-- indem sie sein Mitgefühl zu erregen versuchte. Er hörte ihre
rührendsten Vorstellungen mit der entmuthigendsten Höflichkeit und
Gleichmüthigkeit an. »»Es läuft Alles darauf hinaus,«« pflegte er
dann zu sagen, »»ob ich Stubbs entlassen muß, oder ihn behalten soll?
Stubbs ist die Seele der Pünktlichkeit, Ehrlichkeit und Wirksamkeit, --
durch und durch Geschäftsmann, und so menschlich, wie es alle Anderen
sind. Wir können nichts Vollkommenes haben; und wenn ich ihn behalte,
so muß ich die ganze Art und Weise der Verwaltung aufrecht erhalten,
selbst wenn dann und wann Dinge vorkommen, die nicht ganz zu billigen
sind. Jede Regierung muß nothwendig gewisse Härten mit sich führen.
Allgemeine Gesetze werden immer in gewissen einzelnen Fällen hart
erscheinen.«« Diese letztere Ansicht schien mein Vater in fast allen
Fällen von Grausamkeit als durchgreifend und beseitigend anzusehen.
Und nachdem er dies gesagt hatte, zog er gewöhnlich seine Füße auf
das Sopha, wie ein Mann, der ein Geschäft abgemacht hat, und begann
entweder ein Mittagsschläfchen, oder las die Zeitung, je nachdem die
Gelegenheit war.
Ohne Zweifel ist es, daß mein Vater eine Art Talent für einen
Staatsmann besaß. Er würde Polen eben so gleichmüthig wie eine Orange
zertheilt, und Irland eben so systematisch mit Füßen getreten haben,
wie irgend ein andrer lebender Mensch. Zuletzt gab meine Mutter alle
derartigen Versuche in Verzweiflung auf. Es wird nie früher bekannt
werden, als am Tage des Gerichts, was edle und fühlende Seelen, wie
die ihrige war, gelitten haben, wenn sie, gänzlich hülflos, in einen
Abgrund von Ungerechtigkeit und Grausamkeit geschleudert wurden, wo
Niemand sie verstand. Was blieb noch Anderes übrig, als zu versuchen,
ihre Kinder nach ihren Ansichten und Empfindungen zu erziehen? Allein
Du magst sagen über Erziehung was Du willst, Kinder entwickeln sich
hauptsächlich nur nach dem natürlich in ihnen vorhandenen Principe.
Alfred war von der Wiege an ein Aristokrat; und während er aufwuchs,
nahmen alle seine Gefühle und Gedanken instinktmäßig diese Richtung,
und alle Ermahnungen der Mutter gingen in den Wind. Was mich betrifft,
mir sanken sie tief in's Herz. Sie widersprach eigentlich nie einer
Aeußerung meines Vaters, und schien selbst nie durchaus verschiedener
Meinung von ihm zu sein; aber sie preßte, sie brannte in meine Seele
mit der ganzen Kraft ihres tiefen, ernsten Gemüthes die Idee von der
Würde und dem Werthe selbst der niedrigsten menschlichen Seele. Ich
habe mit heiliger Ehrfurcht in ihr Gesicht geschaut, wenn sie Abends
auf die Sterne deutete und zu mir sagte: »Sieh, dort, August! die
ärmste, niedrigste Seele in unserer Pflanzung wird leben, wenn alle
jene Sterne lange untergegangen sind, -- wir leben so lange, wie
Gott!««
»Sie hatte einige schöne, alte Gemälde, besonders eins, welches Jesus
darstellt, wie er einen Blinden heilt. Diese machten einen tiefen
Eindruck auf mich. »»Sieh', August,«« pflegte sie zu sagen, »»der
blinde Mann war ein Bettler, arm und abschreckend; deshalb wollte
er ihn nicht ~von fern~ heilen! Er rief ihn zu sich, und legte
~seine Hände auf ihn~! Gedenke dessen, mein Sohn!«« Wenn ich unter
ihrer Sorge hätte aufwachsen können, so würde sie mich vielleicht wer
weiß zu welchem Enthusiasmus angeregt haben. Ich wäre vielleicht ein
Heiliger, ein Reformator oder ein Märtyrer geworden; -- aber ach! ich
verließ sie, als ich dreizehn Jahre alt war, und sah sie nie wieder!«
St. Clare legte seinen Kopf in die Hand, und sprach mehrere Minuten
lang gar nicht. Endlich blickte er wieder auf, und fuhr fort:
»Was für ein armseliger Plunder diese ganze menschliche Tugend ist!
