»Sie hat gesagt: Eine Gans wird kein Schwan, und wenn sie den Hals noch
so lang macht!«
Alette lachte. »Laura,« rief sie fröhlich, »damit hat sie dich doch
gewiß nicht gemeint!«
»Na, wen denn sonst?« murrte Laura. »Eine dumme Mode ist das, immer mit
einem Sprichwort zu antworten.«
»Weißt du, Laura,« sagte Alette nachdenklich, »mein Großvater hat
immer erzählt, seine Mutter hätte auch so viele Sprichwörter gewußt;
vielleicht weiß Frau Tippelmann sie daher.«
»Schnickschnack,« rief Laura, »was hat Frau Tippelmann mit deiner
Urgroßmutter zu tun? Eine alberne Mode ist das für heutige Tage, für
Urgroßmütter mag das gepaßt haben; ich ziehe mir doch aber auch nicht
mehr solche Kleider an wie die von Anno dazumal, also brauche ich auch
nicht so zu reden.« Sie ging an die Türe, und weil es sehr zu ihrem
Ärger keine Klingeln im Hause gab, rief sie laut und gebieterisch in
das Treppenhaus hinab: »Frau Tippelmann, Alette will ihre Schokolade,
aber schnell!«
»Das geht nicht so schnell wie 's Heftelmachen,« rief Frau Tippelmann
zurück. »Mit Geduld und Zeit wird 's Maulbeerblatt zum Atlaskleid.«
»Schon wieder eins,« schalt Laura, »und darüber wird es mit dem
Frühstück wohl dauern bis zum nächsten Neumond.«
So lange brauchte Alette nun aber nicht zu warten. Frau Tippelmann kam
bald und berichtete, sie hätte im Speisezimmer alles angerichtet. Sie
hatte es, so gut sie es wußte, getan; der Frühstückstisch sah sauber
und nett aus, aber Laura, der noch der Ärger im Herzen saß, rümpfte
doch die Nase und sagte spöttisch: »Wir sind's freilich anders gewöhnt!«
»Jeder macht's, wie er's versteht,« antwortete Frau Tippelmann kurz.
Hoho! dachte Laura, hier weiß ich auch mal so ein Sprichwort, und sie
erwiderte schnell: »Na ja, Bauer läßt nicht von Bauernart.«
Doch Alette rief vorwurfsvoll: »Ach Laura!« Sie blickte ganz ängstlich
zu der Hausverwalterin auf. Aber die lächelte sogar ein bißchen und gab
gelassen zur Antwort: »Das ist ein richtiges Wort. Ich weiß aber auch
eins, das heißt: Bauer werden ist nicht schwer, Bauer bleiben eine Ehr!«
»Frau Tippelmann,« fragte Alette rasch, »mein Großvater hat erzählt,
seine Mutter hätte immer viele Sprichwörter gewußt, haben Sie die
...« Alette stockte verlegen; eine Urgroßmutter war doch wohl etwas
schrecklich Altes, und Frau Tippelmann sah doch noch nicht so alt aus.
»Gekannt,« vollendete die Frau. »Nein, Kind, aber mein Vater hat sie
gut gekannt, der wußte auch von ihr viele, viele Sprichwörter. Deinen
Großvater habe ich mal gesehen, da war ich ein ganz kleines Ding, als
er fortzog seinen älteren Geschwistern nach. Er war damals sechzehn
Jahre.« Frau Tippelmann sagte nicht: Ich habe auch Amhag geheißen, bin
eigentlich eine Großtante von dir; sie ging still hinaus, denn sie war
zu bescheiden und zu stolz zugleich, um sich den reichen Verwandten
aufzudrängen.
»Die gefällt mir nun ganz und gar nicht,« sagte Laura hinter ihr her.
»Brr, der reine Sauertopf! Gut, daß wir bald wieder weggehen!«
Damit war Alette nicht einverstanden. »Ich will nicht weggehen,« rief
sie, »ich will hierbleiben und mit in Trinles Schule gehen. Gleich
schreib ich das an meinen Papa.«
»Tu das nur,« riet Laura, »da hast du etwas zu tun.« Sie dachte
bei sich, ehe der Brief ankommt, hat uns Frau van Bachhoven längst
fortgeholt. Bis dahin will ich mir aber doch noch dies närrische Nest
ansehen.
Alette war gerade mit ihrem Brief fertig, da kam Kasperle, seine neue
Freundin und Augustle zu besuchen, und der Vormittag verging rasch.
