den, sie gehörig unter dem Drucke zu halten. Mir war das natürlich
von meiner Kindheit an; aber Eva ist genug, um ein ganzes Haus
voll Dienstboten zu verderben. Was sie nur machen wird, wenn sie
selbst dahin kommen sollte, eine Wirthschaft zu führen? -- ich weiß
es wahrlich nicht. Ich halte darauf, immer ~gütig~ gegen die
Dienstboten zu sein, und ich bin es selbst immer; aber man muß sie
~ihre Stellung fühlen lassen~. Das thut Eva nie; es ist dem Kinde
noch nie im Entferntesten in den Kopf gekommen, was die Stellung eines
Dienstboten ist! Sie haben sie heut selbst gehört, als sie sich anbot,
bei mir zu wachen, um Mammy schlafen zu lassen! Das ist gerade ein
Beispiel von der Art und Weise, in der es das Kind immer treiben würde,
wenn es sich selbst überlassen wäre.«
»Nun,« platzte Ophelia hervor, »Sie werden doch Ihre Dienstboten für
menschliche Wesen halten, die Ruhe haben müssen, wenn sie ermüdet
sind.«
»Gewiß, natürlich. Ich sorge immer dafür, daß sie Alles haben, was
einigermaßen angeht, -- Alles, was Einen nicht zu sehr außer Ordnung
bringt. Mammy kann ihren Schlaf zu jeder andern Zeit nachholen; es
hindert sie Niemand. Sie ist das schläfrigste Geschöpf, was mir je
vorgekommen ist; sie schläft überall, sie mag nähen, oder stehen oder
sitzen. Es ist keine Gefahr, Mammy schläft schon genug. Aber diese Art
und Weise, die Dienstboten zu behandeln, als wenn es exotische Blumen
oder Porcellan-Vasen wären, ist wirklich lächerlich!«
Bei diesen Worten ließ sich Marie in die tiefen und weichen Kissen
eines Faulbettes niederfallen, hielt ein feingeschliffenes
Riechfläschchen vor die Nase und fuhr dann mit matter Stimme, dem
letzten, sterbenden Hauche eines arabischen Jasmin, oder etwas Anderem,
eben so Aetherischem ähnlich, fort:
»Sehen Sie, Cousine Ophelia, ich spreche nicht oft von mir selbst; es
ist nicht meine Gewohnheit, -- es sagt mir nicht zu, -- und ich habe
auch nicht Kraft dazu; aber es gibt Punkte, in denen ich mit St. Clare
sehr verschiedener Meinung bin. St. Clare hat mich nie verstanden
und richtig gewürdigt. Ich glaube, das ist die Ursache meiner ganzen
Kränklichkeit. Ich glaube gern, St. Clare meint es gut, aber die Männer
sind von Natur egoistisch und rücksichtslos gegen Frauen. Das ist
wenigstens meine Meinung.«
Miß Ophelia, welche keinen geringen Antheil ächt amerikanischer
Vorsicht und einen besondern Abscheu dagegen besaß, in unangenehme
Familienverhältnisse hineingezogen zu werden, glaubte jetzt etwas
dem Aehnliches kommen zu sehen. Indem sie deshalb ihr Gesicht in die
finsterste Neutralität verzog und aus ihrer Tasche einen anderthalb
Ellen langen Strumpf hervorholte, begann sie mit größtem Eifer zu
stricken, während sie ihre Lippen auf eine solche Weise zusammenpreßte,
als wollte sie damit sagen: »Du brauchst mich nicht zum Sprechen
aufzufordern, ich will mit Deinen Angelegenheiten nichts zu thun
haben,« und sah dabei so theilnehmend aus, wie etwa ein steinerner
Löwe. Allein Marie fragte danach nichts. Sie hatte Jemanden gefunden,
zu dem sie sprechen konnte, und sie hielt es für ihre Pflicht, zu
sprechen, und das war genug; und indem sie sich deshalb durch ein
nochmaliges Riechen an ihrem Fläschchen stärkte, fuhr sie fort:
»Sehen Sie, ich habe mein eignes Vermögen, und meine eignen Dienstboten
hierher gebracht, als ich St. Clare heirathete, und ich bin deshalb
auch berechtigt, diese nach meiner Art und Weise zu behandeln. St.
