Georg feuerte und die Kugel traf Tom's Seite; allein, obgleich

verwundet, wollte er doch nicht zurückweichen, sondern sprang mit einem

gellen Schrei, wie dem eines rasenden Stieres, über den Abgrund auf die

drüben Stehenden zu.

»Freund,« sagte Phineas, indem er plötzlich hervortrat, und ihn mit

einem kräftigen Stoße seiner langen Arme empfing, »Du bist hier nicht

nöthig.«

Nieder in den Abgrund fuhr Tom, durch Baumzweige und Gebüsche brechend

und über Stämme und lose Steine rollend, bis er, zerschlagen und

stöhnend, dreißig Fuß tief unten lag. Der Fall würde ihn getödtet

haben, wenn er nicht dadurch aufgehalten worden wäre, daß seine Kleider

an den Zweigen eines starken Baumes hängen blieben.

»Gott sei uns gnädig, das sind wahre Teufel!« sagte Marks, indem er den

Rückzug den Felsen hinunter mit bei weitem mehr gutem Willen anführte,

als er beim Hinaufsteigen gezeigt hatte, während alle Uebrigen in

eiliger Flucht stolpernd hinter ihm drein kamen.

»Hört Leute,« sagte Marks, »Ihr geht hier herum, und hebt Tom auf,

während ich nach meinem Pferde laufe, um Hülfe zu holen, -- versteht

Ihr?« und ohne sich um das Geschrei und die Verhöhnungen zu kümmern,

war Marks seinem Worte getreu und gallopirte gleich darauf davon.

»Gab es je solch ein erbärmliches Gewürm?« sagte einer der Männer; --

»kommt hierher in Geschäften, und läuft dann davon und läßt uns hier so

im Stiche!«

»Was hilfts! wir müssen doch den Kerl aufnehmen,« sagte ein Anderer.

»Will verflucht sein, wenn ich 'was darnach frage, ob er todt oder

lebendig ist.«

Die Männer, geführt von Tom's Stöhnen, kletterten nun über Wurzeln und

Stämme nach dem Orte zu, wo der Held fluchend und stöhnend lag.

»Ihr laßt Euch ziemlich laut hören, Tom,« sagte Einer. »Seid Ihr schwer

verwundet?«

»Weiß nicht. Hebt mich auf, -- könnt Ihr denn nicht. Der Teufel hole

den verfluchten Quäker! Wenn er nicht gewesen wäre, so hätte ich ein

Paar von ihnen hier hinunter gestoßen, daß sie hätten sagen können,

wie's ihnen gefällt.«

Mit großer Mühe und unter heftigem Stöhnen wurde der gefallene Held

aufgerichtet und gestützt unter beiden Armen endlich bis zu den Pferden

gebracht.

»Wenn Ihr mich nur eine Meile weit bis nach dem Wirthshause

zurückbringen könntet. Gebt mir doch ein Taschentuch oder sonst Etwas,

um das verfluchte Bluten zu stillen.«

Georg sah über die Felsen und bemerkte, daß sie bemüht waren, die

schwerfällige Gestalt Tom's in den Sattel zu heben. Nach zwei oder drei

vergeblichen Versuchen fing er an zu wanken, und fiel mit seinem ganzen

Gewichte auf den Boden nieder.

»O, ich hoffe, er ist nicht todt!« sagte Elisa, die mit der ganzen

übrigen Gesellschaft den Hergang beobachtete.

»Warum nicht?« fragte Phineas; -- »geschieht ihm recht.«

»Weil nach dem Tode das Gericht kommt,« sagte Elisa.

»Ja,« sagte die alte Frau, die während der ganzen Handlung in ihrer

methodistischen Form geseufzt und gebetet hatte, »'s ist erschrecklich

für die Seele des armen Menschen.«

»Auf mein Wort, ich glaube, sie lassen ihn liegen!« sagte Phineas.

Er hatte Recht; denn nach einigen Augenblicken anscheinender

Unentschlossenheit und Berathung sprangen alle plötzlich in ihre

Sättel und ritten davon. Als sie vollständig aus dem Gesicht waren,

begann Phineas sich zu regen.