Laura hatte mit Auspacken und Einräumen zu tun und konnte nicht
einmal die Nase vor die Türe stecken; sie tröstete sich aber selbst:
Nachmittags gehen wir spazieren. Daran, daß man einfach ohne Hut und
Mantel auf die Gasse laufen könnte, dachte sie nicht, und sie erschrak
sehr, als sie von Frau Tippelmann hörte, Alette sei draußen.
»So, wie sie geht und steht?« rief Laura entrüstet. »Unsere Alette ist
ein vornehmes Mädchen, für die ist so etwas nicht.«
»Nun, solange die Amhags in der Löwengasse gewohnt haben, so lange
haben sie sich mit ihren Nachbarn gut vertragen. Warum soll das Kind
nicht draußen den Nachbarskindern guten Tag sagen? Es fällt ihm kein
Stein aus der Krone,« brummte Frau Tippelmann.
Laura gab sich nicht zufrieden, die lief hinaus, um Alette zu holen.
Als sie aus der Türe trat, dienerte nebenan vor seiner Ladentüre Herr
Häferlein und sagte höflich: »Schön guten Morgen! Gut geschlafen in der
Löwengasse?«
Laura fiel ihr Traum ein, und sie lachte. Da verneigte sich Herr
Häferlein gleich noch zweimal; ihm gefiel Laura sehr, wenn sie lachte,
er mochte überhaupt vergnügte Menschen gern leiden, und darüber vergaß
er ganz seinen kleinen schwarzen Namensvetter. Den hatte Alette auf dem
Arm, und die Grills standen drumrum, und alle miteinander lachten und
schwatzten, als wäre die Gasse eine Familienstube. »Aber Alette,« rief
Laura vorwurfsvoll, »du hast ja keinen Hut auf und keinen Mantel an,
komm doch herein!«
»Ich friere nicht,« rief Alette vergnügt, »es ist so hübsch draußen.«
»Aber das schickt sich nicht, so auf der Gasse zu stehen.«
Da fielen Alette ihres Großvaters Erzählungen ein, und sie antwortete
treuherzig: »Laura, das schadet nichts, Großvater hat auch immer auf
der Löwengasse gespielt, und da hatte sein Papa gewiß nichts dagegen.«
»Da hat das kleine Fräulein Amhag schon recht,« sagte Herr Häferlein.
»Unsere Breitenwerter Gäßle sind keine solchen wüsten, lauten Straßen,
wie man sie in Berlin hat. Na, und namentlich das Löwengäßle!«
»Was sagen Sie? Wüst, die Berliner Straßen?« Laura sah bitterböse aus.
»Ich bin nämlich aus Berlin,« rief sie gekränkt, »und habe davon nie
etwas gemerkt. Aber Sie vielleicht, waren Sie denn schon dort?«
Der gute Herr Häferlein war wirklich noch nie in Berlin gewesen, und
dies schien ihm auf einmal sehr beschämend. Vor lauter Verlegenheit
lief er geschwind in seinen Laden hinein, und Laura kehrte ebenfalls
in die Rose zurück. Mochte Alette draußen stehen, lange dauerte ihr
Aufenthalt in diesem schrecklichen Hause, in dieser schrecklichen Gasse
ohnehin nicht.
Alette war putzvergnügt. Die Grills erzählten ihr von der Schule,
August wurde bewundert, und dann verabredeten sie sich miteinander,
sie wollten am Nachmittag nach der Schule noch ein Weilchen zusammen
spielen. Alette sollte zu den Grills kommen, und die wollten ihr das
Haus zeigen. »Bei uns tut's fein rieche!« versicherte Trinle.
»Ja,« wisperte Kasperle, »Herr Baldan sagt immer, wie lauter
Bauchwehtröpfle.«
Alette lachte hell auf, und weil Lachen ansteckt, fielen die Grills
jubelnd ein. Die Gasse hallte wider von dem frohen Lachen, nur allein
Herr Baldan schaute drüben griesgrämig drein. Ihn bedrückte noch der
Ärger mit Herrn Häferlein. Der hätte seiner Meinung nach an diesem
Morgen zu ihm kommen müssen, aber er war nicht gekommen.
»Der Lärm auf der Gasse wird immer ärger,« grollte er.
Dafür war es am Nachmittag recht still. Es war Schulnachmittag, und die
sonnige Gasse lag wie eingeschlafen da. Als es halb vier Uhr schlug,
tat sich das Haus zur Rose auf, und Alette spazierte fein angetan
heraus. Laura folgte ihr, ganz wie ein feines Fräulein gekleidet. Frau
Grill hatte hinübergeschickt und Alette einladen lassen, mit drüben
zu vespern, wenn die Kinder aus der Schule heimkämen. Laura hatte ein
sehr schönes Kleid herausgesucht und den Vorschlag gemacht, sie wollten
beide noch einmal die Löwengasse auf und ab gehen. »Man muß doch
wissen, wo man wohnt,« meinte sie.
