Der Glaube macht selig, aber wer
glaubt, wird über die Ohren
gehauen.
Bei Wertheims gab es ein großes Essen und Jappes war eingeladen. „Herr
Doktor wird heute mit uns speisen, mein Mann wünscht seine Bekanntschaft
zu machen,“ hatte die Wirtin ausgerichtet.
Sie saßen zu dritt bei Tisch.
Herr Wertheim, ein ramponierter Ehegatte. Ein müdgraues breites Gesicht.
Um den Mund spielte eine zuckende Ironie und sprang von den Lippen über
die vorstehenden Backenknochen auf die Stirnrunzeln. Ein
quecksilbrig-bewegliches Köpfchen mit wallendem Prophetenhaar. Er trug
einen grünen Kaftan, wie ihn die Emire tragen, um ihre Verwandtschaft
mit Mohammed anzudeuten. Herr Wertheim war weder Jude noch Türke trotz
Kaftan und Name und Fes. Er war ein sehr gesprächiges Männchen, das
trotzdem den Redefreiheitsparagraphen bei seiner besseren Hälfte nicht
zu erzwingen imstande war und viele Gedanken verkümmerten in seinem
regen Geiste, weil er nie Gelegenheit hatte, sie auszusprechen. Mit
gönnerhafter Gebärde stellte er sich vor und lud zu Tische ein: „Wir
werden zusammen tafeln,“ sagte er feierlich, „und ein wenig plaudern;
ich habe mich bereits ans Leben gewöhnt und auch ans Erleben. Der Herr
Studiosus wird eine interessante Unterhaltung gewiß nicht ausschlagen.“
Jappes: „Im Gegenteil, ich habe eine Schwäche für Belehrungen und Herr
Wertheim ist ein interessanter Kopf, der gewiß was Interessantes zu
erzählen weiß.“
Der Alte: „Ich liebe es sehr, jungen Leuten interessant genug zu sein,
aber manchmal ist es gefährlich, interessant zu sein. Ich erinnere mich,
auf einer meiner Reisen in Italien besuchte ich das Grabmal des großen
Michelangelo zu Florenz, in Santa Croce. Im rechten Seitenschiff des
alten Franziskanerklosters, es war an einem schwülen Spätsommertag,
zwischen dem ersten und zweiten Altar, stand ich vor dem Grabmal
Buonarrotis, vertieft im Andenken an den großen Meister, wie er im
Gefühl der Liebe und der Verklärtheit seine Werke auf der Basis
idealisierter Anschauungen schuf – – – da plötzlich entstand ein
Gemurmel um mich, dann ein Fragen und Rufen: ‚Heil dem großen Meister!
Michelangelo ist auferstanden!‘ Vier Männer trugen mich über den
wimmelnden Santa-Croce-Platz durch die Via San Cristoforo in die Via
Ghibellina ins Haus Nummer 64 ... Gelt, Schatz, Nummer 64 wohnte der
Florentiner?“ fragte er seine Frau, welche zustimmend nickte. „Die
begeisterte Menge war kaum zu überzeugen, daß ich Deutscher sei und
Studien über Michelangelo mache und das Opfer einer verblüffenden
Aehnlichkeit geworden war. Sie sehen, Freund, es ist gefährlich, großen
Männern ähnlich zu sehen, wenn es auch schmeichelt. Einem Globetrotter
passiert doch manch köstliches Abenteuerchen.“
Da wagte Jappes zu bemerken: „Ich kenne kein Bildnis des großen
Meisters, aber ich bin überzeugt, daß er Ihnen sehr ähnlich gesehen
hat.“
Papa Wertheim mummelte zufrieden an seiner Pfeife, aber Jappes fand, daß
sie ihn gar nicht an türkische Rauchware erinnerte und daß das Brodeln
der Pfeife nicht sehr appetitlich klang. Der Alte war gerührt, als er an
die erhabenen Augenblicke dachte und wie ein Idiot sagte er mit
lallender Zunge: Sein Traum wäre es immer gewesen, ein großer Mann zu
werden, aber die Hemmungen des Alltags hätten seine Seele den
olympischen Flug nicht nehmen lassen. Er gab sich Mühe, ein
imponierendes Pathos anzuschlagen, seine Worte und seine Erregung
illustrierte er durch einen embryonalen Gestus. Manchmal erlaubte er
sich deklamatorische Abschweifungen, fing einen Satz an, ohne ihn zu
Ende zu bringen: „Es war in Palermo oder Ferrara, vielleicht auch in
Mailand, oder, Mutter, war es in Venedig? aber Mutter, du nickst ja ein!
