Bibel niederfallen, während er diese auf einem Baumwollenballen vor
sich liegen hat, und mit geduldigem Finger langsam von Wort zu Wort
geht, um ihre Verheißungen zu entziffern? Da Tom erst im späteren Alter
angefangen hatte zu lernen, so war er ein langsamer Leser, und ging
nur mit Schwierigkeit von einem Verse zum andern über. Ein glücklicher
Umstand war es für ihn, daß das Buch, dem er seinen Fleiß zuwandte,
ein solches war, dessen Werth durch langsames Lesen nicht verlieren
konnte, -- ja, vielmehr ein solches, dessen Worte, gleich Stücken
massiven Goldes, oft einzeln abgewogen werden mußten, damit der Geist
den unschätzbaren Werth derselben fassen könne. Wir wollen ihm einen
Augenblick folgen, während er, auf jedes Wort seinen Finger besonders
legend, und es halb aussprechend, lies't:
»Euer -- Herz -- erschrecke -- nicht. In -- meines -- Vaters -- Hause
-- sind -- viele -- Wohnungen. Ich -- gehe, -- Euch -- die -- Stätte
-- zu -- bereiten.«
Als Cicero seine einzige, so sehr geliebte Tochter begrub, war sein
Herz mit so wahrem Schmerz erfüllt, wie das unseres armen Tom, --
vielleicht nicht mehr; denn Beide waren nur Menschen; aber Cicero
konnte sich an keinen so erhabenen Worten der Hoffnung trösten, und
keiner solchen zukünftigen Wiedervereinigung entgegen sehen; und wenn
er diese Worte gesehen hätte, -- zehn gegen eins -- er würde ihnen
nicht geglaubt, sondern seinen Kopf erst mit tausend Fragen über die
Aechtheit der Manuscripte und die Korrektheit der Uebersetzungen
beschwert haben. Aber für den armen Tom lag das Buch da, grade wie er
es brauchte, so augenscheinlich wahr und göttlich, daß die Möglichkeit
eines Zweifels nimmer in seinen einfachen Sinn kam.
Was Tom's Bibel betraf, so war sie, obgleich sie keine Anmerkungen
von gelehrten Commentatoren am Rande hatte, doch durch verschiedene
Zeichen und Wegweiser von Tom's eigner Erfindung verschönert worden,
die ihm mehr nützten, als die gelehrtesten Erklärungen gethan haben
würden. Es war früher die Gewohnheit gewesen, sich die Bibel von
den Kindern seines Herrn, und namentlich vom jungen Master Georg
vorlesen zu lassen; und während Diese lasen, pflegte er dann durch
starke Zeichen und Federstriche diejenigen Stellen zu markiren, welche
seinem Ohre besonders gefielen, oder sein Herz berührten. Auf diese
Weise war seine ganze Bibel, von einem Ende bis zum andern, mit den
verschiedenartigsten Zeichen versehen, die ihn in den Stand setzten,
seine Lieblingsstellen im Augenblicke auffinden zu können, ohne die
Mühe zu haben, alles zwischen Liegende zu buchstabiren; und während
sie jetzt dort vor ihm lag, und jede Stelle ihn an irgend eine frühere
häusliche Scene oder an einen dort gehabten Genuß erinnerte, schien ihm
seine Bibel sowohl Alles, was ihm in diesem Leben übrig geblieben, wie
die Verheißung eines zukünftigen zu sein.
Unter den Passagieren des Dampfbootes befand sich ein junger Mann von
bedeutendem Vermögen und guter Familie, der in New-Orleans wohnte,
und sich St. Clare nannte. In seiner Begleitung waren eine kleine
Tochter zwischen fünf und sechs Jahren, und eine Dame, welche in
verwandtschaftlicher Beziehung zu ihm zu stehen und das Kind unter
ihrer besondern Aufsicht zu haben schien.
