Druck: Chr. Verlagshaus, G. m. b. H., Stuttgart

[Illustration]

Erstes Kapitel.

Einzug.

Frau Tippelmann putzt den Türknauf und seufzt dabei. Herr

Häferlein will Kaffee trinken, er wird aber darin gestört, und

die ganze Löwengasse verwundert sich. Frau von Bachhoven nennt

das Haus zur Rose einen Ziegenstall, aber Alette Amhag geht

froh hinein.

»Schön guten Morgen, Frau Tippelmann, auch schon fleißig? Heute kommen

wohl Ihre neuen Hausbewohner an?«

Der Kaufmann Häferlein in der Löwengasse von Breitenwert, der soeben

seinen Laden aufgeschlossen hatte, nickte freundlich zu seiner

Nachbarin hinüber, und da diese keine Antwort gab, redete er weiter:

»Ein schöner Morgen heute, nur etwas kühl!«

»Hm,« knurrte Frau Tippelmann, mehr sagte sie nicht, aber ihren

Nachbar verdroß das auch nicht weiter; der war an diese Schweigsamkeit

schon gewöhnt. Er zog den Rolladen seines kleinen Schaufensters

hoch, wischte mit einem großen Tuch die Scheiben ab und sprach dabei

vergnügt, als wäre es für ihn eine besondere Freude: »Sie werden recht

froh sein, Frau Nachbarin, daß Sie nun nicht mehr den lieben langen Tag

allein in dem großen Hause sitzen müssen; gelt, gut ist das Alleinsein

nicht?«

»Hm, hm.« Frau Tippelmann putzte den dicken Messingknauf an der schön

geschnitzten alten Haustüre blanker als blank, dabei tat sie einen

kellertiefen Seufzer, der gar nicht nach Freude klang.

»O du lieber Himmel,« rief Herr Häferlein mitleidig, »Frau Tippelmann,

Sie freuen sich wohl nicht einmal? Dabei sind's doch Verwandte von

Ihnen!«

»Von Adam und Eva her, freilich!« Die große, stattliche Frau sah

so griesgrämig drein, als sie dies sagte, daß der freundliche Herr

Häferlein, der mit jedem Pfennigkunden sich etwas erzählte, die Lust zu

weiterer Unterhaltung verlor. »Ich muß nun hineingehen,« erklärte er,

»es ist arg kalt, und warmer Kaffee wird mir gut tun. Sie sollten auch

eine Tasse trinken, Frau Nachbarin, frieren Sie nicht?«

»Bewahre, aber Märzenluft und Aprilenwind schaden manchem Mutterkind!«

Der Kaufmann ärgerte sich über das Spottwort; er klappte laut seine

Ladentüre zu, und Frau Tippelmann stand allein auf der Gasse. Die Frau

ließ ihren Putzlappen sinken. Der Knauf war wirklich blank genug, und

nachdenklich sah sie das Sträßlein entlang. Das verband den Ober- und

Untermarkt miteinander und hatte kaum ein Dutzend Häuser. Die standen

schon alle hundert Jahre und mehr an ihrem Platz, aber nicht in Reih

und Glied wie Soldaten; eins stand bescheiden zurück, eins hatte sich

vorgedrängt, eins hatte einen hohen, spitzen Giebel, das andere wieder

ein breites Dach mit lustigen Dachaugen, kurz jedes Haus sah anders

aus. Das schönste aber war das, an dem Frau Tippelmann soeben den

Türknauf geputzt hatte. Die Rose wurde es genannt. Steinerne Rosen

zierten die Fenstersimse; davon trug das Haus seit etlichen hundert

Jahren seinen Namen. Frau Tippelmann war in dem Hause geboren, sie

hatte immer darin gewohnt, ihr Mann war mit hineingezogen, er war darin

gestorben, und nun lebte sie schon zwölf Jahre mutterseelenallein

in dem alten Hause. Einst hatte es ihren Urgroßeltern gehört, doch

die waren arm geworden in der Franzosenzeit, ihre Kinder hatten das

Familienhaus der Amhags verkaufen müssen, und sie waren allmählich

von Breitenwert weggezogen in die weite Welt hinaus, eins hierhin,

das andere dahin. Nur Frau Tippelmanns Großvater war in der Heimat

geblieben. Im alten Familienhaus hatte er zuletzt im Erdgeschoß

als Mieter gewohnt, ein stiller, fleißiger Mann, freilich nur ein

Schreiber, und sein Sohn war auch nur ein Schreiber gewesen, und dessen

einzige Tochter hatte wieder einen Schreiber geheiratet, und so war

aus Rose Amhag Frau Rosalie Tippelmann geworden.

Im Laufe der Zeit hatte das alte Haus zur Rose mehrfach die Besitzer

gewechselt. Zuletzt, vor etwa zehn Jahren, hatte es wieder ein Amhag

gekauft, einer, der im fernen Indien zu großem Reichtum gelangt war.

Die Leute in Breitenwert meinten, wenn einer ein Haus kauft, dann muß

er auch kommen und darin wohnen, aber der neue Rosenbesitzer tat das

nicht. Der ließ durch ein hauptstädtisches Geschäft ein paar Zimmer mit

schönem Hausrat füllen. Frau Tippelmann übernahm die Sorge dafür, und

dann warteten sie und Breitenwert von Jahr zu Jahr auf Herrn Amhag, bis

sie ihn fast vergaßen.

Jetzt auf einmal hatte er geschrieben, seine Schwägerin und seine

Tochter würden kommen und einen Sommer lang in der Rose wohnen.

Obgleich nirgends ein Stäubchen lag, hatte Frau Tippelmann geschwind

das Haus von oben bis unten gefegt und gescheuert, und an diesem

Märzmorgen hatte sie zum allerletzten Male den Türknauf geputzt. Heute

sollten die neuen Bewohner kommen.

An das alles dachte Frau Tippelmann, als sie so auf der Löwengasse

stand, und sie merkte es wirklich nicht, daß es trotz des blauen

Himmels recht kalt war. Ja, sie hätte wohl noch eine Weile so vor

sich hingeträumt, wenn nicht im gegenüberliegenden Hause die Türe

jäh aufgerissen worden wäre. Krach, ging es, bums, und drei Kinder,

zwei Buben und ein Mädel, stürzten, sprangen, hopsten und purzelten

auf die Gasse; sie taten das eigentlich alles auf einmal, und ein paar

Augenblicke gab es ein solches Durcheinander von Armen und Beinen, daß

selbst Frau Tippelmann, die den Auszug der Nachbarkinder schon oft

gesehen hatte, erschrak.

»Die Grillschen,« brummte sie. »Weiß der Himmel, die gehen auch am

Nimmermehrstag einmal ordentlich zur Schule!«

»Hallo, hallo!« kreischten die drei drüben. In dem Haus öffnete sich

schon ein Fenster, und eine sanfte Stimme rief: »Buben, Gundele, seid

net so laut, ihr treibt's auch gar so arg!«

»Hallo, hallo!« schrie es plötzlich am unteren Gassenende.

»Die Sternbuben!«

»Die Lindenaffen!«

»Hallo, hallo!«

Zwei Büblein kamen die Gasse herauf, die Grillschen stürzten ihnen

entgegen, und, klitsch, klatsch, ritsch, ratsch, lagen sich alle fünf

in den Haaren. Die Gasse widerhallte von Lärm und Geschrei.

Da und dort guckte jemand zum Fenster heraus. Frau Tippelmann schalt,

der freundliche Herr Häferlein trat mit seiner Kaffeetasse in der Hand

erschrocken vor seinen Laden, und aus der Lindenapotheke, nach der das

Grillsche Haus den Namen »Zur Linde« führte, stürzte ein kleiner Herr

heraus. Der nahm geschwind zwei Buben bei den Kragen, und auf einmal

waren die feindlichen Parteien getrennt. »Wollt ihr wohl Ruhe halten,

marsch in die Schule miteinander, marsch, marsch!«

»Die Sternbuben haben angefangen!«

»Die Lindenaffen ...«

»Hoho, so frech!«

»Tutututut!«

Ein Auto! Aller Streit verstummte jäh, und im höchsten Erstaunen

starrten alle miteinander dem seltenen Gefährt entgegen, denn das

war um diese Morgenstunde in der Löwengasse von Breitenwert ein so

ungewöhnliches Ding, wie es ein Papagei im Sperlingsnest ist.

Stopp, hielt das Gefährt an.

»Heda, Jungens, in der Gasse hier soll ein Haus zur Rose stehen, wo ist

das denn?« rief der Wagenlenker den Kindern zu.

Die Buben, die sich soeben noch wütend gestritten hatten, lachten hell

auf, denn daß einer nach einem Hause fragt, vor dem er steht, erschien

ihnen höchst sonderbar. Nur der höfliche Herr Häferlein zeigte, daß

gute Lebensart auch in der Löwengasse zu finden war; er verneigte sich

tief, trat an den Wagen und sagte lächelnd: »Mit Verlaub, da steht

Ihnen die Rose vor der Nase, und vor der Rose steht Frau Tippelmann,

und gewiß sind die Herrschaften die neuen Bewohner. Ich hoffe auf die

allerwerteste Kundschaft, habe gerade frische Heringe bekommen, und

mein Kaffee ist ausgezeichnet und ...«

»Quatschkopf!« schrie von innen eine rauhe Stimme.

»O du lieber Himmel!« Der höfliche Kaufmann prallte entsetzt zurück.

»Frau Tippelmann,« stöhnte er, »da drinnen sitzt 'ne Schwarze!«

»Wer sitzt da drinnen, wie nennt man mich?« Die Wagentür flog auf, und

heraus stieg eine sehr stattlich angetane, sehr dicke Dame. In ihren

Ohren, an ihrer Brust und ihren Händen funkelten und blitzten große

Diamanten, ein von Federn umwallter Hut saß ihr auf dem Kopf, und bei

jeder Bewegung knisterte und rauschte die Seide ihrer Gewänder.

