Um die Wahrheit zu sagen, Phineas war ein kräftiger Waldbewohner

gewesen, mit zwei derben Fäusten, ein eifriger Jäger und ein

gefährlicher Schütze für den Rehbock. Allein, als er sich um die Gunst

einer hübschen Quäkerin bewarb, wurde er von der Macht ihrer Reize

bewogen, ein Mitglied der in der Nähe wohnenden Brüderschaft zu werden;

und obgleich er ein ehrbares, nüchternes, wirksames Mitglied wurde und

nichts Besonderes gegen ihn einzuwenden war, so glaubten die geistig

höher Stehenden in der Gemeinde doch einen großen Mangel an »Geruch in

seiner Erkenntniß« zu bemerken.

»Freund Phineas will immer seine eigenen Wege haben,« sagte Rachel

Halliday lächelnd; »aber wir sind dennoch alle der Meinung, daß sein

Herz auf dem rechten Flecke ist.«

»Wohl,« sagte Georg, »ist es nicht besser, wir beeilen uns mit unserer

Flucht?«

»Ich bin um vier Uhr aufgestanden und in größter Eile hierhergekommen,

also wenigstens zwei bis drei Stunden Jenen voraus, wenn sie zu der

Zeit aufgebrochen sind, wie sie wollten. Es ist nicht rathsam, vor

der Dunkelheit zu gehen, denn in den Dörfern vor uns gibt es manche

schlechte Burschen, die geneigt sein könnten, mit uns anzubinden, wenn

sie unsern Wagen sehen, und das würde uns länger aufhalten, als wenn

wir hier warten; aber in zwei Stunden, denke ich, können wir es wagen.

Ich will zu Michael Croß gehen und ihm sagen, daß er uns mit seinem

schnellfüßigen Klepper nachkomme und sich auf dem Wege scharf umsehe,

und uns ein Zeichen gebe, im Falle er einen Trupp Männer antreffen

sollte. Michael hat ein Pferd, das jedes andere Pferd leicht überholt;

oder er könnte uns auch einen Schuß zum Zeichen geben, wenn Gefahr

eintreten sollte. Ich gehe jetzt zu Jim, um ihm zu sagen, daß er mit

der alten Frau bereit sein und nach dem Pferde sehen solle. Wir haben

einen guten Vorsprung und alle Aussicht, die Niederlassung eher zu

erreichen, als uns Jene einholen können. Also, guten Muth, Freund

Georg! Dies ist nicht der erste böse Fall, in dem ich mit den Leuten

deines Volkes zu thun gehabt habe,« sagte Phineas, indem er die Thür

hinter sich schloß.

»Phineas ist schlau und gewandt,« sagte Simeon. »Er wird das Beste für

Dich thun, was geschehen kann, Georg.«

»Was mir nur leid thut,« sagte Georg, »ist die Gefahr, der Sie sich

aussetzen.«

»Du wirst uns einen großen Gefallen thun, Freund Georg,« entgegnete

Simeon, »wenn Du das nicht mehr erwähnen willst. Was wir thun, befiehlt

uns unser Gewissen zu thun; wir können nicht anders. Und nun, Mutter,«

fügte er, zu Rachel gewendet, hinzu, »beeile Deine Zubereitungen für

diese Freunde, denn wir dürfen sie nicht fastend entlassen.«

Während Rachel und ihre Kinder nunmehr geschäftig waren, Brodkuchen zu

backen und Schinken und Hühner zu kochen, und alle +et cetera's+

des Abendessens zu beeilen, saßen Georg und seine Frau in ihrem

kleinen Zimmer, mit fest verschlungenen Armen, und in solchem Gespräch

begriffen, wie es zwischen Mann und Frau stattfindet, wenn sie wissen,

daß sie in wenigen Stunden vielleicht auf ewig von einander getrennt

sind.