Tom hatte das kleine Mädchen öfters gesehen, -- denn es war eins
jener geschäftigen flüchtigen Wesen, die an einem Orte eben so
wenig festgehalten werden können, wie ein Sonnenstrahl oder eine
Frühlingsluft, und wer es einmal gesehen hatte, konnte es nicht leicht
wieder vergessen. Die Formen desselben waren kindliche Schönheit in
ihrer Vollendung, und ohne jene ungefälligen Umrisse von zu großer
Fülle, eine wallende, luftige Grazie, wie man sie nur mythischen und
allegorischen Gebilden in Träumen zuschreibt, umfloß das kleine Wesen,
dessen Gesicht weniger durch die regelmäßige Schönheit seiner Züge,
als vielmehr durch einen besondern, träumerischen Ernst auffiel,
der selbst auf ganz stumpfe, unempfängliche Gemüther nie verfehlte,
Eindruck zu machen, ohne daß diese wußten, weßhalb. Die Form ihres
Kopfes und Nackens war besonders edel, und das lange, golden braune
Haar, welches diese Theile wie ein Nebel umfloß, der tiefe, geistvolle
Ernst ihrer veilchenblauen Augen, -- Alles zeichnete sie von andern
Kindern aus und veranlaßte einen Jeden, ihr nachzublicken, während sie
auf dem Boote hin und her schwebte. Nichtsdestoweniger war die Kleine
weder ein ernstes, noch trauriges Kind. Im Gegentheile schien ein
lustiger, unschuldiger Muthwille, wie ein Schatten von Baumblättern
im Sommer, auf ihrem kindlichen Gesichte und um ihre elastischen
Glieder zu spielen. Stets war sie in Bewegung, und immer schwebte
eine Art Lächeln um ihren rosigen Mund, während sie mit schwebendem,
nebelartigem Schritte, und wie in einem glücklichen Traume still für
sich singend, hin und her flog. Ihr Vater und ihre Aufseherin waren
fortwährend mit ihrer Verfolgung beschäftigt; allein, kaum hatten sie
sie gefangen, so entwich sie ihnen schon wieder wie ein Sommerlüftchen;
und da nie ein verweisendes, tadelndes Wort je ihr Ohr berührte, was
sie auch immer thun mochte, so folgte sie ihren eigenen Wegen auf dem
ganzen Boote umher. Stets weiß gekleidet, schien sie einem Schatten
gleich durch alle Oerter und Plätze zu schweben, ohne berührt oder
beschmutzt zu werden; und es gab auf dem ganzen Schiffe, unten und
oben, kein Eckchen, das ihre feenartigen Tritte nicht berührt, und wo
ihre tiefblauen Augen nicht hingeschaut hatten.
Tom, der ganz die sanfte, empfängliche Natur seines Geschlechts besaß
und sich immer zu einfachen, kindlichen Wesen hingezogen fühlte,
beobachtete die Kleine mit täglich zunehmendem Interesse. Ihm erschien
sie als etwas beinahe Göttliches; und jedesmal, wenn ihr goldener
Kopf und ihre tiefen blauen Augen hinter irgend einem staubigen
Baumwollenballen hervor und über irgend eine Wand Gepäck hinüber auf
ihn blickten, war es ihm, als sehe er einen der Engel aus seinem Neuen
Testamente hervortreten.
Oft schritt sie traurig um den Platz, wo Haley's Trupp von Männern und
Weibern in Ketten saß. Dann pflegte sie zuweilen unter sie zu treten
und sie mit einer Miene staunenden, traurigen Ernstes zu betrachten,
oder die Ketten derselben mit ihren zarten Händen aufzuheben und
schmerzlich zu seufzen, während sie sich wieder entfernte. Oefters
auch erschien sie plötzlich unter ihnen, in ihren Händen Zuckerwerk,
Nüsse und Orangen tragend, die sie fröhlich unter sie vertheilte und
dann wieder verschwand.
Tom beobachtete die kleine Dame lange Zeit, ehe er sich einige
Annäherungen Behufs einer anzuknüpfenden Bekanntschaft erlaubte. Er
kannte viele Mittel, um die Gunst kleiner Menschen zu gewinnen, und
beschloß, sich deren auf geschickte Weise zu bedienen. Er konnte
niedliche kleine Körbe aus Kirschkernen schneiden, und groteske
Gesichter und wunderliche, springende Figuren aus Hollundermark
schnitzen, und in der Fabrikation der Pfeifen von allen Arten und
Größen war er ein wahrer Pan. Seine Taschen waren voll von derartigen
magnetischen Gegenständen, die er in früherer Zeit für die Kinder
seines Herrn gesammelt hatte, und die er jetzt mit weiser Vorsicht und
Oekonomie, eins nach dem andern, hervorzog, um sich ihrer als Mittel zu
einer neuen Bekanntschaft und Freundschaft zu bedienen.