»Fein,« sagte eine Magd, die eigentlich zu Herrn Häferlein wollte, aber

nun auf der Gasse stehen geblieben war, »fein, aber schwarz ist sie

wirklich!«

»Eine Schwarze!« brüllten die Sternbuben, »wirklich, eine Schwarze!«

Das schien die Dame sehr übel zu nehmen, sie fauchte die arme Frau

Tippelmann, die noch kein Wort gesagt hatte, zornig an: »Was ist

das für ein Empfang, und was will dieser Mann da?« Sie deutete mit

einem Schirm auf Herrn Häferlein, der sich vor Schreck gleich dreimal

verbeugte. Die Fremde achtete nicht darauf, sie musterte das Haus von

oben bis unten und sagte verächtlich: »Dieser alte Ziegenstall da soll

doch nicht etwa Herrn Amhags Villa sein?«

Ein Ziegenstall, das schöne alte Rosenhaus!

Herr Häferlein, der schon manchem Fremden über das schöne Haus Auskunft

gegeben hatte, blickte entsetzt zu der schwärzlichen Dame empor. »Das

wird ja eine angenehme Nachbarin werden!« murmelte er.

»Starren Sie mich nicht so an, Sie da!« rief diese. »Ich bin nicht

schwarz, ich bin weiß, weiß!«

»Alle Wetter, wenn sie weiß ist, dann ist mein Kakao gewiß Weizenmehl!«

flüsterte der Kaufmann. Er wollte gerade die Flucht ergreifen, denn die

Dame wurde ihm ungemütlich, als ihm ziemlich unsanft eine Hutschachtel

an den Magen sauste. »Sie da, guter Mann, helfen Sie mir mal!« rief aus

dem Wagen heraus eine hohe, dünne Stimme. »Ich steig jetzt aus. Das

Haus wird es schon sein, wenn es auch eine alte Rumpelbude ist.«

Schwuppdiwupp! kam eine zweite Hutschachtel aus dem Wagen, eine

Schirmrolle folgte, ein Handkoffer rasselte nach, und Herr Häferlein

wußte nicht, wo er zuerst anfassen sollte. Zuletzt hüpfte ein sehr

zierlich gekleidetes Fräulein aus dem Wagen, das nun wirklich weiß

und, wie Herr Häferlein fand, sehr hübsch war. Ihr nach sprang ein

kleines schwarzbraunes Tier, das von der Löwengasse, soweit sie nämlich

zweibeinig den Kraftwagen umstand, mit dem lauten Zuruf begrüßt wurde:

»Ein Affe, ein Affe!«

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»Narren und Affen alles begaffen,« brummte Frau Tippelmann, der zur

rechten Zeit eins ihrer geliebten Sprichwörter einfiel. Damit hatte sie

sogleich ihre Verwirrung über die unerwartete Ankunft der seltsamen

Gäste überwunden. Sie knickste höflich vor der schwärzlichen Dame und

sagte: »Das ist wirklich Herrn Amhags Haus, und die gnädige Frau ist

gewiß Herrn Amhags Schwägerin mit Fräulein Tochter.«

»Das bin ich gewiß nicht! Ich bin Frau van Bachhoven, und wenn hier in

dem jämmerlichen Nest jemand ein Fünkchen Verstand hätte, dann wüßte

er, was das bedeutet. Bachhoven, Kaffeegroßhandlung; den Kaffee von

Bachhoven kennt die ganze Welt.«

»Herrjemine, die Schwarze heißt Backofen!« brüllte eine sehr, sehr

unnütz klingende Bubenstimme, und »Backofen, Backofen!« schrie eine

zweite.

»Die Sternbuben sind frech,« sagten die Grillschen Kinder, aber sie

lachten doch, und in das Lachen stimmten noch etliche Zuschauer ein,

und von irgendwoher lachte ein harfenzartes Stimmchen mit.

Da stand die reiche Frau Juana van Bachhoven auf der Löwengasse und

wurde ausgelacht, sie, die man sonst wie eine Fürstin behandelte um des

goldenen Reichtums willen. Unerhört, ganz unerhört!

»Steig aus, Alette!« rief sie böse in den Wagen hinein. »Wenn du aber

nicht hierbleiben willst, nehme ich dich gleich wieder mit. So ein

abscheuliches Nest!«

»Ich bleibe hier,« klang es zurück. Und hurtig, flink und zierlich

kletterte ein Mädelchen aus dem Wagen, ein schlankes, feines Dinglein,

das sich halb froh, halb scheu umsah. Sie blickte zu dem Hause hinauf,

sah Frau Tippelmann an und streckte ihr zutraulich das Händchen

hin. »Ich heiße Alette Amhag, und mein Papa hat gesagt, ich soll

hierbleiben, bis er zu mir kommt. Und Laura bleibt auch und August --

-- ach, wo ist denn August?«

»Zu dienen, hier bin ich!« Herzlich verdutzt über die vertrauliche

Anrede verbeugte sich Herr August Häferlein; er glaubte, der Ruf hätte

ihm gegolten.

»Sie meint den Affen,« rief der Fahrer grinsend.

»Der Affe heißt August? Das ist eine Beleidigung!« schrie Herr

Häferlein entrüstet.

Jubelndes Lachen brauste ringsum auf, und selbst Frau Juana van

Bachhoven lächelte ein ganz, ganz klein wenig. Alette Amhag aber

lachte; wie hundert Schellenglöckchen zusammen klang es.

Turm- und Schuluhren sind manchmal entschieden boshaft, das ist schon

wahr. Sie erheben ihre Stimmen oft zu sehr unpassender Zeit, und die

Breitenwerter Uhren waren nicht besser als ihre Schwestern rings im

Lande.

Bimbam! schlugen sie los, und alle Kinderherzen auf der Löwengasse

erschraken, in alle Kinderbeine fuhr die Eile. Sogar die Schulranzen

fingen an zu zittern und zu zappeln. Himmel, schon acht Uhr! Die Schule

begann, und sie standen noch hier auf der Gasse! Zum Überfluß schalten

auch noch die Erwachsenen: »Schulzeit! Geschwinde, geschwinde, heute

kommt ihr aber zu spät!«

Die drei Grillschen rasten jetzt davon. Die Sternbuben zögerten noch

einen Augenblick; sie hätten zu gern gesehen, was nun weiter wurde mit

dem Affen und der schwarzen Dame. Aber das Bimbam dröhnte ihnen zu hart

in die Ohren, sie rannten auch davon. Klippklapp, klippklapp! Ihre

Schultaschen flogen, ihre Beine schlugen beinahe am eigenen Rücken an,

und den Eiligen nach tönte wieder das Glöckchenlachen. Alette Amhag

fand in diesem Augenblick die Löwengasse wunderhübsch.

Sonderbar, sehr sonderbar! Frau Juana van Bachhoven schüttelte erstaunt

den Kopf. »Verrückt, so eine kleine deutsche Stadt!« sagte sie.

»Alette, willst du wirklich hierbleiben? Komm mit mir nach Paris, ich

schreibe es deinem Vater; hier gefällt es dir doch nicht!«

»Doch, hier gefällt es mir!« Das kleine Mädchen sah ernsthaft zu dem

alten Rosenhaus empor, in dem schon so viele Amhags gewohnt hatten. Der

Großvater hatte ihr davon erzählt, der immer so viel Sehnsucht nach

der deutschen Heimat gehabt hatte, die er nur als Knabe gesehen. »Ich

will hierbleiben,« sagte sie noch einmal und legte ihre kleine Hand

zutraulich in Frau Tippelmanns rauhe Rechte. Der war dies ungewohnt,

aber sie hielt doch die kleine Hand ganz fest, und ihre Stimme klang

seltsam milde, als sie sagte, so leise freilich, daß nur Alette es

hörte: »Gott segne deinen Eingang in deiner Vorfahren Haus!«

Sie traten ein, und hinter ihnen her trug Laura, die Zofe, ein paar

Schachteln ins Haus. »Gibt's denn hier keinen Diener, der hilft?«

stöhnte sie. »Reisten wir nur erst wieder ab, in Paris war's viel, viel

besser!«

Von der Abreise sprach auch Frau van Bachhoven. Sie unterhandelte mit

dem Fahrer, er solle sie in einer Stunde abholen, länger bliebe sie

nicht. Sie sah mit bösen Augen die Gasse entlang, und den allerbösesten

Blick bekam der arme Herr Häferlein, der doch nur vor seinem Laden

stand. »Schrecklich ist das hier,« murrte die schwärzliche Dame, und

innen im Haus sagte sie erst recht: »Schrecklich!« Der weißgetünchte

gewölbte Flur, von dem aus eine gewundene Treppe in die oberen

Stockwerke führte, mißfiel ihr gründlich, ebenso mißfielen ihr die

Zimmer, und am allermeisten schien ihr Frau Tippelmann zu mißfallen,

obgleich die kaum ein Wort redete. Sie herrschte die an: »Ist denn kein

Diener, kein Mädchen da?«

»Ich bin da!« Frau Tippelmann sah grenzenlos erstaunt drein. »Für die

Kleine genügt es doch, wenn ich da bin und das Mädchen!«

»Schnippschnapp, ich bin kein Mädchen, ich bin ein Fräulein!«

unterbrach sie Fräulein Laura. »Für ein paar Tage mag es gehen, aber

sonst -- ein Fräulein Amhag braucht Dienerschaft.«

»Ein Fräulein Amhag kann überhaupt nicht lange in diesem Hause wohnen,«

erklärte Frau van Bachhoven. »Unmöglich, ganz unmöglich ist's!«

»Ich bleibe, ich bleibe, ich bleibe,« sang Alette Amhag leise vor sich

hin und lief froh die Treppe empor.

Zweites Kapitel.

Die Auguste streiten sich.

Warum Trinle Grill auf dem Kirchentrepple gesessen hat und

Herr Baldan sich ärgert. Kasperle denkt, er bekommt einen

Zuckerstengel, aber Herr Häferlein wird auch böse. Fräulein

Laura sieht sich die Löwengasse an.

Die Löwengäßler, wie die Kinder der Löwengasse nach Breitenwerter

Sprachgebrauch genannt wurden, erlebten an diesem Vormittag wenig

Freude in der Schule. Aber freilich, ihre Lehrer erlebten auch keine

Freude an ihnen. Schon das Zuspätkommen! Mit einem Tadel fängt es sich

nicht gut an, und einen Tadel erhielten sie alle. Den Fleißigen wie den

Faulen entwischten immerzu die Gedanken; die Fremden in der Löwengasse,

die schwärzliche Dame, der Affe August und nicht zuletzt Alette Amhag

drängten sich in alle Stunden hinein. Ob sie noch da waren, wenn sie

heimkamen, oder wirklich wieder abreisten?

