der Brücke. Frau Hinz stand in der Küche; recht wie ein Feldherr befahl
sie ihren Leuten, und sie hatte wieder einmal über ihrer Wirtschaft
ihre Kinder völlig vergessen. Da kam Mina angelaufen und schrie:
»Unsere Bübles sind beinahe ertrunken mit dem fremden Mädle von drüben;
sie liegen im Spital.«
Beinahe ertrunken! Im Augenblick vergaß Frau Hinz ihr stattliches
Gasthaus, an dem sie viel Freude hatte, und sie dachte nur an ihre
Buben. Sie wurde totenbleich, und ein paar Sekunden lang meinte auch
sie, ihre Küche tanze. Aber sie war eine entschlossene Frau; sie nahm
sich zusammen und sagte kurz: »Ich muß hin.«
»Nimm mich mit!« Aus der Tiefe der Küche erklang flehend Gundels
Stimme. Die Angst um die Brüder zitterte darin, und die Mutter sagte
wieder kurz, wie es ihre Art war: »So komm!« Sie nahm Gundel an der
Hand und verließ so, wie sie ging und stand, das Haus. Als sie auf die
Gasse kam, rannten eben Laura und Herr Häferlein vorbei, auch getrieben
von der Angst, und Frau Hinz hastete ihnen nach so schnell als
möglich. Gundel versuchte Schritt zu halten, doch ihr lahmes Füßchen
versagte, und langsam löste sie ihre Hand aus der der Mutter. Frau Hinz
achtete nicht darauf, sondern lief weiter, weiter, bis sie es plötzlich
doch merkte, daß Gundel nicht mehr mit ihr ging. Da drehte sie sich um,
unwillig über das Aufgehaltenwerden, und sah nun weit zurück Gundel
mühsam ihr nachhinken.
Die Sternwirtin hatte ihr lahmes Mädelchen lieb. Sie war auch anfangs,
als Gundel noch klein war, rechtschaffen betrübt über deren Unglück
gewesen; allmählich hatte sie es vergessen. Es war eben so, und da
Gundel selbst nie klagte, dachte die Mutter kaum noch an dieses Leid.
Jetzt, als sie die Kleine so mühsam daherkommen sah, erschrak sie zum
andernmal tief im Herzen. Und sie lief rasch zurück und nahm ihr Mädele
auf den Arm. »Ich trag dich,« murmelte sie.
»Mutter!« Gundels blasses Gesichtchen färbte sich rosenrot vor Freude.
Die Mutter nahm sie auf den Arm, wie schön das war! Sie legte ganz
still ihren Kopf an der Mutter Brust, und in dem Glücksgefühl, dies tun
zu dürfen, ließ ihre Angst um die Brüder ein wenig nach, und sie sagte
leise, sich und der Mutter zum Trost: »Unsere Bübles sind gewiß net
tot.«
Frau Hinz seufzte. »Ach, wer weiß, was die wieder angestellt haben!«
Wie es gewesen war, hatte der Bote selbst nicht gewußt, und so ahnte
die Mutter noch nichts von ihrer Buben Heldentat. Sie seufzte schwer,
und Gundel schmiegte sich fester an sie. »Unsere Bübles sind gar net so
schlimm,« flüsterte sie, »nur halt ein bißchen wild!«
Das Wort bewegte die Mutter tief, und sie sagte es ihrem Kinde
unwillkürlich nach: »Nein, sie sind net so schlimm.«
Gundel war, wenn auch zierlich und schlank, doch immerhin kein rechtes
Tragekind mehr. Die Mutter spürte die Last wohl. Die zwang sie, langsam
zu gehen, und doch war es ihr, als würde ihre Angst leichter, je fester
Gundel in ihren Armen ruhte. Sie hatte sich ihrem Mädele noch nie so
nah gefühlt wie in dieser Stunde gemeinsamer Sorge, und jetzt erst, wo
sie zwei Kinder zu verlieren fürchtete, merkte sie erst, wie reich sie
durch alle drei gewesen war. »Ich werde dir zu schwer,« klagte Gundel,
und sacht streichelte sie der Mutter das erhitzte Gesicht.
»Du bist mir nie zu schwer,« sagte sie, »leg dich nur an, mein armes
Käferle du!«
Da wagte Gundel, was sie noch nie gewagt hatte, sie küßte ihre Mutter
und flüsterte ihr ins Ohr: »Ich hab dich so lieb!«
Frau Hinz sagte nichts, sie drückte nur ihr Kind fester an ihre Brust
und spürte nicht mehr, daß der Weg lang und schwer war, denn ihre Sorge
wurde milder. Gundels Liebe war ihr wie Licht, das warm und sanft
eine dunkle Nacht erhellt. Diese Liebe gab ihr Mut und Kraft, und ganz
tapfer schritt sie in das Spital hinein und empfing dort die Kunde:
»Die Bübles leben und schlafen, und die schlimmen Schelme haben eine
tapfere Tat getan.«
Als Mathes und Peter erwachten, meinten sie zuerst, sie wären in eins
von den Märchenländern geraten, aus denen ihnen Gundel so lieblich zu
erzählen wußte. Da lagen sie selbst in schneeweißen Betten, und Mutter
und Schwester saßen daran, und die Mutter sah gar nicht mehr böse aus,
sondern so freundlich wie sonst nur am Weihnachtstag. Sie redete auch
so und streichelte ihre Buben, was sie auch so selten einmal tat, und
was denen doch ausnehmend gut gefiel. Wie sie das eben sagen wollten,
kam die Schwester in die Stube und der Arzt auch, und der sagte gleich:
»Na, ihr Lebensretter, habt ihr ausgeschlafen? Ihr habt das wirklich
brav gemacht, denn mit dem Mädle wär's alle, wenn ihr's nicht so
geschwind herausgeholt hättet.«
»Ja, sehr brav, merkwürdig brav,« sagte da noch jemand, und das war --
Herr Häferlein. Wirklich und wahrhaftig, Herr Häferlein! Der tat, als
wäre er mit den Sternbuben sehr gut Freund, er versprach ihnen sogar
Rosinen, und er sah dabei selbst aus wie die allergrößte, süßeste
Rosine aus seinem Laden.
O Wunder über Wunder! Auch Frau Tippelmann kam und lobte die
Sternbuben. Sie lachte nicht so vergnügt wie Herr Häferlein, sie sah
sogar sehr kummervoll drein, aber wie sie sagte: »Ihr habt's brav
gemacht, Gott lohn's euch!« da war es den Sternbübles, als säßen sie
in der schönen alten Stadtkirche und hörten die Orgel spielen. Und wie
immer, wenn sie dort saßen, weiteten sich ihre Herzen. Gute, fromme
Gedanken zogen ein, die strahlten aus ihren Augen, und die Mutter, Herr
Häferlein, die Schwester, der Arzt und auch Frau Tippelmann dachten in
dem Augenblick: »Wie lieb sie aussehen, die Bübles, ei, die sind doch
gar nicht so schlimm!«
Gundel aber umschlang plötzlich die Mutter und flehte: »Gelt, Mutterle,
unsere Bübles kommen net fort, die bleiben bei uns?«
»Die bleiben bei uns, ja,« sagte die Sternwirtin nachdenklich. »Meine
Buben geb ich nicht her. Jetzt werd ich's schon fertig bringen, sie zu
erziehen.«
»Ist recht so, ganz recht, und ich helfe Ihnen dabei, Frau
Sternwirtin,« rief derselbe Herr Häferlein, der noch am Morgen
gesagt hatte, es wäre ein wahres Glück für die Löwengasse, wenn die
Sternbübles daraus fortkämen.
So wandeln sich Meinungen. Fräulein Laura hatte auch vor wenigen
Stunden noch gedacht, Frau Tippelmann sei eine ungute, mürrische Frau;
nun sagte sie: »Gott sei Dank, daß Frau Tippelmann da ist!« Alette
Amhag sagte dies nicht, aber sie fühlte es, was manchmal besser ist.
Als Frau Tippelmann zu ihr, die sich wie ein kleiner verflogener Vogel
so angstvoll in dem weißen Spitalzimmer umsah, trat und fragte: »Willst
du heimfahren in die Rose und dort gesund werden?« nickte sie stumm,
aber heftig.
»Doch ich lasse dich nicht fort, kleine Alette, bis nicht dein Vater
selbst dich holen kommt; ist das recht so?« fragte die alte Frau, die
auf einmal verstand, was Alette fortgetrieben hatte. Da umschlang sie
Alette jäh mit beiden Armen und ließ sie nicht mehr los, und Frau
Tippelmann trug sie in den Wagen und trug sie daheim in das Bett und
wachte an dem Bett die ganze lange Nacht hindurch. Die Sorge um das
fremde, einsame Kind ließ sie nicht schlafen, und diese Sorge kam aus
einem Herzen voller Liebe.
[Illustration]
Elftes Kapitel.
Schwere Tage.
Die Löwengasse fängt an, die Sternbübles mit anderen Augen
anzusehen, und die merken es. Brav werden ist schwer. Die
Lindenkinder kehren zurück, und Herr Häferlein läuft in die
Nacht und holt den Arzt herbei. Laura und Frau Tippelmann
sitzen Hand in Hand, und am Morgen gibt es Streit auf der
Löwengasse. Warum Trinle und Gundel so lange auf der Treppe
sitzen und es sich dann vornehmen, Friedensengel zu sein.
Den Sternbübles bekam das kalte Bad ausnehmend gut; nicht einmal ein
Schnüpflein trugen sie davon. Nur ihr Magen mußte sich schrecklich
erweitert haben, sie aßen am Abend wie ein paar Scheunendrescher, und
sie seufzten am Morgen schon wieder vor Hunger. Nachdem sie leidlich
satt waren, wanderten sie so brav und bieder mit Gundel zur Schule, als
wären sie immer so gegangen, und selbst Frau Sekretär Schneider, die
just ihren Staublappen zum Fenster herauswehen ließ, sagte, den Buben
nachsehend: »Man sollte nicht denken, daß die netten Buben so schlimm
sein könnten! Aber vielleicht wird's nun mit ihnen.«
Ähnlich dachte auch Herr Häferlein. Der sah die Sternkinder kommen, und
dieses Mal nickte er ihnen zu und rief: »Wenn ihr heimkommt, besucht
mich mal.«
Hui! Da rissen die Bübles geschwind ihre Mützen vom Kopf, grüßten so
höflich und sagten so höflich »Ja!«, daß Herr Häferlein seine rechte
Freude an ihnen hatte. »Die werden noch, die werden noch,« redete er
ihnen nach.
Vor der Rose blieben die Kinder einen Augenblick stehen und schauten
zu den verhängten Fenstern des ersten Stockes empor. Alette Amhag
schlief wohl noch; sie hatte es ja gut, sie brauchte nicht in die
Schule zu gehen. Heimlich dachten sie alle drei, wenn wir zurückkommen,
steht Alette Amhag vielleicht auf dem Gäßle, sagt uns guten Tag, ja
vielleicht wird es so, vielleicht.
Doch Alette Amhag schlief nicht mehr, aber aufstehen und auf das Gäßle
gehen konnte sie auch nicht; sie war krank.
Eine lange bange Nacht lag hinter Frau Tippelmann, und Laura und der
Arzt, der gleich am frühen Morgen kam, sprach von manchen sorgenvollen
Tagen und Nächten, die noch kommen würden; er sagte es ernst: »Das Kind
ist sehr krank.«
Laura weinte bitterlich, Frau Tippelmann jedoch blieb ruhig; sie klagte
nicht, sie vergoß keine Träne, aber sie tat sacht und lind alles dem
kranken Kind zuliebe, und der Arzt sah ihr zu und erklärte zufrieden:
»In Ihrer Hut ist die Kleine gut verwahrt, eine bessere Pflegerin
könnte ich nicht finden.«
Laura hörte das Wort, und sie schämte sich. Sie, die so viele Schuld
an dem Unglück trug, die Alettes Kummer nicht hatte hören wollen,
kam sich auf einmal sehr überflüssig vor. »Wäre Alette doch nie
hierhergekommen,« stöhnte sie, »wäre sie bei Frau van Bachhoven
geblieben!«
Vielleicht hatte Alette den Namen verstanden, sie schrie plötzlich
angstvoll auf: »Trinle, Trinle, hilf mir, Frau van Bachhoven holt mich!
Kasperle, hilf, ach, helft mir doch, ich will hierbleiben!«
»Hm, mir scheint, das Kind ist durch etwas sehr geängstigt worden,«
sagte der Arzt streng. Er sah von Laura zu Frau Tippelmann, sah die
fragend an, und Laura dachte, jetzt verklagt sie mich. Frau Tippelmann
tat dies aber nicht. »Wir sind alle schuld, Herr Doktor,« sagte sie
einfach, »wir verstanden das schüchterne Kind nicht, ich auch nicht.
Doch wir werden alles tun, um unsere Schuld gutzumachen. An Pflege
soll's nicht fehlen. Gelt, Fräulein Laura?«
Stumm legte Laura ihre Hand in die harte, feste Rechte der alten Frau,
und zum ersten Mal dachte sie:
»Gott sei Dank, daß wir hier sind! Ich will alles tun, was Sie sagen,
Frau Tippelmann,« murmelte sie bedrückt; »so wird's am besten sein.
Wenn wir nur das Kind am Leben erhalten.«
»Das denke ich auch!« Der Arzt nickte. »Nun laufen Sie schnell einmal
hinüber in die Lindenapotheke; die Medizin hier muß ich haben,« gebot
er.
Da rannte Laura ohne Hut und Mantel über die Gasse. Herr Baldan
bediente sie schnell und sprach ihr tröstlich Mut zu, ihm fielen gleich
sechs Kinder ein, die auch auf irgendeine rätselhafte Weise ins Wasser
geplumpst und wieder gesund geworden waren.
Wie er beim sechsten Kind angelangt war und die Medizin beinahe fertig
hatte, trat Herr Häferlein ein. Der wollte wissen, wie es Alette ging.
Er wußte noch von drei Wasserkindern zu erzählen, und er erbot sich
auch zu allen nur erdenklichen Hilfeleistungen. »Fräulein Laura,« sagte
er, »wenn es schlimmer werden sollte und Sie brauchen jemand, der Ihnen
nachts den Doktor holt, dann bitte, werfen Sie mir dort an das dritte
Fenster einen Stein. Es schadet nichts, wenn die Scheibe entzweigeht,
ich höre es dann besser. Vielleicht fällt mir der Stein ins Bett, aber
dies schadet auch nichts.«
»Und vielleicht schlägt Ihnen der Stein ein Loch in den Kopf, und das
schadet dann wohl auch nichts?« fragte Laura, die trotz ihrer Sorge
lächeln mußte.