»Elisa,« sagte Georg, »Menschen, die Freunde und Häuser und Land und

Geld und alle diese Dinge haben, können sich einander nicht so lieben,

wie wir es thun, die nichts haben, als uns selbst. Ehe ich Dich kannte,

Elisa, hatte mich nie ein menschliches Wesen geliebt, ausgenommen

meine arme, unglückliche Mutter, und meine Schwester. Ich sah die arme

Emilie an dem Morgen, wo sie von dem Händler fortgeschleppt wurde. Sie

kam nach der Ecke, wo ich lag und schlief, und sagte: »»Armer Georg,

Dein letzter Freund verläßt Dich jetzt. Was wird aus Dir werden, armer

Junge?«« Ich sprang auf, und schlang meine Arme um sie, und weinte und

schluchzte, und sie weinte mit. Dies waren die letzten freundlichen

Worte, die ich in zehn langen Jahren hörte; mein Herz vertrocknete

gänzlich, und war wie Asche geworden, als ich Dich fand. Deine Liebe

erweckte mich gleichsam von den Todten! Ich bin ein neuer Mensch

seitdem geworden! Und nun, Elisa, will ich meinen letzten Blutstropfen

hingeben, ehe sie Dich mir entreißen. Wer Dich haben will, muß erst

über meinen Leichnam gehen.«

»O Gott sei uns gnädig,« sagte Elisa schluchzend. »Wenn er uns aus

diesem Lande glücklich führen wollte, -- das ist Alles, um was wir ihn

bitten.«

»Ist Gott auf ihrer Seite?« sagte Georg, weniger zu seiner Frau

sprechend, als seinen eignen, bittern Betrachtungen folgend. »Sieht er

Alles, was sie thun? Weshalb läßt er solche Dinge geschehen? Und sie

behaupten, daß die Bibel auf ihrer Seite sei; -- ja, alle Gewalt ist

auf ihrer Seite. Sie sind reich, gesund und glücklich; sind Mitglieder

von Kirchen, und gedenken in den Himmel zu kommen, und gehen so bequem

durch die Welt, und haben Alles ganz so, wie sie es wünschen; und

arme, ehrliche, treue Christen, -- eben so gute, wie sie, und bessere

vielleicht, -- liegen im Staube unter ihren Füßen. Sie kaufen und

verkaufen sie, treiben Handel mit ihrem Herzblut, mit ihren Seufzern

und Thränen, -- und Gott ~läßt~ es geschehen.«

»Freund Georg,« sagte Simeon von der Küche aus zu ihm, »höre diesen

Psalm; er wird Dir vielleicht wohlthätig sein.«

Georg zog seinen Sitz bis nahe an die Thür, und Elisa, ihre Thränen

trocknend, kam ebenfalls hervor, um zu horchen, während Simeon las wie

folgt:

»Ich aber hätte sicher gestrauchelt mit meinen Füßen, mein Tritt

hätte beinahe geglitten.

»Denn es verdroß mich auf die Ruhmräthigen, da ich sah, daß es den

Gottlosen so wohl ging.

»Sie sind nicht im Unglück, wie andre Leute, und werden nicht wie

andre Menschen geplagt.

»Darum muß ihr Trotzen ein köstliches Ding sein, und ihr Frevel

muß wohlgethan heißen.

»Ihre Person brüstet sich wie ein fetter Wanst; sie thun, was sie

nur gedenken.

»Sie vernichten Alles, und reden übel davon, und reden und lästern

hoch her.

»Darum fällt ihnen der Pöbel zu, und laufen ihnen zu mit Haufen

wie Wasser,

»Und sprechen: Was sollte Gott nach jenen fragen? Was sollte der

Höchste ihrer achten?«

»Sind das nicht Deine Empfindungen, Georg?« fragte Simeon nach

Lesung dieser Verse.

»Sie sind es, in der That,« sagte Georg, »so genau, als wenn ich

sie selbst niedergeschrieben hätte.«

»Dann höre weiter,« sagte Simeon, und las:

»Ich gedachte ihm nach, daß ich's begreifen möchte: aber es war

mir zu schwer,

»Bis daß ich ging in das Heiligthum Gottes, und merkte auf

ihr Ende.

»Aber Du setzest sie auf's Schlüpfrige, und stürzest sie zu Boden.

»Wie ein Traum, wenn Einer erwachet, so machst Du, Herr, ihr Bild

in der Stadt verschmähet.

»Dennoch bleibe ich stets an Dir, denn Du hältst mich bei meiner

rechten Hand.

»Du leitest mich bei Deinem Rath, und nimmst mich endlich zu

Ehren an.

»Wenn ich nur Dich habe, so frage ich nichts nach Himmel und Erde.