Ein Ding, das meistens nur von geographischer Länge und Breite, in
Verbindung mit natürlichem Temperamente, abhängt, und häufig ein bloßer
Zufall ist! Dein Vater, zum Beispiel, läßt sich in Vermont, in einer
Stadt, wo alle frei und gleich sind, nieder, wird ein ordnungsmäßiges
Mitglied der Kirche und Diakon, und tritt seiner Zeit in die
Gesellschaft für Abschaffung der Sklaverei ein, und hält uns nunmehr
alle für nichts Besseres als Heiden. Nichts desto weniger ist er in
Gesinnung und Gewohnheit nur ein Seitenstück meines Vaters. Ich sehe
gerade denselben starken herrischen Geist aus fünfzig verschiedenen
Stellen bei ihm herausblicken. Du weißt sehr wohl, wie unmöglich es
ist, irgend Jemanden in Eurem Dorfe davon zu überzeugen, daß Squire
St. Clare sich nicht über ihm fühle. Außer Zweifel ist es, daß er,
obgleich er in eine demokratische Zeit gefallen ist, und sich einem
demokratischen Systeme angeschlossen hat, dennoch im Herzen ebensosehr
Aristokrat ist, wie mein Vater, der über fünf bis sechs hundert Sklaven
herrschte.«
Miß Ophelia schien geneigt, diese Charakteristik anzugreifen, und legte
deshalb ihr Strickzeug nieder, um zu beginnen, allein er ließ sie nicht
dazu kommen.
»Ich weiß Alles, was Du sagen willst,« fuhr St. Clare fort. »Ich
behaupte nicht, daß Beide in der That ganz gleich waren; denn der Eine
war in Verhältnisse gefallen, wo Alles seiner natürlichen Neigung
entgegen strebte, und der Andre in solche, wo Alles dafür arbeitete;
und daher kam es, daß Jener ein ziemlich eigensinniger, derber,
anmaßender alter Demokrat, und Dieser ein eigensinniger alter Despot
wurde. Aber wenn beide Pflanzungen in Louisiana gehabt hätten, so
würden sie einander so ähnlich geworden sein, wie zwei Kugeln, die in
derselben Form gegossen worden sind.«
»Was für ein unehrerbietiger Sohn Du bist!« sagte Miß Ophelia.
»Ich meine nichts Unehrerbietiges,« sagte St. Clare; »übrigens weißt
Du, daß große Ehrerbietung nie meine starke Seite gewesen ist. Aber nun
zu meiner Geschichte zurück:
»Als mein Vater starb, ließ er sein ganzes Vermögen seinen beiden
Zwillingssöhnen, um es zwischen uns nach unserer eigenen Uebereinkunft
zu theilen. Es athmet auf Gottes weiter Erde kein edelherzigeres Wesen
als Alfred in seinem ganzen Verhältniß zu den ihm gleich Stehenden, und
wir wurden mit dieser Eigenthumsfrage ohne das geringste unbrüderliche
Wort oder Gefühl, schnell und leicht, fertig. Wir kamen überein, die
Plantage gemeinschaftlich zu bearbeiten, und Alfred, dessen ganzes
Wesen und Fähigkeiten doppelt so viel Kraft besaßen, als ich, wurde
ein leidenschaftlicher Pflanzer, und zwar mit dem günstigsten Erfolge.
Allein ein zweijähriger Versuch überzeugte mich vollkommen, daß ich
kein Theilhaber in einem derartigen Geschäfte sein könne. Eine Anzahl
von sieben hundert Sklaven zu besitzen, die ich nicht persönlich
kennen, und für die ich kein individuelles Interesse empfinden
kann, die gekauft, zusammengetrieben, unter Dach und Fach gebracht,
gefüttert und zur Arbeit angespannt werden, grade wie Hornvieh, -- die
~Nothwendigkeit~ der Vögte und Aufseher, die ewig erforderliche
Peitsche als erster, letzter und unaufhörlicher Hebel, -- das Ganze
wurde mir unerträglich zuwider und eckelhaft, und wenn ich daran
dachte, welchen Werth meine Mutter auf eine arme, menschliche Seele
gelegt hatte, so wurde es mir sogar schrecklich!
