»Kommen da nicht die weißen Menschen hin? Glaube, die würden mich da
gern haben. Nein, will ich lieber in die Hölle, -- fort von Master
und Missis, -- so ist's besser!« sagte sie, während sie mit ihrem
gewöhnlichen Stöhnen aufstand, den Korb auf den Kopf setzte und
mürrisch fort ging.
Tom wandte sich um und ging traurig nach dem Hause zurück. Im Hofe traf
er die kleine Eva, mit einem Kranz von Tuberosen auf dem Kopfe und vor
Freude strahlenden Augen.
»O Tom, da bist Du ja! Ich bin froh, daß ich Dich gefunden habe. Papa
sagt, du kannst die Ponys aus dem Stalle nehmen und meinen kleinen
neuen Wagen anspannen,« sagte sie, nach seiner Hand greifend. »Aber was
ist Dir denn, Tom? -- Du siehst ja so ernst aus.«
»Mir ist nicht wohl zu Muthe, Miß Eva,« sagte Tom traurig. »Aber ich
will die Pferde herausholen.«
»Nein, Tom, sage mir erst, was es ist. Ich sah Dich mit der bösen alten
Prue sprechen.«
Tom erzählte Eva in seiner schlichten, ernsten Weise die Geschichte des
Weibes. Sie ließ weder Ausrufungen hören, noch verwunderte sie sich,
oder weinte, wie andre Kinder thun. Aber ihre Wangen wurden bleich, und
ein tiefer, schattiger Ernst legte sich über ihre Augen. Sie drückte
beide Hände auf ihren Busen und seufzte tief.
Neunzehntes Kapitel.
Miß Ophelien's Erfahrungen und Ansichten.
(Fortsetzung.)
»Tom, Du brauchst die Pferde nicht herauszuholen, ich will nicht
fahren,« sagte Eva.
»Warum nicht, Miß Eva?«
»Diese Dinge sinken mir so in's Herz,« sagte Eva, -- »so tief in's
Herz,« wiederholte sie lebhaft. »Ich will nicht fahren;« und sie wandte
sich um und ging in's Haus.
Wenige Tage später kam an Prue's Stelle eine andre Frau, um Zwiebacke
zu bringen, während Miß Ophelia in der Küche anwesend war.
»Mein Gott!« sagte Dinah, »wo ist denn Prue?«
»Prue kommt nicht mehr,« sagte die Frau.
»Warum nicht?« fragte Dinah. »Sie ist doch nicht todt?«
»Weiß nicht genau; -- sie ist unten im Keller,« entgegnete die Frau,
mit einem Seitenblicke auf Ophelia.
Nachdem Miß Ophelia die gewöhnliche Anzahl Zwiebacke genommen hatte,
folgte Dinah dem Weibe bis vor die Thür.
»Was ist aus Prue geworden, -- was ist's?« fragte sie.
Die Frau schien sprechen zu wollen, aber sich zu fürchten, und sagte
endlich in leisem, geheimnißvollem Tone:
»Wohl, aber Du mußt Niemanden davon sagen. Prue, sie hatte sich wieder
betrunken, -- und da haben sie sie in den Keller gebracht, -- und da
den ganzen Tag gelassen, -- und ich hörte sagen, daß ~die Fliegen
schon an ihr wären, -- sie ist todt~!«
Dinah hob vor Entsetzen ihre Hände auf, und als sie sich umwandte,
gewahrte sie an ihrer Seite die geisterartige Gestalt Eva's stehen, aus
deren großen, tiefen Augen der Schrecken sprach, und aus deren Wangen
und Lippen jeder Blutstropfe gewichen war.
»Gott sei uns gnädig! Miß Eva wird ohnmächtig! Daß wir sie auch solche
Sachen hören lassen! Ihr Papa wird wahnsinnig werden!«
»Ich werde nicht ohnmächtig, Dinah,« sagte das Kind mit fester Stimme,
»und warum sollte ich's denn nicht hören? Es ist ja nicht für mich so
viel, es zu hören, wie für die arme Prue, es zu leiden.«
»Gottes willen! 's ist gar nichts für so zarte, junge Damen, wie Sie
sind, -- diese Geschichten nicht; 's ist genug, Einen umzubringen.«
Eva seufzte wieder tief und ging langsam und traurig die Treppe hinauf.
