immer gegen Kopfschmerzen, und es wird Dir Erleichterung verschaffen.
Nein, Du sollst es nehmen, -- mir zum Gefallen.«
»Nun höre Einer das liebe Kind sprechen!« sagte Mammy, während Eva das
Fläschchen in ihren Busen schob, und die Treppe hinabsprang zu ihrer
Mutter.
»Weshalb hast Du Dich so lange aufgehalten?«
»Ich blieb bei Mammy stehen, um ihr mein Riechfläschchen zu geben,
welches sie mit in die Kirche nehmen soll.«
»Eva,« sagte Marie, heftig mit dem Fuße stampfend, -- »Dein goldenes
Riechfläschchen an Mammy! Wann wirst Du endlich lernen, was sich
schickt? -- Gleich, den Augenblick, gehe hin zu ihr, und nimm' es
zurück!«
Eva machte eine traurige, niedergeschlagene Miene, und wandte sich
langsam um.
»Ich bitte Dich, Marie, laß das Kind gehen; Eva soll thun, was ihr
gefällt!« sagte St. Clare.
»Aber St. Clare, wie wird sie denn je in der Welt fortkommen?«
entgegnete Marie.
»Gott weiß!« sagte St. Clare, »aber sie wird jedenfalls im Himmel
besser fortkommen, als Du oder ich!«
»O Papa, sage das nicht,« flüsterte ihm Eva zu, seinen Arm sanft
berührend, »es thut Mutter weh.«
»Wohl, Cousin, bist Du bereit, mit uns in die Kirche zu gehen?« fragte
Miß Ophelia, indem sie sich schroff zu St. Clare umwandte.
»Bedaure, ich werde nicht hingehen.«
»Ich wünschte wirklich, daß St. Clare nur einmal mit uns zur Kirche
ginge,« sagte Marie; »aber er hat nicht die geringste Religion. Es ist
gar nicht anständig und achtungswerth.«
»Ich weiß das,« entgegnete St. Clare. »Ihr Damen geht in die Kirche, um
zu lernen, wie Ihr in der Welt fortkommen sollt, und Eure Frömmigkeit
breitet Achtung über uns. Wenn ich überhaupt gehen wollte, so würde
ich in die Versammlung gehen, in welche Mammy geht. Da ist wenigstens
Etwas, was Einen munter erhält.«
»Was? Diese schreienden Methodisten? Schrecklich!« sagte Marie.
»Alles Andre, nur nicht das todte Meer unserer respektablen Kirche,
Marie. Es ist entschieden zu viel von einem Menschen verlangt. Eva,
willst Du hingehen? Komm', bleib' zu Hause, und spiele mit mir,« sagte
St. Clare.
»Danke, Papa, ich möchte lieber in die Kirche gehen.«
»Ist es denn nicht schrecklich langweilig da?« fragte St. Clare.
»Ich denke, Manches ist langweilig,« erwiederte Eva, »und ich werde oft
schläfrig; aber ich gebe mir Mühe, wach zu bleiben.«
»Weshalb gehst Du denn also hin?«
»Sieh', lieber Papa,« flüsterte sie ihm leise zu, »Cousine sagte mir,
daß Gott danach verlange, uns zu haben; und er gibt uns ja Alles, nicht
wahr? und es ist nicht viel, was er von uns verlangt. Es ist auch
überhaupt nicht so sehr langweilig!«
»Süße, liebe, gute Seele!« sagte St. Clare, sie küssend. »Geh', Du bist
ein gutes Kind, bete für mich.«
»Gewiß, das thue ich immer,« rief das Kind, während es hinter der
Mutter in den Wagen sprang.
St. Clare blieb an der Treppe stehen, und warf ihr Kußhände zu, während
der Wagen fortfuhr; und große, schwere Thränentropfen standen in seinen
Augen.
»O Evangeline! mit Recht so genannt!« sagte er; »hat Gott Dich nicht zu
einem Evangelium für mich gesandt?«
Das war seine Empfindung einen Augenblick lang; dann rauchte er eine
Cigarre, und las die Zeitung, und vergaß sein kleines Evangelium? War
er anders, als andere Leute?
