Michel erschrak. ›Bei meiner Seel' net!‹ jammerte er, ›ich war's net.‹

›Man müßte suchen,‹ murmelte der Diener, der ihn angeklagt hatte.

›Nehmt ihn fest. Der Büttel soll kommen, man soll seine Sachen

durchsuchen,‹ befahl der Herzog finster.

›Ich war's net, bei meiner Seel', ich war's net!‹ schrie Michel

verzweifelt und wehrte sich gegen zwei Diener, die ihn packen wollten.

›Noi, er war's net,‹ schrie es da plötzlich von der Höhe herab,

›Michele hat's Kästele net genommen.‹

Drei runde Gesichter starrten aus den Falten des Bettvorhanges heraus,

und drei Fingerlein -- sie waren reichlich schwarz -- deuteten auf den

Diener, der Michel angeklagt hatte: ›Der da war's! Der hat die Kästeles

herausgenommen, und eins hat er in den Ofen gesteckt.‹

Die Stimmen gellten aus der Höhe herab dem Schuldigen wie Posaunentöne

ins Ohr. Er sah Gustele und die Sternbübles für himmlische Wesen an,

und schluchzend brach er unter der Last seiner Schuld zusammen. ›Ich

war's, ich war's,‹ stöhnte er, vor dem Herzog knieend, ›ich hab's

getan. Gnade, ach, Gnade!‹

›Die Engel sind lebendig geworden, um einen Unschuldigen zu retten,‹

rief der alte Diener andächtig.

›Noi, noi, Engele sind das da oben net; meine Bübles sind's. Gleich

kommt ihr runter!‹

›Wir können net,‹ jammerten die drei da oben, ›Christian hat's Leiterle

weggeschleppt.‹

›Eine höchst seltsame Geschichte, hm, hm, ungeheuer merkwürdig!‹ Der

Herzog schüttelte erstaunt den Kopf, er konnte es sich gar nicht recht

erklären, und er fragte den Sternwirt: ›Sag Er mir doch, warum sitzen

seine Kinder dort oben?‹

›Aus lauter Unnützigkeit, allergnädigster, durchlauchtigster Herr

Herzog,‹ rief der Sternwirt ärgerlich. ›Wenn sie runter kommen, kriegen

sie Haue.‹«

»Noi,« schrieen die lebendigen Sternbübles im tiefsten Mitgefühl mit

ihren Urahnen, »die haben doch den Michel gerettet!«

»Das haben sie freilich getan,« sagte Frau Tippelmann, »weil nämlich

manchmal eine höhere Macht gütig eine Dummheit in eine Guttat

umwandelt. Ich meine aber doch, Haue -- -- --«

»Noi, noi!« wehrten die Sternbübles aufgeregt, und auch Alette bat:

»Lieber nicht!«

»Na, seid nur still, sie haben ja auch an dem Tage keine Haue bekommen,

denn der gute Herzog verzieh ihnen ihre Neugier, ihn zu sehen, als er

alles erfahren hatte. Ja er schenkte jedem einen schönen, blanken Taler

mit seinem Bilde darauf, und Michele bekam als Schmerzensgeld drei. Da

wurde der so vergnügt, daß er den Bübles erlaubte, beim Stiefelputzen

zu helfen; dies war nämlich in Michels Augen eine ganz besondere

Gnade.«

»Und der Spitzbube?« fragte Mathes eifrig, denn der war ihm wichtiger

als Michels Stiefel.

»Von dem weiß ich nichts weiter,« erwiderte Frau Tippelmann. Der

gestand, daß er von einem Feind des Herzogs angestiftet worden war,

die wichtigen Papiere zu rauben. Und um den Verdacht auf einen andern

zu lenken, hatte er das Juwelenkästchen in den Ofen gesteckt. Er wird

wohl seine Strafe erhalten haben, aber ich denke, der gute Herzog wird

milde gewesen sein. Denn herzensgut war der wirklich und so freundlich

gegen jedermann. Als er nach zwei Tagen abreiste, heulten Gustele

und die Bübles jämmerlich darüber im Hausflur. Der Herzog, der es

hörte, tröstete sie selbst, sagte, er werde wiederkommen, wenn sie

unbeschreiblich brav würden. Die drei versprachen es und, was noch

besser war, sie hielten auch ziemlich Wort. Unbeschreiblich wurde es

mit dem Bravsein freilich nicht, aber alle drei wurden tüchtige Leute.