»Wir müssen jetzt hinunter und ein Stück zu Fuß gehen,« sagte er. »Ich

trug Michael auf, vorauszufahren, um Hülfe zu holen, und mit dem Wagen

zurückzukommen; aber wir werden wohl ein Stück den Weg hinaufgehen

müssen, um ihn zu treffen. Gott gebe nur, daß er bald komme! Es ist

früh am Tage; jetzt ist noch nicht viel Volk auf der Landstraße und wir

sind nur noch zwei Meilen vom Orte entfernt. Wenn der Weg diese Nacht

nicht so rauh gewesen wäre, so hätten wir ihnen ganz und gar entgehen

können.« Als sich die Gesellschaft der Umzäunung nahte, gewahrten Alle

in einiger Entfernung ihren eigenen Wagen in Begleitung mehrerer Reiter

auf der Landstraße zurückkommen.

»Hallo, da ist Michael und Stephan und Amariah,« rief Phineas freudig.

»Nun sind wir geborgen, -- so sicher, als wenn wir schon dort wären.«

»O dann wartet hier einen Augenblick,« sagte Elisa, »und thut Etwas für

den armen Menschen. Sein Stöhnen ist schrecklich.«

»Es wäre nicht mehr als christlich,« sagte Georg, »wir wollen ihn

aufnehmen und mit uns fortschaffen.«

»Und ihn bei den Quäkern zurecht doktern!« sagte Phineas; »ganz hübsch

das! Wohl, ich habe nichts dagegen! -- wir wollen ihn uns 'mal

ansehen.«

Mit diesen Worten näherte sich ihm Phineas, der während seiner

Lebensweise als Jäger und Waldbewohner einige oberflächliche Kenntniß

von Chirurgie erlangt hatte, kniete bei dem Verwundeten nieder, und

begann eine sorgfältige Untersuchung seines Zustandes.

»Marks,« sagte Tom schwach, »bist Du es, Marks?«

»Ich glaube nicht, Freund,« entgegnete Phineas. »Marks frägt viel nach

Dir, wenn seine eigene Haut in Sicherheit ist; -- ist fort, schon

lange.«

»Ich glaube, 's ist aus mit mir,« sagte Tom. »Der verfluchte, feige

Hund, -- mich hier allein zu lassen, wenn ich sterbe! Meine arme alte

Mutter hat mir's immer vorher gesagt, daß es so kommen würde!«

»Gottes willen! just hört nur die arme Seele. Er hat 'ne Mammy,« sagte

die alte Negerin. »Ich kann nicht anders, er thut mir leid!«

»Sachte, sachte! -- knurre und beiße nicht, Freund,« sagte Phineas, als

Tom um sich schlug und seine Hand wegstieß. »Es ist keine Hoffnung für

Dich, wenn ich nicht das Blut stille.«

Während Phineas sich sodann bemühte, einen vorläufigen Verband mit

seinem eigenen Taschentuche und denen, die sich bei den übrigen

vorfanden, anzulegen, sagte Tom schwach:

»Ihr habt mich da hinunter gestoßen.«

»Ja, sieh, Freund, wenn ich's nicht gethan hätte, so hättest Du uns

hinunter gestoßen,« sagte Phineas, während er seinen Verband anlegte.

»Hier, hier, -- laß mich das befestigen. Wir meinen's gut mit Dir, --

haben keine Bosheit gegen Dich. Du sollst nach einem Hause gebracht

werden, wo sie Dich auf's Beste pflegen, -- so gut, wie es Deine eigne

Mutter nur könnte.«

Tom stöhnte und schloß seine Augen. Bei Menschen seines Schlages hängen

Kraft und Entschlossenheit nur von physischen Beschaffenheiten ab, und

schwinden mit dem ausströmenden Blute. Der gigantische Mensch sah in

seiner Hülflosigkeit wirklich bemitleidenswerth aus.

Nunmehr wurden die Sitze aus dem Wagen herausgenommen, die Büffelhäute

wurden vierdoppelt zusammengelegt, und längs der einen Seite des Wagens

ausgebreitet, worauf vier Männer mit großer Anstrengung den schweren

Körper Tom's hineinhoben. Ehe dies ausgeführt wurde, versank er in eine

vollständige Ohnmacht. Die alte Negerin im Ueberflusse ihres Mitleids

setzte sich auf den Boden des Wagens nieder und nahm seinen Kopf in

ihren Schooß. Elisa, Georg und Jim ließen sich in dem noch übrigen

Raume des Wagens nieder, wie es ging, und die Reise ging weiter.

