Der Wagen hielt vor einem alten, herrschaftlichen Gebäude an, welches

in jenem sonderbar gemischtem, halb spanischem, halb französischen

Style gebaut war, der jetzt noch in einzelnen Häusern zu New-Orleans

zu finden ist. Es war im maurischen Geschmacke errichtet, und bildete

ein Viereck, welches einen Hof umschloß, in welchen der Wagen durch

ein gewölbtes Portal einfuhr. Die Einrichtung des Hofes war üppig

und malerisch. Weite Galerien liefen an den vier Seiten des Gebäudes

entlang, deren gewölbte Bogen, schlanke Säulen und Arabesken den

Geist, wie im Traume, in die Zeit der Herrschaft des Orients in

Spanien zurück trugen. In der Mitte des Hofes warf ein Springbrunnen

seine silbernen Wasserstrahlen hoch in die Luft, und ließ sie sodann

unter ewigem Schaume in ein Marmorbecken zurückfallen, dessen Rand

mit einem dichten Kranze blühender Veilchen umgeben war. Das Wasser

in dem Springbrunnen, klar wie Krystall, war von Myriaden Gold- und

Silberfischen belebt, die gleich eben so vielen lebendigen Juwelen

darin hin- und herschossen. Rings um den Brunnen lief ein Fußweg

mit einem in Mosaik gelegten Pflaster; und dieser war wieder vom

sanftesten, grünen Rasen eingefaßt, während ein Fahrweg die ganze

Anlage umschloß. Zwei große Orangenbäume, grade jetzt blühend, warfen

einen köstlichen Schatten; und rings umher, auf dem Rasen, standen

in einem Halbkreise zahlreiche Marmorvasen, welche die seltensten

tropischen Pflanzen enthielten. Riesige Granatenbäume, mit ihren

glänzenden Blättern und feuerfarbigen Blüthen, dunkelblätteriger

arabischer Jasmin, Geranium und Rosenbäume, die sich unter der Last

ihres Blüthenüberflusses senkten, -- Alles vereinte hier Blüthenpracht

und Duft, während hie und da eine geheimnißvolle, alte Aloe, mit ihren

sonderbaren, schweren Blättern, gleich einem alten, greisen Zauberer,

unter Blüthen und Duft von vergänglicherer Natur saß.

Als der Wagen hineinfuhr, schien Eva im wilden Eifer ihrer Freude

gleich einem Vogel aus dem Käfig fliegen zu wollen.

»O, ist sie nicht schön, reizend, meine liebe, theure Heimath?« sagte

sie zu Miß Ophelia. »Ist es nicht wunderschön hier?«

»Es ist hier sehr schön,« sagte Ophelia, während sie ausstieg, »aber es

kommt mir beinahe etwas alt und heidnisch vor.«

Tom stieg vom Wagen ab, und schaute sich mit einer Miene stiller,

stummer Verwunderung um. Der Neger ist, wie bekannt, ein exotisches

Erzeugniß der üppigsten Gegenden der Erde, und trägt deshalb in seinem

Herzen eine tiefwurzelnde Neigung für alles Prächtige, Ueppige, die

Phantasie Ansprechende, -- eine Neigung, die, wenn sie bei einem

ungeregelten Geschmacke ihren natürlichen, wilden Lauf verfolgt, dem

kälteren, gebildeteren weißen Geschlechte lächerlich erscheint.

St. Clare, der in seinem Herzen ein poetischer Wollüstling war,

lächelte über Miß Ophelias Bemerkung, und wandte sich zu Tom um, dessen

schwarzes Gesicht vor Staunen und Wonne förmlich strahlte, indem er zu

ihm sagte:

»Tom, mein Junge, das scheint Dir zu gefallen.«

»Ja, Master,« sagte Tom, »das ist das Rechte!«

Alles dies geschah in einem Augenblicke, während das Abladen des

Gepäckes vor sich ging, der Lohnfuhrmann bezahlt wurde, und eine Menge

von Männern, Weibern und Kindern, von jedem Alter und jeder Größe,

durch die Gallerien von allen Richtungen herbei gelaufen kamen, um

Master ankommen zu sehen. An der Spitze von Allen stand ein junger

Mulatte in sehr stattlicher Kleidung, augenscheinlich eine Person

+distinguée+, anmuthig sein parfümirtes weißes Taschentuch in der

Hand wehend.

