»Schiuih!« ging eine grüne Flamme in die Luft, und dann zuckte wieder
ein rotes Flämmchen auf; wie ein Höllenschlund erschien es den dreien.
[Illustration]
Kreischend, schreiend, sich gegenseitig fast umrennend, purzelten und
stürzten die drei Damen hinaus. »Hilfe, Hilfe, Hilfe!« Sie rasten
den Bergabhang hinab, rissen die beiden Herren, die erschrocken
stehengeblieben waren, mit fort und keuchten: »Kommt, kommt, Hilfe,
ach, Hilfe!«
»Was ist, was gibt es?«
Der jüngere der beiden Herren, ein stattlicher, hochgewachsener Mann,
wollte stehenbleiben, aber zwei Damen zerrten ihn hinweg, und ihr
Schreien hallte vom Berg zu Tal.
Trinle und Veit starrten den Fliehenden sprachlos vor Staunen nach.
Konnten die schreien! Aber warum taten sie es nur?
Plötzlich jauchzte Veit auf: »Trinle, sie haben den Drachen gesehen; o,
das ist fein!« Und gerade als unten die Fliehenden an einer Wegbiegung
verschwanden, sausten die beiden zur Burg hinauf und stürzten in die
Halle. »Die sind vor dir ausgerissen, Steffen,« jubelten sie beide,
»die haben dich für ein Teufele gehalten.«
Drache Steffen, Prinzessin Alette und der Page Kasperle sahen ein
wenig verstört drein; ihnen war die ganze Geschichte ziemlich dunkel.
Der Drache blies seine Hand, denn seine Buntfeuerschachtel war ihm
unversehens in Flammen aufgegangen, und dabei hatte er sich seine
Finger verbrannt. »Was war das nur?« brummte er mißmutig.
»Fremde waren's,« jubelte Trinle. Sie hüpfte vor Freude auf einem Bein
hin und her und sang: »Ausgerissen, ausgerissen, ausgerissen!«
»Ausgerissen, ausgerissen!« sang es ihr Kasperle nach, und Veit führte
einen wahren Indianertanz auf. »Ausgerissen, fein, fein!«
»Sie haben dich, hihihihi, für einen richtigen Drachen gehalten!«
»Oder für ein richtiges Teufele.« Trinle tat einen Luftsprung. »Fein,
fein!« ächzte sie.
»Für einen richtigen Drachen, mich -- und ausgerissen sind sie?«
Steffen war überwältigt von diesem Erfolg; kein König hätte in diesem
Augenblick stolzer sein können. »Hurra,« jauchzte er, »hurra!«
»Ausgerissen!« Alette Amhag bekam ganz große, runde Augen. Die ganze
Sache war so seltsam, so märchenhaft, daß sie zu träumen vermeinte.
Dann fiel ihr, der Zaghaften, aber jäh ein, die Ausgerissenen könnten
wiederkehren. Was taten sie dann, wer waren sie?« Bebend sagte sie:
»Wenn -- wenn sie wiederkommen!«
»Ich jage sie wieder weg,« rief Steffen kühn. »Freilich, mein Feuerle
ist alle!«
Ob nun ein Drache ohne eine Schachtel Buntfeuer auch so wirksam sein
würde, wußten die andern nicht, aber das Zurückkommen der Ausgerissenen
erschien ihnen doch wahrscheinlich. Ja, und dann? Sie sahen sich an und
kamen etwas bedrückt zu dem Entschluß, nun selbst einmal auszureißen,
andersherum nach dem Bachwirtshaus hinab, zu dem ein schmaler, kaum
sichtbarer Fußsteig hinabführte. Den breiteren Weg konnten sie nicht
wählen, da wären sie vielleicht den Fremden begegnet. Die vier packten
also eiligst ihre Sachen zusammen, der Drache nahm seine Haut über den
Arm, und dann verließen sie die Burg.
Trinle war es nicht recht; die sagte leichtherzig: »Wir könnten
bleiben, sie kommen net wieder.« Aber Alette flüsterte ängstlich: »Ich
höre Stimmen.«
Einen Herzschlag lang lauschten alle. Sie brauchten jedoch ihre Ohren
nicht allzusehr zu spitzen, die Stimmen wurden immer hörbarer, und
Trinle rief selig: »Wir müssen fliehen, himmlisch ist das!«
Auch die andern fanden die Flucht sehr aufregend, und Veit befahl:
»Mädeles, ihr geht mit dem Rucksack voran, Kasperle mit; wir zwei sehen
erst, wer kommt.«
»I wo, ich geh net voran, ich leg mich aufs Bäuchle wie die Indianer,«
erklärte Trinle begeistert.
