rauchte in erhabener Ruhe fort, und beobachtete ihre Bewegungen nur
mittelst eines schielenden Blickes aus der einen Ecke ihres Auges,
während sie scheinbar die um sie herum vorgehenden Beschäftigungen
beobachtete.
Miß Ophelia begann damit, eine in der Küche befindliche Kommode zu
öffnen.
»Wozu ist diese Kommode bestimmt, Dinah?« fragte sie.
»Für Alles, Missis,« entgegnete Dinah.
So schien es; denn von den verschiedenartigen Artikeln, die sie
enthielt, zog Miß Ophelia zunächst ein damastenes, mit Blut beflecktes
Tischtuch hervor, welches augenscheinlich dazu benutzt worden war,
rohes Fleisch einzuwickeln.
»Was ist das, Dinah? Du wickelst doch nicht Fleisch in die besten
Tischtücher Deiner Mistreß ein?«
»O Herr, nein, Missis, -- es waren gerade keine andere Tücher da, und
so that ich es. Ich legte 's nur dahin, daß es gewaschen werden sollte,
-- deshalb.«
»Unordnung!« sagte Miß Ophelia zu sich selbst, während sie fortfuhr,
die Kommode umzurühren, wo sie dann ein Reibeisen für Muskatennüsse,
zwei oder drei Nüsse, ein methodistisches Gesangbuch, ein Strickzeug
mit Garn, ein Papier mit Tabak, eine Pfeife, zwei vergoldete
Porcellantassen mit Pommade darin, verschiedene alte Schuhe, ein Stück
Flanell, sorgfältig zusammengesteckt, mit einigen weißen Zwiebeln
darin, mehrere damastene Servietten, einige grobe Küchenhandtücher,
Stopfnadeln und Zwirn, und verschiedene durchbrochene Stücke Papier mit
Küchenkräutern vorfand, die sich in der Kommode verbreiteten.
»Wo bewahrst Du Deine Muskatennüsse auf, Dinah?« sagte Miß Ophelia mit
einer Miene, die das Ende ihrer Geduld verrieth.
»Wo es ist, Missis; -- hier sind ein paar, in der zerbrochenen
Theetasse, und da welche in dem Schranke.«
»Hier sind einige in dem Reibeisen,« sagte Miß Ophelia, sie
emporhaltend.
»O ja, -- hab' sie da heut früh hin gethan, -- habe gern meine Sachen
bei der Hand,« sagte Dinah. »Du, Jake, warum thust Du nichts? Du wirst
es kriegen! -- Still da!« fügte sie mit einer merklichen Handbewegung
nach dem Verbrecher hinzu.
»Was ist dies?« fragte Miß Ophelia, eine Tasse mit Pommade
emporhaltend.
»O mein Gott, 's ist mein Haarfett; -- hab's dahin gethan, um 's bei
der Hand zu haben.«
»Gebrauchst Du die besten Tassen Deiner Mistreß zu diesem Zwecke?«
»O Missis, -- war in solcher Eile, -- gejagt, -- wollt's heut noch
wegthun.«
»Hier sind zwei damastene Servietten.«
»Die Servietten -- die hab' ich da hingethan, -- sollten nächster
Gelegenheit gewaschen werden.«
»Hast Du denn keinen andern Ort zur Aufbewahrung derjenigen Stücke,
welche gewaschen werden sollen?«
»Ja, Master hat den Kasten da machen lassen dazu,« sagte sie, »aber ich
mache gern Zwieback drauf, und habe meine Sachen da; und dann ist es so
umständlich, immer den Deckel aufzuheben.«
»Warum machst Du nicht Deinen Zwieback auf dem Backtische dort, der
dazu bestimmt ist?«
»O Missis, der steht so voll von Geschirr, und Tellern, und Allem, da
ist ja kein Platz nie --«
»Aber warum wäschest Du Dein Geschirr nie, und schaffest es bei Seite?«
»Mein Geschirr waschen!« sagte Dinah in einem hohen Tone, während ihr
Zorn rege zu werden begann, und sie ihre gewöhnliche Unterwürfigkeit
im Benehmen vergessen ließ; -- »was verstehen Damen von Arbeit, möchte
ich wissen? -- Wenn soll denn Master sein Essen bekommen, wenn ich die
ganze Zeit Geschirr waschen und wegschaffen soll? Miß Marie hat mir nie
so 'was gesagt.«
»Was machen denn diese Zwiebeln hier?« fragte Ophelia weiter, das Stück
Flanell hervorziehend.