Ihnen, Herr Doktor, ist es sicher auch langweilig, lassen wir die
anstrengenden Reisen. Stochern wir ein wenig im Psychologischen herum.
Ich las die Tage ein Traktätchen über den biologischen Wert der
Langweile, sehr interessant! Können sich’s mal ansehen. Sie finden ein
nettes Kapitelchen über das Instinktive im Menschen, das unbesiegbar
sein soll. Ein Brocken über den Wert der Lüge in der Gesellschaft und
eine bürgerliche Ansicht über die Gottesidee ...“
Jappes fuhr dazwischen: „Ein Bürger hat überhaupt keine Idee, und wenn
Gott nach dem Hirngespinst eines Bürgers geschaffen wäre, sollte er sich
wirklich nicht dazu hergeben, zu existieren. Und eine Lüge ist durchaus
nichts Schlimmes, wenn sie nur schädlich ist; ist doch die Wahrheit
selbst nur eine Parodie der Lüge.“
„Freund!“ unterbrach der Alte und legte seinen stinkigen Kloben auf den
Tisch. „Dann sind wir einig: Gott ist nur ein unrasierter
Anthropomorphismus, in der Kirche, der Hochburg für Volkstäuschung,
großgepäppelt. Wäre ein Aushängeschild für Frisierläden, aber für den
Allmachtsgedanken doch zu haarig. Ich gebe mir mein Ehrenwort, an einen
solchen Gott habe ich nie geglaubt. Jeder hat seine Religion in sich und
die meinige ist durch die Erfahrung meiner Jahre und durch meinen
sittlich-strengen Lebenswandel geheiligt.“ Jappes dachte, so siehst du
aus, und brannte eine Zigarre an, die der Alte zur Ablenkung reichte und
dann fortfuhr: „Wenn wir Fehler haben, ist es immer der Dämon unserer
Vergangenheit. Wir sind doch alle ein bißchen die Söhne unserer Väter!“
„Vielleicht sind wir nicht wir selbst,“ stimmte Jappes zu, „und der
verzwickte Verdammungsapparat wird sein Menetekel nur für einige
schreiben, wenn die große Bilanz im Tale Josaphat gezogen wird, und die
ganze Schuld unserer Sünden fällt auf den Stammvater Adam –“
„Oder auf den Affen, von dem wir stammen,“ lachte der Alte.
Jappes: „Vielleicht haben wir das Possierliche und Lustige gerade vom
Affen geerbt und wir müßten ihm danken und ihn laufen lassen, statt ihn
einzusperren.“
„Das Leben ist ein großer Rausch, und weil der Mensch vom Affen
abstammt, wird die spätere Menschheit sicher zum Kater kommen,“ meckerte
Herr Wertheim.
„Ich höre ihn schon schnurren,“ lachte Jappes.
Der Alte war ärgerlich, weil ihm der Witz nicht eingefallen war.
Jappes empfahl sich. Vater Wertheim steckte ihm noch eine Handvoll
Zigarren zu und die Wirtin begleitete ihn auf die Diele. „Der Hecht war
gut und mein Magen dankt Ihnen für die Flasche Bordeaux, in welcher er
nun rumschwimmt.“
„Nichts zu danken,“ sagte die Wirtin, „auch nicht für den Rehschlegel,
und den Likör zum Mokka. Mehr als zwanzig Mark rechne ich Ihnen nicht,
Herr Doktor“ – und leiser – „noch ein Wort: Mein Mann ist eine alte
Gurke, der vor Alter einen Knacks weghat, gereist ist er nie und Italien
kennt er nur aus den Büchern.“
„Aber erzählen tut er täuschend,“ meinte Jappes, „und geizig ist er auch
nicht. Ein bißchen Schwefel tötet die Mikroben der Langweile.“
Der Alte greinte durch die Tür: „Die Geschichte, welche ich erzählen
wollte, spielte in Padua!“
„An der Brenta,“ darauf Jappes, „ich bewundere Ihr Gedächtnis.“
„Alter Globetrottel,“ sagte die Wirtin und empfahl sich.