Der Herzog kehrte auch wirklich noch etliche Male im Silbernen Stern

ein und schlief dort sanft und ungestört. Damit ist meine Geschichte zu

Ende.«

»Sie war schon fein!« rief Fräulein Laura. »Nur das Gefrage und Gerede

von den Sternbübles ging über die Hutschnur. Doch das Bett muß ich noch

sehen; wo steht es denn?«

Gundele sah die Brüder an, die Brüder sahen Gundele an, sie wurden rot

und seufzten, und endlich bekannte Mathes: »Die Stube, wo's steht, ist

zugesperrt, weil -- weil -- weil --«

»Ihr gewiß einmal auf dem Bett herumgeklettert seid,« half Frau

Tippelmann dem stotternden Mathes nach.

»Ja,« bekannte der kleinlaut, »und alleweil ist einem Engele sein

Köpfle abgebrochen und dem andern Engele sein Beinle und --«

»Sternbübles bleiben Sternbübles, da darf man sich nicht wundern!« Frau

Tippelmann sah über ihre Brille hinweg zu den Buben hin, nicht etwa

böse, bewahre, ihre Augen lachten, ihr Mund lachte, und als Fräulein

Laura das sah, lachte sie mit, und schließlich war Alettes Krankenstube

erfüllt von einem hellen, frohen Lachen.

Vergnügt gingen nach einem Weilchen die Löwengäßler heim, und die

Sternkinder suchten ihre Mutter in der Küche auf. Dort schwätzten sie

so viel von dem Himmelbett, erzählten alle drei so durcheinander, daß

zuletzt niemand wußte, welche Sternbübles eigentlich auf dem Himmelbett

gesessen hatten, die lebendigen oder ihre Ururururgroßväter.

[Illustration]

Sechzehntes Kapitel.

Eine schauerliche Geschichte.

Fräulein Laura seufzt, aber Frau Tippelmann will Pfingstkuchen

backen. Im Räuberschlößle wird ein Plan geschmiedet, der auch

zur Ausführung kommt. Drei Damen erzählen von einem furchtbaren

Untier, der Gendarm Körble meint, es sei ein Füchsle gewesen

oder Kräuterpeterle. Auf dem Berg wird nichts gefunden, aber

im Bachwirtshaus gibt es eine wundersame Begegnung. Die

Sternbübles bekommen ein Güßle und werden sehr vergnügt, und

dem schönen Tag folgt ein schöner Abend.

Wie schnell doch die Tage vergingen!

Laura hätte den Tagen in Breitenwert nie so flinke Beine zugetraut.

Ostern war doch kaum gewesen, und nun stand Pfingsten schon vor der

Türe. Die Löwengasse roch vom Untermarkt bis zum Obermarkt nach

frischem Kuchen und jungen Birken. In allen Häusern wurde gescheuert

und geputzt. Alle freuten sich, nur Laura war traurig. Es war ein

Brief von Herrn Amhag gekommen, er wäre unterwegs, um Alette zu holen.

Er hatte von ihrer Krankheit erfahren und sorgte sich um sein Kind.

Breitenwert erschien ihm doch nicht der rechte Platz für Alette. Hier

waren sie alle zufrieden, hier war Alette ein glückliches Kind, und wo

gab es wieder ein so gemütliches Haus wie die Rose?

Laura wollte Frau Tippelmann nichts sagen; doch die sah ihr den Kummer

an der Nasenspitze an, und als sie Herrn Amhags Brief gelesen hatte,

wurde sie auch traurig. Sie sagte dann aber gelassen: »Man muß alles

nehmen, wie es kommt. Zu viel Sorge zerbricht das Glas. Heute wollen

wir Pfingstkuchen backen; kommt das Kind wieder fort, dann soll es

wenigstens ein rechtes frohes Pfingstfest gefeiert haben im Löwengäßle,

im alten Amhaghaus.«

An Pfingstfreude fehlte es Alette schon an diesem Tage nicht. Die saß

mit den Grillschen Kindern im wieder ausgebesserten Räuberschlößle und

genoß die ersten richtigen Ferien ihres Lebens, nach erst vierzehn

Tagen Schulzeit freilich; aber wunderfein war es doch. Sie waren

allesamt so vergnügt, daß sie himmelgern etwas ganz Besonderes getan

hätten, und sie spitzten alle die Ohren, als auf einmal Trinle rief:

