Das junge Ehepaar befand sich noch in den Flitterwochen und hatte einen

glänzenden Cirkel auf seiner Villa, in der Nähe des Lake Pontchartrain

um sich versammelt, als ihm eines Tages ein Brief mit der ihm so wohl

bekannten Handschrift gebracht wurde. Er wurde ihm übergeben, als er

sich gerade in der vollen Fluth einer heitern, scherzenden Unterhaltung

und in einem von Gästen angefüllten Salon befand. Beim Anblick der ihm

so bekannten Handschrift wurde er leichenblaß, aber bewahrte doch noch

so viel Fassung, daß er den scherzhaften Krieg, in welchem er mit einer

Dame begriffen war, zu Ende führen konnte; und wenige Minuten später

war er aus dem Kreise verschwunden. In seinem Zimmer, allein, öffnete

er den Brief und las ihn, dessen Lesen jetzt mehr als nutzlos und

überflüssig geworden war. Er war von ihr und gab eine lange Schilderung

der Verfolgungen, denen sie von Seiten der Familie ihres Vormundes

ausgesetzt gewesen war, um sie zu bestimmen, sich mit dem Sohne

desselben zu verbinden; wie seit langer Zeit seine Briefe gänzlich

ausgeblieben seien; wie sie wieder und immer wieder geschrieben habe,

bis sie endlich zweifelhaft und dessen müde geworden sei; wie ihre

Gesundheit von dieser inneren Unruhe gelitten habe und wie sie endlich

den ganzen Betrug, der mit ihnen Beiden gespielt worden sei, entdeckt

habe. Der Brief schloß mit Aeußerungen von Hoffnung und Dankbarkeit und

Versicherungen ewiger Anhänglichkeit, die für den unglücklichen jungen

Mann bitterer als der Tod waren. Er antwortete ihr sofort darauf:

»Ich habe Ihr Schreiben erhalten, -- aber zu spät. Ich glaubte

Alles, was mir gesagt wurde; -- ich war verzweifelt. Ich bin

~verheirathet~, und Alles ist nun vorbei. Vergessen -- ist das

Einzige, was uns Beiden übrig bleibt.«

Und damit endet der ganze Roman in Augustin St. Clare's Leben. Aber

das ~Wirkliche~ blieb ihm, -- das Wirkliche, gleich dem Schlamme

der Fluth, der, wenn die blaue, durchsichtige Welle mit ihrer ganzen

Begleitung schwimmender Boote und weißbewimpelter Schiffe, und der

Musik ihrer Ruder, verschwunden ist, nackt und baar da liegt, --

entsetzlich wirklich.

In einer Novelle muß natürlich das Herz der Leute brechen, sie sterben,

-- und damit ist's aus; allein im wirklichen Leben sterben wir nicht

gleich, wenn auch Alles um uns stirbt, was uns das Leben schön macht.

Es bleibt da noch ein sehr wichtiger und geschäftiger Kreislauf übrig,

der aus Essen, Trinken, Ankleiden, Besuche machen, Kaufen, Verkaufen,

Sprechen, Lesen und allem Dem besteht, was man gewöhnlich unter

»~leben~« versteht; und dieser Kreislauf blieb für Augustin übrig.

Wäre seine Frau ein ~ganzes~ Weib gewesen, so hätte sie viel thun

können, -- wie ein Weib es kann, -- um die zerrissenen Lebensfäden zu

heilen, und sie wieder zu einem Gewebe von Glück zu verbinden. Allein

Marie St. Clare konnte selbst nicht entdecken, daß sie gerissen waren.

Wie vorher erwähnt, bestand sie aus nichts als einer schönen Gestalt,

einem Paar reizender Augen und hunderttausend Dollaren; und keine

dieser Eigenschaften war besonders dazu geeignet, einem wunden, kranken

Geiste Linderung zu verschaffen.