»Sieh! sieh! ja!« sagte Dinah, »da ist's, wo ich sie hingelegt habe;
-- konnte mich nicht drauf besinnen. Grade diese Zwiebeln hatte ich
aufgehoben für dies Schmorfleisch hier, -- hatte ganz vergessen, daß
sie da in dem Flanell waren.«
Miß Ophelia hob das Stückchen Papier mit den Küchenkräutern auf.
»O, wenn Missis das doch nicht anfassen wollte! -- habe meine Sachen
gern alle an ihrem Platze, daß ich weiß, wo ich sie finden kann,« sagte
Dinah in etwas entschiedenem Tone.
»Aber wozu sind denn diese Löcher im Papiere?« fragte Ophelia.
»O, die sind bequem, um zu sieben,« entgegnete Dinah.
»Aber es fällt ja Alles heraus über die ganze Kommode, siehst Du denn
nicht?«
»O Herr, ja! wenn Missis Alles umkehrt, muß es. Missis hat die Hälfte
ausgeschüttet,« erwiederte Dinah, ärgerlich an die Kommode tretend.
»Wenn Missis nur hinaufgehen und warten will, bis meine Zeit kommt, wo
ich Alles putze, dann wird schon Alles in Ordnung sein; -- kann aber
nichts thun, wenn Damen um mich herum sind, und mich hindern. Du, Sam!
-- daß Du mir nicht Jemmy die Zuckerschale gibst, oder ich gebe Dir
eins über den Kopf!«
»Ich gehe jetzt durch die Küche, um Alles ~ein für allemal~ in
Ordnung zu bringen, Dinah, und werde dann erwarten, daß Du es in
Ordnung erhältst.«
»Nun, aber, Miß Phelia, das sind gar keine Sachen für Damen, --
habe nie Damen so 'was thun sehen; -- meine alte Missis und Miß
Marie thaten's nie; -- und sehe auch gar nicht ein, wozu es gut
ist,« entgegnete Dinah, unwillig in der Küche auf- und abschreitend,
während Miß Ophelia Teller aufsuchte und aufschichtete, Dutzende von
herumstehenden Zuckerschalen in ein Behältniß leerte, Servietten,
Tischtücher, Handtücher zum Waschen aussuchte, und Alles mit ihren
eignen Händen, und mit einer Geschwindigkeit und einem Eifer in Ordnung
brachte, die Dinah in vollständiges Staunen versetzten.
»Gott steh' mir bei! wenn's die Damen da in Norden so machen, na, dann
sind's keine Damen,« sagte sie zu einem ihrer Satelliten, als sie sich
in angemessener Entfernung von Ophelia befand. »Habe Alles in Ordnung
wie Eine, wenn meine Putzzeit kommt, -- brauche keine Damen hier herum,
die Einen nur hindern, und die Sachen alle hinpacken, wo kein Mensch
sie wieder finden kann.«
Um Dinah Gerechtigkeit widerfahren zu lassen, muß erwähnt werden,
daß sie von Zeit zu Zeit, zu ungewissen Perioden, Paroxismen für
Reformation und Ordnung bekam, die sie »Putzzeit« nannte, wo sie sodann
mit großem Eifer begann, jeden Kasten und jeden Schrank umzukehren,
und den Inhalt auf den Fußboden oder die Tische umher zu werfen, und
dadurch die Unordnung noch siebenfach zu vergrößern. Dann pflegte
sie ihre Pfeife anzuzünden, und behaglich alle neuen Anordnungen
vorzunehmen, die Gegenstände zu überschauen und zu besprechen, die
ganze jüngere Brut mit dem Blankputzen der Zinnartikel eifrigst zu
beschäftigen, und mehrere Stunden lang die denkbarste Confusion im
Gange zu erhalten, welche sie als genügende Antwort auf alle Fragen
als ihre »Putzzeit« bezeichnete. »»Sie könne die Sachen nicht mehr so
fortgehen lassen, und wolle das ~jüngere Volk~ lehren, bessere
Ordnung zu halten,«« pflegte sie zu sagen; denn Dinah gab sich gern
der Täuschung hin, daß sie selbst die Seele aller Ordnung sei, und daß
es nur das junge Volk und alle die Andern im Hause seien, die daran
Mangel litten. Wenn alles Zinn gehörig gescheuert, und die Tische
schneeweiß abgerieben worden waren, und Alles, was etwa Anstoß hätte
geben können, in Löchern und Ecken seinen Platz gefunden hatte,
pflegte Dinah ein sauberes Kleid anzuziehen, eine weiße Schürze
vorzubinden, und einen hohen, prachtvollen Turban aufzusetzen, und dem
sich umhertreibenden jüngeren Volke die Weisung zu geben, sich aus der
Küche entfernt zu halten, weil sie Alles in guter Ordnung erhalten
wolle. Diese periodischen Anfälle wurden in der That häufig dem ganzen
Haushalte lästig; denn Dinah pflegte dann eine solche Vorliebe für
ihr blank gescheuertes Zinn zu gewinnen, daß sie darauf zu bestehen
versuchte, daß es überhaupt nie wieder zu irgend einem Zwecke benutzt
werden solle, -- wenigstens so lange bis der Eifer ihrer »Putzzeit«
nachgelassen hatte.