Die Kleine war, trotz ihres lebendigen Interesses in Allem, was um sie
vorging, scheu, und nicht leicht zu zähmen. Anfangs nahm sie nur, wie
ein Kanarienvogel, in einiger Entfernung von Tom, auf irgend einer
Kiste Platz, um ihm zuzuschauen, wenn er mit den oben bezeichneten
Künsten beschäftigt war, und nahm die ihr angebotenen kleinen
Gegenstände mit einer Art schüchternen Ernstes an; allein nach einiger
Zeit stellte sich zwischen Beiden ein ganz vertraulicher Ton her.
»Was ist kleine Miß's Name?« sagte Tom endlich, als er weit genug
vorgerückt zu sein glaubte, um solche Frage thun zu dürfen.
»Evangeline St. Clare,« sagte die Kleine, »obgleich Papa und alle
Andern mich immer nur Eva nennen. Nun, was ist Dein Name?«
»Mein Name ist Tom. Die Kinder pflegten mich immer Onkel Tom zu
nennen, weit von hier, in Kentucky.«
»Dann will ich Dich auch Onkel Tom nennen, siehst Du, weil ich Dich
lieb habe,« sagte Eva. »Also, Onkel Tom, wohin gehst Du?«
»Ich weiß nicht, Miß Eva.«
»Du weißt nicht?« sagte Eva.
»Nein. Ich soll an irgend Jemanden verkauft werden. Ich weiß nicht, an
wen.«
»Mein Papa kann Dich kaufen,« sagte Eva schnell; »und wenn er Dich
kauft, so wirst Du gute Zeiten haben. Ich will ihn heut noch drum
bitten.«
»Ich danke schön, meine kleine Dame,« entgegnete Tom.
Das Boot hielt hier an vor einem kleinen Landungsplatze, um Holz
einzunehmen, und Eva, die ihres Vaters Stimme hörte, sprang hurtig auf
ihn zu. Tom stand auf und ging hin, um seine Dienste beim Einladen
des Holzes anzubieten, und war bald mit den übrigen Arbeitern dabei
beschäftigt.
Eva und ihr Vater standen am Geländer des Fahrzeuges, um das Abfahren
vom Landungsplatze zu beobachten; das Rad hatte zwei oder drei
Wendungen im Wasser gemacht, als durch eine unerwartete Bewegung des
Bootes die Kleine plötzlich das Gleichgewicht verlor und über das
Geländer in's Wasser hinab stürzte. Ihr Vater, kaum wissend, was er
that, war im Begriffe, ihr nachzuspringen, wurde aber von Jemanden
hinter ihm zurückgehalten, welcher bemerkt hatte, daß bereits eine
kräftigere Hülfe dem Kinde nachgeeilt war.
Tom hatte gerade unter der Kleinen im untern Decke gestanden, als sie
hinab stürzte. Er sah sie in das Wasser fallen und untersinken, und war
im Augenblick ihr nach. Ein starkarmiger Mensch, mit breiter Brust,
wie er war, kostete es ihm wenig Mühe, sich im Wasser zu erhalten, bis
sie nach wenigen Momenten wieder zur Oberfläche herauf kam, und sie
dann in seine Arme nehmend, schwamm er mit ihr an die Seite des Bootes
und reichte sie dort triefend den hundert Händen hin, die sich ihm
entgegen streckten, um sie zu empfangen. Wenige Augenblicke später trug
sie ihr Vater bewußtlos in die Kajüte der Damen, wo, wie es gewöhnlich
in solchen Fällen ist, sich aus bester und herzlichster Meinung ein
lebhafter Streit unter den weiblichen Inwohnern darüber erhob, wer am
meisten thun solle, um Unruhe zu verursachen und die Wiederbelebung des
Kindes auf jede mögliche Weise zu verhindern.