»Was haltet Ihr von seinem Zustande?« fragte Georg, der neben Phineas

auf dem vordersten Sitze saß.

»Es ist nur eine tiefe Fleischwunde; aber das Herunterfallen da in die

Tiefe hat ihn freilich nicht besser gemacht. Er hat ziemlich viel Blut

verloren, -- und Muth und Alles mit, -- aber er wird's überstehen und

vielleicht lernt er 'was dabei.«

»Es ist mir lieb, daß Du das sagst,« entgegnete Georg. »Es würde mir

immer ein quälender Gedanke gewesen sein, wenn ich seinen Tod veranlaßt

hätte, selbst in einer gerechten Sache.«

»Ja,« sagte Phineas, »tödten ist eine häßliche Operation, -- gleichviel

ob Mensch oder Thier. Ich bin zu meiner Zeit ein großer Jäger gewesen,

und ich sage Dir, ich habe manches Mal einen Rehbock gesehen, wenn er

niedergeschossen und im Verenden war, der Einen mit seinem Auge so

anblickte, daß man's wirklich für 'ne Sünde hält, ihn geschossen zu

haben; und menschliche Geschöpfe haben noch viel mehr zu bedeuten,

denn, wie Deine Frau sagt, nach dem Tode kommt das Gericht.«

»Was gedenkst Du mit dem armen Menschen zu thun?« fragte Georg.

»O, zu Amariah bringen. Da ist die alte Großmutter Stephens, -- Dorcas

nennen sie sie, -- das ist 'ne erstaunliche Krankenwärterin. Ihr ist

es ganz natürlich geworden, und sie ist nie zufriedener, als wenn sie

irgend einen kranken Körper zu pflegen hat. Wir können darauf rechnen,

daß wir ihn ihr für vierzehn Tage oder so lassen müssen.«

Etwa eine Stunde später langte die ganze Gesellschaft vor einem

reinlichen Farmhause an, wo die ermüdeten Reisenden zu einem

reichlichen Frühstück empfangen wurden. Tom Locker befand sich sehr

bald in ein reinlicheres und weicheres Bett niedergelegt, als er je

zuvor zu benutzen gepflegt hatte. Seine Wunde war sorgfältig verbunden

worden, und er lag nun da, seine Augen in völliger Mattigkeit vor den

weißen Fenstervorhängen und den im Krankenzimmer leise hin und her

gleitenden Personen abwechselnd öffnend und schließend. Und hier wollen

wir für jetzt von dieser Gesellschaft Abschied nehmen.

Achtzehntes Kapitel.

Miß Ophelien's Erfahrungen und Ansichten.

Unser Freund Tom verglich oft in seinen stillen Betrachtungen sein

glücklicheres Loos in der Sklaverei, in der er sich befand, mit der

Josephs in Egypten; und wirklich nahm dieser Vergleich im Laufe der

Zeit, während er seine Eigenschaften unter dem Auge seines Herrn mehr

und mehr entwickelte, an Stärke zu.

St. Clare war träge und sorglos in der Verwaltung seines Geldes. Bisher

waren die Geschäfte des Einkaufens der Lebensmittel und Vorräthe

größtentheils durch Adolph besorgt worden, der eben so nachlässig und

ausschweifend wie sein Herr war; und von Beiden war der Prozeß des

Verschwendens mit großer Lebhaftigkeit betrieben worden. Seit vielen

Jahren daran gewöhnt, das Eigenthum seines Herrn als sein eigenes

anzusehen, hatte Tom die im Hause fortlaufende Verschwendung mit kaum

zu unterdrückendem Unmuthe angesehen, und sich sogar zuweilen in der

ihm eigenthümlichen ruhigen Art und Weise Bemerkungen erlaubt. St.

Clare beschäftigte ihn anfangs in diesem Zweige nur gelegentlich;

allein als er allmählig seinen gesunden Verstand und seine

Brauchbarkeit in Geschäften erkannte, vertraute er ihm mehr und mehr

an, bis ihm allmählig sämmtliche für die Familie zu machenden Einkäufe

übertragen wurden.