Diese Person war eifrigst bemüht, den ganzen Schwarm von Dienstboten

bis an das äußerste Ende der Veranda zurückzudrängen.

»Zurück! Ihr Alle hier. Ich schäme mich Eurer,« sagte er in einem Tone

großer Autorität. »Wollt Ihr Euch in Masters häusliche Verhältnisse in

der ersten Stunde seiner Ankunft eindrängen?«

Alle wurden verlegen bei dieser eleganten Rede, die mit wichtiger

Miene gehalten wurde, und blieben zusammengedrängt in ehrerbietiger

Entfernung stehen.

In Gemäßheit von Mr. Adolph's systematischer Anordnung befand sich,

als St. Clare sich nach der Bezahlung des Fuhrmanns umwandte, Niemand

vor ihm, als Mr. Adolph selbst, in glänzender, seidener Weste, mit

goldener Kette und weißen Beinkleidern, und in tiefen, unaussprechlich

anmuthigen Verbeugungen begriffen.

»Ah, Adolph, bist Du es?« sagte sein Herr, ihm die Hand entgegen

streckend; »was machst Du, mein Junge?« während Adolph mit großer

Geläufigkeit eine improvisirte Bewillkommnungsrede hielt, die er mit

großer Mühe seit vierzehn Tagen einstudirt hatte.

»Schon gut, schon gut,« sagte St. Clare, während er mit seiner

gewöhnlichen Miene nachlässigen Scherzes weiter ging, »hast das

vortrefflich gemacht, Adolph. Sieh' nach dem Gepäck, daß es richtig

herein gebracht wird; ich werde gleich bei den Leuten sein.«

So sagend, führte er Miß Ophelia in ein großes Zimmer, welches sich an

der Seite der Veranda befand.

Während dies vor sich ging, war Eva wie ein Vogel durch die Halle und

das Zimmer nach einem kleinen Kabinette geflogen, welches ebenfalls

einen Ausgang auf die Veranda hatte. Eine große, bleiche Frau, mit

dunklen Augen, richtete sich bei Eva's Eintritt halb vom Sopha auf, auf

dem sie lag.

»Mamma!« rief Eva, sich in einer Art Entzücken um ihren Hals werfend,

und sie wieder und immer wieder umarmend.

»Laß gut sein, -- nimm Dich in Acht, Kind, -- mache mir keine

Kopfschmerzen!« sagte die Mutter, nachdem sie sie matt geküßt hatte.

St. Clare kam herein, umarmte seine Frau in ächt orthodoxer,

ehemännlicher Weise, und stellte ihr sodann seine Cousine vor. Marie

schlug ihre großen Augen zu Miß Ophelia mit einem Ausdrucke von

Neugierde auf, und empfing sie mit schlaffer Höflichkeit. Ein Schwarm

von Dienstboten drängte sich jetzt um die Thür, an deren Spitze ein

Mulattenweib von mittleren Jahren und sehr ehrbarem Aeußeren bebend vor

Freude und Erwartung stand.

»O, da ist Mammy!« rief Eva, während sie durch das Zimmer flog, sich um

ihren Hals warf und sie wiederholt küßte.

Dieses Weib sagte nicht zu ihr, daß sie ihr Kopfschmerz verursache,

sondern liebkoste das Kind vielmehr, und lachte und weinte, bis beinahe

die Gesundheit ihres Verstandes in Zweifel zu ziehen war; und nachdem

sich Eva von ihr losgemacht hatte, flog sie von Einem zum Andern,

die Hand schüttelnd oder küssend, so daß Miß Ophelia, wie sie später

versicherte, einen inneren Schauder dabei empfand.

