ZWEITES KAPITEL

Eine befangene Seele kann

Alltägliches sogar als Ausnahme

genießen. Und der Alltag bietet so

viel Alltägliches.

Jappes schlenderte durch die Stadt, sog seine Seele voll von neuen

Eindrücken und frischte alte auf. Er merkte sich alle Namen, die komisch

klangen, und besah die mit Modeartikeln gespickten Schaufenster. Er

dachte: die Menschen kaufen ihre Sachen hier und sehen doch so

unappetitlich aus im Vergleich zu den leckeren Schaufenstern. Manchmal

streifte eine Modepuppe an ihm vorbei mit wiegender Hüfte; hinter ihr

drein ein Duftschweif von Oppoponax oder Lavendel oder –. Dann war er

immer etwas befangen. Weshalb ziehen die Weibchen sich so duftig an?

Weshalb der süßprickelnde Duftschleier über der angemalten Anmut? Sieht

doch eine aus wie die andere und ist das kein Trost für die Häßlichen!

Manchmal grüßte er ulkig aussehende Männer – ach! so viele Männer sehen

ulkig aus – um sich an den verdrehten Institutsbücklingen zu freuen, die

sie ihm machten. Aber er tat, als habe er Eile, um zu verhindern, daß

jemand ihn anrede. So machte er sich allerlei Gedanken darüber, wen er

wohl gegrüßt habe und freute sich, weil der andere nicht wußte, daß er

angeulkt worden war.

Die Straße war glühend heiß. Die Häuser standen bleich und starr und

hatten wehe Augen. Jappes sog sein Teil Benzin- und Menschen- und

Roßäpfelduft ein und fluchte: „Verdammt, ist das eine Luft!“

Ein Wagen mit Obst. Die Birnen waren feuchtschmierig, wie gepuderte

Damen, die zu lange getanzt haben. Am Wagen ein Mann und ein anderer

Esel. Jappes fragte: „Kosten?“ „’s Pfund eine Mark!“ „Bitte ein Pfund.

Ist der Esel schon alt?“ „So alt wie Sie, Herr, wird er schon sein,

Herr,“ und reichte die Birnen, „aber gut ist er schon. Halt wie ein

Zugpflaster, man muß tüchtig aufschmieren und ziehen lassen.“

Der graue Zögling spitzte die Ohren.

Ein Batisttaschentüchlein mit feinen Spitzchen rettete ein Damennäschen

vor Ueberschwemmung. Jappes staunte, daß eine so unappetitliche Prozedur

mit soviel Grazie vollzogen wurde, und er wagte es nicht, sein gemaltes

Sacktuch hervorzuziehen, auf welchem irgendeine rührende Liebesszene

dargestellt war. Bunte Taschentücher der Landleute haben etwas originell

Anschauliches; vielleicht sind so viele bunte Motive auf den Tüchern der

Alten, weil sie gewohnt sind, ihre Nase in alles zu stecken! Vom

Taschentuch bis zum Schnupfen ist nur ein Schritt, dachte Jappes, als es

kühl wurde. Abends weinte sein grobes Leinen, weil es allein war und vom

duftigen Spitzenbatist träumte.

Schau, sagte Jappes, auch ich bin einsam, und da war das Taschentuch

sein Trost in Tränen.

Wenn wir vor unseren dummen

Gedanken fliehen sollten, wären

wir beständig auf der Flucht.

Nachts schrieb Jappes seinem Tagebuch:

Liebes Tagebuch, du weißt, daß ich ein guter Kerl bin und du immer der

Sarg meiner Gefühle warst, daß ich mich immer an den Bibelsprüchen

erbaut und nie eine Geige gestrichen habe; daß ich meinen Geist, die

beste Kuh, die ich in allen Notlagen melken kann, nie auf unrechte Weise

führte. Um recht in das Stadtbild zu passen, muß ich meine äußere

Fassade etwas aufputzen, denn ich bin nun einmal in den Kulturtopf

umgepflanzt. Du weißt, ich stehe genau wie du auf den untersten Sprossen

der sozialen Erwerbsleiter und werde wohl die neunundzwanzig letzten

Tage des Monats ohne Geld bleiben. Das sage ich dir, weil ich mich in

Zukunft auch mit Kleinigkeiten abgeben will, und die eigenen Mängel

können wir autobiographisch am besten vertuschen, denn die Dialektik ist

der Vatermörder für den Kropf unserer Verbildung. Ja, mein liebes

Tagebuch, ich weiß bestimmt aus einer Chronik, daß ein reicher Herr den

Vatermörder erfinden ließ, um seinen Kropf zu verdecken: Eine Erfindung,

die wie gute Kragen glänzend, aber ebenso steif ist.