In wenigen Tagen reformirte Miß Ophelia jede Abtheilung des ganzen
Haushaltes in ein systematisches Muster; allein ihre Bemühungen
in allen denjenigen Abtheilungen, welche von der Mitwirkung der
Dienstboten abhängig waren, glichen den Arbeiten des Sisyphus und der
Danaïden. In voller Verzweiflung wandte sie sich eines Tages an St.
Clare.
»Es ist eine positive Unmöglichkeit, auch nur entfernte Ordnung in
diesem Haushalte herzustellen,« sagte sie.
»Ohne Zweifel,« entgegnete St. Clare.
»Solches zwecklose Treiben, solche Verschwendung, solche Unordnung habe
ich nie in meinem Leben gesehen.«
»Wahrscheinlich nicht.«
»Du würdest nicht so gleichgültig dabei sein, wenn Du selbst die
Verwaltung zu führen hättest.«
»Meine liebe Cousine, Du mußt wissen, ein für allemal, daß wir
Herren in zwei Klassen zu theilen sind, die Unterdrücker und die
Unterdrückten. Wir, die wir von Natur gutmüthig sind und Härte
verabscheuen, sind darauf gefaßt, viel Unannehmlichkeiten ertragen
zu müssen. Wenn wir, unsrer Bequemlichkeit halber, lässige, lockere,
unwissende Leute um uns haben ~wollen~, so müssen wir die
Folgen davon tragen. Ich kenne einige seltene Fälle von Personen,
die mittelst eines besonderen Taktes, ohne Anwendung von Strenge,
systematische Ordnung haben erhalten können; allein ich gehöre nicht zu
diesen, -- und so habe ich mich schon seit langer Zeit darin ergeben,
die Sachen so gehen zu lassen, wie sie gehen. Ich will die armen Teufel
nicht peitschen und in Stücke hauen lassen, und sie wissen es, -- und
haben deshalb das Heft in ihren Händen.«
»Aber nie Zeit, Ort und Ordnung zu haben, -- Alles in dieser zwecklosen
Weise fortgehen zu lassen?«
»Meine liebe Vermont, Ihr Eingebornen des Nordpols legt einen
außerordentlichen Werth auf die Zeit! Aber sage mir, von welchem
Werthe ist die Zeit für einen Menschen, der doppelt so viel hat, als
er auszufüllen weiß? Und was Ordnung und Pünktlichkeit betrifft, von
welchem Interesse ist es für denjenigen, der nichts weiter zu thun
hat, als auf dem Sopha zu liegen und zu lesen, ob er sein Frühstück
und sein Mittagessen eine Stunde früher oder später bekommt. Sieh,
Dinah bereitet Dir ein vortreffliches Essen, Suppe, Ragout, Geflügel,
Dessert, und Alles, -- und schafft das Alles in dem Chaos ihrer
finsteren Küche. Die Art und Weise, in der sie das möglich macht,
scheint mir wirklich großartig. Aber der Himmel bewahre uns! wenn wir
hinunter gehen wollen, und alle das Rauchen und die Wirthschaft der
Vorbereitungen dazu mit ansehen, so würden wir nie wieder etwas essen
wollen! Meine gute Cousine, mache Dir darüber keine Scrupel mehr! Es
würde mehr als eine katholische Bußübung sein, und zu nichts nützen. Du
wirst nur die Geduld verlieren, und Dinah ganz verwirrt machen. Laß sie