* * * * *
Der folgende Tag war heiß und drückend, als das Dampfboot die Nähe
von New-Orleans erreichte. Unter den Reisenden zeigte sich allmählig
eine größere Bewegung, theils durch die Erwartung, theils durch die
Vorbereitungen zum Landen hervorgerufen. Die Effekten wurden gesammelt
und in Bereitschaft gehalten, und der Stewart und sein weibliches
Dienstpersonal begannen eifrig das Boot zu reinigen, zu waschen, zu
poliren und zu einer großen Entrée vorzubereiten.
Am untern Ende des Decks saß unser Freund Tom, mit untergeschlagenen
Armen, und wandte von Zeit zu Zeit ängstlich seine Blicke auf eine
Gruppe, die auf der andern Seite des Bootes stand. Dort befand sich
die hübsche Evangeline, etwas blässer zwar als am vorigen Tage, aber
sonst durch nichts den Unfall verrathend, der ihr zugestoßen war. Ein
junger Mann von außerordentlich anmuthigem, elegantem Wesen stand neben
ihr und lehnte sich mit dem einen Ellenbogen nachlässig auf einen
Baumwollenballen, während ein großes Taschenbuch offen vor ihm lag.
Man konnte auf den ersten Blick erkennen, daß er Eva's Vater war, denn
dieselbe edle Form des Kopfes, dieselben großen blauen Augen, dasselbe
golden braune Haar verriethen die innige Verwandtschaft mit dem Kinde;
und dennoch war sein Gesichtsausdruck durchaus verschieden von dem
Eva's. In den großen, klaren, blauen Augen, obgleich jenen in Form und
Farbe ähnlich, fehlte die dämmerige, träumerische Tiefe des Ausdrucks;
Alles war klar und hell, aber mit einem Lichte, das durchaus von dieser
Welt war. Um den schön geschnittenen Mund zeigte sich ein stolzer und
etwas sarkastischer Zug, während aus jeder Bewegung seiner schönen
Gestalt eine leichte, freie und sich selbst bewußte Ueberlegenheit
sprach. Er hörte in diesem Augenblicke mit gutmüthiger, halb komischer,
halb verächtlicher Miene Haley an, der mit besonders geläufiger Zunge
die Eigenschaften des Artikels pries, um den zwischen ihnen gehandelt
wurde.
»Alle Moral und alle christlichen Tugenden in schwarzem Marokko,
vollständig!« sagte er, als Haley geendet hatte. »Nun, mein guter
Freund, was ist der Schade, wie man in Kentucky sagt? Mit einem Worte,
wie viel ist zu zahlen für das Geschäft? um wie viel wollt Ihr mich
betrügen? Heraus damit!«
»Nun,« entgegnete Haley, »wenn ich dreizehnhundert Dollar für den
Burschen sagte, so käme ich nur grade ohne Schaden weg, -- grade nur,
mein' Seel!«
»Armer Mensch!« sagte der junge Mann, seine scharfen blauen Augen mit
spöttischem Ausdrucke auf ihn heftend, »aber ich glaube, Ihr wollt ihn
mir um diesen Preis aus besonderer Rücksicht für mich lassen?«
»Je nun, die junge Dame hier scheint ja so großes Gefallen an ihm
gefunden zu haben, -- und natürlich genug.«
»O freilich, das nimmt Eure Menschenfreundlichkeit in Anspruch. Also,
um es als einen Akt christlicher Liebe zu betrachten, wie billig könnt
Ihr ihn losschlagen, um einer jungen Dame gefällig zu sein, die ein
besonderes Gefallen an ihm hat?«
»Sehen Sie nur,« sagte der Händler, »sehen Sie nur seine Glieder an,
-- die breite Brust, stark wie ein Pferd. Sehen Sie seinen Kopf; die
hohen Stirnen zeigen immer Niggers von Verstand, die Alles thun können.