Als Augustin, blaß wie der Tod, auf dem Sopha liegend gefunden wurde,

und plötzlichen Kopfschmerz als Ursache seiner Verstörung vorschützte,

empfahl sie ihm auf Hirschhorn zu riechen; und als die Blässe und die

Kopfschmerzen eine Woche nach der andern wiederkehrten, sagte sie

nur, daß sie nimmer geglaubt habe, daß Mr. St. Clare so kränklich

sei; aber daß es scheine, er sei sehr mit Unwohlsein und Kopfschmerz

behaftet, und daß dies für sie ein höchst unglücklicher Umstand sei,

da er deshalb kein Vergnügen daran finde, mit ihr in Gesellschaft zu

gehen, und es für sie so sonderbar erscheine, so oft allein zu gehen,

nachdem sie so kurze Zeit verheirathet seien. Augustin war froh im

Herzen, daß er ein so wenig scharfsichtiges Frauenzimmer geheirathet

hatte; allein als der Flitter und die Höflichkeiten der ersten Wochen

vorüber waren, fing er an die Erfahrung zu machen, daß eine hübsche,

junge Frau, die ihr ganzes Leben lang nichts gethan hatte, als sich

hätscheln und aufwarten lassen, eine recht gestrenge Herrin abgeben

könne. Marie war nie irgend einer Art Zuneigung besonders fähig

gewesen; hatte nie viel Gefühl besessen; und das Wenige, das sie besaß,

war in die unergründlichste Selbstsucht zusammen geflossen. Von früher

Jugend an war sie von Dienern umgeben gewesen, die keinen andern

Lebenszweck kannten, als den, ihre Grillen und Launen zu studiren;

und der Gedanke, daß diese Geschöpfe Gefühle oder Rechte haben

könnten, war nie in ihrem Geiste in fernster Ferne aufgedämmert. Ihr

Vater, dessen einziges Kind sie war, hatte ihr niemals etwas versagt,

was im Bereiche menschlicher Möglichkeit lag; und als sie, schön,

vollendet, eine Erbin, in das Leben eintrat, lagen natürlicher Weise

alle Wählbaren und Nichtwählbaren des andern Geschlechts seufzend zu

ihren Füßen, und sie hegte daher keinen Zweifel darüber, daß Augustin

ein außerordentlich glücklicher Mann um deshalb zu nennen sei, daß

er ihren Besitz erlangt habe. Es ist ein großer Irrthum, anzunehmen,

daß ein Weib, welches selbst kein Herz besitzt, ein nachsichtiger

Gläubiger im Austausche der Empfindungen sei. Es gibt auf Erden keinen

unbarmherzigeren Erpresser von Liebe gegen Andere, als ein durchaus

selbstsüchtiges Weib; und je unliebenswürdiger sie selbst wird, desto

eifersüchtiger verlangt sie Liebe. Als St. Clare deshalb begann mit

den kleinen Aufmerksamkeiten und Galanterien nachzulassen, die während

der Dauer der ersten Werbungen eingeführt worden waren, fand er seine

Sultana nichts weniger als geneigt, ihren Sklaven zu entlassen. Es

folgten reichliche Thränen, Schmollen, kleine Stürme und Vorwürfe. St.

Clare war gutmüthig und nachsichtig und suchte durch Geschenke und

Schmeicheleien wieder gut zu machen; und als Marie Mutter einer schönen

Tochter wurde, fühlte er wirklich eine Zeit lang eine Art Zärtlichkeit

in sich rege werden.

St. Clare's Mutter war eine Frau von ungewöhnlich hohem Geiste und

reinem Charakter gewesen, und er gab deshalb diesem Kinde ihren Namen,

in der süßen Hoffnung, daß es ein Nachbild derselben werden werde.

Dieser Umstand wurde von seiner Frau mit eifersüchtigem Spotte gerügt,

und selbst die hingebende Liebe des Vaters zum Kinde erweckte in

ihr Mißtrauen und Unmuth, weil Alles, was dem Kinde zufloß, ihr in

demselben Grade entzogen zu werden schien. Seit der Geburt des Kindes

war ihre Gesundheit allmählig gesunken. Ein Leben von fortwährend

geistiger und körperlicher Unthätigkeit, unaufhörliche Langeweile und

Unzufriedenheit in Verbindung mit der gewöhnlichen Schwäche, welche das

Mutterwerden zu Folge hat, verwandelten in wenigen Jahren die blühende,

junge Schöne in eine gelbe, verwelkte, kränkliche Frau, die fortwährend

an den verschiedenartigsten eingebildeten Krankheiten litt, und sich in

jeder Beziehung als das am meisten gemißhandelte und leidende Wesen in

der Natur ansah.

