ich werde Etwas finden.«
»Du weißt, Du kannst hier so lange bleiben, als es Dir gefällt,« sagte
Rachel.
»O Dank Ihnen,« sagte Elisa, »aber« -- auf Harry deutend, -- »ich kann
Nachts nicht schlafen, ich kann nicht ruhen. In der vorigen Nacht
träumte ich wieder, ich sähe jenen Mann auf den Hof kommen,« fügte sie
schaudernd hinzu.
»Armes Kind!« sagte Rachel, ihre Augen trocknend, »aber Du mußt Dir
nicht solche Gedanken machen. -- Der Herr hat es gewollt, daß nie ein
Flüchtling aus unserem Dorfe gestohlen worden ist, und ich hoffe, Dein
Kind wird nicht der erste sein.«
Die Thür öffnete sich, und eine kleine runde Frau, mit einem
freundlichen, blühenden Gesichte, ähnlich einem reifen Apfel, trat in
das Zimmer. Sie war wie Rachel in schlichtem Grau gekleidet, während um
ihren runden, vollen Hals das glatte weiße Mousselintuch lag.
»Ruth Stedman,« sagte Rachel, freudig ihr entgegen kommend und ihre
beiden Hände mit Herzlichkeit ergreifend, -- »wie geht Dir's?«
»Gut,« sagte Ruth, ihren kleinen Tuchhut abnehmend und ihn mit dem
Taschentuche abstäubend, während dessen ein kleiner, runder Kopf
zum Vorschein kam, der seine Quäkerhaube, alles Streichelns und
Glättens der kleinen fetten Hände ungeachtet, auf eine etwas leichte,
muntere Weise trug. Ein Paar Locken von entschieden krausem Haare
waren überdies hier und da herausgefallen und mußten an ihren Platz
zurückgeschoben werden; und als dieses Alles geschehen war, drehte sich
die kleine Frau vom Spiegel, vor dem sie diese Anordnungen getroffen
hatte, ab, und schaute sich mit wohlgefälliger Miene um, wie Alle thun
mußten, die auf sie blickten; denn sie war entschieden eine in Körper
und Herzen so gesunde, kleine Frau, wie jemals eine ein Männerherz
erfreut hat.
»Ruth, diese Freundin hier ist Elisa Harris, und dies ist ihr kleiner
Knabe, wovon ich Dir erzählt habe.«
»Ich freue mich, Dich zu sehen, Elisa, -- recht sehr,« sagte Ruth, ihr
die Hand so herzlich schüttelnd, als wenn Elisa eine alte Freundin
gewesen wäre, die sie lange erwartet hätte; »und dies ist Dein liebes
Kind, -- ich habe ihm einen Kuchen mitgebracht,« fügte sie hinzu,
indem sie dem Knaben ein Herz von Kuchen hinhielt, während dieser sich
furchtsam näherte, um es in Empfang zu nehmen.
»Wo ist Dein Kind, Ruth?« fragte Rachel.
»O, es wird gleich hier sein. Marie hat es mir abgenommen, als ich kam,
und ist damit nach der Scheune gerannt, um es den andern Kindern zu
zeigen.«
In diesem Augenblicke öffnete sich die Thür und Marie, ein sittsames,
rosiges Mädchen, mit braunen Augen, wie sie ihre Mutter hatte, kam
herein.
»Ah, ha!« sagte Rachel, ihr entgegen gehend und den großen, weißen,
fetten, kleinen Burschen in ihre Arme nehmend; »wie wohl er aussieht,
und wie er wächst!«
»Gewiß,« sagte die geschäftige kleine Ruth, indem sie das Kind auf
ihren Arm nahm, um ihm das kleine, blauseidene Mützchen, nebst
verschiedenen anderen Umhüllungen abzunehmen; und nachdem sie sodann
noch hier und da gezupft, und Alles in gehörige Ordnung gebracht,
und es herzlich geküßt hatte, setzte sie es auf die Erde nieder, um
es seinen eigenen Gedanken zu überlassen. Das Kind schien an diese
Procedur gewöhnt zu sein, denn es steckte seinen Daumen in den Mund
(als wenn sich das von selbst verstände) und war sehr bald in seinen
eigenen Betrachtungen verloren, während die Mutter sich niedersetzte,
einen langen Strumpf von gemischtem blauem und weißem Garne hervorzog,
und emsig zu stricken begann.
