War denn Herr Häferlein unten? Veit tuschelte: »Der ist gar net da!«

»Nein, freundschaftlich war das nicht, Herr Häferlein, auf so ein

dummes Kindergeschwätz hin mich gleich anzuschreien. Kasperle ist doch

ein Dummkopf!« schalt Herr Baldan.

Kasperle riß Mund und Augen auf, und Trinle legte rasch ihre Hand auf

seinen Plappermund. »Still, still!« flüsterte sie.

»Es ist freilich schrecklich, daß so ein unvernünftiges Tier August

heißt, man muß sich ja ärgern, ja ärgern!« Herrn Baldans Stimme schwoll

an: »Ich werde den Affen umbringen, jawohl, umbringen!«

Alette, die mit ängstlichen Augen zuhörte, bekam gleich zwei Hände auf

den Mund. Trinle und Steffen machten gleichzeitig »pst, pst«.

»Sind Mäuse hier?« rief Herr Baldan unten und rasselte mit einem Stuhl.

Die Kinder, die wohl wußten, daß der gute Herr Baldan ein wenig

furchtsam war, unterdrückten ein Kichern, und dabei entrutschte dem

Kasperle sein Murmelsäckchen, das er zu Lust und Zeitvertreib immer

mit sich herumtrug. Es ging auf, und gerade als unten Herr Baldan

vorwurfsvoll rief: »Sie sind schuld, Herr Häferlein,« rollerten und

kollerten alle grauen, blauen, roten und grünen Murmeln über den Boden

der Turmstube dahin, und etliche hopsten und sprangen mit viel Getöse

die Treppe hinab.

Herr Baldan meinte nicht anders, als der ganze Turm fiele zusammen.

Vielleicht, ja vielleicht waren es auch wirklich Ratten, Mäuse oder

sonst unheimliche Wesen! Herr Baldan sah nicht erst nach, Herr Baldan

riß aus. Rutsch, war er draußen, warf die Türe zu, schloß auch noch

den Schlüssel herum, und Veit, der an eins der Fenster gesprungen war,

rief: »Er rennt weg!«

»Er holt jemand,« sagte Steffen bedächtig, »kommt fix raus.«

»Meine Murmeln!« klagte Kasperle, und Trinle bückte sich rasch, hob

auf, so viel sie erwischen konnte, und versprach: »Wir suchen die

andern morgen.«

Damit war Kasperle zufrieden, und alle kletterten die Treppe hinab, um

das Räuberschlößle zu verlassen, aber wie es wohl einst in richtigen

Räuberwohnungen manchem ergangen sein mochte, sie fanden die Tür

verschlossen, sich gefangen.

Alette Amhag erschrak sehr, aber die Grills lachten sie aus. »Ich

steige durch das Fensterle und schließe euch die Türe auf,« erklärte

Veit. Er öffnete das kleine Fenster und sprang hinaus; Steffen folgte.

Beide liefen zur Türe und riefen von dort: »Er hat den Schlüssel

mitgenommen.«

»Da springen wir auch durch das Fensterle,« sagte Trinle gelassen. Sie

fand das weder aufregend noch sonderbar; aber Alette, die noch nie in

ihrem Leben so etwas getan hatte, wehrte sich ängstlich: »Nein, nein,

ich will nicht.«

Sie ist doch eine Zimpersuse, dachte Veit, und er sagte ein bißchen von

oben herab: »Na, freilich, du bist ja auch net aus dem Löwengäßle!«

Alette Amhag erglühte tief. Das Wort kränkte sie, und schon stiegen ihr

langsam die Tränen in die Augen, als Trinle sie tröstend umfing. »Ich

helfe dir, das lernst du schon.«

Trinle half, Steffen half, Veit wollte helfen und Kasperle auch, und

es ging nach dem Wort, daß viele Köche den Brei verderben. Alette kam

so ungeschickt als möglich aus dem Räuberschlößle heraus: ihr seidenes

Kleid trug drei lange Risse davon, und daß sie nicht auf die Nase fiel,

war ein Wunder zu nennen.

Über das zerrissene Kleid war Trinle außer sich, Alette gar nicht; die

tröstete: »Ich gehe gleich hinüber und ziehe ein anderes an.«

Doch Trinle stellte ihr Jammern nicht ein, und die Brüder riefen

geärgert: »Na, wenn sie sich selbst net grämt und noch so viele hat,

dann brauchst du doch net zu jammern, als hätte sich Alette den Kopf

abgerissen.«

Aber da wurde Trinle böse. »Über ein zerrissenes Sonntagskleidle muß

man sich wohl grämen,« rief sie, »sonst ist man ein Schlumperle.«

»Na, da gräm dich!« fuhr Steffen Alette an, und obgleich die gar nicht

wußte, was eigentlich ein Schlumperle war, fing sie doch gleich an zu

weinen, und die Geschwister mußten sie alle miteinander trösten.

Zum Unglück kam just Laura, um Alette abzuholen, und als sie die

letzten Tränen sah, -- denn Alette wollte gerade lachen -- erhob

sie ein lautes Klagegeschrei. »Was haben sie dir getan, mein

Zuckerlämmchen?« jammerte sie.

»Sei doch still,« flehte Alette erschrocken, »wir waren doch nur im

Räuberschlößle!«

»Wo?« kreischte Laura entsetzt, »wo haben sie dich hingeführt?«

»Alette ist nur zum Fensterle rausgesprungen,« erzählte Kasperle.

»Ja, weil Herr Baldan kam,« erklärte Trinle, »da mußten wir flüchten.«

»Um des Himmels willen!« Laura schlug die Hände zusammen; sie hatte

keine Ahnung, wer Herr Baldan war. Der Gedanke, Alette habe flüchten

müssen, und der Name Räuberschlößle brachten sie in die größte

Aufregung.

Den Kindern war das Geschrei sehr unangenehm; wenn es drinnen im Hause

gehört wurde, wenn es gar Herr Baldan ...

»Da kommt Herr Baldan,« rief Kasperle, und Steffen, der immer sehr

dafür war, geheimnisvoll zu flüchten, zu tun, als wären Indianer im

Anzug, tuschelte erschrocken: »Fliehen, wir müssen fliehen!«

»Alle guten Geister,« stöhnte Laura, »das ist ja gräßlich! Wer

überfällt uns denn?«

»Schnell, schnell,« drängten die Buben, »er kommt!« Sie schoben Laura;

Trinle, Alette und Kasperle zogen, Steffen befahl: »In den Stall!« In

rasender Eile ging es durch den Garten auf den Hof, und Laura befand

sich auf einmal in einem Kaninchenstall, und Schnupperle begrüßte die

Gesellschaft mit lautem »Mäh!«

»Hu!« kreischte Laura und wich entsetzt zurück, »was für 'n Tier!«

»Das ist doch nur Schnupperle!« rief Veit gekränkt. »Und überhaupt,

hier ist's doch fein!«

»Was, fein? Ich möchte wissen, was hier fein ist!« schalt Laura. »Und

nun sagt einmal, warum sind wir eigentlich ausgerissen?«

»Wegen Herrn Baldan; weil der mit Herrn Häferlein geredet hat und Herr

Häferlein doch nicht da war, und sich Herr Baldan darum ärgert, wenn

man das hört, darum!« erklärte Veit.

»Ach!« Laura riß Mund und Augen sperrangelweit auf; sie war noch genau

so klug wie vorher, und wenn ihr jemand etwas auf Chaldäisch gesagt

hätte, so hätte sie nicht weniger verstanden. Eins nur merkte sie, daß

die Flucht nicht so nötig gewesen war, und sie sagte: »Alette, erzähl

du mal, wo --«

»Im Räuberschlößle habe ich mein Kleid zerrissen,« unterbrach sie

Alette rasch, die dachte, die Frage gelte dem Kleid.

»Dein Kleid?« Nun erst sah Laura die drei Risse; sie wollte schelten,

aber sie kam nicht dazu, denn nun redete Trinle, und Kasperle, Veit und

Steffen sagten auch etwas. Alette sprach mit hinein, und Schnupperle

schrie fortgesetzt »mäh, mäh!« Dazu war es so eng im Stall und roch

sehr schlecht. Laura stöhnte: »Laßt mich raus, und du, Alette, komm, du

erzählst mir drüben alles!«

Die Grills fanden Laura etwas sehr schwer von Begriffen; sie hatten

sich doch so viele Mühe gegeben, ihr alles zu erklären. Sie söhnten

sich aber rasch mit ihr aus, da Laura, die sah, wie ungern sich Alette

von den neuen Freunden trennte, gutmütig alle vier Nachbarskinder zu

Schokolade und Kuchen einlud. »Samstag,« sagte sie; das war übermorgen,

also bald. Nur Kasperle klagte: »So lange!«

»Drüben gibt's wenigstens keine Räuberhöhle und keinen Stall!« meinte

Laura.

»Aber Augustle ist drüben, grüß Augustle schön!«

Und an den Affen dachten die Kinder noch, als Alette wieder mit Laura

über die Straße schritt, und alle vier riefen beiden nach: »Viele Grüße

an Augustle; er soll uns mal besuchen.«

Gleichzeitig sagten Herr Häferlein in seinem Laden und Herr Baldan in

der Apotheke: »Unerhört ist's doch, einen Affen August zu nennen, ganz

unerhört; so einen schönen Namen gibt man doch nicht einem Affen!«

Siebentes Kapitel.

Gundels Kummer.

Laura ärgert sich über Frau Tippelmanns Sprichwörter, aber Herr

Häferlein freut sich darüber. Er will versöhnen, läuft in den

Silbernen Stern und ärgert sich wieder. Die Sternbuben kommen

gut weg; sie wollen Alette Amhag heiraten und haben am nächsten

Morgen ihre guten Vorsätze noch nicht vergessen. Ein trauriger

Schulweg. Gundel geht heim, die Sonne schmunzelt, und Alette

verspricht, August zu holen.

In der Rose erzählte Alette Amhag die Erlebnisse des Nachmittags, und

ihre Augen strahlten dabei. Sie fand, es sei doch wunderwunderhübsch

gewesen.

Aber Laura war unzufrieden. »Im Grunde ist das kein Verkehr für dich,«

schalt sie, »na, wenigstens dauert es nicht lange!«

»Sie ist doch keine Prinzessin auf der Erbse!« brummelte Frau

Tippelmann. Sie meinte, eine Amhag aus der Rose passe wohl zu denen aus

der Linde.

Alette fing das Wort auf. »Was ist das, eine Prinzessin auf der Erbse?«

fragte sie. »Wo wohnt die?«

»Im Märchen!« Frau Tippelmann kannte nur dies Wort, nicht das Märchen,

und sie geriet in Verlegenheit, als Alette sehr stürmisch flehte, sie

solle ihr das Märchen erzählen. »Ich weiß es nicht, wirklich nicht,«

beteuerte sie, als sie in die enttäuschten Augen der Kleinen sah;

»Märchen kann ich nicht erzählen, nur Geschichten, wahre Geschichten

aus alten Zeiten.«

Wenn Frau Tippelmann gedacht hatte, sie würde damit Alette abschrecken,

so irrte sie sich. Alette bat immer dringlicher um eine Geschichte.

Weil ihre Bäckchen aber schon glühten und sie ungewöhnlich aufgeregt

war, erklärte Laura, heute nicht mehr, heute müsse sie schlafen, morgen

dann.

»Ja, morgen,« versprach Frau Tippelmann, »morgen ist auch ein Tag.

Jetzt muß ich noch zu Herrn Häferlein gehen und einkaufen.«

Da gab sich Alette zufrieden. »Ich freue mich sehr,« sagte sie und

streckte Frau Tippelmann zutraulich die Hand hin. Die strich ihr zum

erstenmal liebkosend über das sanftgelockte Haar und sagte den alten

Spruch, den einst vor langen Jahren ihr die eigene Mutter allabendlich

mitgegeben hatte: »Schlaf gut in Gottes Hut. Es schüttle dir ein

Engelein ein flitterbuntes Träumelein von seinem Himmelsbäumelein!«

Laura, die eifersüchtig war, brummte: »Ewig die Sprichwörter, zu

langweilig ist's!«

Aber drüben bei Herrn Häferlein erntete Frau Tippelmann dann mehr

Dank. Der Kaufmann hatte bis zu dieser Abendstunde sehr viel zu tun

gehabt; seine Ladenklingel war nur so gehopst und gesprungen, ganz

atemlos zitterte sie und kam gar nicht zur Ruhe. Die Käufer strömten

unablässig in den Laden hinein, und jeder tat zuerst die Frage: »Was

war denn heute hier los?« Man hatte die wunderlichsten Geschichten in

Breitenwert erzählt von den Vorfällen am Nachmittag. Die einen sagten,

Herr Häferlein habe einen tollgewordenen Affen in seinem Geschäft,

die andern wußten zu berichten, alles sei zerschlagen im Laden, Herr

Häferlein selbst sei halbtot. Wieder andere wollten wissen, der

Kaufmann sei selbst toll geworden, und aus lauter Neugier kamen die

Leute und kauften. Da hieß es: »Bitte, für zwanzig Pfennige Mandeln,

und erzählen Sie doch mal, was hier los war!« Oder eine Frau verlangte

für fünf Pfennige Pfeffer und sagte dazu: »Aber recht genau erzählen,

ich habe Zeit!«

Herr Häferlein hatte gewogen, eingepackt und erzählt und wieder gewogen

und eingepackt und erzählt, und als Frau Tippelmann kam, war er schon

rechtschaffen müde, aber doch sehr vergnügt. Er rief der Frau gleich

entgegen, er wolle in den Silbernen Stern gehen und sich dort mit Herrn

Baldan versöhnen, der abends meist ein Stündchen das Gasthaus aufsuchte.

»Ist recht so!« Frau Tippelmann nickte zufrieden. »Wer seine Nachbarn

schilt, weiß bald, was er selber gilt,« sagte sie.

»Ich bin ja auch friedfertig,« versicherte Herr Häferlein, »nur den

Sternbübles verzeih ich's nicht; die werden heute noch bei ihrer Mutter

verklagt. Sonst bin ich nicht für Zank und Streit.«

»Kommt auch nichts dabei heraus. Denn wenn zwei zanken um ein Ei,

steckt's der dritte bei,« gab Frau Tippelmann zur Antwort. »Und nun

gute Nacht!«

Herr Häferlein sah seiner Nachbarin voll Bewunderung nach. Sie ist

doch eine erstaunlich kluge Frau, dachte er, immer weiß sie für alles

das rechte Wort. Na ja, an mir soll es nicht liegen, ich will mich

schon mit Herrn Baldan versöhnen! Nur die Sternbuben, die müssen eins

ausgewischt kriegen.