Da unter diesen Umständen die ganze häusliche Verwaltung in die Hände

der Dienstboten fiel, so fühlte sich St. Clare in seiner Wirthschaft

nichts weniger als behaglich. Seine einzige Tochter war außerordentlich

zart und schwächlich, und er fürchtete, daß wenn dieselbe keine andere

Aufsicht und Wartung genießen könne, ihre Gesundheit und sogar ihr

Leben ein Opfer der mütterlichen Unthätigkeit werden könne. Er hatte

sie mit sich auf eine Reise nach Vermont genommen, und dort seine

Cousine, Miß Ophelia St. Clare bewogen, mit ihm nach seiner südlichen

Heimath zu gehen; und Beide sind gerade jetzt in dem Dampfboote, auf

dem wir sie kennen gelernt haben, auf ihrer Reise dahin begriffen.

Und nun, während die fernen Dome und Thürme von New-Orleans vor

unsern Blicken aufsteigen, haben wir gerade noch Zeit, die nähere

Bekanntschaft Miß Ophelia's zu machen.

Wer die Staaten von Neu-England durchreist hat, wird sich vielleicht

erinnern, in einem kühl belegenen Dorfe ein großes Farmgebäude

wahrgenommen zu haben, dessen reingekehrter, grasiger Hof vom dichten

Laubdache des Zuckerahorn's beschattet ist, und wird die Stille,

Ordnung und durch nichts gestörte Ruhe bemerkt haben, die über dem

Ganzen zu schweben scheint. Nichts ist hier in Unordnung, nichts

geht hier verloren; nicht ein Pflock fehlt im Gartenzaune, und kein

Strohhalm ist auf dem Rasen des Hofes zu sehen, auf dem dichte

Gebüsche Hollunder unter den Fenstern des Gebäudes wachsen. Innerhalb

desselben befinden sich große, weite Gemächer, in denen dieselbe

Ruhe herrscht, wo Alles seinen streng angewiesenen Platz hat, und

alle häuslichen Verrichtungen sich ebenso pünktlich reguliren, wie

die alte, in der Ecke hängende Wanduhr. Im »Familienzimmer,« wie es

genannt wird, steht der ernste, ehrwürdige, alte Bücherschrank, mit

seinen Glasthüren, in welchem sich Rollin's Geschichte, Milton's

verlorenes Paradies, Scott's Familien-Bibel, und viele andere, gleich

ehrwürdige Bücher neben einander befinden. Dienstboten werden im

Hause nicht gehalten; sondern die Dame in der weißen Mütze, mit der

Brille, die jeden Nachmittag im Kreise ihrer Töchter, mit Nähen

beschäftigt, sitzt, als wenn nie etwas von ihnen gethan worden wäre,

oder überhaupt zu thun wäre, -- sie und ihre Töchter hatten in einem

lange vergessenen, früheren Theile des Tages »das Werk gethan,« der

Fußboden der alten Küche war nie beschmutzt, nie waren Flecken da zu

sehen; die Tische, Stühle, und die verschiedenen Küchengeräthschaften

waren nie in Unordnung, obgleich täglich drei und zuweilen vier

Mahlzeiten zubereitet, obgleich alles Waschen und Plätten der Familie

dort vorgenommen wurde, und obgleich zahlreiche Pfunde Butter und Käse

daselbst, in irgend einer geheimen, mysteriösen Weise ihre Existenz

erlangten.