Habe das bemerkt. Nun sehen Sie, ein Nigger von seiner Statur ist schon
viel werth für seinen Körper, wenn er auch dumm ist; aber nun rechnen
Sie seine Verstandeskräfte hinzu, die er ganz ungewöhnlich hat, -- ich
kann's Ihnen zeigen, -- natürlich, das bringt ihn höher hinauf. Glauben
Sie, der Kerl hat die ganze Wirthschaft seines Masters allein versehen,
-- hat ein außerordentliches Talent für Geschäfte.«
»Schlimm, schlimm, sehr schlimm; versteht viel zu viel!« entgegnete
der junge Mann mit demselben spöttischen Lächeln um seinen Mund. »Thut
nicht gut in der Welt. Eure geschickten Burschen laufen immer davon,
oder stehlen Pferde, und treiben den Teufel aus überhaupt. Ich dächte,
Ihr müßtet ein Paar Hundert für seine Geschicklichkeit nachlassen.«
»Könnte da 'was Wahres drin sein, wenn er nicht ein Zeugniß hätte; aber
ich kann Ihnen Empfehlungen zeigen, von seinem Master und Anderen, daß
er wirklich 'ne fromme, demüthige Kreatur ist, wie Sie nur je eine
gesehen haben. Denken Sie nur, er hat da gepredigt in der Gegend, wo er
her kommt.«
»Und so könnte ich ihn möglicher Weise als einen Kaplan für meine
Familie gebrauchen,« fügte der junge Mann trocken hinzu. »Keine üble
Idee! Religion ist nur ein gar zu rarer Artikel in unserm Hause.«
»Sie wollen Scherz machen!«
»Weshalb? Habt Ihr ihn nicht für einen Prädikanten ausgegeben? Ist
er von irgend einer Synode examinirt worden? Kommt, laßt Eure Papiere
sehen.«
Wenn der Händler nicht aus einem gewissen gutmüthigen Blinzeln seiner
Augen mit Sicherheit geschlossen hätte, daß alle diese Spötterei
am Ende zu einem guten Geldgeschäfte führen würde, so möchte er
vielleicht etwas ungeduldig geworden sein, so aber zog er seine fettige
Brieftasche hervor, legte sie auf den Ballen vor sich nieder, und
begann eifrig, gewisse Papiere durchzustudiren, während der junge
Mann mit leichtem, nachlässigem Wesen dabei stand und mit einer Miene
muthwilligen Scherzes auf ihn herabschaute.
»Papa, bitte, kaufe ihn! Es kommt ja nicht darauf an, was Du bezahlst,«
flüsterte Eva mit sanfter Stimme, auf eine Kiste steigend und ihren Arm
um den Nacken des Vaters schlingend. »Du hast ja Geld genug, ich weiß
es. Ich möchte ihn gerne haben.«
»Wozu, Kätzchen? Willst Du ihn zum Wiegenpferde haben, oder wozu?«
»Ich will ihn glücklich machen.«
»Ein origineller Grund, in der That.«
Der Händler überreichte hier ein Certifikat, von Mr. Shelby
unterzeichnet, welches der junge Mann nur mit den Spitzen seiner langen
Finger berührte, und nachlässig überblickte.