Clare hat sein Vermögen und seine Leute, und ich habe nichts dagegen,
daß er diese nach seiner Weise behandle; aber er will sich in Alles
mischen. Er hat wilde, überspannte Begriffe von allen Dingen, und
besonders von der Behandlung der Dienstboten. Er handelt wirklich so,
als wenn er seine Leute über mich, und über sich selbst stellte; denn
er erlaubt ihnen, ihm jede mögliche Art von Unruhe zu verursachen,
ohne daß er auch nur einen Finger aufhebt. In manchen Dingen ist
St. Clare wirklich fürchterlich, -- und ich fürchte mich vor ihm,
so gutmüthig er auch gewöhnlich aussieht. So hat er sich's einmal
zum Grundsatz gemacht, daß in seinem Hause kein Schlag gethan werden
solle, ausgenommen von ihm oder von mir; und er besteht darauf in einer
solchen Weise, daß ich es wirklich nicht wage, ihm zu widersprechen.
Sie können nun leicht sehen, wohin das führt; denn St. Clare würde
seine Hand nicht aufheben und wenn jeder einzeln auf ihm herumträte;
und ich -- es wäre wirklich grausam, von mir zu erwarten, daß ich mich
einer solchen Anstrengung unterziehen solle. Sie wissen ja, diese Leute
sind nichts als große Kinder.«
»Ich weiß nichts davon, und danke Gott, daß ich es nicht weiß!« sagte
Miß Ophelia kurz.
»Wohl, aber Sie werden etwas davon wissen müssen und es auf eigne
Kosten lernen, wenn Sie hier bleiben. Sie glauben nicht, was diese
Elenden für eine dumme, faule, unvernünftige, kindische und undankbare
Klasse von Geschöpfen sind.«
Marie war immer außerordentlich lebhaft, wenn sie auf diesen Gegenstand
zu sprechen kam, und in dem gegenwärtigen Falle schlug sie ihre Augen
auf und schien sogar ganz ihre Mattigkeit zu vergessen.
»Sie wissen es nicht, und Sie können es nicht wissen, welchem
täglichen, stündlichen Aerger eine Hausfrau ausgesetzt ist. Aber es ist
ganz vergeblich, sich bei St. Clare darüber zu beklagen. Er antwortet
das verwirrteste Zeug. Er sagt, wir hätten sie zu dem gemacht, was
sie wären und müßten nun auch mit ihnen aushalten. Er sagt, wir seien
an ihren Fehlern Schuld, und es würde grausam sein, den Fehler zu
veranlassen und ihn dann auch zu bestrafen. Er sagt, wir würden es
nicht besser machen, wenn wir an ihrer Stelle wären; grade, als wenn
man uns mit ihnen vergleichen könnte.«
»Glauben Sie nicht, daß Gott sie aus einem Blute mit uns geschaffen
hat?« sagte Miß Ophelia kurz.
»Nein, wahrhaftig, ich nicht! Eine allerliebste Idee, wahrlich! Das ist
ein entartetes Geschlecht.«
»Nehmen Sie denn nicht an, daß sie unsterbliche Seelen haben?« fragte
Miß Ophelia mit steigendem Unwillen.
»O ja,« sagte Marie gähnend, »das freilich, -- Niemand zweifelt daran;
aber sie gewissermaßen gleich stellen wollen mit uns, als wenn wir
überhaupt damit verglichen werden könnten, -- das ist unmöglich!
St. Clare hat mir sogar vorgesprochen, daß Mammy's Getrenntsein von
ihrem Manne dasselbe sei, als wenn ich von ihm getrennt wäre. Es ist
auf diesem Wege gar keine Vergleichung möglich; denn Mammy kann die
Gefühle nicht haben, die ich haben würde. Es ist durchaus ein anderes
Verhältniß -- ganz natürlich, -- und doch will St. Clare das nicht
einsehen. Grade als ob Mammy ihre schmutzigen kleinen Würmer so lieben
könnte, wie ich Eva liebe! Und doch wollte St. Clare mich einmal in
allem Ernste davon überzeugen, daß es, meiner schwachen Gesundheit und
aller meiner Leiden ungeachtet, meine Pflicht sei, Mammy zurückgehen zu
lassen und eine Andere an ihrer Stelle zu nehmen. Das war aber etwas zu
viel -- selbst für ~mich~. Ich zeige selten meine Empfindungen; es
ist mein Grundsatz, Alles schweigend zu tragen, denn das ist einmal das
harte Loos einer Frau; aber da brach ich los, so daß er nie wieder von
dem Gegenstande angefangen hat. Ich sehe indeß recht wohl aus seinen
Blicken und kleinen Aeußerungen, die er fallen läßt, daß er noch immer
dieselben Ideen hat, und das ist so ärgerlich!«
Miß Ophelia sah beinahe so aus, als wenn sie fürchte, Etwas sagen zu
müssen; allein sie rasselte mit ihren Nadeln weiter und zwar in einer
Weise, die genug sagte, wenn Marie es nur hätte verstehen können.
