DRITTES KAPITEL

Die Wirklichkeit ist oft kühner

als der Traum. Aber es gibt auch

wirkliche Träume.

Jappes wohnte bei Frau Wertheim in der Frans-Hals-Straße auf Nummer 12

im dritten Stock. Er wunderte sich selbst, wie er sich da hatte

einmieten können. Auf seinem Bummel las er an einem Aushängeschild, daß

ein vornehm möbliertes Zimmer gegen zivile Vergütung an einen besseren

soliden Herrn abzugeben sei. Er war schnell handelseinig, zahlte den

ersten geforderten Preis im voraus, weil Frau Wertheim sagte: Für die

Herren, die im voraus zahlen, könne man eher mehr Aufmerksamkeit

aufwenden und es sei den Herren Studenten ja auch leichter, am Anfang

als am Ende des Monats zu bezahlen. Dabei blinzelte sie verstohlen und

sagte: „Kenne das schon, mein Sohn war auch Student!“ Jappes hatte Geld

und zahlte willig, weniger weil die Wirtin ihn überreden wollte als aus

Gutmütigkeit. Zudem lag ihm blutwenig an seinem Geld.

Seine Bude war ein wackelig möbliertes Zimmerchen mit vergilbten Tapeten

und alltäglichen Möbelstücken. An der Wand hingen ein paar Bilder, die

nicht so ganz recht zum Prädikat solide paßten, und Frau Wertheim sagte:

„Der Herr wird halt keinen Anstoß an den Bilderchen nehmen, es ist

Münchener Kunst!“ Die Wirtin war das komischste Möbel im ganzen Zimmer.

Wenn sie lachte, sah sie aus wie eine weinerliche Heiligenfigur, die von

Güte durchschauert ist, oder wie eine Dolorosa, die ekstatisch verzückt

Sieben-Wunden-Leiden zu erdulden hat. Sie legte die mit einem zittrigen

„dankend erhalten“ quittierte Rechnung hin, empfahl sich, kehrte noch

mal um und bat, wenn der Herr Doktor was benötige, von der Klingel

Gebrauch zu machen. Dann schlorpte sie davon.

Jappes blieb allein mit seinen Gedanken. Hoh! rief er, vornehm

möbliertes Zimmer! Er stieß an den Schrank, an den Tisch, stieß an die

Toilette, alles wackelte, wackelte vornehm. Er dachte: Das

Aushängeschild schicke ich meiner Mutter, es ist das beste

Leumundszeugnis: Ein solider Herr, hehe! Es schmeichelte ihm, daß er ein

besserer Herr war und solid, alles für fünfzig Mark und noch obendrein

Herr Doktor. Der schlotterbusigen Tänzerin an der Tapete schnitt er eine

höhnische Grimasse, tippte die Klingel, pfiff eine mädelsüße Melodie und

sagte zu Frau Wertheim: „Ich hole meinen Kram von der Bahn! Addio!“

Und er holte seinen Kram.

Frau Wertheim sagte: „Den Anmeldeschein habe ich schon hingelegt. Der

Herr Doktor wird geruhen, ihn auszufüllen.“

Und Jappes: „Herr Doktor ist gut – so schnell promoviert man nur hier.

Herr Doktor Jappes klingt nicht schlecht. Ja! das kommt alles vom guten

Klang; wie soll ich Sie nennen, Frau Wirtin? Haben Sie auch einen so

hohen Kosenamen?“

Er ging zum Schreibpult: Familienname, Vorname. Jappes Paul, geboren 16.

Oktober 1893 auf dem Schlapphof. Die Geburtswehen fallen mit den

Nachwehen des Namenstags meiner Mutter zusammen. Vater: Ist tot. War ein

Simpel und im Nebenberuf Landwirt. Starb ohne höhere Bildung. Mutter:

Angelica, von Beruf Mutter. War zwölfmal erfolgreich schwanger. Ledig:

Ich glaube – schließlich kann man es noch so nennen, das Gesetz ist ja

noch nicht durch die Heirat verletzt. Religion: Orthodox mammonistisch.