Wenn sie nur August daließen! dachte Mathes Hinz, der älteste der

Sternbuben, und gerade da sollte er eine Antwort geben und wußte sie

nicht.

Die Sternbuben -- sie wurden so nach dem Wirtshaus ihrer Mutter, dem

Silbernen Stern, genannt -- grämten sich nicht viel um den schlechten

Schultag; sie waren ausgemachte Faulpelze. Aber den drei Grills, Veit,

Trinle und Steffen, denen tat es leid, denn sie waren drei Fleißlinge,

und ihre Wildheit, ihre Lust an Lärm und dummen Streichen, die ließen

sie meist zu Hause, wenn sie in die Schule gingen.

An diesem Vormittag aber traf die Grillschen und die Sternbuben fast

alle das gleiche Schicksal: sie mußten nachsitzen.

Die Sternbuben nahmen das gelassen hin; sie waren daran gewöhnt, und

zu Hause merkte es kaum jemand. Die Grillschen aber grämten sich, und

alle drei kamen sie wie die begossenen Pudelchen heim. Am heftigsten

bekümmerte sich Trinle um das Nachsitzen, und sie war es auch, die

unter bitterlichem Schluchzen der Mutter das schlimme Geschehen

beichtete.

In der Wohnstube geschah es. Das war ein großes, helles Zimmer mit

einem weit vorspringenden Erker, von dem aus man die ganze Löwengasse

hinauf- und hinabsehen konnte. In dem Zimmer stand noch viel Hausrat

aus Großmutterszeiten, denn die Grills, die nun schon über hundert

Jahre in dem Hause wohnten, wußten das Alte wohl zu schätzen.

Frau Grill war eine sehr sanfte, stille Frau, sie schalt nie viel, aber

ihre Kinder folgten ihr gut. Wenn die Mutter sie traurig, vorwurfsvoll

ansah, dann bekümmerte sie das sehr, und als in dieser Beichtstunde die

Mutter betrübt fragte: »Nachsitzen mußtet ihr, aber warum?« wären sie

alle drei am liebsten in ein Mauseloch geschlüpft vor Scham.

Trinle heulte herzzerreißend. »Sei nicht böse, sei nicht böse,« flehte

sie.

Veit und Steffen standen mit gesenkten Köpfen da, und der Jüngste

im Hause, Kasperle, zog auch schon einen bedenklich schiefen Mund,

obgleich er mit dem Nachsitzen noch nichts zu tun hatte; er war erst

fünf Jahre alt.

»Nun erzählt mal; wie war es?«

»Ja, das möchte ich auch hören!«

In der Türe stand Herr Apotheker Grill, der unvermutet eingetreten

war. Er sah aus, als wäre er bitterböse, in seinen blauen Augen lag

aber doch so ein lustiges Blinken, daß Trinle ein wenig aufatmete und

stockend berichtete: »Es sind alle so spät gekommen, weil -- weil ...«

»Sie drüben eingezogen sind,« vollendete Veit.

»Ja, so war's! Und dann hat Veitle im Latein nichts gewußt und --

und ...«

»Aus Versehen in der Geschichte das Tintengläsle umgeschmissen,« sagte

der Bruder dumpf.

»Ja, so war's!« schluchzte Trinle schmerzlich. »Und Steffle hat in der

Geographie bloß -- Asien -- Asien ...«

»Mit Amerika verwechselt,« murmelte Steffen. »Und dann -- sag's weiter,

Trinle.«

»An der Wandtafel drei -- vier Rechnungen falsch gerechnet. Darum!!«

»Na und du?« fragte der Vater.

Trinle heulte laut, schier verzweifelt klang's: »Ich -- ich hab draußen

gesessen auf dem Kirchtrepple, bis sie rausgekommen sind.«

»Ja, hast du denn nicht nachgesessen, Trinle?«

»Nein,« jammerte Trinle, »ich -- ich bin auch net zu spät gekommen, bei

uns -- hat's später angefangen!«

Über Trinles blonden Wuschelkopf hinweg sahen sich die Eltern an; ein

liebes Lächeln blühte im Gesicht der Mutter auf, des Vaters Augen

blitzten lustig. Er sagte heiter: »Weil sich Trinle so grämt und doch

selbst nicht nachgesessen hat, sei euch die Strafe erlassen. Aber,

Buben, ich bitte mir's aus, daß das Nachsitzen und Zuspätkommen nicht

Mode wird!«

»Und das Streiten mit den Sternbuben hört endlich einmal auf!« fügte

die Mutter mit sanftem Vorwurf hinzu.

»Sie fangen immer an; arg schlimm sind sie!« riefen alle vier

Geschwister klagend, denn auch Kasperle stritt schon mit den Sternbuben

herum.

»So sagt +ihr+!« Die Mutter seufzte, aber sie sprach nicht weiter vom

Morgenstreit; sie mahnte: »Nun lauft geschwinde und wascht euch, es ist

gleich Essenszeit!«

Essenszeit, ein gutes Wort! Die Geschwister vergaßen darüber

allen Schulkummer, und als ein paar Minuten später die Glocke die

Hausgenossen in das im Erdgeschoß gelegene Speisezimmer rief, da

glänzte selbst Trinles verweintes Gesicht wie eitel Sonnenschein.

Die Fenster des Speisezimmers gingen nach dem Garten hinaus, in dem im

Sommer uralte Bäume schatteten und viele schöne Blumen blühten. Jetzt

trugen erst ein paar Büsche feine grüne Schleier, und Schneeglöckchen

und Krokusse hatten den Blütenreigen des Jahres begonnen. Von ihnen

stand eine Schale voll auf dem Tisch; von ihr aus ging es wie

Frühlingswehen durch den Raum, und Trinle schnupperte und sagte: »Es

riecht schrecklich schön nach Frühling!«

Dies konnte freilich nur ein Apothekerkind sagen, denn jeder Fremde,

der ins Haus kam, fand, es röche nach Apotheke; andere Gerüche nahm er

darüber nicht wahr. Und wirklich durchdrang der Duft all der Salben,

Tränklein, Kräuter und Mixturen beinahe das ganze Haus. Den Grills war

es Heimatduft, und wenn jemand von ihnen nach einer Reise heimkehrte,

sagte er sicher: »Wie gut es riecht, man merkt, daß man wieder zu Hause

ist!«

Der Familientisch war groß, denn die Gehilfen aus der Apotheke saßen

mit daran, obenan, neben dem Vater, Herr Baldan, der langjährige

Provisor. Der war ein etwas sonderbarer Mann; er hatte allerlei

wunderliche Grillen und Gewohnheiten, und zu Zeiten konnten ihn die

Mücken, die in der Sonne tanzten, um all seine gute Laune bringen. Er

war butterweich und herzensgut und den Kindern ein treuer Freund, aber

Katzen und Hunde und mancherlei Getier konnte er nicht leiden. Lief ihm

eine schwarze Katze über den Weg, wurde er mißmutig, und bellte ein

Hund irgendwo, klagte er, der Lärm sei nicht auszuhalten. An diesem

Morgen hatte er sich schwer über den Affen August geärgert, und er

saß am Tisch mit einem Gesicht wie vierzehn Tage Regenwetter und drei

Meilen schlechter Weg. Und Kasperle, das kleine Dummerchen, fragte zum

Überfluß auch noch höchst vergnügt: »Gelt, Herr Baldan, du freust dich

arg?«

»Warum denn, Kasperle?«

»Weil das Äffle drüben auch August heißt wie du.«

Ganz verdutzt sahen alle auf; daran hatten sie nicht gedacht, daß auch

Herr Baldan diesen Namen führte. Der nahm die Frage auch gewaltig übel;

er fuhr Kasperle scharf an: »Dumme Frage! Wirst wohl auch noch so

naseweis werden wie die Sternbuben!«

Mit den Sternbuben mochten die Grillschen Kinder nun aber nicht

verglichen werden, und Kasperle zog seinen Mund bedenklich schief.

Trinle, die allzeit für die Brüder eintrat, sagte darum entschuldigend:

»Er meint's doch net böse, und der Herr Häferlein heißt auch August!«

»Meinetwegen, für den mag's passen, mit dem Affen einen Namen zu haben,

ich lasse mir so etwas nicht gefallen!«

In seinem Ärger vergaß Herr Baldan ganz und gar, daß Herr Häferlein

doch sein guter Freund war. Er vergaß aber auch, daß Kasperle ein

kleines Plappermaul hatte. Als es just in der Apotheke klingelte, stand

er rasch auf und sagte zu dem zweiten Gehilfen: »Ich gehe selbst, es

wird wohl die Frau Mayer sein; der will ich ihre Tropfen selbst geben.«

Damit war das Gespräch über die neuen Nachbarn und August, den Affen,

zu Ende, denn Herr Grill sagte, als die Kinder noch einmal davon

anfangen wollten: »Seid jetzt still davon. Ich gehe heute spazieren,

wer geht mit?«

»Ich!« Vierfach tönte der Ruf, und Veit, Steffen und Trinle

versicherten eifrig, sie würden gleich und geschwinde, aber auch

ordentlich, wie sich's gehört, die Schularbeiten machen, und sie würden

ganz bestimmt zur rechten Zeit fertig sein. Sie zogen sich auch gleich

nach dem Mittagessen in das gemeinsame Arbeitszimmer zurück. Kasperles

Vorschlag, ihn mitzunehmen, lehnten sie schnöde ab.

Den kränkte das. Er fand nämlich, er störe gar nicht, er erzählte immer

die wunderschönen Geschichten, sang ellenlange Lieder und warf nur

manchmal ein Buch oder einen Bleistift herab oder einen Stuhl um, er

fuhr auch gar nicht oft mit den Fingern in das Tintenfaß. Ein Weilchen

versuchte der kleine Schelm sich den Einlaß zu ertrotzen, er klopfte

und schrie an der Türe, aber da kam die Mutter, schalt und sagte, er

müsse Ruhe halten. So zog Kasperle tief betrübt auf die Gasse; die war

den Kindern allen der liebste Spielplatz. Kasperle dachte an den Affen

August; er hatte am Morgen den Einzug nicht gesehen, nur davon erzählen

hören, und er war sehr neugierig auf die neue Nachbarschaft. Als er vor

die Türe trat, war auf und ab niemand zu erblicken, nur drüben stand

Herr Häferlein vor seinem Laden, und mit einem Jubelruf schoß Kasperle

auf den zu. Herr Häferlein war sehr nett; er verschenkte manchmal rote,

grüne oder gelbe Zuckerstengel, auch Rosinen oder Mandeln, und wenn

niemand im Laden war, unterhielt er sich auch gern mit Kasperle.