Doch die Brüder überstimmten sie. »Du mußt bei Alette bleiben,«
geboten sie. Und wirklich brauchte Alette jemand; die zitterte wie ein
Grashälmlein im Wind. Doch Kasperle fühlte sich als ihr getreuer Page.
Der schob seine Hand in ihre und sagte gnädig: »Ich beschütze dich.«
Da war Alette zufrieden, sie schlich mit Kasperle durch das Gebüsch,
und die Buben und Trinle legten sich auf den Bauch. Noch waren die
Fliehenden nicht drei Schritte weg, da tuschelte schon Trinle den
Brüdern zu: »Ich sehe was Blankes.«
»Der Gendarm!« flüsterte Veit zurück.
So war es wirklich. Unten am Burgberg waren die schreienden, fliehenden
Damen endlich stehengeblieben und hatten den beiden Herren erzählt, was
ihnen begegnet war.
»Ein furchtbares Tier kam,« schluchzte die eine.
»Es war ein Löwe oder ein Räuber oder sonst ein Untier, ganz bestimmt,«
behauptete die älteste von den dreien, und die jüngste jammerte:
»Feuer, Feuer, es hat gebrannt!«
»Unsinn!« sagten die Herren.
»Kein Unsinn,« schrieen die Damen empört, »schrecklich war es!«
»Bitte schön, was ist so schrecklich?« fragte da eine Stimme, und vor
den Fremden stand dick und behaglich der Gendarm Körble.
»O, Sie kommen zur rechten Zeit,« rief die ältere Dame, »hören
Sie nur!« Und aufgeregt, von dem Klagen und Schluchzen der andern
unterbrochen, erzählte sie das Abenteuer auf der Burg.
»I noi!« Der gute Gendarm Körble riß Mund und Augen weit auf; so etwas
war ihm in seinem Leben noch nie vorgekommen. Er schüttelte bedächtig
den Kopf: »Räuberles gibt's hier net und, noi, solche Tierles auch net.
Hm, vielleicht war's ein Füchsle?«
»Schreit ein Fuchs, und spuckt ein Fuchs Feuer?« riefen die drei Damen
empört.
»Noi, so was tut ein Füchsle eigentlich nie net, das reißt immer aus!«
Körble sah ganz bedenklich drein. »Hm, hm!«
»Vielleicht war es ein -- ein Gespenst.« Die jüngste der drei Damen
flüsterte es zitternd.
»Hm,« brummte der dicke Gendarm, »mein Großmutterle selig hat alleweil
erzählt, auf der Burg geistere ein altes Ritterfraule herum, aber doch
net am hellen, lichten Tag. Noi, so was gibt's net. Ach, vielleicht
war's Kräuterpeterle, der oben sein Pfeifele geraucht hat!«
»Schreit der, spuckt der mal rotes, mal grünes Feuer?« rief die ältere
Dame, die immer wütender wurde.
»Noi, gewöhnlich net, der ist ein höflicher Mann.« Körble seufzte, das
war doch eine höchst verzwickte Sache; so etwas war in Breitenwert noch
gar nicht dagewesen. »Ich will mal nachsehen,« beschloß er endlich.
»Wir gehen mit,« riefen die beiden Herren.
»Mich bringen nicht zehn Pferde in das alte Räubernest,« erklärte die
ältere Dame. Die jüngeren aber hatten Lust, mit hinaufzugehen, und ein
paar Augenblicke redeten sie hin und her. Zuletzt blieben zwei Damen
unten am Wegrand sitzen, während die andern alle bergauf stiegen, um
das Ungeheuer zu sehen.
Oben fanden sie nichts, der Drache war spurlos verschwunden, und soviel
die vier auch suchten, so emsig sie auch in alle Winkel blickten,
nichts war zu sehen. Die drei Paar lustigen Kinderaugen, die aus dem
Haselgebüsch hervorlugten, sahen sie freilich nicht: Trinle und die
Brüder aber sahen alles und hörten auch, was gesprochen wurde, und ein
paarmal meinten sie vor Lachen ersticken zu müssen.
»Wir wollen hier doch mal in den Büschen suchen,« sagte oben endlich
der Gendarm.
»Ja, das wollen wir,« rief die Dame eifrig. »Es war etwas da, und
es muß etwas da sein; an ein Gespenst glaube ich freilich nicht.
Deutschland mag noch so romantisch sein, Gespenster zur Mittagsstunde
gibt es sicher nicht.«
»Jetzt müssen wir ausreißen,« flüsterte Veit den Geschwistern zu. »Los,
wir rutschen!«
Eilfertig begann er den Berg abwärts zu rutschen. Trinle und Steffen
folgten, und gerade als die oben sagten: »Hier raschelt es immer so,«
hatten die beiden unten Alette und Kasperle erreicht. Denen tuschelten
sie aufgeregt zu: »Wir müssen fliehen, rutscht auch weiter nach unten.«
»Beinahe wie bei den Indianern ist's,« jubelte Trinle. Sie war zwar
noch nie bei den Rothäuten gewesen, aber sie meinte, die Rutscherei
würde dort wohl gebräuchlich sein.
