Wem Gott eine Begierde gab, dem
gab er auch Gelegenheit, sie zu
befriedigen.
Nacht! Von den Gaslaternen tropft ein müdes Licht und zerspritzt auf dem
Pflaster. Paare flüstern Geheimnisse im Schatten. Andere gehen müde
umschlungen, zucken auf im Licht, wenn sie ihre Gesichter sehen. Stehen
eine Sekunde still, gebannt vom Gedanken, daß sie im Wonnetaumel eine
Sünde taten: die Sünde! Ihre Blicke streifen aneinander vorbei und zag:
Wir verlassen uns nicht. Sie wissen, daß sie müde sind und sich doch
nicht verlassen können, obwohl sie allein sein wollen. Müde sein und
nicht ruhen dürfen ist Qual. Ist Qual nicht der Fluch der Lust, wenn sie
die Jugend mordet! Sie gehen in den Abend und ihre Seelen hüllen sich in
den Schatten der Nacht. Andere kommen. Ihre Herzen sind trunken von
Sehnsucht nach dem Geheimnis. Stehen still, als wollten sie sich noch
etwas Wichtiges sagen, wozu ihnen der Mut fehlt. Schweigend küßt er ihr
die Stirne und hauchend, oh, du! Lächelnd drückt sie ihm die Hand. Sie
gehen und träumen vom Glück, das der Erfüllung harrt. Durch die Straßen
geht die Begierde hingebungsvoll, geil, einladend, schüchtern. Verführte
Verführung, tierisch-triebhaft. Betrügt das Leben um seine Inhalte und
lacht den Hohn der Verworfenheit, gleitet durch die Nacht, reicht die
Schale der verdorbenen Frucht und träufelt den Mohn des Vergessens mit
lässiger Hand in die Wunden des verlorenen Selbst.
So geht sie und dichtet die Parodie der Liebe.
Das Haus schlief schon, als Jappes in seine Bude stieg, und der Mond lag
wachend in der Treppe, gelb wie Safran. Er rasselte geräuschvoll mit den
Schlüsseln und warf die Tür ins Schloß. Nach einer Weile:
„Nun liegt sie drunten in der Erde und hat einen Kranz aus
Pfandhausblumen.“ Die Trauer wuchs in ihm, als er an das Mädchen dachte.
* * * * *
Draußen ging ein müder Wind. Jappes schrieb auf ein Blatt: Der Tod ist
der höchste Gott, weil wir ihm unser letztes Opfer bringen; aber wozu an
den Tod denken! Er ist ja doch immer das letzte! Er riß eine Schublade
auf und langte ein paar Aepfel hervor: Das ist ein anderes Kraut; die
Mutter hat sie selbst eingepackt, ein Borsdorfer, eine Kalville; Herr
Doktor Jappes speist schöne Aepfel und denkt nicht mehr an die letzten
Dinge. Puh! der dürre Tod. Und lustig: Im Anfang war der Apfel!
Aber eine Träne stahl sich durch die Wimper, als Jappes durchs Zimmer
ging und sich zwang, lustig zu sein. Da hörte er ein leises schüchternes
Klopfen an der Tür. Im Türspalt erschienen zwei sanft bittende Augen und
eine schmiegsame Stimme klang: „Störe ich nicht, Freund, ich bin so
einsam, so arm heute ...“
„Mich stört man nie,“ sagte Jappes, „ich gebe Ihnen einen Apfel, dann
sind Sie nicht mehr so einsam.“
„Da muß ich lachen,“ sagte die Stimme, „wie ist das komisch! Fast wie im
Paradies.“ Er gab ihr den Apfel und sie aß. „Schmeckt sehr schön, danke,
wie ulkig! Ich muß immer lachen. Heiße übrigens Reinette. Das ist auch
ein Apfelname. Der Apfel ist ein gefährliches Talent. Freund! Ich habe
so eine seichte Natur, bin immer ein bißchen verliebt – ja Gott! wie
lustig: In Paris habe ich auch so einen Studenten gekannt, ein toller
Bursche, er hat mich auf der Straße aufgegabelt, in sein Zimmer hat er
mich eingesperrt und ist davon gerannt – – – – willst du den Rest auch
hören, ja?“