Auf solcher Farm, in solchem Hause, in solcher Familie hatte Miß

Ophelia eine ruhige Existenz von ungefähr fünf und vierzig Jahren

zugebracht, als ihr Vetter sie einlud, mit ihm nach seiner Besitzung

im Süden zu gehen. Obgleich die Aelteste einer großen Familie, wurde

sie von Vater und Mutter doch immer noch als eines der »Kinder«

angesehen, und der Vorschlag, nach Orleans zu gehen, war für den

ganzen Familienkreis ein Ereigniß von höchster Wichtigkeit. Der

alte, greise Vater holte Morse's Atlas aus dem Bücherschranke hervor

und suchte mit Genauigkeit den Längen- und Breitegrad auf, und las

Flint's Reisen im Süden und Westen, um eine klare Vorstellung von der

klimatischen Beschaffenheit der dortigen Gegend zu erlangen. Die gute

Mutter fragte ängstlich, »ob Orleans nicht ein sehr verderbter Ort

sei,« und bemerkte, »daß es ihr nicht besser vorkäme, als nach den

Sandwich-Inseln oder irgend einer andern heidnischen Gegend zu gehen.«

Es war beim Geistlichen, und beim Doktor, und in Miß Peabody's

Putzmacherladen bekannt geworden, daß Ophelia St. Clare »davon

spreche,« mit ihrem Vetter nach New-Orleans gehen zu wollen, und

das ganze Dorf konnte natürlicher Weise nichts anderes thun, als in

diesem wichtigen Prozesse des »Besprechens« behülflich zu sein. Der

Geistliche, welcher sich stark zu abolistischen Ansichten hinneigte,

hegte große Zweifel darüber, ob ein solcher Schritt nicht dahin führen

könne, die Südländer in ihrem Festhalten an dem Sklavensysteme zu

bestärken; während der Doktor sich mehr für die Ansicht bestimmte, daß

Miß Ophelia gehen sollte, um den Einwohnern von Orleans zu zeigen, daß

die Bewohner der nördlichen Staaten dennoch nicht so schlimm von ihnen

dächten. Als nun aber der Umstand, daß sie sich wirklich entschlossen

hatte zu gehen, vollständig und allgemein bekannt geworden war,

wurde sie vierzehn Tage lang bei allen ihren Freunden und Nachbarn

feierlichst zum Thee eingeladen, wo dann eine gehörige Prüfung und

Besprechung aller ihrer Pläne und Aussichten statt fand. Miß Moseley,

welche das Haus zu besuchen pflegte, um bei der Anfertigung und

Ausbesserung der Kleidungsstücke für die Familie Hülfe zu leisten,

verlangte täglich neue und wichtige Aufschlüsse über die Beschaffenheit

der für Miß Ophelia ausgestatteten Garderobe. Es war glaubwürdig in

Erfahrung gebracht worden, daß Squire St. Clare, ihr Vater, fünfzig

Dollar abgezählt und Miß Ophelien mit dem Auftrage gegeben hatte, sich

dafür anzuschaffen, was sie für zweckmäßig erachte; und daß zwei neue

seidene Kleider, nebst einem Hute, von Boston verschrieben worden

seien. Ueber die Angemessenheit einer so bedeutenden Ausgabe war die

öffentliche Meinung sehr getheilt, indem Einige der Ansicht waren, daß

es wohl erlaubt sei, so etwas einmal im Leben zu thun, wogegen Andere

behaupteten, daß es zweckmäßiger gewesen wäre, das Geld den Missionären

zuzusenden. Alle indessen waren darin einverstanden, daß ein solcher

Sonnenschirm, wie der von New-York gesandte war, noch nie in dem Theile

Amerikas gesehen worden sei; und daß Miß Ophelia einen seidenen

Anzug besitze, der, was auch immer über sie selbst gesagt werden

möge, entschieden allein stehen könne. Es ging auch ein Gerücht von

gestickten Taschentüchern, und Einige gingen sogar so weit, von einem

mit Spitzen besetzten Tuche derselben Art zu sprechen, -- allein dieser

Umstand ist nie gehörig ins Licht gesetzt worden und bleibt deshalb bis

jetzt noch unentschieden.

Miß Ophelia, wie Du sie jetzt siehst, lieber Leser, steht in einem

glänzenden, braunen, leinenen Reisekleide vor Dir, groß, stark gebaut,

und eckig. Ihr Gesicht war mager, und hatte scharfe Züge; ihre Lippen

waren eng geschlossen, wie die einer Person, welche gewohnt ist,

in allen Verhältnissen entschiedener Meinung zu sein, während ihre

scharfen, dunklen Augen einen besonders prüfenden, bedächtigen Ausdruck

hatten.

Alle ihre Bewegungen waren scharf, entschieden und energisch; und

obgleich man sie nie viel sprechen hörte, so waren ihre Aeußerungen

doch stets passend und treffend, sobald sie sprach. In ihren

Gewohnheiten war sie eine lebendige Versinnlichung von Ordnung und

Genauigkeit. In Bezug auf Pünktlichkeit war sie so zuverlässig wie eine

Wanduhr, und so unerbittlich wie eine Lokomotive; und Alles, was dem

zuwider war, erschien ihr als ein Gegenstand der tiefsten Verachtung.