Alette Amhag aber klagte bänglich: »Wohin geht es denn? Ich -- ich
fürchte mich so!«
Doch das Rutschen war nicht sonderlich schwer, und da es im Walde
trocken war, langten die fünf nicht allzu schmutzig mit heiler Haut
und heilen Kleidern im Talgrund an. Dort ruhten sie ein Weilchen
und überlegten, was sie tun sollten. Sie hörten die Stimmen oben
näher klingen, und die Angst überkam sie, Körble könnte die Fremden
hier hinabführen. »Wir laufen ins Bachwirtshaus,« schlug Veit vor,
»vielleicht sind die aus dem Stern schon da.«
Den Plan fanden alle gut. Selbst Alettes Gesicht hellte sich auf, als
sie nun wieder auf ihren Beinchen stehen konnte, und das Bachwirtshaus
als Ziel lockte sie sehr. Der Weg führte am Waldrand entlang durch ein
liebliches Tal, durch das ein schneller Bach floß. Er hatte es eilig,
und die Kinder hatten es eilig, die wollten im Bachwirtshaus sein, ehe
die Fremden mit dem Gendarm vielleicht vom Berg herabkamen. Die Wirtin
freute sich über den Besuch, und noch drei mit ihr, Gundel und die
Brüder. Die waren vor einem Weilchen angelangt und saßen schon in der
großen Wohnstube des Wirtshauses als Ehrengäste, denn nur die durften
hier herein. Nach der Gaststube führte ein Fensterlein; aber die Wirtin
brauchte nicht hindurchzusehen, denn an diesem Pfingstsonnabend war
es sehr still in dem Wirtshaus. Erst morgen kamen wohl die Gäste.
Jedenfalls durchzog ein lieblicher Duft nach frischem Kuchen das
Haus, und die Bachwirtin sagte heiter: »Ihr kommt gerade recht. Und
Pfingstsonnabendgäste haben es umsonst.«
Es dauerte nicht lange, da stand Milch auf dem Tisch und ein
riesengroßer Teller voll Kuchen. Die Wirtin setzte sich zu den Kindern
und fragte: »Nun erzählt mal, wo waret ihr denn?«
»Auf der Burg -- da und --« Sie stockten, sahen sich an und platzten
dann alle auf einmal heraus: »Wir haben Drachen gespielt; fein war's!«
»Drachen,« rief die Wirtin erstaunt, »ja, wie habt ihr denn das
gemacht?«
Da erzählten sie alle durcheinander das Erlebnis, und die Wirtin,
die Sternbübles und Gundel lachten herzhaft darüber, am meisten die
Sternbübles. Die hopsten vor Vergnügen, und Mathes flehte: »Sei doch
noch mal Drache, Steffen!«
»Soll ich?« Steffen war sehr stolz auf sein Drachensein, nur das
Buntfeuer fehlte ihm. Aber die andern erklärten einstimmig, es ginge
auch ohne Feuer, denn das Fauchen, Kreischen und Spucken sei eben doch
die Hauptsache. Selbst die Bachwirtin sagte: »Spiel uns das Untierle
nur mal vor! Was seid ihr nur für Kinderles im Löwengäßle, immer fällt
euch was Rares ein!«
Die Sternkinder mußten sich an die Wand stellen, sie durften nicht
zusehen. Der Wirtin hielt Trinle die Augen zu und versicherte ihr: »Sie
sind sonst net überrascht genug. Alette paß auf die Sternbübles auf,
die blinzeln.«
Also wurden die Sternbübles bewacht. Bei Gundel war es nicht nötig,
die hielt sich ihr Schürzle fest vor das Gesicht, und die Wirtin ließ
sich das Augenzuhalten auch gutmütig gefallen; sie versprach, ungeheuer
überrascht zu sein.
Das waren sie dann alle miteinander wirklich sehr, als sich Steffen in
seiner graugrünen Krokodilshülle auf einmal vor ihnen auf dem Boden
wand und schauervolle Töne ausstieß. Da kreischten die Wirtin und die
Sternbuben laut auf, Gundel brach in Tränen aus und wurde von Alette,
die immer noch das blumige Prinzessinnenkrönchen trug, liebevoll
getröstet.
»Wie er faucht, wie er spuckt!« schrie Trinle begeistert. »Gelt, er ist
schön?«
Steffen, geschmeichelt durch dies Lob, spuckte, kreischte, knurrte,
grunzte und quietschte; er stand mal aufrecht, mal lag er auf der Erde,
kurz, er benahm sich wie ein richtiger Drache.