Beide gingen bis zum Obermarkt hinauf, wo sie sich eine schöne alte
Kirche und das wirklich prächtige Rathaus ansahen. Der ganze Platz
gefiel ihnen ungemein, und Laura erklärte, er sei viel zu schön für
Breitenwert.
»Sieh mal da!« rief Alette. »Von dem Brunnen mit dem steinernen Männle
hat mir der Großvater erzählt, und auf dem Untermarkt muß einer mit
einem Löwen stehen. Komm geschwind, wir wollen ihn mal ansehen.«
Sie wanderten beide die Löwengasse hinab, und just als sie am Silbernen
Stern anlangten, kamen zwei Buben in allerhöchster Eile angerast. Die
verschwanden im Torweg des Gasthauses, und Alette Amhag sah ihnen
neugierig nach. »Das waren die Sternbübles,« sagte sie. Ihre neuen
Freunde hatten ihr schon von denen erzählt.
Ein paar Minuten später kamen die Sternbuben wieder zum Hause heraus,
diesmal ohne Schultaschen, jeder mit einem dicken Butterbrot bewaffnet.
Sie schmausten und schritten dabei ganz, ganz langsam die Gasse hinauf,
und dabei kamen Laura und Alette an ihnen vorbei, denn Alette eilte
nun, um die Grills nicht zu verpassen.
Trapp, trapp! kam da plötzlich eine Anzahl Buben die Gasse entlang,
sehr eilig, als fürchteten sie, etwas zu versäumen.
Bei ihrem Anblick witschten die Sternbuben eilig in den Torweg eines
Hauses, das neben der Apotheke lag. Ein altes Ehepaar wohnte darin,
selten ging jemand aus und ein, und Peter und Mathes konnten sich
ungestört in dem Flur aufhalten.
Trapp, trapp! kamen vom Obermarkt her andere Buben gelaufen, dann ging
es klipp, klapp, klipp, klapp! ein neuer Trupp erschien; da waren aber
auch Mädel dabei.
»Die vielen Kinder! Lieber Himmel, gehören die alle in die Löwengasse?«
rief Laura. »Je, da kommt eine ganze Masse! Warum kommen die nur alle
hierher?«
Trapp, trapp, klipp, klapp! immer neue Trupps kamen, und alle sehr
eilig, alle sehr neugierig, und alle liefen sie auf Herrn Häferleins
Laden zu. Der Kaufmann arbeitete gerade in seinem Vorratsraume, der
merkte nichts, und der Gehilfe sah nur staunend immer mehr und mehr
Buben und Mädel sich vor dem Laden versammeln.
Die Grills kamen heim, und ihre erste Frage war, was los sei. Niemand
wußte es. Da und dort trat jemand aus seinem Hause und sah staunend
auf die immer wachsende Kinderschar. Auch Herr Baldan trat vor die
Apotheke. »Was soll das?« rief er zu den Kindern hinüber.
»Wir wollen ihn sehen,« brüllten sie zurück.
Tripp, trapp! kamen da in allerhöchster Eile noch vier Buben an, die
schrieen schon von weitem: »Ist er da?«
»Noch nicht!« tönte es zurück.
»Laßt uns durch, macht Platz!« Die zuletzt gekommen waren, versuchten
sich vorzudrängen. Das wollten die andern nicht dulden, sie drängten
und stießen einander, pufften sich, schrieen, schalten, drohten,
lachten; der Lärm wurde immer größer, und wenn die Erwachsenen fragten,
was los sei, dann brüllten alle so durcheinander, daß kein Wort zu
verstehen war.
Auf einmal schrie vorn ein langer Bube mit einer lustigen kleinen
Himmelfahrtsnase und strohblondem Haarschopf: »Jetzt kommt er,
aufgepaßt!«
»Hurra, hurra!« jauchzten viele.
»Wir sehen nichts, wir sehen nichts,« jammerten, die hinten standen.
»Nicht so drängen!« mahnten die vorderen.
»Sapperlot, Kinder, was soll der Mummenschanz?« rief der Bäckermeister
Hering, der die Löwengasse entlang kam.
»Man muß den Schutzmann holen,« drohte Herr Baldan.