Miß Ophelia erkundigte sich eifrig nach dem Schicksale der Frau; worauf
Dinah eine sehr geschwätzige Uebersetzung derselben lieferte, zu der
Tom hinzufügte, was er an jenem Morgen aus ihrem eignen Munde gehört
hatte.
»Eine abscheuliche Geschichte, -- wirklich fürchterlich!« rief sie,
als sie in das Zimmer trat, wo St. Clare, auf dem Sopha liegend, die
Zeitung las.
»Nun, was für eine Schlechtigkeit ist denn schon wieder begangen
worden?« sagte er.
»Was? nun, jene Menschen haben das arme Weib, Prue, zu Tode
gepeitscht!« sagte Miß Ophelia, während sie das Gehörte, mit starker
Hervorhebung aller Einzelheiten, erzählte.
»Ich habe 's mir immer gedacht, daß es einmal so enden würde,« sagte
St. Clare, während er fortfuhr, die Zeitung zu lesen.
»Immer gedacht! -- willst Du denn nichts in der Sache thun?« fragte
Miß Ophelia. »Ist denn keine Obrigkeit hier, um solche Sachen zu
untersuchen?«
»Es wird gewöhnlich angenommen, daß das Interesse des eigenen
Eigenthums eine genügende Garantie in solchen Fällen sei. Wenn Leute
ihr eigenes Besitzthum zu Grunde richten wollen, so weiß ich wirklich
nicht, was da zu thun ist. Es scheint, das arme Geschöpf hatte die
Laster des Stehlens und Trinkens und deshalb ist schwache Hoffnung
vorhanden, irgendwo Sympathie für sie erwecken zu können.«
»Es ist wirklich empörend, -- es ist schrecklich, Augustin! Es muß
Gottes Rache auf Dich herabrufen!«
»Meine liebe Cousine, ich habe es ja nicht gethan, und ich kann es
nicht ändern; -- könnte ich, so würde ich es thun. Wenn niedrige,
viehische Seelen so handeln wollen, was soll ich thun? Sie haben
vollständige Gewalt, und sind Despoten ohne Verantwortung. Jede
Einmischung würde vergeblich sein, denn es existirt kein praktisch
anwendbares Gesetz für solche Fälle. Das Beste, was wir thun können,
ist, unsere Augen und Ohren zu schließen und uns nicht darum zu
bekümmern. Das ist der einzige Weg, der uns bleibt.«
»Wie kannst Du Deine Augen und Ohren schließen wollen? Wie kannst Du um
solche Sachen unbekümmert bleiben wollen?«
»Mein liebes Kind, was verlangst Du von mir? Hier ist eine ganze Klasse
von Wesen, -- unerzogen, träg, verderbt, -- ohne Beschränkungen und
Bedingungen in die Macht solcher Menschen gegeben, die so sind, wie
der größere Theil der Welt ist, die weder Rücksichten noch Mäßigung
kennen, und nicht einmal ihr eigenes Interesse richtig zu beurtheilen
wissen; -- denn das ist der Fall bei der größeren Hälfte aller lebenden
Menschen. Was kann nun ein Mann, der bessere menschliche Empfindungen
hat, in einer auf diese Weise organisirten bürgerlichen Gesellschaft
anders thun, als seine Augen schließen und sein Herz hart werden
lassen? Ich kann nicht jeden Elenden und Unglücklichen kaufen, den ich
sehe. Ich kann kein fahrender Ritter werden, um jeden einzelnen Akt von
Ungerechtigkeit in einer Stadt wie diese zu verhindern. Alles, was ich
thun kann, ist, derartigen Dingen möglichst aus dem Wege zu gehen.«
St. Clare's schönes Gesicht war einen Augenblick finster; er schien
empfindlich erregt; aber schnell wieder ein heiteres Lächeln annehmend,
fügte er hinzu:
»Komm, Cousine, stehe nicht da wie eine der Schicksalsgöttinnen; Du
hast nur einen flüchtigen Blick durch den Vorhang gethan, fast nur ein
Beispiel dessen gesehen, was in einer oder der andern Gestalt auf der
ganzen Erde vorgeht. Wenn wir alles Elend des Lebens untersuchen und
prüfen wollten, so würden wir am Ende für nichts mehr ein Herz haben.