»Nun, nun, so schlimm wird es nicht gleich werden,« rief der höfliche
Kaufmann, »wir sind doch Nachbarn!«
»Ja,« murmelte Laura dankbar, »Frau Tippelmann sagt auch immer: Ein
guter Nachbar in der Not ist besser als ein fremder Bruder.«
»Und Frau Tippelmann hat recht,« rief Herr Baldan.
»Freilich hat sie recht.« Laura nahm ihre Arznei und lief eilig wieder
über die Straße. An der Haustüre traf sie Frau Hinz. Die Sternwirtin
kam, auch ihre Hilfe anzubieten, wenn es not sei, und wie sie kam an
diesem Tage noch manche andere. Nur die eine konnte nicht kommen, nach
der Alette im Fieber sehnsüchtig verlangte, Frau Grill. Die Grills
feierten Geburtstag und ahnten nichts, wie oft und bang Alette nach
ihnen rief. Laura, die zuerst so froh über diese Reise gewesen war,
seufzte jetzt darüber: »Warum sind sie gerade jetzt nicht da!«
Hierüber waren nun die Sternbübles anderer Meinung. Die fanden, die
Reise der Lindenkinder sei zu rechter Zeit geschehen, denn da machte
ihnen niemand den Platz vor der Rose streitig. Mit Gundel hockten sie
auf den Bordsteinen der Rose gegenüber, trotzdem es noch gar kein
rechtes Wetter zum lange Draußenbleiben war, und starrten zu den
verhüllten Fenstern empor. Herr Häferlein sah es, wie er alles sah,
was auf dem Löwengäßle geschah. Er rief die drei in seinen Laden und
mahnte, sie würden sich erkälten. »Es hat ja keinen Zweck, daß ihr da
sitzt und hinüberschaut, helfen könnt ihr doch nichts.«
Dies sagte Herr Häferlein, und ein Minütchen später wurde die Hilfe der
Sternbübles doch gebraucht, und es ist nicht zu leugnen, Mathes und
Peter dachten da triumphierend in ihren Herzen: Ätsch, Herr Häferlein!
Fräulein Laura fiel es ein, daß sie an Frau van Bachhoven drahten
müßte, und sie lief einfach auf das Löwengäßle; vielleicht war da
jemand, der für sie zur Post lief, und so fand sie die Sternbübles. Die
rannten zur Post, setzten dazu sehr wichtige Mienen auf, denn sie waren
ungeheuer stolz, daß man ihnen eine Drahtnachricht anvertraute. Und als
sie zurückkamen, stand Fräulein Laura schon wieder vor der Türe und
bat: »Nicht wahr, ihr holt mir einen Eimer Eis von eurer Mutter? Ihr
seid ja so brav!«
Wenn nun zwei ausgemachte Schelme auf einmal brav werden wollen, ist
das keine leichte Sache. Die Sternbübles begannen das bald zu spüren.
Vielleicht, ja vielleicht hätten sie das kühne Unternehmen aufgegeben,
wenn nicht das große Zutrauen der andern gewesen wäre. Nicht allein
Fräulein Laura, sondern alle andern Leute in der Löwengasse schauten
auf einmal die beiden immer sehr freundlich und zuversichtlich an. Und
wenn nun jemand die eigene Bravheit immer wie ein schöner, duftender
Blumenstrauß vor die Nase gehalten wird: »Seht einmal, wie nett, seht
einmal, daran hat man doch seine Freude!« dann bleibt doch nichts
anderes übrig, als selbst daran zu glauben. Wie daheim, wie in der
Gasse, so ging es in der Schule. Auch die Lehrer sahen die Sternbübles
mit andern Augen an. Zwei, die so hops und platsch ins Wasser springen,
um ein fremdes Kind zu retten, ja, aus denen muß doch noch etwas
werden. Und wieder fühlten die Bübles das Zutrauen, und wenn sie
heimkamen, rannten sie zur Schwester und baten: »Gundele, hilf uns.«
Da half ihnen Gundele eifrig und sacht bei den Schularbeiten, und sie
sagte so lange: »Ihr seid gar net so dumm!« bis auch das die Bübles zu
glauben begannen.
Doch alle Bravheit und Nettigkeit geriet in die größte Gefahr wieder
wegzufliegen, als die Grills heimkamen. Purzelvergnügt kehrten die von
ihrer Geburtstagsreise zurück; doch schon auf dem Bahnhof erfuhren sie
von Alettes Unfall, ihrer Rettung und Krankheit. Es war an dem Tage, an
dem der Arzt am Morgen sorgenvoller denn je dreingesehen hatte, und an
dem es einer dem andern in der Löwengasse zuraunte: »Die kleine Alette
Amhag ist sehr, sehr krank -- vielleicht wird sie sterben.«
Frau Grill ging gleich in das Nachbarhaus hinüber, und ihre vier Kinder
blieben vor der Linde sitzen, um die Mutter zu erwarten. Da sahen sie
die Sternkinder drüben auf Herrn Häferleins Schwelle hocken, und der
Kaufmann redete freundlich mit ihnen. Auf einmal tat sich die Türe
in der Rose auf. Laura trat heraus und winkte. Mathes und Peter kamen
angerannt, die Grills hörten, wie Laura sie bat, Eis zu holen, und
dann rasten die Bübles in Windeseile die Gasse hinab, und Laura schloß
wieder die Haustüre. Herr Häferlein aber rief den Nachbarskindern über
die Gasse zu: »Ist gut, daß wir die Sternbübles haben, die sind jetzt
erstaunlich brav.«
Die und brav! Veit und Steffen machten lange Gesichter. Über die
schlimmen Sternbübles hatten sie sich geärgert, auf die braven
Sternbübles wurden sie eifersüchtig. Sie sahen ihnen entrüstet nach,
und Veit sagte: »Die drängen sich auf, hier haben sie nichts zu suchen;
das sagen wir ihnen noch.«
Doch ehe Mathes und Peter wiederkehrten, kam Frau Grill aus der Rose
zurück. Sie sah recht ernst und traurig drein, und als ihre Kinder sie
mit Fragen bestürmten, sagte sie: »Kommt mit ins Haus. Lärmt nicht so
viel auf der Gasse, denkt immer daran, dort oben liegt Alette, und sie
ist recht, recht krank.«
Für Frau Tippelmann und Laura kam wieder eine lange bange Nacht. In
dieser Nacht lief Laura wirklich auf die Löwengasse und warf einen
Stein an Herrn Häferleins Fenster. Davon sprang die Scheibe, und Herr
Häferlein wachte auf. Er lief dann wirklich schneller als schnell und
holte den Arzt herbei. Aber bis er mit ihm zurückkam, das dauerte für
jemand, der in Sorge wartet, schon immer eine Zeit. Laura kauerte an
Alettes Bett, sie konnte nichts mehr tun als weinen, immerzu weinen.
Einmal sagte sie: »Frau Tippelmann, ach, Sie sind so ruhig; wenn nun
Alette stirbt, was tun wir dann?«
Die alte Frau, die aufrecht an dem Krankenbett saß und jeden Atemzug
Alettes belauschte, antwortete einfach: »Ich halt's mit dem Wort:
Vertrau auf Gott und laß ihn walten, er wird dich wunderbar erhalten.«
Lauras Weisen verstummte. Das schlichte Wort tat ihr unendlich gut.
Sie kauerte neben Frau Tippelmann nieder und legte den Kopf an ihren
Schoß. So saßen die beiden Frauen still zusammen, zählten die Minuten,
die verrannen, und lauschten, ob auf der Gasse nicht Schritte hörbar
wurden. Dabei fiel es Laura ein, wie sie als Kind einmal krank gewesen
war, da hatte ihre Großmutter viel an ihrem Bett gesessen, und sie
mußte denken, die sah aus wie Frau Tippelmann. Und wie die war sie auch
gewesen, so schlicht, etwas wortkarg, so scheinbar rauh und doch so
gut. Das war nun freilich lange her. Die Großmutter war tot, die Eltern
auch. Und die Geschwister!
Laura seufzte. Um die hatte sie sich gar nicht mehr gekümmert. Sie war
zu vornehm geworden und hatte sich zu viel eingebildet auf ihre schönen
Kleider, auf ihre Stellung im reichen Hause. Laura seufzte wieder und
flüsterte: »Ach, Frau Tippelmann, ich bin recht schlecht, und daß
Alette so krank ist, ist auch meine Schuld.«
Frau Tippelmann strich mit ihrer harten Arbeitshand, die doch so linde
zufassen konnte, über Lauras Stirn. »Schuld haben wir beide,« murmelte
sie, »aber Reu ist des Herzens Arznei.«
Da klappten unten auf der Straße Schritte, sie kamen näher und hielten
vor dem Hause an -- der Arzt. Die beiden Frauen atmeten auf. Endlich
kam er, endlich! Es schien ihnen, als wäre eine furchtbar lange Zeit
verflossen, seit sie nach ihm ausgeschickt hatten, und doch war der
gute Herr Häferlein völlig atemlos, so sehr war er gerannt. Nachdem
er den Arzt herbeigeholt, hätte Herr Häferlein ja nun in sein Bett
zurückgehen können, denn gerade sehr gemütlich war es nicht auf der
Löwengasse. Der Wind blies kalt von Osten her, aber der Kaufmann
kümmerte sich nicht darum; der dachte, ich muß erst wissen, ob es dem
Kind da drinnen besser geht. Er mußte lange warten, doch dann wurde
seine Ausdauer belohnt. Der Arzt kam wieder und sagte: »Es geht besser,
nun können wir wieder hoffen.«
»Wieder hoffen, Gott sei Dank!« rief der treue Nachbar froh.
Der Arzt ging heim, Herr Häferlein legte sich wieder in sein Bett, und
im Haus zur Rose saßen Frau Tippelmann und Laura Hand in Hand. Sie
sprachen nicht zusammen, aber in ihren Herzen tönten unablässig die
Freudenglocken: »Es geht besser, besser, Alette wird gesund.«
Am nächsten Morgen trabten die Sternkinder am Haus zur Rose vorbei und
nickten zu den verhüllten Fenstern empor. Das sahen die Lindenkinder,
die eben aus ihrem Hause kamen. Die ärgerten sich. Sie fanden die
Sternkinder wieder aufdringlich, und als die auf dem Heimweg gar vor
der Rose stehenblieben, begannen Steffen und Veit darüber zu schelten.
»Hier oben im Gäßle habt ihr nichts zu suchen, marsch fort!« schrieen
sie.
»Hoho!« brüllten die Sternbuben empört, »ihr habt uns nichts zu
verbieten, wir können auf dem Gäßle stehen, wo wir wollen.«
»Hier nicht, für die argen Sternbuben ist hier kein Platz!« höhnten
Veit und Steffen.
»Wohl nur für Pillendreherbuben, he?« kreischten die Sternbübles wütend
zurück.
Pillendreherbuben war den Grills ein arges Scheltwort, und alle
vier, denn Trinle und Kasperle taten mit, stürzten sie sich auf die
Sternbuben. »Das sollt ihr büßen!«
»Alette, Alette, wenn sie es hört!« jammerte Gundel. Sie, die sonst so
Zaghafte, drängte sich zwischen die Streitenden. »Seid doch still, ach,
seid doch still!«
Puff puff rechts, puff puff links! Gundel geriet in das Kampfgemenge,
aber ihr flehendes Rufen verstummte nicht, und Trinle hörte zuerst
darauf. Richtig ja, Alette lag krank, Alette hörte vielleicht den Lärm,
und Alette sollte nicht aufgeregt und gestört werden. Da mahnte sie
auch: »Seid doch still; wenn es Alette hört!«
Gundel hatte Mathes erwischt; sie flehte: »Mathesle, geh heim, denk
doch, wenn es Alette hört!«
Trinle zerrte Steffen am Arm und bettelte:
»Streit doch nicht, Alette hört's gewiß; je, jetzt kommt Frau
Tippelmann!«
Frau Tippelmann kam wirklich aus dem Haus. Sie sah gerade noch fünf
Paar Bubenbeine eiligst entfliehen; die drei Grills verschwanden in der
Linde, die Sternbuben rasten die Gasse hinab, nur Gundel und Trinle
blieben auf dem Kampfplatz. Frau Tippelmann ging schnell an beiden
vorüber, sie wollte etwas besorgen. Auf die beiden Kinder achtete sie
gar nicht, denn sie hatte den Streit nur halb gehört. Erst als Trinle
eine ängstliche Frage nach Alette tat, blieb sie einen Augenblick
stehen und erzählte rasch, wie schlimm die Nacht gewesen war. Dann
mahnte sie noch: »Seid ja recht still auf dem Gäßle!« und schritt eilig
zum Obermarkt hinauf.
Die beiden Mädels standen wie erstarrt. Beinahe gestorben war
Alette! Sie vergaßen vor Schreck und Schmerz, daß sie eigentlich
in Feindschaft miteinander lebten; weinend, klagend sanken sie sich
plötzlich in die Arme und hielten sich fest, fest umschlungen.
Tripp, tripp, rannen Gundeles Tränen auf Trinles Schulter, und
Trinle heulte gleich so arg, daß Gundels Bluse ganz naß wurde.
Beinahe gestorben, beinahe gestorben! Sie konnten ein Weilchen gar
nichts anderes denken, erst nahende Schritte rissen sie aus ihrer
Versunkenheit. Gundel löste erschrocken ihre Arme von Trinles Hals und
flüsterte scheu: »Es kommt jemand.«
»Es kommt jemand,« wiederholte Trinle verlegen. Was sollte der Jemand
von ihrem Geheule denken! Aber sie ließ Gundel nicht los. »Komm mit
in unser Haus,« tuschelte sie und zog die andere so geheimnisvoll in
den Hausflur der Linde hinein, als hätten sie mitsammen ein Streichle
ausgeführt nach dem Muster der Sternbübles.