»Da sehen Sie also,« fuhr sie fort, »was Sie zu verwalten haben; --
einen Haushalt ohne Regel, wo die Dienstboten ihre eignen Wege haben,
thun, was sie wollen, und haben, was sie wollen, so weit ich mit meiner
schwachen Gesundheit sie nicht in Schranken gehalten habe. Ich führe
meine Kuhhaut, und lege sie auch zuweilen an; aber die Anstrengung
ist immer zu heftig für mich. Wenn St. Clare nur das wenigstens thun
wollte, was Andere thun!«
»Und was ist das?« fragte Miß Ophelia.
»Nun, die schicken sie nach dem Stadthause oder irgend einem andern
Orte, um sie auspeitschen zu lassen. Das ist das einzige Mittel. Wenn
ich nicht so elend wäre, so glaube ich, würde ich das Ganze mit doppelt
so viel Energie als St. Clare verwalten.«
»Und wie richtet denn St. Clare seine Verwaltung ein?« fragte Miß
Ophelia. »Sie sagten, daß er nie Schläge austheile.«
»Ja, sehen Sie, Männer haben mehr Gewalt in ihrem Wesen, -- es ist viel
leichter für sie; und überdies, wenn Sie je voll in sein Auge geblickt
haben, es ist sonderbar, -- das Auge: und wenn er in entschiedenem Tone
spricht, -- dann ist eine Art Blitz darin. Ich fürchte mich selbst
davor, und die Dienstboten kennen das. Ich könnte mit allem Schelten
nicht so viel thun, wie St. Clare mit einer einzigen Wendung seines
Auges, wenn es ihm einmal Ernst ist. O, da ist keine Noth um St.
Clare; das ist eben der Grund, weshalb er nicht mehr Gefühl für mich
hat. Aber Sie werden finden, wenn Sie die Wirthschaft übernehmen, daß
es unmöglich ist, ohne Strenge fertig zu werden, -- das Volk ist so
schlecht, so falsch, so faul.«
»Das alte Lied!« sagte St. Clare, langsam in's Zimmer schlendernd. »Was
für eine schreckliche Rechnung diese abscheulichen Kreaturen abzubüßen
haben werden, besonders deshalb, daß sie so faul sind! -- Siehst Du,
Cousine,« fügte er hinzu, indem er sich in voller Länge auf einem
Sopha, Marien gegenüber ausstreckte, »diese Faulheit bei ihnen ist gar
nicht zu entschuldigen, namentlich nach dem Beispiele, welches wir,
Marie und ich, ihnen geben.«
»O höre auf, St. Clare, Du bist wirklich zu häßlich!« sagte Marie.
»Bin ich wirklich?« entgegnete St. Clare. »Wie? ich dachte, ich spräche
erstaunlich gut für mich, wirklich. Ich bin immer bemüht, Marie, Deine
Bemerkungen zu unterstützen.«
»Du weißt recht wohl, daß das nicht Deine Meinung war, St. Clare,«
sagte Marie.
»O, dann muß ich mich wirklich getäuscht haben! Ich danke Dir, meine
Liebe, daß Du mich berichtigt hast.«
»Du gibst Dir wirklich alle Mühe, mich zu kränken,« entgegnete Marie.