Es ist gerade eben so, als wenn Du zu genau in die Einzelheiten von
Dinah's Küche blickst,« sagte St. Clare, während er sich zurücklegte
und seine Zeitung wieder aufnahm.
Miß Ophelia setzte sich nieder, zog ihr Strickzeug hervor und begann
mit Aerger und Unwillen daran zu arbeiten.
»Augustin, ich sage Dir, ich kann über diese Dinge nicht so hingehen
wie Du,« begann sie nach einiger Zeit wieder. »Es ist ganz abscheulich
von Dir, ein solches System zu vertheidigen; -- das ist ~meine~
Meinung!«
»Was nun?« sagte St. Clare aufblickend. »Fängst Du von Neuem davon an?«
»Ich sage, es ist ganz abscheulich von Dir, ein solches System zu
vertheidigen!« erwiederte Ophelia mit zunehmender Wärme.
»Ich -- vertheidigen? Wer hat je behauptet, daß ich es vertheidige?«
sagte St. Clare.
»Natürlich vertheidigst Du es, -- Ihr thut es alle hier im Süden.
Weshalb haltet Ihr Sklaven, wenn Ihr es nicht thut?«
»Bist Du denn noch so unschuldig zu glauben, daß Niemand in der Welt
jemals Etwas thut, was er nicht für recht hält? Thust Du oder hast Du
nie Etwas gethan, was Du nicht für streng recht hieltest?«
»Wenn ich es thue, so bereue ich es, hoffe ich,« entgegnete Miß
Ophelia, während sie mit ihren Nadeln eifrig fortrasselte.
»Das thue ich auch,« sagte St. Clare, eine Orange abschälend, »ich
bereue es unaufhörlich.«
»Weshalb fährst Du denn aber dann damit fort?«
»Hast Du denn niemals dasselbe wieder gethan, meine gute Cousine, was
Du bereut hast?«
»Nur, wenn die Versuchung für mich zu stark war,« sagte Miß Ophelia.
»Siehst Du, das ist gerade bei mir der Fall, die Versuchung ist für
mich zu stark,« erwiederte St. Clare, »das ist die Schwierigkeit.«
»Aber ich nehme mir jedes Mal vor, es nicht wieder zu thun, und ich
gebe mir Mühe, es zu unterlassen.«
»Gut, ich habe 's mir seit zehn Jahren immer und immer wieder
vorgenommen,« sagte St. Clare, »aber ich weiß nicht, es ist nie ganz
dahin gekommen. Bist Du, liebe Cousine, von allen Deinen Sünden rein
geworden?«
»Cousin Augustin,« sagte Miß Ophelia ernsthaft, indem sie ihr
Strickzeug niederlegte, »ich weiß, daß ich Deinen Tadel meiner
Schwächen wohl verdiene. Ich weiß, daß Alles, was Du sagst, nur zu
wahr ist, -- Niemand fühlt das mehr als ich; aber dennoch glaube ich,
daß zwischen Dir und mir einiger Unterschied vorhanden ist. Ich würde
mir lieber meine rechte Hand abhauen lassen, als Tag für Tag mit dem
fortfahren, was ich für unrecht halte. Allein meine Handlungsweise ist
freilich so wenig übereinstimmend mit meinen Grundsätzen, daß ich mich
über Deinen Tadel nicht wundere.«
»O Cousine,« sagte Augustin, indem er sich auf den Fußboden vor sie
setzte, und seinen Kopf rückwärts in ihren Schooß legte, »ich bitte
Dich, fange nur nicht an, die Sache so schrecklich ernsthaft zu nehmen!
Du weißt ja, was ich immer für ein Taugenichts, für ein ungezogener
Junge gewesen bin. Ich will Dich ja nur necken, -- das ist Alles, -- um
zu sehen, wie Du ernsthaft wirst. Ich weiß ja, Du bist zum Verzweifeln
gut; -- es ist mir peinlich, nur dran zu denken.«
»Aber es ist ein ernster Gegenstand, mein August,« sagte Miß Ophelia,
ihre Hand auf seine Stirne legend.
