
des Opfers, daß es andere Opfer will.
Er dachte daran, daß impotente Bischöfe in Fulda ein Manifest zur
Kindererzeugung zusammengepeitscht hatten. Erinnerte sich, daß auf dem
Gymnasium ein schwindsüchtiger Lehrer über die physikalischen und
biogenetischen Kräfte sprach und dabei einen Ohnmachtsanfall erlitt. Der
Ekel fegte sein Hirn blank, als er an die pensionierten Gefühle des
Alters dachte. Lauschte der Nacht, die draußen vorüberging, hörte
Gläserklang im Nebenzimmer, schmeichelndes Lachen eines Mädchenmundes
und dazwischen brünstige Laute eines Mannes. Dachte, daß Kinder um die
Existenz betrogen wurden, daß die Begierde sich ins Leere verspritzte
und die Lust sich selbst auffraß. Dachte an die Toten, die ihm
gleichgültig waren, um welche er nie geweint hatte, und laut: „Lasset
uns beten, auf daß sie nicht wieder auferstehen.“
Dann kam der Schlaf und trug ihn ins Vergessen.