»In der That!« sagte Miß Ophelia, »Ihr südlichen Kinder könnt

~Etwas~, das mir nicht möglich wäre.«

»Bitte, was denn?« sagte St. Clare.

»Nun, ich bin gern freundlich gegen Jedermann, und möchte Niemanden

beleidigen, -- aber küssen --«

»Nigger küssen,« sagte St. Clare, »das wärest Du nicht im Stande, --

he?«

»Nein, das wäre ich nicht im Stande! -- Wie kann sie es nur thun?« St.

Clare lachte, und ging der Vorhalle zu.

»Hallo! hier! Was gibt 's hier auszuzahlen? Hier, Ihr Alle, -- Mammy,

Jimmy, Polly, Sucky, -- freut Ihr Euch, Master zu sehen?« sagte er,

während er von Einem zum Andern ging, und Jedem die Hand schüttelte.

»Nehmt Eure Kinder in Acht!« fügte er hinzu, als er über einen kleinen

schwarzen Zwerg stolperte, der auf allen Vieren umher kroch. »Wenn ich

auf eins trete, müssen sie 's mir sagen.«

Lachen und Frohsinn herrschte unter den Leuten, und reichliche

Danksagungen flossen von ihren Lippen, während St. Clare kleine Münze

unter sie vertheilte.

»Und nun geht, Kinder, und seid gute Jungens und Dirnen,« sagte St.

Clare, worauf sich die ganze Gesellschaft durch eine nach der Veranda

führende Thür entfernte, wohin ihnen Eva mit einer großen Schachtel

folgte, die sie während ihrer ganzen Heimreise durch allmählige

Sammlungen von Aepfeln, Nüssen, Zuckerwerk, Band, Spitzen und Spielwerk

aller Arten gefüllt hatte.

Als St. Clare sich umwandte, um in das Zimmer zurückzugehen, fiel

sein Blick auf Tom, der unruhig und ängstlich, und von einem Fuße auf

den andern tretend dastand, während Adolph, nachlässig gegen die Wand

gelehnt, ihn durch ein Opernglas und mit einer Miene beobachtete, die

dem besten Stutzer Ehre gemacht haben würde.

»Pfui, Du Affe!« sagte sein Herr, ihm das Opernglas aus der Hand

schlagend; »ist das die Art und Weise, wie Du Deines Gleichen

behandelst -- Es scheint mir, Dolph,« fügte er hinzu, indem er seinen

Finger auf die elegante Weste legte, mit der sich Adolph brüstete, --

»es scheint mir, dies ist meine Weste.«

»O Master! diese Weste ist ja ganz voll von Weinflecken! -- natürlich,

ein Herr von Masters Range wird nie eine solche Weste tragen. Ich

dachte, ich dürfte sie nehmen; -- ist für einen armen Nigger, wie ich

bin, noch gut genug.«

Und Adolph warf seinen Kopf in die Höhe und strich seine Finger mit

vieler Grazie durch sein parfümirtes Haar.

»So, das ist also der Grund, -- wirklich?« sagte St. Clare nachlässig.

»Gut, ich will hier Tom seiner Herrin zeigen und dann bringst Du ihn

hinunter in die Küche; und ich rathe Dir, daß Du Dir nicht einfallen

läßt, eine von Deinen gewöhnlichen Mienen gegen ihn anzunehmen. Er ist

mehr werth als zwei solche Affen, wie Du bist.«

»Master will immer seinen Scherz haben,« sagte Adolph lachend. »Ich bin

entzückt, Master in so guter Laune zu sehen.«

»Hier, Tom,« sagte St. Clare, ihn zu sich winkend.

Tom trat in das Zimmer und blickte scheu auf die sammetnen Teppiche

und den nie zuvor geahnten Glanz von Spiegeln, Gemälden, Statuen und

Gardinen, und, gleich der Königin Sheba vor Salomon, war kein Muth in

ihm. Er fürchtete sich sogar, seinen Fuß niederzusetzen.