»Jetzt kommt er, jetzt!«
Ein wahres Indianergebrüll entstand. In seiner Türe erschien Herr
Häferlein, aber nur einen Augenblick stand er da, dann segelten
plötzlich seine Beine in der Luft herum. Der Gehilfe schrie aus
Leibeskräften, die Kinder brüllten durcheinander, die hinten standen,
schrieen: »Wir wollen ihn auch sehen!« Die vorderen drängten zurück, es
sah wirklich gefährlich aus. Herr Grill, der, gestört von dem wüsten
Lärm, aus dem Hause trat, sprang erschrocken in das Getümmel hinein,
und der Bäckermeister folgte seinem Beispiel. Eins, zwei, drei, nahm
der ein paar der wildesten Schreier am Kragen und zerrte sie heraus;
Herr Grill holte ein paar Mädelchen aus dem Gedränge, und kaum sahen
das Veit und Steffen, als sie zur Hilfe heraneilten. Es gelang ihnen,
einen jämmerlich schreienden Knirps zu fassen, und als sie ihn hatten,
sahen sie erst, daß es Kasperle war.
Herr Baldan hatte so viel nach dem Schutzmann geschrieen, daß niemand
sich wunderte, als ein solcher mit langen Schritten vom Obermarkt
her kam. Der griff auch noch zu, nicht sanft, und schon sein Anblick
brachte manchen vorwitzigen Buben, manches ängstliche Mädel dazu,
lieber auszureißen. Vor Herrn Häferleins Laden lichtete sich das
Gedränge, und der arme Kaufmann erschien schreckensbleich, ganz
bestaubt, mit zerrissenem Rock in der Türe, ihn hatte die wilde Horde
einfach über den Haufen gerannt, und wenn sich sein Gehilfe nicht
dazwischengeworfen hätte, dann wäre es ihm wohl übel ergangen.
»Ich weiß nicht, was dieser Bande, diesen Räubern einfällt!« rief er
kläglich. »Mich haben sie sehen wollen, ja warum denn eigentlich?«
»Noi,« rief ein dicker, stämmiger Bube, der noch immer vor dem Laden
stand. »Sie wollten wir nicht sehen, das Äffle!«
»Das Augustle!« schrieen ein paar von hinten.
»Dummes Volk,« schalt Herr Häferlein, »ich hab' doch keinen Affen, ich
doch nicht! Wer hat denn das gesagt?«
»Der Heinrich!«
»Schulzens Emil!«
»Fritzele! Paule! Liesle! Eisendrehers Mariele! Bärble Husch! Nandle!
Moritzle! Wagners Dicker!« So rief es durcheinander. Jeder wußte jemand
anders zu nennen, und da die Genannten meist mit dastanden, riefen die
entrüstet wieder einen Namen und behaupteten, der oder die hätte es
gesagt.
»Was denn, zum Donnerwetter!«
»Heute nachmittag würde Herrn Häferleins Äffle auf dem Gäßle tanzen.«
»Das ist frech, ganz frech, ein Schabernack!« schrie Herr
Häferlein aufgebracht. »Wer ...,« er stockte. Drüben im Flur des
gegenüberliegenden Hauses hatte er zwei lachende unnütze Bubengesichter
erblickt, die Sternbuben. »Na wartet,« dachte er, »euch werd' ich mal
befragen, ihr werdet schon etwas wissen.«
Und während der Schutzmann, Herr Grill und der Bäckermeister mit den
Kindern verhandelten, tat er ein paar lange Sprünge, sprang an Fräulein
Laura vorbei, die erschrocken zurückwich, wutschte in den Hausflur
hinein und packte die beiden, ehe die noch begriffen hatten, daß die
Sprünge, die ihnen so viel Spaß machten, ihnen galten.
»Kommt ihr mal mit!«
Die Sternbuben brachen in ein wildes Geheul aus, und jäh verstummte
darüber aller andere Lärm auf der Gasse.
»Die Sternbübles!« wisperte und raunte es da und dort, und ein paar
Stimmen wurden laut: »Mir hat's Mathes gesagt, mir Peterle!«
»Hab' ich mir gleich gedacht.« Herr Häferlein schleppte die beiden vor
seine Ladentüre, und sein Gehilfe, der auf die Sternbuben auch nicht
gut zu sprechen war, half beim Festhalten. »Die sind's wohl gewesen?«
fragte er.
»Werden wir gleich wissen.« Herr Häferlein sah die beiden drohend an,
und der Schutzmann sah sie noch drohender an, und beide fragten in
einem fürchterlich strengen Ton: »Habt ihr es gesagt, daß hier heute
ein Affe gezeigt wird?«
»Nn« -- Peter druckste, aber Mathes stieß ihn an, da schwieg er.
Die Sternbuben waren nämlich ein paar heillose, unnütze Wildlinge, aber
eins taten sie nicht, sie logen nicht. Sie gingen wohl manchmal der
Wahrheit etwas aus dem Wege, aber eine richtige Lüge sagten sie nicht.