»Keine üble Hand,« sagte er, »und richtig geschrieben dazu. Aber ich
bin immer noch nicht im Klaren über diese Art Religion,« fügte er
hinzu, während der muthwillige Ausdruck seines Auges wiederkehrte;
»das ganze Land ist beinahe zu Grunde gerichtet von allen den frommen
weißen Leuten: solchen frommen Politikern, wie wir sie grade vor den
Wahlen haben, -- solchem frommen Treiben in allen Theilen von Staat und
Kirche, daß ein Mensch nicht weiß, wer ihn zunächst betrügen wird. Ich
weiß überhaupt nicht, wie Religion jetzt grade im Preise ist. Ich habe
seit einiger Zeit keine Zeitungen gesehen, um zu wissen, was mit zu
machen ist. Wie viel hundert Dollar schlagt Ihr denn für diese Religion
an?«
»Sie wollen sich nun einen Scherz machen,« sagte der Händler; »aber
's ist doch ~Verstand~ in alle dem drin. Weiß wohl, da ist ein
Unterschied zwischen Religion. Manche Sorten sind erbärmlich, -- wie
die Brüder, und dann die Singer und Schreier; -- die alle taugen
nichts, in Weiß oder Schwarz; -- aber diese Art ist wirklich. Hab'
sie so oft bei Niggers gefunden wie Einer, -- die wirklichen sanften,
stillen, stätigen, ehrlichen, frommen, die die ganze Welt nicht
verführen kann, 'was zu thun, was sie denken ist unrecht; und Sie sehen
ja in diesem Briefe, was Tom's alter Master von ihm sagt.«
»Gut,« sagte der junge Mann, indem er sich mit ernster Miene über sein
Taschenbuch beugte, »wenn Ihr mir versichern könnt, daß ich wirklich
~diese~ Art Frömmigkeit kaufen kann, und daß sie mir in dem Buche
da oben gut geschrieben werden wird, als Etwas, was mir zukommt, --
nun, so soll es mir nicht darauf ankommen, eine Kleinigkeit extra dafür
zu geben. Was meint Ihr?«
»Nein, wirklich, das kann ich nicht,« sagte der Händler. »Ich denke
mir, da oben wird wohl Jeder an seinem eignen Haken hängen müssen.«
»Ist schlimm für einen Menschen, der extra für Religion bezahlt, und
darf nicht einmal in dem Staate damit handeln, wo er sie am meisten
nöthig hat, -- nicht wahr?« sagte der junge Mann, der, während er
sprach, eine Rolle Noten zusammengelegt hatte. »Da, hier, zählt Euer
Geld, alter Bursche!« fügte er dann hinzu, indem er dem Händler die
Noten einhändigte.
»Ganz richtig!« sagte Haley mit freudestrahlendem Gesichte, und zog
Schreibmaterialien hervor, um den Verkaufsschein auszufüllen, den er
nach wenigen Augenblicken dem jungen Manne übergab.
»Ich möchte doch wissen,« sagte der Letztere, während er das Papier
überflog, »wie viel ich bringen würde, wenn ich gehörig klassifizirt
und inventirt würde. So viel für die Form meines Kopfes, so viel für
eine hohe Stirn, so viel für Arme, Hände und Beine, und dann so viel
für Erziehung, Wissen, Talent, Ehrlichkeit, Religion! Du lieber Gott,
ich glaube, das Letzte würde nicht hoch angeschlagen werden! -- Aber
komm, Eva!« rief er dann, die Hand des Kindes ergreifend und über das
Boot auf Tom zu gehend, dem er nachlässig die Fingerspitze unter das
Kinn legte, indem er in freundlichem Tone zu ihm sagte:
»Schau auf, Tom, und sieh, wie Dir Dein neuer Master gefällt!«
Tom blickte auf. Es war unmöglich, in dieses frohe, jugendliche,
hübsche Gesicht ohne ein angenehmes Gefühl zu blicken; und Tom fühlte
die Thränen in seine Augen treten, während er aus Herzensgrunde
antwortete: »Gott segne Sie, Master!«
»Ich hoffe, er wird. Gut, was ist Dein Name? -- Tom? Kannst Du mit
Pferden umgehen, Tom?«
»Bin immer dabei gewesen,« sagte Tom; »Master Shelby zog groß viele
Pferde auf.«
»Gut, ich werde Dich in's Fuhrwerk stecken, unter der Bedingung, daß
Du nicht öfter als einmal wöchentlich betrunken bist, ausgenommen in
besonderen Fällen, Tom.«
Tom sah ihn erstaunt und beinahe beleidigt an und sagte: »Ich trinke
nie, Master.«
»Habe diese Geschichte schon oft gehört, Tom; aber wir wollen sehen.
Es wird besonders angenehm für uns beide sein, wenn Du es nicht thust.
Aber laß' nur gut sein, mein Junge,« fügte er gutmüthig hinzu, als er
sah, daß Tom noch immer sehr ernst aussah: »Ich zweifle nicht, daß Du
den Willen hast, ordentlich zu sein.«
»Gewiß will ich, Master,« sagte Tom.
»Und Du sollst gute Zeit haben,« fügte Eva hinzu. »Papa ist sehr gut
gegen alle Leute; er lacht nur immer über sie.«
»Papa ist Dir sehr verbunden für Deine Empfehlung,« sagte St. Clare,
während er sich lachend umwandte und fortging.