Im dämmerstillen Flur der Linde, in dem es mehr denn je nach
Bauchwehtröpfles roch, standen sie erst ein paar Herzschläge lang stumm
nebeneinander. Ihre Tränen versiegten langsam, ein paarmal schluchzten
sie noch auf, aber dann überkam Trinle auf einmal eine herzhafte
Lachlust. Sie kicherte und kicherte; das steckte an wie vorher die
Tränen, Gundel lachte auch. Dann sanken sie sich lachend in die Arme,
und ein Weilchen prusteten, kicherten und quiekten sie vor Vergnügen,
und darüber schwand ihnen die letzte Scheu vor einander.
»Wer schwätzt hier nur so sehr?« sagte ein paar Minuten später Herr
Baldan. Er öffnete die Türe seines Arbeitszimmers, steckte den Kopf
heraus und sah Trinle und Gundel auf der untersten Treppenstufe sitzen.
»Na ja, unser Trinle hat seine Freundin mitgebracht, konnt' mir's
denken,« brummte er und klappte die Türe wieder zu.
Die beiden Mädel ließen sich nicht stören, mochte Herr Baldan denken,
was er wollte, es kümmerte sie nicht. Sie schwatzten und schwatzten,
sie hatten sich ganze Bände voll zu erzählen, von Trinles Reise und
Alettes Unfall. Den mußte Gundel genau beschreiben, und dabei sagte sie
wieder und wieder: »Unsere Bübles sind jetzt so brav.«
Trinle hegte keinen Zweifel mehr, und gutherzig gelobte sie, ihren
Brüdern von der Bravheit der Sternbübles zu erzählen. »Eigentlich ist's
dumm,« rief sie, »wir könnten alle so gut auf dem Gäßle spielen und
dann bei uns.«
»Und bei uns,« flüsterte Gundel, »da gibt's so arg viel Platz.«
»Ha, fein! Erzähl mal, wie ist's bei euch?«
Da mußte Gundel erzählen, und Trinle fragte und fragte. Die Zeit
verging, die beiden spürten keinen Hunger, merkten nicht, wie sich
Minute zu Minute reihte, und schraken dann heftig auf, als in der
Linde die Tischglocke ertönte.
O je, schon Essenszeit! Und Trinle hatte ihre Bücher noch nicht
fortgelegt, noch nicht ihr Haar gekämmt und ihre Hände gewaschen. Da
mußte es einen schnellen Abschied geben. »Leb wohl, leb wohl, auf
Wiedersehen!«
»Ja, auf Wiedersehen, morgen!«
»Nein, heute auf dem Gäßle!«
Gundel hinkte eilig zum Hause hinaus. Trinle raste die Treppe hinauf,
husch, husch! die Hände gewaschen, und husch, husch! wieder hinab ins
Speisezimmer.
Sie war die Letzte, die kam, und die Mutter sah sie fragend an: »So in
Eile? Mit wem hast du denn so lange im Hausflur gesessen?«
»Mit -- mit meiner Freundin.« Trinle wurde rot. Was würden die Brüder
sagen zu dieser Freundschaft! Aber sie überwand ihre Verlegenheit und
sagte rasch: »Mit Hinkegundele -- die ist jetzt meine Freundin.«
»Hallo, die Schwester von den Sternbübles, eine feine Freundschaft!«
»Ruhe bei Tisch!« Der Vater sah die Buben strafend an. »Was soll dies
Geschrei, schämt euch doch!«
Veit und Steffen wollten sich verteidigen, und sie begannen bitterböse
auf die Sternbübles zu schelten. Mit deren Schwester dürfte Trinle
nicht verkehren.
»So, wo steht das?« Frau Grill legte ihre Hand auf Trinles Mund, die
glühend rot vor Zorn, hitzig auffahren wollte. »Streit bei Tisch gibt
es nicht. Frau Tippelmann würde sagen: Wem das Essen soll gedeihn, der
muß guter Dinge sein. Und auf die Sternbübles sollt ihr nicht schelten.
Die haben sich brav benommen, haben Alette Amhag gerettet, und jeder
sagt es, seitdem wären sie sehr nett.« »So ist's,« rief Herr Baldan,
»ich glaub's jetzt auch, aus den Sternbübles wird noch etwas.«
Den Sternbübles hätten eigentlich die Ohren klingen müssen, so laut
ertönte ihr Lob in der Linde. Nicht allein Herr Baldan, auch der andere
Gehilfe wußte allerlei Gutes von ihnen zu sagen, sehr zum Ärger von
Veit und Steffen. Die grollten und schmollten, und nach Tisch gab es am
Räuberschlößle zwischen den Geschwistern einen bitterbösen Streit. Es
kam, was selten genug geschah bei den Grills, Trinle trennte sich im
Zorn von den Brüdern; sie lief weinend auf die Löwengasse, statt wie
sonst mit den Brüdern zu spielen. Auf der Gasse fand sie Gundel, und da
wurde gleich die neue Freundschaft erprobt, denn Gundel mußte trösten
und beruhigen, und sie tat das sehr linde und sacht, und Trinles Zorn
legte sich auch bald. Bei ihr ging es geschwinde obenhinaus, aber sie
war dann auch wieder schnell zum Frieden bereit. Gundel nun war immer
friedlich gesinnt, und so redeten sie beide bald davon, daß sie ihre
Brüder miteinander versöhnen und Frieden auf der Gasse stiften wollten.
Es sollte nicht mehr Feindschaft sein zwischen der Linde und dem
Silbernen Stern, sie, Trinle und Gundel, wollten als ein paar rechte
Friedensengel die Versöhnung zustande bringen.
Zwölftes Kapitel.
Eine schwierige Versöhnung.
Trinle und Gundel denken sich wundersame Erlebnisse aus
und müssen schließlich Hösles flicken. Trine läuft auf die
Löwengasse, und die Sternbuben finden das Räuberschlößle fein
und reden von den römischen Kaisern. Frau Tippelmann erzählt
Alette, was geschehen ist. Laura rennt zu Herrn Häferlein, Herr
Häferlein holt den Arzt, aber Alette Amhag lacht und will in
die Schule gehen.
Lieber Himmel ja, ist das eine schwere Sache, Friedensengel zu
sein! Gundel und Trinle merkten das bald. Vier widerborstige Buben
zu versöhnen, ist nicht leicht, zumal wenn die Buben, wie Veit und
Steffen, nicht einmal anhören, was die Schwester zu sagen hat.
»Entweder du läßt von Hinkegundele, oder mit uns ist's aus!« erklärten
sie, als Trinle ganz gespickt mit guten Versöhnungsgedanken heimkam.
Kasperle nahm der Schwester Partei, denn Trinles Tränen rührten sein
weiches kleines Herz. Und Trinle weinte und weinte, als müsse sie der
Frühjahrsüberschwemmung neues Wasser zuführen. Zum Abendessen erschien
sie mit so dick verweinten Augen, daß die Mutter erschrak. »Ja, Trinle,
was fehlt dir denn, was hat's denn gegeben?«
Nun verpetzt sie uns, dachten die Buben, aber Trinle tat das nicht.
Nur ihre kaum versiegten Tränen flossen aufs neue, und Frau Grill, die
merkte, hier stimmt etwas nicht, fragte nicht weiter. Sie sah nur Veit
und Steffen forschend an, und die senkten verlegen die Köpfe. Trinle
tat ihnen ja selbst leid, aber warum schloß sie auch mit Hinkegundele
Freundschaft, das mußte bestraft werden! Sie verschliefen auch über
Nacht ihren Groll nicht und rannten am nächsten Morgen der Schwester
davon. Zum ersten Male mußte Trinle allein den Schulweg machen, ohne
die Brüder. Kummerschwer trat sie den Weg an, und auf der Löwengasse
traf sie Gundele, die auch allein ging. Die Sternbübles hatten wieder
einmal vergessen, daß sie mit der Schwester gehen wollten. Gundel
war zu sehr daran gewöhnt, um sich besonders zu grämen, und sie
tröstete auch Trinle in ihrem Leid. Trinle Grill trug ihr Herz auf der
Zunge; sie verriet, warum Veit und Steffen ihr davongelaufen waren,
aber gleich darauf tat ihr ihr vorschnelles Wort leid, denn Gundel
seufzte schwer. Leise, traurig bat sie: »Laß mich lieber allein; um
meinetwillen sollst du net mit den Buben in Unfrieden sein.«
»Nein, ich laß dich net,« rief Trinle rasch, »das wäre feige.« Sie nahm
Gundels Arm, und alle zwei gingen sie einträchtig zur Schule. Unterwegs
berieten sie, wie sie die Buben versöhnen sollten. Sie schmiedeten
allerlei wundersame Pläne und dachten sich schöne Reden aus, die sie
halten wollten, und so langten sie sehr lieb und versöhnlich gestimmt
in der Schule an.
Aber Friedensengel sein ist nicht leicht. Die Bübles setzten alle
miteinander ihre dicksten Köpfe auf, sie wollten nicht. Die Grillschen
sagten, die Sternbübles taugen doch nichts, und die wieder redeten
denen aus der Linde nach: »Sie sind eingebildet und hochmütig.« Die
beiden Schwestern hatten ihre liebe Not, aber wie es manchmal so geht,
der gemeinsame Kummer brachte sie noch näher zusammen, und je trotziger
die Buben wurden, je fester schlossen sie Freundschaft miteinander.
Zwei Tage in Unfrieden und Hader waren vergangen, und wo auch immer
sich die Lindenbuben und die Sternbübles trafen, fuhren sie aufeinander
los wie zornige kleine Hähne. Nur vor der Rose nahmen sie sich in acht,
denn Alette Amhag lag noch immer sehr krank, und noch immer sahen die
Kinder scheu zu den verhüllten Fenstern hinauf: Würde Alette nicht bald
gesund sein?
Trinle und Gundel hatten sich immer neue seltsame, wunderbare
Ereignisse ausgesonnen, die zur Versöhnung führen könnten; an
zerrissene Bubenhosen hatten sie nicht gedacht. Aber wie es so kommt!
»Kleine Ursachen -- große Wirkungen,« pflegte Frau Tippelmann in
solchen Fällen zu sagen. Gundel war bei Trinle, das erste Mal in
Trinles Stübchen, um der Freundin Besitztümer zu bewundern, da tat sich
die Türe auf, und Kasperle erschien. Er setzte eine geheimnisvolle
Miene auf und sagte: »Trinle, sollst mal geschwind zum Räuberschlößle
kommen.«
»Was soll ich da?«
»Sollst kommen -- und dein Nähtäschele mitbringen.«
»Mein Nähtäschele? Die Buben haben sich wohl was zerrissen?« rief
Trinle ahnungsvoll.
Kasperle nickte betrübt, und er antwortete so geheimnisvoll, als handle
es sich um eine Staatsangelegenheit: »Die Hösles haben sie zerrissen!«
»Beide,« schrie Trinle, »und die guten?«
»Beide!« Kasperle seufzte schwer. »Sie sind im Räuberschlößle vom Turm
gefallen.«
»O je!« Trinle kreischte entsetzt, das war eine schlimme Sache. Veit
und Steffen hatten, das wußte sie, ihre guten Anzüge an, weil sie
nachher ihren Lehrer besuchen sollten. Die Mutter war nicht daheim, und
mit Berta, des Hauses Stütze, war in diesen Tagen nicht gut reden, die
dachte nur an das große Frühlingsscheuerfest, das nächstens beginnen
sollte.
»Gute Hösles kann ich net flicken,« klagte Trinle, »das gerät mir net.«
»Darf ich helfen?« fragte da Gundel sanft. Sie konnte das Hösleflicken
besonders gut; ihre Brüder sorgten für die rechte Übung.
»Ja, hilf du,« rief Trinle froh. Daran, daß Gundel eigentlich mit
Veit und Steffen nicht gerade auf dem Fuß des Hösleflickens stand,
dachte sie nicht. Sie vergaß auch im Eifer, den Brüdern zu helfen, den
eigenen Groll und packte ihr Nähtäschele zusammen, tat hinein, was
nur irgend gebraucht wurde, und zog mit Gundel und Kasperle nach dem
Räuberschlößle.
Potzwetter, sah es da innen wüst aus! Herr Baldans lang vorausgesagter
Einsturz war wirklich erfolgt. Die Turmtreppe war halb eingestürzt.
Veit und Steffen saßen in ziemlich kläglicher Lage auf einem
Trümmerhaufen, und wer sie nicht kannte, hätte sie gut und gern auf den
ersten Blick für Räuberbuben halten können. »Hu,« kreischte Trinle,
»wie seht ihr aus! Und die guten Sachen habt ihr an?«
»Sei froh, daß wir net was gebrochen haben,« brummte Veit. Er
betrachtete tiefsinnig ein großes Dreieck auf seinem Knie. Steffen rieb
sich den linken Arm; da klaffte ein Loch, und er fragte kleinlaut:
»Hast du dein Nähtäschle mit?«
»Freilich,« rief Trinle, »und Gundele auch; Gundele hilft flicken.«
»Hm,« brummelten die Buben verlegen. Gundels Hilfe war ihnen nicht
recht, sie sahen aber ein, daß zwei Flickerinnen schneller schaffen
konnten, und eilig war es. Also taten sie, als wüßten sie nichts von
einem Streit der letzten Tage, und Steffen zog als erster seine Jacke
aus. Dabei stand er auf, und Trinle schrie erschrocken: »O je, hinten
hast du aber ein Rißle, das schaff' ich nimmer!«
»So schlimm ist's noch nicht!« Steffen seufzte und tastete nach der
verletzten Stelle. Da sagte Gundel tapfer: »Ich flick's schon, nur
ausziehen mußt du die Hösles.«
Freilich, das mußte geschehen. Es war aber nicht gerade warm im
Räuberschlößle, und sonst war es auch nicht angenehm, ohne Jacke und
Hose dazustehen. Aber da wußte Trinle Rat. »Dort im Schränkle liegen
die Gartendecken, nehmt die um,« riet sie, »und da im Eckle zieht ihr
euch aus.«
Veit und Steffen sagten nicht »Unsinn« wie so manchmal bei der
Schwester Ratschlägen; sie holten rasch die Decken heraus, und wenige
Sekunden später lagen Hosen und Jacken vor den Mädels. Veit und Steffen
aber saßen, in rotkarierte Decken gehüllt, auf einer alten Gartenbank.
Sie schauten ziemlich kläglich drein, denn Trinle jammerte verzweifelt
über die großen Löcher, an denen ihre Flickkunst zu scheitern drohte.