»Herr Häferlein,« schrie der Kleine schon von jenseits, »guten Tag!

Gelt du freust dich aber arg, daß das Äffle Augustle heißt?«

»Fällt mir gar nicht ein!« brummte Herr Häferlein. »Das ist sehr dumm,

einem unvernünftigen Tier so einen schönen Namen zu geben.«

»Aber Herr Baldan hat doch gesagt, für dich tät's passen!« rief

Kasperle, erstaunt über das verdrießliche Gesicht des Kaufmanns.

»Was tät passen?« fragte er schnell.

»Daß du mit dem Äffle einen Namen hast.« Kasperle stellte sich

breitbeinig und vergnügt vor Herrn Häferlein hin; er meinte, der müßte

sich ganz ungemein freuen.

Statt zu lachen, rief Herr Häferlein aber wütend: »Wer sagt das? Herr

Baldan?«

Kasperle nickte froh. »Ja, der meint, für dich tät's passen; er ist

aber arg bös!«

»So, so, für mich ist der Name recht! Ei, sieh einer an!« Herr

Häferlein war ein sehr höflicher, freundlicher Mann; wenn er sich

aber ärgerte, dann ging es bei ihm leicht obenhinaus. Er vergaß, daß

Kasperle doch noch ein Dummerchen war, und er ließ seinen Laden im

Stich, sprang mit ein paar eiligen Sätzen über die Straße, riß in der

Apotheke die Türe auf und schrie: »Wo ist Herr Baldrian?«

Nun konnte sich der Provisor über nichts mehr kränken, als wenn man

seinen Namen verdrehte. Herr Häferlein tat dies auch ganz ohne Absicht

im hitzigen Eifer, aber gesagt war gesagt.

Herr Baldan fuhr ihn an: »Was fällt Ihnen ein, mich so zu nennen? Sie

haben wohl noch nicht ausgeschlafen?«

Herr Häferlein blieb die Antwort nicht schuldig. Eins, zwei, drei

ging es herüber und hinüber. Bitterböse Worte wurden gesagt, keiner

wollte zugeben, er habe unrecht, keiner lenkte ein. Sie schrieen sich

beide zornwütig an, und erst als Herr Grill kam und nach dem Grund des

Streites fragte, verließ Herr Häferlein fuchswild die Apotheke.

Drüben stand Kasperle am Laden Wache. Das hatte er schon manchmal

getan, und er war dann immer für seine Bravheit mit einem Zuckerstengel

belohnt worden. Den erwartete er auch diesmal, aber Zuckerstengel sind

unzuverlässige Gesellen; wenn man denkt, man hat sie, laufen sie davon.

Das arme Kasperle bekam statt des süßen Lohnes Schelte. Herr Häferlein

schrie ihn an, er solle nur marsch, marsch nach Hause gehen, und

klapp! schlug er ihm die Türe vor der Nase zu.

Der kleine Schelm stand ganz verwirrt auf der Gasse; er fand, sein

guter Freund behandele ihn recht schlecht, und weil er gar nicht

wußte, was er tun sollte, brach er in ein jämmerliches Weinen aus. Er

schluchzte herzbrechend und trottete tiefbetrübt die Gasse entlang

an der Rose vorbei. Drinnen hörte es Fräulein Laura, die zum Fenster

hinaussah und eben dachte: Das ist doch eine recht schrumpelige,

schnurrige kleine Gasse; sie gefiele mir schon, wenn ich nicht

drin wohnen müßte. Fräulein Laura war sehr gutmütig, und Kasperles

Schluchzen tat ihr leid; sie lief also flugs zum Hause hinaus,

hielt den Kleinen draußen fest und fragte ihn nach seinem Leid. Der

erzählte treuherzig alles; freilich etwas kunterbunt ging es schon

durcheinander. Die freundliche Trösterin hörte aber doch heraus, Herr

Häferlein sei böse.

Dieser böse Herr Häferlein trat just vor seinen Laden. Er hatte drinnen

auch Kasperles Klagen gehört, und weil sein schneller Zorn schon halb

und halb verraucht war, kam er nun doch mit dem Zuckerstengel. Da hörte

er Fräulein Laura sagen: »Pfui, er soll sich schämen, dieser schlimme,

abscheuliche Herr Häferlein, so einen netten kleinen Jungen wie dich zu

ärgern!«

»Ich -- ich bin kein Junge!« schluchzte Kasperle.

»Je, was bist du denn?«

»Ein Büble!«

Fräulein Laura lachte. »O du herzallerliebster Schelm!« rief sie

fröhlich. »Komm mit hinein, drinnen gibt es Schokolade, und Alette wird

sich freuen, wenn sie dich sieht.«

»Das Äffle auch?« fragte Kasperle zutraulich, der nur an den Affen

dachte und himmelgern mit in die Rose hineinging.

»Freilich, unser August schießt gleich Purzelbäume vor Freude, wenn du

kommst!«

Fräulein Laura spazierte mit Kasperle in das Haus hinein. Vor seiner

Ladentüre aber stand wütend und gekränkt der arme Herr Häferlein mit

einem rosenroten Zuckerstengel in der Hand. Das war doch zu toll! Die

Fremde hatte ihn schlimm und abscheulich genannt, und sein Namensvetter

würde Purzelbäume schießen, ja vielleicht tat er das einmal auf der

Gasse, und alle würden lachen und würden »August, August!« rufen.

Was zu viel ist, ist zu viel! Herr Häferlein zog sich beleidigt in

seinen Laden zurück. Da saß er und schaute mißmutig auf die kleine,

sonnenbeschienene Gasse hinaus. Drüben in der Apotheke saß Herr Baldan,

und beide ärgerten sich, daß ihre gute Freundschaft einen so argen Riß

bekommen hatte. Und warum eigentlich? Doch nur, weil ein Affe einen

Menschennamen hatte und August hieß.

Eigentlich eine alberne Dummheit die ganze Geschichte, weiter nichts,

dachte der Provisor Baldan. Doch daran, dem alten Freunde ein gutes

Wort zu geben, dachte er nicht. »Er mag nur zu mir kommen!« brummte

er, und drüben Herr Häferlein dachte nicht anders. »Er muß den ersten

Schritt tun, nicht ich, er hat unrecht,« sagte der zu sich.

Inzwischen kam sein Gehilfe zurück, und weil um diese frühe

Nachmittagsstunde immer wenig Kunden vorsprachen, nahm Herr Häferlein

seinen Hut und lief hinaus. Ein tüchtiger Weg vertreibt am besten den

Ärger, meinte er, und darum rannte er die Löwengasse hinab über den

unteren Markt, rannte durch allerlei Gassen, bis er zuletzt an ein

altes Stadttor kam. Dahinter lag das freie Land.

Breitenwert hatte noch eine Stadtmauer, es hatte auch noch Tore

wie einst im Mittelalter, und darauf waren die Breitenwerter sehr

stolz; sie fanden ihr Städtchen schöner als manche seiner stolzen,

weitgebauten Schwestern. Auch das Land ringsherum war lieblich, nicht

Gebirge und nicht Ebene, aber es gab bewaldete Höhen und anmutige

Tälchen, es gab auch einen kleinen, schwatzhaften Fluß, Wiesen und

Felder. Herr Häferlein fand seine Heimat schön, und es konnte einer

von Alpen und Meeren reden und der Pracht des Südens und der ernsten

Schöne des Nordens, allemal sagte Herr Häferlein: »Na ja, geht mal bei

uns ein paar Stündle spazieren, da könnt ihr schauen, schön ist's, arg

schön!«

Er ließ sich auch an diesem Nachmittag froh die Märzluft um die Stirne

wehen, sah die Saaten im ersten hellen Grün leuchten und dachte: »So

ein Spaziergang tut gut, sehr gut, ausnehmend gut; da weiß man wirklich

nicht, wo die schlechte Laune hinkommt. Wenn doch alle Leute so

gescheit wären und zur rechten Zeit spazierengingen!«

Drittes Kapitel.

Neue Freundschaft.

Augustle beträgt sich wie ein Minister und doch nicht wie ein

Minister, und Frau Tippelmann wird ärgerlich. Warum es nicht

gut ist, jemand beim Schlokoladetrinken zu stören, und warum

Fräulein Laura sagt, Alette hätte nur Prinzessinnenschuhe.

Trinle Grill patscht in den Frühlingsschmutz, und Alette Amhag

vergißt die weite Welt.

Spazierengehen ist gut, namentlich wenn die Sonne so verheißungsvoll

scheint, dachten auch die Grills. Die drei Geschwister arbeiteten flink

und eifrig, die Mutter rüstete Wegzehrung, und als es drei Uhr schlug,

trat der Vater aus seinem Arbeitszimmer und rief: »Wer ist fertig?«

»Wir!« Veit, Steffen und Trinle kamen angerast, nur das Kasperle gab

keine Antwort, das fehlte.

Ein Weilchen scholl das Rufen nach ihm durch Haus und Garten, dann

rannten die Geschwister auf die Gasse und ließen dort ihre Stimmen

erschallen, aber kein Kasperle gab Antwort. Trinle lief hinüber zu

Herrn Häferlein, vielleicht war der kleine Bruder bei seinem guten

Freund, aber der Gehilfe wußte nichts von ihm, und Herr Häferlein

war auch nicht da. Da rannte Veit zum Untermarkt hinab, Steffen zum

Obermarkt hinauf, denn da und dort gab es allerlei gute Freunde, zu

denen Kasperle manchmal ging, aber niemand wußte etwas von ihm. Frau

Grill begann sich zu ängstigen. Ein Seitensträßchen der Löwengasse

führte zum Fluß hinab; der war zwar seicht und mehr ein Bach, aber

hineinfallen konnte so ein kleiner Dreikäsehoch wie Kasperle schon.