»Sieh' hier, Marie,« sagte St. Clare zu seiner Frau, »ich habe Dir

endlich einen Kutscher gekauft, wie Du ihn haben willst. Ich versichere

Dich, was Farbe und Nüchternheit anbetrifft, so ist er ein wahrer

Leichenwagen, und wird Dich fahren, wie auf einem Begräbniß, wenn Du

es verlangst. Oeffne Deine Augen und schau' ihn an; und sage nun nicht

wieder, daß ich nicht an Dich denke, wenn ich entfernt bin.«

Marie öffnete ihre Augen und richtete sie auf Tom, ohne sich zu

erheben.

»Ich weiß, er wird sich betrinken,« sagte sie.

»Nein, er ist verbürgt als ein frommer und nüchterner Artikel,«

entgegnete St. Clare.

»Wohl, ich hoffe, daß er sich so zeigen möge, obgleich es mehr ist, als

ich erwarte,« sagte die Dame, sich umwendend.

»Dolph!« rief St. Clare, »bringe Tom die Treppe hinunter und nimm Dich

in Acht; denke an das, was ich Dir gesagt habe.«

Adolph trippelte graziös voran, und Tom folgte ihm mit schwerem Tritte.

»Es ist ein förmlicher Behemoth!« bemerkte Marie.

»Komm' nun, Marie,« sagte St. Clare, sich auf einen niedrigen Stuhl

neben dem Sopha setzend, »sei gnädig und sag' Einem etwas Angenehmes.«

»Ja, -- Du bist vierzehn Tage über die Zeit ausgeblieben,« sagte die

Dame schmollend.

»Nun ja, ich schrieb Dir ja die Ursache davon.«

»So einen kurzen, kalten Brief!« bemerkte die Dame.

»Mein Gott! Die Post ging grade ab, und ich mußte ~das~ abschicken

oder nichts.«

»Ja, das ist immer so,« sagte die Dame; »da ist immer Etwas, was Deine

Reisen lang und Deine Briefe kurz macht.«

»Nun, sieh' hier!« rief St. Clare, ein elegantes Sammetkästchen aus

seiner Tasche hervorziehend und es öffnend. »Hier habe ich Dir ein

Geschenk von New-York mitgebracht.«

Es war ein Daguerreotyp-Gemälde, welches Eva mit ihrem Vater, Beide

Hand in Hand bei einander sitzend, darstellte.

Marie sah es mit unzufriedener Miene an.

»Wie konntest Du nur eine so unpassende Stellung wählen?« sagte

sie nur.

»Nun, was die Stellung betrifft, so kommt das auf Ansicht an; aber was

hältst Du von der Aehnlichkeit?«

»Wenn Dir meine Meinung in einem Falle nichts gilt, so glaube ich, wird

sie Dir auch in einem andern nichts gelten,« sagte sie, das Kästchen

zuschlagend.

»Sollst hängen, Weib!« sagte St. Clare im Stillen zu sich; aber laut

fügte er hinzu: »Komm' nun, Marie, was denkst Du von der Aehnlichkeit?

Sei doch nicht thöricht!«

»Es ist sehr rücksichtslos von Dir, St. Clare,« sagte die Dame, »daß Du

mich zwingen willst, zu sprechen und Dinge zu betrachten. Du weißt, daß

ich den ganzen Tag die heftigsten Kopfschmerzen gehabt habe; und seit

Du gekommen bist, hat fortwährend ein solcher Tumult stattgefunden, daß

ich halb todt bin.«

»Sie leiden an Kopfschmerz, Madame!« sagte Miß Ophelia, plötzlich aus

den Tiefen ihres Armstuhles sich erhebend, wo sie bis dahin ruhig

gesessen und ein Inventarium der Mobilien aufgenommen, und die dafür

gemachten Ausgaben im Stillen veranschlagt hatte.

