Wir dürfen unsern Freund Tom über die Begebenheiten der höher Geborenen

nicht ganz vergessen. Wenn uns deshalb unsere Leser nach seinem

kleinen Verschlage über dem Stalle begleiten wollen, so können sie

etwas von seinen Angelegenheiten erfahren. Es war ein einfaches,

kleines Gemach, welches ein Bett, einen Stuhl, und ein rohes Gestell

enthielt, auf dem Toms Bibel und Gesangbuch lagen, und wo er jetzt

sitzt, mit seiner Tafel vor sich, in einer Beschäftigung begriffen,

die ihm schweres Nachdenken zu verursachen scheint. Toms Sehnsucht

nach Hause war nämlich so stark geworden, daß er sich von Eva einen

Bogen Briefpapier erbeten hatte, und unter Aufbietung seines gesammten

kleinen, wissenschaftlichen Schatzes, den er sich in Georg's Unterricht

erworben, die kühne Idee gefaßt hatte, einen Brief zu schreiben; und

jetzt grade war er beschäftigt, den ersten Entwurf dazu auf seiner

Tafel niederzuschreiben. Tom war in nicht geringer Verlegenheit, denn

er hatte die Figuren mancher Buchstaben ganz vergessen, und was er noch

wußte, verstand er nicht anzuwenden. Und während er sich abmühte, und

in seinem Eifer schwer athmete, stieg Eva wie ein Vogel hinter ihm auf

seinen Stuhl, und blickte über seine Schulter.

»O, Onkel Tom! was für sonderbare Figuren machst Du da!« sagte sie.

»Ich versuche, an meine arme, alte Frau zu schreiben, Miß Eva, und an

meine kleinen Kinder,« sagte Tom, während er mit der Kehrseite seiner

Hand über die Augen fuhr; »aber ich fürchte, ich werde nicht damit

fertig werden.«

»Ich wollte, ich könnte Dir helfen, Tom! Etwas schreiben kann ich.

Voriges Jahr konnte ich alle Buchstaben machen; aber ich fürchte, ich

habe sie wieder vergessen,« sagte Eva, indem sie ihren goldenen Kopf

dicht an den seinigen hielt, worauf Beide sodann, gleich eifrig und

gleich unwissend, das ernste Geschäft begannen, und unter vielfachen

Zweifeln und Berathungen von Wort zu Wort schritten, und sich lebhaft

über ihre Produktionen freuten.

»Ja, Onkel Tom, jetzt fängt es an, hübsch zu werden,« sagte Eva,

während sie mit Entzücken darauf blickte. »Wie Deine Frau sich freuen

wird, und die armen kleinen Kinder! O, es ist eine Schande, daß Du von

ihnen hast fortgehen müssen! Ich will nächstens Papa darum bitten, daß

er Dich zurückgehen lasse.«

»Missis sagte, sie wollte Geld für mich herunterschicken, sobald sie

es zusammenbringen könnten. Ich denke, sie wird es thun. Junge Master

Georg sagte, er wollte mich holen, und gab mir diesen Dollar zum

Zeichen,« erwiederte Tom, indem er den kostbaren Dollar unter seinen

Kleidern hervorzog.

»O, dann kommt er gewiß!« sagte Eva. »Ich freue mich so!«

»Und ich wollte gern einen Brief hinschicken, daß sie wissen, wo ich

bin,« sagte Tom, »und Chloë zu wissen thun, daß es mir gut geht, --

denn sie war so unglücklich, das arme Wesen!«

»Tom!« rief St. Clare's Stimme, der in diesem Augenblicke in die Thür

trat.

Tom und Eva sprangen auf.

»Was gibt's hier?« fragte St. Clare, indem er näher kam, und auf die

Tafel blickte.

»O, es ist Toms Brief. Ich helfe ihm schreiben,« sagte Eva, -- »ist es

nicht hübsch?«

»Ich will keinem von euch den Muth nehmen,« entgegnete St. Clare,

»aber ich denke, Tom, es wird besser sein, wenn ich den Brief für Dich

schreibe. Ich will es thun, wenn ich von meinem Spazierritt zu Hause

komme.«

»Es ist sehr nothwendig, daß er schreibt,« sagte Eva, »denn seine

Mistreß will Geld herunterschicken, um ihn auszulösen, -- verstehst Du,

Papa? sie hat ihm das versprochen.«

St. Clare dachte im Stillen, daß dies wahrscheinlich nichts als eine

solcher Verheißungen sei, die gutmüthige Herrschaften ihren Dienstboten

machen, um deren Schrecken vor dem Verkauftwerden zu mildern, ohne

wirklich die Absicht zu haben, diese Erwartung je zu verwirklichen;

aber er äußerte keine Bemerkung darüber, sondern befahl Tom nur, die

Pferde aus dem Stalle zu holen.

Toms Brief wurde an demselben Abende in bester Form geschrieben, und

auf die Post befördert.

Miß Ophelia fuhr inzwischen in ihren Haushaltungsarbeiten fort. Alle

Dienstboten, von Dinah abwärts bis zum jüngsten Zwerge, waren darüber

einverstanden, daß Miß Ophelia entschieden sehr »curios« sei, -- eine

Bezeichnung, durch welche die Dienstboten des Südens zu verstehen zu

geben pflegen, daß ihre respectiven Vorgesetzten ihnen nicht zusagen.

Der höhere Cirkel des Haushalts, -- wie Adolph, Jane und Rosa, -- waren

der Meinung, daß sie keine Dame sei, da Damen nie solche Arbeiten

verrichteten, wie sie, und daß sie auch gar nicht das Aeußere einer

Dame habe, und wunderten sich, daß sie überhaupt eine Verwandte St.

Clare's sein könne. Selbst Marie erklärte, daß es für sie in hohem

Grade ermüdend sei, die Cousine fortwährend so geschäftig zu sehen. Und

in der That war Miß Ophelia's Thätigkeit so ununterbrochen, daß sich

beinahe darin etwas Grund zur Klage finden ließ. Sie nähte vom Morgen

bis in die Nacht mit einem Eifer, als wäre ein besonders dringender

Grund dazu vorhanden; und wenn es dunkel wurde, und sie ihre Arbeit

zusammengelegt hatte, so kam im Nu der ewig bereite Strickstrumpf

zum Vorschein, und sie begann von Neuem mit demselben Eifer. Es war

wirklich eine Arbeit, ihr zuzusehen.

Onkel Tom's Hütte(#76640) · 第 13 / 13 段