»Nein, nein, Adolph,« sagte St. Clare eines Tages, als Ersterer sich

dagegen sträubte, daß ihm die bisher genossene Macht entzogen werden

solle; »laß Tom zufrieden. Du verstehst nur, was Du brauchst; Tom

aber berechnet genauer und besser; und das Geld könnte leicht einmal

gänzlich aufhören, wenn kein Einziger da ist, der das Geschäft

besorgt.«

Indem Tom das unbegrenzte Vertrauen eines Herrn genoß, der ihm

Geldanweisungen einhändigte, ohne sich deren Betrag zu merken und das

zurück zu empfangende Geld einsteckte, ohne es zu prüfen, bot sich ihm

jede mögliche Versuchung zur Unehrlichkeit dar; und nichts als die

unbesiegbare Einfachheit seines Sinnes, gestärkt durch den christlichen

Glauben, bewahrte ihn davor. Allein für diesen Sinn war gerade das in

ihn gesetzte Vertrauen ein genügendes Motiv, die strengste Genauigkeit

zu beobachten.

Mit Adolph war der Fall anders gewesen. Leichtsinnig und seinen

Neigungen ergeben, und in nichts beschränkt durch einen Herrn, der es

leichter fand, nachsichtig zu sein als strenge Ordnung zu erhalten,

war er in eine totale Verwechslung des +meum tuum+ mit Rücksicht

auf sich selbst und seinen Herrn verfallen, so daß selbst St. Clare

dadurch zuweilen in Verlegenheit gesetzt wurde. Der gesunde Verstand

des Letzteren sagte ihm zwar, daß eine solche Behandlungsweise seiner

Dienstboten ungerecht und gefährlich sei, und chronische Gewissensbisse

verfolgten ihn dann überall; allein diese waren nicht stark genug, um

eine durchgreifende Aenderung zu bewirken, und trugen am Ende nur dazu

bei, ihn in seine Nachsicht und Sorglosigkeit zurücksinken zu lassen.

Er ging leicht über die schwersten Vergehen hinweg, weil er sich

selbst sagte, daß wenn er seine Schuldigkeit gethan hätte, die von ihm

abhängigen Personen in derartige Fehler nicht verfallen sein würden.

Tom betrachtete seinen hübschen, fröhlichen, leichtsinnigen, jungen

Herrn mit einem aus Treue, Ehrfurcht und väterlicher Besorgniß

sonderbar gemischten Gefühle. Daß er nie die Bibel las, nie in die

Kirche ging; daß er sich über Alles, was in den Bereich seines Witzes

kam, lustig machte; daß er Sonntags seine Abende in der Oper oder im

Theater zubrachte; daß er Weingesellschaften, Clubs und Abendessen

öfter besuchte, als es wohlgethan sein konnte, -- waren Dinge,

die Tom eben so gut sehen konnte wie jeder Andere, und auf die er

die Ueberzeugung gründete, daß »Master kein Christ sei;« -- eine

Ueberzeugung, die er jedoch Niemanden mitgetheilt haben würde, und die

er nur zum Gegenstand zahlreicher Gebete in seiner eigenen einfachen

Weise machte, wenn er in seinem kleinen Schlafgemache allein war. Es

soll damit keineswegs gesagt werden, daß Tom nicht seine eigne Art

und Weise hatte, seine Meinung auszusprechen, und zwar mit dem Takte,

der zuweilen unter Leuten seiner Klasse gefunden wird. Zum Beispiel,

am Tage nach dem von uns beschriebenen Sabbath war St. Clare in einer

heitern Gesellschaft ausgesuchter Geister gewesen, und wurde zwischen

ein und zwei Uhr in der Nacht in einem Zustande nach Hause geführt,

in welchem das Physische ganz augenscheinlich die Oberhand über das

Geistige gewonnen hatte. Tom und Adolph waren behülflich, ihn zur Ruhe

zu bringen: Letzterer in munterster Laune, augenscheinlich die ganze

Sache als einen guten Spaß ansehend, und herzlich über Toms bäurischen

Schrecken lachend, der in der That einfältig genug war, den ganzen

übrigen Theil der Nacht wachend zuzubringen, um für seinen jungen Herrn

zu beten.