»Es klingt wie Unsinn in meinen Ohren, wenn mir Jemand davon spricht,
daß Sklaven diese und jene Genüsse haben! Bis auf den heutigen Tag
selbst verliere ich noch immer die Geduld, wenn ich das unerträgliche
Geschwätz mancher Eurer nördlichen Verfechter der Sklaverei höre,
die in ihrem Eifer unsere Sünden beschönigen wollen. Wir kennen das
besser. Sage mir Einer, daß irgend ein lebender Mensch jeden Tag
von der ersten Morgendämmerung bis in die sinkende Nacht, unter
dem fortwährend ihn beobachtenden Auge seines Herrn, an derselben
eintönigen, langweiligen Beschäftigung fortzuarbeiten bereit ist, ohne
dabei einen selbstständigen Willen auch nur im Geringsten äußern zu
dürfen, und zwar alles dies für nichts als zwei Paar Beinkleidern und
ein Paar Schuh jährlich, und eine solche Nahrung nebst Obdach, daß er
arbeitsfähig erhalten wird! Wer da glaubt, daß menschliche Wesen sich
unter solchen oder ähnlichen Verhältnissen wohl fühlen können, mag es
selbst versuchen. Ich möchte den Hund kaufen, und würde ihn mit dem
ruhigsten Gewissen an die Arbeit treiben!«
»Ich war immer der Meinung,« sagte Miß Ophelia, »daß Du, und Ihr alle
hier, diese Dinge gut hießet, und sie nach der Bibel für recht
hieltet.«
»Unsinn! So weit sind wir noch nicht gekommen. Selbst Alfred, der der
ausgemachteste Despot ist, denkt nicht an diese Art von Vertheidigung;
-- nein, er steht hoch und stolz auf dem guten, alten, achtungswerthen
Grunde, dem ~Rechte des Stärkeren~, und sagt, und zwar sehr
richtig wie ich glaube, daß der amerikanische Pflanzer nur dasselbe in
anderer Form thue, was die englische Aristokratie und Kapitalisten mit
den unteren Klassen thäten, nämlich, Fleisch und Bein, Leib und Seele
derselben zu ihrem Nutzen und zu ihrer Bequemlichkeit verwenden. Er
vertheidigt Beide, -- und ich glaube, wenigstens consequent. Er sagt,
es könne keine hohe Civilisation ohne Sklaverei der Massen geben. Es
müsse, sagt er, eine untere Klasse da sein für rohe, physische Arbeiten
und mit einer mehr thierischen Natur, damit eine höhere durch sie Muße
und Mittel zur Erhöhung der Intelligenz und Bildung erlange, und die
leitende Seele der unteren Klasse werde. Dies sind seine Gründe, weil
er, wie er sagt, ein geborener Aristokrat ist.«
»Wie in aller Welt können diese beiden Stände mit einander verglichen
werden?« sagte Miß Ophelia. »Der englische Arbeiter wird nicht
gekauft, nicht verkauft, nicht von seiner Familie gerissen, und nicht
gepeitscht.«
»Er hängt von dem Willen Desjenigen, der ihm Arbeit gibt, eben so
sehr ab, als wenn er ihm verkauft wäre. Der Sklavenhalter kann seinen
widerspenstigen Sklaven zu Tode peitschen lassen, -- der Kapitalist
kann seinen Arbeiter verhungern lassen, und was die Sicherheit der
Familie betrifft, so ist es schwer zu sagen, was schrecklicher ist,
seine Kinder verkauft, oder zu Hause verhungern zu sehen.«
»Aber es ist durchaus keine Entschuldigung für die Sklaverei, daß es
andere, eben so schlimme Verhältnisse gibt.«
»Ich gab es für keine Entschuldigung aus, -- ja, ich will sogar
einräumen, daß unsere Art und Weise der Beschränkung menschlicher
Rechte die dreistere und fühlbarere ist; weil, einen Menschen grade wie
ein Pferd kaufen -- seine Zähne, seine Glieder prüfen und untersuchen,
und danach den Preis bezahlen, -- Speculanten halten, Sklavenzüchter,
Händler und Mäkler in menschlichen Körpern und Seelen, -- das
ganze Verhältniß in einem noch grelleren Lichte vor die Augen der
civilisirten Welt bringt, obgleich im Ganzen genommen die Sache ihrem
Wesen nach dieselbe ist, das heißt, einen Theil der menschlichen Wesen
zum Nutzen und Vortheil eines anderen Theiles derselben, ohne Rücksicht
auf die Wohlfahrt der Ersteren, verwenden.«
»Ich habe die Sache nie zuvor in diesem Lichte betrachtet,« sagte
Ophelia.