»Sieh', Eva,« sagte ihre Mutter, »es ist immer recht und gut,
freundlich und gütig gegen Dienstboten zu sein, aber es ist nicht
recht, sie ~grade~ so zu behandeln, wie unsere Angehörigen, oder
andre Leute von demselben Stande wie wir. Zum Beispiel, wenn Mammy
krank würde, so würdest Du sie nicht in Dein eignes Bett legen wollen,
-- nicht wahr?«
»Ich glaube, ich würde es gern thun wollen, Mamma,« entgegnete Eva,
»weil es dann leichter wäre, sie zu pflegen, und weil mein Bett besser,
als das ihrige ist.«
Marie war in Verzweiflung über den gänzlichen Mangel von
Fassungsvermögen, der sich nach ihrer Ansicht in dieser Antwort
aussprach.
»Was soll ich nur thun, daß dieses Kind mich verstehen lerne?« rief
sie.
»Nichts,« entgegnete Miß Ophelia mit besonderem Nachdruck.
Eva war einen Augenblick lang traurig und verlegen; allein Kinder
bewahren glücklicher Weise nicht lange einen und denselben Eindruck,
und bald nachher lachte sie schon wieder herzlich über verschiedene
Gegenstände, an denen der Wagen vorüberfuhr.
* * * * *
»Nun, meine Damen,« sagte St. Clare, als Alle behaglich um den
Mittagstisch versammelt waren, »was für einen Speisezettel gab 's heut
in der Kirche?«
»O, Doktor G-- hielt eine vortreffliche Predigt,« sagte Marie.
»Es war grade eine solche Rede, wie Du sie hören solltest; sie stimmte
ganz genau mit meinen Ansichten überein.«
»Dann muß der Gegenstand, wie ich vermuthe, sehr umfassend gewesen
sein,« sagte St. Clare.
»Ich meine meine Ansichten über die gesellschaftlichen Verhältnisse
und dergleichen Dinge,« fuhr Marie fort. »Der Text war: »Er aber thut
Alles fein zu seiner Zeit«, und er zeigte, wie alle Ordnungen und
Unterschiede in der menschlichen Gesellschaft von Gott kämen, und daß
es so schön und so passend sei, verstehst Du, daß ein Theil hoch, und
ein anderer niedrig sein solle; daß Einige geboren worden seien, um
zu herrschen, und Andre um zu dienen, und alles das; und er wandte es
so richtig auf den lächerlichen Lärm an, der über Sklaverei gemacht
worden ist, und bewies ganz deutlich, daß die Bibel auf unserer Seite
sei, und alle unsere Einrichtungen so überzeugend rechtfertige. Ich
wollte nur, Du hättest ihn gehört.«
»O, ich habe das nicht nöthig,« sagte St. Clare. »Ich kann von der
Picayune zu jeder Zeit viel lernen, was mir eben so nützlich ist, und
dabei noch meine Cigarre rauchen, was ich in der Kirche nicht kann, wie
Du weißt.«
»Nun, bist Du denn mit diesen Ansichten nicht einverstanden?« fragte
Miß Ophelia.
»Wer -- ich? Ja, sieh', ich bin von aller göttlichen Gnade so
verlassen, daß eine solche religiöse Anschauung derartiger Gegenstände
durchaus nicht erbaulich für mich ist. Wenn ich Etwas über diese
Sklavenfrage sagen müßte, so würde ich rein heraus sagen: »Wir haben
sie, und wir gedenken sie zu behalten; es geschieht für unsere
Bequemlichkeit und unser Interesse;« denn das ist bei Licht betrachtet
das Ganze, -- und grade dasselbe, worauf all das heilige Geschwätz
hinaus will; und ich denke, das wird für Jedermann und überall
verständlich sein.«
»Ich weiß nicht, Augustin, Du kommst mir so unehrerbietig vor!« sagte
Marie; »es ist schrecklich, Dich reden zu hören.«
»Warum schrecklich? es ist die Wahrheit. Wenn dieses religiöse
Geschwätz über solche Gegenstände nur noch etwas weiter gehen, und uns
bei Gelegenheit auch einmal die Schönheit eines Menschen zeigen wollte,
der ein Glas zu viel genommen hat, oder bei seinen Karten zu lange
sitzen geblieben ist, und andrer ähnlicher weiser Einrichtungen der