Herr Häferlein schloß seinen Laden und lief auf einem Umweg in den

Stern.

Herr Baldan verließ nur um zehn Minuten später die Lindenapotheke und

kam eine halbe Minute vor dem Kaufmann im Stern an. Ihm wäre ein Umweg

auch gut gewesen, da hätte er sich vielleicht ausgescholten. Seit er

am Nachmittag so sonderbar im Räuberschlößle in seiner Rede gestört

worden war, hatte er noch keinen Augenblick Zeit gehabt, weiter mit

Herrn Häferlein abzurechnen. Sein Groll lebte noch, und kaum erblickte

er den freundlichen Nachbar, da fuhr er diesen an: »Ei, pfui, Herr

Häferlein, Sie haben sich aber nicht nett benommen!«

Wenn nun einer, der gerade versöhnliche Gedanken im Herzen trägt, so

angeschrien wird, dann ärgert er sich meist, und Herr Häferlein ärgerte

sich sehr. Er gab eine patzige Antwort, und zum Überfluß fragte noch

jemand: »Haben Sie Ihren Affen mitgebracht?«

Da war es aus. Hui, fuhr Herr Häferlein auf! Frau Tippelmann hatte

einmal von ihm gesagt, er gliche einem Töpfchen voll Sahne, er sei

sanft und mild, aber wenn er einmal ins Kochen gerate, dann sei kein

Halten mehr, er brodele über.

So war es jetzt. Ein paar Gäste redeten freundlich zu. Herr Baldan

selbst hätte gern eingelenkt, aber das half nichts. Der Kaufmann sagte

seinem ehemaligen Freund bitterböse Worte; dann lief er zu der einen

Türe hinaus, Herr Baldan zur andern. Draußen rannte einer nach rechts,

der andere nach links, und dann kamen sie doch beide zu gleicher Zeit

in der Löwengasse an. Hier fuhren sie noch einmal aufeinander los, und

jeder dachte bei sich: Nun ist es aus, ganz aus mit der Freundschaft.

Bei diesem Streit, der den beiden ehemaligen Freunden trübe Stunden

genug schaffte, waren die beiden Sternbuben gut weggekommen, denn

Herr Häferlein hatte in seinem Ärger vergessen, sie bei der Mutter zu

verklagen. Die hatte gedroht: »Kommt Herr Häferlein, dann mag er euch

selbst bestrafen.« Doch dies Ungemach ging an beiden vorüber, und sie

spazierten an diesem Abend höchst vergnügt zu Bett. Es war leider so,

die Sternbuben fanden ihren Streich sehr lustig, und obgleich ihre

Schwester Gundel geklagt hatte, sie wären böse, erklärten sie doch

immer wieder, es wäre fein gewesen. Freilich meinten sie nicht die

Minuten damit, die sie in Herrn Häferleins Händen gewesen waren; da

schüttelten sie sich noch in der Erinnerung. Sie hatten das Gundel mit

großem Eifer geschildert; grausig war es gewesen, wie Herr Häferlein

sie gepackt hatte und sie beinahe geschlagen hätte, -- wenn nicht

Alette Amhag gekommen wäre.

O Alette! Die Sternbuben waren ein paar wilde, unnütze Schlingel,

frech, faul, borstig, meist auch etwas schmutzig, zu vielerlei

Missetaten aufgelegt, und doch blühten auch in den Gärtlein ihrer

Herzen schöne Blumen. Vor lauter Unkraut waren sie oft nicht zu sehen,

aber vorhanden waren sie, und an diesem Tag hatte die Dankbarkeit ihren

lichten Kelch entfaltet, die Dankbarkeit für das freundliebe Mädchen,

das sie aus Herrn Häferleins Händen befreit hatte.

Immer wieder erzählten sie Gundel von ihr, und immer wieder wollte

Gundel von Alette hören. Peter, der ein dicker, kleiner Stöpsel war,

ahmte mit viel Gepolter nach, wie Alette angekommen sei. Er quiekte

dabei wie ein kleiner Hund, der sich den Schwanz einklemmt; das sollte

Alettes flehendes Rufen vorstellen, und Mathes sagte auch jedesmal: »So

hat sie's gemacht.«

Und wieder dachte Gundel ohne Neid, aber mit viel Sehnsucht: Wäre das

fremde Mädchen doch meine Freundin! »Ihr müßt euch bedanken,« sagte sie

zu den Brüdern.

Die hätten das schon gern getan, aber wie? Einfach hingehen und sagen:

»Danke schön,« das ging doch nicht! Dazu waren die frechen Sternbübles

wieder viel zu schüchtern. Auch Gundel fand diesen einfachen Weg

furchtbar schwer; sie riet: »Ihr müßt ihr schreiben.«

Die Brüder lagen schon im Bett, als sie ihnen diesen Vorschlag machte,

und beide krochen mit einem wilden Aufschrei unter ihre Deckbetten.

Einen Brief zu schreiben, etwas so Ungeheuerliches mutete ihnen die

Schwester zu! »Uff!« stöhnte Peter, aber Mathes fand einen Ausweg:

»Schreib du; du nimmst so ein feines Bögle mit Vergißmeinnichtle drauf,

wie du an Weihnachten bekommen hast. Da freut sie sich.«

»Ja, schreib du!« Peterle kam auch wieder unter dem Deckbett vor. »Wir

tragen's hin und werfen's rein.«

»Wie heißt sie denn?« fragte Gundel zögernd.

Die Buben sahen sich an; ja, ja, das wußten sie gar nicht.

Gundel atmete erleichtert auf. »Dann kann ich net schreiben. Aber ein

Blumensträußle könntet ihr hintragen.«

Huje, ein Sträußle! Die Buben kreischten vor Vergnügen und strampelten

in ihren Betten hin und her. Der Gedanke, mit einem Strauß in die Rose

zu gehen, erschien ihnen zu närrisch, und Mathes prustete endlich

heraus: »Wir sind doch kein Mädle!«

»So dumm ist das gar net,« verteidigte Gundel gekränkt ihren Vorschlag.

»In einem Geschichtenbüchle von mir steht von einem Büble, der das

getan hat. Erst hat er Gänsle gehütet und dann das vornehme Fräulein

geheiratet.«

Heiraten, Alette Amhag heiraten, ja, das war etwas Feines!

»Ich heirate sie auch,« schrie Peter sehr bereitwillig.

»Nein, ich will sie heiraten,« brüllte Mathes.

»Ich hab's zuerst gesagt, gelt Gundel?«

»Ich bin aber älter, ich heirate sie.«

Peter besann sich einen Augenblick, dann rief er rasch: »Du heiratest

sie, und ich krieg's Äffle.«

»Nein, das will ich,« rief Mathes kirschrot, »dann heirate du sie.«

»Aber hört doch,« rief Gundel erschrocken ob dieses Geschreis, »sie

will euch doch gar net heiraten!«

»Warum denn net?« Peter und Mathes fragten es erstaunt wie aus einem

Munde; sie selbst fanden ihren Plan, Alette Amhag dereinst aus

Dankbarkeit heiraten zu wollen, wundervoll.

Gundels sanfte Augen füllten sich mit Tränen, und sie sagte traurig,

so recht aus bekümmertem Schwesternherzen: »Weil -- ach, weil sie euch

doch alle die wüsten Sternbuben nennen und -- und -- euch niemand im

Gäßle leiden mag!«

Das stimmte nun freilich, nur vergaßen es die beiden immer wieder.

Das Erinnern daran aber war schmerzlich. Die Bübles verschwanden jäh

wieder unter ihren Deckbetten, und aus der Tiefe klang nun ein dumpfes

Ächzen und Heulen; sie fühlten beide, wie schwer es ist, in einem

so schlimmen Ruf zu stehen. Zuerst steckte Mathes seine Nase wieder

heraus; er jammerte: »So arg ist's doch net!« Da kam auch Peters Kopf

zum Vorschein; der kleine Stöpsel heulte: »Wir meinen's doch net so!«

»Mina kommt,« sagte Gundel plötzlich erschrocken. Jemand kam die Treppe

herauf, ging draußen entlang, und die drei hielten fast den Atem an;

sie sollten eigentlich schon schlafen, und heute mochten sie nicht

gerade Minas Zorn reizen. Die Schritte entfernten sich, und Gundel

schlich sich hastig aus dem Zimmer, ihr Lichtlein vorsichtig in der

Hand tragend. Nun war es dunkel und still in der Stube der Sternbuben,

und der Schlaf hätte kommen können. Aber die beiden, die sonst

schliefen, ehe sie noch recht im Bett drin waren, lagen noch eine Weile

wach; zum erstenmal bedrückte es sie, daß die Löwengasse sie nicht

leiden mochte. Um Alettes willen hätten sie schon gern einen bessern

Ruf gehabt. Und Peter sagte plötzlich in das Dunkel hinein: »Morgen

sind wir brav.«

»Ja,« murmelte Mathes kleinlaut, »aber -- die Schularbeiten!«

Da seufzten sie beide tief und schwiegen -- die Schularbeiten hatten

sie beide nicht gemacht.

Als die Sternbuben am nächsten Morgen aufwachten, hatten sie,

merkwürdig genug, die guten Vorsätze des Abends nicht ganz vergessen.

Daher rasten sie nicht wie sonst der Schwester davon, sondern warteten

auf sie. Sie fanden nämlich auch, es ginge sich leichter zu dreien an

Herrn Häferleins Laden vorbei.

Der Kaufmann stand nicht vor seiner Türe; der saß verdrießlich innen.

Hätte er zwei linke Füße gehabt, er wäre an diesem Morgen mit ihnen

beiden zuerst aufgestanden, so schlecht war seine Laune. Trotzdem war

der Schulweg nicht lustig für die Sternbuben, und in der Schule erging

es ihnen auch übel genug. Man narrt nicht ungestraft seine Kameraden,

dies bekamen sie an diesem Morgen reichlich zu spüren.

Gundel hatte auf dem Schulweg viel um der Brüder willen zu leiden. Sie

sah den Zorn der andern, hörte die vielen Spottworte, konnte diese und

die vielen Püffe dazu nicht von ihren Brüdern abwenden; nur weinen

konnte sie. Weinend kam sie vor der Schule an, weinend trennte sie

sich von den Brüdern, und bitterlich weinend betrat sie ihre Klasse.

Ihre Kameradinnen fragten sie mitleidig nach ihrem Jammer; auch die

Lehrerin, Fräulein Raimund, tat das. Die hatte das sanfte, stille Kind

gern, und sie spürte es auch, das waren wirkliche Kummertränen. »Sag,

Gundel, was fehlt dir?« mahnte sie.

Doch Gundel blieb stumm, und dabei hätte sie so herzensgern von ihrem

Leid gesprochen, hätte sich so gern einmal liebreich trösten lassen.

Sie wäre auch gern wieder froh gewesen, aber sie konnte nicht; immerzu

mußte sie an ihre Brüder denken, die niemand leiden konnte, und zu

denen andere Buben gesagt hatten: »Nach der Schule gibt's was!«

»Geh heim, Gundel Hinz,« sagte Fräulein Raimund endlich. Sie begann

sich zu ängstigen, vielleicht war Gundel krank.

Da stand Gundel auf und schlich sich zur Klasse hinaus, und der jungen

Lehrerin tat das Herz weh, als sie das blasse Kind so kummerbeladen zur

Türe hinken sah. Sie ging ihr rasch nach und fragte sie draußen noch

einmal nach dem, was sie bedrückte, aber wieder vermochte Gundel nicht

zu sprechen, sie brachte nicht einmal heraus, daß sie lieber in der

Schule bleiben wollte.

»So geh denn, mein armes Mädle,« sagte die Lehrerin endlich gütig,

»vielleicht wird es zu Hause besser.«

Und Gundel ging. Sie schlich mit schwerem Herzen scheu durch die

Gassen, meinte, jeder müßte ihr die schlimmen Brüder am verweinten

Gesichtchen ansehen. Zu Hause, was sollte sie da? Dort hatte niemand

Zeit für sie, und Mina schalt gewiß, weil sie aus der Schule so früh

heimkam.

Es war wieder einer von den hellen, frohen Tagen, an denen sich

alles vom Frühling erzählt. Da flüstern und raunen sich die Bäume

und Büsche, die Blumen, die noch unter der Erde träumen, zu: »Bald,

bald kommt der Frühling.« Ganz alte Bäume wissen lustige liebe kleine

Frühlingsgeschichten zu erzählen; sie erzählen sie jedes Jahr, und

jedes Jahr freuen sich alle daran. Die Sonne schmunzelt dazu und mahnt:

Sputet euch, sputet euch, wachst, sproßt hervor, fühlt nur, wie warm

ich schon scheine!

Alette Amhag hatte sich von der Sonne verlocken lassen und war, trotz

Lauras Schelten, auf die Löwengasse gelaufen. Ach, wie warm und hell

die Sonne schien! Alette wartete auf Kasperle und lief die Gasse auf

und ab. Ganz still war es. Dem Untermarkt zu ging ein alter Mann,

sonst war niemand zu sehen. Da kam Gundel. Sie ging mit gesenktem

Kopf und schluchzte noch immer leise vor sich hin. Vor Tränen sah sie

niemand und nichts, und sie blieb erschrocken stehen, als Alette Amhag

sie mitleidig fragte: »Warum weinst du denn?«

Gundel brachte wieder kein Wort heraus; sie stand und atmete schwer.

Ach, so gern, so himmelgern hätte sie dem heimlich bewunderten fremden

Mädchen alles gesagt! Von den Brüdern hätte sie reden mögen, und wie

dankbar für die Hilfe gestern sie war, aber Gundel war eben ein armes

Schüchterle, dem nur schwer die Worte kamen. Doch ihre Tränen flossen

allmählich sachter, und als Alette wieder und wieder fragte, tat sie

den Mund auf, sie wollte sprechen.

Aber da kam Kasperle leider dazwischen. Schwatz- und spiellustig trat

der aus dem Hause und krähte vor Vergnügen wie ein Hähnlein, als er

Alette erblickte. Kasperle begrüßte Alette und schaute Gundel prüfend

an. »Das ist die Schwester von den Sternbuben,« rief er. »Nicht wahr,

du bist Hinkegundele?«

Dies war der Name, den die Löwengasse der armen Gundel gegeben hatte.