Mutterherzen zittern und zagen leicht, und wenn Mütter in Angst weinen,

ist das unendlich traurig. Den drei Geschwistern wurden die Herzen

schwer; sie standen ratlos auf der Löwengasse und wußten nicht, wo sie

den Bruder suchen sollten.

Daran, in der Rose nachzufragen, dachten sie nicht; in alle Häuser

schauten sie hinein, dies eine ließen sie aus. Mit Frau Tippelmann

unterhielten sie keine Freundschaft; die war nicht sonderlich

liebenswürdig, und die Grillschen Kinder gingen zu dieser Nachbarin

nur, wenn sie ihr etwas von der Mutter bestellen sollten. Und doch

saß Kasperle, der vielgesuchte Ausreißer, als ein sehr geehrter,

bewunderter Gast in der Rose. In einem großen, nach dem Garten gehenden

Zimmer thronte er auf einem zierlichen Sofa zwischen zwei neuen, aber

schon sehr guten Freunden, zwischen Alette Amhag und dem Affen August.

Alette hatte nach den ersten Stunden in dem alten Haus, in das sie mit

so frohem Herzen eingezogen war, gemeint, hier würde es ihr doch nicht

gefallen. Es war doch alles so ganz, ganz anders, als sie es gewohnt

war, und dann -- Frau Tippelmann. Die zeigte kein bißchen Freude. Laura

nannte sie gleich einen Sauertopf, und wirklich sah Frau Tippelmann

auch gar nicht aus, als machten ihr die neuen Hausbewohner viel Freude.

August besonders sah sie mißvergnügt an, und sie brummte: »Affen und

wilde Bären soll niemand in sein Haus begehren.«

Die kleine Alette wußte nun nichts davon, daß Menschen, die lange

einsam waren, nicht so rasch den Weg zu anderen Menschen finden. Sie

selbst war wie ein Schneckchen; tippte jemand an ihr Seelenhaus, gleich

kroch sie hinein. Sie war immer in allem Reichtum, der sie umgab, ein

einsames Kind gewesen. Ihre Mutter war früh gestorben, und der Vater

hatte sie oft auf seine Reisen mitgenommen, sie auch wohl bei Freunden

untergebracht. Da hatte sie einmal in Südamerika gelebt, in Indien,

in Japan, immer in reichen, üppigen Häusern, aber immer fremd, immer

im Grunde heimatlos. Immer hatte sie gemeint, am besten auf der Welt

müßte es in Breitenwert sein, der Stadt, aus der ihr Großvater stammte.

Weil sein Vater so oft und so viel davon gesprochen, hatte Herr Amhag

das einstige Familienhaus gekauft. Und als er nun wieder eine weite

Reise unternehmen mußte, gab er Alettes Bitten nach und beschloß, diese

mit einer Stiefschwester seiner verstorbenen Frau nach Breitenwert zu

schicken. Doch diese Tante erkrankte, als Herr Amhag auf Reisen war;

sie scheute daher die weite Reise und übergab Alette Frau Juana van

Bachhoven, der Frau eines reichen Großkaufmanns, die eine Europareise

unternahm. Diese versprach, Alette selbst gut und sicher nach

Breitenwert zu bringen, und gab der Kleinen zur Bedienung ihre eigene

Zofe Laura.

Laura Budicke oder Fräulein Laura, wie sie sich am liebsten nennen

hörte, tat zwar oft recht fremdländisch, sie war aber aus Berlin

und hatte nur einige Jahre im Ausland gelebt. Sie fand freilich die

Zumutung, in einer kleinen deutschen Stadt zu leben, grauslich, aber

sie tat es schließlich gern um Alettes willen. Das hinderte sie nicht,

in den ersten Stunden in der Rose alles zu tadeln, und das einzige,

was ihr in Breitenwert gefiel, war eigentlich das blonde, rotbäckige

Kasperle, das sie freudestrahlend zu Alette brachte. »Da hast du

jemand,« rief sie. »So'n Junge! Unsern August will er sehen!«

Kasperle war gar nicht schüchtern. Zu ihm waren immer alle Menschen

nett und freundlich, und in der ganzen Löwengasse verwöhnte man

Kasperle Grill. Er fand es daher gar nicht erstaunlich, als lieber Gast

in die Rose geholt zu werden, und er streckte Alette Amhag zutraulich

seine dicke, etwas schmutzige Patsche hin und fragte: »Wo ist Augustle?«

Alette war fast schüchterner als Kasperle, aber nach fünf Minuten

war doch die Freundschaft geschlossen, und Kasperle versprach höchst

vergnügt: »Weißt, Alettle, ich besuch dich alle Tage, dich und

Augustle!«

»Na, und wo bleibe ich?« fragte Fräulein Laura neckend. »Werde ich gar

nicht genannt?«

Kasperle sah sich ein wenig verlegen um. Er blickte von Alette zu

August und von August zu Laura, und endlich rief er: »Dich besuche ich

doch mit, weil du dem Augustle sein Tantle bist.«

Damit war Fräulein Laura zwar nicht einverstanden; eine Affentante

mochte sie nicht genannt werden, doch Kasperle sah sie so treuherzig

mit seinen runden, blauen Augen an, daß all ihr Groll schwand und

sie vor sich hin brummte: »So'n niedlichen Jungen habe ich noch nie

gesehen, der könnte wirklich gleich hier drüben in dem alten Muffelhaus

bleiben.«

August schien auch seine Freude an dem Gast zu haben, jedenfalls tat er

alles, um den zu unterhalten. Er machte die tollsten Sprünge, schoß

wundervolle Purzelbäume und saß mal auf dem Tisch, mal unter dem Tisch,

er spazierte auf dem Fensterbrett entlang und setzte sich dann wieder

höchst feierlich auf einen Stuhl.

»Wie'n Minister!« behauptete Laura. Sie tat, als sähe sie jeden Tag

einen Minister irgendwo sitzen. Kasperle jauchzte. Alette lachte, und

ihr Lachen lockte Frau Tippelmann herbei. Die vergaß für ein Weilchen

ihre viele Arbeit, sie blieb an der Türe stehen und lauschte still

diesem klinghellen Gelächter. Sonst pflegte sie immer zu sagen: »Am

vielen Lachen erkennt man den Narren.« Heute schwieg sie zu allem

lustigen Lärm in dem sonst so stillen Hause. Doch da bekam August

plötzlich seine Ministerrolle satt und sprang Frau Tippelmann auf den

Kopf, gerade als müßte das so sein.

»Wie drollig!« rief Laura.

»Hat sich was, drollig!« schalt Frau Tippelmann ärgerlich. »Potzwetter,

so ein unnützer Wicht!« Und ripsch, rapsch holte sie August von seinem

seltsamen Sitz herunter und trug ihn in eine leere Stube. »Hier kannst

du dir die Wände begucken,« brummte sie, »zu mehr bist du nicht nütze.«

Kasperle jammerte August laut nach, bis Laura tröstete: »Sei nur gut,

mein Engelchen, nachher kommt August wieder. Jetzt sollt ihr erst

Schokolade trinken; Alette hat heute so wenig gegessen. Gleich geh ich

und sag's Frau Tippelmann.«

Engelchen wurde Kasperle nie genannt, und Schokolade bekam er selten

zu trinken, aber beides gefiel ihm, und sein Gesicht hellte sich

schnell wieder auf. Da lief Fräulein Laura eilig, das süße Getränk zu

bestellen. Doch Frau Tippelmann sagte nicht gleich: »Ja, ich koche,«

sie schüttelte bedenklich den Kopf und murrte: »Schokolade, so einfach

am Wochentag, das ist in Breitenwert nicht Sitte.«

Laura lachte sie herzhaft aus. Sie erzählte dann schnell, wie reich

Herr Amhag und wie verwöhnt Alette sei, und der guten Frau Tippelmann

wurde es himmelangst, als sie von all den Landhäusern, Zimmern,

Gärten, Dienern und Kleidern hörte, an die Alette gewohnt war. Wie ein

Schnurrädchen zählte Fräulein Laura her: »Dies muß Alette haben und

das, und eigentlich müßte hier eine Köchin sein, ein Diener, Wagen und

Pferde oder ein Auto, und das Haus ist zu alt und der Garten zu klein.

Na ja, es dauert nicht lange!« fügte sie hinzu.

»Ist auch gut,« brummte Frau Tippelmann. »Freilich, das will nicht in

meinen Kopf hinein, daß so 'n schönes altes Haus, in dem die reichen

Amhags so lange gelebt haben, für so 'n kleines Mädchen zu eng sein

soll. Na, meinetwegen, ich halt's mit dem Wort: »Was dich nichts

angeht, darein misch dich nicht!«

Sie ging und kochte Schokolade; sie tat es mit schwerem Herzen, denn

das fremde Wesen im Hause bedrückte sie. So viele Seufzer sie aber auch

ausstieß, die Schokolade geriet doch gut dabei, und Kasperle Grill

freute sich.

Alette Amhag hätte nie gedacht, daß sich jemand so sehr über

Schokolade und Kuchen freuen könnte wie ihr kleiner Gast. Der krähte

vor Vergnügen, behauptete, er sei furchtbar schrecklich hungrig und

schmauste dann auch wie ein nimmersattes Wölflein. Das arme verbannte

Augustle vergaß er für ein Weilchen vollständig, aber auch den

Spaziergang, die Eltern und die Geschwister.

Die suchten inzwischen ihr Kasperle mit wachsender Angst. Der Vater

tröstete zwar: »Wir finden ihn schon; in unserm Breitenwert geht nicht

leicht ein Kind verloren,« doch der Mutter Herz wurde schwer vor Sorge.

Trinle heulte verzweifelt, und die Brüder rasten immer wieder die Gasse

entlang und schrieen des Bübles Namen. Tiefbetrübt und schier ganz und

gar verzagt war Herr Baldan. Der gehörte zu den Menschen, die immer

gleich ein Unglück vermuten. Stand am Himmel eine tellergroße Wolke,

dann sagte er sicher: »Es gibt ein Gewitter,« und regnete es einen Tag,

dann redete er von einer ungeheuren Überschwemmung, die kommen würde.