Sie senkten schuldbewußt die Köpfe, und im Kreise ringsum flüsterte und
raunte es: »Die kriegen Haue, na, das wird schlimm!«
Herr Häferlein machte ein sehr freundliches Gesicht; er sagte: »Kommt
einmal mit hinein, ihr könnt mal meinen netten Stock ansehen.«
»Nein, nein, huhuhu!« Die Bübles schrieen immer lauter vor Angst. Sie
schielten nach rechts, sie schielten nach links, -- kein Ausweg. Sie
mochten es wohl merken, ihre gefoppten Schulkameraden waren nicht
bereit, ihnen zu helfen. Ach, und so schlau hatten sie den Spaß,
dafür hielten sie es nämlich, eingeleitet! Sie hatten immer nur zu
einem heimlich von dem Affen in Herrn Häferleins Laden gesprochen und
immer gesagt: »Darfst zu niemand davon sprechen.« Natürlich hatte es
geschwind jeder weiter erzählt, aber daß so viele, viele herbeigelaufen
waren, wunderte die Sternbuben selbst. Die halbe Breitenwerter Jugend
stand in der Gasse, und vor allen sagte Herr Häferlein so gräßliche
Sachen. Die beiden heulten zum Steinerbarmen, und Alette Amhag, die
grenzenlos verwundert und recht ängstlich dem Spektakel auf der Gasse
zugeschaut hatte, fühlte tiefes Mitleid mit den ihr fremden Buben.
»Na, nur hereinspaziert,« sagte Herr Häferlein, »drinnen gibt's
Zuckerstengel!«
»Huhuhu,« jammerten die zwei, und da riß sich Alette jäh von Lauras
Hand los, bahnte sich aufgeregt einen Weg durch die lebendige Mauer und
rief Herrn Häferlein zitternd zu: »Nicht schlagen, so -- so böse haben
die's doch nicht gemeint; es war nur Spaß!«
»Ja, nur -- Spaaaaß,« heulten Mathes und Peterle.
Herr Häferlein sah verdutzt auf die liebliche Fürsprecherin. Die sah
ihn flehend und auch ein wenig drohend an, sie fand Herrn Häferlein in
diesem Augenblick gar nicht nett.
Laura auch nicht. Die eilte Alette zu Hilfe, stellte sich neben sie und
sagte kampfbereit: »So etwas, mit dem Stock drohen! Das nennen Sie wohl
nicht wüst, Herr -- Herr August? In Berlin käme das nicht vor, das kann
ich Ihnen versichern.«
Der freundliche Herr Häferlein erschrak. O je, die Fremden hielten
ihn wohl für einen rechten Wüterich, das war er doch nicht. Aber die
Sternbuben konnten wirklich den Geduldigsten in Zorn bringen. »Die
beiden haben Strafe verdient, sie sind zu unnütze Buben,« beteuerte er.
Da schluchzte Alette auf: »Nicht schlagen!« Und Laura rief erbost: »Sie
sind ein hartherziger, grausamer Mann. Wenn unser Alettchen bittet,
dann können Sie doch wirklich die Jungen laufen lassen. Wenn die zu
Ihnen kommen und einen Affen sehen wollen, ist das doch kein Unrecht.«
»Ich bin doch nicht hartherzig und grausam, und bei mir kann
niemand einen Affen sehen,« rief Herr Häferlein gekränkt, »aber
meinetwegen lauft!« Er ließ die beiden los, und unwillkürlich tat
sich zwischen den Zuschauern ein Gäßlein auf, da konnten die Schelme
hindurchschlüpfen, ohne Gruß und Dank -- weg waren sie.
Der arme Herr Häferlein hatte den Ärger gehabt, und einen Dank bekam
er auch nicht, denn Laura führte Alette fort; die wurde gleich von den
Grills in die Mitte genommen und wie ein richtiges Prinzeßchen in das
Haus zur Linde geführt.
Die Zuschauer verliefen sich, sie lachten nun doch über den Spaß. Auch
der Polizist ging von dannen, der Bäckermeister tat es auch, brummend
freilich, denn er hätte den Sternbuben eine tüchtige Strafe gegönnt,
und nur Herr Häferlein blieb vor seinem Laden stehen. Er war ganz
traurig. Hartherzig, grausam sollte er sein, bloß weil er die unnützen
Buben hatte strafen wollen. Er seufzte schwer; eine verkehrte Welt,
eine ganz verkehrte Welt, dachte er.