Gundel sagte nichts; die ging tapfer an die Arbeit, und die Nadel flog
so flink auf und ab, daß Trinle voll Bewunderung rief: »Du kannst es
beinahe so gut wie Mutter!«
Gundel seufzte. »Ja, aber ein Stündele wird's dauern,« sagte sie
bedrückt, »und -- -- --«
»Ha, ich weiß,« Trinle entsank gleich vor Schreck die Nadel, »du willst
ja mit deinen Brüdern in die Bachmühle gehen!«
»Ja,« flüsterte Gundel, »die warten wohl schon auf dem Gäßle!«
Ein paar Augenblicke war es ganz still im Räuberschlößle. Veit und
Steffen sahen ein, daß Gundel um ihrer Hösles willen nicht auf ihren
Spaziergang verzichten konnte, sie ahnten aber dumpf, Trinle schaffe es
nicht allein, und Trinle erkannte das selbst. Sie begann kläglich zu
weinen: »Ich werde net fertig, wenn du gehst.«
Gundel überlegte. Sie wollte gern helfen, aber die Brüder so einfach
im Stich lassen wollte sie auch nicht, und sie schlug schließlich vor:
»Ich gehe aufs Gäßle und sag' es ihnen.«
»Nein, dann kommst du net wieder, ich -- ich sag's ihnen,« schrie
Trinle ängstlich. »Kasperle geht mit.«
»Ja,« riefen Steffen und Veit, »sag du's!« Sie spürten es nämlich
beide, Gundel verstand das Flicken besser als Trinle; die brachte in
fünf Minuten so viel fertig wie die Schwester in einer Viertelstunde.
Da war es schon besser, sie blieb.
»Ich geh!« Trinle sprang jäh auf; ihr war plötzlich etwas eingefallen,
und sie nahm Kasperle bei der Hand, zog ihn mit hinaus und rannte eilig
durch den Garten dem Hause zu, ohne auf Gundels und der Brüder Rufen zu
achten.
Die Sternbübles warteten wirklich schon in der Löwengasse auf die
Schwester, und sie waren höchst verwundert, als Trinle statt dieser auf
sie zukam. Trinle hatte sich gedacht: Ich hol die Sternbübles schwipp
schwapp hinein. Jetzt können Veit und Steffen net ausreißen, weil sie
keine Hösles haben, und da versöhnen sie sich. Aber so schwipp schwapp
ging das nicht; die Sternbübles wollten nicht. Die stellten sich ganz
widerborstig vor Trinle hin und erklärten: »Nein, zu euch in die Linde
kommen wir net, ihr seid zu wüst.«
Das war arg, und Trinle sah ein paar Herzschläge lang gar nicht wie
ein Friedensengel aus, sondern viel eher wie ein kleiner Kriegsteufel.
Sie schnappte nach Luft, wollte bitterböse Worte sagen, besann sich
aber noch rechtzeitig und rief: »Wir sind doch net im Haus, wir sind im
Räuberschlößle, und Gundel -- ja Gundel will euch was sagen!«
Im Räuberschlößle! Den Sternbübles blinkerten die Augen. Sie hatten
schon viel von dem Grillschen Räuberschloß gehört, hätten es
himmelgern längst gesehen, und nun sollten sie hinein, wurden sogar
darum gebeten. Sollten sie da nein sagen? »Na ja,« brummelten sie
endlich, »wenn Gundele will.« An ihren Nasenspitzen konnte man es ihnen
freilich ansehen, daß sie selbst wollten, denn sie trabten höchst
vergnügt neben Trinle und Kasperle durch das Haus in den Garten hinein.
Und da war das Räuberschlößle und -- --
Die Überraschung war auf beiden Seiten groß. Die vier Buben starrten
sich sprachlos an, und Trinle, das hinterlistige Trinle tat, als wäre
alles in schönster Ordnung. Sie sagte zu Gundel: »Da sind die Bübles,
sie warten, bis du fertig bist.«
Veit und Steffen hatten just gedacht: Wir werfen sie hinaus, da fielen
ihnen die ungestopften Hosen ein. Ja, wenn sie die Brüder rauswarfen,
dann ging auch Gundel, und dann -- -- --
»Wie fein du das machst!« rief Trinle schlau und voller Bewunderung.
»Ich brächt's net in drei Stunden so gut fertig.«
Gundel flickte in tödlicher Verlegenheit, so schnell sie konnte. Die
Anwesenheit der Brüder bedrückte sie. Wenn es nun Streit gab! Doch
es gab keinen Streit. Mathes und Peter waren so entzückt von dem
Räuberschlößle, das mit seiner eingepurzelten Treppe mehr als je einer
Rumpelbude glich, daß sie beide sagten: »Hier ist's fein.«
Diese Bewunderung erfreute Veit und Steffen sehr, auch erzählten
sie gern, wie die Treppe eingefallen war, sie beinahe herabgestürzt
wären und eigentlich von rechtswegen jetzt halb tot daliegen müßten.
Ein überstandenes Abenteuer zu erzählen, ist immer sehr vergnüglich,
namentlich wenn zwei so mit Lust zuhören wie die Sternbübles. Denen
wieder tat die Erkenntnis sehr wohl, daß die braven Lindenbuben sich
auch einmal die Hösles zerrissen, auch dumme Streiche machten, und am
meisten gefielen ihnen die umgehängten Tischdecken.
Mathes sagte: »Ich glaub', wie ihr haben die römischen Kaiser
ausgesehen.«
Das war ein Wort. Darüber flog alle Feindschaft zum Fenster hinaus,
denn allen vier Buben fiel ein, sie könnten einmal gut Römer spielen;
das Räuberschlößle konnte das Kapitol sein, das verteidigt wurde.
Trinle redete eifrig mit, Kasperle schrie, er wolle auch Römer sein,
nur Gundel schwieg. Als sie aber aufatmend Veits Hösle fortlegte und
sagte: »Die sind fertig,« riefen die Buben begeistert: »Gundele wird
dann die Mutter der Gracchen.«
Die hohe Ehre ließ Gundel tief erröten, und wenn möglich nahm sie sich
noch eifriger Steffens Hösles an, denn Trinle erklärte: »Ich bring das
Löchle net zu, es ist zu groß.«
Gundel aber brachte das Löchle zu, gerade noch zur rechten Zeit. Zwei
Minuten blieben Veit und Steffen noch, um sich wieder aus römischen
Kaisern in zwei Breitenwerter Schulbuben zu verwandeln. Dann aber war
es die höchste Zeit; zum Abschiednehmen blieb keine Zeit. Im Davonrasen
rief Veit nur noch: »Morgen spielen wir.«
»Ja, morgen,« schrieen die Sternbübles zurück.
»Kommt vorbei, wenn ihr in die Schule geht,« brüllte Steffen. Da schlug
die Gartentüre hinter ihm zu, und Gundel, die Trinles Nähtäschele
eingepackt hatte, sagte sanft: »Nun müssen wir uns aber eilen, sonst
wird's zu spät.«
»Wir begleiten euch ein Stückle, Kasperle und ich,« sagte Trinle rasch,
und dann wanderten sie alle fünf einträchtig die Löwengasse entlang.
Dabei trafen sie Frau Tippelmann, die eben von Veit und Steffen beinahe
umgerannt worden wäre. Als die Trinle, Kasperle und die Sternkinder so
einträchtig daherkommen sah, blieb sie stehen und fragte erstaunt: »Je,
ihr seid wohl jetzt gut miteinander?«
»Ja,« antwortete Trinle geschwind, »wir haben uns versöhnt.«
»Und deine Brüderles, warum sind die denn ausgerissen?«
»Ausgerissen sind die net, die machen nur einen Besuch.« Und geschwind
erzählte Trinle die Geschichte von den zerrissenen Hösles, rühmte
Gundels Flickkunst und schloß zufrieden: »Nun sind wir alle Freunde.«
»Ist recht,« sagte Frau Tippelmann, »vertragt euch miteinander. Haß und
Streit bringen nur Leid. Ich will's Alette erzählen, vielleicht freut
sie sich über eure Versöhnung.«
Die letzten Worte sagte Frau Tippelmann mit einem tiefen Seufzer, denn
noch immer zeigte Alette keine Teilnahme für irgend etwas. Sie lag
meist mit geschlossenen Augen da, nichts freute sie, und selten, ach,
sehr selten sprach sie einmal. »Viele Grüße für Alette,« riefen die
Kinder, »wir besuchen sie bald, sobald wir dürfen.« Dann rannten sie,
so schnell Gundel vorwärts kam, weiter. Frau Tippelmann ging in das
Haus und betrat innen Alettes Zimmer. Beim Anblick des blassen, stillen
Kindes tat ihr das Herz wieder weh, und Laura sah ihr auch kummervoll
entgegen. »Sie hat die ganze Zeit, während Sie fort waren, kein Wort
gesprochen,« klagte sie traurig. »Wenn ich nur wüßte, was ihr Freude
macht!«
Frau Tippelmann trat an Alettes Bett, beugte sich über die Kleine
und erzählte der, so heiter sie es vermochte: »Die Sternbübles haben
sich nun mit deinen Freunden aus der Linde ausgesöhnt; soll ich dir
erzählen, wie das kam?«
»Ja,« flüsterte Alette und schlug die Augen auf, »wo sind sie denn?«
»Spazierengelaufen.« Frau Tippelmann rückte sich einen Stuhl zurecht
und erzählte die Geschichte von den zerrissenen und wieder geflickten
Hösles, und daß nun die Grills mit den Sternkindern Freundschaft
geschlossen hätten. Und zum erstenmal lächelte Alette ein wenig, und
als Frau Tippelmann schloß: »Sie wollen dich alle gern besuchen,«
fragte sie rasch: »Dürfen sie?«
»Freilich, sobald du nur erst ein bißchen gesünder bist, dürfen sie
kommen, sooft du sie haben willst!«
»Alle -- auch die Sternbübles?«
»Gewiß doch, alle, und die Sternbübles erst recht, und Gundele dazu,
und wenn du erst wieder gesund bist, gehst du mit Trinle in die Schule.«
»In die Schule!« Alette richtete sich plötzlich auf, und ihre Augen
strahlten. »Dann darf ich doch hier bleiben?« fragte sie atemlos.
»Freilich, solange du willst! Nur dein Vater darf dich holen, niemand
sonst. Aber Kind, Herzenskind, um Gotteswillen, was hast du?«
Alette hatte mit einem Jubelschrei Frau Tippelmann umschlungen, und an
dem Halse der alten treuen Frau weinte sie heiße, heiße Tränen.
»Das Kind wird kränker,« schluchzte Laura, »Herr Häferlein muß den
Doktor holen.« Sie rannte hinaus, lief zu dem Nachbar hinüber, und
der eilte wirklich, wie er ging und stand, und holte den Arzt herbei.
Er traf ihn unterwegs, und der gute, freundliche Doktor, der nicht
mehr so jung und etwas wohlbeleibt war, kam völlig außer Atem in der
Löwengasse an, denn Herr Häferlein trieb unablässig zur Eile. Und
zuletzt zerrte und zog Laura den Arzt noch die Treppe hinauf, daß der
meinte, Alette Amhag sei nun wohl schon tot. Als er aber das Zimmer
betrat, fand er die Kranke in Frau Tippelmanns Armen liegend, ein
glückseliges Lächeln auf dem blassen Gesichtchen.
»Sie wird gesund, nun gewiß,« rief Frau Tippelmann dem Arzt entgegen.
»Ja, das scheint mir auch so,« sagte der heiter. »Da hätte ich freilich
langsamer gehen können. Herr Häferlein hat wohl gedacht, ich wäre ein
Automobil geworden und könnte so flink rennen?«
Alette Amhag lachte ihr frohes Glöckchenlachen, über das sich Frau
Tippelmann am ersten Tage so gefreut hatte, und der Doktor lachte
herzhaft mit. »Na, mir ist die Rennerei schon recht; wer erst wieder
lachen kann, der spaziert der Gesundheit entgegen. Aber nun fein brav
sein, damit -- -- --«
»Ich Ostern in die Schule gehen kann,« flüsterte Alette. »Ach, ich
freu' mich so!«
[Illustration]
Dreizehntes Kapitel.
Was aus Frau Tippelmann wird.
Herr Häferlein fragt nicht nach den Zeugnissen. Die Sternbuben
finden, die Uhren hätten es eilig, aber Alette Amhag meint, sie
gingen im Schneckengang. Es ist Feiertagswetter, und Gundel
erzählt Märchen. Jemand findet Breitenwert sehr häßlich. Herr
Häferlein rennt noch einmal zum Doktor, und Frau von Bachhoven
redet mit Frau Tippelmann; sie ärgert sich über das deutsche
Gemüt, und die Sternbuben müssen erzählen, und schließlich sind
alle froh über den Besuch.
»Jetzt wird unsere Alette bald gesund; heute hat sie geschlafen wie
ein Murmeltier,« erzählte Laura am nächsten Tage Herrn Häferlein. »Nun
werfe ich Ihnen keinen Stein mehr an das Fenster.«
»Ei, was das Steinwerfen anbelangt, das war nicht schlimm,« sagte der
höfliche Kaufmann, »aber das Gesundwerden freut mich und sicher alle
Leute in der Löwengasse!«
Damit sagte der gute Herr Häferlein nicht zu viel. Die ganze Löwengasse
freute sich wirklich über Alette Amhags Genesung, am meisten aber
Linde und Stern. Frau Grill ging jeden Tag in die Rose; die Sternwirtin
schickte dies und das, und die Kinder stürzten wie Habichte auf Frau
Tippelmann oder Laura zu, wenn sich eine von ihnen blicken ließ. »Wie
geht's Alette? Steht sie bald auf? Dürfen wir sie bald besuchen?«
»Ja, bald, bald; sie freut sich schon auf euch!«
Es vergingen aber immer noch etliche Tage, ehe Trinle Grill als erste
Besucherin das Krankenzimmer betreten durfte, just am ersten Ferientag
dazu. Als Trinle eintrat in das Zimmer, dessen Fenster offen standen,
um die Sonne, die heute wieder frühlingslustig schien, einzulassen,
hörte sie lauten Lärm. Sie blieb erschrocken stehen und sah scheu nach
dem Bett hin, in dem Alette noch blaß wie ein weißes Blümchen lag. »Die
Bübles schreien so arg,« stammelte Trinle.
»Das klingt lustig!« Alette streckte der Freundin die Hand hin,
und da vergaß Trinle den Lärm draußen in der Freude, die Kameradin
wiederzusehen.