»Schrecklich ernst,« entgegnete er, »und ich -- ach ich kann nie
ernsthaft reden, wenn es so heiß ist. Die Fliegen und alles das
lassen einen Menschen gar nicht zu einer moralischen Höhe der
Gefühle gelangen; -- und ich glaube wahrhaftig,« fügte er, plötzlich
aufstehend, hinzu, »das ist eine richtige Theorie! Ich sehe jetzt
deutlich ein, weshalb ihr nördlichen Völker immer tugendhafter seid als
die südlichen, -- jetzt ist mir Alles klar.«
»O August, Du bist ein Wirbelkopf!«
»Wirklich? Wohl, mag sein; aber jetzt will ich einmal ernsthaft
reden; -- aber Du mußt mir den Korb mit Orangen dort geben, wenn ich
den Versuch machen soll. -- Also,« fuhr er fort, während er den Korb
an sich zog, -- »ich will jetzt anfangen: -- wenn es im Laufe der
menschlichen Begebenheiten nothwendig wird, daß ein Mensch zwei oder
drei Dutzend seiner Mitwürmer in Gefangenschaft halte, so erfordert
eine billige Rücksicht auf die Meinungen der menschlichen Gesellschaft
--«
»Ich sehe nicht, daß Du anfängst, ernsthaft zu reden,« unterbrach ihn
hier Miß Ophelia.
»Warte einen Augenblick, -- ich komme dahin, -- Du wirst es gleich
hören. Mit einem Worte, Cousine,« sagte er, während sein schönes
Gesicht plötzlich einen ernsten Ausdruck annahm, »es kann meiner
Ansicht nach über diese Sklavenfrage nur eine Meinung geben.
Plantagenbesitzer, die Geld dabei verdienen können, -- Geistliche, die
den Meinungen der Pflanzer huldigen müssen, -- Politiker, die dadurch
die Herrschaft erlangen wollen, mögen die Sprache und alle ethische
Lehren drehen und wenden, daß alle Welt über ihre Geschicklichkeit
erstaunt, sie mögen die Natur und die Bibel mit zu ihrem Dienste
zwingen, -- so glaubt dennoch weder einer von ihnen noch die Welt an
eine Sylbe ihrer ganzen Theorie. Mit einem Worte, es kommt vom Teufel,
und ich denke, es ist ein recht hübsches Beispiel von dem, was er in
~seiner~ Weise thun kann.«
Miß Ophelia hielt mit Stricken inne und blickte erstaunt auf St. Clare,
und dieser, der sich ihrer Verwunderung zu freuen schien, fuhr fort:
»Du scheinst Dich zu wundern, aber wenn Du mich ganz hören willst,
so will ich mit der Sprache frei heraus gehen. Dieses verfluchte
Geschäft, von Gott und Menschen verflucht, -- was ist es? Reiße allen
Schmuck herunter, der darum hängt, gehe auf die Wurzel des Ganzen und
was ist es? -- Weil mein Bruder Quashy unwissend und schwach ist, und
ich klug und stark bin, -- weil ich Macht und Verstand genug habe, es
auszuführen, -- deshalb darf ich ihm Alles stehlen, was er hat, es
behalten und ihm nur grade so und so viel davon geben, als mir gefällt.
Was zu schwer, zu schmutzig, zu unangenehm für mich ist, Quashy muß es
thun. Weil ich nicht gern arbeite, so muß Quashy arbeiten. Weil die
Sonne mich zu sehr brennt, so mag Quashy in der Sonne stehen. Quashy
soll das Geld verdienen und ich will es ausgeben. Quashy soll thun,
was ich will, und nicht was er will, all' sein Leben lang, und endlich
so viel Aussicht auf den Himmel haben, als ich für gut befinde. Das
ist's ungefähr, worin die Sklaverei besteht. Ich möchte Den sehen,
der unsere Gesetzgebung über die Sklavenverhältnisse liest, wie sie
niedergeschrieben ist, und mir etwas Anderes daraus machen kann. Sprich
mir von den Mißbräuchen der Sklaverei! Unsinn! Das ganze System selbst
ist die Quintessenz alles Mißbrauches! Und der einzige Grund, weshalb
das Land nicht darunter zusammensinkt wie Sodom und Gomorra ist der,
daß das Uebel selbst in einer viel gelinderen Weise angewendet wird,
als es zuläßt. Aus Mitleid, aus Scham, weil wir vom Weibe geborene
Wesen und nicht wilde Thiere sind, wagen Viele nicht die volle Gewalt
zu gebrauchen, die unsere barbarischen Gesetze in unsere Hände legen.