Da kam Fräulein Laura aus der Linde zurück. Sie blieb ein Weilchen
mitten auf der Gasse stehen, die lag noch halb in der Sonne, halb schon
im Schatten, die Rose aber stand auf der Sonnenseite. Eigentlich ist's
doch ein hübsches Haus, dachte Laura, sehr hübsch. Auf einmal sah
sie Herrn Häferlein vor seiner Türe stehen mit einem Gesicht wie ein
Novembertag. Dem gutmütigen Fräulein tat das leid. Sie trat rasch näher
und sagte freundlich: »Es war sehr nett von Ihnen, daß Sie die Buben
laufen ließen, Herr -- Herr --« Laura sah zu dem Ladenschild empor,
»ach, Sie heißen ja Häferlein, August ist nur Ihr Vorname.«
»Ja!« Der Kaufmann sah immer noch etwas gekränkt drein. »Eigentlich
ist's ein guter Name. Mein Vater hieß so und mein Großvater, aber
freilich, -- einen Affen habe ich noch nie August nennen hören.«
»Daran bin ich schuld,« antwortete Laura. »Als ich den Affen sah, mußte
ich lachen und sagte: ›Nein, so ein komischer August!‹ Dies hat Alette
so gefallen, daß sie das Tierchen dann August genannt hat. Ich will
ihr's aber sagen, sie soll es wieder Pussie nennen wie früher, solange
wir hier sind.«
Herrn Häferleins Gesicht wurde nun ganz hell, das letzte Restchen Groll
entwich daraus. Und weil er ein höflicher Mann war, verneigte er sich
und sagte wohl sechsmal: »Das ist zu nett, zu nett.«
Und als er mit aller Dienerei und Nettsagerei endlich fertig war,
klappte die Türe, Laura war in das Haus zur Rose eingetreten, und Herr
Häferlein stand wieder allein auf der Gasse.
[Illustration]
Sechstes Kapitel.
In der Linde.
Schnupperle begrüßt den Gast etwas seltsam, und Steffen schlägt
vor, in das Räuberschlößle zu gehen. Die Kinder erleben dort
wundersame Abenteuer. Herr Baldan spricht mit Herrn Häferlein,
und Herr Häferlein ist nicht zu sehen. Trinle Grill sagt, um
ein gutes Kleidle muß man sich grämen. Laura erscheint, muß
aber flüchten; sie wird böse und und wird wieder gut und lädt
zu Schokolade und Kuchen ein.
»Nun bist du endlich bei uns,« rief Trinle Grill, als Alette den
Hausflur betreten hatte.
»Ja, endlich,« rief Kasperle. Sie taten, als hätten sie mitsammen
schon zehn Jahre auf Alettes Besuch gewartet. Und just als wäre sie
schon seit zehn Jahren mit den Grills in Freundschaft verbunden, so
heimatlich, traulich, so zu Hause fühlte sich Alette Amhag gleich in
der Linde. Sie saß unter den andern am Familientisch und vergaß darüber
allen Gassenlärm, und sie lachte so herzhaft, wie sie noch wenig
gelacht hatte. Alles gefiel ihr, und selbst den Bauchwehtröpflegeruch
fand sie lieblich, und das Honigbrot schmeckte ihr wie selten etwas.
Nach der Schmauserei mußte sie das Haus sehen. Die Buben fanden dies
zwar überflüssig, aber Trinle entschied: »Sie muß doch wissen, wie's
bei uns ist!« Das war richtig, und alle fünf zogen sie treppauf,
treppab. In alle Stuben und Kammern schauten sie hinein, auch in die,
in denen eigentlich nichts zu sehen war. Ein paarmal verlangten die
Buben: »Mach Schluß!« Aber immer behauptete Alette: »Es gefällt mir.«
Und es gefiel ihr auch wirklich. Es war nämlich, als säße sie auf
einmal mitten drin in einer Geschichte ihres Großvaters. Breitenwert
und das Löwengäßle waren dem über alles gegangen, und die Linde stimmte
viel mehr in seine Erzählungen hinein als die Rose. Drüben war der
Hausrat neu, alles war still und kühl, aber hier war es so, wie es der
Großvater geschildert hatte.
Doch die Buben sagten endlich: »Nun ist's genug, jetzt gehen wir in den
Kaninchenstall und dann ins Räuberschlößle; da wirst du staunen, das
ist am feinsten!«
»Geht net, das darf sie net,« rief Trinle plötzlich.