»Marie, ich dächte, Du fülltest den Kessel, nicht wahr?« sagte die
Mutter in sanftem Tone.
Marie nahm den Kessel, den sie am Brunnen füllte, und setzte ihn auf
den Kochofen, wo er bald, gleich einem Rauchfaß der Gastfreundschaft
und Heiterkeit, zu brausen und zu dampfen anfing. Ebenso wurden die
Pfirsiche, in Folge von ein Paar freundlichen Zuflüsterungen Rachels,
sehr bald von derselben Hand in einer Schmorpfanne über das Feuer
deponirt.
Sodann nahm Rachel eine schneeweiße Mulde zur Hand, band eine Schürze
vor und schritt dazu, einige Zwiebacke zuzubereiten, nachdem sie zuvor
ihrer Tochter zugeflüstert hatte: »Marie, willst Du nicht John sagen,
daß er ein Huhn in Bereitschaft hält?« worauf Marie sofort verschwand.
»Und was macht Abigail Peters?« fragte Rachel, während sie mit ihrer
Beschäftigung fortfuhr.
»O, sie ist besser!« entgegnete Ruth. »Ich war diesen Morgen dort,
und habe ihr Bett gemacht, und ihr Haus gekehrt. Lea Hills ist diesen
Nachmittag hingegangen, um Brod und Erbsen für einige Tage zu backen;
und ich habe ihr versprochen, heute Abend noch einmal hinzukommen, um
sie aus dem Bette zu nehmen.«
»Ich will morgen hingehen und nachsehen, was rein zu machen und
auszubessern ist,« sagte Rachel.
»Das ist gut,« entgegnete Ruth. »Ich habe gehört, daß Hanna Stanwood
krank ist. John war gestern Abend da, -- ich will Morgen hingehen.«
»John kann hierher zum Essen kommen, wenn Du den ganzen Tag dort
bleiben mußt,« bemerkte Rachel.
»Ich danke Dir, Rachel; wir wollen morgen sehen; aber da kommt Simeon.«
Simeon Halliday, ein großer, muskulöser Mann, in einem grobtuchenen
Rocke und Beinkleidern, und mit einem breitkrempigen Hute, trat jetzt
in das Zimmer.
»Was machst Du, Ruth?« sagte er herzlich, ihre kleine, weiche Hand in
seiner großen und breiten schüttelnd; »und was macht John?«
»O, John ist wohl, und alle unsere Leute!« entgegnete Ruth heiter.
»Neuigkeiten, Vater?« fragte Rachel, während sie ihre Zwiebacke in den
Ofen schob.
»Peter Stebbins sagte mir, daß sie heute Abend mit ~Freunden~
zusammen sein würden,« entgegnete Simeon mit Nachdruck, während er
seine Hände in einem reinlichen kleinen Gußsteine wusch, der in einem
Alkoven an der Küche befindlich war.
»Wirklich?« sagte Rachel nachdenklich und auf Elisa blickend.
»Sagtest Du, daß Dein Name Harris sei?« fragte Simeon Elisa, als er aus
dem Alkoven zurückkam.
Rachel blickte schnell auf ihren Gatten, während Elisa bebend »ja«
antwortete, indem sie in ihren stets regen Befürchtungen dachte, daß
öffentliche Bekanntmachungen in Betreff ihrer möchten erlassen worden
sein.
»Mutter!« sagte Simeon, in der Thür des Alkovens stehend, und Rachel zu
sich rufend.
»Was willst Du, Vater?« sagte Rachel, ihre mehligen Hände reibend,
während sie in den Alkoven ging.
»Jenes Kindes Ehemann ist in der Niederlassung und wird heute Abend
hier sein,« sagte Simeon.
»Ist es möglich, Vater?« rief Rachel mit freudestrahlendem Gesichte.
»Es ist Alles wahr. Peter war gestern unten, mit dem Frachtwagen, in
der andern Niederlassung, und traf dort eine alte Frau und zwei Männer,
von denen der eine sagte, daß sein Name Georg Harris sei; und, nach dem
zu urtheilen, was er von seiner Geschichte erzählt hat, habe ich keinen
Zweifel darüber, wer er ist.«
»Sollen wir es ihr jetzt sagen?« fragte Simeon weiter.