An diesem Nachmittag klagte er immerzu: »Das Kasperle ist verloren,

ganz sicher. Ich hab's gleich geahnt; ein Tag, der so anfängt, mit

Affen und so viel Geschrei und Trara, der bringt Unheil.«

Er redete das zu dem Gehilfen, und der erwiderte spöttisch: »Na ja,

eins haben wir schon gehabt, den Streit mit Herrn Häferlein.«

»Nun,« rief Herr Baldan, »ist daran nicht etwa der Affe schuld, der

August?«

»August! August!« schrie es draußen ganz laut und gellend, und Herrn

Baldan blieb vor Schreck der Mund offen stehen. Was war das?

Von der Gasse herein tönte das Rufen, tönte lautes Geschrei; die

Stimmen der Grillschen Kinder waren vor allen andern zu hören. Der

Provisor stürzte hinaus.

Um Himmelswillen, man brachte gewiß Kasperle, seinen Liebling!

»Wo ist er, wo ist er?« Herrn Baldans Rufen mischte sich in das

Geschrei der andern.

»Da ist er, da ist er,« jauchzten ein paar Buben.

»O du heiliger Bimbam, was ist das?« Der Provisor knickte vor Schreck

zusammen, denn etwas Schwarzes war ihm auf die Schulter gesprungen, das

saß da und wollte anscheinend dableiben, denn Herr Baldan fühlte sich

recht fest umklammert.

»August, August, da ist er!«

Der Gehilfe griff rasch zu und packte den kleinen Ausreißer und

Tunichtgut, den Affen August, am Genick und suchte Herrn Baldan zu

befreien. Leicht ging es nicht, denn der vierbeinige August zappelte

und fauchte wütend und gab in seiner Angst seinem unschuldigen

Namensvetter heftige Ohrfeigen.

Die beiden Auguste waren wütend aufeinander, und die Umstehenden taten

noch, als wäre die ganze Sache eine lustige Geschichte; sie lachten,

und selbst Trinle Grill hörte ein paar Augenblicke auf zu heulen.

Da schrie plötzlich Veit: »Er hat Kasperles Mütze!« und mit raschem

Griff entwand er dem Affen eine kleine dunkelblaue Mütze. »Die gehört

Kasperle! Ja, aber wo ist Kasperle?«

»In der Rose, denn von dort kommt der Affe,« rief der Vater.

»In der Rose, unser Kasperle?« Die Kinder rannten dem Vater nach, die

Mutter nicht minder geschwinde. Herr Baldan schrie dem Gehilfen zu:

»Aufpassen!« und raste nach, und die ganze Gesellschaft langte drüben

vor der Rose an und spazierte in das Haus hinein, und Frau Tippelmann

wußte erst nicht wie und was, als sie den Hausflur so voller Menschen

sah. Aber da erblickte sie Frau Grills blasses Gesicht, sie verstand.

Schnell riß sie eine Türe auf und rief: »Da ist er!«

Ja, da war er. Wie ein kleiner Prinz thronte er mitten auf dem Sofa

und schickte sich gerade an, die vierte Tasse Schokolade auszutrinken.

Er pustete schon ein wenig, sein Bäuchlein war schon ganz dick, aber

er wollte doch noch von dem süßen Trank schlürfen, der ihm so gut

schmeckte wie weiland den alten Deutschen der süße Met. Und einen Bart

hatte das Kasperle schon, um den ihn ein Raubritter beneiden konnte, so

breit war der.

Es ist nicht gut, wenn einer beim Schokoladetrinken allzu sehr

überrascht wird. Hupp! machte die Tasse, und am Kasperle rann ein

braunes Bächlein herunter. Er wollte die Tasse wegsetzen und warf die

von Alette um, und auf dem weißen Tuch floß ein brauner See.

»Kasperle, du hier?«

»Aber Kasperle, wie kommst du hierher?« riefen Eltern und Geschwister.

Frau Tippelmann sah nur den braunen See; sie schalt ärgerlich: »Zu viel

Dung wirft den Wagen um.«

Am tiefsten war Alette Amhag vor den vielen fremden Menschen

erschrocken. Sie stammelte zitternd: »Er hat mich nur besucht.«

»Ja,« rief Kasperle weinerlich, denn ihm fing es an ungemütlich zu

werden, »ich besuch' sie alle Tage. Alettle ist meine Freundin, und sie

ist -- ist -- ne -- Indianerin!«

Da war es heraus, das schwere Wort, und es tut wohl, wenn man so von

banger Angst erlöst wird. Sie lachten alle, selbst Frau Tippelmann

schmunzelte, und am allerlautesten lachten Herr Baldan und Kasperle.

Frau Grill nahm ihr beschmiertes Bübchen auf den Arm und sagte

zärtlich: »O du böser Schelm, wie habe ich mich um dich gesorgt!«

Alettes Augen wurden da groß und weit; eine unendliche Sehnsucht stieg

jäh in ihrem kleinen Herzen auf, auch einmal so an einer Mutter Herzen

ruhen zu können, und unwillkürlich flüsterte sie leise: »Ach, Kasperle,

du hast es gut!«

Nur Frau Grill hörte das leise Wort, und Frau Grill verstand in kleinen

traurigen Herzen zu lesen und verstand es, linde zu trösten. Sie zog

Alette, die aufgestanden war und schon neben ihr stand, herzlich an

sich und sagte liebevoll: »Willkommen in deiner Väter Heimat! Möge es

dir hier gut gehen! Du hast schon mit unserm Kasperle Freundschaft

geschlossen, ich hoffe, wir andern kommen auch daran.«

»Das will ich meinen! Die Amhags und die Grills waren allezeit gute

Freunde,« rief Herr Grill. »Aber nun, wenn wir nicht bald laufen, läuft

uns die Sonne davon; unser schlimmes Kasperle hat uns schon um eine

Stunde Zeit gebracht.«

»Spazierengehen!« rief Kasperle, dem dies plötzlich wieder einfiel.

»Alettle geht mit.«

»Wenn sie will, kann sie es tun, und wenn sie gescheit ist, tut sie

es!« Herr Grill nickte Alette auch zu, als wäre die seit vielen Jahren

in Breitenwert daheim, und die schüchterne Alette verlor die letzte

Befangenheit und sagte: »Ich möchte so gern!«

»Spazierengehen!« Laura sah so entsetzt drein, als wäre Spazierengehen

und In-den-Krieg-ziehen einerlei. »Das ist nichts für unsere

Alette, die fährt nur,« rief sie protzig, »die hat auch nur

Prinzessinnenschuhe.«

»O du lieber Himmel, das arme Kind,« entfuhr es Frau Tippelmann.

Kasperle aber fragte neugierig: »Sind die von Gold?«

»Nein,« erwiderte Alette rasch, »ich kann mit meinen Schuhen schon gut

spazierengehen. Ach, bitte, bitte, ich will mit!«

»Na, meinetwegen,« brummte Laura, »mir soll's recht sein, aber wenn das

die gnädige Frau van Bachhoven hört, die fällt gleich um vor Schreck.«

»Sie steht auch wieder auf,« erklärte Frau Tippelmann. »Märzensonne ist

gesund.«

»Und allzu viele Sprichwörter sind ungesund,« schalt Laura halblaut,

die fand, Frau Tippelmann habe gar nichts drein zu reden. Dann ging sie

aber doch, für Alette die Sachen zu rüsten, und als sie dabei geschwind

zum Fenster hinausblickte und die Gasse so freundlich im Sonnenschein

liegen sah, wäre sie am liebsten auch spazierengegangen. Sie sputete

sich darum; wenigstens sollte Alette noch recht im Sonnenschein

wandern.

Ein paar Minuten später standen die Wanderlustigen wirklich auf der

Löwengasse, und Alette bekam ganz blinkeblanke Augen vor Freude. Die

Grillschen Kinder lachten darüber und sagten: »Du tust, als wärst du

noch nie spazierengegangen.«

Nein, eigentlich hatte das Alette auch noch nie getan. Sie war

gefahren, so behaglich als möglich, auf großen Schiffen, in Kraftwagen,

in den schnellsten Schnellzügen, aber noch niemals war sie auf Wiesen-

und Feldwegen richtig spazierengelaufen. Täglich hatten kostbare Blüten

die Zimmer, die sie bewohnte, geschmückt, aber noch nie hatte Alette

Amhag ein paar winzige weiße Schneeglöckchen selbst gepflückt, wie es

Trinle Grill an diesem Nachmittag tat. Sie patschte dabei tief in den

weichen Frühlingsschmutz hinein, und Alette patschte ihr jauchzend

nach, und sie tat, als hätte sie einen goldenen Schatz gefunden, so

sehr freute sie sich. Ihre Freude steckte die andern an, und es wurde

ein sehr fröhlicher Spaziergang. Die Grills gingen andere Wege als

Herr Häferlein, aber sie fanden die Heimat von rechtsum so lieblich

als der Kaufmann es von linksum tat. Und Alette war begeistert und

schloß Freundschaft mit Trinle, Veit und Steffen und vergaß Frau van

Bachhoven, Paris und die ganze weite Welt über Breitenwert und dem

Löwengäßle.

[Illustration]

Viertes Kapitel.

Im Silbernen Stern.

Die Sternbuben finden eine Zigarre. Frau Sektretär Schmidt

ärgert sich, und Herr Häferlein kommt dazu und gibt guten Rat.

Gundel Hinz muß eine Geschichte erzählen, und das schlimmste

Teufele heißt Herr Häferlein. Käthle läßt sich auf keine

Verhandlungen ein, und die Sternbuben drohen dem Kaufmann.

Drei Augenpaare hatten lange den Grills und Alette Amhag nachgesehen,

als die durch die Löwengasse schritten, um spazierenzugehen. Neidisch

und sehnsüchtig waren die Blicke gewesen, wie solche sind von Kindern,

die gern auch dabei wären.

Am Ende der Löwengasse, halb schon am Untermarkt, lag das Gasthaus zum

Silbernen Stern, das Heimathaus der schlimmen Sternbuben. Es war ein

uralter, wohlangesehener Gasthof. Der Silberne Stern prangte schon

zweihundert Jahre im Torschild, und viele, auch vornehme und reiche

Gäste waren im Laufe der Zeit darin eingekehrt. Zwei Täfelchen an

der Mauer, dicht neben dem Tor, verkündeten, daß einstmals ein König

und später ein sehr berühmter Mann im Silbernen Stern gewohnt hatten.