ihren eignen Weg gehen.«
»Aber, Augustin, Du weißt nicht, in welchem Zustande ich dort Alles
vorfand.«
»Warum denn nicht? Warum soll ich denn nicht wissen, daß die Mangel
unter dem Bette liegt, und das Reibeisen mit dem Tabak zusammen
in ihrer Tasche steckt; -- daß da fünf und sechszig verschiedene
Zuckerschalen zu finden sind, in jeder Ecke des Hauses eine, -- und
daß sie heut die Teller mit einem damastenen Tischtuche abwäscht, und
morgen mit einem Fetzen eines alten Unterrockes? Aber das Resultat
ist, daß sie uns bloß vortreffliches Essen auf den Tisch schickt, und
superben Kaffe bereitet; und Du mußt sie beurtheilen, wie Krieger und
Staatsmänner beurtheilt werden, -- ~nach dem Erfolge~.«
»Aber die Verschwendung, -- die Ausgaben.«
»Was das betrifft, so verschließe Alles, und bewahre den Schlüssel. Gib
nur in kleinen Quantitäten aus, und bekümmere Dich um alles Uebrige
nicht, -- ist es nicht das Beste?«
»Etwas beunruhigt mich, Augustin. Ich kann mir nicht anders denken,
als daß diese Dienstboten nicht streng ~ehrlich~ sind. Glaubst Du
dessen gewiß zu sein?«
Augustin brach in ein unmäßiges Lachen über das ernste besorgte Gesicht
aus, mit dem Miß Ophelia diese Frage stellte.
»O Cousine, das ist zu gut! -- ~ehrlich!~ -- als wenn das
überhaupt zu erwarten wäre! Ehrlich! -- natürlich, das sind sie nicht.
Weshalb sollten sie es sein? Was in aller Welt hätte sie dazu machen
können?«
»Warum unterrichtest Du sie nicht?«
»Unterrichten! Possen. Worin sollte ich sie unterrichten? Ich sehe ganz
danach aus. Marie hätte zwar Geist genug, das ist wahr, eine ganze
Plantage umbringen zu lassen; aber die Betrügerei würde sie doch nicht
aus ihnen herausbringen.«
»Gibt es denn gar keine Ehrlichen?«
»Dann und wann Einen, den die Natur so unerschütterlich treu und
aufrichtig geschaffen hat, daß auch der nachtheiligste Einfluß ihn
nicht verderben kann. Allein, sieh, von der Mutterbrust an sieht und
fühlt das farbige Kind, daß ihm keine anderen Wege offen stehen, als
Schleichwege. Es kann auf keine andere Weise mit seinen Eltern, seiner
Mistreß, seinem jungen Master, und seiner jungen Miß fertig werden.
List und Betrug werden nothwendige, unvermeidliche Gewohnheiten. Es
wäre nicht gerecht, etwas Anderes zu erwarten. Der Sklave sollte dafür
nicht bestraft werden. Er wird in einem so abhängigen, halb kindischen
Zustande erhalten, daß er die Rechte des Eigenthums nie verstehen und
unterscheiden, oder begreifen lernt, daß das Vermögen seines Herrn
nicht sein eignes ist, sobald er es erlangen kann. Ich, meines Theils,
sehe nicht ein, wie Sklaven ehrlich sein können. Solch' ein Mensch wie
Tom -- ist ein moralisches Wunder.«
»Und was wird aus ihren Seelen?« fragte Ophelia.
»Das ist nicht meine Sache, so viel ich weiß,« entgegnete St. Clare.