»O komm', Marie, der Tag wird heiß, und ich habe grade einen langen
Streit mit Dolph gehabt, der mich heftig angegriffen hat: also, bitte,
sei freundlich und laß mich im Lichte Deines Lächelns ausruhen.«
»Was hattest Du mit Dolph?« sagte Marie. »Die Unverschämtheit dieses
Burschen ist so weit gediehen, daß sie mir förmlich unerträglich
geworden ist. Ich wünschte nur, ich hätte eine Zeit lang unbeschränkte
Herrschaft über ihn; ich wollte ihn schon demüthig machen!«
»Was Du da sagst, meine Liebe, verräth, wie gewöhnlich, Deinen
Scharfsinn und richtigen Verstand,« entgegnete St. Clare. »Was ich mit
Dolph hatte, bestand darin, daß er meine Anmuth und Vollkommenheiten
so lange nachgeahmt hatte, bis er sich zuletzt selbst für den Herrn
hielt, und ich genöthigt war, ihm einige Einsicht in seinen Irrthum zu
verschaffen.«
»Wie meinst Du das?« fragte Marie.
»Nun, ich war genöthigt, ihm begreiflich zu machen, daß ich
~einige~ von meinen Kleidungsstücken für meinen eigenen,
ausschließlichen Gebrauch zu behalten wünschte; ferner setzte ich seine
Magnifizenz auf eine gewisse Quantität kölnischen Wassers, und war
wirklich so grausam, ihn bis auf ein Dutzend meiner weißen leinenen
Taschentücher zu beschränken. Dolph war darüber besonders ungehalten,
und ich mußte wie ein Vater mit ihm reden, um es ihm begreiflich zu
machen.«
»O, St. Clare, wann wirst Du jemals lernen, Deine Dienstboten richtig
zu behandeln? Es ist abscheulich, sie auf diese Weise zu verwöhnen!«
sagte Marie.
»Nun, was ist's denn am Ende für ein Unglück, daß der arme Teufel
seinem Herrn 'was nachmachen will; und wenn ich ihn nicht besser
auferzogen habe, als daß er sein höchstes Gut in Eau-de-Cologne und
leinenen Taschentüchern findet, warum sollte ich sie ihm dann nicht
geben?«
»Und warum hast Du ihn denn nicht besser auferzogen?« fragte Miß
Ophelia mit dreister Bestimmtheit.
»Zu viel Umstände, -- Trägheit, Cousine, Trägheit, -- was mehr Seelen
ruinirt, als Du verdammen kannst. Wenn die Trägheit nicht wäre, so
hätte ich selbst ein vollkommener Engel werden müssen. Ich glaube, es
ist Trägheit, was Euer alter Doktor Botherem in Vermont die »Essenz
alles moralischen Uebels« zu nennen pflegte. Es ist eine schreckliche
Betrachtung, wahrlich!«
»Ich denke, Ihr Sklavenhalter habt eine schreckliche Verantwortlichkeit
auf Euch!« sagte Miß Ophelia. »Ich möchte sie um tausend Welten nicht
haben. Es ist Eure Pflicht, Eure Sklaven zu erziehen und sie wie
vernünftige Wesen zu behandeln, -- wie unsterbliche Geschöpfe, über
die Ihr Rechenschaft abzulegen habt vor dem Richterstuhle Gottes. Das
ist meine Meinung!« rief die gute Dame, indem die ganze Fluth von Eifer
plötzlich losbrach, die sich den Morgen über in ihr angesammelt hatte.
»O laß das gut sein,« sagte St. Clare, schnell aufstehend, »was weißt
Du von uns?« Und sich sodann am Piano niedersetzend, begann er ein
munteres Stückchen zu spielen.