»Nun, Tom, worauf wartest Du noch?« sagte St. Clare am folgenden

Morgen, als er im Schlafrock und Pantoffeln in seinem Zimmer saß,

und Tom so eben Geld zu verschiedenen Aufträgen eingehändigt hatte.

»Ist nicht Alles richtig?« fügte er hinzu, als Tom noch immer wartend

dastand.

»Master, ich fürchte -- nicht,« sagte Ton, mit ernstem Gesichte.

»Wie so, Tom, was ist's? Du siehst ja so feierlich aus wie ein

Leichenwagen.«

»Mir ist nicht wohl zu Muthe, Master. Ich habe immer gedacht, daß

Master gegen Jeden gut sein wolle --«

»Nun, Tom, bin ich denn das nicht gewesen? Komm, sprich, was ist's?

was willst Du? Hast Du irgend etwas nicht erhalten, und ist dies die

Vorrede dazu?«

»Master ist immer gut gegen mich gewesen; -- habe mich über nichts zu

beklagen. Aber da ist Einer, gegen den Master nicht gut ist.«

»Wie Tom, was fällt Dir ein? Sprich heraus, was meinst Du?«

»Vorige Nacht zwischen ein und zwei Uhr fiel mir das ein. Ich dachte

dann drüber nach. Master ist nicht gut gegen sich selbst.«

Tom sagte dies, während er seinem Herrn den Rücken zuwendete und die

Thürklinke bereits in den Händen hielt. St. Clare fühlte sein Gesicht

feuerroth werden, aber lachte.

»O, ist das Alles?« sagte er heiter.

»Alles!« sagte Tom, sich plötzlich umwendend und auf seine Kniee

fallend. »O mein lieber junger Master! Ich fürchte, es wird Alles

zu Grunde richten, -- Alles -- Leib und Seele. Das gute Buch sagt:

»»er beißt wie eine Schlange und sticht wie eine Otter,«« mein lieber

Master!«

Toms Stimme stockte und Thränen rannen über seine Wangen.

»Armer Narr!« sagte St. Clare, während ihm die Thränen in die Augen

traten. »Steh' auf, Tom, -- ich bin's nicht werth, daß über mich

geweint werde.«

Aber Tom wollte nicht aufstehen und sah ihn bittend an.

»Laß gut sein, Tom, ich will nie wieder nach den verdammten Orten

gehen,« sagte St. Clare, -- »nie wieder, mein Wort darauf. Ich weiß

nicht, warum ich's nicht längst aufgegeben habe. Ich habe immer die

ganze Sippschaft verachtet, und mich dazu, daß ich hinging, -- also

nun, Tom, trockne Deine Augen und geh' Deinen Geschäften nach. --

Schon gut, schon gut, nur keine Segenswünsche jetzt; ich bin nicht so

außerordentlich gut,« fügte er hinzu, während er Tom sanft nach der

Thüre drängte. »Ich verpfände Dir meine Ehre, Tom, daß Du mich so nicht

wieder siehst!« sagte er, worauf Tom, seine Augen trocknend, mit großer

Beruhigung sich entfernte.

»Und ich will ihm mein Wort halten!« sagte St. Clare zu sich selbst,

während er die Thür zumachte.

Und er hielt es, -- denn grobe Sinneslust war keine seiner Natur

eigenthümliche Versuchung.

Allein wer kann alle das Trübsal schildern, das unsere Freundin Miß

Ophelia befiel, nachdem sie die Verwaltung und Leitung eines südlichen

Haushaltes übernommen hatte.

Unter den Dienstboten des Südens herrschten alle möglichen

Verschiedenheiten der Welt, die in der Regel von dem Charakter und den

Fähigkeiten der Herrinnen abhängig sind, von denen sie erzogen worden.

Im Süden sowohl wie im Norden gibt es Frauen, welche ein besonderes

Talent des Befehlens und einen besonderen Takt in der Erziehungsweise

haben. Diese sind im Stande, mit Leichtigkeit und ohne besondere

Strenge die verschiedenen Mitglieder ihres kleinen Staates ihrem Willen

zu unterwerfen und sie alle zu einer harmonischen, systematischen

Ordnung unter einander zu verbinden. Eine solche Frau war Mrs.