Niemand ahnte dabei, wie weh der Ruf dem armen Kinde tat. Der Name und

das Wort von den schlimmen Brüdern brachte Gundel um alle Fassung.

Sie knickte auf dem Bürgersteig zusammen wie ein Bäumchen, über das

der Sturm kommt, barg ihr Gesicht in ihre Schürze und schluchzte zum

Steinerweichen.

Alette suchte erschrocken sie zu trösten; sie streichelte sie

ungeschickt und sagte immerzu: »Weine doch nicht, ach, weine doch

nicht! Bitte, bitte, weine nicht mehr!«

Kasperle stand betrübt dabei; er trat ungeduldig von einem Bein auf das

andere und fragte endlich seufzend: »Weinst du noch lange? Augustle

wartet doch!«

August vielleicht vermochte Gundel zu trösten. Alette kam das jäh in

den Sinn, und sie sagte eilig: »Wir holen ihn einmal heraus, da lachst

du vielleicht. Willst du?«

Gundel gab keine Antwort, aber Kasperle schrie begeistert: »Ja, fein!«

Er stapfte auch gleich über die Gasse, und Alette lief ihm nach. »Wir

kommen wieder, warte,« rief sie Gundel zu; dann verschwand sie im

Rosenhaus. Aber mit dem Wiederkommen ging das nicht so rasch, denn

August war leider nicht da, wo er sein sollte. Frau Tippelmann brummte,

Laura schalt, und Alette und Kasperle riefen klagend des Äffchens

Namen. Alle miteinander liefen im Hause hin und her, suchten oben,

suchten unten und fanden ihn schließlich da, wo sie ihn am wenigsten

gesucht hätten: in Frau Tippelmanns Wohnzimmer. Da saß er sehr vergnügt

auf dem Nähtisch und wirrte alles durcheinander. Er hatte schon eine

heillose Unordnung angerichtet. Frau Tippelmann packte ihn zornig und

schalt heftig: »So ein Hans Unnütz, so ein abscheulicher Wicht!«

August schrie gellend los. Frau Tippelmann hatte eine feste Hand, ihr

Griff tat nicht gut, und Laura rief erzürnt: »Sie drücken ihn ja tot!«

»I wo,« erwiderte Frau Tippelmann gelassen, »vom Geschrei stirbt einer

nicht!« Sie gab aber den Affen Alette, ohne ihn, wie diese gefürchtet

hatte, zu strafen. Sie selbst bückte sich still und hob ein paar

Glasscherben auf vom Boden. »Hat August was zerbrochen?« fragte Alette

ängstlich.

»Eine kleine Glasvase scheint's,« erwiderte Laura gleichgültig, »ärgern

Sie sich nur nicht, Frau Tippelmann, wir kaufen eine andere.«

Es war gut gemeint von Laura, aber es klang doch hochmütig und protzig,

und die alte Frau sah ernst das junge Mädchen an. »Man kann nicht alles

mit Geld bezahlen,« sagte sie ruhig; »das Gläsle stammt noch von meiner

Mutter, es kann mir nicht mit Gold und Silber ersetzt werden.«

Da setzte Alette ihren kleinen Liebling rasch zu Boden und schalt

ihn nun selbst. »Pfui, August, was hast du getan!« Sie lief auf Frau

Tippelmann zu, schmiegte sich an diese an und bat kummervoll: »Seien

Sie nicht böse!«

Frau Tippelmanns Gesicht hellte sich auf; es war, als hätte sie sich

geschwind mit Sonnenschein eingerieben, und freundlich versicherte

sie: »Ich bin nicht böse, Kind. Nein, gewiß nicht! Nun nimm nur deinen

dummen August, was wolltest du eigentlich mit ihm?«

»Der Hinkegundel zeigen,« schrie Kasperle; »die wartet.«

»Ach ja,« rief Alette erschrocken, »die sitzt auf dem Gäßle und weint.

Ich will schnell, schnell zu ihr.«

»Alette, Alette,« mahnte Laura erschrocken, »du kannst doch nicht mit

jedem Gassenkind spielen!« Doch Alette Amhag war schon aus der Stube

und trabte draußen durch den Hausflur mit Kasperle. Frau Tippelmann

aber sagte lächelnd: »Das ist nun mal in der Löwengasse so, und die

Amhags stammten halt daher, daran ist nichts zu deuteln und zu drehen.«

»Ach was,« rief Laura geärgert, »für die Großmütter mag's gepaßt haben,

Alette ist ein vornehmes Kind, das darf nicht hier bleiben! Ich hab's

schon an Frau van Bachhoven geschrieben. Wir wollen nach Paris, das ist

besser.«

»Bleibe im Lande und nähre dich redlich!« murmelte Frau Tippelmann.

»Eine Amhag gehört in die Löwengasse, und ein Schnattergänschen mag

meinetwegen über den Rhein fliegen.«

Das hörte Laura leider nicht mehr, die war den Kindern nachgelaufen

und fand die beiden enttäuscht auf der Gasse stehen. Gundel war fort.

Sie hatte lange und sehnsüchtig auf Alettes Wiederkehr gewartet, doch

endlich war sie heimgehinkt mit schwerem Herzen. Aber sie dachte nicht

mit Groll an Alette; für die hatte sie keinen Vorwurf. Nur als sie

wieder daheim in ihrem Zimmer war, da flossen ihre Tränen von neuem,

und diesmal rannen sie nicht allein aus Kummer um die Brüder, Alette

Amhag war auch schuld daran. Ach, warum war sie nicht gekommen!

Achtes Kapitel.

Eine seltsame Entdeckung.

Alette wird traurig und wieder froh; sie geht einkaufen, und

Laura sagt zu Herrn Häferlein, es sei gewiß langweilig in

seinem Laden. Die Sternbuben sehen die Lindenkinder in die Rose

gehen. Sie wollen arbeiten und denken an den ersten April.

Wie sich die Nachbarsleute ganz unvermutet im Keller treffen,

nachdem Herr Häferlein erst auf der Sauerkrauttonne gesessen

hat. Frau Tippelmann schilt nicht, aber Laura denkt doch an die

Abreise.

Alette war traurig über Gundels Fortgehen, und Alette wurde wieder

fröhlich. Sie spielte mit Kasperle, spielte sich hungrig und bekam rote

Bäcklein, die ihr sehr gut standen, und über die Frau Tippelmann ihre

Freude hatte. Laura dagegen sprach: »Vornehme Kinder sehen nicht so

erhitzt aus; es wird Zeit, daß wir aus der Löwengasse herauskommen.«

Am Nachmittag wollte Alette zu Frau Tippelmann gehen, die sollte ihr

die versprochene Geschichte aus vergangener Zeit erzählen, aber Laura,

die eifersüchtig war und Alettes Liebe niemand gönnte, sagte geschwind:

»Wir wollen spazierengehen. Frau Tippelmann laß nur, die ist froh, wenn

wir aus dem Hause sind.«

»Mag sie uns denn nicht leiden?« fragte Alette erschrocken.

»Nein, gar nicht.« Laura log und wußte es wohl, daß sie es tat; sie

entschuldigte sich aber vor sich selbst: Es ist besser so, Alette soll

hier niemand lieb gewinnen; sie bleibt ja doch nicht hier! Sie gingen

beide spazieren, und Frau Tippelmann sah ihnen traurig nach. Sie hatte

in ihrem Zimmer einen kleinen Tisch gedeckt, hatte ein paar schöne

Tassen daraufgestellt, die noch aus der Zeit stammten, da die Amhags

wohlhäbig in der Rose gehaust hatten. Aus ihnen sollte Alette an diesem

Nachmittag Schokolade trinken. Dabei wollte sie der Kleinen von den

Amhags erzählen und sagen, daß sie auch eine Amhag sei. Doch der Tag

verging, Alette kam nicht. Sie wich Frau Tippelmann scheu aus, und die

fühlte es wohl, und das Herz tat ihr weh. Sie wurde wieder finster

und verdrießlich, stellte die schönen Familientassen weg und erzählte

nicht, daß sie auch eine Amhag sei.

Und wieder wurde Alette traurig, und wieder wurde sie froh, denn gegen

Abend kam ganz geschwind Trinle Grill noch einmal gelaufen, erzählte

ihr von der Schule und wollte wissen, ob Alette Ostern hineinkäme.

»Ich hab's schon meinem Papa geschrieben; er erlaubt es gewiß,«

versicherte Alette. »Ach, ich will so gern in die Schule gehen!«

Trinle sprang vor Vergnügen. Sie hatte zwar schon acht allerbeste

Freundinnen in der Schule, aber für Alette Amhag war noch viel Platz

in ihrem kleinen zärtlichen Herzen. »Ich freue mich, ich freue mich!«

jauchzte sie. Und dann gab es einen langen zärtlichen Abschied, und

beide sagten: »Morgen wird's fein.«

Alette hatte noch nie einen richtigen Kinderbesuch gehabt, und als sie

am nächsten Morgen aufwachte, rief sie gleich: »Laura, deckst du bald

den Tisch?«

Daran dachte Laura nun freilich nicht, aber sie redete mit Alette denn

doch von dem Besuch, und wie es sein sollte. Sie hatte ein schlechtes

Gewissen, fühlte sich auch im Unrecht gegen Frau Tippelmann und dachte

immer: Lange bleibt Alette doch nicht hier, da mag sie meinetwegen in

der kurzen Zeit tun, was sie mag. Also ging sie und sprach versöhnlich

mit Frau Tippelmann. Die sah wieder um ein bißchen freundlicher drein

und gab gute Ratschläge, wie alles herzurichten sei.

»Warum sie mich nur nicht leiden mag?« Alette sann darüber nach und

kam schließlich auf den Gedanken: Es ist um Augusts willen, denn

der kleine Schelm beging an diesem Morgen wieder allerlei unnütze

Streiche, und Frau Tippelmann nannte ihn eine Landplage und sagte

wieder: »Affen und wilde Bären soll niemand in sein Haus begehren.«

Zum erstenmal in ihrem Leben ging Alette an diesem Vormittag richtig

einkaufen. Zu dem Zuckerbäcker auf dem Obermarkt und zu Herrn

Häferlein. Damit August inzwischen nichts Dummes beging, nahm sie

ihn mit. So sah Herr Häferlein auf einmal seinen kleinen schwarzen

Namensvetter in seinem Laden. Er sah ihn etwas schief an, aber weil

Laura so freundlich lachte, lachte er schließlich auch, er gab dem

Äffchen sogar eine Handvoll Rosinen und freute sich mit, wie geschwind

der diese verschlang. Da schenkte er ihm noch Zuckerkand, und Laura

sagte: »Er wird Sie noch besuchen, wenn Sie ihn so verwöhnen.«

Herr Häferlein war wirklich ein überaus höflicher Mann, und weil er

dachte, Fremden muß man etwas erzählen, erzählte er dies und das

aus Breitenwert. Laura lachte viel; sie fand Herrn Häferlein sehr

schnurrig, und Alette Amhag sah sich neugierig in dem Lädchen um. So

etwas hatte sie noch nie gesehen, und alle die Kästen mit den kleinen

weißen Schildern, auf denen stand, was sie enthielten, bereiteten ihr

vielen Spaß. »Nicht wahr,« fragte sie plötzlich, »so einen Laden gibt's

nirgendswo als hier im Löwengäßle?«

Herr Häferlein lächelte geschmeichelt. »Der ist freilich schön,« sagte

er stolz. Doch Laura murmelte etwas verlegen: »Solche Läden gibt's

überall in Deutschland -- selbst in Berlin,« fügte sie zögernd hinzu.

Sie dachte dabei an den kleinen Vorstadtladen, den ihre Eltern besessen

hatten, und in dem sie schon helfen mußte, als sie so alt wie Alette

war. Laura redete nicht gern davon. Sie gehörte zu den Menschen, die

meinen, ein schlichtes Herkommen und bescheidene Lebensverhältnisse

wären eine Schande. Jetzt war sie Fräulein Laura, halb Zofe, halb

Gesellschafterin; sie trug schöne Kleider und bildete sich ein, sehr

vornehm zu sein, wenn sie Englisch oder Holländisch sprach und von

ihren weiten Reisen erzählte.

»Ein bißchen langweilig mag's schon sein, alle Tage im Laden zu

stehen,« sagte sie dann herablassend und mitleidig und rümpfte ihre

Nase. »Komm, Alette, wir müssen gehen.«

»Nun, nun,« rief Herr Häferlein, »langweilig ist's gar net. Mir gefällt

es ganz gut, und Frau Tippelmann sagt immer: ›Zufriedenheit macht

Wasser zu Wein,‹ und da hat sie ganz recht. Ich bin recht zufrieden in

meinem Lädle und will's net besser haben auf der Welt.«

In Lauras Herzen sang es, ein Klang aus vergangenen Tagen war es, da

hatte der Vater auch oft gesagt, wenn die Kinder von größerem Reichtum

redeten: »Seid zufrieden, Kinder, mit dem, was ihr habt, denn wer

nicht zufrieden ist, trägt an seiner Bürde doppelt schwer.«

»Du bist so still geworden, Laura,« fragte Alette draußen, »hat dich

Herr Häferlein geärgert?«

»Nein,« antwortete Laura hastig, »aber die Löwengasse ist mir

langweilig, und den kleinen Laden finde ich gräßlich. Wenn uns nur erst

Frau van Bachhoven holte!«

»Ich bleibe hier,« rief Alette erschrocken, und es war ihr auf einmal,

als sei ihr die ganze Freude an dem schönen Tag vergangen.

Sie kam aber wieder, als sie den festlich gedeckten Tisch überblickte

und von drüben aus der Linde die Grills herüberkommen sah. Die gingen

ganz langsam und feierlich, denn sie hatten sich fein gemacht, und sie

fanden, die Löwengasse dürfte es wohl sehen, daß sie in die Rose zu

Besuch gingen. Die Sternbuben erkannten das auch wirklich von ferne,

und ihre Herzen wurden ihnen schwer. Sie wären gerne auf einmal brave,

fleißige Sternbübles gewesen, hätten einen guten Ruf gehabt, um auch

von Alette Amhag eingeladen zu werden. Sie rannten denn auch eilig in

den Stern zurück, suchten ihre Schwester Gundel und erklärten, sie

wollten Schularbeiten machen, und sie sollte ihnen helfen.