St. Clare hatte entschiedenes Talent für Musik, sein Anschlag war
leicht und sicher, und seine Finger flogen mit lustiger, vogelartiger
Schnelligkeit über die Tasten. Er spielte jetzt ein Stück nach dem
andern, wie ein Mensch, der sich gern in eine gute Laune hineinspielen
will. Als er aufhörte, stand er auf und sagte heiteren Tones zu Miß
Ophelia:
»Also liebe Cousine, Du hast uns eine gute Lehre gegeben, und Deine
Pflicht gethan, und im Ganzen genommen, muß ich Dich deshalb nur um
so höher schätzen. Ich hege keinen Zweifel, daß Du mir einen wahren
Diamant von Wahrheit zugeworfen hast, allein er traf mich, wie Du
bemerkt haben wirst, so gerade in's Gesicht, daß ich im ersten
Augenblicke seinen Werth nicht recht zu würdigen vermochte.«
»Ich meines Theils sehe nicht ein, wozu solche Reden überhaupt nützen,«
sagte Marie. »Wenn irgend Jemand mehr für seine Dienstboten thut als
wir, so möchte ich wohl wissen, wer; aber es ist ohne allen und jeden
Nutzen für sie, -- sie werden dadurch nur noch schlechter. Was das
anbetrifft, mit ihnen zu reden und ihnen Vorstellungen zu machen,
so -- ich habe so viel über ihre Pflichten und alles das mit ihnen
gesprochen, daß ich müde und heiser geworden bin; und in die Kirche
können sie gehen, wann sie wollen, obgleich sie kein Wort von der
Predigt verstehen, nicht mehr als eine Heerde Schweine, -- und ich
kann also nicht einsehen, daß es von irgend einem Nutzen für sie ist;
aber sie gehen hin und haben also jede Gelegenheit; aber wie ich schon
vorher gesagt habe, es ist einmal ein entartetes Geschlecht, und wird
es ewig bleiben, und alle Mühe, etwas aus ihnen zu machen, ist ganz
vergeblich. Sehen Sie, Cousine Ophelia, ich habe 's versucht, und Sie
noch nicht; ich bin unter ihnen geboren und erzogen worden, und ich
kenne sie.«
Ophelia dachte, sie habe genug gesagt, und schwieg deshalb. St. Clare
pfiff ein Liedchen.
»St. Clare, ich bitte Dich, pfeife nicht,« sagte Marie, »es vermehrt
meine Kopfschmerzen.«
»Wohl, ich will nicht pfeifen,« sagte St. Clare. »Wünschest Du sonst
noch etwas von mir?«
»Ich wünschte nur, daß Du etwas mehr Theilnahme für meine Leiden haben
könntest; aber Du hast nie Gefühl für mich.«
»Mein theurer, anklagender Engel!« sagte St. Clare.
»Es ist wirklich kränkend, so mit sich reden lassen zu müssen.«
»So sage mir denn, wie ich mit Dir reden soll? Ich will ganz nach
Befehl reden, -- wie Du es haben willst; nur um Dich zufrieden zu
stellen.«
Ein fröhliches Lachen erscholl in diesem Augenblicke vom Hofe her durch
die seidenen Vorhänge der Veranda. St. Clare trat hinaus, schlug die
Gardine zur Seite und lachte mit.
»Was gibt's?« sagte Miß Ophelia, zu ihm an das Geländer tretend.
Da saß Tom, auf einem kleinen moosigen Sitze im Hofe, geschmückt mit
Jasminblumen in allen seinen Knopflöchern, während Eva ihm einen
Rosenkranz um den Hals hing und sich dann lachend wie ein Sperling auf
sein Knie setzte.
»O, Tom, Du siehst so komisch aus!«
Tom zeigte nur ein ruhiges gefälliges Lächeln in seinem Gesichte, und
schien sich in seiner Weise des Scherzes eben so sehr zu freuen, wie
seine kleine Mistreß. Als er seinen Herrn gewahrte, schlug er seine
Augen mit einem Blicke zu ihm auf, als wolle er ihn um Verzeihung
bitten.
»Wie kannst Du das nur erlauben?« sagte Miß Ophelia.
»Warum nicht?« entgegnete St. Clare.