»Wohl, ich bin ziemlich lange in England umhergereist, und habe genug
von dem Verhältniß der unteren Klassen gesehen, um Alfred nicht
widersprechen zu können, wenn er sagt, daß seine Sklaven besser daran
seien, als ein großer Theil der Bevölkerung von England. Du mußt
nämlich nach dem, was ich Dir gesagt habe, nicht glauben, daß Alfred
ein harter Herr ist, -- keineswegs. Er ist despotisch, unbarmherzig
gegen Insubordination; er würde einen Kerl, der sich ihm widersetzte,
eben so ruhig niederschießen wie einen Rehbock; aber er setzt im
Allgemeinen seinen Stolz darein, seine Sklaven gut genährt und gut
beherbergt zu sehen.«
»Wie kam es denn,« sagte Miß Ophelia, »daß Du Dein Pflanzerleben ganz
aufgabst?«
»Wohl, wir trabten eine Weile mit einander fort, bis endlich Alfred
deutlich genug sah, daß ich kein Pflanzer sei. Er hielt es für albern,
daß ich, nachdem er fortwährend geändert, reformirt und verbessert
hatte, um meinen Ideen zu genügen, immer noch unzufrieden war. Allein
dies hatte darin seinen Grund, daß ich die ganze Sache haßte, -- den
Gebrauch der Männer und Weiber, die Fortführung dieser Unwissenheit,
Brutalität und Laster, -- nur, um Geld für mich zu verdienen! Ueberdies
mischte ich mich fortwährend in die einzelnen Fälle. Da ich selbst
einer der trägsten Sterblichen bin, so hatte ich zu viel natürliche
Bruderliebe für die Trägen; und wenn arme, faule Bursche Steine in die
Baumwollenkörbe thaten, um ihr Gewicht schwerer zu machen, oder wenn
sie ihre Säcke mit Schmutz füllten, und obenauf nur Baumwolle legten,
so kam mir dies genau so vor, als wenn ich es in ihrer Stelle selbst
thun würde, so daß ich die armen Bursche deshalb nicht auspeitschen
lassen konnte und wollte. Die Folge davon war natürlich, daß alle
Disciplin in der Plantage aufhörte; und ich kam mit Alf ziemlich
auf denselben Punkt zu stehen, auf dem ich mit meinem Vater in
früheren Jahren gestanden hatte. Er sagte mir, daß ich ein weibischer
Sentimentalist sei, und nie für ein derartiges Geschäft passen würde,
und rieth mir deshalb, das in der Bank befindliche Vermögen mit dem
Familiensitz in New-Orleans zu übernehmen, und Gedichte zu schreiben,
während er die Plantage bewirthschaftete. So trennten wir uns und ich
kam hierher.«
»Aber weßhalb hast Du denn Deine Sklaven nicht freigelassen?« fragte
Ophelia.
»Ich weiß nicht, ich konnte mich nicht dazu verstehen. Sie zu halten,
um für mich Geld zu verdienen, war mir nicht möglich; -- allein sie
zu haben, um Geld mit ausgeben zu helfen, schien mir nicht ganz so
häßlich. Manche unter ihnen waren überdies alte Dienstboten des Hauses,
für die ich Anhänglichkeit fühlte, und die Jüngeren waren deren Kinder.