Das Lachen und Jauchzen der Zuschauer wurde immer lauter, am Fenster
der Gaststube standen ein paar Mägde, die schauten auch zu, und alle
miteinander vergaßen, daß in ein Wirtshaus auch Gäste kommen können.
Steffen schrie dumpf aus seiner Hülle hervor: »Jetzt mache ich den
Drachensprung und raube das Prinzeßle.«
Alette quietschte, sie kletterte flink auf einen Stuhl, Kasperle und
Trinle schrieen: »Wir schützen dich!« Die Sternbübles schauten sehr
wild und kampfmutig drein, und Steffen kauerte sich in einer Ecke
zusammen, zum Sprung bereit. Er brummte, heulte und sprang dann jäh mit
wildem Gebrüll empor --
»Da ist er wieder, das ist das Untier,« kreischte eine Stimme, und die
alte Dame vom Burgberg sank Körble in die Arme. »Ich sterbe!« ächzte
sie.
In der Türe, die Gastzimmer und Wohnstube verband, standen die
Fremden mit dem Gendarm. Ihr Kommen hatte niemand bemerkt, die Mägde
am Guckfensterchen auch nicht; sie alle hatten nur auf den Drachen
gesehen, der jetzt matt und kraftlos am Boden lag. Er hatte sich in
seinen Schwanz verwickelt und konnte nicht wieder aufstehen. Aber die
schöne Haut hatte allerlei Risse bekommen, und ein Bubenbein und ein
Bubenkittel wurden sichtbar. Nach und nach kam auch ein Gesicht zum
Vorschein. Steffen kroch ein wenig aus seiner Drachenhaut heraus, in
der es ihm anfing recht ungemütlich zu werden.
»Ein Boy, wirklich ein Boy!« riefen die drei Damen. »Wie komisch! Was
soll das bedeuten?«
Trinle fand die Frage recht überflüssig; sie meinte, jeder müßte
sehen, daß sie gespielt hatten. Sie kicherte ein wenig und flüsterte
verschämt: »Wir haben doch nur gespielt! Steffen war der Drache; der
hat Alette geraubt.«
»Alettle war das Prinzeßle,« schrieen die Sternbübles dazwischen, die
rechts und links wie zwei Schildwachen neben Alettes Stuhl standen,
beinahe so, als müßten sie die Freundin gegen lauter Feinde verteidigen.
»Alette!« rief da plötzlich der jüngere Herr erstaunt. »Mein Gott, das
ist ja meine Alette!«
»Papa, o Papa!« Der Stuhl, auf dem Alette stand, geriet ins Wanken, und
die Sternbübles vergaßen vor lauter Staunen ihn zu halten, aber der
Fremde sprang zu, und Alette lag da plötzlich in ihres Vaters Armen.
Sie lachte und weinte und wußte wirklich nicht, träumte oder wachte sie.
Herr Amhag sah gerührt, erstaunt, ja fast betroffen auf sein Kind
nieder. War dies rosige Mädel denn wirklich sein blasses Kind, von
dem Frau van Bachhoven ihm geschrieben, es würde sterben in der engen
Kleinstadtgasse? »Alette, Kind, wie kommst du hierher, und -- wie
siehst du aus?«
Alette dachte, des Vaters Frage gelte dem Blumenkränzlein in ihrem
Haar, sie griff verwirrt danach. »Es ist nur, weil ich ein Prinzeßle
war,« stammelte sie. »O Papa, wir haben so schön gespielt!«
»Gespielt, hier?« Ja, wo waren denn die vielen Kummertränen, die Alette
weinen sollte nach Lauras früherer Angabe? »Kind,« fragte Herr Amhag,
»bist du denn froh hier? Sehnst du dich nicht fort? Ich komme doch,
dich zu holen!«
Dich zu holen! Das Wort dröhnte den Linden- und den Sternkindern wie
Posaunenton ins Ohr. Ihre Alette sollte fortgeholt werden! Trinle
wohnte ohnehin immer zwischen Tränenbach und Lachbrünnlein, jetzt rann
eilig der Tränenbach. Kaum sah das Kasperle, so fing er auch an zu
schluchzen. »Alette soll nicht fort!« klagte er.
Das war zu viel für der Sternbübles Fassung. Die brachen jäh in ein
so ungeheures, gewaltiges Jammergebrüll aus, daß die alte Dame vor
Schreck auf einen Stuhl sank. So etwas hatte sie noch nie gehört! »Um
Himmelswillen, die beiden werden verrückt!« stöhnte sie.