Shelby, die wir bereits geschildert haben, und unsere Leser werden

deren vielleicht Mehrere kennen gelernt haben. Allein Marie St. Clare

gehörte nicht zu dieser Klasse, und ebenso wenig hatte ihre Mutter

dazu gehört. Träge und kindisch, unsystematisch und unvorsichtig, war

es nicht anders zu erwarten, als daß die von ihr erzogenen Dienstboten

eben so waren; und sie hatte die in der ganzen Wirthschaft herrschende

Verwirrung Miß Ophelien ziemlich treu geschildert, obgleich sie

dieselbe nicht ihrer wahren Ursache zugeschrieben hatte.

An dem ersten Morgen nach Uebernahme der Herrschaft stand Miß Ophelia

bereits um vier Uhr auf, und nachdem sie zuvörderst ihr eigenes Zimmer

in gehörige Ordnung gebracht hatte, was sie, zum großen Erstaunen der

Stubenmagd, stets seit dem Tage ihrer Ankunft gethan, bereitete sie

einen wirksamen Angriff auf die verschiedenen Schränke und sonstigen

Behältnisse vor, zu denen sie die Schlüssel trug.

Die Vorrathskammer, das Leinwandlager, der Porcellanschrank, die Küche

und der Keller, Alles wurde an diesem Tage einer strengen Untersuchung

unterworfen, und lange verborgene Dinge der Finsterniß wurden auf

solche Weise an's Tageslicht gebracht, daß alle Würdenträger der Küche

und Kammer dadurch in lebhafte Unruhe geriethen, und vielfaches Staunen

und Murmeln über »diese nördlichen Damen« im Domestiken-Kabinette Statt

fand.

Die alte Dinah, die erste Köchin und Hauptperson im ganzen

Küchendepartement, war mit großem Unwillen über das erfüllt, was sie

als eine Beeinträchtigung ihrer Vorrechte ansah. Kein Baron des alten

Feudalwesens zur Zeit der Magna Charta hätte einen Eingriff der Krone

mit tieferem Groll erdulden können.

Dinah war ein eigenthümlicher Charakter, und es wäre ungerecht gegen

ihr Andenken, wenn wir dem Leser nicht eine kurze Schilderung von ihr

geben wollten. Sie war eine geborene und geschickte Köchin, so gut

wie Tante Chloë; allein Chloë war für ihren Beruf gebildet worden,

und deshalb methodisch, während Dinah ein selbstgebildetes Genie, und

daher rechthaberisch, eingebildet und unordentlich im höchsten Grade

war. Aehnlich einer gewissen Klasse moderner Philosophen, verachtete

sie jede Art von Logik und Vernunftgründen, und verschanzte sich

hinter einer positiven Gewißheit, in der sie unbezwinglich war. Kein

Talent, keine Autorität, keine Vorstellung vermochte sie je davon zu

überzeugen, daß irgend ein anderer Weg als ihr eigener besser sein

könne, oder daß die von ihr in der unbedeutendsten Angelegenheit

befolgte Art und Weise irgendwie geändert werden könne. Es war dies

zwischen ihr und ihrer vormaligen Mistreß, Marien's Mutter, ein

abgemachter Punkt gewesen; und »Miß Marie«, wie Dinah ihre junge

Mistreß selbst nach ihrer Verheirathung zu nennen fortfuhr, hatte es

bequemer gefunden, nachzugeben, als zu streiten; und auf diese Weise

hatte Dinah vollständige Herrschaft erlangt. Es wurde ihr dies um so

leichter, als sie eine vollendete Meisterin in jener diplomatischen

Kunst war, die äußerste Unterwürfigkeit im Wesen mit der unbiegsamsten

Beharrlichkeit in dem zu verfolgenden Zwecke zu vereinigen. Außerdem

war Dinah Meisterin in der Kunst, Entschuldigungsgründe jeder Art

aufzufinden. Es war in der That bei ihr Grundsatz, daß eine Köchin nie

Unrecht haben könne; und eine Köchin in den Küchen des Südens findet

leicht eine überflüssige Zahl von Köpfen und Schultern, auf die sie

jede Sünde, jedes Versehen laden kann, um ihre eigene Unbeflecktheit

zu bewahren. Wenn irgend ein Theil des Mittagessens mißrathen war,

so gab es fünfzig unbestreitbare, gute Gründe dafür, und es war ganz

unzweifelhaft lediglich die Schuld von fünfzig anderen Personen, die

Dinah mit dem schonungslosesten Eifer anklagte.