Ein Viertelstündchen war ihnen beiden nur vergönnt, da mußte sich
Trinle arg sputen, um nur ein Hundertstel von allem, was sie auf dem
Herzen hatte, herauszuschwätzen. Die Viertelstunde tat einen Hopser --
aus war sie. Beim Abschied aber konnten doch beide sagen: »Morgen.« Am
nächsten Tag hieß es dann: »Und morgen bringe ich Gundele mit.« Und
Gundel kam, und die Buben alle, Kasperle zuerst; der wollte gar nicht
wieder fort. Gundel war schüchtern, aber gegen Mathes und Peter war sie
fast geschwätzig. So etwas! Die Sternbübles taten den Mund nicht auf,
aber am nächsten Tage kamen sie doch wieder, sogar eine halbe Stunde
zu früh. Da wanderten sie vor der Rose auf und ab und unterhielten
sich mit Herrn Häferlein genau so, als wären sie nie die schlimmen,
gefürchteten Sternbübles gewesen.
Herr Häferlein war auch wirklich sehr nett; der tat keine Frage nach
den Zeugnissen, wie es damit und mit dem Versetztsein bestellt sei. Das
war gut, denn daran hatten die beiden Schelme gesehen, daß einer nicht
im Handumdrehen auf den ersten Platz im Leben kommt. Die Mutter hatte
doch ein wenig geseufzt über die Zeugnisse, aber dann dachte sie an den
Tag, da sie ihre Buben im Krankenhaus gefunden, und sie fragte mild:
»Wird's besser werden das nächste Mal?«
»Ja,« sagten die Bübles schnell ganz fest und ehrlich, und Gundel sagte
auch ja; sie sagte es für die Brüder mit, und da lächelte die Mutter
froh: »Ich glaub's schon,« erwiderte sie, »wenn Gundele es auch sagt,
wird es schon werden.«
Freilich trauerten die Sternbübles doch trotz ihrer guten Fleißvorsätze
jedem Ferientag nach. Wieder einer vorbei, wie schnell das ging!
Unglaublich, welche Eile die Uhren in Ferienzeiten haben; es fällt
ihnen gar nicht ein, einmal ein bißchen still zu stehen und sich zu
besinnen: heute ist's gerade so schön, da wollen wir einmal langsamer
unser Ticktack schlagen.
Nur Alette Amhag fand, die Uhren gingen im Schneckengang. Ihr dehnten
sich die Stunden, und wenn sie die Freunde draußen auf der Löwengasse
jauchzen hörte, dann seufzte sie und dachte: Ach, wär ich dabei! Sie
mußte noch immer viele Stunden im Bett liegen, und die Zeit für Besuche
war karg bemessen. »Sie sind alle sehr nett, aber für Krankenbesuche
nicht recht geeignet,« sagte Frau Tippelmann. Trotzdem tat es ihr
selbst bitter leid, als sie hörte, am ersten Osterfeiertag wollten
sie allesamt über Land fahren, die aus der Linde und die aus dem
Stern. »Niemand bleibt bei mir,« klagte Alette, als Trinle ihr dies am
Ostersonnabend erzählte.
Die Grills wollten zu einem Onkel Pfarrer, der auf einem Dorf, zwei
Stunden von Breitenwert entfernt, wohnte, und die Sternkinder waren
auch von einer Landmuhme eingeladen worden. Draußen lockte und lachte
die Sonne auch gar zu fröhlich, und überall hatte der Frühling schon
seine holde Arbeit begonnen.
Wer wollte da daheim bleiben? Die Löwengasse war ja hübsch, aber
draußen, ja draußen war es doch schöner im Frühlingssonnenschein und im
ersten frischen Grün.
Alettes Klage ging Trinle Grill freilich sehr zu Herzen, und sie
erzählte Gundel davon, just als die von ihrer Freude sprach, daß sie
zur Landmuhme fahren dürfte. Gundel wurde still, Alettes Einsamkeit
nahm ihr die rechte Freude, und sie sagte endlich, fast wie frohes
Hoffen klang es: »Vielleicht regnet's gar am Ostertag.«
Es regnete aber nicht. Die Sonne schien schon am Samstag, als
wollte sie allen zurufen: »Rüstet euch, rüstet euch, morgen gibt's
Feiertagswetter!« Und dann gab es einen köstlichen Morgen, und in der
Linde und im Silbernen Stern purzelten die Kinder beinahe vor lauter
Eilfertigkeit aus den Betten, nur Gundel Hinz nicht. Die blieb daheim,
sie hatte ihre Mutter darum gebeten, und die hatte es erlaubt. Den
Bübles war es nicht ganz recht, aber als sie hörten, Gundel blieb, um
Alette zu besuchen, da stimmten sie zu. Sie versprachen der Schwester
Frühlingsblumen und Festtagskuchen, versprachen der Mutter allergrößte
Bravheit und zogen dann genau so selig in die Frühlingsherrlichkeit
hinaus wie die Lindenkinder. Alette Amhag hörte wieder das Jubeln und
Jauchzen auf der Löwengasse, und sie wurde darüber traurig. Nicht
einmal die schönen Ostereier, die ihr Laura aufbaute, konnten sie recht
trösten; der Tag lag gar zu lang und einsam vor ihr.
Doch als draußen die Kirchenglocken wieder sangen und auf der
Löwengasse die Stimmen der heimkehrenden Kirchengänger ertönten,
klopfte es an Alettes Tür. Gundel kam, der Kranken zu Trost und Freude.
An diesem Tage gewann sich Hinkegundel eine zweite Freundin, und für
die beiden Mädeles wurde es ein schöner, fröhlicher Feiertag. Gundels
Traum wurde zur Wahrheit; sie konnte der wirklichen Alette Amhag
Geschichten erzählen, feine, liebe Märchen, und Alette, die noch wenig
Märchen kannte, lauschte so still und zufrieden, daß Frau Tippelmann
sagte: »Gundel kann kommen, sooft sie mag; die paßt gut an ein
Krankenbett. Wie gut, daß sie daheimgeblieben ist.«
Am nächsten Morgen standen schöne Frühlingsblumen an Alettes Bett;
die Ausflügler hatten ihre kranke Freundin nicht vergessen. Sie kamen
auch, erzählten, es wäre wunderschön gewesen, und Alette bekam die
allergrößte Lust, bald, bald im Frühlingssonnenschein spazierenzugehen.
Selbst Laura sagte: »Wenn man die Kinder reden hört, meint man, eine
schönere Gegend als die Breitenwerter gibt's in der ganzen Welt nicht.
Herr Häferlein tut auch, als hätte hier mindestens das Paradies
gelegen.«
Ein paar Tage später aber schimpfte jemand laut und vernehmlich über
das häßliche Breitenwert, seine krummen Gäßlein und seine Menschen, die
allzu neugierig und vorwitzig wären. Frau van Bachhoven war es. Sie kam
auf einmal -- eins, zwei, drei -- ganz unerwartet schnell angereist.
Sie wollte Alette holen. Das gab eine Aufregung in der Rose und drüben
in der Linde, und als die Nachricht in den Silbernen Stern gelangte,
stürzten die Bübles auf die Straße, als müßten sie Alette Amhag wieder
aus Wassersnot befreien.
Am heftigsten aber erschrak Alette Amhag selbst. Als die die tiefe,
etwas rollende Stimme Frau van Bachhovens hörte, wurde sie totenbleich,
und diesmal lief Frau Tippelmann, um Herrn Häferlein nach dem Arzt zu
schicken. Der sollte kommen und helfen. Inzwischen gab es einen bösen
Auftritt zwischen der Dame und Fräulein Laura. Frau van Bachhoven
machte Laura die allerbittersten Vorwürfe, meinte, die sei schuld, daß
Alette noch hier sei, und verlangte, sie solle sofort die Sachen packen.
»Ich darf nicht, Frau Tippelmann erlaubt das nicht,« rief Laura, die
sich gar nicht mehr zu helfen wußte.
»Die Frau hat nichts zu erlauben, sie ist eine Dienerin, damit
fertig!« schrie Frau van Bachhoven geärgert. Nun gerade, weil alle
nicht wollten, sollte Alette zu ihr kommen. Sie war es so gewohnt,
um ihres Reichtums willen jeden Wunsch erfüllt zu sehen, daß dieser
unerhörte Widerstand sie heftig reizte. Alette Amhag erschien ihr
wie ein Spielzeug; sie wollte sie haben um jeden Preis. Sie schrie
Frau Tippelmann zornig an, als die kam, sie zu begrüßen: »Sofort wird
eingepackt, das Kind kommt mit mir; da gibt es keinen Widerspruch.«
»Den gibt es doch,« sagte Frau Tippelmann ganz ruhig. Sie war an
Alettes Lehnstuhl getreten, in dem die Kleine in der Sonne saß, und
streichelte sanft das weinende Kind. »Du bleibst hier, Alette Amhag.«
Frau van Bachhoven rollte ihre Augen ganz fürchterlich, und Laura kroch
entsetzt in einen Winkel. Lieber Himmel, dachte sie, Frau Tippelmann
weiß gar nicht, wie böse die Dame werden kann, und schließlich müssen
wir ihr doch gehorchen und mitreisen, da ist nichts zu machen.
»Was erdreisten Sie sich?« rief Frau van Bachhoven. »Sie sind eine
Dienerin und haben zu gehorchen, verstanden?«
»Mit Verlaub, das habe ich nicht!« Frau Tippelmanns Stimme klang ganz
ruhig. »Ich bin eine Amhag wie das Kind hier. Mein Vater selig und
Herrn Amhags Großvater waren Brüder; ich bin also Alettes Großtante.
Ihr Vater hat mir damals geschrieben, ich möchte für sein Kind sorgen;
das tue ich. Erst habe ich gemeint, Alette wollte nicht hierbleiben,
nun ich aber weiß, daß Alette hier glücklich ist, lasse ich sie nicht
fort, bis ihr Vater es anders bestimmt.«
»Sie -- eine -- Verwandte?« Frau van Bachhoven sah die in ein ganz
einfaches blaues Hauskleid gekleidete alte Frau von oben bis unten
verächtlich an. Sie lachte höhnisch: »Wer Ihnen das glaubt!«
»Das ist schon wahr, ganz gewiß wahr, meine Gnädige,« sagte da von der
Türe her der alte freundliche Doktor. »Frau Tippelmann ist eine Amhag
und des Kindes leibhaftige Großtante. Und die Reise darf sie nicht
einmal erlauben, denn die erlaube ich auch nicht. Das Kind ist noch
krank und darf nicht in der Welt herumgeschleppt werden, damit basta!
Gelt, kleine Alette, du willst noch bei uns bleiben?«
Alette gab keine Antwort. Die hielt Frau Tippelmanns Hand fest
umschlungen und sah mit strahlenden Augen zu der alten Frau auf. »Meine
Großtante,« flüsterte sie, »meine Großtante!«
»Ja, Kind, die bin ich. Und deinen Großvater habe ich noch gekannt. Ich
war damals ein kleines, dummes Mädele, als er die Heimat verließ. Aber
ich sehe ihn noch heute hinten im Garten an der alten Linde lehnen.
Er hat geweint, als sollte ihm das Herz brechen, daß er fort mußte
aus einer lieben Heimat. Ich habe dann manchmal gedacht, er ist wohl
nie wieder gekommen, weil er den neuen Abschied gefürchtet hat, denn
Breitenwert und das alte Rosenhaus war ihm der liebste Ort der Welt.
Die Heimat ist eben die Heimat.«
Frau van Bachhoven war ganz still geworden. Sie begriff nicht, wie
jemand an einer so kleinen Stadt, an einem alten Hause so hängen
konnte. Es war ihr, als spräche die alte Frau da eine ganz fremde
Sprache. Doch merkwürdigerweise schien Alette Amhag, dieses Kind, das
sie zum Zeitvertreib gern bei sich haben wollte, die fremde Sprache zu
verstehen. Auch Laura, das törichte Mädchen, sah ganz so aus, als hätte
Frau Tippelmann etwas Wunderschönes gesagt.
»Das ist das dumme deutsche Gemüt!« rief die reiche Dame endlich
ärgerlich. »Was ist an einem solchen alten Haus? Alette, besinne dich,
ich will dich mit nach Paris nehmen und dann in die Schweiz, da ist es
doch schöner als hier.«
»Ich will hierbleiben bei -- meiner Großtante,« sagte Alette leise.
»Und Sie, Laura?« Frau van Bachhoven sah Laura forschend an. Die
knickste verlegen, einmal, zweimal. Freilich, Breitenwert war ein
rechtes Nest, die Rose immerhin ein einfaches Haus, aber da war Alette,
die Löwengasse, die Kinder, Herr Häferlein, der gute Nachbar, in dessen
Laden sie immer an ihre glückliche Kindheit denken mußte; sie atmete
tief und sagte dann schnell: »Wenn es Ihnen recht ist, gnädige Frau,
dann möchte ich schon hier bei Alette bleiben, bis ihr Vater kommt.«
»Meinetwegen,« brummte die Dame. »Hier scheinen alle verhext zu sein.«
Sie stockte und sah sich in dem großen Zimmer um, an dessen Fenster
Frühlingsblumen blühten, und das so einfach, so hell und freundlich
aussah. »Vielleicht würde ich es auch noch, wenn ich hierbliebe.«
Da trat Frau Tippelmann rasch vor und bat: »Ein paar Stunden sollten
Sie doch bleiben, gnädige Frau. Alette ist Ihnen doch dankbar, daß Sie
gekommen sind.«
Je, wenn Frau Tippelmann glaubt, Frau van Bachhoven, der kein Hotel gut
genug ist, würde hierbleiben, dachte wieder Laura, na, da irrt sie sich
aber!
Doch diesmal irrte sich Laura. Die reiche Dame blieb wirklich bis zum
Nachmittag als Gast in der Rose. Nun erst merkte Alette Amhag, daß die
gefürchtete Frau im Grunde sehr gutherzig war, und sie verlor ihre
Scheu vor ihr. Sie erzählte ihr selbst von ihrem Sturz ins Wasser,
und wie die Sternbübles sie gerettet hatten. Da verlangte Frau van
Bachhoven die zu sehen, und die andern Kinder auch, und Laura mußte
laufen, um sie alle in die Rose zu holen.