»Ich spreche nur von den Verhältnissen dieses Lebens. Es wird ziemlich
allgemein angenommen zu unserer Bequemlichkeit in diesem Leben, daß das
ganze Geschlecht dem Teufel anheim falle; aber Gott weiß, was in jener
Welt geschehen wird.«
»Das ist wirklich schrecklich!« sagte Miß Ophelia. »Ihr solltet Euch
schämen!«
»Ich wüßte nicht weshalb. Wir sind wenigstens in ziemlich guter
Gesellschaft,« sagte St. Clare, »wie Leute auf der breiten Landstraße
gewöhnlich sind. Betrachte die hohen und niederen Stände in der ganzen
Welt, und Du findest überall dieselbe Geschichte, -- findest überall,
daß die unteren Stände Körper, Geist und Seele zum Nutzen und Frommen
der oberen aufopfern müssen. Es ist so in England, es ist überall
so; und dennoch ist die ganze Christenheit mit tugendhaftem Unwillen
erfüllt, weil wir dasselbe in etwas andrer Form thun als Jene.«
»Es ist nicht so in Vermont.«
»Ah freilich, in Neu-England und den Vereinigten Staaten seid ihr uns
voraus, das gestehe ich zu. Aber da wird eben die Glocke gezogen; also,
Cousine, laß uns für einige Zeit unsere Meinungsverschiedenheiten bei
Seite legen, und komm' mit mir zum Mittagessen.«
Als Miß Ophelia sich einige Stunden später in der Küche befand, riefen
plötzlich einige der schwarzen Kinder: »Da! da! Prue kommt und grunzt,
wie sie immer thut.«
Ein großes, starkknochiges Weib trat gleich darauf in die Küche, und
trug einen Korb mit Zwieback und heißen Wecken auf dem Kopfe.
»Ho, Prue, bist Du da!« sagte Dinah.
Prue hatte einen besonders finsteren Gesichtsausdruck und einen
brummenden, mürrischen Ton der Stimme. Sie setzte ihren Korb auf den
Boden, kauerte sich selbst nieder, indem sie ihre Ellbogen auf die Knie
stützte, und sagte:
»O Herr, ich wollte, ich wäre todt!«
»Weshalb wünschest Du Dir den Tod?« fragte Ophelia.
»Dann wär' ich mein Elend los,« sagte das Weib mürrisch, ohne ihre
Augen vom Boden aufzuschlagen.
»Wozu hast Du denn nöthig, Dich zu betrinken, und Dich auspeitschen zu
lassen, Prue?« sagte ein geputztes, farbiges Kammermädchen, während es
mit einem Paar Korallen-Ohrringen spielte.
Das Weib warf einen finsteren Blick auf das Mädchen.
»Vielleicht kommst Du auch noch dahin; -- sollte mich freuen, wenn
ich's sähe. Dann würdest Du froh sein, einen Tropfen zu haben, wie ich,
um Dein Elend zu vergessen.«
»Komm', Prue,« sagte Dinah, »zeige uns Deine Zwiebacke. Hier, Missis
wird dafür bezahlen.«
Miß Ophelia nahm einige Dutzend.
»Da sind noch einige Marken in dem alten Topfe da, oben auf dem
Schranke. Hier, Jake, klettere hinauf und hole sie herunter.«
»Marken, -- wozu sind die?« fragte Miß Ophelia.
»Wir kaufen die Marken von ihrem Master, und sie gibt uns Brod für.«
»Und wenn ich zu Hause komme, dann zählen sie mein Geld und die Marken,
ob's richtig ist; und wenn's nicht ist, so bringen sie mich halb um.«
»Geschieht Dir recht,« sagte Jane, das schmucke Kammermädchen, »wenn Du
ihr Geld nimmst, um Dich zu betrinken. Das thut sie immer, Missis.«
»Und das ~will~ ich thun, -- ich kann nicht anders leben, --
trinken und mein Elend vergessen.«
»Du bist sehr schlecht und sehr thöricht,« sagte Miß Ophelia, »das Geld
Deines Herrn zu stehlen, um Dich zu einem Vieh zu machen.«
»Kann sein, Missis; aber ich will es thun, -- ja, ich will. O Herr, ich
wollte, ich wäre todt -- ich wäre todt und mein Elend los!« und langsam
und steif erhob sich das alte Geschöpf und setzte den Korb wieder auf
den Kopf; allein ehe sie hinausging, blickte sie noch einmal nach dem
Mulattenmädchen um, das noch immer mit seinen Ohrringen spielte.
»Denkst, Du bist wunderschön mit den Dingern da, wenn Du Deinen Kopf
drehst und alle Welt stolz angaffst. Na, schadet nichts, -- kannst auch
noch so ein armes, altes, zerpeitschtes Weib werden, wie ich. Hoffe zu
Gott, Du wirst, und dann sieh' zu, ob Du nicht trinkst -- trinkst --
trinkst -- bis Du zur Hölle fährst; und geschieht Dir recht, -- uff!«
sagte das Weib mit boshaftem Lachen und verließ die Küche.