Das Haus hatte innen weite Flure und große Zimmer, viele Kammern und

Bodengelasse, und wenn die Sternbuben darin Versteckens spielten,

fanden sie sich beinahe selbst nicht zurecht.

Den Gasthof verwaltete allein nach dem Tode ihres Mannes Frau Marianne

Hinz. Das war eine umsichtige, fleißige Frau, die von früh bis spät im

Hause schaffte. Die Gäste im Silbernen Stern spendeten ihr reiches Lob;

wer einmal einkehrte, vergaß selten das Wiederkommen. Eins vergaß Frau

Marianne aber mehr und mehr über ihrer Arbeit, das waren ihre Kinder,

nicht deren leibliches Wohl, aber ihre Erziehung. Die Kinder wurden

satt, wurden gut gekleidet und litten keinerlei Mangel, was sie aber

sonst den lieben langen Tag taten, danach fragte die Frau wenig. Am

Zeugnistag gab es freilich immer Schelte, mitunter griff Frau Marianne

auch zum Stock, damit war es jedoch abgetan. In der übrigen Zeit fragte

die Mutter nie, wie es in der Schule ging, sie merkte nicht einmal das

Nachsitzen. Sie wußte wohl, ihre beiden waren rechte Wildlinge, aber

sie dachte leichtherzig, das gibt sich, Buben sind nun einmal so.

Noch weniger beinahe kümmerte sich Frau Hinz um ihr einziges Mädelchen.

Da brauchte sie nicht einmal an den Zeugnistagen zu schelten, denn

Gundel brachte immer gute Nummern heim. Gundel Hinz war ein scheues,

stilles Kind, durch frühes Leiden ernst geworden; sie hinkte, und schon

darum konnte sie nicht, wie es Trinle Grill tat, an den Spielen der

Brüder teilnehmen. Mathes und Peter verlangten freilich auch nicht

danach. Sie vertrugen sich nach ihrer Art sehr gut mit der Schwester,

sie kümmerten sich jedoch nur um sie, wenn sie etwas von ihr haben

wollten, wenn z. B. die Löcher in Hosen und Kitteln so groß waren,

daß es selbst ihnen zu arg schien. Die langjährige Hausmagd Mina im

Silbernen Stern, die für Wäsche und Kleider Sorge trug, verstand

nämlich in solchen Dingen keinen Spaß. Sie ging nicht erst zur Mutter,

um anzuklagen, sondern strafte selbst, meist sehr handfest und

grob. Es kam auch vor, daß sie an einem Sonntag den Buben sämtliche

Kleidungsstücke wegnahm und die beiden dann den schönen freien Tag im

Bett verbringen mußten. Das Haus und die Gasse hatte dann Ruhe vor den

beiden, und die schadenfrohen Nachbarn sagten wohl schmunzelnd: »Haha,

heute werden den Sternbübles die Hosen geflickt!«

Die Gasse sagte den Buben viel Schlimmes nach, und die Grills waren

nicht die einzigen, die mit ihnen nichts zu tun haben wollten. Herr

Häferlein mochte sie gar nicht in seinem Laden sehen. Herr Baldan

drohte gar mit dem Stock, und der dicke Bäcker Hering an der Ecke vom

Untermarkt sagte, er würde es noch einmal mit ihnen machen, wie es Max

und Moritz geschehen war.

An diesem Nachmittag hatten sich die Sternbuben in eine der

leerstehenden Fremdenstuben geschlichen, um ganz ungestört zu sein.

Es war keine Zeit, wo viele Fremde kamen, und etliche Stuben standen

darum verschlossen und verhängt. Mathes hatte unbemerkt einen Schlüssel

vom Brett genommen, und nun saßen sie vergnügt in dem großen Zimmer

und -- rauchten. Sie hatten auf der Straße eine dicke, große Zigarre

gefunden und beschlossen, diese gemeinschaftlich zu rauchen. Einmal zog

Mathes daran, dann Peter, und obgleich es ihnen eigentlich abscheulich

schmeckte, sagte doch immer einer zum andern: »Fein!«

Sie hatten sich auf das Fensterbrett gesetzt und sahen auf die Gasse

hinaus, denn wenn sie auch heimlich rauchten, so kamen sie sich doch

sehr wichtig vor und meinten, ein paar Leute könnten es schon sehen,

wie gut sie zu rauchen verstanden. Dabei sahen sie auf der Gasse

Grills wandern mit Alette Amhag. Die lachten gerade, als sie am Hause

vorbeigingen; sie sahen sehr vergnügt aus, und den beiden Wildfängen

schmeckte die Zigarre auf einmal noch schlechter als zuvor.

In der Gasse dachten alle: Die Sternbuben kann man schelten und schief

ansehen, so viel man nur will, sie machen sich nichts daraus, die haben

eine dicke Haut. Aber das war nicht richtig, die Sternbuben kränkten

sich wohl darüber, viel mehr als irgend jemand ahnte, und im Grunde

wären sie viel lieber so gern gesehen und wohl gelitten gewesen, wie

es die Grillschen Kinder waren. Die waren zwar auch wild, aber dann

doch wieder folgsam und höflich und fleißig dazu, auch schimpften und

fluchten sie nicht und streckten nicht ihre Zunge andern Leuten heraus.

Neidisch und sehnsüchtig zugleich sahen die beiden Raucher auf die

lustigen Spaziergänger herab.

»Die Neue aus Indien geht gleich mit ihnen,« brummte Mathes.

»Hm,« knurrte Peter, »uns wird sie net anschauen!«

Mathes seufzte schwer, und der Bruder fragte kleinlaut: »Was hast,

wird's dir auch übel?«

»Ich hab solche Sehnsucht!«

»Nach -- -- der Indianerin?« schrie Peter.

»Noi, nach dem Äffle, dem August.«

»Ja so -- ich auch!«

Eine Weile schwiegen beide, dann sagte Mathes plötzlich: »Weißt, wir

besuchen mal gleich Frau Tippelmann!«

»Ach, die -- die tut uns rausschmeisse!«

Mathes seufzte wieder. Es wurde ihm so sonderbar zumute, gewiß vom

Nachdenken. Der Bruder reichte ihm die Zigarre: »Jetzt rauch du

wieder!«

»Ja -- aber ...« Mathes nahm das Zigarrenstümpfchen nur zögernd in

den Mund, da sah er, daß drüben die Frau Sekretär Schmidt zum Fenster

heraussah. Das war eine Dame, die sehr oft und sehr viel auf die

Sternbuben schalt, und Mathes dachte trotzig: Nun gerade! Er paffte

kräftig, blies den Rauch mit vollen Backen zum Fenster hinaus, und

drüben schlug Frau Schmidt die Hände zusammen über die unnützen Buben.

»Gib mir noch mal!« Peter nahm die Zigarre und tat auch noch ein paar

Züge, und drüben klappte Frau Schmidt ärgerlich das Fenster zu. Die

Sternbuben werden immer ärger, dachte sie.

»Jetzt, wenn wir das Äffle hier hätten, wär's noch feiner,« sagte Peter.

Da beugte sich Mathes rasch vor und sagte halblaut: »Wir -- borgen uns

das Äffle mal.«

»Hm, borgen!« Peter warf das letzte Zigarrenendchen weg; er neigte sich

auch zu dem Bruder hin, und trotzdem sie ganz mutterseelenallein in dem

Zimmer waren, tuschelten sie doch heimlich miteinander. Sie kicherten

verschmitzt, es fiel ihnen dies und das ein. Peter sagte: »Komisch, daß

das Äffle August heißt wie Herr Häferlein!«

»Wie Herr Baldan!«

»Au jeh,« kreischte Peter plötzlich, »mir wird so übel!«

»Mir auch! Oh, oh mein Bauch!« jammerte Peter.

Sie rutschten vom Fensterbrett herab und krümmten sich auf der Diele

herum, denn auf einmal rumpelte und pumpelte das in ihren Bäuchlein

ganz unverschämt herum. Sie meinten außerdem, im Zimmer führe aller

Hausrat, Betten, Tisch, Schrank und Stühle, einen wilden Tanz auf;

alles wackelte und schwankte, und Peter, der sich aufrichten wollte,

purzelte auch gleich um. Platsch, lag er da, käseweiß sah er aus.

Er stirbt, dachte Mathes angsterfüllt und brüllte, so laut er nur

konnte. Und das Schreien verstanden die Sternbuben gut. Angst und

Schmerzen stärkten noch Mathesles Stimme, er brüllte wirklich wie ein

kleiner Ochse.

Das Zimmer lag im zweiten Stock; niemand war um diese Zeit oben, und

in den Wirtschaftsräumen war nichts zu hören. Auf der Straße vernahm

man das Jammergeschrei. Haha, die Sternbübles kriegen Haue! dachten

ein paar Nachbarsleute, aber Herr Häferlein, der eben von seinem

Spaziergang heimkam, hörte den Hilferuf heraus. Er lief in den Stern

hinein, und ein paar Minuten später rannten die Wirtin, die Mägde und

der freundliche Kaufmann dazu die Treppen hinauf und fanden oben die

beiden Missetäter.

»Haha! geraucht!« Herr Häferlein schnupperte in der Luft herum. »Das

ist keine schlimme Krankheit, Frau Wirtin,« sagte er lachend. »Die

beiden gehören ins Bett und dann -- meine Nachbarin Tippelmann würde

sagen: Der Stock muß helfen.«

O der böse, hartherzige Herr Häferlein!

Peter war muckstill, dem war es zu übel, aber Mathes brüllte noch

jammervoller, ganz schaurig klang es.

Frau Hinz sah doch etwas ängstlich drein, aber Herr Häferlein tröstete

sie gutmütig und versicherte: »Das geht bald vorüber. Heute dürfen

Sie ihnen nichts mehr zu essen geben, dann sind die beiden morgen

putzmunter, und dann -- den Stock nicht vergessen, den ja nicht.«

Nach diesem freundlichen Zuspruch ging Herr Häferlein, und die

Sternwirtin handelte wirklich nach seinen Worten. Dies war nun Mathes

und Peter sehr, sehr unangenehm, sie fühlten sich sehr unglücklich und

warfen beide einen tiefen Haß auf Herrn Häferlein. Sie wurden in das

Bett gesteckt, bekamen jeder bittere Tropfen zu schlucken, und danach

wurde ihnen jegliches Jammergebrüll ernsthaft untersagt, sonst --. Die

Mutter sah dahin, wo der Stock stand. Da krochen die Sternbübles flugs

unter die Decken, und von dorther tönte noch eine Weile ihr klägliches

Weinen.