»Seid ihr unklug, Büble?« schalt die Bachwirtin. »Was soll das
Geflenne?«
»Alettle, Alettle!« heulten die Buben. Sie brüllten, als sollten
sie wie zwei Öchslein über dem Feuer geröstet werden, und dieser
schreckliche Schmerz der beiden bewegte Alette tief; auch sie brach
in Schluchzen aus. Auf einmal heulte die ganze Kindergesellschaft,
nur Veit und Steffen drückten und schluckten, sie hielten Tränen für
unwürdig. Dafür schrie das Kasperle mit den Sternbübles um die Wette.
In allem Schmerz versuchten sie einander doch zu übertreffen, und jeder
dachte mit heimlicher Freude: »Ich kann's besser!«
»Willst du denn so gern hierbleiben, Alette?« Herr Amhag mußte lachen,
und wie das Alette sah, versiegten rasch ihre Tränen. Sie schlang beide
Arme um ihres Vaters Hals und flehte: »Bleib auch hier, es ist so
wunderschön im Löwengäßle!«
»Ich will's mir überlegen. Ihr da, hört mal auf zu heulen! Heute oder
morgen reist Alette bestimmt noch nicht ab.«
Morgen noch nicht! Na, da konnte man freilich mit den Tränen noch
warten, und flugs fand Trinle den Weg zum Lachbrünnlein wieder. Ihr
Gesicht strahlte, Kasperle jauchzte gleich laut auf, und auch Gundel
wischte sich bald die letzten Tränen ab. Nur die Sternbübles heulten
weiter; schauerlich war ihr Gebrüll. Sie waren so gut in der Übung
drin, da dachten sie, wenn schon, denn schon.
»Man muß sie zum Aufhören bringen,« brummte ihre Muhme, die Bachwirtin.
»Draußen die Hühner vergessen ja das Eierlegen vor Schreck bei so
einem Geschrei!« Sie nahm eine Wasserkanne vom Tisch und schwapp!
bekam Mathes einen Guß und schwapp! Peter einen. Da wurden die beiden
plötzlich mäuschenstill. Klapp, schlossen sie ihre Münder, und sie
sahen darob selbst so unglaublich verdutzt drein, daß die Bachwirtin
herzlich lachen mußte. Ihr Lachen fand ein vielstimmiges Echo, einer
nach dem andern fiel ein, und zuletzt lachten die Sternbübles am
lautesten. Hatten sie vorher vor Kummer gebrüllt, so brüllten sie jetzt
vor Lust, und die Muhme drohte: »Es gibt bald wieder ein Güßle, aber
ein kräftiges!«
Es gab aber kein Güßle mehr, kein Tränengüßle, kein Wassergüßle, und
der Himmel sandte auch kein Regengüßle. Der schöne Tag wandelte sich
zum schönen Abend, und just lugten sie in der Löwengasse ängstlich nach
den Kindern aus, als sie heimkehrten. Herr Amhag kam mit ihnen und die
Fremden auch. Die stiegen im Silbernen Stern ab, denn wer Breitenwert
recht kennenlernen wollte, der mußte in der Löwengasse wohnen.
Frau Tippelmann hatte eben nach alter Sitte zwei Maien an die Haustüre
gestellt, als Alette an ihres Vaters Hand daherkam. Da sah der das Haus
seiner Vorfahren im Festschmuck, und ihm, der die weite Welt durchreist
hatte, gefiel doch dies alte Haus in der kleinen Gasse, und er sah
heiter zu dem frohen, trotzigen Spruch des Ahnherrn auf, der über der
Türe unter der Rose stand: »Ich bau' mein Haus, wie mir's gefällt.«
Oben sah Fräulein Laura zum Fenster heraus. Die sah den Ankommenden und
sie seufzte schwer. »O weh, da ist der Herr gekommen, nun geht's bald
fort aus der Löwengasse!« Aber da hörte sie unten schon Herrn Amhag
heiter sagen: »Und vorläufig bleibe ich hier, ich will mich einmal
lange, lange ausruhen in dem alten Rosenhaus.«
Siebzehntes Kapitel.
Die Überraschung.
Herr Häferlein ist betrübt, und Laura vergißt allerlei. Sie
sagt vielerlei zum Lobe der Löwengasse. Herr Amhag geht mit
Alette spazieren, und die Lindenkinder und die Sternkinder
sinnen auf eine Überraschung. Was Herr Häferlein in seinem
Laden findet, und warum Herr Baldan nun genug Sirup hat.