Die größte Sünde aller Sünden, in ihren Augen, -- die Summe aller Uebel

-- drückte sie durch ein in ihrem Wörterbuche sehr gewöhnliches und

sehr bedeutungsvolles Wort aus: -- »Zwecklosigkeit.« Der Ausdruck ihrer

tiefsten Verachtung bestand in einer sehr nachdrücklichen Betonung des

Wortes »zwecklos;« worunter sie jede Art von Handlungsweise verstand,

welche nicht in directer Beziehung zu dem Streben nach einem bestimmt

vorgesteckten Ziele und dessen Erreichung stand. Leute, welche nichts

thaten, oder sich nicht deutlich dessen bewußt waren, was sie thaten

oder thun sollten, oder die nicht den geradesten Weg zur Erreichung

ihrer Zwecke einschlugen, waren Gegenstände ihrer völligen Verachtung,

die sie seltener durch Worte als durch eine Art steinernen Grimmes

ausdrückte, als halte sie es nicht der Mühe werth, irgend etwas darüber

zu sagen.

Was intellektuelle Ausbildung betraf, so besaß sie einen klaren,

kräftigen, thätigen Geist, war gründlich belesen in Geschichte und den

älteren englischen Klassikern, und dachte mit großer Schärfe innerhalb

gewisser, enger Gränzen. Ihre theologischen Grundsätze waren alle

fertig, mit deutlicher Ueberschrift versehen, und auf die Seite gelegt

grade so wie die Bündel in ihrem Flickenkasten. So und so viel waren es

an der Zahl, und durften nie mehr werden. Von derselben Beschaffenheit

waren meistentheils ihre Ideen über Gegenstände des praktischen

Lebens, wie Haushaltung in allen ihren Zweigen, und die verschiedenen

politischen Verhältnisse ihres Geburtsdorfes. Und allem diesem lag

tiefer und breiter als irgend ein anderes Gefühl das stärkste Princip

ihrer ganzen Existenz -- Gewissenhaftigkeit zu Grunde. Sie war die

absolute Sklavin des Wortes »muß.« Sobald sie sich einmal überzeugt

hatte, daß der Weg der Pflicht, wie sie es gewöhnlich nannte, in einer

bestimmten Richtung liege, so konnte sie weder Feuer noch Wasser davon

zurückhalten. Sie würde geraden Weg's in einen Brunnen oder auf den

Mund einer geladenen Kanone zu gegangen sein, wenn sie dessen gewiß

gewesen wäre, daß der Weg der Pflicht in dieser Richtung liege. Die

Fahne des Rechten stand bei ihr so hoch, war so allumfassend, und hatte

so wenig Nachsicht mit menschlicher Gebrechlichkeit, daß, obgleich sie

mit heroischem Muthe darnach strebte, sie zu erreichen, es ihr dennoch

nie wirklich gelang, und sie deshalb fortwährend von dem quälenden

Gefühle der Ohnmacht gedrückt war, was einen ernsten und zuweilen

düstern Schatten über ihren religiösen Charakter warf.

Aber wie in aller Welt konnte Miß Ophelia mit Augustin St. Clare gehen?

-- dem fröhlichen, leichten, unpünktlichen, unpraktischen, ungläubigen

jungen Manne, der ihre heiligsten Gewohnheiten und Meinungen mit

leichter, unverschämter Freiheit behandelte?