Vorsehung, die unter uns jungen Männern ziemlich häufig sind, -- wir
würden es gern hören, daß diese recht und gut genannt werden.«
»Nun, was denkst denn Du von der Sklaverei,« sagte Miß Ophelia,
»hältst Du sie für recht oder unrecht?«
»Ich will keinen Eurer schrecklichen neuenglischen Angriffe haben,
Cousine,« sagte St. Clare scherzhaft. »Wenn ich diese Frage beantworte,
so weiß ich, daß Du mit einem halben Dutzend andrer über mich
herfällst, von denen jede folgende schlimmer, als die vorhergehende
ist; und ich bin keineswegs gesonnen, meine ganze Stellung deutlicher
zu erklären. Ich bin einer von denen, die davon leben, Steine auf
die Glashäuser Anderer zu werfen; aber es fällt mir nicht ein, eins
aufzubauen, um Andre mit Steine danach werfen zu lassen.«
»Grade so spricht er immer,« sagte Marie; »Du kannst nie eine genügende
Antwort aus ihm heraus bekommen. Ich glaube, grade deshalb, weil er die
Religion überhaupt nicht liebt, läuft er immer davor fort, wie er jetzt
eben gethan hat.«
»Religion!« sagte St. Clare in einem Tone, der beide Frauenzimmer
unwillkührlich auf ihn blicken ließ. »Religion! Ist das Religion, was
Ihr in der Kirche hört? Ist das Religion, was sich biegen und wenden
läßt, was hinabsteigt und hinaufsteigt, um für jedes verkrüppelte
Verhältniß in dieser selbstsüchtigen, menschlichen Gesellschaft zu
passen? Ist das Religion, was weniger gewissenhaft, edelmüthig, gerecht
und rücksichtsvoll für den Nebenmenschen ist, als selbst meine eigne
gottlose, weltliche, verblendete Natur. Nein! Wenn ich Religion suche,
so muß ich Etwas suchen, das über mir, aber nicht unter mir ist.«
»Du glaubst also nicht, daß die Bibel Sklaverei rechtfertigt?« sagte
Miß Ophelia.
»Die Bibel war das Buch ~meiner Mutter~,« sagte St. Clare; »nach
ihr lebte sie, und nach ihr starb sie, und es würde mir sehr leid
thun, wenn ich denken müßte, daß sie dies wirklich rechtfertigte. Ich
könnte eben so gut den Beweis verlangen, daß meine Mutter Brandwein
trinken, und Taback kauen, und fluchen konnte, um mich darüber zu
beruhigen, daß ich recht handele, indem ich es selbst thue. Es würde
meine eigne Ansicht über diese Dinge nicht ändern, sondern mir nur den
Trost rauben, meine Mutter achten zu dürfen; und es ist wirklich ein
Trost in dieser Welt, Etwas zu haben, was man achten kann. Mit einem
Worte, Du siehst,« fuhr er fort, indem er plötzlich seinen heitern
Ton wieder annahm, »Alles, was ich wünsche, ist, daß verschiedene
Dinge in verschiedenen Kasten aufbewahrt werden. Das ganze Gestell der
menschlichen Gesellschaft, in Europa sowohl wie in Amerika, besteht
aus verschiedenartigen Bestandtheilen, die nicht den Probirstein einer
strengen Moralität aushalten. Es ist wohl allgemein zugestanden, daß
die Menschen nie nach dem absolut Rechten streben, sondern sich nur
so zu handeln bemühen, wie es die übrige Welt thut. Wenn nun Jemand
auftritt, der wie ein Mann spricht, und sagt, daß die Sklaverei für
uns nothwendig sei, daß wir nicht ohne sie fertig werden können,
sondern gänzlich verarmen würden, wenn wir sie aufgäben, und deshalb
daran festhalten wollen, -- so ist dies wenigstens kräftig, klar und
deutlich gesprochen, und hat das Verdienst der Offenheit und Wahrheit
für sich; allein, wenn er anfängt, ein langes Gesicht zu ziehen und zu
schniffeln, und die Heilige Schrift anzuführen, so bin ich immer sehr
geneigt zu glauben, daß er nicht ein Haar besser ist, als wofür er
gehalten zu werden verdient.«
»Du bist sehr lieblos,« sagte Marie.