Strich.

„Nun, Frau Wirtin, bringen Sie das der Polizei, einen schönen Gruß, sie

sollen mal was von sich hören lassen.“

„Der Herr Doktor ist in gutem Humor,“ sagte die Wirtin, und Jappes: „Ach

ja, der Herr Doktor!“

Sieh Mutter, es kommt ein Sturm,

sagte der Sohn. Da spannte sie den

Regenschirm auf.

Als es dunkelte, knipste er die Glühbirne an, hängte die saloppen Bilder

verkehrt an die Wand, flegelte sich auf die Ottomane und spann seine

Gedanken hinüber zur Universität: Ein heilig-ernster Schauer

durchrieselte seine langen Glieder. Er war voll frommer Ehrfurcht vor

dieser mächtigen Geisteszentrale, wo die antwortdurstigen

Studentenseelen mit dem klaren Quell reiner Vernunft getränkt wurden. Er

malte sich eine geistige Sahara, wo die durstigen Studenten lechzend

harrten, bis die Professoren wie Kamele, mit den Schläuchen ihrer

Weisheit zum Labetrunk erschienen. Er verglich die Professoren mit

zweibeinigen wandelnden Lexicis, Vertretern verschiedener Fakultäten:

Meyer, Brockhaus, Herder, die alle dasselbe sagten, aber in einer

anderen genialen Ausstaffierung. Oder mit tantenhaft peinlich geordneten

Zettelkästen. Männer, die wie eine Uhr funktionierten, die schwer zum

Lachen zu bringen waren, es sei denn über eigene dumme Witze. Und der

Neid, der schlimme Nager, befiel ihn, als er dachte, wie die Professoren

mit klassischer Gebärde ganze Bücher hersagen konnten. Ja! der Neid

frißt das Beste im Menschen.

Dann marschierten seine Vorstellungen über das Studentenleben auf, um in

ihrer Glorie zu paradieren. Romantisch-sentimentale Lockenköpfe mit

nachlässig geschlungener Binde. Jünglinge mit kritischen Denkrunzeln

über der Stirn, Verse murmelnd, träumerische Augen und krankhaft

bleicher Teint, das Wasserzeichen des Genies in stillen Nächten durch

musische Arbeiten eingeprägt. Angesäuselte Studenten mit Mandoline und

Sackpfeife im klingenden Tonfall eine Holde besingend, Schabernack und

ulkige Nächte in Braus und Schwulitäten. Jappes wurde misepetrig zumut

beim Gedanken, daß es auch solche gab mit bunten Mützen und farbigen

Bändern, wie sie kapitale Ochsen bei Viehausstellungen in seiner Heimat

trugen, die, wenn man ihnen zu lange – und Gott, die Herren leben rasch!

– ins Einglas schaute, einem auf zehn Schritt Entfernung Löcher in die

Haut knallten.

Das war der erste lebensgefährliche Gedanke, welcher Jappes je befallen

hatte und sinnend lag er mit zuckender Seele, als es an die Tür klopfte:

„Herr Doktor braucht gewiß sehr viel Licht, doch das ist weiter nicht

schlimm, wollte auch gar nicht stören; es ist nur wegen dem Bezahlen.“

Jappes klopfte der Wirtin auf die Schulter: „Ich kann schließlich auch

im Dunklen denken und brauche die Bilder an der Wand nicht umzuhängen.

Ich wünsche eine gute Nacht.“ Aergerlich schlug er sich in die Daunen.

Beim Frühstück fragte Frau Wertheim, wie er geschlafen habe:

„Ohne Licht!“ sagte er barsch, biß seine Semmeln hinunter, packte seine

Papiere und ging. Ein leichter Regen weinte über die Stadt, die

Sehnsucht nach einem schönen Tage hatte.

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