Das war ein seltener Entschluß. Gundel fragte auch darum ganz

bedrückt: »Habt ihr wieder ein dummes Streichle gemacht?«

Bewahre! Die beiden verteidigten sich lebhaft. Ihr Gewissen war an

diesem Tage so rein wie ein frischgewaschenes Mundtuch, und sie fingen

auch wirklich sehr emsig zu arbeiten an, bis auf einmal Mathes sagte:

»Am Dienstag ist erster April -- ujeh!«

»Erster April!« Peters Augen blinkerten und glänzten da gleich vor

lauter Lust, und Gundel rief erschrocken: »Ach je, ihr denkt schon

wieder auf ein Dummheitle!«

Die beiden verteidigten sich wieder, versicherten, sie wüßten nicht das

kleinste Späßle, sie hätten nur so gelacht.

»Jetzt wißt ihr noch keins, aber dann fällt euch eins ein,« sagte

Gundel traurig, »ihr wollt doch brav werden!«

Ja, freilich, das wollten sie doch alle beide. Sie versuchten es also,

den ersten April zu vergessen, und steckten wieder emsig die Nasen ins

Buch. Sie waren augenblicklich viel gesetzter als die Grillschen, die

im Haus zur Rose so viel schwatzten, daß Laura dachte: Das vertrage ich

nicht.

Sie hörte aber doch zu, was die Geschwister zu berichten hatten, eine

ungeheuer wichtige Neuigkeit. Kaum waren sie im Hause, da riefen sie

alle stolz: »Wir verreisen.«

»Bald, nächste Woche schon,« sagte Veit, und Kasperle fügte hinzu: »Wir

bleiben schrecklich lange, und ich fahr mit.«

Schrecklich lange! Alette Amhag sah tief erschrocken drein, und

Trinle tröstete eifrig: »Schrecklich lange nicht, nur drei Tage.«

Dann erzählten sie. Die Großmutter, Frau Grills Mutter, die zwei

Stunden Bahnfahrt von Breitenwert entfernt wohnte, feierte am nächsten

Sonnabend ihren siebzigsten Geburtstag. Dazu reisten sie alle am

Freitag schon hin, und da dort alle Kinder und Kindeskinder der sehr

geliebten Großmutter zusammenkamen, kehrten die Grills erst Dienstags

heim. Weil ein siebzigster Geburtstag nicht alle Tage in einer Familie

gefeiert wird und der Tag nun einmal nicht in die Ferien fallen wollte,

hatten die Kinder frei bekommen. Schulfrei, so kurz vor den Ferien! Sie

sagten alle vier, dies sei besonders fein, obgleich Kasperle doch noch

immer Ferien hatte.

Alette wunderte sich etwas. Die Geschwister hatten ihr so viel davon

erzählt, wie gern sie in die Schule gingen, daß sie dachte, die

müßten nun eigentlich sehr betrübt sein über die versäumten Tage. »Du

bist aber dumm!« verwies sie Veit mehr offen als höflich, und Trinle

belehrte sie, das sei nun einmal so. Auf Ferien freue man sich immer

furchtbar, auf besondere Feiertage noch furchtbarer, und in die Schule

ginge man gern. »Du mußt dich aber nicht zu sehr nach uns bangen,«

schloß sie, »nachher erzähle ich dir viel, und vielleicht bringe ich

dir auch Kuchen mit.«

»Vielleicht,« sagte Laura zu sich. Der paßte die Reise der Grills gut,

und als das Schokoladetrinken vorbei war und die Kinder ein Spiel

beschlossen, ging sie in ihr Zimmer, um an Frau Juana van Bachhoven zu

schreiben. Sie dachte, den Geburtstagskuchen soll unsere Alette nicht

mehr essen, die Tage sind gut zur Abreise, da gibt es dann keinen

Abschiedsjammer. Sie schrieb dies und das und schrieb auch, Alette

freue sich auf Paris, sie würde gern hingehen. Es war wieder eine

Unwahrheit, aber Laura wollte fort, sie hatte die Löwengasse satt.

Frau Tippelmann hatte gemeint, Laura würde bei den Kindern bleiben. Sie

selbst hätte es gern getan, aber sie kannte doch Alettes Scheu vor ihr.

Die tat ihr weh, und sie ging still in ihr Zimmer, hörte das Lachen der

Kinder von fern und fühlte sich so einsam wie nie zuvor.

Die Gäste merkten nichts von Lauras Ärger und Frau Tippelmanns

Traurigkeit, sie waren vergnügt und Alette mit ihnen. Veit und

Steffen waren sehr für Entdeckungsfahrten eingenommen, und ihre Lust

am richtigen Spiel war bald vorbei. »Zeig uns den Garten, Alette,«

baten sie, und Alette führte ihre Gäste gern hinaus. Der Garten war

nicht sehr groß und glich mehr einer kleinen struppigen Wildnis. Frau

Tippelmann hatte nur immer dicht am Hause Blumen und Gemüse gepflanzt

und hatte die alten Bäume und Sträucher stehen und wachsen lassen, wie

sie wollten.

»Da ist ein Räuberschlößle,« schrie Kasperle, der durch das zarte Grün

des Buschwerkes ein Gartenhäuschen schimmern sah. Hart an der Mauer des

Nachbargartens lag es.

»Ach, es ist nicht schön,« sagte Alette, und ihre Gäste bestätigten das

bald, als sie vor dem halbverfallenen Budchen standen. Nein, schön war

es nicht.

»Aber reinsehen muß man,« erklärte Veit und rüttelte an der Türe. Die

gab nach; ein leerer, halbdunkler Raum gähnte den Kindern entgegen,

nicht einmal altes Rumpelzeug war darin. Nur sehr viel Staub und

Spinngewebe hing in den Ecken, es mochte wohl seit Jahren niemand hier

dringewesen sein.

»Da ist eine Klappe, da geht es in einen Keller,« rief Veit plötzlich.

Ein eiserner Ring war im Boden eingelassen, und die Buben stürzten

eilfertig darauf zu und zerrten und zogen daran. Sie mußten sich

ordentlich plagen, aber dann gab die Klappe nach und ging auf. Die

Kinder sahen nun ein Treppchen vor sich, das in die Tiefe führte.

»Ein Keller,« rief Alette ängstlich.

»Ja, freilich, und wer weiß, was da unten verborgen ist!« riefen Veit

und Steffen. »Früher haben die Menschen manchmal in solchen Kellern

Schätze versteckt.« Veit besonders war ganz aufgeregt; das war doch

etwas Geheimnisvolles, etwas, das er erforschen konnte! »Vielleicht

finden wir unten einen Schatz, vielleicht eine Kiste, vielleicht einen

Topf mit Geld, vielleicht --«

»Mäusle,« rief Trinle, aber der Bruder hörte nicht darauf. Der sagte

eifrig: »Wir müssen hinunter.«

»Nein, ach nein,« jammerte Alette erschrocken, »nicht da hinein, ich

fürchte mich so sehr!«

»Pah, Furchthäsle du!« rief Veit. »Fürchtest du dich auch, Trinle?«

Eigentlich graulte sich Trinle wirklich sehr vor dem unbekannten

Kellerloch und vor den Mäusles drinnen, aber sie schämte sich vor den

Brüdern ihrer Angst und sagte ganz kühn, ordentlich etwas protzig:

»Natürlich geh ich mit runter. Fürchten? Pah!«

»Ich geh auch mit!« Kasperle jauchzte vor Abenteuerlust. Er wollte auch

gleich das Treppchen abwärts steigen, aber Alette hielt ihn fest. »Du

mußt hierbleiben,« bat sie angstvoll. »Du bist zu klein, sonst -- sonst

hole ich Frau Tippelmann.«

Die Geschwister überlegten, und Veit entschied. »Ja, Kasperle bleibt

mit Alette erst mal oben, wir sehen, was unten ist.«

»Ich will mit,« kreischte Kasperle ungestüm. Er riß sich empört von

seiner guten Freundin los, aber zu seinem Kummer sagten beide Brüder:

»Du bleibst!« Kasperle zog einen schiefen Mund, er war gar nicht mit

seinen Brüdern darin einer Meinung, daß die Jüngeren den Älteren

manchmal folgen müssen. Er fügte sich aber, wenn auch sehr traurig, und

trotzig brummte er seine Freundin Alette an: »Ich besuch dich nicht

mehr.«

In Alettes Augen standen Tränen. Sie fürchtete sich entsetzlich vor

dem dunklen Loch, sah mit Zittern und Zagen die Geschwister die Treppe

hinabsteigen und sehnte Frau Tippelmann herbei. Doch die blieb fern,

und Steffen, Veit und Trinle stiegen kühn in die unbekannte Tiefe

hinab. Veit hatte vor kurzem von seinem Paten eine kleine elektrische

Taschenlampe bekommen, die er ungeheuer stolz immer bei sich trug. Sie

diente jetzt als Leuchte, und bei jedem Schritt sagte darum Veit: »Gut,

daß ich meine Lampe habe!« Das Lämpchen erhellte unten notdürftig einen

kleinen Kellerraum. Er war leer, aber Trinle erschien er schauriger als

das ganze Räuberschlößle. »Es ist nichts hier,« flüsterte sie zitternd,

»wir wollen zurückgehen, -- Alette grault sich.«

»Du wohl auch?« Veit fragte dies sehr hohnvoll, und Trinle nahm ihr

letztes kärgliches Restlein Mut zusammen und behauptete tapfer: »I wo!«

»Da geht's weiter,« schrie Steffen und deutete auf einen Gang. »Paßt

auf, wir finden noch was!«

»Eine Tür!« Veit war, unbekümmert darum, ob die andern sehen konnten,

mit seinem Lämpchen vorausgelaufen und beleuchtete eine Tür, die den

Keller nach irgendwohin abschloß.

Was lag dahinter? Eine Schatzkammer, verborgene, vergessene

Herrlichkeiten? »Wir müssen die Tür aufkriegen,« rief Veit und rüttelte

und rappelte an dem alten Holzpförtlein herum. »Auf, auf, auf,

Schatzkammer, öffne dich!« dachte er.

»Mit einem Beil einschlagen,« riet Steffen kühn. »Aber was ist denn da

los?«

Von oben herab tönte zitterndes Angstgeschrei. Alette und Kasperle

hatten das Dröhnen gehört; sie kauerten am Treppchen und jammerten

entsetzlich, sie meinten, denen unten sei etwas geschehen.

»Furchthasen,« schalt Veit grollend und brüllte: »Kommt runter, hier

ist's fein, wir finden was, kommt nur!«

»Kommt,« rief auch Trinle zaghaft.

Da wurden die oben still. Hinunter wagten sie sich nicht, aber sie

lauschten nun doch etwas beruhigter hinab. Nur merkwürdig war es,

denen unten schien das Schreien fortzutönen, jämmerlich klang es, bis

es allmählich verhallte. »Ein Echo,« sagte Steffen und hieb mit aller

Macht gegen die Türe.

»Wenn wir nur einen Schlüssel hätten!« brummte Veit und rüttelte an dem

verrosteten Schloß herum. Das knarrte, wackelte, und auf einmal sprang

die Türe mit einem lauten Krach auf, und die drei Entdecker blickten

in einen mit Fässern und Kisten gefüllten Keller, der gar nicht sehr

unheimlich aussah, sondern recht sauber und ordentlich.

Die drei waren plötzlich ganz still geworden. Was war da? Wo waren sie

hingelangt? Waren hier nun wirklich vergessene Reichtümer aufgestapelt?

Oben hatten Alette und Kasperle den Krach gehört, mit dem die Türe

aufgesprungen war. Trinles Schrei dabei war der letzte Laut gewesen,

dann wurde unten alles still, und auf Alettes bebendes Rufen kam keine

Antwort. Da packte die beiden eine jämmerliche Angst, und alle beide

rannten klagend zum Gartenhäuschen hinaus und schrieen draußen voll

Angst nach Frau Tippelmann.

Im gleichen Augenblick gellte vorn nach der Löwengasse hinaus ein nicht

minder ängstliches Rufen, und in der Nachbarschaft taten sich Türen

und Fenster auf. Was war geschehen? Leute stürzten auf das Gäßlein

hinaus, und aus der Lindenapotheke kam Herr Baldan mit langen Schritten

angerast. »Bei Häferlein brennt's,« rief es, »dort ist was los!«

In Herrn Häferleins Laden war wirklich etwas los. Bleich, zitternd saß

der Kaufmann auf einer Sauerkrauttonne, und sein schläfriger Gehilfe

saß auf einer Siruptonne, und beide stöhnten nur immer: »Diebe! Diebe!

Hilfe! Hilfe!«

Herr Baldan stürzte als erster in den Laden, ihn hatte der Hilferuf

namenlos erschreckt; wie die Posaune des jüngsten Gerichts gellte ihm

der in den Ohren. Sein Freund war in Not, mit dem er sich gestritten

und noch nicht wieder versöhnt hatte. Schwer bedrückte ihn das, und

als er Herrn Häferlein noch lebendig auf der Sauerkrauttonne sitzen

sah, umfaßte er den Freund mit einem lauten Jubelschrei: »Gottlob, Sie

leben, lieber Häferlein!«

»Lieber Baldan!« Der Kaufmann umarmte den Freund gerührt, all sein

Groll war im Augenblick verflogen, und er war fast ärgerlich, daß so

viele andere Leute auch in den Laden kamen. Aber freilich, die wollten

ihm alle helfen, alle forschten und fragten: »Was ist los? Wo sind die

Diebe?«

»Im Keller,« ächzte Herr Häferlein.

»Na, die wollen wir schon fassen!« Der dicke Bäckermeister Hering, er

war natürlich auch dabei, sagte es entschlossen, und Herr Baldan rief

mutig: »Die sollen uns nicht entwischen. Fritz, zeigen Sie uns den Weg!«

Doch Fritz blieb einem Jammerbilde gleich auf seinem Sirupfasse sitzen.

»Ich kann nicht,« ächzte er nur.