Und selbst wer am weitesten geht und die äußerste Härte ausübt, bedient
sich der ihm gegebenen Macht nur innerhalb der gesetzlichen Gränzen.«
St. Clare war während dieser Rede aufgestanden, und schritt, wie er
gewöhnlich zu thun pflegte, wenn er sich in Aufregung befand, lebhaft
im Zimmer auf und ab. Sein schönes Gesicht, klassisch wie das einer
griechischen Statue, glühte in der Wärme seiner Empfindungen, seine
großen blauen Augen flammten, und aus allen seinen Bewegungen sprach
eine sich selbst unbewußte Lebhaftigkeit. Miß Ophelia hatte ihn nie
zuvor in einer solchen Stimmung gesehen und war völlig stumm vor
Ueberraschung.
»Ich versichere Dich,« sagte er, plötzlich vor seiner Cousine stehen
bleibend, -- »es ist nicht meine Gewohnheit, viel über diesen
Gegenstand zu sprechen und zu denken, -- aber ich versichere Dich, es
hat Zeiten gegeben, in denen ich gedacht habe, daß, wenn das ganze Land
versinken wollte, um alle seine Ungerechtigkeit und sein Elend vor dem
Tageslichte zu verbergen, ich willig mit versinken würde. Wenn ich
während meiner vielfachen Reisen den Fluß auf und ab oft beobachtete,
wie jeder viehische, widrige, gemeine, niedrige Kerl, den ich traf,
durch unsere Gesetze die Freiheit genoß, der absolute Despot von
ebenso viel Männern, Weibern und Kindern zu werden, als er Geld genug
zusammen stehlen oder betrügen konnte, um zu kaufen; -- und wenn ich
solche Menschen als wirkliche Eigenthümer hülfloser Kinder, junger
Mädchen und Frauen sah, so hätte ich mein Vaterland, ich hätte das
ganze menschliche Geschlecht verfluchen mögen!«
»Augustin! -- Augustin!« sagte Miß Ophelia, -- »Du hast vollkommen
genug gesagt. Nie in meinem Leben habe ich so Etwas gehört, selbst im
Norden nicht.«
»Im Norden!« sagte St. Clare mit plötzlich verändertem Tone. »Puh! Ihr
Nordländer habt alle kaltes Blut: -- Ihr seid kalt in allen Dingen! Ihr
könnt nicht einmal kräftig fluchen, wie wir, wenn's Noth thut.«
»Nun, aber die Frage ist,« sagte Miß Ophelia, --
»Ganz richtig, ~die Frage~ ist, -- und eine verteufelte Frage
ist es! -- wie kamen wir in diesen Zustand von Sünde und Elend? Wohl,
ich will Dir mit den guten, alten Worten darauf antworten, die Du mir
Sonntags zu lehren pflegtest: »Ich kam dahin durch natürliche Abkunft.«
Meine Sklaven gehörten meinem Vater, und was noch mehr ist, meiner
Mutter; und jetzt gehören sie mir, mit allem ihrem Zuwachs, der nicht
unbedeutend ist. Mein Vater, wie Du weißt, kam von Neu-England, und
war grade so ein Mann, wie Dein Vater, -- ein ächter, alter Römer, --
aufrichtig, energisch, edelherzig und mit eisernem Willen. Dein Vater
ließ sich in Neu-England nieder, um über Felsen und Steine zu herrschen
und der Natur eine Existenz abzugewinnen; und der meinige ließ sich in
Louisiana nieder, um über Männer und Weiber zu herrschen und durch sie
eine Existenz zu gewinnen. Meine Mutter,« sagte St. Clare, auf ein am
andern Ende des Gemaches befindliches Gemälde zugehend und es mit dem
Ausdrucke der innigsten Verehrung in seinen Zügen betrachtend, »sie war
göttlich! -- Sieh mich nicht so an, Cousine! Du weißt, was ich meine.