»Ich weiß nicht, es kommt mir so schrecklich vor!«
»Du würdest Dir nichts dabei denken, wenn ein Kind einen großen Hund
liebkos'te; aber vor einem Wesen, das denken und empfinden kann und
unsterblich ist, schauderst Du, -- gestehe es nur, Cousine. Ich kenne
einigermaßen die Ideen und Gefühle von Euch im Norden. Nicht daß die
kleinste Tugend für uns darin liegt, daß wir sie nicht besitzen;
Gewohnheit thut bei uns, was das Christenthum thun sollte, -- sie
beseitigt das Gefühl eines persönlichen Vorurtheils. Ich habe oft
während meiner Reisen im Norden Gelegenheit gehabt, zu bemerken, wie
viel stärker dieses Vorurtheil bei Euch ist, als bei uns. Ihr habt
einen Abscheu vor ihnen, wie vor einer Schlange oder einer Kröte, und
dennoch seid Ihr unwillig über das ihnen zugefügte Unrecht. Ihr wollt
sie nicht mißhandelt sehen, aber Ihr wollt selbst nichts mit ihnen zu
thun haben. Ihr möchtet sie nach Afrika, weit außerhalb des Bereiches
Eures Gesichts und Geruches, senden, und ihnen dann ein Paar Missionäre
nachschicken, um sie unterrichten zu lassen. Ist das nicht Eure
Meinung?«
»Es ist möglich, Cousin,« sagte Miß Ophelia nachdenkend, »daß etwas
Wahres darin liegt.«
»Was würden die Armen und Niedrigen machen, wenn es keine Kinder gäbe?«
sagte St. Clare, während er am Geländer lehnend Eva beobachtete,
welche jetzt fort trippelte und Tom mit sich führte. »Kinder sind
die einzigen wahren Demokraten. Tom ist jetzt für Eva ein Hero;
seine Erzählungen sind Wunder in ihren Augen, seine Gesänge und
methodistischen Hymnen gelten ihr mehr als eine Oper, das Spielzeug
und der Plunder in seinen Taschen ist eine Juwelenmine für sie, und
er selbst der wundervollste Tom, der je eine schwarze Haut trug. Dies
ist eine der Rosen des Eden, die Gott ausschließlich für die Armen und
Niedrigen hat herabkommen lassen, die wenig andere pflücken.«
»Es ist sonderbar, Cousin,« sagte Miß Ophelia; »man möchte beinahe
glauben, Du wärest ein Bekenner der Religion, wenn man Dich reden
hört.«
»Nichts weniger als das; wenigstens nicht in dem Sinne, den das Volk
gewöhnlich damit verbindet; und was noch schlimmer ist, wie ich
fürchte, auch kein Ausüber derselben.«
»Wie kannst Du denn so reden?«
»Nichts ist leichter als reden,« sagte St. Clare. »Ich glaube
Shakespeare sagt irgendwo: »»Ich könnte eher zwanzig Anderen zeigen,
was sie zu thun haben, als einer derselben sein, um meiner eigenen
Weisung zu folgen.«« Es geht nichts über die Theilung der Arbeit. Mein
Forte liegt im Sprechen, Deins, liebe Cousine, im Handeln.«
* * * * *
Tom hatte gegenwärtig über seine äußere Stellung wie die Welt zu
sagen pflegt, keine Klage zu führen. Eva's Vorliebe für ihn, -- die
instinktmäßige Dankbarkeit und Liebenswürdigkeit einer edlen Natur, --
hatten sie bewogen, ihren Vater darum zu bitten, daß er ihr besonderer
Begleiter auf allen ihren Spaziergängen oder Fahrten sein dürfe;
und Tom hatte deshalb die allgemeine Weisung erhalten, jedes andere
Geschäft zu verlassen, wenn Eva seiner bedürfe, -- Befehle, welche, wie
unsere Leser leicht denken können, ihm nichts weniger als unangenehm
waren. Er trug sehr gute Kleidung, denn St. Clare war in diesem Punkte
ganz besonders eigensinnig; seine Stallgeschäfte waren nichts als ein
Amt ohne Arbeit, und bestanden nur in einer täglichen Beaufsichtigung
eines ihm untergebenen Dieners; denn Marie hatte erklärt, daß sie
durchaus keinen Stallgeruch an ihm dulden könne, wenn er ihr nahe
komme, und daß er durchaus keine Geschäfte vornehmen dürfe, die ihn
ihr unangenehm machen könnten, weil ihr Nervensystem darunter zu sehr
leiden würde, und ein einziger übler Geruch vielleicht hinreichend sei,
allen ihren irdischen Leiden mit einem Male ein Ende zu machen. Tom sah
deshalb in seiner rein gebürsteten Kleidung von feinem Tuche, seinem
sanften Filzhute, seinen blanken Stiefeln und weißen, fehlerfreien
Manschetten und mit seinem ernsten, gutmüthigen, schwarzen Gesichte
ehrwürdig genug aus, um ein Bischof von Karthago zu sein, was Männer
seiner Farbe in früheren Jahrhunderten gewesen waren.