Sie kamen an, verlegen und schrecklich neugierig dazu. Die Sternbübles
glühten wie zwei Himbeeräpfel, als sie erzählen sollten, wie es gewesen
war, als sie Alette gerettet hatten. Sie stießen sich an, blinkerten
sich zu, und Peter sagte zu Mathes: »Sag's du!« Aber Mathes wieder
tuschelte: »Du sollst es sagen.« Endlich besann sich Mathes auf seine
Ältestenwürde und begann: »Alette ist gelaufen wie'n Häsle.«
»Und wir hintennach,« schrie Peter.
»Dann kam das Flüßle und das Brückle,« fuhr Mathes fort, »und da --
und da -- und da plumpste sie rein.«
»Wir haben sie rausgefischt,« ergänzte Peter wieder.
»So war's,« rief Mathes. »So war's,« schrie Peter, und beide sahen sich
stolz ob dieser ausführlichen Erzählung an.
Frau van Bachhoven lachte. Dabei zeigte sie ihre weißen Zähne und
rollte ihre großen dunkeln Augen, und das gefiel den Bübles so, daß sie
auch in ein jauchzendes Gelächter ausbrachen. »Die gefallen mir,« rief
die Dame, »die möchte ich haben.«
Aber auch die Sternbübles wollten vom Mitreisen nichts wissen. Der
Silberne Stern und die Löwengasse gefielen ihnen vorläufig noch besser
als die weite Welt draußen. Sehr gefiel es ihnen dagegen, als Frau
van Bachhoven ihnen allerlei sehr schöne Dinge schenkte. Eigentlich
sollten zwar all das kostbare Spielzeug, die feinen Zuckersachen und
Früchte für Alette sein, doch die teilte gern mit den Freunden, ja sie
gab sogar die beiden Staatspuppen an Trinle und Gundel, und so wurde
schließlich für alle der Besuch, über den sie zuerst so erschrocken
waren, eine große Freude.
Am frohesten aber war doch Alette. Nun brauchte sie nicht mehr heimlich
zu befürchten, daß Frau van Bachhoven sie holte. Die war fort, und sie
durfte bei ihrer Großtante bleiben, bis ihr Vater sie holen kam. Auch
Laura war nun ganz zufrieden, auch sie sagte vergnügt: »Ja ja, ein
Weilchen bleibe ich schon noch gern in der Löwengasse. Aber das muß ich
doch sagen, Frau Tippelmann, recht war es nicht, daß Sie sich nicht
gleich als Alettes Tante zu erkennen gegeben haben, es wäre manches
anders gewesen.«
»So ist's im Leben,« antwortete Frau Tippelmann schelmisch, »wenn
mancher Mann wüßte, wer mancher Mann wär, gäb mancher Mann manchem Mann
manchmal mehr Ehr.«
»O je, schon wieder ein Sprichwort!« rief Laura lachend. »So viele habe
ich ja nicht in der Schule gelernt; hier werde ich noch gelehrt wie ein
Professor.«
»Hm,« sagte Frau Tippelmann schmunzelnd, »es heißt aber: Je mehr einer
lernt, desto mehr sieht er ein, wie wenig er kann. Doch nun muß unser
Kind zu Bette gehen. Draußen auf dem Löwengäßle ist's schon ganz
dunkel, und mir scheint, der Sandmann spaziert schon herein.«
[Illustration]
Vierzehntes Kapitel.
Der Zöpflesstreit.
Alette möchte eine Geschichte hören, Laura will erzählen, Frau
Tippelmann will erzählen, aber die Sternbuben zeigen sich als
sehr ungläubig, und schließlich wird aus der Geschichte keine
Geschichte, und die Kinder kommen so geschwind wie noch nie aus
dem Rosenhaus auf das Löwengäßle hinaus.
Wenn einer krank liegt, hat er viel Zeit zum Sinnen und Denken. Das
sind dann oft wunderreiche Tage, namentlich wenn die Krankheit schon
an der Türe steht und sagt: »Nun mach ich mich wieder davon; ich habe
dich genug geplagt, du armes Menschlein.« Man sieht die böse Krankheit
gehen, ist noch matt, aber fühlt es doch jeden Tag: ich werde gesund.
Und das Stilleliegen und Stilleseinmüssen tut dann so wohl, und
der Kranke, der sonst in aller Unruhe seines Lebens nicht Zeit zum
Nachdenken hat, kann dann einmal im eigenen Herzen spazierengehen und
sich darin umsehen. Es tut gut dieses Spazierengehen in seinem Herzen.
Da findet der Mensch manchmal Winkel, die er selbst nicht recht kennt,
und erstaunt wohl über all die unguten Dinge, die da aufgestapelt
liegen. In einer Ecke liegt da ein Häuflein Neid und Eifersucht, in
der andern ein Bündelchen Hochmut und ein Reis Überheblichkeit schießt
daneben empor. Ein anderer sieht bei solchem Umschauen die Eitelkeit
protzig im Winkel sitzen, er blickt der Lüge in die falschen Augen, und
dem oder jenem fällt allerlei ein, was er über liebe Menschen Häßliches
gesagt hat. Doch wer erst die schlimme Unordnung sieht, der findet wohl
auch die Kraft aufzuräumen. In den Tagen des langsamen Besserwerdens
ist die Seele des Menschen oft wie ein Gärtlein im Lenz. Liebliche
Blumen blühen empor, köstlicher Same keimt, und der Mensch selbst hat
Zeit, fein säuberlich das Unkraut zu jäten.
Es läßt sich aber auch gut träumen von vergangenen Tagen in der Zeit
der Genesung, auch an heitere Stunden der Zukunft denkt der Mensch da
gern.
Alette Amhag nun gehörte zu jenen, die still nachdenken können, und
weil ihre Herzstübchen alle blank und heil waren, kein Unrat in den
Winkeln lag, dachte sie viel an ihren fernen Vater, an die große Welt
und das kleine Löwengäßle. Darum lag sie auch, als es ihr besser ging,
mit frohen Augen im Bett, und Frau Tippelmann und Fräulein Laura
sagten oft zueinander: »Unsere Alette pflegen, ist wirklich leicht;
mit den Sternbübles wäre das wohl ein schlimmes Ding.« Ja, manchmal
seufzte Frau Tippelmann ein wenig und meinte: »Es wäre gut, wenn Alette
manchmal einen Wunsch hätte.«
Und eines Tages hatte Alette Amhag dann wirklich einen großen Wunsch;
ihr fiel auf einmal der Großtante Geschichte ein, die ihr die
noch nicht erzählt hatte. Ganz eilig rief Alette, nachdem ihr die
unterschlagene Geschichte eingefallen war: »Laura, liebste Laura, hole
doch die Tante, sie muß mir eine Geschichte erzählen.«
»Na, das kann ich doch auch!« sagte Laura etwas gekränkt. »Ich weiß
alle möglichen Geschichten, eine von einem Jungen, der in den Krieg zog
und dann auf einmal einen Grafen heiratete, weil er nämlich gar kein
Junge, sondern ein wunderschönes Mädchen war, und dann noch eine von
einer Frau, die so gerne Rosinen und Mandeln aß, daß sie schließlich
träumte, sie wäre ein riesengroßer Kuchen geworden, und -- -- --«
»Nein, nein,« rief Alette lachend, »die Geschichten will ich nicht
hören, Laura; ich will eine hören von damals, als noch meine
Ururgroßeltern in der Löwengasse wohnten.«
»Ach, das werden gewiß recht langweilige Geschichten sein,« brummelte
Laura; »aber meinetwegen, es gibt ja auch Menschen, die hören lieber
Leierkasten spielen als Klavier, und ich mag lieber Blechmusik; so ist
das nun einmal.« Nach dieser schönen Rede ging sie dann doch, um Frau
Tippelmann zu holen. Nach einem Weilchen kam sie wieder und sagte
betrübt. »Frau Tippelmann kann nicht erzählen.«
»Warum denn nicht?« fragte Alette erschrocken. »Sie hat es mir doch
versprochen!«
»Ja freilich, und ein Versprechen muß man halten, das ist schon wahr,
aber Frau Tippelmann kann das nun jetzt nicht tun, sie ist nämlich
weggegangen.«
Da konnte sie freilich keine Geschichte erzählen. Alette sah das ein,
doch weil sie nun gerade zuhörlustig war, ließ sie sich von Laura die
merkwürdige Begebenheit berichten von der Dame, die so gerne Rosinen
und Mandeln gegessen hatte. Laura erzählte sehr eifrig. Alette hörte
nicht minder eifrig zu, und just als die sonderbare Dame dabei war,
sich für einen schönen dicken Weihnachtskuchen zu halten, ging es
tripp, trapp im Hausflur, und Laura und Alette purzelten beide aus der
Geschichte in die Wirklichkeit zurück und riefen: »Die Sternbübles.«
Die waren es wirklich, aber sie kamen nicht allein; zwei Minuten später
ging es wieder tripp, trapp, da kamen sie aus der Linde, und zuletzt
tönte ein langsamer bedächtiger Schritt: Frau Tippelmann kehrte heim.
Laura berichtete von Alettes Wunsch, sie sagte: »Schade, daß nun gerade
die Kinder gekommen sind, da wird es nichts aus der Geschichte werden.«
»Warum nicht?« erwiderte Frau Tippelmann. »Es ist besser, ich erzähle
eine Geschichte, da sind die andern ruhig; die Sternbübles schreien
heute ohnehin wieder, als wären sie Jahrmarktsausrufer. Davon wird
unser Alettchen nur müde und matt; das stille Zuhören ist gesünder.«
Dieser Meinung waren die Gäste just an diesem Nachmittag nicht, am
wenigsten die Sternbübles. So gern sie auch sonst Geschichten hörten,
heute hatten sie selbst allerlei zu erzählen und zu fragen. Da war
am Morgen einer Bauersfrau eine höchst sonderbare Sache zugestoßen;
die hatte sich aus einem ganz unerfindlichen Grunde auf ihren
eigenen Eierkorb gesetzt, was weder ihrem Rock noch den Eiern gut
bekommen war. Die Sternbübles hatten schon Bauchschmerzen vor Lachen
darüber bekommen, und sie brannten darauf, reden zu dürfen. Aber
Frau Tippelmann fragte wenig danach, was sie wollten oder nicht; sie
sagte einfach: »Ich erzähle, damit Punktum, Streusand drauf, und nun
aufgepaßt!«
»Erst mal -- -- --« schrie Mathes.
»Nachher,« sagte Frau Tippelmann ruhig; »also hört. Alette will eine
Geschichte aus dem alten Amhaghaus; da gibt es natürlich viele, denn in
einem rechten Familienhaus geschieht im Laufe der Zeit immer allerlei.
Da gibt es lustige und ernsthafte Geschichten, seltsame, aufregende
und auch rührende. Leider wissen die Menschen immer viel zu wenig
Geschichten aus der Vergangenheit ihrer Familien, und die Kinder sind
jetzt auch schon so töricht, die denken, wenn es heißt, das ist aus
deiner Urgroßmutter Leben eine Geschichte, »Ach, wie langweilig!« Weil
unsere Alette glücklicherweise anders denkt, soll sie auch so viele
Geschichten, als ich noch selbst weiß, aus dem alten Amhaghaus und
dem Löwengäßle erfahren. Das Löwengäßle nun war immer ein schnurriges
Sträßlein, in dem die wunderlichsten Dinge sich zutrugen, und von all
den Geschichten ist mir besonders eine recht im Gedächtnis geblieben.
Das war damals, als die Damen noch mit hochgetürmtem Haar einhergingen,
weite Reifröcke trugen und jeder Mann ein Zöpfle hinten hängen hatte
-- -- --«
»Hoho,« schrie Mathes dazwischen, »das ist net wahr, Zöpfles tragen
Männer net!«
Frau Tippelmann sah über ihre Brille hinweg lachend auf das empörte
Büble. »So ein Dummköpfle, wie du auch bist!« brummelte sie. »Jetzt
tragen Männer freilich keine Zöpfe mehr, aber damals, als die
Geschichte spielte, trug jeder Mann seinen Zopf und -- -- --«
»Ich glaub's net,« trotzte Mathes auf, den Frau Tippelmanns Lachen und
das Gekicher der Mädchen reizte, »noi, ich glaub's net!«
»Ich auch net,« redete Peter dem Bruder eifrig nach. »Zöpfles trägt
kein Mann.«
»Doch einmal war es so,« riefen die Grills, und dabei schauten sie
ein wenig mitleidig über diese Unwissenheit auf die Sternbübles herab.
Diese gerieten erst recht in Eifer. Zum Überfluß fuhr sie nun auch noch
Frau Tippelmann unwirsch an und gebot: »Haltet euren Schnabel, das
Zwischenreden mag ich net leiden.« Da schrieen die Bübles lauter als
vorher: »Wir glauben das mit den Zöpfles net; Männer tragen keine.«
»Seid doch stille -- -- --«
»Männer tragen keine, Männer tragen keine.«
»Nun hört doch einer diese dummen Buben an!« schalt Frau Tippelmann
erzürnt. »Dabei ist euer eigener Ururgroßvater, der Sternwirt Jakob,
der Mann gewesen, der am längsten ein Zöpfle in Breitenwert getragen
hat. Den Zöpflewirt haben sie ihn genannt, mein Großvater hat mir noch
von ihm erzählt. Fragt nur eure Mutter, die wird's schon wissen. Also
nun weiter, damals trugen die Männer noch ihre Zöpfles und -- -- --«
»Noi, ich glaub's doch net, Männer sind net so dumm!« schrie Mathes,
und dabei wurde er vor Zorn so rot wie ein Krebs im heißen Wasser.
»Ich glaub's auch net.« Peter ließ den Bruder nicht im Stich, dessen
Glaube war sein Glaube, und Gundel flüsterte und ermahnte vergeblich,
sie möchten doch stille sein; die Brüder blieben bei ihrem Widerspruch:
»Männer tragen keine Zöpfles.«
»Taten sie doch, es ist wahr,« riefen die Grills, denen die Sache nun
auch zu dumm wurde, »wir wissen's genau. Zu dumm, so etwas nicht zu
wissen!«
»Wir glauben's doch net,« versicherten die Bübles grantig. »Pah,
Zöpfles sind für Mädeles; Männer sind net so affig!«
»Pfui,« schrie Trinle Grill entrüstet, »seid ihr frech! Mädeles sind
net affig, wenn sie Zöpfles tragen.« Und zum Zeichen, daß sie sehr
stolz auf ihren dicken Zopf war, schwenke sie den wie einen Uhrpendel
hin und her. »Zöpfle sind fein, und daß Männer sie getragen haben, weiß
ich auch.«
»Wir auch!« wiederholten ihre Brüder noch einmal in kriegerischem Ton.