»Wenn mir gleich Leib und Seele verschmachtet, so bist Du doch,

Gott, allezeit meines Herzens Trost und mein Theil.«

Die Worte heiligen Vertrauens, die von den Lippen des freundlichen

alten Mannes flossen, stahlen sich wie heilige Musik in den gequälten,

erhitzten Geist Georg's; und als Jener geendet hatte, saß er da mit

dem Ausdrucke von Sanftmuth und Demuth in seinen schönen Zügen.

»Wenn diese Welt Alles wäre, Georg,« sagte Simeon, »so könntest Du

allerdings fragen, wo ist der Herr? Aber es sind oft Diejenigen,

welche in diesem Leben am allerwenigsten haben, die er für sein Reich

auserwählt. Vertraue auf ihn, und was auch immer Dich hier befallen

möge, Er wird jenseits Alles gut machen.«

Wenn diese Worte von einem bequemen, selbstzufriedenen Ermahner

gekommen wären, in dessen Munde sie als eine bloße rhetorische

Redensart hätten gelten können, wie sie Unglücklichen gegenüber so

häufig gebraucht werden, so hätten sie vielleicht keine große Wirkung

gehabt; allein da sie aus dem Munde eines Mannes flossen, der sich für

die heilige Sache Gottes und der Menschen täglich der Gefahr aussetzte,

an seinem Gut und seiner Freiheit gestraft zu werden, so hatten sie

ein Gewicht, das von jedem empfunden werden mußte, und unsere armen,

heimathlosen Flüchtlinge, Georg und Elisa, fühlten deshalb Ruhe und

Kraft aus ihnen in ihre Herzen strömen.

Und nun nahm Rachel Elisa freundlich bei der Hand, und führte sie an

den Abendtisch. Als Alle darum saßen, wurde ein leises Klopfen an die

Thür gehört, und Ruth trat ein.

»Ich bin nur grade hergelaufen,« sagte sie, »um die kleinen Strümpfe

hier für den Knaben zu bringen, -- drei Paar warme wollene. Es wird

sehr kalt sein, verstehst Du, da in Kanada. Hast Du guten Muth, Elisa?«

fügte sie hinzu, um den Tisch herum an Elisa's Seite trippelnd, und

ihr herzlich die Hand schüttelnd, während sie zugleich in Harry's Hand

einen kleinen Kuchen schob. »Ich habe hier ein kleines Packetchen für

ihn,« sagte sie, indem sie an ihrer Tasche zupfte und zog, um es hervor

zu holen. »Kinder, weißt Du, wollen immer etwas zu essen haben.«

»O, ich danke Ihnen, Sie sind so gütig,« sagte Elisa.

»Komm' Ruth, setz' Dich, und iß etwas mit,« sagte Rachel.

»Ich kann nicht, -- unmöglich. Ich habe John mit dem Kinde zu Hause

gelassen, und Zwiebacke im Ofen stehen. Ich kann also keinen Augenblick

bleiben, sonst verbrennt mir John alle Zwiebacke, und gibt dem Kinde

allen Zucker, der in der Schaale ist. So macht er es immer,« sagte die

kleine Quäkerin lachend. »Also, leb' wohl, Elisa, leb' wohl, Georg, der

Herr gebe Euch eine glückliche Reise!« und nach einigem Trippeln war

Ruth aus dem Zimmer verschwunden.

Bald nach dem Essen fuhr ein großer, bedeckter Wagen vor die Hausthür.

Die Nacht war sternhell, und Phineas sprang munter von seinem Sitze

herab, um seine Passagiere in Ordnung zu bringen. Georg schritt zur

Hausthür hinaus mit dem Kinde auf dem einen Arme, und mit seiner Frau

am andern. Sein Schritt war fest, sein Gesicht ruhig und entschlossen.

Simeon und Rachel folgten hinter ihnen.

»Steigt einen Augenblick heraus,« sagte Phineas zu denen innerhalb des

Wagens, »und laßt mich den Rücksitz im Wagen für die Frauenzimmer und

das Kind zurecht machen.«

»Hier sind die beiden Buffalohäute,« sagte Rachel. »Mache die Sitze so

bequem wie möglich; es greift an, die ganze Nacht zu fahren.«

Jim kam zuerst heraus, und half seiner alten Mutter, die an seinem

Arme hing, und sich ängstlich umsah, als wenn sie jeden Augenblick die

Verfolger erwarte.

»Jim, sind Deine Pistolen in Ordnung?« fragte Georg mit leiser, fester

Stimme.

»Ja wohl,« entgegnete Jim.