Gleich den Brüdern hatte Gundel den Grills und Alette Amhag

nachgeblickt, solange sie nur ein Zipfelchen von ihnen sehen konnte.

Sie tat das ohne Neid über die Fröhlichkeit der andern, aber mit tiefer

Sehnsucht, auch einmal so in lustiger Gesellschaft dahinwandern zu

können. Ihr Leiden hatte sie zwar äußerlich scheu und verschlossen

gemacht, und wer das blasse Kind mit den ernsthaften großen Augen sah,

der ahnte gar nicht, in was für fröhlichen Gärten Gundel manchmal

spazierenging, Traumgärten, in denen sie heiter und schwatzlustig war.

Sie redete, wenn sie allein war, mit allen Dingen in Haus und Garten.

Da waren Bäume Märchenprinzen, Blumen feinliebe Elfenkinder, da war der

große Schrank ein alter König und die alte Standuhr eine kluge Fee. Sie

selbst war eine Prinzessin oder ein Gänsemädchen, manchmal auch eine

Mutter mit vielen Kindern, die schrecklich viel zu tun hatte, und die

ihren Kindern doch Geschichten erzählte.

Mitunter setzte Gundel ringsum Stühle, gab denen Namen, setzte sich

in die Mitte, erzählte Märchen oder hielt Schule ab. Einen alten

hochlehnigen Polsterstuhl, den sie besonders schön fand, nannte sie

immer Trinle Grill, denn in aller Heimlichkeit liebte Gundel das wilde,

frohe Nachbarskind, und bitter kränkte sie der Streit, den ihre Brüder

mit den Grills hatten.

An diesem Tage erhielt der Polsterstuhl einen feinen Nachbarn, einen,

auf dem ein gesticktes Kissen lag; den nannte Gundel Prinzessin Amhag

nach Alette, deren Vornamen sie noch nicht wußte.

Vor dieser Stuhlprinzessin machte Gundel gerade einen feierlichen

Knicks, sagte, sie wolle ihr eine sehr schöne Geschichte vorlesen,

als das wilde Brüllen der Brüder zu ihr herüberklang. Da lief sie

erschrocken, so schnell sie mit ihrem Hinkefüßchen laufen konnte,

dem Schreien nach, aber kurz vor dem Ziel hielt Mina sie fest: »Die

kriegen Schläge, Gundele, das ist ihnen arg gesund, du komm nur mit

mir! Verwunderlich ist's, wie ein solch brav Mädele zu solch unnütze

Brüderle kommt,« sagte sie. Mina meinte es gut mit Gundel, sie hatte

nur, genau wie Frau Hinz, zu wenig Zeit, sich viel um das stille Kind

zu kümmern.

Ein Weilchen blieb Gundel in der Küche, dann schlich sie sich davon und

suchte die Brüder auf. Sie öffnete sachte die Türe. Die beiden heulten

und stöhnten noch, aber nun schon mehr aus Langeweile als aus Schmerz.

Der Schwester Besuch kam ihnen sehr gelegen, und sie forderten: »Erzähl

uns was!«

Statt ihrer Stuhlgesellschaft erzählte nun Gundel den Brüdern ein

langes Märchen. Weil die immer viel haben wollten von allem, kamen

darin etliche Prinzessinnen und Könige vor, gleich ein halbes Dutzend

gute Feen und nicht ein, sondern drei Teufel. Der jüngste Teufel war

besonders schlimm, und Peter, dem es schon wieder ganz gut ging,

fragte: »Gelt, das Teufele heißt Herr Häferlein?«

»Eigentlich nicht,« sagte Gundel ganz erschrocken, denn sie fand Herrn

Häferlein viel zu nett und freundlich, um ein Teufele nach ihm zu

benennen.

»Eigentlich doch!« schrie Mathes. »Das ist fein! Mach fix, daß er

eingesperrt wird!«

Da ergab sich Gundel drein. Sie ließ das Teufele Häferlein zum Ergötzen

der Brüder noch allerlei schlimme Dinge erleben, und zuletzt geriet es

mit seinem Schwanz zwischen zwei schwere eiserne Torflügel, und da saß

es, konnte nicht heraus aus der Falle und mußte große Schmerzen leiden.

»Und wenn es nicht gestorben ist, dann sitzt es heute noch da,« schloß

Mathes sehr eigenmächtig die Geschichte. »Fein!«

»Ich hab Hunger,« rief Peter, der sehr geschwind aus der Märchenwelt in

den Alltag zurückfand. »Geh, Gundele, hol mir was!«

»Mir auch,« verlangte Mathes, und Gundel ging auch, den Wunsch der

beiden zu erfüllen. Unten fand sie Mina am Herd stehen, die briet

Hühner und sagte dabei kaltherzig: »Die Bübles müssen heute hungern,

das ist gesund. Ein Krankensüpple gibt's gleich, mehr nicht.«

Gundel schlich sich traurig wieder hinauf und verkündete beiden

mitleidig das harte Urteil. Das gab neues Jammergeschrei, und Mathes

rief bitterböse: »Daran ist Herr Häferlein schuld! Och, och, ich hab so

großen Hunger!«

»Mein Bauch tut so weh!« Peter stöhnte arg.

»Gerade darum ist das Süpple gut,« sagte von der Türe her die zweite

Sternmagd Käthle, die die Krankensuppe kochte.

»Er tut vor Hunger so weh!«

Aber Käthle ließ sich auf keine Verhandlung ein, und als Mathes schlau

fragte: »Kriegt Gundele ihr Abendessen net auch?« da antwortete sie

spöttisch: »Gundele ißt unten. Das wär was, hier oben eßt ihr ihr alles

weg, und sie bekommt nichts.«

»Gundele muß bleiben; wir haben so viel Sehnsucht nach ihr,« klagten

die beiden. »Gundele bleib!«

»Eure Sehnsucht, die kenn ich.« Käthle war genau so unbarmherzig wie

Mina, nichts rührte sie, auch Gundeles Bitten nicht, die wirklich gern

ihr Abendbrot den Brüdern geopfert hätte. Sie taten ihr so leid, und

sie folgte traurig der Magd. Die Buben aber löffelten trübselig ihre

Suppe aus, klagten sich noch eine Weile ihre Not, schalten auf Herrn

Häferlein, dem sie alle Schuld gaben, und schliefen dann ein. Als die

Mutter später noch nach ihnen sehen kam, da pusteten und schnarchten

sie wie zwei kleine Bären, nichts bedrückte sie mehr, nicht einmal die

ungemachten Schulaufgaben.

Am nächsten Morgen hatten dann Mathes und Peter die Sehnsucht nach

Gundel ganz vergessen, sie liefen der Schwester wie alle Morgen einfach

davon, und Gundel hinkte wieder einsam ihren Schulweg entlang. Die

Sternbuben rannten auch an diesem Morgen an Herrn Häferleins Laden

vorbei, und als der sie laufen sah, rief er ihnen spöttisch nach:

»Wollt ihr eine Zigarre? Hab schon gehört, daß euch der Stock gut

geschmeckt hat!«

Wart nur, Herr Häferlein! Mathes ballte drohend die Hand zur Faust,

und Peter tat es ihm nach. Beide sahen sich an, und beide nickten sich

vergnügt zu. Der Herr Häferlein sollte schon seine Strafe erhalten!

Fünftes Kapitel.

Spektakel auf der Löwengasse.

Fräulein Laura hat einen seltsamen Traum und ärgert sich über

Frau Tippelmann. Die Sternbübles kommen sehr geschwind aus

der Schule heim, und Herr Häferlein hat vielen Grund, sich zu

wundern. Einer hat es dem andern gesagt, aber die Schuldigen

werden erwischt. Warum Alette bittet und Herr Häferlein erst

traurig, dann wieder vergnügt ist.

Alette Amhag hatte die erste Nacht in dem alten Familienhaus tief

und fest geschlafen. Laura hatte sie am Abend noch ermahnt: »Achte

darauf, was du träumst. Träume der ersten Nacht im neuen Heim gehen in

Erfüllung.« Darauf hatte Frau Tippelmann ärgerlich gesagt: »Träume sind

Lügen, die sichtlich betrügen,« aber Alette hatte doch gedacht: Ich paß

auf. Doch als sie sich am nächsten Morgen schlaftrunken in dem ihr noch

so neuen Zimmer umsah, da wußte sie von keinem Traum der Nacht mehr.

Laura kam, um sie anzuziehen, und Alette ließ sich bedienen wie eine

richtige kleine Prinzessin, und dabei erzählte ihr Laura, sie hätte

geträumt, sie wäre in einem ganz wunderbaren Kleid, angetan mit vielem

Geschmeide, immer die Löwengasse auf und ab spaziert, und alle Leute

hätten geschrieen: Unsere Königin soll leben! »Ein feiner Traum, nicht

wahr?« sagte sie. »Aber in diesem dummen, alten Haus kann man sich

nicht einmal recht an seinen Träumen freuen.«

»Warum denn nicht?« fragte Alette, die diesen Traum sehr vergnüglich

fand.

»Ach,« brummte Laura unwirsch, »diese Frau Tippelmann mit ihren ewigen

Sprichwörtern verdirbt einem gleich den Spaß! Ich erzählte ihr meinen

Traum, da sagt sie: ›Träume machen weder reich noch satt!‹ Da habe ich

mich recht geärgert und gesagt: ›Na, Frau Tippelmann, Träume haben

manchmal ihre Vorbedeutung; wer weiß, was noch aus mir wird. Wenn auch

nicht gleich eine Königin, dann doch vielleicht eine sehr vornehme

Dame.‹ Und darauf erwiderte die Frau -- nein, ich sag's doch nicht, ich

schäme mich zu sehr.«

Rose, Linde und Silberner Stern: Erzählung für die Jugend · 第 4 / 11 题