»Ja, ich bin ein förmliches Opfer derselben,« entgegnete Marie.

»Thee von Wachholderbeeren ist ein sehr gutes Mittel dagegen,« sagte

Miß Ophelia; »wenigstens pflegte Auguste, die Frau des Diakonus Abraham

Perry, so zu sagen, und sie war eine sehr geschickte Krankenpflegerin.«

»Gut, so will ich die ersten Wachholderbeeren, die in meinem Garten

am See reif werden, zu diesem Zwecke holen lassen,« sagte St. Clare,

während er mit ernstester Miene die Glocke zog; »allein, Cousine, Du

bist jedenfalls ermüdet und sehnst Dich nach Deinem Zimmer, um Dich von

der Reise auszuruhen. -- Dolph,« fügte er hinzu, »sage Mammy, sie solle

hierher kommen.«

Das ehrbare Mulattenweib, welches von Eva so leidenschaftlich

geliebkost worden war, trat gleich darauf ein. Sie war reinlich

gekleidet und trug auf dem Kopfe einen hohen Turban von gelber und

rother Farbe, ein Geschenk von Eva, den das Kind selbst auf ihrem Kopfe

arrangirt hatte.

»Mammy,« sagte St. Clare, »ich vertraue diese Dame Deiner Sorge an; sie

ist müde und bedarf Ruhe. Bringe sie nach ihrem Zimmer, und sorge für

jede Bequemlichkeit.«

Nach diesen Worten verschwanden Mammy und Miß Ophelia.

Sechszehntes Kapitel.

Tom's Mistreß und ihre Ansichten.

»Und nun, Marie,« sagte St. Clare, »fangen Deine goldenen Tage an.

Hier ist unsere praktische, geschäftskundige Muhme von Neu-England,

die die ganze Last der Sorgen auf ihre Schultern nehmen und Dir Zeit

geben will, Dich zu erholen und wieder jung und hübsch zu werden. Die

Ceremonie der Schlüsselübergabe wäre am besten gleich abgemacht.«

Diese Bemerkung wurde beim Frühstücke, wenige Tage nach Opheliens

Ankunft, gemacht.

»Mir sehr willkommen,« sagte Marie, ihren Kopf matt in die Hand legend.

»Ich bin gewiß, daß, wenn sie's thut, sie hier eine Erfahrung machen

wird, nämlich, daß wir Mistresses die Sklavinnen sind.«

»O, ohne Zweifel wird sie das entdecken, und eine Welt nützlicher

Wahrheiten außerdem,« sagte St. Clare.

»Sprich nur von unserm Sklavenhalten,« erwiederte Marie, »als wenn wir

es zu unserer Bequemlichkeit thäten. Wenn wir die zu Rath zögen, so

könnten wir sie alle auf einmal gehen lassen.«

Eva heftete ihre großen Augen ernst und verwundert auf ihre Mutter, und

sagte nur: »Warum hältst Du sie denn, Mamma?«

»Ich weiß es wirklich nicht, ausgenommen, um eine Plage zu haben, denn

sie sind die Qual meines Lebens. Ich glaube fest, daß meine Krankheit

mehr von ihnen, als irgend einem andern Grunde herrührt; und unsere

sind die schlimmsten, die je einen Menschen geplagt haben.«

»O Marie, nicht doch! Du hast wieder Deine üble Laune diesen Morgen,«

sagte St. Clare. »Du weißt, es ist nicht so. Da ist Mammy; die beste

Kreatur der Welt; -- was würdest Du ohne sie anfangen?«

»Mammy ist die beste von Allen, die ich je gekannt habe,« sagte

Marie; -- »und doch ist auch sie sogar selbstsüchtig, -- schrecklich

selbstsüchtig; das ist der Fehler des ganzen Geschlechts.«

»Selbstsucht ist ein schrecklicher Fehler!« sagte St. Clare ganz

ernsthaft.