Man war an diesem Pfingstsamstag sehr vergnügt in der Löwengasse in
Breitenwert, nur der gute Herr Häferlein stand ein wenig betrübt vor
seiner Ladentüre. Ein paar Käuferinnen waren noch dagewesen, er hatte
ihnen allen gute Feiertage gewünscht, sie ihm auch, und nun wollte
er eben seinen Laden schließen. Da kam noch flink Fräulein Laura aus
der Rose gelaufen. Über Herrn Amhags Ankunft hatte sie das Einkaufen
vergessen, nun wollte sie noch dies und das. Herr Häferlein gab ihr
alles, er redete auch freundlich wie sonst, aber Laura sah doch, daß
er traurig war. »Was fehlt Ihnen, Herr Nachbar,« fragte sie heiter,
»fürchten Sie, es regnet morgen?«
»Nein,« antwortete der Kaufmann, »es wird wohl nicht regnen, aber
ich werde allein spazierengehen, und das macht mir keine Freude. An
Wochentagen tu ich's gern, aber an Feiertagen will ich mit fröhlichen
Menschen zusammensein. Meine Schwester wollte mich mit ihren Kindern
besuchen, nun hat sie abgeschrieben, und ich bin allein!« Er seufzte
und Fräulein Laura seufzte, und dann sagte Herr Häferlein wieder: »Es
ist doch traurig, wenn man allein ist!«
»Ja,« sagte Fräulein Laura, »das ist sehr schwer; ich wäre auch froh,
wenn ich noch zu meinen Eltern fahren könnte.« Und dann erzählte sie
zum ersten Mal von dem kleinen Laden, der ihrem Vater gehört hatte.
In der Rose dachte Frau Tippelmann ein paarmal, Laura kommt ja gar
nicht wieder, na, gewiß hat Herr Häferlein sehr viel zu tun. Endlich
aber kam Laura an, und als sie auspackte, fand sich's, daß sie die
Hälfte von dem, was sie besorgen wollte, vergessen hatte. »Nein, so
etwas!« brummte Frau Tippelmann erstaunt.
»Ja, so etwas!« sagte Laura und fiel ihr lachend um den Hals. »Es
ist nämlich so, Herr Häferlein und ich, wir wollen uns heiraten, und
darüber habe ich den Kaffee vergessen, das Mehl und die Zitronen, und
ich weiß nicht, was noch alles.«
»Lieber Himmel, Laura!« rief Frau Tippelmann. »Sie wollen in
Breitenwert bleiben und in der krummen, häßlichen Löwengasse wohnen und
gar in solch kleinem, dunklem Laden stehen?«
»Frau Tippelmann,« schrie Laura empört, »die Löwengasse ist nicht
krumm, nicht häßlich, sie ist sehr malerisch und freundlich, und der
Laden ist nicht dunkel, der ist -- wie meines Vaters Laden war.«
»So, ist mir ganz neu!«
»Ach, Frau Tippelmann,« rief Laura wieder lachend, »ich weiß ja schon,
Sie necken mich nur, und ich habe das einmal gesagt, aber heute sage
ich nun doch: über die Löwengasse geht nichts. Und ich will mein
Lebenlang hier bleiben; hier werde ich glücklich werden.«
Im gleichen Augenblick sagte oben im großen Gartenzimmer Alette auch zu
ihrem Vater: »Ich möchte immer, immer in der Löwengasse wohnen!«
»Immer ist viel gesagt,« antwortete Herr Amhag; »wir wollen sagen
einstweilen.«
»Mußt du wieder fort?« fragte Alette erschrocken. »Ach, bleibe hier,
hier ist's doch viel, viel schöner als in der ganzen Welt.«
»Schöner als in der ganzen Welt, Kind,« wiederholte der Vater sinnend,
»das ist es immer nur in der Heimat.« Er sah in den Garten hinab, der
im sanften Schatten des Frühlingsabends träumte, und er dachte an
seines Vaters Erzählungen, der hatte die alte Heimat auch über alles
geliebt. Wohl dem, der einen Ort auf der Welt hat, an den er mit
rechter Heimatsehnsucht denken kann. Auf einmal fühlte Herr Amhag,
wie arm seine kleine Alette in allem Reichtum bisher gewesen war, und
er strich ihr liebevoll die heißen Wangen. »Das Immer-hierbleiben kann
ich dir freilich nicht versprechen, Kind,« sagte er, »aber fremd soll
uns Breitenwert nie mehr werden. Morgen aber wollen wir ein fröhliches
Pfingstfest feiern in der alten Heimat. Und nun geh schlafen, damit du
morgen recht feiertagsfroh erwachst.«
Am nächsten Tag war zwar kein rechtes Pfingstwetter; es war ziemlich
grau und sonnenlos, aber sie feierten doch alle in der Löwengasse ein