»Es ist net wahr, net wahr, net wahr!« kreischten die Sternbübles.
»Na, so ein paar widerhaarige Buben sind mir noch gar nicht
vorgekommen,« rief Frau Tippelmann. Sie ärgerte sich und lachte dabei,
und da sie sah, daß die Sternbübles durch Worte nicht zu überzeugen
waren, stand sie auf und holte ein paar kleine Bilder herbei, die sie
den Kindern vorlegte. »Da seht ihr's,« sagte sie. »Da sind Männer mit
Zöpfles drauf; seht, das hier ist sogar ein Offizier, und der hat auch
einen Zopf. Na, glaubt ihr es nun?«
Ein paar Herzschläge lang starrten die Sternbübles stumm auf die
Bilder nieder. Wirklich, da hingen den feinen Herren kleine steife
Zöpfe herunter, und keiner sah darob sehr verwundert drein. Die
Bübles sahen sich an, sahen wieder die Bilder an, sie hörten aber
auch das schadenfrohe Lachen der andern, und der alte bitterböse
Sternbüblestrotz wachte wieder in ihnen auf. Mathes rief als
erster: »Die Bildles, die sind net wahr, die -- die -- sind aus --
Märchenbüchern.«
»Jawohl, aus Märchenbüchern sind se,« schrie Peter nach, »sie sind net
wahr.«
»Was, meine Bilder sind net wahr?« rief Frau Tippelmann verdutzt. »Mein
eigener Urgroßvater soll net wahr sein? Nun schlägt's aber dreizehn!«
Die Lindenkinder waren nur einen Augenblick sprachlos, dann tobten sie
los wie zur Zeit der schlimmsten Feindschaft mit den Sternbübles, und
die blieben die Antworten nicht schuldig. Worte flogen hin und her
wie Schneebälle. Frau Tippelmann schalt, Laura lachte, Gundel weinte,
Alette weinte mit, und alle miteinander überhörten den Klingelton
unten, hörten nicht, daß die neue Küchenmagd Selma mit jemand sprach,
bis sich die Türe auftat und dieser Jemand ins Zimmer kam. »Potzwetter,
nennt man das eine Krankenstube?«
Da war es nun plötzlich still, und tief erschrocken schauten alle auf
den Arzt. Frau Tippelmann aber seufzte schwer, fast schuldbewußt; es
war ihr beinahe, als hätte sie den Lärm selbst verursacht. Ordentlich
bedrückt sagte sie: »Gut, daß Sie kommen, Herr Doktor, mit diesen
Sternbübles ist es ein Kreuz.«
»Was haben sie denn getan?«
Alle auf einmal wollten Antwort geben, diesmal aber gelang es Frau
Tippelmann, sie zur Ruhe zu bringen; sie rief streng: »Schweigt, ich
erzähle!«
Und dann erzählte sie halb lachend, halb ärgerlich die Zopfgeschichte,
und der gute Doktor machte ein Gesicht dazu, als könnte er das Lachen
nicht mehr recht am Ausreißen hindern. »So ist's!« sagte er und sah die
Sternbübles von oben bis unten an. »Hm, ihr glaubt also nicht an die
Zöpfles?«
»Noi,« beharrten die Bübles trotzig und gekränkt, »das ist net wahr!«
»So, hm! Na, seht einmal an! Wer ist denn das hier, der euch allen vor
der Nase hängt, und an dem ihr alle vorbeigesehen habt, obgleich man an
dem in der Weltgeschichte wirklich nicht vorbeisehen kann?«
Der Doktor nahm ein Bild von der Wand, hielt es Mathes und Peter vor
die Augen und fragte: »Wer ist das?«
»Der alte Fritz!« Die Lindenkinder riefen es zuerst, und dann schrieen
sie alle zusammen: »Er hat ein Zöpfle!«
»Na ja, freilich, der alte Fritz hat ein Zöpfle getragen, und was er,
der große Held, getan hat, werden die andern Männer wohl auch getan
haben. Glaubt ihr das nun, ihr Ungläubigen?«
Ja, nun glaubten sie es schon; wenn der alte Fritz ein Zöpfle hatte,
dann freilich! Die Sternbübles sahen ganz verdattert drein, und die
Lindenkinder taten soeben ihre Münder sperrangelweit auf, um in ein
riesenhaftes Jubelgeschrei auszubrechen, als der Doktor schnell rief:
»Nun aber raus, allesamt, eine Krankenstube ist keine Lärmstube, wer
schreien will, mag es draußen tun, obgleich es für das Löwengäßle
angenehmer wäre, ihr ginget fein stille heim.«
»Das werden sie ganz und gar nicht tun,« brummelte Frau Tippelmann,
»die schon sicher nicht. Ich bin aber froh, daß sie gehen; so bald gibt
es nicht wieder Besuch hier, das sage ich.«
»Und die Geschichte?« rief da plötzlich Alette in einem so jämmerlichen
Tone, daß es selbst den bockbeinigen Sternbübles an das Herz ging. Die
taten jeder einen kellertiefen Seufzer und schauten drein, als wären
Heim und Stube, Schulferien, das Löwengäßle, das Nachtessen und sonst
etwas weggeschwommen. »Die Geschichte bleibt nun unerzählt,« sagte Frau
Tippelmann streng. »Wer sich über ein Zöpfle net beruhigen kann, der
braucht keine Geschichten zu hören.«
Es war merkwürdig, Alette kannte ihre Tante doch erst seit kurzer
Zeit, aber schon wußte sie, hinter der Strenge lauerte das Lachen, und
ihr eben noch so betrübtes Gesicht hellte sich auf. Sie rief rasch:
»Morgen erzählst du, bitte, bitte!«
»Nein, morgen gewiß nicht.«
»Dann übermorgen.«
»Na, vielleicht, -- wollen mal sehen, aber nun Abschied!«
Der war kurz, denn Frau Tippelmann schob die Gäste einfach zur Türe
hinaus, der Doktor half, Laura auch, und so kamen die Kinder der
Löwengasse so geschwind hinaus wie noch nie. Auf einmal standen sie
auf dem Gäßle, die herbe Frühlingsluft umwehte sie, kühlte ihre heißen
Stirnen und dämpfte auch ihre Streitlust. Für die Ruhe auf dem Gäßle
war das recht gut.
»Übermorgen erzählt sie uns,« sagten sie zueinander.
»Vielleicht.« Gundel war zaghaft, aber die andern überstimmten sie:
»Nicht vielleicht, sondern gewiß. Um das Zöpfle wird sie net lang böse
sein, um ein dummes Zöpfle.«
»Ein Zöpfle ist was Feines,« schrie Mathes plötzlich; »hurra, der
alte Fritz hat auch eins getragen, hurra!« Und dann liefen sie heim,
denn über das Löwengäßle sanken immer tiefer die Dämmerschatten, und
die Abendbrotzeit war herangekommen. Nach dem Abendessen kam das
Zubettgehen, und dabei geschah es, daß sich die Sternbübles gegenseitig
ansahen, jäh verstummten und sich dann beide an die kugelrunden,
glattgeschorenen Köpfe faßten und riefen:
»Wir kriegen nie ein Zöpfle -- schade!«
Und sie seufzten tief und stiegen nachdenklich in ihre Betten. Peter
aber träumte in der Nacht von einem dicken, schwarzen Chinesenzopf.
Doch den hatte nicht er, sondern Herr Baldan; der ging damit im
Löwengäßle spazieren, schwenkte ihn hin und her und rief immer: »Platz
da für mein Zöpfle, das hat mir der alte Fritz geschenkt.« O, der
glückliche Herr Baldan!
Fünfzehntes Kapitel.
Hoher Besuch.
Frau Tippelmann erzählt eine Geschichte von Sternbübles,
und die lebendigen Sternbübles haben viel dreinzureden, und
Fräulein Laura sagt, wenn von einem Herzog geredet wird, müsse
es schneller gehen. Es kommt aber alles zu einem guten Ende,
und die Sternwirtin weiß zuletzt nicht, von welchen Sternbübles
ihre Kinder eigentlich erzählen.
Ein paar Tage lang tat sich die Rosentüre allemal nur ein Schlitzchen
weit auf, wenn eins der Nachbarskinder klingelte, und jedesmal hieß
es: »Alette geht es gut, Alette läßt grüßen, aber Besuch darf nicht
zu ihr.« Nur Gundele durfte einmal hinein, und als sie zaghaft an
Alettes Bett trat, da lachte die ihr froh entgegen. »Ein paar Tage
sollt ihr nicht kommen, aber nachher erzählt Tante Tippelmann doch die
Geschichte, und denke dir nur, Gundele, Sternbübles kommen darin vor,
richtige Sternbübles, die sind aber schon über hundert Jahre alt.«
Als Gundele aus der Rose zurückkam, schlenderten die Grillschen Buben
just mit ihren Brüdern zusammen das Gäßle hinab. Gundel lief ihnen nach
und erzählte das Gehörte.
Eine Geschichte von Sternbübles, die, wer weiß wann, gelebt hatten, ja
die vielleicht mit Zöpfles einhergegangen waren, wollte Frau Tippelmann
erzählen. Mathes und Peter wußten nicht recht, ob sie sich freuen oder
ob sie sich ärgern sollten. »So was gibt's gar net,« rief Mathes patzig
und rannte davon. Es fiel ihm nämlich ein, es könnte ganz gut sein, die
Mutter zu fragen; vielleicht wußte die etwas, vielleicht erzählte sie
es ihm, und vielleicht konnte er dann sagen: »Pah, die Geschichte kenn'
ich schon!« Ach, vielleicht!
Die Sternwirtin hatte wieder einmal alle Hände voll zu tun, als Mathes
in die Küche stürmte und seine Frage tat. Sie konnte sich auch auf
keine wichtige und sonderbare Geschichte besinnen und sagte: »Wenn
ich Gemüse schmore und einen Braten begießen muß, kann ich nicht
Geschichten erzählen. Jedes zu seiner Zeit; eine Geschichte verträgt
sich höchstens mit einem Strickstrumpf oder einer Flickerei. Bübles
hat's aber, Gott sei Dank, immer im Stern gegeben, und unnütz sind sie
sicher alleweil gewesen, weil das nun mal in den Bübles liegt. Paßt
nur gut auf, wenn Frau Tippelmann erzählt, damit ihr merkt, wie ihr es
nicht machen sollt.«
Das war nun eine magere Auskunft für die neugierigen Ungedulde, und
es war gut, daß sich Frau Tippelmann schon am nächsten Tage bereit
erklärte, die Geschichte zu erzählen. Und obgleich es eigentlich kein
Geschichtenwetter war, denn die Sonne schmunzelte wie eine alte, gute
Tante, und der Wind sang süße, sanfte Lieder, kamen die Zuhörer doch
sehr pünktlich und vergnügt in der Rose an. Sie wollten leise gehen und
trappsten die Treppe hinauf, daß der alle Stufen weh taten; sie knarrte
und ächzte unwirsch, aber oben rief Alette vergnügt: »Sie kommen.«
Frau Tippelmann saß schon am Bett der Nichte, und als die Gäste
versammelt waren, sagte sie gleich: »Wer aber heute nicht richtig
zuhört, sondern dazwischen schwätzt, der soll es gleich sagen, der muß
hinaus.«
Die alte Frau sah ernsthaft über ihre Brille hinweg von einem zum
andern, prüfte namentlich die Gesichter der Sternbübles und fragte:
»Na, wer geht lieber vorher?«
»Ich -- -- --«
»Also, dann hinaus!«
»Noi, ich möcht nur mein Schnupftüchle holen,« rief Peter kläglich,
fast niedergeschmettert von Frau Tippelmanns vorwurfsvollem Blick.
»Es wird wieder nichts!« Trinle rief es klagend, »die Sternbübles
stören wieder.«
»Noi, wir stören net.«
»Also, ich zähle jetzt bis drei, wer dann nicht still ist, muß hinaus.
Eins -- zwei --«
Peter nieste so heftig, daß Fräulein Laura beinahe vom Stuhl fiel, aber
da Mathes in seiner linken Hosentasche ein Schnupftüchle entdeckte und
dem Bruder half, sagte Frau Tippelmann drei, und da war es wirklich
still, und sie begann: »Der Silberne Stern ist schon seit etlichen
hundert Jahren ein berühmtes Gasthaus, in dem schon manchmal fürstliche
Gäste eingekehrt sind. Sternbübles, hebt eure Nasen net so in die Luft,
ihr habt noch nichts dazu getan, den Silbernen Stern in guten Ruf zu
bringen, im Gegenteil!«
Klapp, senkten die Sternbübles die Köpfe, und Frau Tippelmann fuhr
fort: »Es war also um die Zeit, da noch, wie ihr nun wißt, die Männer
Zöpfles trugen, als im Silbernen Stern ein sehr, sehr vornehmer Gast
erwartet wurde.«
»Ein König!« schrieen die Sternbübles aufgeregt.
»Schnabel halten -- ein Herzog war's, nicht mehr und nicht weniger.
Aber auch ein Herzog kam nicht alle Tage nach Breitenwert, und unser
gutes Städtchen stand beinahe auf dem Kopf vor Aufregung. Wie er wohl
aussehen mochte, der Herzog? Viele Tage lang redeten die Breitenwerter
nur von dem Herzog, und jeder sagte: Ich muß ihn aber sehen, ich ganz
bestimmt! Ihr könnt euch denken, daß dies vor allem die Kinder sagten.«
»Die Mädeles.«
»Die Bübles.«
»Schnabel halten -- alle Mädeles und Bübles und Bübles und Mädeles
waren neugieriger als sämtliche Elstern im deutschen Vaterland
zusammen. Am allerneugierigsten aber waren die -- Sternbübles.«
»Noi, das ist net wahr, wir waren's net,« schrieen Mathes und Peter
entrüstet.
»Dummhüte, ihr doch net! Eure Ururururgroßväter waren damals die
Sternbübles. Auch zwei wie ihr, auch just in eurem Alter, und auch sie
wurden im ganzen Städtle nur die »unnützen Sternbübles« genannt. Ja,
seht nur nicht so bitterböse drein; es war schon so! Um diese Zeit gab
es in der Linde ein einziges Mädele, das Gustele.«
»Und in der Rose?« fragte Alette eifrig.