»Nun mit Mammy,« fuhr Marie fort, -- »ich denke, es ist schrecklich

selbstsüchtig von ihr, daß sie des Nachts so fest schläft. Sie

weiß, daß ich fast alle Stunden Etwas nöthig habe, -- wenn grade

meine Anfälle am schlimmsten sind, -- und doch ist sie so schwer zu

erwecken. Ich bin diesen Morgen entschieden viel kränker nur von den

Anstrengungen, die ich diese Nacht gehabt habe, sie zu erwecken.«

»Hat sie nicht kürzlich viele ganze Nächte bei Dir gewacht, Mamma?«

fragte Eva.

»Woher weißt Du das?« sagte Marie in scharfem Tone. »Sie hat sich wohl

beklagt?«

»Sie beklagte sich nicht; sie erzählte mir nur, was für böse Nächte Du

gehabt habest, -- so viele hinter einander.«

»Warum läßt Du nicht Jane oder Rosa eine oder zwei Nächte an ihrer

Stelle wachen, und sie sich ausruhen?« sagte St. Clare.

»Wie kannst Du nur so Etwas sagen?« entgegnete Marie. »Wirklich, St.

Clare, Du bist rücksichtslos. Bei meiner großen Nervenschwäche stört

mich der leiseste Hauch, und wenn ich gar eine fremde Hand um mich

haben sollte, so würde es mich vollständig wahnsinnig machen. Wenn

Mammy so viel Anhänglichkeit für mich hätte, als sie haben sollte,

so würde sie leichter aufwachen. Ich habe von Leuten gehört, die so

aufmerksame und ergebene Dienstboten hatten, aber mir selbst ist das

Glück nie zu Theil geworden,« fügte Marie seufzend hinzu.

Miß Ophelia hatte dieser Unterhaltung mit einer Art schlauen,

beobachtenden Ernstes zugehört, und hielt ihre Lippen immer noch dicht

geschlossen, als sei sie festen Willens, den Längen- und Breitengrad

ihrer dortigen Stellung genau zu untersuchen, ehe sie sich selbst hören

lasse.

»Es ist wahr, Mammy hat eine gute Seite,« fuhr Marie fort; »sie ist

sanft und bescheiden, aber im Herzen ist sie selbstsüchtig. So zum

Beispiel wird sie nie aufhören, mich wegen ihres alten Mannes zu plagen

und zu quälen. Als ich nämlich mich verheirathete und hierher zog,

mußte ich sie natürlich mit mir nehmen, und ihren Mann konnte mein

Vater nicht entbehren. Er war ein Hufschmied und also unentbehrlich;

und ich dachte und sagt's ihnen damals, daß sie am besten thäten,

einander ganz aufzugeben, da es sich doch schwerlich für sie passen

würde, jemals wieder zusammenzuleben. Ich wollte, ich hätte damals

darauf bestanden, und Mammy an irgend einen Andern verheirathet;

allein ich war thöricht und zu nachgiebig, und wollte nicht darauf

bestehen. Ich sagte Mammy damals, daß sie nicht darauf rechnen dürfe,

ihn öfter als ein oder zweimal in ihrem ganzen Leben wiederzusehen,

weil die Luft auf Vaters Gute mir nicht zuträglich ist, und ich deshalb

nicht hingehen kann; und ich gab ihr den Rath, sich einen andern Mann

zu nehmen; aber nein, -- sie wollte nicht. Mammy besitzt eine Art

Hartnäckigkeit in gewissen Beziehungen, die nicht Jeder so sieht wie

ich.«

»Hat sie Kinder?« fragte Miß Ophelia.

»Ja, zwei Kinder.«

»Wahrscheinlich fällt ihr die Trennung von ihnen schwer?«

»Ja, mag sein, aber ich konnte sie natürlich nicht mit mir nehmen.

