Beichtstuhl und Pfandhaus: Es wird
nur Speicherkram eingeliefert
gegen einen Vorschuß auf Rückfall.
Wer wollte die unverschuldete Geldlosigkeit eines Studenten nicht
entschuldigen, zumal wenn er nach ehrlichen Mitteln greift, um seine
Finanzen aufzubessern? Alle Studenten sind, von den Ausnahmen abgesehen,
ehrliche Burschen.
In der Regel gibt es zwei Wege, um aus der Klemme zu kommen, den Vater
der Braut um einen unkündbaren Vorschuß anzuhauen – doch dazu ist eine
Braut und ein bemittelter Vater vorausgesetzt. Dazu kommt die Gefahr,
daß Herr Studio im Verweigerungsfalle nicht nur den Vorschuß, sondern
auch die Braut verliert, was um so peinsamer ist, wenn die Braut den
Vorschuß wirklich aufwiegt. Aber wie oft ist die Braut nur ein Vorschuß
auf Liebe! Der andere Weg ist, in aller Demut und Gelassenheit mit
irgendeinem versetzbaren Gegenstand die große Bedürfnisanstalt der Stadt
aufzusuchen, um auf rechtmäßigem Wege das Allernötigste leihweise
aufzunehmen. Durch weise Verordnungen der respektiven Stadtväter sind
diese Anstalten gegründet. Die Abschätzer, welche den Preis für die zu
versetzenden Gegenstände festsetzen, sind nur bis zur Hälfte der
normalen Wertskala geeichte Männer, sind also nur halbanrechnungsfähig:
Die Begründer der Versatzämter waren sicher Juden, die eine bewegte
Studentenzeit hinter sich hatten.
Jappes ging den Weg, den so viele schon gegangen sind, denn er war
Student und hatte nichts Wertvolles zu versetzen, weil er nie große
Bedürfnisse hatte. – – –
Im Pfandhaus:
Ein vielfältiger Duft umkitzelt die Nase und weckt die kühnsten Bilder,
erinnert an Sachen, die man sonst nicht leicht zu denken wagt. Geruch
von Windeln, Kleinkinderstube, Affenhaus, Hunden in der Brunstzeit,
schweißstinkigen Wäschestücken, stickigem Qualm – Nase trink dir genug!
Ein Archenduft, wo alles um Vater Noah versammelt stank. Jappes hatte
eine gute Nase. Er war noch Novize, aber nicht schüchtern. Er tat wie
ein Esoteriker, wie ein alter Pfandgast. Verordnungen und Bestimmungen
waren an die Wand genagelt:
Außer Kindern unter vierzehn Jahren, Geisteskranken und betrunkenen
Personen wird jedermann als Verpfänder zugelassen. Dem Pfandgast
steht es frei, sich beim Abschluß des Pfandgeschäftes des eigenen
oder eines willkürlich gewählten Namens zu bedienen ... usw.
Jappes überlegte: vierzehn Jahre hatte er, war nicht geisteskrank, nicht
betrunken. Er las alle Tafeln durch, hörte Namen rufen, alle mit
derselben Betonung, wie Nummern; denn auch vor dem Pfandgesetz sind alle
gleich. Alle, die versetzen, sind bedürftig und nur die Bedürftigen
beugen sich einem Gesetze.
Durch ein Schalterfenster kam der krähende Diskant eines Buckligen, der
mit fiebernder Eile Zahlen hersagte. Er sah aus wie ein Fragezeichen und
hatte ein zerknittertes Gesicht. Ein schwammiges Biergesicht daneben
verfolgte die schreibenden Finger, die wie Würstchen über eine lange
Zahlenliste glitten.
Frauen mit Körben voll von Wäschestücken, Kleidern und Schachteln, kamen
und gingen, bettelnd und fluchend, weil ihr Saumann kein Geld herausgab.
Eine brachte Bilder und heraldischen Schnickschnack, eine andere eine
ziselierte Lampe, eine wertvolle Uhr, eine nackte Bronzefigur. Ein
zerschossener Soldat kam mit Regenschirm und Tripperspritze, den
Werkzeugen seiner zivilen Praxis. Der Schätzer lehnte ab:
„Luxusgebrauchsartikel nehmen wir nicht an, lesen Sie die Verordnung!“
Ein Kind schrie auf und die Mutter schob es an ihre Naturmilchflaschen.
Buntes Stilleben! in welchem die Frauen die Staffage sind! Jappes
versetzte ein Schachspiel mit Figuren aus Elfenbein geschnitzt und war
mit dem Erlös zufrieden. Nach ihm kam ein Mädchen an die Reihe. Sie war
nie auf dem Versatzamt gewesen und paßte auch nicht hin. Verschüchtert
bat sie um fünfzig Mark für ein Opernglas. Der Schätzer gab dreißig. Sie
verzog die Lippen zu einer weinerlichen Grimasse und sagte: „Dann langt
es noch nicht.“ Jappes bat: „Fräulein, verzeihen Sie, ich kann Ihnen mit
etwas aushelfen.“ Sie zuckte zusammen und erwiderte:
„Glauben Sie, ich schäme mich nicht, hier zu sein, es ist so hart. Die
Mutter ist gestorben und ich will einen Kranz aufs Grab kaufen.“ Dann
weinte sie und war still. Jappes gab ihr sein Geld, sie bat um seine
Adresse und ging.
Auf seinem Pfandschein stand: Doktor Jappes. Der Bucklige musterte ihn
scharf: Doktor Jappes? und der Student haßte das Fragezeichen. Draußen
schrieb er mit Bleistift an die Wand: Empfindsame Nasen sollen
Karbolwatte einstecken! Dann spuckte er hin und sagte: Wozu war ich nun
hier?