»Wir wollen es erst Ruth sagen,« entgegnete Rachel. »Hier, Ruth, --
komm hierher!«
Ruth legte ihr Strickzeug nieder und war im Augenblicke im Alkoven.
»Ruth, was glaubst Du?« sagte Rachel. »Vater sagt, Elisa's Ehemann sei
hier in der Niederlassung, und werde heute Abend noch hier sein.«
Ein lauter Ausbruch der Freude von der kleinen Quäkerin unterbrach
ihre Rede. Sie sprang so hoch vom Erdboden auf, während sie ihre
kleinen Hände zusammenschlug, daß zwei Locken unter der Quäkermütze
hervorfielen und auf ihrem weißen Halstuche liegen blieben.
»Still! still, Liebe!« sagte Rachel sanft; »still, Ruth! sprich, sollen
wir es ihr jetzt sagen?«
»Jetzt, versteht sich, jetzt gleich. Angenommen, es wäre mein John, wie
würde mir dann zu Muthe sein? Bitte, Rachel, sage es ihr grad' heraus.«
* * * * *
»Du thust nichts als Dich bestreben, Deinen Nächsten zu lieben, Ruth,«
sagte Simeon, sie mit strahlendem Gesichte betrachtend.
»Gewiß, sind wir nicht dazu da? Wenn ich nicht John und mein Kind
liebte, würde ich nicht so für sie empfinden können. Komme nun, sag' es
ihr, -- bitte!« sagte Ruth, während sie ihre Hände bittend auf Rachel's
Arm legte. »Gehe mit ihr dort in Dein Schlafzimmer, und laß mich die
Hühner braten, während Du es ihr sagst.«
Rachel kam in die Küche zurück, wo Elisa saß und nähte, und indem
sie die Thür zu einem kleinen Schlafgemach öffnete, sagte sie in
sanftem Tone zu ihr: »Komm' hier herein, meine Tochter, ich habe Dir
Neuigkeiten mitzutheilen.«
Das Blut schoß in Elisa's blasses Gesicht; sie stand, bebend vor Angst,
auf, und blickte auf ihren Knaben.
»Nein, nein,« rief die kleine Ruth, aufspringend und ihre Hände
ergreifend. »Fürchte nichts, Elisa, es sind gute Neuigkeiten, -- geh
hinein, geh hinein!« Und mit diesen Worten drängte sie sie sanft der
Thüre zu, die sich hinter ihr schloß, und dann sich umdrehend, und den
kleinen Harry in ihren Armen fangend, begann sie ihn zu küssen.
»Du wirst Deinen Vater sehen, Kind. Kennst Du ihn? Dein Vater kommt,«
wiederholte sie immer von Neuem, während das Kind sie verwundrungsvoll
anblickte.
Inzwischen fand jenseits der Thür eine andere Scene statt. Rachel
Halliday zog Elisa zu sich heran und sagte: »Der Herr ist Dir gnädig
gewesen, meine Tochter; Dein Ehemann ist dem »»Diensthause««
entflohen.«
Das Blut stieg plötzlich zu hoher Röthe in Elisa's Wangen auf, und floß
eben so schnell zurück in ihr Herz. Blaß und heftig angegriffen, setzte
sie sich nieder.
»Habe Muth, Kind,« sagte Rachel, ihre Hand auf Elisa's Kopf legend. »Er
ist unter Freunden, die ihn heut Abend hierher bringen werden.«
»Heut Abend!« wiederholte Elisa, -- »heut Abend!« Die Worte verloren
alle Bedeutung für sie; ihr Kopf war träumerisch und verwirrt; Alles um
sie war in Nebel gehüllt.
* * * * *
Als sie erwachte, lag sie dicht zugedeckt auf einem Bett, und die
kleine Ruth war beschäftigt, ihre Hände mit Kampher zu reiben. Sie
öffnete ihre Augen in einem Zustande süßer, traumartiger Mattigkeit,
wie sie der empfindet, der lange eine schwere Last getragen hat, und
sich nun davon befreit fühlt, und gern ruhen möchte. Die Spannung
der Nerven, die bei ihr nie, vom ersten Augenblicke der Flucht ab
nachgelassen hatte, war verschwunden, und ein eigenthümliches Gefühl
von Sicherheit und Ruhe war über sie gekommen, und während sie dort
lag, und ihre großen, dunklen Augen geöffnet hielt, folgte sie, wie
in stillem Traume, den Bewegungen der sie Umgebenden. Sie sah die
Thür der Küche halb geöffnet, sah den zum Abendessen bereiteten Tisch
mit dem schneeweißen Tischtuch; hörte das träumerische Singen des
Theekessels; sah Ruth emsig hin und her laufen mit Küchentellern und
Gläsern mit Eingemachtem, und von Zeit zu Zeit stehen bleiben, um Harry
ein Stück Kuchen zu geben, oder seinen Kopf zu klopfen, oder seine
Locken um ihre weißen Finger zu rollen.