»Hoho, Trinle, rappelt's bei dir, warum net?« riefen Veit und Steffen
entrüstet. »In unsern Kaninchenstall kann man einen König führen, warum
nicht Alette?«
Trinle schüttelte ihren Kopf, als wäre der ein Apfelbaum. »Geht net,
ihr Kleidle ist zu fein.«
Die Buben schauten betroffen das Kleid von oben bis unten an, liefen um
ihren Gast rund herum und sagten schließlich beide kleinlaut: »Seide
ist's.«
Und auf einmal fühlte Alette, wie die Blicke der vier Geschwister
staunend, ja ein wenig fremd und scheu auf ihr ruhten, und es war ihr,
als trenne sie das schöne Kleid wieder von den neuen Freunden. Sie
schluchzte auf und klagte. »Das dumme Kleid, ach, und ich will doch so
gern in den Kaninchenstall, so furchtbar gern!«
Der Wunsch war den Geschwistern begreiflich, aber das Kleid war doch
bedenklich. Sie selbst wurden gehalten, ihre Sachen gut zu schonen, und
Feiertagskleider paßten nicht für alle Spiele.
»Ich hab' doch noch so viele seidene Kleider!« jammerte Alette Amhag.
Sie tat dies in einem Ton, als verkünde sie, sie sei arm wie eine
Kirchenmaus.
»Viele?« rief Steffen. »Oh, wenn du noch viele hast, kannst du mit!«
Aber Trinle forschte erst vorsichtig: »Sag mal, wie viele, und trägst
du oft alltags so feine Kleidle?«
»Ja,« flüsterte Alette bedrückt, »ich habe drei Koffer voll.«
Da war auch Trinle beruhigt, und alle vier führten ihren Gast in den
Kaninchenstall, der in einem Hofwinkel lag, und in dem nicht allein
Kaninchen, sondern auch eine weiße Ziege wohnte. Die gehörte Veit
zu eigen, aber die andern taten meist, als gehöre ihnen die Ziege
ebenfalls, womit Veit nicht immer einverstanden war. Er war von ihrer
Klugheit und Schönheit entzückt und erzählte Alette gleich: »Sie ist
furchtbar klug; wenn man sie was fragt, antwortet sie. Paß mal auf!« Er
schrie die Ziege laut an: »Schnupperle, hast du Hunger?«
»Mmmäh!« machte die schläfrig.
»Siehst du, sie hat geantwortet!« erklärte der Eigentümer triumphierend.
»Was denn?« fragte Alette verdutzt
»Nein hat sie gesagt; das versteht doch jeder!« rief Veit. Das Lachen
der Geschwister ärgerte ihn, und er bat: »Sag, Schnupperle, kennst du
mich?«
»Mmmäh!« Die Ziege glotzte ihren kleinen Herrn dumm an, aber der
erklärte stolz: »Jetzt hat sie ›ja‹ gesagt.«
»Ich will sie auch was fragen,« sagte Alette eifrig. Sie trat neben die
Ziege und bat: »Sag mir, wie du heißt.«
»Mmmäh!« Schnupperle hielt den Kopf schief und schielte Alette von der
Seite an. Ob der Ziege das seidene Kleid so gut gefiel, oder ob sie dem
Gast besondere Höflichkeit erweisen wollte, verriet sie nicht, aber sie
sprang urplötzlich auf Alette zu. Die verlor das Gleichgewicht und
purzelte in das Stroh hinein, das auf dem Boden lag.
»Pfui, aber pfui, Schnupperle!« schalt Trinle. »Du bist dumm; Alette
hat doch ein seidenes Kleidle an!« Ängstlich half sie der Freundin
empor und strich ihr das Kleid zurecht. »So ein dummes Schnupperle!«
Alette sah etwas erschrocken aus, aber sie weinte nicht. Damit erntete
sie Veits Anerkennung. Der sagte: »Na, wenigstens flennst du net
gleich! Schnupperle wollte dir nämlich nur guten Tag sagen, so nett ist
das Tierle -- uff!«
Patsch, lag Veit im Stroh, und das liebenswürdige Schnupperle sah
aus, als wolle es dies sonderbare Spiel mit allen seinen Besuchern
fortsetzen.
Die hatten keine Lust dazu, und da die Kaninchen sich in allen Winkeln
verkrochen hatten, schlug Steffen vor: »Wir gehen ins Räuberschlößle,
das ist am allerfeinsten.«
»Räuberschlößle!« Alette riß ihre Augen weit auf. Das klang wie
finsterer Wald, wie Schreck und Grauen, klang gar nicht verlockend.
Doch die vier Geschwister erzählten alle auf einmal, ungeheuer schön
sei's und gar nicht graulich.