»Gut,« sagte St. Clare, »laß uns annehmen, daß irgend ein Umstand den
Preis der Baumwolle für immer herunter bringen, und also das ganze
Sklaveneigenthum zu einer werthlosen Waare machen sollte, -- glaubst
Du nicht, daß wir in diesem Falle sehr schnell eine andre Uebersetzung
der biblischen Lehren bekommen würden? Welche Fluth von Licht würde
dann plötzlich auf die Kirche einströmen, und wie schnell würde es
dann entdeckt sein, daß die Bibel sowohl wie die Vernunft eine andre
Richtung anweise!«
»Meinethalben,« sagte Marie, während sie sich auf ihrem Kanapee
ausstreckte, »ich danke Gott, daß ich da geboren bin, wo Sklaverei
besteht; und ich glaube, daß sie ganz in der Ordnung ist, -- ja, ich
fühle es deutlich, es muß so sein; und in jedem Falle weiß ich gewiß,
daß ich nicht ohne sie fertig werden könnte.«
»Und was denkst Du denn darüber, Kätzchen?« fragte der Vater Eva, die
grade in diesem Augenblicke, mit einer Blume in der Hand, in das Zimmer
kam.
»Worüber, Papa?«
»Ich meine, -- wo würdest Du lieber wohnen, in einem Hause wie bei
Deinem Onkel in Vermont, oder in einem solchen, wie das unsrige ist,
mit vielen Dienstboten?«
»O, natürlich, unser Haus ist das angenehmste,« sagte Eva.
»Weshalb?« fragte St. Clare, ihren Kopf streichelnd.
»O, weil hier so Viele sind, die man lieb haben kann, -- verstehst Du?«
sagte Eva, zu ihrem Vater aufblickend.
»Nun wahrlich, das sieht der Eva gänzlich ähnlich,« sagte Marie, »es
ist genau eine von ihren gewöhnlichen Reden.«
»Ist es 'was Dummes, Papa?« flüsterte Eva ihrem Vater zu, während sie
auf sein Knie stieg.
»Nach den Begriffen dieser Welt -- beinahe, Kätzchen,« sagte St. Clare.
»Aber wo ist meine kleine Eva denn während der ganzen Mittagszeit
gewesen?«
»O, ich bin in Tom's Zimmer gewesen, und habe ihm zugehört singen, und
Tante Dina hat mir Mittagessen gegeben.«
»Tom singen gehört, he?«
»Ja, o er singt so wunderschöne Dinge vom neuen Jerusalem, und den
leuchtenden Engeln, und dem Lande Canaan!«
»Ich glaube, es ist noch besser als die Oper, nicht wahr?«
»Ja, und er will mir alle diese Gesänge lehren.«
»Singstunden, wie? -- o, Du nimmst zu!«
»Ja, er singt mir etwas vor, und ich lese ihm meine Bibel vor; und er
erklärt es mir dann, was es bedeutet.«
»Auf mein Wort,« sagte Marie lachend, »das ist der beste Spaß des
ganzen Carnevals.«
»Tom ist gewiß kein schlechter Ausleger der Schrift, -- ich möchte
drauf schwören,« sagte St. Clare. »Tom hat natürliche Anlage für
Religion. Diesen Morgen wollte ich die Pferde früh heraus haben, und
stieg deshalb hinauf zu Tom's Residenz, über den Ställen, und hörte
ihn da Betstunde mit sich selbst halten, und in der That, ich habe
seit langer Zeit nichts so Herzstärkendes gehört, wie Tom's Gebet. Er
verwandte sich für mich mit einem Eifer, der wahrhaft apostolisch war.«
»Vielleicht ahnte er, daß Du horchtest. Ich habe von solchen
Kunststücken schon öfter gehört.«
»Wenn er mich vermuthete, so war er jedenfalls sehr unpolitisch; denn
er gab dem lieben Gott eine sehr offenherzige Meinung über mich. Tom
schien nämlich anzunehmen, daß in mir entschieden noch viel Raum für
Besserung sei, und schien sehr eifrig zu wünschen, daß ich besser
werden möchte.«
»Ich hoffe, Du wirst es Dir zu Herzen nehmen,« sagte Miß Ophelia.
»Ich glaube beinahe, Du bist stark derselben Meinung,« entgegnete St.
Clare. »Gut, wir wollen sehen, -- nicht wahr, Eva?«
Siebenzehntes Kapitel.