Alle waren auch mit ihrer Lage wohl zufrieden.«
Hier hielt er inne und schritt gedankenvoll im Zimmer auf und ab. Nach
einer Pause fuhr er fort:
»Es gab einmal in meinem Leben eine Zeit, wo ich Pläne und Hoffnungen
hegte, etwas mehr in dieser Welt zu sein, als ein bloßes Stück
Treibholz, das sich hin und her werfen läßt. Ich fühlte eine dunkle
Sehnsucht danach, ein Befreier zu werden, -- mein Geburtsland von
diesem Schandfleck zu reinigen. Ich glaube, alle jungen Männer haben
einmal solche Fieberanfälle gehabt, -- aber dann --«
»Weßhalb führtest Du es nicht aus?« sagte Miß Ophelia; »Du hättest
Deine Hand nicht an den Pflug legen sollen, und rückwärts blicken.«
»Ganz recht; aber es ging nicht mit mir, so wie ich erwartet hatte,
und ich verzweifelte am Leben wie Salomo. Ich glaube, es war bei uns
Beiden eine nothwendige Folge der Weisheit; kurz, statt eine handelnde
Person auf der Bühne der menschlichen Gesellschaft zu werden, und deren
Wiedergeburt zu bewirken, wurde ich nichts als ein Stück Treibholz,
das sich seitdem von Fluth und Ebbe hat umherwerfen lassen. Alfred
macht mir wohl Vorwürfe, so oft wir uns sehen, und er hat recht, denn
er steht wirklich über mir, -- er thut etwas, er wirkt. Sein Leben ist
eine logische Folge seiner Ansichten, während das meinige nichts als
ein verächtliches +non sequitur+ ist.«
»Mein lieber Vetter, kannst Du Dich mit einer solchen Rechtfertigung
zufrieden stellen?«
»Zufrieden stellen? Sagte ich Dir nicht eben, daß ich sie verachte?
Aber um auf diesen Punkt wieder zurückzukommen, -- wir sprachen von dem
Befreiungsgeschäfte. Ich glaube nicht, daß meine Ideen über Sklaverei
besonderer Art sind, denn ich finde Viele, die in ihren Herzen grade
ebenso empfinden wie ich. Das Land seufzt unter der Last, und so
schwer sie auch den Sklaven drückt, so leidet der Herr doch noch mehr
darunter. Es bedarf keiner Vergrößerungsgläser, um zu erkennen, daß
eine zahlreiche Klasse lasterhaften, sorglosen, entarteten Volkes ein
großes Uebel für uns ist. Die Aristokraten und Kapitalisten in England
können das nicht so empfinden wie wir, weil sie mit der Klasse, die
sie entarten, in keinen solchen Verkehr kommen wie wir. Sie sind in
unsern Häusern, sie sind die Gesellschafter unserer Kinder, und bilden
deren Geister schneller, als wir es können. Wenn Eva nicht mehr
Engel, als gewöhnliches Kind wäre, so würde sie ruinirt werden. Wir
könnten ebensowohl die Pocken unter ihnen grassiren lassen und glauben,
daß unsere Kinder nicht angesteckt werden sollten, wie sie in einem
unwissenden und lasterhaften Zustande lassen, und annehmen, daß unsere
Kinder davon nicht leiden werden. Allein unsere Gesetze verbieten
ganz ausdrücklich jede Art eines allgemeinen Erziehungssystemes für
dieselben, und zwar aus einem sehr weisen Grunde; denn habe nur erst
eine Generation gründlich erzogen, so würde die ganze Sache wie eine
Pulvermine in die Luft fliegen. Sie würden sich dann die Freiheit
nehmen, wenn wir sie ihnen nicht geben wollten.«
»Und was denkst Du denn, daß das Ende von dem Allen sein wird?« sagte
Ophelia.
»Ich weiß es nicht. So viel ist gewiß, -- daß eine Musterung der Massen
jetzt auf der ganzen Erde gehalten wird, und daß ein +dies irae+
früher oder später kommen muß. Es ist dasselbe in Europa, in England
und in Amerika. Meine Mutter pflegte mir von einem tausendjährigen
Reiche zu erzählen, das kommen, und wo Christus herrschen werde, und
alle Menschen frei und glücklich sein sollten. Und sie lehrte mich, als
ich ein Knabe war, beten: »»Dein Reich komme!«« Zuweilen ist mir, als
sei alles dieses Seufzen und Stöhnen eine Ankündigung dessen, was da
kommen müsse, wie sie mir sagte. Aber »»wer wird den Tag Seiner Zukunft
erleiden mögen?««
»Augustin, zuweilen denke ich, daß Du vom Reiche Gottes nicht sehr fern
bist,« sagte Miß Ophelia, während sie ihr Strickzeug niederlegte und
ihn mit tiefem Gefühle anblickte.