Fünfzehntes Kapitel.
Von Tom's neuen Herrn und verschiedenen andern Gegenständen.
Da der Lebensfaden unseres Helden jetzt mit dem höherer Personen
verwebt worden ist, so scheint es nothwendig, den Leser mit diesen
etwas näher bekannt zu machen.
Augustin St. Clare war der Sohn eines reichen Pflanzers in Louisiana.
Die Familie stammte ursprünglich aus Canada. Von zwei Brüdern, die
in Temperament und Charakter einander sehr ähnlich waren, hatte sich
der eine auf einer blühenden Farm in Vermont niedergelassen, während
der andere ein reicher Pflanzer in Louisiana geworden war. Augustin's
Mutter war eine französische Hugenottin gewesen, deren Familie in der
Zeit der ersten Niederlassungen in Louisiana dahin ausgewandert war.
Er und ein anderer Bruder waren die einzigen Kinder ihrer Eltern. Da
Ersterer von seiner Mutter eine außerordentlich zarte Constitution
ererbt hatte, so war er auf Anrathen der Aerzte in seinem Knabenalter
mehrere Jahre lang zu seinem Onkel nach Vermont gesendet worden, um
seine Constitution durch die frischere Luft eines nördlicheren Klima's
zu stärken.
In seiner Kindheit zeichnete er sich durch eine außerordentliche
Empfindsamkeit in seinem Wesen aus, die mehr mit der der weiblichen
Natur eigenthümlichen Sanftheit, als mit der gewöhnlichen Härte seines
eigenen Geschlechts verwandt zu sein schien. Die Zeit indeß überzog
diese Weichheit des Gefühls mit der rauheren Rinde des Mannesalters,
und nur Wenige wußten, wie lebendig und frisch dieses Gefühl noch im
Marke seines Innern vorhanden war. Seine natürlichen Anlagen waren
ausgezeichnet, obgleich sein Geist stets eine Vorliebe für das Ideale
und Aesthetische verrieth; und als natürliche Folge davon zeigte sich
bei ihm ein Widerwille gegen die gewöhnlichen Geschäfte des Lebens.
Bald nach der Beendigung seines Cursus auf dem Collegium entzündete
sich seine ganze Natur zu einer leidenschaftlichen Begeisterung für
alles Romantische. Seine Stunde schlug, -- die Stunde, die nur einmal
schlägt; sein Stern ging auf am Horizonte, -- der Stern, der so oft
vergeblich aufgeht, und dessen später nur wie eines Traumbildes gedacht
wird; und er ging auch für ihn vergeblich auf. Um das Bild nicht weiter
zu verfolgen, -- er sah und gewann die Liebe eines hochherzigen,
schönen Mädchens in einem der nördlichen Staaten und verlobte sich mit
ihr. Um die nöthigen Vorbereitungen zu seiner Verheirathung zu treffen,
kehrte er nach seiner südlichen Heimath zurück, wo er nach einiger
Zeit urplötzlich seine an sie gerichteten Briefe durch die Post zurück
gesendet erhielt, und nur mit einer kurzen Bemerkung ihres Vormundes
versehen, welche des Inhalts war, daß, ehe ihm noch diese Briefe wieder
zu Händen kommen könnten, die junge Dame die Gattin eines Andern sein
werde. Auf's Tiefste verletzt und fast wahnsinnig vor Schmerz, hoffte
er vergeblich, wie mancher Andere gethan hätte, die ganze Sache durch
eine gewaltsame Anstrengung von sich abwerfen zu können. Zu stolz,
eine nähere Erklärung zu fordern oder zu erbitten, warf er sich auf
einmal in den Strudel der großen Welt und war vierzehn Tage später der
erklärte Liebhaber der herrschenden Schönen der Saison; und sobald die
nöthigen Vorbereitungen getroffen worden waren, wurde er der Gatte
einer schönen Figur, eines Paares glänzender, dunkler Augen und der
runden Summe von hunderttausend Dollar; und Jedermann natürlich hielt
ihn für glücklich.