Die Vertheidigung des freien Mannes.
Als der Nachmittag heran kam, fand im Quäkerhause eine stille Bewegung
Statt. Rachel Halliday schritt leise hin und her, und sammelte aus
den Vorrathskammern ihres Haushaltes solche Gegenstände, welche sich,
ohne Raum einzunehmen, transportiren ließen, und für die Wanderer von
Nutzen waren, welche diese Nacht ihre Reise antreten sollten. Die
Nachmittagsschatten begannen sich ostwärts zu strecken, und die runde,
rothglühende Sonne stand gedankenvoll am Horizont, und ihre Strahlen
warfen ihr gelbes Licht in die stille, kleine Bettkammer, in der Georg
und seine Frau saßen. Er hatte sein Kind auf dem Knie, und hielt seines
Weibes Hand in der seinigen. Beide schienen in ernsten Betrachtungen
begriffen zu sein, und auf ihren Wangen waren Spuren von Thränen
sichtbar.
»Ja, Elisa,« sagte Georg, »ich weiß, Alles, was Du sagst, ist wahr. Du
bist ein gutes Kind, -- viel besser als ich bin; und ich will mir Mühe
geben, das zu thun, was Du sagst. Ich will mich bemühen, eines freien
Menschen würdig zu handeln, und christliche Gefühle zu hegen. Gott
der Allmächtige weiß, daß es immer mein Streben war, -- mein eifriges
Streben, -- gut zu handeln, auch wenn Alles gegen mich war; und nun
will ich die ganze Vergangenheit vergessen, und jedes bittere Gefühl
unterdrücken, und meine Bibel lesen, und lernen, ein guter Mensch zu
sein.«
»Und wenn wir nach Kanada kommen,« sagte Elisa, »kann ich Dir helfen.
Ich verstehe das Kleidermachen, und kann feine Wäsche waschen und
plätten, und für uns Beide wird sich schon etwas zu leben finden.«
»Ja, Elisa, so lange als wir uns und unser Kind haben. O Elisa! wenn
diese Menschen nur wüßten, was für ein beseligendes Gefühl es für einen
Mann ist, zu wissen, daß sein Weib und sein Kind ~ihm~ angehören!
Ich habe mich oft über Menschen gewundert, die ihre Weiber und Kinder
ihr eigen nennen konnten, und sich doch um andre Dinge abmühten und
abquälten. Ich fühle mich reich und stark, obgleich wir nichts besitzen
als unsere leeren Hände. Mir ist, als könne ich Gott kaum noch um etwas
bitten. Ja, obgleich ich jeden Tag schwer gearbeitet habe bis zu meinem
fünfundzwanzigsten Jahre, so besitze ich doch keinen Cent Geld, und
weder ein Dach, das mich schützt, noch ein Stückchen Landes, das ich
mein nennen könnte; aber, wenn sie mich jetzt nur in Ruhe lassen, so
will ich zufrieden, -- dankbar sein; ich will arbeiten, und das Geld
für Dich und den Knaben zurücksenden. Was meinen alten Herrn betrifft,
so hat er bereits durch mich fünfmal mehr eingenommen, als er je für
mich ausgegeben; ihm schulde ich nichts.«
»Aber wir sind noch nicht außer Gefahr,« sagte Elisa, »wir sind noch
nicht in Kanada.«
»Das ist wahr,« sagte Georg, »aber mir ist, als wenn ich freie Luft
fühlte, -- sie macht mich stark.«
In diesem Augenblicke wurden Stimmen in dem anstoßenden Zimmer gehört,
die in eifriger Unterredung begriffen waren, und gleich darauf wurde an
die Thür gepocht. Elisa stand auf und öffnete sie.
Simeon Halliday war da, und mit ihm ein Quäkerbruder, den er als
Phineas Fletcher vorstellte. Phineas war lang, groß und rothhaarig, und
trug den Ausdruck großer Schärfe und Schlauheit in seinem Gesichte. Er
hatte nicht die gelassene, ruhige, unweltliche Miene Simeon Halliday's,
sondern mehr die Erscheinung eines sehr aufgeweckten Mannes, der stolz
darauf ist, zu wissen, was er wolle, und mit scharfem Blicke Alles
um sich beobachtet: Eigenschaften, welche allerdings sonderbar zu
dem breitkrempigen Hute und der breiten, förmlichen Phraseologie des
Quäkers paßten.