»Danke Dir für Deine gute Meinung; allein es geht mit mir auf und
nieder, -- aufwärts bis an die Himmelspforten in der Theorie, und
nieder in den Staub der Erde in der Ausübung. Aber da erschallt die
Glocke zum Thee! Komm! laß uns gehen, und sage nur nicht wieder, daß
ich nie in meinem Leben ein ernstes Gespräch geführt habe.«
Am Theetische erwähnte Marie des Vorfalles mit Prue. »Ich glaube,
Cousine,« sagte sie, »Sie werden uns hier für Barbaren halten.«
»Ich halte dieses Ereigniß allerdings für eine barbarische Handlung,«
entgegnete Ophelia; »allein ich glaube nicht, daß Sie alle Barbaren
sind.«
»Ich weiß,« sagte Marie, »daß es durchaus unmöglich ist, mit manchen
von diesen Geschöpfen fertig zu werden. Sie sind so schlecht, daß sie
nicht zu leben verdienen. Wenn sie sich ordentlich betrügen, würde so
etwas nicht vorkommen.«
»Aber, Mamma,« sagte Eva, »die arme Frau war unglücklich, deshalb hatte
sie sich dem Trunk ergeben.«
»Ach, Possen, als wenn das eine Entschuldigung wäre! Ich bin sehr oft
unglücklich. -- Ich glaube,« fügte sie sinnend hinzu, »daß ich größere
Leiden erduldet habe, als sie je empfunden hat. Es liegt nur daran,
daß sie alle so schlecht sind. Manche von ihnen lassen sich sogar
durch keinen Grad von Strenge bändigen. Ich besinne mich, Vater hatte
einen Mann, der so faul war, daß er stets davonlief, nur um der Arbeit
zu entgehen, und trieb sich dann in den Sümpfen umher, und stahl und
verübte Schändlichkeiten aller Art. Dieser Mensch wurde eingefangen und
gepeitscht, wieder und wieder, und es half alles nichts. Das letzte
Mal kroch er nur davon, denn er konnte nicht mehr gehen, und starb
im Sumpfe. Hier war nun gar kein Grund dazu vorhanden, denn Vaters
Arbeiter wurden alle sehr gut behandelt.«
»Ich habe einmal einen Burschen zu Paaren getrieben,« sagte St. Clare,
»an dem alle Aufseher und Herren ihre Kräfte vergeblich versucht
hatten.«
»Du?« sagte Marie; »ich möchte wohl wissen, wann Du je so Etwas
ausgeführt hättest!«
»Es war ein kräftiger, riesengroßer Kerl, -- ein geborener Afrikaner,
der den rohen Instinkt der Freiheit in einem ungewöhnlichen Grade in
sich trug, -- ein ächter afrikanischer Löwe. Sein Name war Scipio.
Niemand konnte etwas mit ihm anfangen, und er wurde deshalb von einem
Aufseher an den andern verkauft, und kam so endlich in Alfred's Hände,
weil dieser glaubte, er könne ihn bändigen. Wohl, eines Tages schlug
er den Aufseher zu Boden, und war fort in die Sümpfe. Ich befand mich
grade auf Alf's Plantage zum Besuch, denn es fand Statt, nachdem
wir unsere Geschäftsverbindung bereits aufgelöst hatten. Alfred war
aufgebracht im höchsten Grade; allein ich sagte ihm, daß es seine
eigne Schuld sei, und machte eine Wette mit ihm, daß ich den Menschen
bändigen wolle. Wir kamen endlich dahin überein, daß, wenn ich ihn
einfinge, ich ihn haben solle, um meinen Versuch an ihm zu machen. Es
wurde also eine Gesellschaft von sechs oder sieben Leuten mit Hunden
und Gewehren ausgewählt, und die Jagd begann. Ihr müßt wissen, daß
die Menschen mit demselben Eifer auf eins ihrer Mitgeschöpfe Jagd
machen, wie auf einen Rehbock, sobald es Gewohnheit geworden ist. Die
Hunde bellten und heulten, und wir streiften durch Busch und Wald,
und jagten ihn endlich auf. Er lief und sprang wie ein Rehbock, und
ließ uns eine lange Zeit hinter sich; allein endlich blieb er in einem
undurchdringlichen Rohrgebüsch stecken, und dann wandte er sich um, und
setzte sich zur Wehr, und kämpfte, versichere ich Euch, brav gegen die
Hunde. Rechts und links schmetterte er sie nieder, und tödtete drei
mit seinen bloßen Fäusten, als ein Schuß ihn zu Boden streckte, und er
verwundet und blutend beinahe dicht vor meinen Füßen zusammenstürzte.