Sie war natürlich sterblichen Ursprungs, allein, so weit ich sehen
konnte, war keine Spur menschlicher Schwäche oder menschlichen Irrthums
an ihr zu finden; und Jeder, der sich ihrer erinnern kann, gleichviel,
ob Sklave oder Freier, Freund oder Verwandter, sagt dasselbe. Glaube
mir, Cousine, diese Mutter allein schützte mich jahrelang gegen
gänzlichen Unglauben. Sie war eine wahrhafte Verkörperung des Neuen
Testaments, -- ein lebendiges Beispiel, das sich durch nichts Anderes
erklären ließ, als durch seine Wahrheit. O Mutter! Mutter!« rief St.
Clare, seine Hände in einer Art Entzückung faltend; und dann plötzlich
sein Gefühl unterdrückend, kam er zurück, setzte sich auf den Sopha und
fuhr fort:
»Mein Bruder und ich waren Zwillingsbrüder. Man sagt gewöhnlich, daß
Zwillinge einander ähnlich sein müssen; allein wir waren verschieden
von einander in fast allen Beziehungen. Er hatte dunkle, feurige Augen,
rabenschwarzes Haar, ein schönes römisches Profil und eine üppige,
bräunliche Farbe. Ich hatte blaue Augen, blondes Haar, griechische
Züge und helle Farbe. Er war thätig und beobachtend, ich träumerisch
und träge. Er war edelmüthig gegen seine Freunde und Personen seines
Standes, aber stolz, herrschsüchtig und anmaßend gegen Untergebene,
und unbarmherzig gegen Jeden, der es wagte, ihm Widerstand zu leisten.
Wahrhaft waren wir beide, er aus Stolz und Muth, ich aus einer Art
abstrakter Idealität. Wir liebten uns gegenseitig so wie Knaben
gewöhnlich thun, -- dann und wann, und im Allgemeinen; -- er war meines
Vaters Liebling und ich der meiner Mutter.
»Es war mir damals eine Art krankhafter Reizbarkeit des Gefühls eigen,
die weder er noch mein Vater verstanden, und für die sie deshalb auch
keine Sympathie hatten. Aber meine Mutter hatte sie, -- und wenn ich
deshalb mit Alfred Streit gehabt hatte, und der Vater mich finster
anblickte, so ging ich nach dem Zimmer meiner Mutter und setzte mich
zu ihr. Ich erinnere mich ihres Anblicks noch ganz deutlich, mit ihren
bleichen Wangen, ihren tiefen, sanften, ernsten Augen, ihrer weißen
Kleidung, -- sie trug immer Weiß; und ich pflegte stets an sie zu
denken, wenn ich in der Offenbarung Johannis von den Engeln las, die in
reiner, weißer Leinwand gekleidet waren. Sie hatte großes Talent für
Musik, und pflegte an ihrer Orgel zu sitzen und schöne alte Chorale der
katholischen Kirche zu spielen und mit einer Stimme zu singen, die mehr
der eines Engels als eines irdischen Weibes glich; und dann legte ich
meinen Kopf in ihren Schooß, und weinte, und träumte, und fühlte -- o,
Dinge, die ich nicht auszudrücken vermochte!