»Na, Gott sei Dank, die Polizei!« Herr Häferlein atmete auf, als er

einen Schutzmannshelm im Türrahmen erblickte, und Herr Baldan atmete

auch auf. Der Kaufmann rutschte von seinem Krautthron herab und sagte

nun, da der bewaffnete Helfer an seiner Seite stand: »Im Keller sind

sie; gehen Sie voran, -- ich komme mit. Fritz, schlafen Sie nicht, und

passen Sie hier auf!«

Drüben in der Rose hatten auch Hilferufe das Haus durchgellt. Die

waren aber nicht auf die Straße hinaus gedrungen, die hatten nur Frau

Tippelmann und Laura arg erschreckt. Laura schrie gleich, als könnte

sie damit Hilfe schaffen, Frau Tippelmann aber nahm kurz entschlossen

einen Besen und ein Licht und herrschte Laura grob an: »Viel Geschrei

und nichts dabei.«

Da nahm sich Laura zusammen und folgte der Frau und den verweinten

Kindern nach dem Gartenhaus. Was dort eigentlich geschehen, wußten

aber weder Alette noch Kasperle zu sagen; nur von einem Kellerloch und

einer Treppe erzählten sie schluchzend, und Frau Tippelmann lief immer

schneller. Die Angst trieb sie vorwärts.

Von all dem Lärm und aller Angst merkten die drei kühnen Entdecker

in ihrem Schatzkeller nichts. Die berieten noch immer, was sie tun

sollten, in dem gefüllten Keller weitergehen oder doch lieber umkehren

und Frau Tippelmann von dem geheimnisvollen Fund erzählen. Gerade

hatten sie sich für dies letztere entschieden, als hinter ihnen Frau

Tippelmann mit Laura auftauchte.

»Na nu -- was ist denn das?« Frau Tippelmann sah verdutzt auf die drei

Kinder, die ganz unversehrt zwischen Kisten und Fässern standen, aber

offenbar auch nicht recht wußten, was sie sagen sollten.

Ehe sie noch erzählen konnten, wie sie hier hereingekommen, klirrte das

irgendwo, eine Tür sprang auf, Lichtschimmer fiel herein, und jemand

rief: »Da sind sie noch -- herrje, Frau Tippelmann, Sie hier?«

»Herrje, Herr Häferlein, Sie sind's?«

»Du meine Güte, wie kommen denn Sie in meinen Keller?«

»Na, nun schlägt's dreizehn, das sind ja unsere Kinder!« schrie der

Provisor dazwischen.

Der Schutzmann grinste. »Die Diebe scheinen Ihnen ja bekannt zu sein,

Herr Häferlein,« sagte er. »Nein, so etwas! Frau Tippelmann, Sie hätte

ich aber net in Ihres Nachbars Keller vermutet!«

»Du lieber Himmel,« rief Frau Tippelmann entrüstet, »nun werde ich wohl

gar noch als Einbrecherin angesehen! Aber so etwas kommt von so etwas,

und Jugend ohne Hut tut selten gut, man hätte aufpassen sollen.«

Fräulein Laura wurde verlegen; sie fühlte es wohl, der Vorwurf galt

ihr, und berechtigt war er auch. Aber eine Antwort brauchte sie nicht

zu geben. Herr Häferlein schaute sich um und fragte: »Wissen möchte

ich aber doch, wie Sie in meinen Keller hineingekommen sind, Frau

Nachbarin!«

»Doch, kommen Sie durch das Loch wieder mit hinaus, da werden Sie

es sehen,« brummte Frau Tippelmann. Sie hielt ihr Licht hoch und

beleuchtete die verborgene Tür. »Hier geht es durch,« sagte sie, »und

verwunderlich ist die Sache nicht. Die Häuser gehörten früher beide den

Amhags, da mag der Keller angelegt worden sein. Übrigens ist es ein

rechtes Rattenloch, darum --«

»Hui, hui!« Laura, Alette, Trinle und Kasperle flüchteten kreischend,

und dabei rannten sie beinahe Herrn Häferlein und Herrn Baldan um.

Die purzelten gegeneinander und kamen so zu einer zweiten Umarmung an

diesem Tage.

Flink, flink, flink kletterten die Angsthasen die Treppe hinauf. Veit

und Steffen zögerten noch, aber da erzählte Frau Tippelmann gelassen

weiter: »Ja, Ratten gibt's in Massen hier, sie haben immer alles

angefressen und --«

Da kletterten auch die Buben sehr geschwind die Treppe hinan, und Frau

Tippelmann sah ihnen lächelnd nach und sagte schmunzelnd: »Angst macht

nicht allein ein altes Weib traben, es bringt auch junge Fürwitze

auf die Beine. Übrigens brauchen Sie keine Sorge zu haben, Nachbar

Häferlein, so schlimm ist es mit den Ratten nicht; ich wollte dem

Kindervolk nur die Kellerreisen vergraulen.«

Das war Frau Tippelmann freilich gelungen. Als sie wieder nach oben

kam, nachdem sie unten die Türe sorgfältig verwahrt hatten, fand sie

Alette und ihre Gäste ein wenig bedrückt beieinandersitzen, Laura dabei

mit einem Gesicht wie eine Gewitterwolke. Jetzt kommt's, dachte die. In

diesem gräßlichen Nest, in diesem gräßlichen Haus muß man sich wirklich

noch von einer alten Frau ausschelten lassen.

Doch Frau Tippelmann schalt nicht; sie schaute nur die blasse Alette

besorgt an, dann sagte sie: »Ich bringe euch noch heiße Milch, Kuchen

ist auch noch da; nach der Kellerluft wird ein heißer Trunk euch gut

tun. Wenn ihr einmal wieder auf Entdeckungsreisen ausgehen wollt, fragt

lieber vorher, ob ihr dürft.« Die Frau nickte den Kindern zu und ging

hinaus, und kaum hatte sie die Tür hinter sich geschlossen, da rief

Trinle: »Sie ist gar net bös.«

»Nein, sie ist gut,« sagte Alette leise, aber Laura hörte es doch,

und Laura ärgerte sich. Und dann, als die Kinder schmausten, ging sie

wieder in ihr Zimmer und schrieb eilig den Brief fertig, in dem stand:

»Alette wird hier ganz verdorben, es ist gar kein Umgang für sie, sie

muß fort, nächste Woche schon.«

[Illustration]

Neuntes Kapitel.

April, April!

Die Sternbübles helfen ihrem Oheim aufräumen, und Mina muß

Kleister kochen. Was der Mond sieht, warum er sich über die

Wolken ärgert. Die Breitenwerter erleben eine Überraschung.

Herr Schmidt und noch mehr Leute ärgern sich, und August ist

da, wo er nicht sein soll.

Die Kinder aus der Linde fürchteten sich ein wenig vor Herrn Baldans

Scheltworten und spitzen Reden bei ihrer Heimkehr. Aber Wunder über

Wunder! Herr Baldan redete sanft wie Honigmilch. Er lachte und scherzte

mit den Geschwistern über das Kellerabenteuer, nannte Frau Tippelmann

eine prächtige Frau und sagte kein böses Wörtlein. Herr Baldan war

so vergnügt wie seit langem nicht, weil er sich mit seinem Freund

Häferlein ausgesöhnt hatte.

Der Provisor gehörte zu den Leuten, die schwer die Bitte »Verzeih mir!«

sagen können. Sie leiden im Herzen, quälen sich Tag und Nacht, möchten

gern versöhnt sein, wissen auch ihr eigenes Unrecht und bringen doch

das kleine Wort »Vergib!« so schwer über ihre Lippen. Schreck und Angst

hatten die Freunde wieder zusammengebracht, und nun saß Herr Baldan

in der Apotheke, scherzte mit den Kindern und hätte am liebsten alle

bitteren Pülverlein und Pillen, die er zu mischen und zu rollen hatte,

in Zucker getaucht. Andere sollten auch froh sein, andern sollte auch

alles honigsüß schmecken.

Herr Häferlein saß nicht minder vergnügt in seinem Lädchen. Sein

Gesicht glänzte vor Freude, und wenn jemand kam und zu ihm sagte: »Ach,

Herr Häferlein, was haben Sie wieder für einen Schreck gehabt!« dann

sagte er allemal: »Gar nicht schlimm war es, ein rechter Spaß!«

Natürlich redeten die Leute in der Löwengasse viel von dem Einbruch bei

Herrn Häferlein; sie lachten darüber, weil der Kaufmann lachte, und am

liebsten wären sie alle in den Keller geklettert und hätten sich das

Loch angesehen. Am allerliebsten aber hätten dies die Sternbuben getan.

Denen war es bitter leid, nicht dabeigewesen zu sein. Sie klagten

grollend der Schwester: »Wenn wir so etwas machen, geht's uns gleich

schlimm!«

Damit hatten sie nun freilich recht, sie vergaßen nur einmal wieder,

daß sie sehr oft dumme Streiche begingen und in ihrem Schuldbuch schon

viele schwarze Striche standen. Im Ärger, nicht dabeigewesen zu sein,

vergaßen sie auch wieder ihre guten Vorsätze vollständig, die vergingen

wie der Schnee, der am letzten Märztag auf alle leise keimende

Frühlingsherrlichkeit niedersank. Es wurde recht ein Wetter, wie es der

April liebt, Regen, Schnee, Sonnenschein und Wind, und Frau Tippelmann

sagte: »Na ja, man merkt es, morgen ist erster April, ist der noch so

gut, er schickt dem Bauer doch Schnee auf den Hut.«

»Morgen ist erster April.« Die Sternbuben sagten das zueinander; ein

wenig trübselig klang es. Sie standen im Torweg des Silbernen Stern und

schauten dem Flockentreiben zu, aber die großen weißen Flocken brachten

ihnen keinen guten Einfall für einen Aprilscherz. Sie hätten gar zu

gern einen Spaß gemacht, hätten gar zu gern jemand recht tüchtig in

den April geschickt, aber nichts fiel ihnen ein. Sie wußten auch ganz

genau, man würde ihnen morgen aus dem Wege gehen. Mina hatte schon

gedroht: »Wenn ihr morgen mit euren Narreteien anfangt, dann wehe euch!«

»Mathes, Peter,« rief da innen der Mutter Stimme ihre Namen. Ein

Weilchen hörten sie beide träge an dem Ruf vorbei, endlich, da die

Mutter ungeduldig zu werden schien, trotteten sie in das Haus hinein.

Sie gingen wie ein paar müde alte Männlein vor Faulheit, als sie

aber von der Mutter hörten, sie sollten dem Onkel Adam frische Wurst

hintragen, da wurden sie schnell putzmunter. Zu dem Onkel Adam gingen

sie immer gern. Der besaß einen Papierladen und hatte lauter Dinge zu

verkaufen, die Mathes und Peter immer brauchten. Sie verloren viele

Stifte und verschmierten viele Hefte, sie liebten außerdem sehr buntes

Papier, Taschenmesser, Blaustifte und dergleichen, und alles das gab es

bei Onkel Adam mitunter als Bringelohn.

In dem Laden des Herrn Adam Hinz sah es an diesem Nachmittag, als

die Sternbuben eintraten, etwas kunterbunt aus, und der Onkel machte

gar kein vergnügtes Gesicht. »Ich muß aufräumen,« bemerkte er, »der

Frühling kommt, da schickt sich das. Besuche kann ich nicht brauchen.«

Sein Gesicht hellte sich aber gleich auf, als er die frische Wurst

erblickte, die aß er besonders gern, und er sagte viel freundlicher als

vorher: »Na, bleibt nur noch ein paar Minuten hier!« Das war den beiden

schon recht. Die Unordnung im Laden gefiel ihnen besonders; sie kramten

da und dort herum, und wenn ein Käufer kam, taten sie sehr wichtig,

beinahe als gehöre ihnen der Laden.

Über dem Kramen und Ordnen geriet Onkel Adam an ein Paket großer

Zettel, auf denen allerlei stand: »Wohnung zu vermieten« und

dergleichen. Auf einigen stand auch »Herzlich willkommen!« und Herr

Hinz schob den Buben das Paket hin mit den Worten: »Die könnt ihr mal

ordnen, so daß immer die verschiedenen Aufschriften zusammen liegen.

Versteht ihr das?«

»Es sind aber welche zerrissen,« rief Mathes gleich sehr eifrig.

»Die tut fort.«

»Können wir die nehmen?«

»Meinetwegen,« brummte Onkel Adam. Er wollte noch etwas sagen, aber da

kam eine Frau, die einen Briefbogen kaufen wollte. Zu dem Kauf brauchte

sie so viel Zeit wie andere zu einem Hauskauf. Die Buben ordneten

unterdessen emsig die Zettel, dabei tuschelten und kicherten sie

immerzu miteinander, sagten ein paarmal: »Das ist nicht mehr gut« und

legten sich so allmählich ein ansehnliches Stößlein beiseite; obenauf

lag ein ganz zerrissenes, beschmutztes Willkommenblatt. »Wir sind

fertig, und die da sind kaputt,« erklärten sie beide nach einer Weile.

»Na, gut!« Onkel Adam nickte, schenkte jedem noch einen Bleistift, und

dann zogen die beiden Schelme ab, und der gute Onkel brummte hinter

ihnen her: »Sie machen's auch zu arg mit den Sternbübles, so schlimm

sind sie gar nicht!«

Mina war ein Weilchen später sehr erstaunt, als die Buben von ihr

einen Topf voll Kleister forderten, der Onkel hätte ihnen Papier zum

Verkleben geschenkt, erklärten sie.

»Na, ein Täßle wird wohl genug sein,« erwiderte Mina.

»Nein, ein Töpfle muß es sein, ein großes Töpfle voll,« riefen die

Buben einstimmig. »Pah, ein Täßle ist viel zu wenig!«

Weil im Silbernen Stern nun ohnehin mehr große als kleine Töpfe auf dem

Herde standen, dachte Mina, es kommt ja nicht darauf an, und kochte

einen Litertopf Kleister, mit dem die Buben vergnügt von dannen zogen.

Sie waren an diesem Nachmittag weiter sehr brav, machten ihre

Schularbeiten, spielten mit Gundel und gingen so nett und brav ins

Bett, als wären sie nie in ihrem Leben die wilden Sternbübles gewesen.

Es war an diesem Abend in dem Gasthaus viel zu tun, eine große Hochzeit

wurde darin gefeiert, und Wirtin wie Dienstleute hatten alle Hände voll

zu tun. Nach den Kindern zu sehen, dazu hatte niemand Zeit.