»Ich weiß was Feines.«

»Ich ahn's schon,« brummte Steffen, »du kommst wieder mit deinem dummen

Räuber- und Prinzessinnenspiel; öde ist's.«

»Falsch geraten!« Trinle strich sich ihr blaues Leinenkleidchen glatt

und sah so pfiffig und geheimnisvoll aus, daß es Alette gar nicht mehr

erwarten konnte. Sie flehte: »Sag's doch endlich!«

»Also --,« Trinle holte erst noch mal Atem, »wir machen einen Ausflug

nach dem Burgbergle, und oben -- -- --«

»Spielen wir Drachen,« jauchzten die Brüder.

Alette Amhag riß die Augen weit auf. »Drachen?« fragte sie, »gibt's die

da?«

»O Alette, Alettle, dummes Nettchen,« riefen die Geschwister alle

durcheinander, »wir spielen Drachen mit unserem Drachen.«

»Habt ihr denn einen?«

Trinle nickte sehr eifrig, dabei fielen ihr beide Zöpfe über die

Nase. »Geschenkt bekommen von Onkel Valentin, damals zu Großmutters

Geburtstag. Weil du krank warst, hast du ihn net gesehen. Komm mit!«

Sie zerrten Alette in das Haus hinein und zeigten ihr dort in einer

Kleiderkammer ihren Schatz. Der sogenannte Onkel Valentin, ein älterer

Vetter der Kinder, war einmal zu einem kleinen Maskenfest als Krokodil

gegangen; die grüne Hülle hatte er dann Trinle geschenkt. Damit

gespielt hatten die Kinder freilich noch nie, sie hatten immer das

märchenhafte Gewand zu einem besonderen Fest aufheben wollen. Heute

schien ihnen der sonnenwarme Pfingstsonnabend aber recht geeignet, um

an ihm ein neues, wunderbares Spiel zu spielen.

»Wenn wir nur dürfen!« sagte Steffen etwas unsicher.

»Ach, schon, heute ist doch halb Feiertag! Erst fragen wir bei uns,

dann bei Frau Tippelmann,« bestimmte Veit, und die andern fanden auch,

so sei es recht.

Frau Grill zögerte mit der Erlaubnis; weil aber de Kinder gar so sehr

baten und allergrößte Bravheit versprachen, sagte sie schließlich ja,

und Frau Tippelmann zögerte erst auch und sagte dann auch ja.

Auf dem Gäßle trafen sie dann die Sternkinder, alle drei; die

erzählten, sie gingen zur Muhme Bachwirtin. Sie seufzten sehr, als sie

den schönen Plan vom Drachenspiel hörten; sie redeten hin und her, die

Bübles wären schon gern am Bachwirtshaus vorbeigelaufen, Gundel aber

sagte: »Das geht net.«

Da fiel Mathes etwas ein. »Kommt heim übers Bachwirtshaus,« riet er,

»die Muhme läßt uns alle heimfahren mit dem Wägele.«

»Ach, das wird fein!« schrie Trinle.

»Ich muß erst die Großtante fragen,« meinte Alette ängstlich.

Aber Veit belehrte sie rasch, dies sei nicht nötig. Die Burg, eine auf

einem mäßig hohen Berg gelegene, ganz zerfallene Ruine sei nicht weit

vom Bachwirtshaus. Dort waren die Grills schon oft mit ihren Eltern

gewesen. Sie kannten den Weg in das Tal hinab gut und gaben gern die

Zusage. Die Sternkinder waren noch nicht wanderbereit, sie sollten noch

allerlei für die Muhme mitnehmen, also gab es kein Zusammenwandern.

Mit Hurra und Hallo zogen die Grills und Alette durch die Löwengasse

über den Untermarkt zum Tore hinaus. Alette sehnte sich förmlich nach

der Burg, von der sie schon so viel gehört hatte, und sie war, wie

Steffen sagte, »purzelvergnügt«.