»Und Du bist nicht zweifelhaft darüber, was Du zu thun hast, wenn sie

kommen sollten?«

»Ich denke nicht,« sagte Jim, seine breite Brust mit einem tiefen

Athemzuge aufwerfend. »Glaubst Du, ich will sie meine arme Mutter mir

wieder abnehmen lassen?«

Während dieses kurzen Zwiegesprächs hatte Elisa von ihrer gütigen

Freundin Rachel Abschied genommen, und war von Simeon in den Wagen

gehoben worden, wo sie, mit ihrem Kinde auf den Hintersitz kriechend,

unter den Buffalohäuten Platz nahm. Die alte Frau wurde nächst ihr

hinein befördert, und kam neben ihr zu sitzen, während Georg und Jim

ihre Plätze auf einem rohen Brette ihnen gegenüber erhielten, und

Phineas den Frontsitz des Wagens bestieg.

»Lebt wohl, meine Freunde,« sagte Simeon von außen.

»Gott segne Euch!« antworteten Alle von innen, und der Wagen fuhr

rasselnd und stoßend über den hart gefrorenen Boden fort.

Wegen der Rauhigkeit des Weges und des Gerassels der Räder war keine

Unterhaltung möglich. Der Wagen rumpelte deshalb fort durch lange,

dunkle Waldwege, -- über weite, einsame Ebenen, -- bergauf und bergab,

-- eine Stunde nach der andern. Das Kind fiel bald in Schlaf und lag

schwer auf dem Schooße seiner Mutter. Die arme, zitternde alte Frau

vergaß zuletzt ihre Furcht; und selbst Elisa fand, als der Morgen

graute, alle ihre Besorgnisse unzureichend, um ihre Augen ungeschlossen

zu erhalten. Phineas schien der Munterste von der ganzen Gesellschaft

zu sein, und suchte sich die Zeit seiner langen Fahrt dadurch zu

verkürzen, daß er verschiedene sehr unquäckerische Lieder pfiff.

Gegen vier Uhr Morgens hörte Georg plötzlich deutliche Pferdehufe

eiligst hinter ihnen her kommen, und stieß deshalb Phineas an den

Ellenbogen. Phineas hielt die Pferde an und horchte.

»Das muß Michael sein,« sagte er; »ich glaube, ich kenne den Klang

seines Gallops,« und streckte seinen Kopf weit zurück, um den Weg zu

überschauen.

Jetzt wurde ein in größter Eile reitender Mann in einiger Entfernung

auf der Spitze eines Hügels dunkel erkennbar.

»Das ist er, glaube ich!« sagte Phineas. Georg und Jim sprangen zum

Wagen hinaus, ehe sie wußten, was sie eigentlich thaten. Alle standen

im tiefsten Schweigen, während ihre Gesichter dem erwarteten Boten

zugewendet waren, der immer näher kam. Jetzt ging sein Lauf in ein Thal

hinab, wo sie ihn nicht sehen konnten, aber sie hörten den scharfen,

hastigen Hufschlag immer deutlicher werden, bis er endlich auf der Höhe

eines Hügels emportauchte und nahe genug war, um angerufen werden zu

können.

»Ja, das ist Michael!« sagte Phineas, seine Stimme erhebend. »Holla,

hier Michael!«

»Phineas! bist Du es?«

»Ja, was für Nachrichten, -- kommen sie?«

»Geraden Wegs hinter mir, acht oder zehn Mann, voll von Brandwein, und

fluchen und schäumen wie Wölfe.«

Und während er sprach, trug der Morgenwind ihnen den fernen Schall

gallopirender Reiter zu.

»Hinein mit Euch, -- schnell, Jungens, ~hinein~!« rief Phineas.