»Zu jener Zeit wurde über Sklaverei nicht so viel gesprochen, wie
jetzt: Niemand dachte daran, daß Unrecht darin läge. Mein Vater war
ein geborener Aristokrat. Ich glaube, in einer früheren Existenz muß
er den Cirkeln höherer Geister angehört, und jetzt alle den alten
Hofstolz mitgebracht haben; denn dieser war tief begründet in seinem
ganzen Wesen, obgleich er der Sohn armer und keineswegs vornehmer
Eltern war. Mein Bruder war sein treues Abbild. Ein Aristokrat hat
nun auf der ganzen Erde, wie Du weißt, über eine gewisse Linie hinaus
durchaus keine menschlichen Sympathieen mehr. In England ist diese
Linie anders gezogen als in Birmanien, und in Amerika wieder anders;
aber der Aristokrat aller dieser Länder geht nie darüber hinaus. Was
in seiner Klasse als Druck und Ungerechtigkeit angesehen werden würde,
ist natürlich ein gleichgültiger Gegenstand in einer andern. Die
Gränzlinie meines Vaters war die Farbe. Unter seines Gleichen konnte
Niemand gerechter und edelmüthiger sein als er war; allein die Neger
sah er durch alle mögliche Abstufungen der Farbe als nichts Anderes
als einen Uebergang vom Menschen zum Thiere an. Ich glaube gewiß,
wenn ihn Jemand grade heraus gefragt hätte, ob dieselben menschliche,
unsterbliche Seelen hätten, so würde er nur stammelnd und stotternd
Ja gesagt haben. Allein mein Vater war ein Mann, der sich nicht viel
um das Geistige kümmerte, und religiöse Gefühle gar nicht besaß,
ausgenommen eine Verehrung für Gott, als entschieden das Oberhaupt
aller höheren Klassen.
»Wohl, mein Vater ließ etwa fünfhundert Neger arbeiten. Er war ein
unbiegsamer, vorwärts strebender, pünktlicher Geschäftsmann; Alles war
bei ihm in ein System gebracht und mußte mit äußerster Genauigkeit
darin erhalten werden. Wenn Du nun bedenkst, daß alle Geschäfte nur
durch eine Anzahl fauler, schwatzhafter, nachlässiger Arbeiter besorgt
wurden, die ihr ganzes Leben lang jedem Motive fremd geblieben waren,
etwas Anderes zu lernen, als zu »gaunern«, wie Ihr es in Vermont
nennt, so wirst Du begreifen, daß in seiner Pflanzung nothwendig viele
Dinge sein und geschehen mußten, die einem reizbaren Kinde, wie mir,
schrecklich vorkamen. Ueberdies hatte er einen Aufseher, -- einen
großen, vierschrötigen Renegatensohn von Vermont, -- mit Verlaub
zu sagen -- der seine förmliche Lehrzeit in Härte und Brutalität
durchgemacht, und seine Prüfung bestanden hatte. Meine Mutter konnte
ihn nie leiden und ich ebenso wenig; allein er gewann eine völlige
Herrschaft über meinen Vater; und dieser Mensch war der absolute Despot
auf unserer Besitzung.
»Ich war damals noch ein kleiner Bursche, aber hatte dieselbe Vorliebe
wie jetzt für alles Menschliche, -- eine Art Leidenschaft, die
Menschheit zu studieren, gleich viel, in welcher Gestalt sie sich
darbot. Ich war viel in den Hütten und unter den Feldarbeitern, und war
natürlich ein großer Liebling. Alle Arten von Klagen und Beschwerden
wurden in mein Ohr geflüstert, die ich meiner Mutter hinterbrachte, und
zu deren Abhülfe wir eine Art Comité bildeten. Wir verhinderten auf
diese Weise viel Grausamkeit, und wünschten uns Glück, so viel Gutes
wirken zu können, bis, wie es oft geschieht, mein Eifer zu weit ging.
Stubbs beschwerte sich bei meinem Vater, daß er die Arbeiter nicht
mehr in Ordnung halten könne, und seine Stellung aufzugeben genöthigt
sei. Mein Vater war ein zärtlicher, nachgiebiger Gatte, der sich aber
vor Nichts scheute, was er für nothwendig erachtete; und so stellte
er ohne Weiteres seinen Fuß, wie einen Felsen, zwischen uns und die
Feldarbeiter. Er sagte meiner Mutter in der achtungsvollsten Weise,
aber auch ebenso bestimmt, daß sie über die Haussklaven vollständige
Herrin sei, aber daß er durchaus keine Einmischung von ihrer Seite in
die Verhältnisse der Feldarbeiter erlauben könne. Er achtete und ehrte
sie mehr als alle anderen lebenden Wesen; aber er würde dasselbe auch
der Jungfrau Maria gesagt haben, wenn sie seinem Systeme irgendwie
hinderlich geworden wäre.