Die Wirklichkeit ist oft kühner
als der Traum. Aber es gibt auch
wirkliche Träume.
Jappes wohnte bei Frau Wertheim in der Frans-Hals-Straße auf Nummer 12
im dritten Stock. Er wunderte sich selbst, wie er sich da hatte
einmieten können. Auf seinem Bummel las er an einem Aushängeschild, daß
ein vornehm möbliertes Zimmer gegen zivile Vergütung an einen besseren
soliden Herrn abzugeben sei. Er war schnell handelseinig, zahlte den
ersten geforderten Preis im voraus, weil Frau Wertheim sagte: Für die
Herren, die im voraus zahlen, könne man eher mehr Aufmerksamkeit
aufwenden und es sei den Herren Studenten ja auch leichter, am Anfang
als am Ende des Monats zu bezahlen. Dabei blinzelte sie verstohlen und
sagte: „Kenne das schon, mein Sohn war auch Student!“ Jappes hatte Geld
und zahlte willig, weniger weil die Wirtin ihn überreden wollte als aus
Gutmütigkeit. Zudem lag ihm blutwenig an seinem Geld.
Seine Bude war ein wackelig möbliertes Zimmerchen mit vergilbten Tapeten
und alltäglichen Möbelstücken. An der Wand hingen ein paar Bilder, die
nicht so ganz recht zum Prädikat solide paßten, und Frau Wertheim sagte:
„Der Herr wird halt keinen Anstoß an den Bilderchen nehmen, es ist
Münchener Kunst!“ Die Wirtin war das komischste Möbel im ganzen Zimmer.
Wenn sie lachte, sah sie aus wie eine weinerliche Heiligenfigur, die von
Güte durchschauert ist, oder wie eine Dolorosa, die ekstatisch verzückt
Sieben-Wunden-Leiden zu erdulden hat. Sie legte die mit einem zittrigen
„dankend erhalten“ quittierte Rechnung hin, empfahl sich, kehrte noch
mal um und bat, wenn der Herr Doktor was benötige, von der Klingel
Gebrauch zu machen. Dann schlorpte sie davon.
Jappes blieb allein mit seinen Gedanken. Hoh! rief er, vornehm
möbliertes Zimmer! Er stieß an den Schrank, an den Tisch, stieß an die
Toilette, alles wackelte, wackelte vornehm. Er dachte: Das
Aushängeschild schicke ich meiner Mutter, es ist das beste
Leumundszeugnis: Ein solider Herr, hehe! Es schmeichelte ihm, daß er ein
besserer Herr war und solid, alles für fünfzig Mark und noch obendrein
Herr Doktor. Der schlotterbusigen Tänzerin an der Tapete schnitt er eine
höhnische Grimasse, tippte die Klingel, pfiff eine mädelsüße Melodie und
sagte zu Frau Wertheim: „Ich hole meinen Kram von der Bahn! Addio!“
Und er holte seinen Kram.
Frau Wertheim sagte: „Den Anmeldeschein habe ich schon hingelegt. Der
Herr Doktor wird geruhen, ihn auszufüllen.“
Und Jappes: „Herr Doktor ist gut – so schnell promoviert man nur hier.
Herr Doktor Jappes klingt nicht schlecht. Ja! das kommt alles vom guten
Klang; wie soll ich Sie nennen, Frau Wirtin? Haben Sie auch einen so
hohen Kosenamen?“
Er ging zum Schreibpult: Familienname, Vorname. Jappes Paul, geboren 16.
Oktober 1893 auf dem Schlapphof. Die Geburtswehen fallen mit den
Nachwehen des Namenstags meiner Mutter zusammen. Vater: Ist tot. War ein
Simpel und im Nebenberuf Landwirt. Starb ohne höhere Bildung. Mutter:
Angelica, von Beruf Mutter. War zwölfmal erfolgreich schwanger. Ledig:
Ich glaube – schließlich kann man es noch so nennen, das Gesetz ist ja
noch nicht durch die Heirat verletzt. Religion: Orthodox mammonistisch.