»Da purzelten erst ein paar winzige Dreikäsehoch im Kinderzimmer
herum, die zählten noch nicht mit, denn die durften noch nicht auf
dem Gäßle spielen. Die Sternbübles und das Lindengustele nun waren
die allerbesten Freunde; die stritten sich nicht und schmähten sich
nicht, wie es später manchmal zwischen den Linden- und Sternkindern
vorgekommen sein soll.«
»Aber jetzt net mehr,« schrieen die Grills und die drei aus dem Stern
zugleich, »das war früher mal.«
»Freilich, freilich, das war einmal vor ewigen Zeiten, vor vier Wochen
etwa!« Frau Tippelmann lachte, die Kinder lachten, nur Laura sah
etwas brummig aus, als sie sagte: »Eine Geschichte, in der ein Herzog
vorkommt, darf nicht so langsam erzählt werden; das muß geschwinder
gehen. Kam denn der Herzog?«
»Ja, freilich, er kam. Vorher wurde aber im Silbernen Stern geputzt
und gescheuert, als müßten Weihnachten, Ostern und Pfingsten gleich an
einem Tage gefeiert werden. Das Fürstenstüble wurde gerichtet, in dem
ein großmächtiges Himmelbett stand, dessen Dach von vergoldeten Engeln
getragen wurde.«
»Das Bettle ist noch da,« schrieen die drei Sternkinder aufgeregt, »und
die Mutter sagt, ein König hat drin geschlafen, doch, ein König, ein
König!«
»Potzwetter, ihr sollt den Schnabel halten!« Frau Tippelmann sah ganz
grimmig drein. »Was habe ich gesagt?« rief sie. »Wer nicht still ist,
der muß hinaus, aber in der Geschichte, die ich erzähle, hat ein
Herzog drin geschlafen, und nun Punktum und Streusand drauf! Vorläufig
also war der Herzog noch nicht in Breitenwert eingetroffen, und die
Sternbübles Jaköble und Josefle standen mit Gustele aus der Linde
mitten im Fürstenzimmer und schauten sich die Herrlichkeiten an,
das schöne Bett mit der grünen Seidendecke darüber, die Gustele ganz
vorsichtig streichelte.«
»Durfte sie das?« Die Sternbübles hatten schon wieder einmal das
Schweigegebot vergessen, und Frau Tippelmann runzelte die Stirn ob
der neuen Unterbrechung. »Bewahre, sie durfte das natürlich nicht,«
brummte sie. »Die Kinder hatten sich ganz heimlich in das Prachtzimmer
geschlichen, in dem gerade der Malermeister Tänzer gewesen war, der den
einen Engel noch einmal ein wenig überstrichen hatte. Der Herzog sollte
an diesem Nachmittag kommen, und im Silbernen Stern lief alles in der
größten Eile durcheinander. Zur Hilfe hatten sie auch den Meister
Tänzer fortgeholt; er sollte den Willkommenspruch an der Haustüre
annageln. In der Eile hatte er seine Leiter in dem Fürstenzimmer
stehenlassen, und ich weiß nicht, wer es zuerst gesagt hat, das Jaköble
oder das Josefle: ›Man müßte da mal hinaufsteigen,‹ getan haben es
jedenfalls alle beide, und Gustele stieg auch hinauf, obgleich damals
die Mädeles im allgemeinen nicht auf Leitern herumkletterten. Oben auf
dem Betthimmel, neben den goldenen Engeln, die die seidenen Vorhänge
in ihren Händchen hielten, ließ es sich ganz gut sitzen. Jaköble -- es
kann auch Josefle gewesen sein -- rief: ›Ich bleib' hier, da sehe ich
den Herzog ganz genau, da --‹
›Bst, es kommt jemand!‹ Gustele verkroch sich erschrocken in den Falten
des Vorhanges, und auch die Buben suchten erschrocken Schutz, denn
draußen kamen rasche, laute Schritte näher. Die Tür wurde aufgerissen,
Christian, Meister Tänzers Geselle, sprang herein, rasch ergriff er die
Leiter und, husch, war er zur Türe hinaus, und man hörte ihn draußen
mit seiner Last geschwind die Treppe hinabpoltern. Einen Augenblick
freuten sich die drei; die Bübles riefen stolz: ›Ha, er hat uns net
gesehen!‹ Aber gleich darauf fiel es ihnen ein, es möchte ein schweres
Ding sein, von dem Betthimmel herabzukommen. Und herunter mußten sie
und unbemerkt und möglichst geschwind dazu. ›Springen,‹ riet Jaköble
oder Josefle.
›Das kann ich net,‹ klagte Gustele.
›Hm!‹ Die Buben überlegten; leicht war es nicht, und einer von ihnen
sagte endlich: ›Wir müssen runterklettern.‹
›Und wenn dabei was zerbricht oder das ganze Bettle umfällt?‹
Gustele zitterte vor Angst, und als sich die Buben die Sache recht
beschauten, zitterten sie ein bißchen mit. So leicht wie hinauf
kamen sie jedenfalls nicht hinab, und wie sie noch so redeten und
beratschlagten, entstand auf dem Löwengäßle auf einmal ein ungeheurer
Lärm, und zugleich polterten auch draußen auf dem Gang wieder Schritte.
Trapp, trapp, ging es. Die Türe wurde aufgerissen, und eine Magd
kam und raffte eiligst allerhand Werkzeug auf, das Meister Tänzer
am Boden hatte liegen lassen. Der ersten nach stürzte eine zweite
Magd in das Zimmer, die, husch, mit einem Staubtuche über Tische und
Stühle wischte, aber da schrie auch schon eine dritte zur Türe herein:
›Schnell, schnell, eilt euch, huje, er ist schon auf der Treppe!‹
Die Mägde rannten hinaus, draußen gab es Gerappel und Gerumpel,
mehrere Stimmen tönten durcheinander, dann ging wieder die Türe auf,
und gefolgt von dem tief sich verneigenden Sternwirt, zwei Herren und
etlichen Dienern, betrat ein großer, stattlicher Herr das Zimmer -- der
Herzog.«
»O je!« kreischten Peter und Mathes entsetzt, »und alleweil sitzen die
noch oben.«
»Ja, so war's,« sagte Frau Tippelmann, »die drei saßen noch oben auf
dem Betthimmel, und es ist schon ein richtiges Wunder, daß sie nicht
heruntergepurzelt sind, sondern noch so viel Verstand hatten, sich in
den Falten der dicken Vorhänge zu verstecken. Zu ihrem Glück sah auch
nicht gleich jemand nach oben. Der Herzog ging in das andere Zimmer
hinein, blickte sich um und sagte zufrieden zu dem Sternwirt: ›Er hat
ein recht stattliches Haus, ich denke, es wird mir bei ihm wohlergehen.‹
Der Sternwirt verneigte sich wieder und sagte, dies hoffe und wünsche
er von Herzen. Der Herzog ging wieder in das Nebenzimmer, schaute auf
die Gasse hinaus, und schließlich tat er einen Seufzer und sagte, er
habe Hunger.
Dies war nun ein rechtes Glück für Gustele und die Bübles. Das Mahl
für den Herzog war im Saal angerichtet, also begab er sich dahin;
seine Begleiter folgten ihm, die Diener liefen auch hinaus, und ein
paar Minuten später war es still und leer in den Zimmern. Die drei
Schelme wären nun himmelgern von ihrem hohen Sitz heruntergeklettert,
sie merkten aber bald, daß dies ein schwieriges Unternehmen war.
Als Jaköble, es kann auch Josefle gewesen sein, am Bettpfosten
herabrutschen wollte, wankte und schwankte das ganze Himmelbett, und
Josefle, es kann auch Jaköble gewesen sein, hielt den Bruder angstvoll
fest, denn der drohte herunterzupurzeln, ganz schrecklich sah es aus.
›Wir kommen net runter,‹ stöhnte Gustele.
›Und wenn uns der Herzog sieht, o je!‹ ächzte Josefle, es kann aber
auch Jaköble gewesen sein, so hinterher kann man net wissen, welcher
von den Bübles gerade gesprochen hat.«
»Noi, das kann man net,« redete Mathes dazwischen, aber Peter gab ihm
einen Stoß und mahnte: »Sei still, sie müssen sonst so lange oben
sitzen.«
»Ja freilich, lang genug mußten sie oben sitzen,« fuhr Frau Tippelmann
fort, »das stimmt. Jedes Mal nämlich, wenn Jaköble oder Josefle das
Heruntergerutsche versuchen wollten, wackelte das Bett, schwankte
wie ein Schiff auf hoher See, und immer wieder blieben die Kinder
erschrocken oben sitzen. Gerade sagte Josefle oder Jaköble wieder: ›Ich
rutsch', halt doch,‹ als sich leise die Tür öffnete. Ein herzoglicher
Diener trat ein; aber der benahm sich höchst seltsam, er sah sich
scheu um, und die drei auf dem Himmelbettdach meinten schon, er habe
sie gehört und habe nun Angst vor ihnen. Dabei hatten sie selbst
eine Heidenangst vor dem Diener, und so fürchteten die oben und der
Mann unten sich arg. Der Diener blickte ängstlich in alle Ecken,
lauschte, dann sprang er hastig auf das Gepäck des Herzogs zu, das noch
uneröffnet im Zimmer lag, und versuchte den einen Reisesack zu öffnen.
Das gelang ihm nicht gleich, er zog darum hastig ein Messer aus der
Tasche und schnitt ritsch, ratsch ein Loch in die Hülle.«
»Das ist frech,« brüllten Mathes und Peter, »das darf er nicht.«
Frau Tippelmann erwiderte darauf gar nichts, nur Laura brummte: »Der
längste Tag im Jahr ist nicht lang genug, um den Sternbübles eine
Geschichte zu erzählen. Also, was machte der Diener?«
»Der wühlte und kramte in dem Sack herum und zog schließlich ein
Kästchen heraus, das er in seine Tasche steckte; dann zog er noch ein
zweites größeres Kästchen hervor, damit ging er zum Ofen, öffnete das
Ofenloch und warf den Kasten hinein. Dann huschte er eilig aus dem
Zimmer.
Das Gustele sah auf dem Himmelbettdach das Jaköble an, das Jaköble sah
das Josefle an, und allen dreien kam die Sache höchst unheimlich und
seltsam vor; ein wahres Grauen beschlich sie.
Sie waren mit dem Verwundern noch nicht fertig, als sich schon wieder
die Türe auftat und zwei andere Diener hereinkamen. Einer von ihnen war
schon alt, ein würdiger, freundlicher Mann, den der andere fast wie den
Herzog selbst behandelte. Der sah sich im Zimmer um, lobte die schöne,
saubere Einrichtung, er trat auch an das Himmelbett heran --«
»Jetzt sieht er sie,« kreischte Peter.
»Nein, er sah sie nicht,« erzählte Frau Tippelmann weiter, »er sah eben
nicht in die Höhe, sondern sagte zu dem zweiten Diener: ›Wir wollen
rasch auspacken, Philipp; diesen Sack hier zuerst, da sind wichtige
Schriftstücke von unserm Herzog darin, die hat er mir besonders ans
Herz gelegt.«
Philipp ging rasch ans Werk, und oben tuschelte das Jaköble -- es kann
auch das Josefle gewesen sein -- alle Vorsicht vergessend: ›Jetzt
finden sie das Loch.‹
Die beiden unten hörten aber das leise Flüstern nicht, denn sie fanden
wirklich das ausgeschnittene Loch, und sie schrieen laut los. Der Alte
riß zitternd das Gepäck auseinander, wühlte darin, suchte und stöhnte
endlich: ›Fort, beraubt, die Papiere sind fort, die Juwelen sind fort!
Mein Gott, was tun wir nun?‹
Philipp war schon an die Türe gestürzt, er riß sie auf und schrie laut
in den Flur hinaus: ›Hilfe, Hilfe, Diebe, Diebe!‹
›Um Himmelswillen, Philipp, sei doch still!‹ jammerte der Alte,
aber seine Warnung kam zu spät. Der Ruf hatte schrecklich das Haus
durchgellt, Hausdiener und Mägde, Gäste und Wirtsleute, alle rannten
herbei, selbst der Herzog kam. Der hatte das Rufen gehört, hatte
gefragt, und der Sternwirt hatte ihm, an allen Gliedern zitternd,
berichtet, sein Reisegepäck sei bestohlen worden. ›Gestohlen in meinem
Haus!‹ jammerte er. ›Hochfürstliche Gnaden, Erbarmen, ich kann nichts
dafür!‹
›Das werden wir sehen.‹ Der Herzog sah gar nicht mehr mild und
freundlich aus, sondern bitterböse, als er das Zimmer betrat, und er
fuhr den alten Diener zornig an: ›Erzähle Er, Friedrich, wie hat Er's
gemerkt?‹
Der erzählte -- er konnte kaum sprechen vor Kummer --, alles habe
er selbst bewacht beim Herauftragen, dann sei er nur mit den andern
gegangen, um rasch etwas zu essen. In dieser Zeit müsse es geschehen
sein; es könne wohl nur jemand aus dem Hause gewesen sein.
Ja, das sei sicher, riefen des Herzogs Begleiter und Diener, und alle
sahen dabei den Sternwirt drohend an. ›Hat Er Diebe im Haus?‹
›Beileibe nicht! Noch nie ist so etwas hier vorgekommen, solange ich
Wirt bin,‹ jammerte der. ›Fragt alle meine Leute, allergnädigster,
durchlauchtigster Herr Herzog, niemand tut hier so etwas!‹
Der Herzog befahl nun, alle Leute sollten erscheinen, selbst die Köchin
mußte den Braten brotzeln lassen. Zuallerletzt kam Michel, der älteste
Hausknecht, der war nur widerwillig gekommen, weil er gemeint hatte,
unten könne man nicht einfach alles stehen und liegen lassen. Als er
eintrat, deutete einer der Diener auf ihn und sagte: ›Den da sah ich
vorhin die Treppe herabkommen, er sah sehr verlegen aus, vielleicht
weil er so schwarz war; er mochte gerade einen Ofen ausgeräumt haben.‹
›Stiefel hatte ich geputzt,‹ brummte Michel unwirsch.
›Michel,‹ schrie der Sternwirt zornig, ›ist Er hier im Zimmer gewesen?‹
›Noi,‹ brummte Michel.
›Der Kerl sieht aus wie das leibhaftige schlechte Gewissen,‹ rief der
Herzog. ›Gesteh Er's, Er hat gestohlen!‹