Es waren schmutzige, kleine Dinger, -- die ich unmöglich hier

um mich haben konnte; und überdies würden sie ihr zu viel Zeit

weggenommen haben. Ich glaube sicher, daß Mammy darüber immer eine Art

Unzufriedenheit empfunden hat. Einen Andern will sie nicht heirathen;

und ich hege keinen Zweifel, obgleich sie weiß, wie nöthig sie mir ist,

und wie schwach meine Gesundheit ist, daß sie morgen zu ihrem Manne

zurückgehen würde, wenn sie könnte. Wirklich ich glaube das, -- sie

sind Alle so selbstsüchtig, auch die besten!«

»Es ist traurig, daran zu denken,« sagte St. Clare trocken. Miß Ophelia

blickte ihn scharf an und erkannte deutlich in seinem Gesichte den

innern, unterdrückten Aerger und den sarkastischen Zug um seinen Mund,

während er sprach.

»Mammy ist sogar immer mein Liebling gewesen,« fuhr Marie fort. »Ich

wollte, Eure nordischen Dienstboten könnten nur einmal in ihren

Kleiderschrank sehen, -- Seide und Mousselin hat sie darin hängen.

Ich habe zuweilen ganze Nachmittage gearbeitet, um ihre Mützen zu

säumen, und sie in Stand zu setzen, irgendwo zum Besuch zu gehen.

Und was schlimme Behandlung betrifft, so weiß sie gar nicht, was das

ist. Gepeitscht ist sie kaum ein- oder zweimal in ihrem ganzen Leben

worden. Sie hat jeden Tag ihren starken Kaffee und Thee, mit weißem

Zucker. Es ist freilich abscheulich; aber St. Clare will einmal hohes

Leben unter den Sklaven haben, und sie leben Alle wie es ihnen gefällt.

Kein Zweifel, unsere Leute sind zu sehr verwöhnt. Ich glaube, es ist

großen Theils unsere eigene Schuld, daß sie so selbstsüchtig sind und

sich gerade so benehmen wie verzogene Kinder; aber ich habe St. Clare

so viele Vorstellungen darüber gemacht, daß ich's endlich überdrüssig

geworden bin.«

»Ich auch,« sagte St. Clare, die Zeitung aufnehmend.

Eva, die schöne, kleine Eva, hatte horchend bei ihrer Mutter gestanden,

mit jenem ihr so eigenthümlichen Ausdrucke tiefen, mysteriösen Ernstes.

Sie schlich jetzt leise um den Stuhl ihrer Mutter und warf ihre Arme um

ihren Hals.

»Nun, Eva, was giebt's?« fragte Marie.

»Mamma, könnte ich denn nicht eine Nacht bei Dir wachen, -- nur eine?

Ich weiß gewiß, ich würde Dir keine Unruhe verursachen, und ich würde

auch nicht schlafen. Ich bin oft des Nachts wach und denke --«

»O Thorheit, Kind, -- Thorheit!« sagte Marie, »Du bist ein sonderbares

Kind!«

»Aber darf ich, Mamma? Ich glaube,« sagte sie furchtsam, »Mammy ist

nicht wohl. Sie sagte mir, sie habe seit einiger Zeit immerwährend

Kopfschmerzen.«

»Das ist gerade eine von Mammy's Finten! Sie ist gerade wie die

Andern, -- macht solch' ein Leben, wenn ihr der Kopf oder ein Finger

ein wenig weh thut; -- nein, so etwas darf man nie bestärken! --

Es ist Grundsatz bei mir in solchen Dingen,« fügte sie hinzu, sich

zu Miß Ophelia wendend, »Sie werden sehr bald die Nothwendigkeit

dessen einsehen. Wenn Sie den Dienstboten erlauben, jeder kleinen

Unbehaglichkeit und Unpäßlichkeit zu fröhnen, so werden Sie alle Hände

voll zu thun haben. Ich selbst beklage mich nie, -- Niemand weiß, was

ich ausstehe. Ich halte es für meine Pflicht, es ruhig zu tragen, und

ich thue es.«

Miß Ophelia's große Augen drückten ein unverhehltes Staunen bei dieser

Rede aus, welches St. Clare so entsetzlich lächerlich vorkam, daß er in

lautes Lachen ausbrach.