Von der Burg konnten die Breitenwerter in das anmutige Tal ihrer Heimat

hinabschauen, und sie gingen gern hinauf. Manchmal kamen auch Fremde

über den Burgberg nach dem Städtchen gewandert, weil es da einen

überaus lieblichen Waldweg gab. Am Pfingstsamstag aber kam sicher

niemand auf den Gedanken, auf die Burg zu gehen, und die Kinder ahnten,

sie würden heute dort ungestört sein. Dieser Gedanke berauschte sie

förmlich, und sie zogen singend durch das Städtchen und singend den

Berg hinan. Auf halber Höhe war ein Gasthaus, in dem die Breitenwerter

Kaffee zu trinken pflegten. An ihm schritten die Kinder stolz vorbei;

pah, sie hatten Vorrat genug in ihren Rucksäcken! Als sie oben waren,

schrie Kasperle gleich: »Ich habe ein Löchle im Bäuchle.«

Trinle war mehr dafür, gleich zu spielen, aber die Brüder überstimmten

sie. Also setzten sie sich auf die zerbröckelten Stufen, die zum alten

Wartturm hinaufführten, schmausten und erzählten sich von ihrem

Spiel. Trinle sagte zu Steffen: »Du mußt Drache sein, du kannst so gut

brummen.«

»Und Alette du 's Prinzeßle,« riefen alle, und Veit bestimmte noch:

»Kasperle ist ihr Page, und ich bin Ritter, und du bist mein Knappe,

Trinle.«

Damit waren alle sehr einverstanden, und Trinle freute sich besonders

über den Knappen. Heisa, da konnte sie gewiß den Drachen am Schwänzle

ziehen, was sich für Ritter selbst nicht schickte.

»Ihr müßt gehen,« sagte Steffen; »wenn ich pfeife, kommt ihr wieder,

dann bin ich Drache.«

Veit wollte nicht recht, aber die Mädel zogen ihn fort. Sie suchten

Blumen, denn Alette sollte doch eine Prinzessinnenkrone erhalten. Ein

paar Minuten später schritt dann Prinzessin Alette fromm und sittig,

ein Blumenkränzlein im Haar, der Burg zu, Kasperle als Page hielt sie

am Kleid fest. Auf einmal stürzte sich der Drache Steffen auf das arme

Prinzeßlein; er sah so furchtbar aus, daß sich Alette wirklich zu

fürchten begann und jämmerlich zu heulen anfing. Kasperle fiel ein,

und beide wurden von Veit stolz in das sogenannte Verlies geschleppt.

Dieses war der einzige noch gut erhaltene Raum der Burg, ein teilweise

überdachtes halbhohes Gemach. Es mochte wohl einst als Halle gedient

haben. Von seinen kleinen Fenstern aus, die in tiefen Nischen lagen,

hatte man einen lieblichen Blick über das Tal, das heute schön im

Frühlingsglanz lag. Alette kauerte am Fenster, Kasperle zu ihren Füßen,

und beide warteten wirklich ein wenig voll ängstlicher Sehnsucht auf

den Ritter Veit und Trinle, den Knappen. Steffen lag am Eingang; er

fauchte von Zeit zu Zeit, und Kasperle sagte etliche Male: »Alette, ich

graul mich.«

Ritter und Knappe saßen inzwischen auf halber Bergeshöhe, und als oben

das Geschrei losging, sagte Trinle befriedigt: »Jetzt hat er sie; fein,

Steffen schreit prachtvoll!«

»Nun komm!« Veit nahm seinen Stock, und als Trinle neben ihm bergan

schreiten wollte, brummte er sie an: »Ein Knappe geht hinter seinem

Ritter, weißt das net?«

Beschämt trat Trinle zurück. Sie dachte bei sich: Den Drachen zwick'

ich ordentlich! und darüber wurde sie wieder sehr vergnügt.

Eine Prinzessin befreien ist aber keine leichte Sache. Der Drache

Steffen wenigstens nahm es ungeheuer ernst, er fauchte, spuckte,

brüllte und fuhr mit einem Stecken seinen Angreifern so wild zwischen

die Beine, daß der Knappe Trinle das Schwanzzwicken aufgab und zuerst

davonlief. Und dann -- Ritter Veit prallte rasch zurück -- entzündete

der Drache zischend ein Rotfeuerhölzchen, und das wirkte so unheimlich,

daß Prinzessin Alette und der Page Kasperle laut aufschrieen und der

Ritter über seinen Stock stolperte, den zerbrach und waffenlos beinahe

dem Drachen in die Hände gefallen wäre. Er gab das Kämpfen auf und

floh seinem Knappen nach. Ganz atemlos fanden sich beide am Ruheplatz

zusammen. »Ich muß erst ein neues Stöckle schneiden,« murmelte Veit.