sehr fröhliches Fest. Herr Amhag ging mit Alette durch die Straßen des
alten Städtchens, und oft blieb er stehen und sagte: »Davon hat mein
Vater erzählt, hier ist er zur Schule gegangen, diesen alten Turm hat
er besonders geliebt.«
Sie besuchten auch beide die Freunde im Silbernen Stern. Denen gefiel
es gut dort, sie sagten, in einem so hübschen alten Gasthaus hätten sie
noch nie gewohnt. Die alte Dame war besonders stolz, sie hatte nämlich
das Königszimmer. Sie sagte: »So etwas kann man in Amerika doch nicht
haben; in einem Königszimmer kann man nicht wohnen, weil es keine
Könige gibt, schade!«
Die jungen Damen aber sagten: »Am besten gefallen uns die beiden Boys,
die sind so nett; so nette Kinder haben wir noch nie gesehen.«
Die netten Sternbübles hörten das Lob nicht; sie saßen mit den
Grillschen Kindern auf dem Turm vom Räuberschlößle und überlegten
sich, wie sie Herrn Häferlein recht feierlich zu seiner Verlobung
Glück wünschen könnten. So einfach bums! hingehen und sagen: »Wir
wünschen Glück,« wollten sie alle nicht. Herr Häferlein, der nette,
gute Herr Häferlein verdiente schon eine Überraschung, eine recht feine
Überraschung. Sie überlegten hin, sie überlegten her, viele Köpfe,
viele Sinne, auf einmal aber schrieen alle: »Das wird fein!«
Und danach hatten sie es alle sehr eilig. Blumen wurden gepflückt,
Kränze gewunden. Die Sternbübles liefen zu ihrem Oheim Adam Hinz und
gaben dem viele himmelgute Worte, bis er mit ihnen wirklich in seinen
Laden ging, ihnen etwas daraus schenkte, dabei aber sagte: »Denkt an
den ersten April.« Darauf versicherten die Sternbübles hoch und heilig,
es würde keine Dummheit, sondern eine feine Überraschung, und die
Lindenkinder täten mit.
»Na, dann mag's sein,« sagte Onkel Adam Hinz, »wenn's nur gelingt!«
Veit und Steffen hatten unterdessen den schläfrigen Fritz aufgesucht,
der noch im Bette lag, denn für ihn war schlafen die schönste
Feiertagsfreude. Die Buben weckten ihn, redeten sehr eifrig mit ihm,
und der sagte: »Ja, ja, heute nachmittag geht es schon, da merkt es
niemand.«
Als am Nachmittag Alette mit ihrem Vater in die Linde kam, stürzte ihr
Trinle gleich entgegen und tuschelte: »Sie sind alle im Räuberschlößle,
es gibt eine Überraschung.«
Im Räuberschlößle wurde Alette ins Geheimnis gezogen, und während
die Erwachsenen zusammensaßen, gingen die Kinder alle auf das Gäßle,
um dort zu spielen. Die Sternkinder kamen auch, aber merkwürdig,
schließlich war doch niemand zu sehen. Herr Häferlein und Fräulein
Laura waren zusammen spazierengegangen, und so hörte niemand, wie es
in dem Laden mitunter rumpelte und klopfte, poch, poch, poch! Dann
polterte etwas, innen sagte jemand: »Ich roll das Fäßle her, dann kann
ich aufsteigen.« Irgend jemand kicherte unaufhörlich, jemand schrie:
»Prachtvoll wird's! Herr Häferlein wird staunen ...« -- »Der freut
sich gräßlich,« behauptete ein anderer Jemand. Dann ging es wieder
poch, poch, poch, es klirrte und kollerte, irgendwo wurde eine Türe
zugeklappt, ein Schlüssel rasselte, und danach wurde es still. Ein
Weilchen später erschienen alle Kinder im Grillschen Garten, und Frau
Grill sagte erstaunt: »Ihr seht ja so erhitzt aus, was habt ihr denn
gemacht?«
»Was Feines,« antworteten allesamt, und Trinle, die kleine Schwatzsuse,
flüsterte noch: »Herr Häferlein wird sich freuen.« Aber dies hörte die
Mutter glücklicherweise nicht mehr.
Am nächsten Morgen besuchte Herr Baldan Herrn Häferlein, just als der
gehen wollte, seinen Laden aufzuschließen. Es war nach der Kirche, und
Herr Baldan, der noch etwas Zeit hatte, sagte: »Ich gehe mit hinüber in
den Laden.«
Der Kaufmann schloß die Hintertüre auf, und die Freunde betraten den
halbdunklen Raum. Sie gingen ein paar Schritte vorwärts, da glitschte
Herr Baldan auf einmal aus.