»Unser Freund Phineas hat Etwas entdeckt, was von Wichtigkeit für Dich
und Deine Gefährten ist, Georg,« sagte Simeon; »ich glaube, es ist
nöthig, daß Du es hörest.«
»Ja,« sagte Phineas, »das habe ich, und es zeigt, welchen Nutzen es
gewährt, wenn ein Mensch an gewissen Oertern stets mit einem Ohre offen
schläft. Vorige Nacht blieb ich in einem kleinen, einsamen Wirthshause,
ein gutes Stück weit von hier, am Wege. Du entsinnst Dich des Ortes,
Simeon, wo wir im vorigen Jahre Aepfel an die dicke Frau mit den großen
Ohrringen verkauften. Ich war müde vom langen Fahren, und als ich mit
dem Abendbrod fertig war, legte ich mich auf einen Haufen Säcke in der
Ecke nieder und zog eine Buffalohaut über mich, um zu warten, bis mein
Bett fertig sein würde; und was geschah? -- ich schlief fest ein.«
»Mit einem Ohre offen, Phineas?« fragte Simeon ruhig.
»Nein, ich schlief ein paar Stunden lang mit Ohren und Allem, denn
ich war sehr müde; allein als ich wieder etwas munter wurde, bemerkte
ich, daß inzwischen einige Leute in das Zimmer gekommen waren, die
um einen Tisch saßen, und tranken und schwatzten; und ich dachte,
ich wollte, ehe ich viel Lärm machte, erst einmal hören, was sie
eigentlich vorhatten, um so mehr, als ich sie von Quäkern reden
hörte. »»So,«« sagte Einer, »»das ist kein Zweifel, sie sind in der
Quäker-Niederlassung.«« Dann horchte ich mit beiden Ohren und vernahm,
daß sie gerade von diesen Leuten sprachen. So blieb ich also liegen
und hörte sie alle ihre Pläne auseinandersetzen. Dieser junge Mann,
sagten sie, solle nach Kentucky zu seinem Herrn zurückgeschickt werden,
der ein Beispiel an ihm setzen wolle, um alle Neger vom Entlaufen
abzuschrecken; und seine Frau sollten Zwei von ihnen nach New-Orleans
hinunterbringen, und für eigene Rechnung verkaufen; und das Kind,
sagten sie, gehe zu einem Händler, der es gekauft habe. Sie sagten
auch, daß zwei Konstabels in der Stadt nahe bei wären, die ihnen
helfen wollten, sie einzufangen; und das junge Frauenzimmer sollte
vor einen Richter gebracht werden, und einer von den Burschen, ein
kleiner, der so sanft spricht, sollte beschwören, daß sie ihm gehöre,
und sie sich ausliefern lassen, um sie nach New-Orleans zu bringen, wo
sie sechszehnhundert oder achtzehnhundert Dollars für sie zu bekommen
hofften. Sie kannten die Richtung ganz genau, die wir diese Nacht
nehmen wollten, und sie werden sechs oder acht Mann stark hinter uns
sein. Was ist also nun zu thun?«
Die Gruppe, die sich nach dieser Mittheilung in verschiedenen
Stellungen befand, war eines Malers werth. Rachel Halliday, welche ihre
Hände aus einem Zwiebacksteige hervorgezogen hatte, um die Neuigkeiten
zu hören, stand da, sie in ihrem mehligen Zustande emporgehoben
haltend, und drückte die tiefste Besorgniß in ihrem Gesichte aus.
Simeon schien in tiefes Nachdenken versunken zu sein; und Elisa hatte
ihre Arme um ihren Mann geschlungen und sah zu ihm auf. Georg stand mit
geballten Fäusten und funkelnden Augen da, und sah gerade so aus, wie
jeder andere Mann aussehen würde, dessen Weib meistbietend verkauft,
und dessen Kind einem Sklavenhändler übergeben werden soll, und zwar
unter dem Schutze der Gesetze einer christlichen Nation.
»Was sollen wir thun, Georg?« fragte Elisa angstvoll.