»Ekelhaftes altes Mensch!« sagte Adolph, der in die Küche gekommen war,
um Barbierwasser für seinen Herrn zu holen. »Wenn ich ihr Master wäre,
so wollte ich sie noch ganz anders peitschen.«
»Das könntest Du nicht, nicht möglich,« sagte Dinah. »Ihr Rücken sieht
jetzt schon hübsch aus, -- sie kann kein Kleid mehr drüber zumachen.«
»Ich denke, solchen niedrigen Geschöpfen sollte gar nicht erlaubt sein,
in anständige Häuser zu kommen. Was meinen Sie, Mr. St. Clare?« sagte
Miß Jane zu Adolph, indem sie ihren Kopf coquettirend zurückwarf.
Es muß bemerkt werden, daß, außer andern Zueignungen aus dem Eigenthume
seines Herrn, Adolph auch seinen Namen angenommen hatte und unter
diesem sich in allen farbigen Zirkeln New-Orleans's bewegte.
»Ich bin entschieden Ihrer Meinung, Miß Benoir,« entgegnete Adolph.
Benoir war der Geburtsname Marie St. Clare's und Jane eine der ihr
zugehörigen Sklavinnen.
»Bitte, Miß Benoir, darf ich mir die Frage erlauben, ob diese Ohrringe
für den Ball morgen Abend bestimmt sind? Sie sind wirklich bezaubernd
schön!«
»Ich muß mich wundern, Mr. St. Clare, wie weit die Unverschämtheit
der Männer geht!« erwiederte Jane, indem sie ihren hübschen Kopf
zurückwarf, bis die Ohrringe von Neuem klangen. »Ich werde den ganzen
Abend nicht mit Ihnen tanzen, wenn Sie noch mehr solche Fragen thun.«
»O, Sie könnten doch so grausam nicht sein! Ich starb grade vor
Verlangen zu wissen, ob Sie morgen in Ihrem blaßrothen Kleide
erscheinen werden,« sagte Adolph.
»Was gibt's?« rief Rosa, eine hübsche, pikante kleine Mulattin, die
gerade in diesem Augenblicke die Treppe herunter gehüpft kam.
»O, Mr. St. Clare ist so unverschämt!«
»Auf meine Ehre,« sagte Adolph, »nun, Miß Roll soll entscheiden.«
»O ich weiß, er ist immer sehr verwegen,« bemerkte Rosa, während sie
sich auf einem ihrer kleinen Füße wiegte und ihn boshaft anblickte.
»Er macht mich immer so ärgerlich.«
»O, meine Damen, Sie wollen jedenfalls mein Herz brechen,« sagte
Adolph. »Man wird mich eines schönen Morgens in meinem Bette todt
finden, und Sie werden dafür verantwortlich sein.«
»Nun höre einer den schrecklichen Menschen reden!« riefen beide Damen
mit unmäßigem Gelächter.
»Ihr da, macht fort! -- kann Euren Lärm und Eure Narrheiten hier nicht
haben in der Küche,« rief Dinah.
»Tante Dinah ist brummisch, weil sie nicht auf den Ball gehen kann,«
sagte Rosa.
»Brauche Eure weißfarbigen Bälle nicht,« entgegnete Dinah; -- »springen
'rum und thun gerade, als wenn sie weiße Leute wären. Seid doch nichts
anderes als Niggers, so gut wie ich.«
»Tante Dinah beschmiert alle Tage ihre Wolle mit Pomade, damit sie
glatt liegen soll,« sagte Jane.
»Und 's bleibt doch Wolle,« fügte Rosa hinzu, während sie boshaft ihre
langen, seidenen Locken niederfallen ließ.
»Vor dem ~Herrn~ ist Wolle so gut wie Haar, alle Zeit!« sagte
Dinah. »Möchte wohl von Missis hören, was mehr werth ist, -- so ein
Paar wie Ihr seid, oder ich allein. Packt Euch fort, Plunder, -- will
Euch hier nicht mehr haben!«
Die Unterhaltung wurde hier auf zwiefache Weise unterbrochen. St.
Clare's Stimme ließ sich auf der Treppe vernehmen und fragte Adolph, ob
er mit dem Rasirwasser die ganze Nacht in der Küche zu bleiben gedenke;
und Miß Ophelia kam aus dem Eßzimmer und sagte:
»Jane und Rosa, weshalb verbringt Ihr Eure Zeit hier? Geht an Eure
Näherei und arbeitet!«
Unser Freund Tom, welcher die Unterhaltung mit der Zwiebacksfrau in
der Küche mitangehört hatte, war ihr auf die Straße gefolgt. Er sah sie
vor sich hergehen und hörte sie in kurzen Pausen tiefe, unterdrückte
Seufzer ausstoßen. Endlich setzte sie ihren Korb auf einen Thürtritt
nieder und begann das alte Tuch, welches ihre Schultern bedeckte, in
Ordnung zu bringen.