Um denn die Wahrheit zu sagen, Miß Ophelia liebte ihn. Als er noch ein

Knabe war, hatte es ihr obgelegen, ihm den Katechismus zu lehren, seine

Kleider auszubessern, sein Haar zu kämmen, und ihn im Allgemeinen für

den Weg zu erziehen, den er gehen sollte: und da ihr Herz warmes Gefühl

besaß, so hatte Augustin, wie er es gewöhnlich mit den Leuten machte,

einen bedeutenden Theil davon für sich selbst in Anspruch genommen, und

fand deshalb jetzt keine große Schwierigkeit, sie davon zu überzeugen,

daß »der Weg der Pflicht« in der Richtung nach New-Orleans liege, und

daß sie mit ihm gehen müsse, um Eva unter ihre Obhut zu nehmen, und

seine ganze Wirthschaft dagegen zu wahren, daß sie nicht während der

fortwährenden Krankheit seiner Frau gänzlich zu Grunde gehe. Die Idee

eines Haushaltes ohne Aufsicht darin ging ihr zu Herzen; und dann

liebte sie das liebenswürdige kleine Mädchen, wie es fast alle thun

mußten; und obgleich sie Augustin selbst als einen halben Heiden ansah,

so liebte sie ihn dennoch, lachte über seine Scherze und ertrug seine

Fehler mit einer Gelassenheit, welche Diejenigen, die ihn kannten, für

unmöglich hielten. Allein was weiter über Miß Ophelia zu hören und zu

lernen ist, muß der Leser in einer persönlichen Bekanntschaft mit ihr

selbst entdecken.

Dort sitzt sie nun in ihrem Staatszimmer, umgeben von einer bunten

Menge großer und kleiner Reisetaschen, Kisten und Körben, die sie mit

großem Ernste zusammen bindet und zu befestigen sucht.

»Nun, Eva, hast Du Deine Sachen in Ordnung? Natürlich nicht, -- wie

Kinder immer. Da ist die gefleckte Reisetasche und die kleine blaue

Bandschachtel mit Deiner besten Haube, -- das sind zwei; und hier die

Bücherkiste, sind drei; und meine Wachs- und Nadelschachtel, sind vier;

und meine Bandschachtel, fünf; und meine Kragenschachtel, sechs; und

der kleine Koffer dort, sieben. Was hast Du mit Deinem Sonnenschirm

gemacht? Gieb ihn mir, ich will ihn in Papier einwickeln, und mit

meinem Regenschirm und Parasol zusammenbinden; -- so, nun ist's recht.«

»Aber, Tante, wir gehen ja nur nach Hause, -- wozu denn das?« fragte

Eva.

»Um sie in gutem Stande zu erhalten, Kind. Man muß seine Sachen in Acht

nehmen, wenn man je was haben will. Hast Du Deinen Fingerhut nicht

eingepackt, Eva?«

»Ich weiß wahrlich nicht, Tante.«

»Gut, laß mich Deinen Nähkasten übersehen; Fingerhut, Wachs, Scheere,

Rollen, Messer, -- richtig. Stelle ihn hier hinein. Was hast Du denn

nur gemacht, Kind, wenn Du mit Deinem Papa allein gereist bist? Ich

sollte denken, Du müßtest Alles verloren haben.«

»Ja, Tante, ich habe freilich viele Sachen verloren; aber wenn wir

irgendwo anhielten, kaufte mir Papa wieder, was mir fehlte.«

»Gott sei uns gnädig, Kind, was ist das für ein Weg?«

»Es war ein sehr bequemer Weg, Tante,« sagte Eva.

»Ein schrecklich zweckloser,« entgegnete die Tante.

»Was willst Du denn nun thun, Tante?« sagte Eva. »Der Koffer ist zu

voll, um zugemacht werden zu können.«

»Er ~muß~ zugemacht werden,« sagte die Tante mit einer

Generalsmiene, während sie die Sachen hinein drückte, und auf den

Deckel sprang; allein dessen ungeachtet blieb eine kleine Oeffnung des

Koffers sichtbar.

»Spring hier herauf, Eva!« rief Miß Ophelia muthig; »was gethan worden

ist, muß wieder gethan werden können: der Koffer muß sich schließen

lassen.«

Und der Koffer, ohne Zweifel erschreckt durch diese entschlossene

Willenserklärung gab nach, das Schloß schnappte ein, und Miß Ophelia

steckte triumphirend den Schlüssel in die Tasche.

»Jetzt sind wir fertig. Wo ist Dein Papa? Ich denke, es ist Zeit, daß

das Gepäck hinauf gebracht werde. Sieh' zu, Eva, suche Deinen Papa.«

»O ja, ich weiß, er ist am andern Ende der Herrenkajüte; und ißt eine

Orange.«

»Er wird es nicht wissen, wie nahe wir der Landung sind,« sagte die

Tante; »wäre es nicht besser, wenn Du zu ihm liefest, und es ihm

sagtest?«

»Papa ist nie in großer Eile,« bemerkte Eva, »und wir sind ja noch

nicht am Ufer. Komme hier an das Geländer, Tante! Sieh', dort ist unser

Haus, jene Straße dort hinauf!«

Jetzt begann das Dampfboot, gleich einem müden Ungeheuer, sich

mit schwerem Stöhnen langsam zwischen die übrigen Fahrzeuge der

+levée+ hinein zu schieben, während Eva fröhlich die verschiedenen

Thurmspitzen, Kuppeln und sonstigen Zeichen aufsuchte, an denen sie

ihre Geburtsstadt erkannte.