»St. Clare lacht stets, wenn ich die geringste Anspielung auf meine

Kränklichkeit mache,« sagte Marie mit dem Tone eines leidenden

Märtyrers. »Ich will nur wünschen, daß nicht eine Zeit komme, wo er es

bereut!« und drückte dann ihr Taschentuch vor die Augen.

Nach diesen Worten trat natürlich ein etwas lächerliches Schweigen ein.

Endlich stand St. Clare auf, sah nach der Uhr und sagte, er habe ein

Geschäft in der Stadt. Eva trippelte hinter ihm her, und Miß Ophelia

und Marie blieben allein am Tische sitzen.

»Das sieht St. Clare sehr ähnlich!« sagte die Letztere, ihr Taschentuch

mit einer etwas heftigen Bewegung vom Gesichte nehmend, nachdem der

Verbrecher, auf den es hatte Eindruck machen sollen, nicht länger

sichtbar war. »Er kann und wird nie anerkennen, was ich leide und seit

Jahren gelitten habe. Wenn ich je über das, was ich leiden muß, klagen

wollte, so hätte ich Grund genug dazu. Die Männer werden natürlich

einer Frau müde, die immerwährend klagt. Aber ich habe Alles stets

für mich behalten und getragen, bis St. Clare endlich zu der Meinung

gekommen ist, ich könne Alles tragen.«

Miß Ophelia wußte nicht genau, welche Antwort Marie von ihr hierauf

erwarte. Während sie noch darüber nachdachte, was sie sagen sollte,

trocknete Marie allmählig ihre Thränen, strich ihr Gefieder im

Allgemeinen, wie eine Taube nach einem Regenschauer Toilette zu

machen pflegt, und begann mit Ophelia ein haushälterisches Gespräch,

über Schränke, Vorräthe und Vorrathskammern, und gab ihr so viele

Verhaltungsmaßregeln und Aufträge, daß ein weniger systematischer

und an Geschäfte gewöhnter Kopf, als Miß Ophelia's war, vollständig

verwirrt geworden sein würde.

»Und nun,« fügte Marie hinzu, »glaube ich Ihnen Alles gesagt zu haben;

so daß, wenn ich wieder meinen Anfall bekomme, Sie im Stande sein

werden, Alles allein zu besorgen, ohne mich zu fragen; -- nur Eva, --

sie erfordert Aufmerksamkeit.«

»Sie scheint ein sehr gutes Kind zu sein,« sagte Miß Ophelia; »ich sah

nie ein besseres.«

»Eva ist sehr eigenthümlich,« sagte die Mutter. »Sie hat so sonderbare

Dinge an sich; sie ist mir auch nicht im Geringsten ähnlich!« fügte

sie seufzend hinzu, als wenn dies in der That eine höchst traurige

Betrachtung wäre.

Miß Ophelia sagte im Stillen zu sich: »ich hoffe nicht,« aber hatte

Klugheit genug, es für sich zu behalten.

»Eva fand immer Gefallen daran, sich bei den Dienstboten aufzuhalten,

und ich sehe darin nichts Nachtheiliges für manche Kinder. Ich habe

auch immer mit Vaters kleinen Negern gespielt, -- es hat mir durchaus

keinen Schaden gethan. Allein Eva scheint sich mit jeder Kreatur,

die ihr nahe kommt, auf eine und dieselbe Stufe zu stellen. Es ist

sonderbar mit dem Kinde: ich habe ihr das nie abgewöhnen können. St.

Clare, glaube ich, bestärkt sie darin, denn er verwöhnt jede Kreatur

unter seinem Dache, ausgenommen seine Frau.«

Wieder saß Miß Ophelia in verlegenem Schweigen da.

Onkel Tom's Hütte(#76640) · 第 5 / 13 段