Außerdem befand er sich an einem schönen Orte, eine Betrachtung,
für die sein sinnenreizbares Geschlecht nie unempfänglich ist; und
er freute sich in stillem Genusse über die Vögel, die Blumen, die
Springbrunnen, den Wohlgeruch, das Licht und die Schönheit des Hofes,
die seidenen Vorhänge, die Gemälde, Statuen und die Vergoldungen,
welche die Wohnzimmer zu Gemächern in Aladdin's Palast für ihn machten.
Wenn Afrika je ein höheres gebildeteres Geschlecht wird aufweisen
können, -- und kommen wird und muß die Zeit, wo auch dieser Erdtheil
in dem großen Drama menschlicher Vervollkommnung seine Rolle spielen
wird, -- so wird das Leben dort mit einem Glanze und einer Pracht
erwachen, von der unsere kälter empfindenden Geschlechter des Westens
nur eine schwache Ahnung haben. In jenem fernen, mystischen Lande des
Goldes, der Juwelen und Gewürze, wehender Palmen, wunderbarer Blumen
und Fruchtbarkeit werden neue Formen der Kunst, neue Arten des Glanzes
erwachen; und das Geschlecht der Neger, dann nicht mehr verachtet und
mit Füßen getreten, wird vielleicht die kostbarsten Offenbarungen
des menschlichen Lebens an das Licht bringen. Ohne Zweifel wird
ihnen dies gelingen, und zwar vermöge der Sanftmuth, der demüthigen
Gelehrigkeit ihres Herzens, ihrer natürlichen Geneigtheit auf einen
höheren Willen und eine höhere Kraft zu vertrauen, der kindlichen
Einfachheit ihrer Gefühle und der Leichtigkeit ihres Vergebens. In
allen diesen Beziehungen werden sie das vollkommenste Beispiel eines
ächt ~christlichen Lebens~ geben, und vielleicht hat Gott, da er
diejenigen liebt, die er züchtigt, das arme Afrika im »Ofen des Elends«
ausersehen, es zu dem höchsten und edelsten in dem Königreiche zu
machen, das er errichten wird, wenn jedes andere Königreich gesunken
ist; denn die Ersten sollen die Letzten und die Letzten die Ersten
sein.
Waren es vielleicht diese Betrachtungen, welche Marie St. Clare
beschäftigten, als sie eines Sonntags Morgens prächtig gekleidet
in der Veranda stand, und ein diamantenes Armband um ihr zartes
Handgelenk befestigte? -- Wahrscheinlich; oder wenn nicht, so war etwas
Aehnliches; denn Marie patronisirte alles Gute, und war jetzt in voller
Rüstung, -- Diamanten, Seide, Juwelen und Allem, -- im Begriffe, in
eine moderne Kirche zu gehen und sehr fromm zu sein. Marie machte es
nämlich zum Grundsatze, Sonntags immer sehr fromm zu sein. Da stand sie
nun, so schlank, so elegant, so luftartig in allen ihren Bewegungen,
und umhüllt von ihrem Spitzentuche wie von einem leichten Nebel. Sie
sah so anmuthig aus und hatte in diesem Augenblicke auch sehr gute,
elegante Empfindungen. Miß Ophelia stand an ihrer Seite und bildete
den vollständigsten Contrast. Nicht daß sie kein schönes seidenes
Kleid, keinen Shawl und kein feines weißes Taschentuch hatte, sondern
ihre Steifheit, Eckigkeit und die dreiste Offenheit ihres ganzen
Wesens verliehen ihr eine von der ihrer Nachbarin ganz verschiedene
persönliche Erscheinung.
»Wo ist Eva?« sagte Marie.
»Das Kind blieb auf der Treppe stehen, um Mammy etwas zu sagen,«
entgegnete Ophelia.
Und was sagte Eva auf der Treppe zu Mammy? Horche, lieber Leser, und es
wird Dir nicht entgehen, obgleich Marie es nicht hört.
»Liebe Mammy, ich weiß, Dein Kopf thut schrecklich weh.«
»Lieber Gott, Miß Eva, mein Kopf immer thut weh; -- brauchen sich darum
nicht zu ängstigen.«
»Ich freue mich, daß Du ausgehst; und hier, Mammy,« sagte das Kind,
indem es seine Arme um Mammy's Nacken schlang, -- »Du sollst mein
Riechfläschchen nehmen.«
»Wie? das schöne, goldene Ding, mit den Diamanten? O, nein, Miß, --
würde sich nicht passen, -- gar nicht!«