SIEBENTES KAPITEL

Der Glaube macht selig, aber wer

glaubt, wird über die Ohren

gehauen.

Bei Wertheims gab es ein großes Essen und Jappes war eingeladen. „Herr

Doktor wird heute mit uns speisen, mein Mann wünscht seine Bekanntschaft

zu machen,“ hatte die Wirtin ausgerichtet.

Sie saßen zu dritt bei Tisch.

Herr Wertheim, ein ramponierter Ehegatte. Ein müdgraues breites Gesicht.

Um den Mund spielte eine zuckende Ironie und sprang von den Lippen über

die vorstehenden Backenknochen auf die Stirnrunzeln. Ein

quecksilbrig-bewegliches Köpfchen mit wallendem Prophetenhaar. Er trug

einen grünen Kaftan, wie ihn die Emire tragen, um ihre Verwandtschaft

mit Mohammed anzudeuten. Herr Wertheim war weder Jude noch Türke trotz

Kaftan und Name und Fes. Er war ein sehr gesprächiges Männchen, das

trotzdem den Redefreiheitsparagraphen bei seiner besseren Hälfte nicht

zu erzwingen imstande war und viele Gedanken verkümmerten in seinem

regen Geiste, weil er nie Gelegenheit hatte, sie auszusprechen. Mit

gönnerhafter Gebärde stellte er sich vor und lud zu Tische ein: „Wir

werden zusammen tafeln,“ sagte er feierlich, „und ein wenig plaudern;

ich habe mich bereits ans Leben gewöhnt und auch ans Erleben. Der Herr

Studiosus wird eine interessante Unterhaltung gewiß nicht ausschlagen.“

Jappes: „Im Gegenteil, ich habe eine Schwäche für Belehrungen und Herr

Wertheim ist ein interessanter Kopf, der gewiß was Interessantes zu

erzählen weiß.“

Der Alte: „Ich liebe es sehr, jungen Leuten interessant genug zu sein,

aber manchmal ist es gefährlich, interessant zu sein. Ich erinnere mich,

auf einer meiner Reisen in Italien besuchte ich das Grabmal des großen

Michelangelo zu Florenz, in Santa Croce. Im rechten Seitenschiff des

alten Franziskanerklosters, es war an einem schwülen Spätsommertag,

zwischen dem ersten und zweiten Altar, stand ich vor dem Grabmal

Buonarrotis, vertieft im Andenken an den großen Meister, wie er im

Gefühl der Liebe und der Verklärtheit seine Werke auf der Basis

idealisierter Anschauungen schuf – – – da plötzlich entstand ein

Gemurmel um mich, dann ein Fragen und Rufen: ‚Heil dem großen Meister!

Michelangelo ist auferstanden!‘ Vier Männer trugen mich über den

wimmelnden Santa-Croce-Platz durch die Via San Cristoforo in die Via

Ghibellina ins Haus Nummer 64 ... Gelt, Schatz, Nummer 64 wohnte der

Florentiner?“ fragte er seine Frau, welche zustimmend nickte. „Die

begeisterte Menge war kaum zu überzeugen, daß ich Deutscher sei und

Studien über Michelangelo mache und das Opfer einer verblüffenden

Aehnlichkeit geworden war. Sie sehen, Freund, es ist gefährlich, großen

Männern ähnlich zu sehen, wenn es auch schmeichelt. Einem Globetrotter

passiert doch manch köstliches Abenteuerchen.“

Da wagte Jappes zu bemerken: „Ich kenne kein Bildnis des großen

Meisters, aber ich bin überzeugt, daß er Ihnen sehr ähnlich gesehen

hat.“

Papa Wertheim mummelte zufrieden an seiner Pfeife, aber Jappes fand, daß

sie ihn gar nicht an türkische Rauchware erinnerte und daß das Brodeln

der Pfeife nicht sehr appetitlich klang. Der Alte war gerührt, als er an

die erhabenen Augenblicke dachte und wie ein Idiot sagte er mit

lallender Zunge: Sein Traum wäre es immer gewesen, ein großer Mann zu

werden, aber die Hemmungen des Alltags hätten seine Seele den

olympischen Flug nicht nehmen lassen. Er gab sich Mühe, ein

imponierendes Pathos anzuschlagen, seine Worte und seine Erregung

illustrierte er durch einen embryonalen Gestus. Manchmal erlaubte er

sich deklamatorische Abschweifungen, fing einen Satz an, ohne ihn zu

Ende zu bringen: „Es war in Palermo oder Ferrara, vielleicht auch in

Mailand, oder, Mutter, war es in Venedig? aber Mutter, du nickst ja ein!