»Wenn Ihr einmal fechten müßt, so wartet, bis ich Euch ein Stück weiter

gebracht habe.«

Nach diesen Worten sprangen Beide hinein, und Phineas trieb die Pferde

an, während der Reiter dicht hinter ihnen folgte. Der Wagen rasselte,

sprang und flog beinahe über den hartgefrorenen Boden hin; aber

deutlicher und immer deutlicher wurde der Schall der verfolgenden

Reiter hörbar. Die Weiber hörten ihn und blickten ängstlich hinaus,

und sahen am Rande eines fernen Hügels hinter ihnen einen Trupp

Männer gegen den röthlichen Morgenhimmel zum Vorschein kommen. Bald

darauf hatten die Verfolger den Wagen entdeckt, dessen weißer Plan

ihn in der Entfernung leicht erkennbar machte, und der Wind trug

das wilde Gebrüll ihrer Freude zu den Fliehenden hinüber. Elisa war

einer Ohnmacht nahe und preßte ihr Kind fester an den Busen; die

alte Frau betete und stöhnte und Georg und Jim faßten ihre Pistolen

mit verzweiflungsvollem Griffe. Die Verfolger kamen näher und immer

näher, als der Wagen plötzlich eine Wendung machte und sie an die Wand

eines steil überhängenden Felsens brachte, welcher sich in gewaltigen

Massen vereinzelt erhob, während die umliegende Gegend, mit sanfter

Abdachung, flach und eben war. Diese isolirte Felswand stieg schwarz

und schwerfällig gegen den heller werdenden Himmel auf, und schien den

Flüchtigen Schutz und einen Zufluchtsort gewähren zu wollen. Phineas

kannte den Ort und die Lokalität aus seiner Jägerzeit her genau, und

nur in der Absicht, diesen Punkt zu erreichen, hatte er seine Pferde so

stark angetrieben.

»Nun schnell!« rief er, plötzlich seine Pferde anhaltend und von seinem

Sitze herab springend. »Heraus mit Euch allen jetzt, blitzschnell, und

fort mit mir in die Felsen. Michael, Du bindest Dein Pferd an den Wagen

und fährst voraus zu Amariah, und sage ihm, er solle mit seinen Jungen

hierher kommen und ein Wort mit den Burschen da reden.«

Im Nu waren Alle aus dem Wagen heraus.

»Kommt,« sagte Phineas, den kleinen Harry auf den Arm nehmend, »Ihr

sorgt für die Weiber, und nun schnell, lauft jetzt, wenn Ihr je in

Eurem Leben gelaufen seid!«

Es bedurfte keiner besondern Ermahnung. Schneller als wir es sagen

können, hatte die ganze Gesellschaft die Umzäunung überstiegen und

eilte den Felsen zu, während Michael, der inzwischen vom Pferde

gesprungen war und dasselbe an den Wagen befestigt hatte, jetzt in

vollem Laufe davon fuhr.

»Vorwärts!« rief Phineas, als sie die Felsen erreichten, und er in

gemischtem Lichte der Sterne und der Morgendämmerung die Spuren eines

rauhen, aber deutlich ausgetretenen Fußpfades entdeckte, welcher hinauf

führte; »das ist eine unserer alten Jagdhöhlen!«

Phineas ging voran, indem er, einer Gemse gleich, von Fels zu Fels

mit dem Knaben auf dem Arme sprang. Hinter ihm folgte Jim, der seine

bebende, alte Mutter auf der Schulter trug, und Georg und Elisa

bildeten den Schluß des Zuges. Während dessen hatten die Reiter die

Umzäunung erreicht und stiegen jetzt schreiend und fluchend ab, um

ihnen zu folgen. Wenige Sekunden Klettern brachte Jene auf die Höhe

der Felsen, wo der Fußpfad einen so engen Paß bildete, daß nur Einer

nach dem Andern gehen konnte, bis sie plötzlich an eine Felsspalte von

beinahe drei Fuß Breite kamen, an deren gegenüber liegender Seite sich

eine neue, abgesonderte Felswand von dreißig Fuß Höhe, und mit steilen,

senkrechten Wänden, gleich denen eines Schlosses, erhob. Phineas sprang

mit Leichtigkeit über die Felsspalte, und setzte dort den Knaben auf

eine ebene, mit weichem, krausem Moose überwachsene Felsplatte nieder.

»Herüber mit Euch! springt jetzt, wenn Ihr je in Eurem Leben gesprungen

seid!« rief er, während Einer nach dem Andern den Sprung glücklich

vollbrachte. Mehrere Bruchstücke loser Steine bildeten eine Art

Brustwehr, welche ihre Stellung gegen Beobachtung von Seiten der unten

Befindlichen schützte.