Am Himmel zogen dunkle Wolken dahin, Sturmwolken, Regenwolken, und

der Mond hatte seinen rechten Ärger mit ihnen. Der hatte ohnehin ein

schiefes Gesicht, eine dünne und eine dicke Backe; vor lauter Verdruß

wurde es aber noch schiefer. Unten in Breitenwert gab es etwas höchst

Sonderbares zu sehen, doch gerade wenn der gute Mond recht genau

hinschauen wollte, husch, husch! flog ihm so eine dumme dunkle Wolke

am Gesicht vorbei. »Was fällt euch ein, ihr naseweises Luftgesindel!«

schalt er. »Weg mit euch, ich will sehen, was -- -- --«

Rutsch! saß ihm eine kohlschwarze Sturmwolke vor der Nase, die heulte:

»Schimpf nicht, alter Gesell, morgen ist erster April, da müssen wir da

sein.«

»Und ich muß aufpassen, was da unten geschieht; Platz da!« schrie der

Mond. Er wehrte sich, sah über die Wolke hinweg auf Breitenwert hinab

und rief: »Nein, die Sternbübles, was wollen denn die bei Nacht auf dem

Obermarkt, sie -- -- --«

»Man muß nicht neugierig sein, alter Papa,« mahnte eine große

Schneewolke und setzte sich dem Mond auf den Kopf. Da konnte er gar

nichts mehr sehen. Eine Weile balgte er sich mit den Wolken herum, und

als er wieder etwas sehen konnte, da erblickte er die Sternbuben in

einem Torweg. Wie sein Licht sie traf, wichen sie noch mehr zurück, und

er konnte nicht einmal sehen, was sie eigentlich in der Hand hatten.

»Die Sache muß ich mir ganz genau ansehen; mit den Sternbübles ist's

nicht geheuer,« brummte der Mond, aber da kamen die Wolken wieder,

der Kampf begann von neuem, bis es der Mond müde wurde. Ganz blaß und

angegriffen rief er noch der Sonne zu: »Na, meine gute Sonne, nun

ärgere du dich!«

Die ärgerte sich und schalt, und die Menschen auf der Erde ärgerten

sich auch und schalten und namentlich die Bauersleute, die in aller

Morgenfrühe nach Breitenwert fuhren, um dort auf dem Wochenmarkt die

Butter, und was sie sonst noch hatten, zu verkaufen. Die Bauern kamen

immer zeitig zur Stadt; meist packten sie schon die Waren aus, wenn

die Städter ihre Geschäfte erst aufschlossen, und wenn die Kinder

zur Schule gingen, war der Marktbetrieb meist schon im Gange. An

diesem Tage aber herrschte auf dem Obermarkt ein besonderes Leben. Da

drängten sich die Landleute vor einem Laden zusammen, jeder wollte

der erste Käufer sein, wenn aufgemacht wurde. In dem Geschäft gab es

Wirtschaftsgeräte zu kaufen, Teller, Tassen, Schüsseln, Butterdosen,

Kannen, Gläser, was man nur wollte. Der Besitzer, Herr Schmidt, pflegte

zu sagen: »Ich habe ein feines Geschäft, eins wie in einer Großstadt.«

Das war wirklich beinahe so, selbst Fräulein Laura hatte in diesem

Geschäft nicht die Nase gerümpft, wie sie es in den Breitenwerter Läden

zu tun pflegte.

Die Landleute kauften sonst nicht viel bei Herrn Schmidt, der war ihnen

zu fein und zu teuer. An diesem Tage hatte aber auf einmal jeder Lust,

etwas zu kaufen, und als Herr Schmidt von innen den Rolladen hoch zog,

erschrak er sehr vor den vielen Menschen, die draußen standen. Was

wollten sie nur alle bei ihm?

Die redeten draußen, was sie kaufen wollten. Eine Frau sagte: »Das

Körble, das da so aussieht wie Silber, nehme ich,« und eine andere

sagte: »Ich möchte das Glasschüssele haben dort mit dem Füßle.«

»Das nehme ich,« schrie eine dritte, sie stand schon an der Türe und

sah ordentlich kampflustig drein. Das ärgerte jene, die zuerst das

Glasschüssele gewollt hatte. Sie begann zu schelten, andere mischten

sich hinein, und der Lärm wuchs. Zum Überfluß kamen noch Schulkinder

dazu; die wollten natürlich auch wissen, was los sei, und drinnen sah

Herr Schmidt immer ängstlicher auf das Getriebe. Er wagte es gar nicht,

seinen Laden aufzuschließen, und die draußen ärgerten sich wieder, daß

es so lange dauerte. Sie riefen immer lauter: »Auf, auf, auf!«

Das kann jeder schreien, ich lasse zu! dachte Herr Schmidt, und nun

ließ er seine Rolladen wieder herab. Dann lief er zur Hintertür hinaus,

um zu sehen, was eigentlich los war.

Ein Zetergeschrei empfing ihn. Gleich zehn, zwanzig Menschen schrieen

auf ihn ein, was das sei, warum er erst einen Ausverkauf anzeige und

dann seinen Laden nicht aufmache. Abscheulich sei das von ihm, ganz

abscheulich!

»Aber,« rief Herr Schmidt, »aber -- -- --«

»Ich will das Körble von Silber kaufen.«

»Ich möchte die Eierbecherle haben und das blaue Bierkrügle.«

»Aber -- also, Leute, hört -- -- --«

»Das Teekännle da, wo zwanzig Täßle reingehen, will ich und das große

Glasschüssele.«

»Das Taschenmesser kauf ich,« schrie ein Bube.

»Aber --« Auf einmal blieb Herrn Schmidt die Sprache ganz weg. Was

war denn das, was stand da an seinem Laden angeschrieben? »Das ist

falsch, das ist falsch,« rief er, »das stimmt nicht, ich habe keinen

Ausverkauf!«

»So? Ei, das wäre doch, da steht's ja!«

Wohl zwanzig dicke und dünne Zeigefinger deuteten nach Herrn Schmidts

Laden hin; da klebten überall große Zettel, auf denen stand:

»Gänzlicher Ausverkauf,« und auf zwei Zetteln stand noch: »Jedes Stück

nur fünfzig Pfennige.«

»Was, das soll ich angeklebt haben?« rief der Kaufmann empört. »Ich

will ja gar nichts ausverkaufen, fällt mir nicht ein! Was, und fünfzig

Pfennig sollen meine guten, teuren Sachen nur kosten? Ei, das wäre ein

Spaß!«

»Vielleicht ist's auch nur ein Spaß,« sagte ein alter Bauer plötzlich

bedächtig dazwischen, »heute ist ja erster April.«

»Pfui, Herr Schmidt, wie können Sie uns so zum Narren halten!« rief es

gleich da und dort, und der arme Herr Schmidt hatte Not und Mühe genug,

es den Leuten begreiflich zu machen, daß er wirklich nichts dafür

konnte, gar nichts, er sei selbst genarrt worden. Etliche glaubten ihm

dies sogar erst, als ein paar Buben angerannt kamen, die erzählten, auf

dem Untermarkt, vor dem Zuckerwarenladen von Frau Kümmel sei es genau

so, dort wäre auch ein Ausverkauf angezeigt, und man hätte die arme

Frau Kümmel in ihrem Laden beinahe erdrückt.

»So etwas, nein, so etwas!« riefen die Leute. »Was auch alles in

Breitenwert vorkommt! Wer mag es nur gewesen sein?«

Ja, wer? Man redete noch hin und her, da kamen ein paar aus der

Löwengasse gelaufen, die erzählten, an der Lindenapotheke klebten

Zettel, auf denen stehe: »Neue Heringe.« Darüber sei Herr Baldan

fuchswild, und Herr Häferlein schimpfe auch, denn an seinem Hause

stünde überall: »Wohnung zu vermieten,« und allemal darunter: »Herzlich

willkommen!«

Es war kein Wunder, daß die Buben und Mädel, die am Obermarkt, in

der Löwengasse und am Untermarkt wohnten, nur gerade noch im letzten

Augenblick in die Schule kamen. Ja etliche konnten sich gar nicht

losreißen, die rannten erst noch einmal dahin und dorthin, jeden Zettel

staunten sie an, und natürlich kamen sie zu spät zur Schule, und

natürlich gehörten zu denen die Sternbuben. Die hatten blinkeblanke

Augen und wußten viel zu berichten, wie es da hergegangen war, hier

bei Herrn Schmidt und da bei Frau Kümmel. Wenn aber jemand sagte: »Wer

es nur gewesen sein mag?« dann guckten die Sternbuben in die Luft, als

ginge der ganze Lärm sie gar nichts an.

Man wurde an diesem Tag in Breitenwert nicht fertig, über den

Aprilstreich zu reden, zu lachen und sich zu ärgern. Und immer wieder

fragte einer den andern: »Wer mag's nur gewesen sein? Wie bekommt man

das heraus?«

Davon redete aufgeregt am Nachmittag auch Herr Häferlein mit Herrn

Baldan, und die Sternbuben -- sie gingen wohl zum zehnten Male an Herrn

Häferleins Laden vorbei an diesem Tage -- hörten gerade die Herren

reden. Sie stellten sich breitbeinig vor das Schaufenster, sagten, sie

wollten dies kaufen und jenes, und dabei spitzten sie gewaltig ihre

Ohren. Herr Häferlein ärgerte sich über die Buben. Wegjagen konnte er

sie aber nicht, denn sie waren kein bißchen unnütz, und vielleicht

sollten sie einkaufen; er konnte das nicht wissen. Er redete also

weiter mit Herrn Baldan und sagte ein paarmal: »Erwischen muß man die

Übeltäter. Na, ich falle heute auf keinen Aprilscherz mehr herein!«

»Ich auch nicht,« rief der Bäckermeister Hering, der gerade vorbeiging,

und er erzählte, sein Lehrjunge sei gekommen und habe gerufen, in der

Backstube wären Ratten, und dann seien gar keine dringewesen.

»Eine zu dumme Sitte!« brummte Herr Baldan. »Mich sollte nur einmal

jemand necken wollen, dem bekäme das schlecht!«

»Da kommt Ihr Fritz,« rief der Bäckermeister, »der will Sie auch in den

April schicken.«

Wirklich kam Fritz, der schläfrige Gehilfe, aus dem Laden heraus

und sagte langsam: »Herr Hää--ferlein, der Auuuguuust friißt alle

Rooosiiinen auf!«

»So ein Dummkopf!« Herr Häferlein wurde hochrot vor Ärger. »Wer an

meine Rosinen geht, weiß ich schon, der heißt nicht August, der heißt

Fritz!«

»Jaaah,« murmelte Fritz schläfrig und trottete zurück, und Herr

Häferlein sagte böse hinter ihm her: »Ein schrecklicher Faulpelz,

der denkt nur an Schlafen und Essen. Jetzt hat er mir sicher wieder

genascht. Wozu so ein erster April nicht alles gut ist! Jetzt gehe ich

aber mal zu Herrn Adam Hinz, vielleicht weiß der, wo die Zettel her

sind; vielleicht hat sie jemand bei ihm gekauft.«

Den Sternbuben schien plötzlich Herrn Häferleins Schaufenster

langweilig zu werden, sie trabten los mit gesenkten Köpfen. In diesem

Augenblicke aber gab es drinnen in Herrn Häferleins Laden ein lautes

Getöse und Geklirr, und gleich darauf erklang Fritzens Stimme: »Herr

Häääferlein, Auuuguuust hat waaas umgeworfen.«

Die beiden Freunde und der Bäckermeister eilten in den Laden, und die

Sternbuben vergaßen das Fortlaufen. Flugs steckten sie auch ihre Nasen

zur Ladentüre hinein und sahen innen auf dem Boden ein Durcheinander

von Kästen, Schalen, Zuckerstangen und Rosinen. Fritz aber hockte

wieder auf dem Sauerkrautfaß und klagte: »August war's!«

Es war wirklich August gewesen. Der Schelm war durch ein Fenster

der kleinen Ladenstube, das nach dem Garten der Rose hinaussah,

hereingeklettert, und Fritz hatte in seiner Schläfrigkeit erst lange

nichts von des Äffleins unnützem Wesen gemerkt; als er es melden ging,

war schon viel Unheil geschehen. August hatte überall genascht, hatte

Tüten abgerissen, Kästen heruntergeworfen, und kein Mensch konnte es

Herrn Häferlein verdenken, daß er bitterböse war. Er schalt heftig,

Herr Baldan schalt noch heftiger, und der Bäckermeister rief, man müsse

dem schwarzen Ungetüm das Genick umdrehen. Die Sternbübles hörten das

draußen, und sie fanden es sehr hart und böse; sie liefen alle beide

zur Rose, rissen stürmisch an der Klingel und schrieen Frau Tippelmann

entgegen: »August wird umgebracht; Herr Häferlein dreht ihm den Hals

um!«

»Quatsch! Ihr denkt wohl auch, am ersten April schickt man die Narren,

wohin man sie will?« rief Frau Tippelmann und schlug den beiden die

Türe vor der Nase zu.

Da merkten sie, daß es manchmal für die schwer ist, Glauben zu finden,

die die Leute einmal für Schelme halten. Doch Alette Amhag hatte auch

der Buben Angstgeschrei gehört, und sie hielt es nicht für einen

Aprilscherz, so oft ihr dies Frau Tippelmann auch versicherte. Sie

wollte hinaus, wollte ihrem kleinen Liebling helfen. Da öffnete Frau

Tippelmann wieder die Türe, und als die Sternbuben Alette sahen,

brachen sie in ein gellendes Jammergeschrei aus. »Er bringt ihn um, er

bringt ihn um; Herr Häferlein macht August tot!«

Dies angstvolle Rufen lockte Laura herbei, es lockte auch die

Grillschen Kinder auf die Straße, es lockte da und dort jemand ans

Fenster, und der gute Herr Häferlein hatte wieder einmal recht zu

seinem Ärger Neugierige genug um seinen Laden. Alle riefen sie nach

August, und darüber ärgerten sich die beiden Auguste mehr und mehr.

August Baldan sagte zu August Häferlein: »Es ist eine Schande, unsern

schönen Namen einem Affen zu geben,« und August Häferlein rief dem

schwarzen kleinen August wütend zu: »Na, warte nur, wenn ich dich erst

habe!«

»Pfui, Herr Häferlein, wie hartherzig Sie sind!« sagte da Laura, die

just hinter Alette den Laden betrat. »Unsern armen kleinen August

wollen Sie töten?«

»Der Himmel bewahre mich,« rief Herr Häferlein entrüstet, »so etwas

habe ich nie gewollt, so grausam -- -- --«

»Herr Häferlein macht den August tot,« brüllten draußen die Sternbuben

so lange, bis Herr Baldan scheltend aus dem Laden herauskam und mit

einem finsteren Gesicht Ruhe gebot. Da erschraken Mathes und Peter doch

darob ganz ungeheuer.