Strich.
„Nun, Frau Wirtin, bringen Sie das der Polizei, einen schönen Gruß, sie
sollen mal was von sich hören lassen.“
„Der Herr Doktor ist in gutem Humor,“ sagte die Wirtin, und Jappes: „Ach
ja, der Herr Doktor!“
Sieh Mutter, es kommt ein Sturm,
sagte der Sohn. Da spannte sie den
Regenschirm auf.
Als es dunkelte, knipste er die Glühbirne an, hängte die saloppen Bilder
verkehrt an die Wand, flegelte sich auf die Ottomane und spann seine
Gedanken hinüber zur Universität: Ein heilig-ernster Schauer
durchrieselte seine langen Glieder. Er war voll frommer Ehrfurcht vor
dieser mächtigen Geisteszentrale, wo die antwortdurstigen
Studentenseelen mit dem klaren Quell reiner Vernunft getränkt wurden. Er
malte sich eine geistige Sahara, wo die durstigen Studenten lechzend
harrten, bis die Professoren wie Kamele, mit den Schläuchen ihrer
Weisheit zum Labetrunk erschienen. Er verglich die Professoren mit
zweibeinigen wandelnden Lexicis, Vertretern verschiedener Fakultäten:
Meyer, Brockhaus, Herder, die alle dasselbe sagten, aber in einer
anderen genialen Ausstaffierung. Oder mit tantenhaft peinlich geordneten
Zettelkästen. Männer, die wie eine Uhr funktionierten, die schwer zum
Lachen zu bringen waren, es sei denn über eigene dumme Witze. Und der
Neid, der schlimme Nager, befiel ihn, als er dachte, wie die Professoren
mit klassischer Gebärde ganze Bücher hersagen konnten. Ja! der Neid
frißt das Beste im Menschen.
Dann marschierten seine Vorstellungen über das Studentenleben auf, um in
ihrer Glorie zu paradieren. Romantisch-sentimentale Lockenköpfe mit
nachlässig geschlungener Binde. Jünglinge mit kritischen Denkrunzeln
über der Stirn, Verse murmelnd, träumerische Augen und krankhaft
bleicher Teint, das Wasserzeichen des Genies in stillen Nächten durch
musische Arbeiten eingeprägt. Angesäuselte Studenten mit Mandoline und
Sackpfeife im klingenden Tonfall eine Holde besingend, Schabernack und
ulkige Nächte in Braus und Schwulitäten. Jappes wurde misepetrig zumut
beim Gedanken, daß es auch solche gab mit bunten Mützen und farbigen
Bändern, wie sie kapitale Ochsen bei Viehausstellungen in seiner Heimat
trugen, die, wenn man ihnen zu lange – und Gott, die Herren leben rasch!
– ins Einglas schaute, einem auf zehn Schritt Entfernung Löcher in die
Haut knallten.
Das war der erste lebensgefährliche Gedanke, welcher Jappes je befallen
hatte und sinnend lag er mit zuckender Seele, als es an die Tür klopfte:
„Herr Doktor braucht gewiß sehr viel Licht, doch das ist weiter nicht
schlimm, wollte auch gar nicht stören; es ist nur wegen dem Bezahlen.“
Jappes klopfte der Wirtin auf die Schulter: „Ich kann schließlich auch
im Dunklen denken und brauche die Bilder an der Wand nicht umzuhängen.
Ich wünsche eine gute Nacht.“ Aergerlich schlug er sich in die Daunen.
Beim Frühstück fragte Frau Wertheim, wie er geschlafen habe:
„Ohne Licht!“ sagte er barsch, biß seine Semmeln hinunter, packte seine
Papiere und ging. Ein leichter Regen weinte über die Stadt, die
Sehnsucht nach einem schönen Tage hatte.