»Ich will Deinen Korb ein Stück weiter tragen,« sagte Tom mitleidig.
»Warum?« sagte das Weib; -- »brauche keine Hülfe.«
»Du scheinst krank zu sein,« sagte Tom.
»Bin nicht krank,« entgegnete das Weib kurz.
»Ich wollte,« sagte Tom, indem er die Frau ernsthaft ansah, -- »ich
wollte, ich könnte Dich überreden, das Trinken zu lassen. Weißt Du denn
nicht, daß es Dich zu Grunde richtet, Körper und Geist?«
»Weiß, daß ich in die Hölle gehe,« sagte das Weib finster. »Du brauchst
mir das nicht zu sagen; -- bin häßlich, -- bin schlecht, -- gehe grade
zu in die Hölle. O Herr, ich wollte, ich wäre da!«
Tom schauderte bei diesen schrecklichen Worten, die mit einem
finsteren, leidenschaftlichen Ernste gesprochen wurden.
»O, Gott sei Dir gnädig, armes Geschöpf! Hast Du denn nie von Jesus
Christus gehört?«
»Jesus Christus, -- wer ist das?«
»Es ist ~der Herr~,« entgegnete Tom.
»Ich glaube, ich habe von ihm reden gehört, von dem Herrn, und von
Gericht und Hölle. -- Habe davon gehört.«
»Aber hat Dir denn Jemand von dem Herrn Jesus erzählt, der uns arme
Sünder liebte und für uns starb?«
»Weiß nichts davon,« sagte das Weib; -- »kein Mensch hat mich geliebt,
seit mein alter Mann todt ist.«
»Wo bist Du denn aufgebracht worden?« fragte Tom.
»Oben, in Kentucky. Ein Mann hielt mich da, um Kinder zu bringen und
aufzuziehen für den Markt, die er dann verkaufte, so wie sie groß genug
waren. Zuletzt verkaufte er mich auch an einen Händler, und mein Master
nahm mich von ihm.«
»Was brachte Dich denn zu dieser schlechten Gewohnheit, zu trinken?«
fragte Tom weiter.
»Um mein Elend zu vergessen. Ich hatte ein Kind, nachdem ich hierher
kam, und dachte, ich würde wenigstens eins aufzuziehen haben, weil
Master kein Händler war. Es war ein munteres kleines Ding, und Missis
schien anfangs große Stücke drauf zu halten; -- es schrie nie, es war
gesund und fett. Aber Missis wurde krank und ich mußte sie warten; und
ich bekam das Fieber und meine Milch hörte auf, und das Wurm magerte ab
zu Haut und Knochen, weil Missis keine Milch kaufen wollte. Sie wollte
mich nicht hören, wenn ich ihr sagte, daß ich keine Milch hätte. Sie
sagte, sie wüßte, daß ich's damit füttern könnte, was andere Leute
äßen; und das Kind wurde immer elender, und schrie, und schrie, und
schrie Tag und Nacht, und Missis wurde ärgerlich drauf und sagte, es
wäre nichts als Bosheit. Sie wünschte, es wäre todt, sagte sie, und
wollte nicht zugeben, daß ich's des Nachts bei mir haben sollte, weil
es mich nicht schlafen ließe, sagte sie, und mich zu nichts nütze
machte. Ich mußte dann in ihrer Stube schlafen, und mußte das Kind in
eine kleine Bodenkammer thun und da schrie es sich eine Nacht zu Tode.
Das that's, -- und dann fing ich an zu trinken, um mir das Schreien aus
den Ohren zu bringen. So ist's, -- und ich will trinken! ich will --
und wenn ich in die Hölle dafür muß!«
»O Du armes Geschöpf!« sagte Tom, »hat Dir denn Niemand erzählt, wie
unser Herr Jesus Christus Dich liebt und für Dich gestorben ist? Hat
Dir Niemand gesagt, daß Er Dir helfen will, und daß Du in den Himmel
gehen kannst, und endlich Ruhe haben?«