Ich warne dich vor Vatermördern, denn es haftet der Fluch daran, das

heraufzubeschwören, was sie verdecken sollen. Fatales Gesetz der dunklen

Magie. Zudem ist die Unterlassung von Modenarreteien ein sparsames

Hausrezept. Verzeihe, daß ich über etwas geschrieben habe, was ich mir

noch nicht leisten kann, aber du weißt selbst, wieviel Trost es bringt,

uns über Unerreichbares hinwegzuekeln. Könnte ich das immer! Heute war

zum Beispiel ein jungatmiges Spitzentuch – – – – doch nein! Ich will

unsere Wehmut nicht kitzeln.

Noch ein Wort über die Stadt: Sie hat eine staubige Atmung und ich weiß

wie du aus Erfahrung, daß ein Bauer sieben Kilogramm Staub schluckt –

über die Zeit ist nichts gesagt –, aber dabei gesund und grob ist! Darum

will ich Betrachtungen über die Unterschiede des Stadt- und des

Landstaubes anstellen; werde gelehrsame Meditationen über die Wirkung

des Stadtstaubes auf Landbewohner und umgekehrt halten. Der Wissenschaft

zuliebe will ich mich als Versuchskarnickel opfern. So wälze ich die

staubigsten Probleme in meiner Gehirnhöhle: sagte die gute Mutter nicht

immer, ich sei ein problematischer Kerl.

Was Mütter gefühlsmäßig sagen, soll man immer glauben.

Mein liebes Tagebuch! Die Fliegen umsummen die Lampe und lärmen unruhig.

Ich schließe und lösche, denn es ist wirklich Zeit, daß die Tierchen

schlafen gehen, und schlafend erwartet man am sichersten den nahenden

Tag.

Die Worte, die wir morgen reden,

waren heute noch nicht wahr.

Jappes forderte im Schlaf das Recht der Jugend, ruhend zu träumen.

Ein Traum setzte sich kitzelnd wie eine Fliege auf die Nasenspitze

seiner Einbildung: Das zweibeinige seidenrauschende Riechfläschchen, das

ihm beim Stadtbummel in die Nase gestiegen war, erschien. Es trippelte

kühn vor ihm her, trippelte, trippelte, langsam und schwupp drehte es

sich um.

„Freund, erschrick nicht! was starrst du mich so an, meine Dekolletage?

Die Polizeigrenze verläuft tiefer, seitdem die Zensur aufgehoben ist.“

Unterfaßte ihn und ging mit ihm in den Abend hinein, wo das Licht blind

wurde. Da bat er um ihren Mund. Sie sagte: „Es kommt jemand, er sieht

unsere Silhouetten.“ Und Jappes: „Laß den Silhouettenjäger, komm, sei

gut –“

Ein Klaps übers Ohr von weicher Hand, daß er erwachte: „Gott ja! was hab

ich nur geträumt? Oh! ich weiß, wir träumen immer, was wir nicht haben

können.“

Er dachte an seine Mutter und hatte Sehnsucht nach Prügeln.

Der Morgen brachte einen Brief. Das Tagebuch schrieb: Mein staubiger

Problematikus: Du schreibst: Heute war zum Beispiel ein jungatmiges

Spitzentuch – – – – Die zwei letzten Gedankenstriche voller Ironie

hättest du dir sparen können. Die beiden ersten haben mich traurig

gestimmt, weil ich weiß, daß du wieder auf der Pirsch nach Freiwild

bist. Weshalb betrügst du mich nicht und schweigst über diese Sachen!

Mich als sächliches, geschlechtsloses Tagebuch muß es um so tiefer

kränken; „der“ und „die“ können zusammen poussieren, aber „das“ muß

immer verzichten. Daß ich nie Vatermörder trug, weißt du schon, weil ich

keine Vatermörderkragenhalshöhe habe: mithin technisch unmöglich.

Spintisierender Staubfänger, du willst das Opfer der Wissenschaft

werden. Nur Mut! Du bist das richtige Karnickel dazu. Der ekle Rest

deiner übrigen Andeutungen über Personalveränderungen ist trieblos

spröde und in puncto Freundschaft bin ich sehr ernüchtert, weil du

gewaltsame Aenderungen durch allerlei Modekrempel an dir vornehmen

willst. Ueberhaupt – ich kündige dir die Freundschaft auf acht Tage!

Jappes lachte und freute sich, daß das Tagebuch sächlich war. Er

brummte: Bauer, du bist doch nur mein Waschzettel, also fort mit dir.

Nach acht Tagen, wenn wieder großes Reinemachen ist, werde ich mit

meinen Siebenmeilenstiefelgedanken deinen Groll schon dämpfen.

Das Tagebuch war dickköpfig und unwiderruflich, wie alles Geschriebene.

Doch kaum war der Brief weg, als es leise-zitternd wimmerte: Acht Tage

ist halt doch eine lange Frist!

Die Sehnsucht aber baute ihr Nest an dem Ausblick auf einen

Jappesschrieb.

Fetzen · 第 7 / 82 题