Ihnen, Herr Doktor, ist es sicher auch langweilig, lassen wir die

anstrengenden Reisen. Stochern wir ein wenig im Psychologischen herum.

Ich las die Tage ein Traktätchen über den biologischen Wert der

Langweile, sehr interessant! Können sich’s mal ansehen. Sie finden ein

nettes Kapitelchen über das Instinktive im Menschen, das unbesiegbar

sein soll. Ein Brocken über den Wert der Lüge in der Gesellschaft und

eine bürgerliche Ansicht über die Gottesidee ...“

Jappes fuhr dazwischen: „Ein Bürger hat überhaupt keine Idee, und wenn

Gott nach dem Hirngespinst eines Bürgers geschaffen wäre, sollte er sich

wirklich nicht dazu hergeben, zu existieren. Und eine Lüge ist durchaus

nichts Schlimmes, wenn sie nur schädlich ist; ist doch die Wahrheit

selbst nur eine Parodie der Lüge.“

„Freund!“ unterbrach der Alte und legte seinen stinkigen Kloben auf den

Tisch. „Dann sind wir einig: Gott ist nur ein unrasierter

Anthropomorphismus, in der Kirche, der Hochburg für Volkstäuschung,

großgepäppelt. Wäre ein Aushängeschild für Frisierläden, aber für den

Allmachtsgedanken doch zu haarig. Ich gebe mir mein Ehrenwort, an einen

solchen Gott habe ich nie geglaubt. Jeder hat seine Religion in sich und

die meinige ist durch die Erfahrung meiner Jahre und durch meinen

sittlich-strengen Lebenswandel geheiligt.“ Jappes dachte, so siehst du

aus, und brannte eine Zigarre an, die der Alte zur Ablenkung reichte und

dann fortfuhr: „Wenn wir Fehler haben, ist es immer der Dämon unserer

Vergangenheit. Wir sind doch alle ein bißchen die Söhne unserer Väter!“

„Vielleicht sind wir nicht wir selbst,“ stimmte Jappes zu, „und der

verzwickte Verdammungsapparat wird sein Menetekel nur für einige

schreiben, wenn die große Bilanz im Tale Josaphat gezogen wird, und die

ganze Schuld unserer Sünden fällt auf den Stammvater Adam –“

„Oder auf den Affen, von dem wir stammen,“ lachte der Alte.

Jappes: „Vielleicht haben wir das Possierliche und Lustige gerade vom

Affen geerbt und wir müßten ihm danken und ihn laufen lassen, statt ihn

einzusperren.“

„Das Leben ist ein großer Rausch, und weil der Mensch vom Affen

abstammt, wird die spätere Menschheit sicher zum Kater kommen,“ meckerte

Herr Wertheim.

„Ich höre ihn schon schnurren,“ lachte Jappes.

Der Alte war ärgerlich, weil ihm der Witz nicht eingefallen war.

Jappes empfahl sich. Vater Wertheim steckte ihm noch eine Handvoll

Zigarren zu und die Wirtin begleitete ihn auf die Diele. „Der Hecht war

gut und mein Magen dankt Ihnen für die Flasche Bordeaux, in welcher er

nun rumschwimmt.“

„Nichts zu danken,“ sagte die Wirtin, „auch nicht für den Rehschlegel,

und den Likör zum Mokka. Mehr als zwanzig Mark rechne ich Ihnen nicht,

Herr Doktor“ – und leiser – „noch ein Wort: Mein Mann ist eine alte

Gurke, der vor Alter einen Knacks weghat, gereist ist er nie und Italien

kennt er nur aus den Büchern.“

„Aber erzählen tut er täuschend,“ meinte Jappes, „und geizig ist er auch

nicht. Ein bißchen Schwefel tötet die Mikroben der Langweile.“

Der Alte greinte durch die Tür: „Die Geschichte, welche ich erzählen

wollte, spielte in Padua!“

„An der Brenta,“ darauf Jappes, „ich bewundere Ihr Gedächtnis.“

„Alter Globetrottel,“ sagte die Wirtin und empfahl sich.

Fetzen · 第 18 / 82 题