Innen hatte inzwischen Alette Amhag ihr Äffchen zärtlich gelockt. Das

war auch gekommen, und Herr Häferlein tat ihm nichts, ja er sagte sogar

gutmütig: »Hoffentlich hat er sich nicht den Magen verdorben!«

Dies war nun wirklich nett von Herrn Häferlein. Alette spürte es

dankbar, und dankbar gab sie dem Kaufmann die Hand und versicherte

dann: »Augustle hat's nicht böse gemeint. Er ist so lieb!«

Na ja! Herr Häferlein lächelte zwar ein wenig sauersüß, aber er öffnete

doch höflich selbst die Türe und ärgerte sich dann wieder über das

laute Geschrei, das Alette empfing. »Er lebt, er lebt, Augustle ist

nicht tot!« brüllten die Kinder, am lautesten wieder die Sternbuben.

Die drängten sich auch keck und unverzagt mit vor, und Alette lächelte

ihnen zu, ja Augustle ließ sich von ihnen streicheln, und so standen

die Sternbübles plötzlich im Kinderkreis, als wären sie mit allen gut

Freund. Das gefiel ihnen wohl, und als Laura sie nach ihren Namen

fragte, gaben sie so nett und bescheiden Antwort, verbeugten sich so

höflich, daß selbst Herr Baldan dachte: »So übel sind sie eigentlich

nicht, die Sternbübles.«

Und gerade da kam der Onkel Adam Hinz durch die Löwengasse, neben ihm

ging Herr Schmidt, und ehe die beiden Schelme noch an Ausreißen denken

konnten, fühlten sie sich ergriffen, und Herr Schmidt sagte zornig:

»Jetzt sollt ihr mir mal sagen, wer bei mir die Zettel angeklebt hat,

kommt mal mit!«

Da gab es kein Sträuben, selbst Alettes angstvolles Rufen half nichts.

Herr Schmidt nahm Mathes, Onkel Adam nahm Peter, und so ging es in den

Silbernen Stern hinein, und dort gab es ein böses Strafgericht.

»Die Sternbuben sind's gewesen, natürlich, wer anders als die

Sternbuben!« sagten sie in der Löwengasse, auf dem Obermarkt und dem

Untermarkt. »Das konnte man sich denken! Wie soll es nur noch einmal

mit den Buben werden, die geraten nicht gut!«

Im Silbernen Stern, ganz allein in einem der großen Zimmer des

altertümlichen Hauses aber saß eine, die den allertiefsten Kummer um

die schlimmen Bübles im Herzen trug, das war Gundel. Die weinte und

weinte und meinte, sie könnte nimmer froh werden vor Scham und Trauer.

Sie wollte ihnen zürnen und konnte es doch nicht, denn leise, leise

klang und tönte in ihrem Herzen ein Glöckchen, das hieß Vertrauen.

»Sie sind nicht so schlimm, sie sind nicht so schlimm,« tönte das fort

und fort. Zuletzt faltete Gundel die Hände und betete in ihres Herzens

tiefer Not: »Lieber Gott, hilf, mach, daß alle im Gäßle die Bübles

liebhaben! Lieber Gott, sie sind wirklich net so bös, glaub es, sie

sind net bös!«

[Illustration]

Zehntes Kapitel.

Frühlingsregen.

Es fließt viel Wasser vom Himmel, und viele Tränen werden

vergossen. Die Lindenkinder verreisen, und die Sternbuben

rennen Alette nach. Was geschieht, wenn eine Brücke morsch ist.

In die Löwengasse dringt eine schlimme Kunde, Frau Tippelmann

erschrickt, Laura denkt, die Gasse tanzt, und Frau Hinz trägt

ihr Gundele und findet ihre Buben wieder.

Die Löwengasse war bitterböse auf die Sternbuben. Alle sagten, die

wären eine Schande für die Gasse, und dieses schlimme Wort kam auch der

Sternwirtin zu Ohren. Es kränkte sie tief, und sie strafte ihre Buben

tüchtig, ja sie sagte sogar, sie würde die Buben fortgeben, zu einem

Verwandten, der Lehrer war in einer etwas größeren Stadt, und der schon

etliche Buben in seinem Haus erzog. »Wenn ihr sitzen bleibt, kommt ihr

fort,« sagte Frau Hinz, »da gibt es kein Federlesen mehr.«

Damit war den Sternbuben eigentlich das Urteil gesprochen, denn an ein

Versetztwerden glaubten sie selbst in ihren allerkühnsten Träumen

nicht mehr. Und wenn sie jetzt fleißig waren und nach Frau Tippelmanns

Wort aus einem Tag zwei gemacht hätten, sie waren zu weit unten, es

half ihnen nichts mehr. Die Sternbuben waren wirklich tief bedrückt

und Gundel mit ihnen. Alle drei miteinander taten, als müßten sie dem

April regnen helfen; ihre Tränen flossen wie Gießbäche, und dabei

regnete es in den ersten Apriltagen wirklich genug. Der Regen rann und

rauschte immerzu, immerzu, und der kleine Fluß, der das Breitenwerter

Tal durchfloß, wurde fast zu einem Strom. Von überall her rannen kleine

Bäche hinein, und davon schwoll er so an, daß die Leute im Städtchen

sagten: »Es gibt gewiß noch eine Überschwemmung.« Vorsichtige warnten

auch die Kinder: »Geht nicht über die Torbrücke, die steht nicht mehr

fest auf ihren Pfeilern.«

Es waren wirklich wasserreiche Tage. Die Tränenbächlein flossen nicht

allein im Silbernen Stern; auch in der Rose und in der Linde flossen

sie. Den Sternbuben war der erste April schlecht bekommen, dem Affen

August noch viel schlechter, der war krank geworden.

Nett war es nicht von Herrn Häferlein zu sagen: »Er hat sich in

meinem Laden überfressen.« Laura grollte dem Nachbar darum bitter,

sie erklärte: »August verträgt die Breitenwerter Luft nicht.« Aber

Alette meinte, er habe sich zu sehr geängstigt. Frau Tippelmann jedoch

brummte: »Gründe gibt's wie Brombeeren, und meist braucht man nicht

nach einer Krankheit zu suchen, die lauert vor der Türe.« Sie ging

dann selbst zum Tierarzt, der verschrieb ein Pulver, aber weder das

noch die warmen Umschläge, die Frau Tippelmann dem kranken kleinen

Schelm machte, vermochten ihm recht zu helfen. Er wurde schwächer und

schwächer, und der Blick seiner dunklen Augen wurde immer trauriger.

Vielleicht sehnte er sich wirklich zu sehr nach seiner sonnenheißen

schönen Heimat. Der Sturm, der das alte Haus umheulte, der Regen, der

gegen die Scheiben schlug, mochte ihm wenig gefallen, und wenn ihm

Alette erzählte: »Wenn erst Sommer ist,« dann schloß er nur müde die

Augen. Alette kauerte stundenlang neben ihrem kleinen Freund. Frau

Tippelmann wollte es nicht recht leiden, und Laura nannte sie darum

hartherzig. Auch die Lindenkinder entrüsteten sich darüber; freilich

ihre Mutter sagte: »Frau Tippelmann hat recht, es ist für Alette nicht

gesund, immer neben dem kranken Tierchen zu sitzen.«

Trotz all ihrer Teilnahme konnten sie sich in der Linde in diesen Tagen

doch nicht so viel als sonst um die Nachbarn in der Rose kümmern, denn

die Geburtstagsreise nahm alle Gedanken in Anspruch. Was gab es da

auch zu tun und zu bedenken! Gedichte mußten gelernt werden, Trinle

stickte noch mit Feuereifer an einer Decke, und es mußte bedacht

werden, welche Sachen man mitnehmen wollte. Am letzten Tag überlegte

es sich Trinle sechsmal: »Jetzt geh' ich zu Alette,« und immer kam

etwas dazwischen. »Geh du,« sagte sie zu Kasperle, und Kasperle lief

hinaus, und wie er draußen auf der Löwengasse war, kam ein Bote, der

eine Schachtel brachte. Flink lief Kasperle-Neugier in das Haus zurück;

er mußte doch sehen, was in der Schachtel drin war.

»Alette könnte auch zu mir kommen,« schalt Trinle, und als sie dann

endlich Zeit hatte und hinüberlief, da fand sie Alette in bitterwehem

Schmerz an Augustles Korb sitzen. Das Äffchen war tot.

Augustle tot! Dieser lustige kleine Schelm hatte wirklich seine

dunklen Augen für immer geschlossen, auf Alettes Schoß war er still

eingeschlafen.

Es flossen viele, viele Tränen um ihn. Den Grills war es erst, als sei

all ihre selige Reisefreude mit dem Regen weggeschwommen, und Trinle

versicherte schluchzend: »Ich freu' mich gar nicht mehr.« Sie kamen

auch tiefbetrübt heim. Aber als sie am nächsten Morgen vor Tau und Tag

geweckt wurden und dann mit den Eltern durch das tiefstille Gäßchen

wanderten, husch, war die Reiselust wieder da. Sie schwatzten und

lachten, und Alette hörte ihre frohen Stimmen. Die lag noch in ihrem

Bett, und ihre kaum versiegten Tränen brachen auf's neue hervor. Ach,

so einsam, so sehr verlassen fühlte sie sich! Sie weinte und weinte

und wußte selbst nicht mehr, ob sie nun tiefer um die Abreise der

Freunde oder um Augustles Tod klagte.

An diesem Vormittag brachte der Postbote einen eiligen Brief in das

Haus zur Rose, und Lauras Gesicht wurde ganz hell, als sie den las. Sie

ging zu Alette, die trotz Frau Tippelmanns Einsprache immer noch neben

dem toten Augustle kauerte, und sagte vergnügt: »Alette, freue dich,

wir reisen morgen ab!«

»Reisen morgen ab?« wiederholte Alette wie in einem Traum.

»Ja, ja, sieh nur nicht so schrecklich erstaunt drein! Es ist so und

bleibt so. Morgen reisen wir. Frau van Bachhoven hat eben geschrieben;

sie will uns morgen in Köln treffen.«

»Und dann?« Alettes Stimme zitterte wie eine kleine Flamme, gegen die

der Wind steht.

»Dann?« Laura war ein wenig verlegen; die Angst in des Kindes Augen

erschreckte sie, und sie murmelte leise: »Dann reisen wir nach Paris.«

Alette schrie auf: »Ich will nicht, ich will in Breitenwert bleiben,

ich --« Ihre letzten Worte erstickten ein heftiges Schluchzen, und so

hörte Laura nicht, daß sie sagen wollte: »Ich liebe Frau van Bachhoven

gar nicht.«

Laura wurde böse. Ihrer Meinung nach hatte sie alles sehr gut

eingerichtet, und sie kränkte sich über Alettes Widerspruch. Daß sie

eigentlich nur an sich gedacht hatte, nur an ihr Vergnügen, nach Paris

zu kommen, gestand sie sich nicht ein, und sie warf Alette heftig vor:

»Du bist undankbar, pfui, schäme dich!«

In dem Augenblick öffnete sich die Türe, Frau Tippelmann trat ein, eine

große weiße Schachtel im Arm. In der wollte sie den Affen begraben. Sie

sagte das ein wenig kurz und trocken, wie es ihre Art war. Sie meinte,

Alettes Tränen flössen noch immer um August, und sie glaubte, es würde

besser sein, wenn die Kleine den toten Liebling nicht mehr sehen könnte.

Die Freunde fort, August tot, Laura böse, und morgen sollte sie auch

noch die Löwengasse verlassen! Es war Alette, es müsse ihr das Herz

brechen, sie konnte nicht einmal mehr weinen, und ganz stumm stand sie

auf und verließ das Zimmer. Frau Tippelmann hätte sie gern in die Arme

genommen und sie getröstet, aber sie dachte traurig: »Alette hat ja

Laura, und mich liebt sie nicht.«

Fräulein Laura war über Alettes Hinausgehen froh. Nun konnte sie Frau

Tippelmann von der Reise sprechen. Sie log wieder einmal ein bißchen

und sagte: »Alette freut sich auch.«

»Na gut,« murmelte Frau Tippelmann, »mir kann's ja recht sein!« Sie

seufzte tief, nahm August, bettete ihn sorgsam in die Schachtel und

trug sie in den Garten. Ihr war das Herz schwer. So viele Jahre hatte

sie allein in dem alten Haus gewohnt und war zufrieden damit gewesen,

aber jetzt, seit Alette Amhag darin gewohnt hatte, fürchtete sie sich

fast vor der Einsamkeit. Nun würden keine flinken Füßchen mehr die

alten Treppen auf- und absteigen, kein helles Stimmlein würde mehr das

Haus durchtönen, und die Nachbarskinder kamen wohl auch nicht mehr mit

Lachen und Lärmen über die Gasse gerannt.

Frau Tippelmann stellte die Schachtel still unter einen Baum, später

wollte sie das Äffchen darunter begraben. Oben begann Fräulein Laura in

Hast und Eile die Sachen zu packen. Um Alette kümmerte sie sich nicht

weiter. Die würde weinen, nun ja, sie würde aber auch wieder aufhören,

und wenn morgen die Reise losging, da gab es keinen Abschiedsschmerz,

kein Jammergeschrei von denen drüben. Gut war es so, sehr gut. »Und

morgen geht es fort, geht's nach Paris,« trällerte sie vergnügt.

Alette Amhag wurde es an diesem traurigen Vormittag zu eng in dem Haus.

Lauras Singsang trieb sie von Stube zu Stube, sie schlich die Treppe

hinab, da hörte sie Frau Tippelmann in der Küche klappern und laut mit

sich reden. Ach, die war wohl froh, daß sie abreiste, Augustle würde

sie nun nicht mehr ärgern, und so viele Arbeit gab es dann auch nicht

mehr. Alette seufzte tief. Wie traurig es doch war! Sie schlüpfte

endlich sachte zur Haustüre hinaus und schaute hinüber nach der Linde.

Da stand nicht wie sonst so oft Kasperle vor der Türe, und Herr

Baldan war auch nicht zu sehen. Die Freunde waren nun schon bei der

Großmutter, sie feierten und freuten sich, und wenn sie wiederkamen --

-- -- da war Alette wer weiß wo!