»Also hier wären wir Alle,« sagte Phineas, während er über die

steinerne Brustwehr lugte, um die Angreifer zu beobachten, welche

lärmend und tobend den Felsweg herauf kamen. »Sie mögen uns fangen,

wenn sie können. Wer heran will, muß einzeln durch den Paß da zwischen

den beiden Felsen gehen, und ist also in der geraden Richtung Eurer

Pistolen, -- seht Ihr, Jungens?«

»Ich sehe es,« sagte Georg; »und da dies nun unsere Sache allein ist,

so wollen wir auch alle Gefahr übernehmen, und den ganzen Kampf allein

bestehen.«

»Ist mir ganz recht, wenn Du es ausfechten willst, Freund Georg,«

entgegnete Phineas, »aber Du wirst mir doch den Spaß lassen,

zuzuschauen? Sieh' nur, wie die Burschen da unten berathschlagen und

hier herauf gucken wie Hennen, wenn sie zu Neste fliegen wollen. Wärs

nicht besser, wenn Du ihnen 'nen guten Rath gäbest, ehe sie herauf

kommen, und ihnen gelassen sagtest, daß sie todtgeschossen würden, wenn

sie's thäten?«

Die Gesellschaft am Fuße des Felsens, welche jetzt im heller werdenden

Morgenlichte deutlicher erkennbar wurde, bestand aus unsern alten

Freunden Tom Locker und Marks, nebst zwei Konstablern und einer Anzahl

liederlicher Bursche, die in der letzten Schenke durch etwas Brandwein

geworben worden waren, bei dem interessanten Geschäfte, Nigger

einzufangen, hülfreiche Hand zu leisten.

»He, Tom, Eure Affen sind glücklich aufgespürt,« sagte Einer von ihnen.

»Ja, ich sah sie gerade hier hinauf gehen,« erwiederte Tom, »hier ist

der Fußweg. Sie können doch nicht Alle mit einem Male 'nunterspringen,

und 's wird nicht lange dauern, um sie einzukreisen und herauszuholen.«

»Aber, Tom, sie könnten ja hinter den Felsen hervorschießen,« sagte

Marks; -- »das wäre unangenehm!«

»Uf!« entgegnete Tom mit höhnischem Lachen, -- »Du bist immer für

Deine Haut besorgt, Marks! Keine Gefahr hier, Nigger sind zu feig von

Natur.«

»Ich weiß nicht, warum ich nicht für meine Haut besorgt sein soll,«

sagte Marks; »sie ist das Beste, was ich habe; und Niggers fechten

manchmal wie der Teufel.«

In diesem Augenblick erschien Georg auf der Höhe des Felsens über ihnen

und sagte, indem er mit ruhiger, deutlicher Stimme sprach:

»Meine Herren, wer sind Sie, dort unten, und was wollen Sie hier?«

»Wir suchen 'ne Partie weggelaufener Nigger,« sagte Tom Locker. »Einen

gewissen Georg Harris und Elisa Harris, und ihr Junges, und Jim Selden,

und ein altes Weib. Wir haben die Konstabler hier und 'nen Haftsbefehl,

und wir wollen sie haben, -- versteht Ihr? -- He, bist Du nicht selbst

Georg Harris, der Mr. Harris in Kentucky gehört?«

»Ich bin Georg Harris. Ein Mr. Harris in Kentucky nannte mich sein

Eigenthum; -- aber ich bin jetzt ein freier Mensch, stehe auf Gottes

freiem Boden und beanspruche mein Weib und mein Kind als mein

eigen. Jim und seine Mutter sind auch hier. Wir haben Arme, uns zu

vertheidigen, und wir sind fest entschlossen, es zu thun. Ihr mögt

herauf kommen, wenn Ihr wollt; aber der Erste von Euch, der in den

Bereich unserer Kugeln kommt, ist verloren, und so der nächste und der

folgende, bis zum Letzten.«

»Ah, was!« sagte ein kleiner, aufgeblasener Mann hervortretend und sich

seine Nase ausschnaubend. »Junger Mann, das ist gar keine Art Gespräch,

was sich für Dich paßt. Du siehst, wir sind Konstabler. Wir haben das

Gesetz auf unserer Seite, und die Macht, und so weiter; so also thust

Du am Besten, Du ergiebst Dich gutwillig, denn endlich mußt Du es doch

thun.«

»Ich weiß sehr wohl, daß Ihr das Recht und die Macht auf Eurer Seite

habt,« sagte Georg mit bitterem Tone. »Ihr wollt mein Weib nehmen, um

es in New-Orleans zu verkaufen, und mein Kind wollt Ihr wie ein Kalb

einem Händler überliefern, und Jim's alte Mutter wollt Ihr zu dem

viehischen Menschen zurücksenden, der sie gepeitscht und gemißhandelt

hat, weil er ihren Sohn nicht mißhandeln konnte. Mich und Jim wollt

Ihr zurück schicken, um gepeitscht und gemartert und von den Hacken

derjenigen zertreten zu werden, die Ihr unsere Herren nennt; und Eure

Gesetze werden Euch darin unterstützen, -- was für sie und Euch um

so mehr Schande ist! Aber Ihr habt uns noch nicht. Wir erkennen Eure

Gesetze nicht an; wir erkennen Euer Land nicht an; wir stehen hier

frei unter Gottes Himmel wie Ihr, und bei dem großen Gott, der uns

geschaffen hat, wir wollen unsere Freiheit bis zum letzten Blutstropfen

vertheidigen!«

Georg's Figur war vollständig sichtbar, als er auf der Höhe des Felsens

stand, und diese Unabhängigkeitserklärung machte. Das Morgenlicht warf

einen röthlichen Schein auf seine bräunliche Wange, und die innere

Erbitterung und Verzweiflung verliehen seinem dunklen Auge Feuer, und

als ob er an die Gerechtigkeit Gottes appellire, hob er während des

Sprechens seine Hände gen Himmel. Seine Stellung, sein Auge, seine

Stimme und die Art und die Weise seines Sprechens hatten auf die unten

befindliche Gesellschaft einen momentanen Eindruck gemacht, und sie zum

Schweigen gebracht. Es liegt etwas in Kühnheit und Entschlossenheit,

was selbst der rohesten Natur eine Zeit lang imponirt. Marks war der

Einzige, der ganz unempfänglich dafür blieb. Er spannte wohlbedächtig

seine Pistole, und drückte während des momentanen Schweigens, das auf

Georgs Rede folgte, auf ihn ab.

»Ihr wißt, Ihr bekommt gerade eben so viel für ihn todt wie lebendig

in Kentucky,« sagte er, indem er seine Pistole kaltblütig am Rockärmel

abwischte.

Georg sprang zurück, -- Elisa stieß einen Schrei aus, die Kugel war

dicht an seinem Haar vorüber gestrichen, hatte beinahe die Wange seiner

Frau gestreift und war in einen Baum oberhalb gefahren.

»Es ist nichts, Elisa,« sagte Georg schnell.

»Du thätest besser, denen aus dem Gesichte zu gehen mit Deinen vielen

Redensarten,« sagte Phineas, »das sind gemeine Banditen.«

»Nun, Jim,« sagte Georg, »sieh' zu, daß Deine Pistolen in Ordnung sind,

und passe auf diesen Weg hier mit mir. Auf den Ersten, der sich zeigt,

schieße ich; Du nimmst den Zweiten und so fort. Wir dürfen nicht zwei

Schüsse auf Einen verschwenden, -- verstehst Du?«

»Aber wenn Du nicht triffst?«

»Ich ~werde~ treffen,« entgegnete Georg kaltblütig.

»Brav! in dem Burschen steckt 'was!« murmelte Phineas zwischen den

Zähnen.

Die Gesellschaft unten stand, nachdem Marks geschossen hatte, einen

Augenblick unschlüssig.

»Ich denke, Du mußt Einen getroffen haben,« sagte einer der Männer; --

»ich hörte ein Gekreisch.«

»Ich gehe jetzt gerade hinauf, und will mir Einen holen,« sagte Tom; --

»habe mich nie vor Niggern gefürchtet, und werde 's jetzt auch nicht

thun. Wer folgt mir?« rief er, die Felsen hinaufspringend.

Georg hörte diese Worte deutlich. Er spannte sein Pistol, prüfte es,

und richtete es auf den Punkt im Engpasse, wo der erste Mann erscheinen

mußte.

Einer der muthigsten von der ganzen Gesellschaft folgte Tom, und

nachdem der Weg auf diese Weise eröffnet war, folgte die ganze

übrige Gesellschaft die Felsen hinauf, wobei die hinten Gehenden

ihre Vorderleute eiliger drängten, als diese aus eigenem Antrieb

vorgeschritten sein würden. Einen Augenblick später erschien Tom's

aufgedunsene Gestalt beinahe dicht am Rande der Felsspalte.

Onkel Tom's Hütte(#76640) · 第 8 / 13 段