»Warum bist du mir ausgerissen?«

»Fein war's,« rief Trinle, »ich hab mich richtig gegrault!«

Oben lag der Drache am Boden und knurrte vor Behagen; er war mit seinem

Tun zufrieden. Wenn die arme Prinzessin Alette sich nur rührte, dann

fauchte er sie an, und Alette, die an solche Spiele noch nicht recht

gewöhnt war, fürchtete sich mehr und mehr. Auch Kasperle war die ganze

Geschichte unheimlich; er flüsterte ein paarmal Alette ins Ohr: »Wenn

wir nur ausreißen könnten!«

Das Fauchen und Knurren war draußen nicht zu hören, der Burgberg lag

ganz still im Frühlingsfrieden, nur die Vögel sangen, und die Bienen

schwirrten summend von Blüte zu Blüte. Plötzlich aber wurde diese

Stille durch Stimmen unterbrochen, und Ritter Veit, der sich gerade

zu einem neuen Kampfzug rüstete, sagte erschrocken: »Trinle, es kommt

jemand!«

Es kam wirklich jemand, daran konnte schon kein Zweifel sein. Die

Stimmen wurden lauter und lauter, und als Veit und Trinle vorsichtig

näher schlichen, sahen sie auf dem schmalen Fußweg, der zur Burg

führte, drei Damen wandern, immer eine hinter der andern, und hinter

ihnen kamen zwei Herren. Die erste der Damen schien recht schlechter

Laune zu sein; sie schalt unaufhörlich in einem fremdklingenden

Deutsch, das die Kinder nicht verstanden. Die sahen nur ihr bitterböses

Gesicht.

»Puh,« flüsterte Trinle, »aber die ist arg schlimm, so ein böses

Gesichtle!«

Den beiden andern Damen, die noch jünger waren, mochte das Schelten

auch nicht gefallen; sie hatten gar keine rechten Maientaggesichter.

Jetzt kamen sie alle drei so nahe, daß die Kinder auch verstehen

konnten, was sie sagten. »Es ist Unsinn,« grollte die alte Dame,

»bei dieser Hitze auf ein altes Burg zu gehen; das ist ein deutscher

Einfall. Wer weiß, ob das da überhaupt ein echtes altes Burg ist!«

»Wie frech,« tuschelte Trinle dem Bruder zu, »unsere Burg ist doch

echt!«

»Na ob!« Veit sah den dreien grollend und feindselig nach. Erstens

störten sie das Spiel, und dann war es wirklich empörend, an der

Echtheit der Burg zu zweifeln.

Drache, Prinzessin und Page konnten in ihrem Verlies die Fremden nicht

sehen, sie hörten nur undeutliches Stimmengewirr, und Steffen brummte

zufrieden: »So dumm, wenn sie solchen Lärm machen, hör' ich sie doch

kommen!« Er kugelte sich vor dem Eingang zusammen und hielt seine

Schachtel Buntfeuer bereit, sein Drachengift. Heisa, er wollte ihnen

schon zeigen, daß er ein tüchtiger, feuriger, kampfbereiter Drache war!

»Die gehen rein ins Verliesle,« flüsterte im Gebüsch Trinle aufgeregt.

Beide Kinder lagen flach auf dem Bauch und starrten gespannt den

Fremden nach.

»Hier scheint ja der Eingang zu sein,« sagte die alte Dame soeben; sie

ging als erste vorsichtig die paar Stufen zu dem Verlies hinab. Die

andern folgten nicht minder bedachtsam im Gänsemarsch.

»Pffpff, ruruhuuh, schischischih!« fauchte, spuckte und kreischte es

ihnen entgegen, und surr! stieg prasselnd ein rotes Flämmchen vor ihnen

auf, und etwas Furchtbares erhob sich da in der halben Dämmerung und

stürzte auf sie los.

Rose, Linde und Silberner Stern: Erzählung für die Jugend · 第 8 / 11 题