Der arme Mensch schlug sein Auge mit männlicher Verzweiflung zu mir
auf. Ich hielt die Hunde und die übrigen Jäger zurück, als diese
herankamen, und sich um ihn drängten, und verlangte ihn als meinen
Gefangenen. Alles was ich thun konnte, war, daß ich sie verhinderte,
ihn in ihrer heftigen Aufregung niederzuschießen; allein ich bestand
auf mein Fangrecht, und Alfred verkaufte ihn an mich. Nunmehr fing ich
meine Kur mit ihm an, und in Zeit von vierzehn Tagen hatte ich ihn so
zahm und unterwürfig gemacht, wie man es nur wünschen konnte.«
»Was in aller Welt hast Du denn mit ihm gemacht?« fragte Marie.
»Es war ein sehr einfacher Prozeß. Ich nahm ihn in mein eignes Zimmer,
ließ ein gutes Bett für ihn herrichten, und verband seine Wunden, und
pflegte ihn selbst, bis er wieder aufstehen konnte; und nach einiger
Zeit ließ ich Freischeine für ihn ausfertigen, und sagte ihm, daß er
gehen könne wohin er wolle.«
»Und ging er?« fragte Miß Ophelia.
»Nein; der närrische Mensch riß die Papiere entzwei, und weigerte
sich durchaus, mich zu verlassen. Ich hatte nie einen besseren Diener
um mich, -- zuverlässig und treu wie Stahl. Er ging später zum
Christenthume über, und wurde so sanft wie ein Kind. Längere Zeit war
er Aufseher über meine Besitzung am See, und stand seinen Geschäften
musterhaft vor. Ich verlor ihn in der ersten Cholerazeit. Er opferte
eigentlich sein Leben für mich; denn ich war krank, beinahe todtkrank,
und als alle Anderen von Schrecken ergriffen flohen, blieb Scipio bei
mir allein zurück, und arbeitete an meinem Körper wie ein Riese, und
brachte mich richtig wieder in das Leben zurück. Aber der arme Mensch
wurde angesteckt, und es war keine Rettung für ihn. Nie habe ich einen
Verlust schmerzlicher empfunden, als diesen.«
Eva war allmählig näher und näher an ihren Vater herangekommen, als er
diese Geschichte erzählte, während ihre schmalen Lippen halb geöffnet
waren, und aus ihren großen, ernsten Augen das tiefste Interesse
sprach.
Als er geendet hatte, warf sie sich plötzlich um seinen Hals, brach in
Thränen aus, und schluchzte krampfhaft.
»Eva, liebes Kind! was ist Dir denn?« sagte St. Clare, während ihr
zarter Körper von der Heftigkeit ihrer Empfindungen bebte und flog.
»Dieses Kind,« fügte er hinzu, »müßte eigentlich nie so etwas hören, --
es ist zu nervenschwach.«
»Nein, Papa, ich bin nicht nervenschwach,« sagte Eva, plötzlich sich
sammelnd, mit einer für ein solches Kind wunderbaren Willenskraft. »Ich
bin nicht nervenschwach, aber solche Dinge ~sinken mir in's
Herz~.«
»Was meinst Du damit, Eva?«
»Ich kann es Dir nicht sagen, Papa; ich habe viele, viele Gedanken.
Vielleicht kann ich es Dir später einmal sagen.«
»Nun, so denke immer zu, Kind, -- nur weine und quäle Deinen Papa
nicht,« sagte St. Clare. »Sieh' hier, sieh', was für eine wunderschöne
Pfirsich ich für Dich habe!«
Eva nahm die Frucht und lächelte, obgleich um ihre Mundwinkel noch
immer ein fieberhaftes Zucken schwebte.
»Komm', sieh' hier den Goldfisch,« sagte St. Clare, ihre Hand nehmend,
und mit ihr auf die Veranda hinaustretend. Einige Augenblicke später
erscholl lautes Lachen durch die seidenen Gardinen, während Eva und ihr
Vater sich einander mit Rosen warfen, und sich durch die Baumgänge des
Hofes jagten.
* * * * *