»Ich weiß, was ~ich~ thun werde,« entgegnete Georg, indem er in
das kleine Zimmer ging und seine Pistolen zu untersuchen begann.
»Aha,« sagte Phineas, Simeon zunickend, »Du siehst, Simeon, wo das
hinaus will.«
»Ich sehe,« entgegnete Simeon seufzend; »und bitte Gott, daß es nicht
dahin kommen möge.«
»Ich will Niemanden durch und für mich in Verlegenheit bringen,«
sagte Georg. »Wenn Sie mir nur Ihren Wagen leihen und mir die
Richtung angeben wollen, so will ich allein bis nach der nächsten
Niederlassung fahren. Jim ist stark wie ein Riese, und tapfer wie Tod
und Verzweiflung, und ich auch.«
»Das ist ganz gut, Freund,« sagte Phineas, »aber Du wirst doch immer
einen Fuhrmann nöthig haben. Es ist mir ganz recht, wenn Du alle das
Fechten und Schlagen allein besorgst, aber ich weiß etwas mehr vom Wege
als Du.«
»Aber ich will Sie nicht in Verlegenheit bringen,« sagte Georg.
»In Verlegenheit bringen?« entgegnete Phineas, mit einer sonderbaren,
sarkastischen Miene. »Freund, so bald Du mich in Verlegenheit bringen
wirst, so sag' es mir nur.«
»Phineas ist ein kluger und geschickter Mann,« sagte Simeon. »Du thust
wohl, Georg, wenn Du seinem Rathe folgst; und,« fügte er hinzu, seine
Hand freundlich auf Georg's Schulter legend, und auf die Pistolen
deutend, »sei nicht zu schnell mit diesen da, -- junges Blut ist heiß.«
»Ich will Niemanden angreifen,« sagte Georg. »Alles, was ich von diesem
Lande verlange, ist, daß man mich im Frieden ziehen lasse, und ich will
still und ruhig hinausgehen; aber« -- er hielt inne, während seine
Stirne finster wie Nacht wurde, und sein Gesicht zu arbeiten anfing,
-- »ich hatte eine Schwester, die auf jenem Markte von New-Orleans
verkauft wurde; -- ich weiß, wozu sie dort verkauft werden, -- und ich
soll dabei stehen und zusehen, wie sie mir mein Weib nehmen und es
verkaufen, wenn Gott mir ein Paar starke Arme, sie zu vertheidigen,
gegeben hat? Nein, so wahr Gott mir helfe! Ich will kämpfen bis zum
letzten Hauche, ehe sie mein Weib und mein Kind nehmen sollen. Können
Sie mich deshalb tadeln?«
»Menschen können Dich darum nicht tadeln, Georg. Fleisch und Blut kann
nicht anders handeln,« sagte Simeon. »Wehe der Welt der Aergerniß
halber; doch wehe denen, durch welche Aergerniß kommt.«
»Würden Sie nicht sogar, Herr, dasselbe in meiner Stelle thun?«
»Ich bete, daß ich nicht in Versuchung fallen möge,« entgegnete Simeon;
»das Fleisch ist schwach.«
»Ich denke, mein Fleisch würde in solchem Falle leidlich stark sein,«
sagte Phineas, indem er ein Paar Arme wie die Flügel einer Windmühle
ausstreckte. »Ich weiß nicht, Freund Georg, ob ich nicht vielleicht
einen Burschen für Dich festhalten könnte, wenn Du eine Rechnung mit
ihm abzumachen haben solltest.«
»Wenn der Mensch je berechtigt ist, sich dem Uebel zu widersetzen, so
darf Georg es jetzt wohl thun; allein die Lehrer unseres Volkes haben
uns ein besseres Mittel gezeigt, denn des Menschen Zorn thut nicht, was
vor Gott recht ist. Aber es streitet hart gegen den verderbten Willen
des Menschen, und Niemand kann es empfangen, denn die, denen es gegeben
ist. Also laßt uns Gott bitten, daß wir nicht in Versuchung fallen.«
»Das will ich auch,« sagte Phineas; »aber wenn wir zu stark versucht
werden, -- nun, dann laß Jene sich vorsehen.«
»Es ist deutlich erkennbar, daß Du nicht als ein Freund geboren worden
bist,« sagte Simeon lächelnd. »Die alte Natur ist noch gewaltig stark
in Dir.«