»Ja, ja, liebes Kind; ist Alles sehr schön,« sagte Miß Ophelia; »aber,

Himmel, das Boot hält schon an, wo ist denn nur Dein Vater?«

Und nun folgte die gewöhnliche Unruhe des Landens: -- Kellner flogen

hin und wieder, Träger schleppten Koffer, Kisten und Reisetaschen,

Frauen riefen ängstlich nach ihren Kindern, und Alles drängte sich in

dichter Menge dem Orte des Aussteigens zu.

Miß Ophelia ließ sich entschlossen auf den eben erst besiegten Koffer

nieder, stellte alle ihre Kisten und Schachteln in militärischer

Ordnung auf, und schien festen Willens zu sein, diese bis zum letzten

Augenblicke zu vertheidigen.

»Soll ich diesen Koffer nehmen, Madame?« -- »Soll ich Ihr Gepäck

tragen? -- Erlauben Sie mir Ihre Effekten zu befördern, Missis?« --

regnete es unaufhörlich auf sie nieder. Allein sie saß mit grimmiger

Entschlossenheit da, aufrecht wie eine Stopfnadel in einem Nähkissen,

hielt ihr Bündel von Regen- und Sonnenschirmen fest an sich, und

antwortete mit einer solchen Bestimmtheit, daß selbst Lastträger sich

dadurch einschüchtern ließen, während sie von Zeit zu Zeit gegen Eva

ihrer Unruhe und Verwunderung in wiederholten Ausrufungen Luft machte,

wie: »wo in aller Welt nur ihr Vater sein könne! er werde doch nicht

über Bord gefallen sein, -- aber irgend Etwas müsse geschehen sein!«

und grade als ihre Ungeduld den höchsten Grad erreicht hatte, kam er in

seiner gewöhnlichen sorglosen Weise daher geschlendert, gab Eva einen

Theil der Orange, welche er verzehrte, und sagte:

»Nun, Cousine Vermont, Du bist wohl schon ganz fertig?«

»Ich bin fertig und warte schon seit beinahe einer Stunde,« sagte Miß

Ophelia; »ich fing an, wirklich unruhig um Dich zu werden.«

»Da, das ist ein gescheidter Bursche!« sagte er. »Der Wagen wartet auf

uns. Nun kann man doch anständig und christlich an's Land gehen, ohne

hin und her gestoßen zu werden. Hier,« fügte er zu einem hinter ihm

stehenden Träger gewendet hinzu: »Nehmt diese Sachen!«

»Ich will mitgehen, und sehen, daß sie richtig aufgepackt werden,«

bemerkte Miß Ophelia.

»Ah was, Cousine, wozu das?« sagte St. Clare.

»Gut, so will ich wenigstens dies hier, und das, und das tragen,«

entgegnete Ophelia, indem sie drei kleine Kisten und eine Reisetasche

aussuchte.

»Meine liebe Miß Vermont, Du mußt nicht über die »grünen Berge« so

zu uns kommen; Du mußt wenigstens etwas von unsern südlichen Maximen

annehmen, und nicht unter einer solchen Last gehen. Man wird Dich für

ein Kammermädchen halten. Gib die Sachen diesem Manne hier, er wird sie

aufladen, als wenn es Eier wären.«

Miß Ophelia sah verzweiflungsvoll zu, als ihr Vetter ihr alle ihre

Schätze abnahm, und war endlich froh, sich wieder vereint mit ihnen,

und ohne daß sie Schaden gelitten hatten, im Wagen zu befinden.

»Wo ist Tom?« fragte Eva.

»Er sitzt auf dem Bocke, Kätzchen. Ich will Tom der Mutter als ein

Sühnopfer für den betrunkenen Burschen bringen, der neulich den Wagen

umwerfen ließ.«

»O, Tom wird gewiß ein vortrefflicher Kutscher sein,« sagte Eva, »er

wird sich nie betrinken.«

Onkel Tom's Hütte(#76640) · 第 4 / 13 段