Sie sah die volle, mütterliche Gestalt Rachels von Zeit zu Zeit an
ihr Bette kommen, und die Decken desselben streichen und glätten, und
fühlte, daß dabei eine Art Sonnenschein aus ihren großen, klaren,
braunen Augen auf sie nieder falle. Sie sah Ruth's Mann eintreten, --
sah sie selbst zu ihm fliegen, ihm eifrig etwas zuflüstern, und von
Zeit zu Zeit mit ihrem kleinen Finger nach dem Schlafzimmer deuten.
Sie sah sie, mit ihrem Kinde im Arme am Theetisch nieder sitzen, --
sah Alle darum versammelt, und ihren kleinen Harry aus einem hohen
Stuhle, unter dem Schatten von Rachel's Flügeln; sie hörte die leise,
murmelnde Unterhaltung, das sanfte Klingen der Theelöffel, das Geräusch
der Tassen und Schalen, und Alles mischte sich vor ihrem Ohre zu einem
süßen Traume von Ruhe; -- und Elisa schlummerte ein so fest, wie sie
nie zuvor, seit jener schrecklichen Mitternachtsstunde, wo sie ihr Kind
aufnahm und durch die kalte Winternacht floh, geschlafen hatte.
Sie träumte von einer schönen Gegend, -- einem Lande der Ruhe, wie
es ihr schien, -- grünen Ufern, schönen Inseln und hell funkelndem
Wasser; und dort sah sie in einem Hause, von dem sanfte Stimmen ihr
zuflüsterten, daß es ihr eigenes sei, ihren Knaben spielen, ein freies,
glückliches Kind. Sie hörte die Tritte ihres Mannes, sie fühlte sie
näher kommen; seine Arme schlangen sich um ihren Nacken, seine Thränen
fielen auf ihr Gesicht, und sie erwachte! -- Es war kein Traum. Das
Tageslicht war lange verschwunden; ihr Kind lag sanft schlummernd an
ihrer Seite; ein Licht brannte düster auf dem Tische, und -- ihr Gatte
kniete schluchzend an ihrem Bette.
* * * * *
Der nächste Morgen war ein sehr heiterer, fröhlicher im Quäkerhause.
»Mutter« war zeitig auf, und umgeben von geschäftigen Mädchen und
Knaben, die wir gestern aus Mangel an Zeit mit dem Leser bekannt zu
machen unterließen, und die alle, gehorsam den sanften Winken ihrer
Mutter Rachel, dazu behülflich waren, das Frühstück zu bereiten; denn
in den üppigen, fruchtbaren Thälern von Indiana ist die Zubereitung
eines Frühstücks ein sehr verwickeltes, vielseitiges Geschäft. Während
deshalb John nach dem Brunnen ging, um frisches Wasser zu holen, und
Simeon der Zweite Mehl zu Kornkuchen durchsiebte, und Marie Kaffee
mahlte, bewegte sich Rachel sanft und ruhig unter ihnen umher, und
bereitete Zwieback, schnitt Hühnchen auf, und verbreitete eine Art
sonnigen Scheines über die ganze Scene. Wenn sich je die Gefahr einer
Reibung durch den ungeregelten Eifer so vieler junger Arbeiter zeigte,
so war das sanfte, mütterliche: »Komm! komm!« oder »nicht doch!«
genügend, um jede Schwierigkeit zu beseitigen. Dichter und Sänger
haben über den Gürtel der Venus geschrieben, der die Köpfe vieler
Generationen nach einander verdreht hat; wir, unseres Theils, dagegen
würden den Gürtel Rachel Halliday's vorziehen, der die Köpfe vor
Verirrungen bewahrt, und Alles so harmonisch sich bewegen läßt. Wir
halten ihn für entschieden mehr geeignet für unsere jetzige Zeit.