»Es sind nur manchmal 'n paar Mäusle drin, sonst nichts,« versicherte
Veit, und Steffen erzählte: »Herr Baldan sagt: es geistert, aber der
will uns nur schrecken.«
»Es hat einen Turm,« berichtete Trinle. »Johann freilich, unser
Gärtner, sagt, der fällt bald ein und die Decke auch, aber fein ist's
doch!«
»Und schmutzig auch nicht,« schwätzte Kasperle. »Nur Berta nennt mich
immer Dreckbartele, der aus dem Schmierwinkele kommt.«
Da ging denn Alette neugierig mit, um dieses seltsame Wunderwerk zu
schauen. Sie dachte es sich groß und düster, fürchtete sich heimlich
ein wenig und blieb dann höchst verdutzt vor einem kleinen Gartenhaus
stehen, das einen lächerlich kurzen, dicken Turm hatte. Das ganze Ding
sah aus, als hätte beim Bauen einer aus Versehen den Turm wo anders
hergenommen.
»Gelt, fein ist's!« rief Steffen und stieß die Türe auf, die schon
etwas morsch war. Drinnen standen Gartengeräte, ein paar Stühle und
Tische, die offenbar hier überwintert hatten. Eine blitzeblaue Tapete
bedeckte die Wände, und an der Seite führte eine altersschwache
Holztreppe zum Turm hinauf.
»Dort oben ist's am schönsten, dort sitzen wir immer, wenn wir Ritter
und Räuber spielen,« erklärte Veit mit stolzer Handbewegung. »So gut
spielt sich's nirgends wie hier.«
»Aber,« klagte Kasperle, »allweil muß ich 's Prinzeßle sein; Trinle
will net.«
»Ich bin Räuber,« rief Trinle kühn; »weißt, Alette, du kannst
fein Prinzessin sein, und ich raube dich und verstecke dich im
Kaninchenstall oder im Kartoffelkeller, und die Buben befreien dich.«
»Ja, wir sind zusammen Prinzeßle,« bettelte Kasperle, und seine
kleine, dicke Hand legte sich in die der Freundin. Da erschien der
der Kaninchenstall und der Keller nicht mehr so furchtbar; mit dem
Kasperle zusammen hielt sie es dort wohl aus. Und sie stieg auch ganz
tapfer mit den Geschwistern die wackelige Treppe empor und überschaute
von dort aus das Gewirr von Gärten und Höfen, das sich unter dem
Turm ausbreitete. Über den Büschen lagen grüne Schleier, die Bäume
schimmerten rötlich, alles erzählte vom Frühling, der bald kommen würde.
»Die Störche sind schon da,« rief Trinle froh, und Kasperle tat gleich
seinen Mund auf und sang den Heimgekehrten jubelnd zu:
»Storch, Storch, Steiner,
Mit den langen Beiner,
Flieg mir in das Bäckerhaus,
Hol mir einen Weck heraus.
Ist der Storch nicht ein schönes Tier,
Hat 'nen langen Schnabel und säuft kein Bier?«
[Illustration]
Alette Amhag hatte noch nie einen Storch gesehen, sie hatte noch nie
mit Gesang einen Vogel begrüßt und sich so auf den Frühling gefreut,
wie es die Grills taten.
Die zeigten ihr das runde Nest auf einem spitzgegiebelten Haus und
erzählten ihr von kommenden Sonnentagen, von ihren Gartenspielen und
den Festen, denn alle vier waren Sommerkinder und feierten darum so
viele Sommerfeste.
Über dem Schwatzen vergaßen alle ein wenig die Zeit. Plötzlich duckte
sich Veit und sagte rasch: »Kauert euch zusammen, unten geht Herr
Baldan.«
Der Provisor konnte das Räuberschlößle nicht leiden. Er sagte immer, es
sei zu baufällig, behauptete, es könnte einfallen, und wenn er darum
die Kinder drinnen traf, schalt er und trieb sie hinaus.
Denen gefiel das nicht. Sie huschelten sich geschwinde zusammen, und
Veit legte sich platt auf den Boden, um ein wenig hinabsehen zu können.
Trinle vertraute Alette flüsternd an, warum sie sich vor Herrn Baldan
versteckten, bis Veit ihr zuraunte: »Still doch, er kommt!«
Unten knarrte die Türe, und der Eintretende brummte: »Schon wieder
nicht verschlossen!« Herr Baldan hatte die Eigenschaft, laut mit sich
selbst zu reden, zumal wenn er sich über irgend etwas oder irgend
jemand geärgert hatte. Da dies oft vorkam, mußte er viel mit sich
reden. Dazu suchte er gern das Räuberschlößle auf und ärgerte sich,
wenn er die Kinder darin fand.
An diesem Tage galt sein Groll noch immer Herrn Häferlein, und da er
um diese Stunde gerade wenig zu tun hatte, suchte er das Gartenhaus
auf und schritt nun in dem kleinen Raum aufgeregt hin und her. »Herr
Häferlein, das war nicht nett von Ihnen,« schrie er plötzlich, und die
Kinder im Turmstübchen erschraken.