Die grauen Wolken, aus denen in den letzten Tagen so viel Regen

herabgeflossen war, hatten sich fast alle verzogen, leichte, zarte

Weißwolken segelten lustig im blauen Luftmeer dahin, und die Sonne sah

freundlich in die Löwengasse hinein.

Alette dachte, sie würde nun vielleicht nie mehr die schnurrige kleine

Gasse sehen, und meinte, das Herz müsse ihr brechen vor Leid. Wäre ihr

Vater doch da, er müßte ihr gewiß helfen und würde sie nicht zwingen,

zu Frau van Bachhoven zu reisen! Wie sie sich fürchtete vor der Frau,

die so laut und herrisch war!

Eine tiefe Sehnsucht nach dem Vater erfaßte sie, und ihre Tränen

begannen schon wieder zu fließen. Es war ihr, als müsse sie wandern und

wandern, um den fernen Vater zu suchen, und unwillkürlich lief sie die

Löwengasse hinab, dem Untermarkt zu. Sie kam am Silbernen Stern vorbei.

Dort waren eben die Kinder aus der Schule heimgekommen und standen in

dem Hausflur zusammen. Sie ließen alle drei die Nasen gewaltig hängen,

denn den Buben war heute in der Schule die letzte karge Hoffnung auf

Versetztwerden zerronnen. Da sagte auf einmal Gundel: »Dort geht sie

und weint.«

Mathes und Peter wußten gleich, wen die Schwester meinte, und sie

vergaßen im Augenblick den eigenen Kummer und starrten Alette nach.

»Die hat Schelte gekriegt,« murmelte Mathes niedergeschlagen.

»Sie sah so traurig aus!« Gundeles Stimme klang unendlich mitleidig.

Sie sah selbst gleich ganz unglücklich drein, und die Brüder riefen

geschwind: »Wir laufen und fragen sie, warum sie flennt.« Beim letzten

Wort liefen sie schon, und am Untermarkt holten sie Alette ein. Statt

sie aber zu fragen, was ihr fehle, trotteten sie wie ein paar getreue

Hundchen immer hinter der Kleinen her. Ihre sonstige Keckheit hatte sie

ganz verlassen, und sie wagten die Frage nicht.

Alette Amhag lief und lief ganz ziellos weiter. Sie riß eigentlich vor

ihrem eigenen Kummer aus, aber der blieb in ihrem Herzen und klagte

laut: »Morgen geht es fort, morgen, morgen, morgen!«

»Wohin sie nur rennt?« sagten die Sternbübles zueinander. »Ob Augustle

ausgerissen ist?« Da klang es plötzlich neben ihnen: »Hallo, heda, ihr

Sternbuben! Wohin des Weges?«

Das war Oheim Adam Hinz, der seinen unnützen Neffen den Weg verstellte.

»Was habt ihr wieder angestiftet, ihr Rangen?«

Mathes und Peter schauten gar nicht lustig drein ob dieser Begegnung.

Sie hatten den Oheim seit dem bösen Strafgericht noch nicht gesehen,

und gerade erfreulich ist solch ein Wiedersehen dann nicht. Sie wären

himmelgern ausgerissen, aber der Oheim Adam mußte das ahnen, der hielt

sie beide fest, und er redete natürlich von ihren Übeltaten. Die beiden

Sternbübles seufzten schwer, sie standen wie auf einem Bratfeuerchen.

Da sollten sie nun allerlei höchst peinliche Fragen beantworten, und

inzwischen lief Alette Amhag wer weiß wohin. Ein rechtes Glück war es,

daß jemand kam und den Oheim grüßte. Der griff natürlich als höflicher

Mann an seinen Hut und ließ Peter los. Da rannte der eiligst davon, und

als Oheim Adam ihn greifen wollte, entwischte Mathes. Sie jagten die

Straße hinab und trafen sich erst in einer Nebengasse wieder, und in

der ersten Freude über ihre gelungene Flucht vergaßen sie Alette. Als

sie ihnen wieder einfiel, war sie ihren Blicken ganz entschwunden, und

sie rannten nun eine Weile ziellos weiter, bis sie am Flußweg von ferne

Alettes helles Kleid schimmern sahen.

[Illustration]

Der kleine Fluß sah an diesem Tage wirklich gefährlich aus. Gar nicht

sanft und klar wie sonst, dunkelgelb und dick geschwollen rauschte

er wild daher. Er war sehr böse, weil die vielen kleinen Rinnsale,

die er aufgenommen hatte, ihm alle erzählten, wie schlimm der Winter

sie geplagt hätte. Der hätte sie mit Eisfesseln gebunden; sie hätten

nicht hüpfen und eilen können, nicht lustig schwätzen wie sonst; ganz

schrecklich langweilig wäre es gewesen!

»Unerhört, so ein Benehmen!« schalt der Fluß, und er rüttelte an allem,

was er antraf. »Heisa, mich soll niemand mehr binden!« schrie er,

und er nahm Bretter und Äste, auch einen alten Schuh, was er gerade

fand, und warf alles gegen die Pfeiler einer kleinen alten Holzbrücke.

Dies Brücklein ärgerte den Fluß immer sehr, es war ihm zu alt und

unscheinbar. Er wollte es schon seit Jahren einreißen, und nie gelang

es ihm. »Na warte, diesmal gelingt es!« jauchzte er und tobte mit aller

Kraft dagegen. »Ich zerbreche dich, ich zerbreche dich doch!«

Auf der Torbrücke stand Alette Amhag. Sie starrte ängstlich in den Fluß

hinab und traute sich auf einmal nicht weiter zu gehen. Sie wußte gar

nicht recht, wo sie war, und so grenzenlos verlassen kam sie sich vor,

daß sie in ihrem Kummer auf der Brücke niederkauerte und verzweifelt in

das rauschende Wasser starrte. Ahnte sie es nicht, wie böse der Fluß

war?

»Dort ist sie,« schrieen am Ufer die Sternbübles erschrocken. »Hei,

über das Torbrückle darf man net gehen, das soll einfallen!«

»Wir holen sie runter,« schlug Mathes vor, »davon fällt's net gleich.«

Trapp, trapp, rannten sie der Brücke zu. Da hörten sie, wie von

irgendwoher jemand schrie: »Runter von der Brücke, geschwind,

geschwind!«

Alette Amhag hörte über dem Tosen des Wassers keine warnende Stimme.

Sie sah auch nicht, wie die Sternbuben links und ein Mann rechts vom

Ufer her eifrig zu winken begannen; sie sah nur das Wasser, hörte es

donnern und tosen und fühlte auf einmal, wie die Brücke zu schwanken

begann, just so, als führe sie auf einem Schiff.

Und plötzlich ein furchtbarer Stoß! Sie fühlte sich hochgeschleudert,

ein lauter Angstschrei gellte auf -- die Brücke stand nicht mehr.

Im Wasser wirbelten Balken und Bretter durcheinander, der Fluß jauchzte

in toller, böser Lust und hob etwas Weißes empor, riß es wieder in

seine dunkle Tiefe hinab, auf, nieder, auf, nieder.

Einen Herzschlag lang nur zögerten die Sternbübles am Ufer, sie

schrieen nicht, sie sahen sich nur an, nickten sich zu, und dann

sprangen sie ohne Besinnen in die rauschende Flut. Die Sternbübles

konnten schwimmen wie die Fische; sie hatten schon oft im Flusse

herumgeplanscht, aber so schwer war das noch nie gewesen. Der wilde

Strudel packte sie, schleuderte sie hoch, da -- Peter ergriff zuerst

Alettes Kleid, und nun hatte es auch Mathes. Sie zerrten und zogen;

wie schwer es doch war, wie furchtbar schwer! Das rauschte, wirbelte,

platschte; der Fluß schrie vor Wut, Balken kamen angeschwommen, und die

Buben kämpften einen harten Kampf. Auf, nieder, wieder empor, und da --

war das Ufer.

Ein paar Männer kamen gerade angerannt, als die Buben mit letzter Kraft

das Ufer zu erklimmen versuchten, sie rissen sie empor und brachten die

beiden mit ihrer geretteten Bürde auf das trockene Land.

Die Sternbübles pusteten und spuckten. Sie konnten nichts sehen,

so rann das Wasser an ihnen herab; aber sie waren doch noch höchst

lebendig. Alette Amhag dagegen lag blaß, still, leblos auf der braunen

Erde. Ein alter Mann beugte sich über sie und sagte trübe: »Sie ist

tot.«

»Noi,« kreischten die Sternbübles, »sie muß lebendig sein.« Sie

brüllten laut und verzweifelt los, und dies Geschrei lockte mehr

Menschen herbei. Ein Mann nahm Alette empor, der sagte: »Hier tut

schnelle Hilfe not, ich trag's Mädele rüber ins erste Haus.«

»Ins Spital,« rief jemand, »dort ist die beste Hilfe.«

Das Krankenhaus war nicht weit, es lag nur wenige Schritte entfernt,

und der Mann, der Alette emporgehoben, trug sie nun eiligst hin. Die

Sternbuben folgten triefend, zähneklappernd, aber sie konnten doch auf

ihren Füßen stehen. Ein paar Männer erboten sich, sie nach Hause zu

tragen, aber da schrieen beide wie aus einem Munde: »Noi, wir müssen

bei dem Mädle bleiben, bis es lebendig ist.«

So schnell ging das freilich nicht. Der Arzt im Krankenhaus sah

bedenklich drein, als er Alette erblickte, und als er hörte, wie

die Buben die Kleine gerettet hatten, sagte er schnell: »Die sollen

hierbleiben, die haben ein Recht dazu.«

Da taten die Schwestern, als wären die Sternbübles wirklich krank und

müßten gepflegt werden, worüber die beiden mächtig stolz waren. Sie

wurden gerieben, gerumpelt, bekamen einen heißen Trank und wurden in

gewärmte Betten gesteckt. In denen wurde es ihnen so wohlig warm, als

wären Hundstage draußen. Fein wäre es gewesen, nur die Angst um Alette

quälte sie. Um die hatten sie wirklich herzhafte Angst, und immer

wieder fragten sie: »Lebt sie schon?«

»Jetzt ist das Mädle gottlob aufgewacht!« rief da endlich eine

Schwester zur Türe herein. »Der Himmel gebe, daß sie nun auch gesund

wird!«

»Na freilich!« rief Mathes unverzagt, und dann tat er einen tiefen

Seufzer: »Ich bin müde.«

»Ich auch,« brummte Peter.

»So schlaft ein Stündchen,« riet die Schwester. Wenn sie gedacht, sie

müßte mehr zureden, dann hatte sie sich gewaltig geirrt. Die Buben

wuschelten sich in ihre Betten ein und schliefen im Handumdrehen, und

sie schliefen so fest, daß sie nichts von dem hörten, was um sie herum

vorging.

Inzwischen lief die schlimme Kunde in die Löwengasse. Einer, der

Alettes Unfall und ihre Rettung angesehen hatte, langte gerade an

der Rose an, als Frau Tippelmann vor die Türe trat und nach Alette

Ausschau hielt. Auch Laura kam dazu, auch die hatte nun doch Alette

gesucht, und beiden Frauen teilte der Bote das Geschehene mit: »Ins

Wasser gefallen und vielleicht ertrunken.«

Frau Tippelmann vergaß zum erstenmal, daß sie die Hüterin eines fremden

Hauses war; sie rannte einfach die Löwengasse hinab, und Laura wollte

ihr nachrennen, aber sie konnte nicht. Es schwankte ihr alles vor den

Augen, die ganze Löwengasse fing an sich vor ihr zu drehen, und sie

sank mit einem Wehlaut an der Türschwelle nieder. »Alette,« stöhnte

sie, »Alette, was habe ich getan?«

»Herrjeh, Fräulein Laura fällt in Ohnmacht!« rief Herr Häferlein, der

wieder einmal zu rechter Zeit die Nase aus seinem Laden herausstreckte.

Er sprang herbei und suchte Laura zu stützen. »Fräulein Laura, Fräulein

Laura,« jammerte er, »bitte sehr, sterben Sie nicht, ach, bitte nein,

nein, bitte, tun Sie es nicht!«

»Die muß ein paar Tropfen haben, irgend so was aus der Apotheke,« sagte

der Bote, und da lief auch schon Herr Häferlein hinüber, riß die Türe

auf und schrie: »Baldrian, Baldrian!«

»Fangen Sie schon wieder an?« Herr Baldan stürzte hochrot vor Zorn

hervor und brüllte den Freund an: »Narrenpossen, schämen Sie sich!«

»Baldrian, ich will Baldrian! Sie stirbt, und das sind keine

Narrenpossen,« brüllte Herr Häferlein zurück, und da erst merkte der

Provisor, die Sache war ernsthaft, und er fragte sehr sanft: »Wer

stirbt?«

»Es wird ihr schon wieder besser!« Der Mann, der die Unglücksbotschaft

überbracht hatte, steckte den Kopf zur Türe herein und meldete noch:

»Sie ist wieder aufgestanden.«

Herr Häferlein eilte hinaus, und Herr Baldan ergriff eine Flasche

und lief ihm nach. Draußen fanden sie Laura, die wirklich wieder auf

ihren Beinen stand, sich aber ganz hilflos umsah, denn sie hatte keine

Ahnung, wo das Spital liegen sollte, in das man Alette gebracht hatte.

Der Kaufmann erbot sich gleich, er wolle sie begleiten. Dies sei

Nachbarspflicht, dem andern in der Not beizustehen. Das Wort traf Laura

wunderlich. Was ein guter Nachbar ist, hatte sie in ihrem Wanderleben

noch nicht erfahren, und hier in Breitenwert hatte sie oft heimlich

über die Leute gelacht, die sich alle kannten, alle taten, als wäre

Nachbarsein etwas Besonderes. Jetzt spürte sie, wie gut das hilfreiche

Beistehen tat. Herr Baldan versprach, das Haus zu verschließen und auf

Herrn Häferleins Laden einen Blick zu werfen. Er tröstete sie selbst

noch herzlich, gewiß sei es nicht so schlimm, in dem Flüßchen könne

kaum jemand ertrinken, so seicht wäre es.

Ach, trotz dieses Trostes meinte Laura noch nie in ihrem Leben einen

schwereren Gang getan zu haben. Nichts, kein noch so gutes Freundeswort

konnte die Stimme in ihrem Herzen übertönen, die immer redete: »Du

trägst die Schuld, du, du.« --

Rose, Linde und Silberner Stern: Erzählung für die Jugend · 第 6 / 11 题