Allein es geschah selten, daß Dinah's Zubereitungen gänzlich

verunglückten. Obgleich ihre ganze Verfahrungsart im höchsten Grade

umständlich und ohne jede Berechnung von Zeit und Ort war, -- obgleich

ihre Küche gewöhnlich so aussah, als wenn ein Sturmwind durchgeweht

hätte, und sie für jedes Küchengeräth ebenso viel Plätze hatte, als

Tage im Jahre waren, -- so sandte sie dennoch, wenn man geduldig warten

konnte, bis ihre rechte Zeit kam, ein Mittagessen in vollständigster

Ordnung aus ihrer Küche heraus, und in einer Zubereitung, an der selbst

ein Epikuräer nichts auszusetzen haben konnte.

Es war jetzt gerade die Zeit, um die Vorbereitungen zum Mittagessen zu

beginnen. Dinah, welche große Zwischenräume von Ruhe und Ueberlegung

bedurfte, und Behaglichkeit in allen ihren Verrichtungen liebte,

saß auf dem Fußboden der Küche und rauchte aus einer kurzen Pfeife,

der sie sehr ergeben war, und deren sie sich stets als einer Art

Räucherfasses bediente, sobald sie das Bedürfniß einer Inspiration für

ihre Anordnungen fühlte. Um sie herum saßen verschiedene Mitglieder

eines aufkeimenden Geschlechts, an dem jeder südliche Haushalt in der

Regel Ueberfluß hat, theils beschäftigt, Bohnen auszuhülsen, theils

Kartoffeln zu schälen, oder Geflügel zu rupfen, während Dinah von Zeit

zu Zeit ihre Betrachtungen dadurch unterbrach, daß sie dem einen oder

dem andern der jungen Arbeiter bald einen Stoß und bald einen Schlag

an den Kopf mit der an ihrer Seite stets bereit liegenden Puddingkelle

versetzte. Dinah herrschte in der That über alle wolligen Häupter der

jüngeren Mitglieder mit eiserner Ruthe, und schien sie als zu keinem

andern Zwecke geboren anzusehen, als um »ihr dienstbar zu sein«, wie

sie sich auszudrücken pflegte. Es war der Geist des Systemes, unter

dem sie aufgewachsen war, und sie führte dasselbe in seiner vollsten

Ausdehnung aus.

Miß Ophelia, nachdem sie auf ihrer Reformationsreise durch alle übrigen

Abtheilungen des Haushaltes gegangen war, betrat jetzt die Küche. Dinah

hatte bereits aus verschiedenen Quellen erfahren, was im Werke war,

und deshalb fest beschlossen, sich auf defensivem und conservativem

Boden zu erhalten, und jeder neuen Maßregel ohne sichtbaren Streit und

Widerstand hemmend entgegen zu treten.

Die Küche war ein weites, mit Ziegelsteinen gepflastertes Gemach, an

dessen einer Seite sich ein großer, langer Heerd erstreckte, dessen

Wegschaffung St. Clare vergeblich von Dinah zu erlangen versucht

hatte, um an seine Stelle einen modernen, eisernen Kochofen zu setzen.

Sie gab ihre Einwilligung dazu nicht. Als St. Clare aus dem Norden

zurückgekehrt war, hatte er nach dem Bilde der im Hause seines Onkels

vorgefundenen Ordnung und Einrichtung der Küche verschiedene Schränke

und andere Behältnisse in seiner eigenen anbringen lassen, um dadurch

eine systematischere Ordnung einzuführen, und in der sanguinischen

Hoffnung, daß dieselben von Nutzen für Dinah in ihren Einrichtungen

sein würden. Er hätte sie ebenso gut für ein Eichkätzchen oder eine

Elster bestimmen können; denn je mehr Kasten und Schränke vorhanden

waren, desto mehr Schlupfwinkel standen Dinah zu Gebot, um alte Lumpen,

Kämme, alte Schuhe, Bänder, abgelegte künstliche Blumen und andere

werthvolle Gegenstände, an denen ihre Seele hing, darin aufzubewahren.

Onkel Tom's Hütte(#76640) · 第 9 / 13 段