»Na, na,« rief er, »was ist denn das auf dem Boden?«
»Ich weiß nicht,« murmelte Herr Häferlein, »o je!« Er glitschte auch
aus, verlor den Halt und fiel um, fiel in etwas Feuchtes, Klebriges
hinein. »Sirup,« schrie er, »Baldan, das Sirupfaß ist ausgelaufen!«
»Ich merk's,« stöhnte Herr Baldan, denn der lag auch auf dem Boden, und
er war gerade mit der Nase in eine dicke, süße Tunke gefallen. »Pfui
Teufel,« schimpfte er, »das ist ja gräßlich! Pff, pff, brrr, wie das
schmeckt!«
»Eine dumme Sache, hol's der Kuckuck!« ächzte Herr Häferlein, der sich
mühsam erhob. Er versuchte die Ladentüre zu erreichen, da stolperte er
über ein Faß, hielt sich an irgend etwas an und schrie: »Potzwetter,
was ist denn das -- Blumen?«
»Mach doch Licht, August!« rief Herr Baldan. »Au, mein Knie!«
»Gleich, August! Au, meine Nase!« Da endlich hatte Herr Häferlein die
Ladentüre erreicht, er zog den Rolladen hoch, und das helle Tageslicht
strömte in den Raum. »Ah!« riefen die Freunde unwillkürlich.
Über der Ladentafel prangte ein großes, mit Blumen umkränztes Blatt.
Darauf stand in roter und blauer Schrift groß: »Wir gratulieren!«
und darunter standen lauter Namen geschrieben. Es waren die der
Lindenkinder und der Sternkinder, auch Alette Amhag fehlte nicht.
Außerdem gab es noch viele Blumen in dem Lädchen, sogar das
Sauerkrautfaß hatte einen grünen Kranz erhalten.
Herr Häferlein vergaß das ausgelaufene Sirupfaß, vergaß seinen
beschmierten Feiertagsanzug, er sah nur das große bunte: »Wir
gratulieren!« und alle die Namen darunter, und er sagte gerührt: »Die
guten Kinder, sie wollten mir eine Überraschung bereiten.«
»Ich danke schön für solche Überraschungen!« knurrte Herr Baldan. »Pff,
pff, brrr,« spuckte er, »potzhundert, so viel Sirup habe ich in meinem
ganzen Leben noch nicht geschluckt!«
Da klopfte es stürmisch an die Ladentüre. Lachende, fröhliche Gesichter
drückten sich an der Scheibe platt: »Herr Häferlein, Herr Häferlein,
wir sind's!«
Der Kaufmann ging hin und schloß die Türe auf, und acht Stimmen auf
einmal riefen: »Gelt, Sie freuen sich sehr?«
»Ganz ungemein, Kinder,« sagte Herr Häferlein, »nur, was habt ihr denn
mit dem Sirupfaß gemacht?«
»Mit dem Sirupfaß? Ha,« schrieen die Sternbübles, »das war das Fäßle,
auf das wir 'n bißle gestiegen sind, weil wir net so hoch langen
konnten.«
»Sirup,« jauchzte Kasperle, »fein, das ganze Lädle ist voll Sirup!«
Er tippte mit dem Finger an den süßen Brei und leckte, und die
Sternbübles leckten, Gundel aber fragte erschrocken: »Herr Häferlein,
sind Sie in den Sirup gefallen?«
»Ja, mein Kind,« sagte Herr Häferlein gutmütig, »aber es ist nicht
schlimm, gefreut habe ich mich doch. Und ihr müßt alle, hört ihr, alle,
zu meiner Hochzeit kommen.«
»Ich auch,« jauchzte Alette, »ich bleibe hier, ein Jahr, nein,
vielleicht immer!«
»Es wär' auch dumm, aus dem Löwengäßle wegzugehen,« rief Trinle
wichtig, »so schön ist's nirgends.«
»Nein, so schön ist's nirgends,« brummte Herr Baldan, »nur gerade in
den Sirup braucht man nicht zu fallen. Brrr, pff, pff! Abscheuliches
Zeug!«
»Jetzt müssen wir Fräulein Laura holen, die muß auch die feine
Überraschung sehen,« rief Steffen stolz. Denn da Herr Häferlein nicht
über den Sirup schalt, war es doch nicht schlimm.
»Ach ja, Laura!« Alette lief hinaus, und »Laura, Fräulein Laura!« klang
es zur Rose hinauf.
Ein paar Minuten später stand Laura an der Ladentüre und rief
erschrocken: »Nein, so etwas -- das ist freilich eine Überraschung!«
Von der Löwengasse herein aber tönte das Jubeln und Jauchzen der
Kinder, die irgend jemand von der großen Überraschung erzählten.
Herr Häferlein lachte, Fräulein Laura lachte, und zuletzt lachte
auch Herr Baldan. »Ja, ja,« brummte der, »so etwas kommt auch nur im
Löwengäßle vor, ist halt ein ganz besonderes Gäßle. So eins soll man
suchen! Brrr, pff, pff, na, Sirup habe ich vorläufig genug geschluckt!«
[Illustration]