Während alle übrigen Vorbereitungen rüstig fortschritten, stand Simeon
der Aeltere in Hemdärmeln vor einem kleinen Spiegel in der einen
Ecke der Küche, und war mit der antipatriarchalischen Operation des
Barbirens beschäftigt. Alles ging in der großen, geräumigen Küche so
gesellig, so ruhig, so harmonisch von Statten; -- es schien einem
Jeden so angenehm, grade das zu thun, was er that; es schwebte über
dem ganzen Thun und Treiben daselbst eine Athmosphäre von so viel
gegenseitigem Vertrauen und Gefälligkeit; und als Georg und Elisa mit
ihrem kleinen Harry herein traten, wurden sie mit einem so frohen,
herzlichen Willkommen begrüßt, daß es nicht zu verwundern war, wenn
ihnen Alles wie ein Traum erschien.
Endlich saßen Alle beim Frühstück, während Marie beim Ofen stehen
blieb, um Kornkuchen zu backen, die sie, sobald sie das ächte goldene
Braun der Reife erlangt hatten, auf den Tisch beförderte. Nie sah
Rachel so wahrhaft glücklich und beseligend aus, als wenn sie sich
auf ihrem Vorsitze am Tische befand. Es lag so viel Mütterlichkeit
und Herzensgüte selbst in der Art und Weise, wie sie einen Teller mit
Kuchen reichte oder eine Tasse Kaffe einschenkte, daß es schien, als
wenn Speise und Trank eine geistige Beigabe dadurch empfingen.
Es war dieses das erste Mal, daß Georg sich am Tische eines weißen
Mannes zu gleichen Rechten mit den übrigen Anwesenden befand. Er
verrieth deshalb anfangs etwas Scheu und Verlegenheit; allein alles
dieses verschwand wie ein Nebel vor den Morgenstrahlen dieser
einfachen, überfließenden Herzlichkeit. Dies war wirklich eine
Heimath, -- eine Heimath, -- ein Wort, dessen Bedeutung Georg noch
nie begriffen und empfunden hatte; und Glaube an Gott, und Vertrauen
in die Vorsehung begannen in seinem Herzen zu erwachen, während
dunkle, menschenfeindliche, nagende, gottesläugnerische Zweifel und
wilde Verzweiflung vor dem Lichte des lebendigen Evangeliums hinweg
schmolzen, das aus so vielen lebenden Gesichtern vor und neben ihm
sprach, und von tausend unbewußten Handlungen der Liebe und des guten
Willens gepredigt wurde, die gleich dem Becher kalten Wassers, gereicht
in eines Jüngers Namen, nicht unbelohnt bleiben werden.
»Vater, was würde geschehen, wenn Du wieder angeklagt werden solltest?«
fragte Simeon der Zweite, während er seinen Kuchen mit Butter bestrich.
»Ich würde meine Strafe bezahlen,« sagte Simeon ruhig.
»Aber wenn sie Dich nun in's Gefängniß sperrten?«
»Könntest Du denn und Mutter die Wirthschaft nicht allein besorgen?«
fragte Simeon lächelnd.
»Mutter kann beinahe Alles thun,« sagte der Knabe; »aber ist es nicht
eine Schande, solche Gesetze zu geben?«
»Du mußt nicht Uebles von Deiner Obrigkeit reden, Simeon,« sagte
der Vater sehr ernst. »Gott gibt uns unsere irdischen Güter nur um
Gerechtigkeit und Barmherzigkeit zu üben, wenn unsere Obrigkeit dafür
eine Abgabe von uns verlangt, so müssen wir sie zahlen.«
»Gut, aber ich hasse diese alten Sklavenhalter!« sagte der Knabe, der
eben so unchristliche Empfindungen hatte wie mancher unserer modernen
Reformatoren.
»Ich wundere mich über Dich, Sohn,« sagte Simeon, der Vater, »das hat
Dir Deine Mutter nie gelehrt. Ich würde dasselbe für den Sklavenhalter
wie für den Sklaven thun, wenn der Herr ihn in Trübsal an meine Thür
brächte.«
Simeon der Zweite wurde feuerroth; aber seine Mutter lächelte nur und
sagte: »Simeon ist mein guter Sohn; er wird älter, und dann wie sein
Vater werden.«
»Ich hoffe, mein guter Herr, daß Sie sich unserethalben keinen
Unannehmlichkeiten aussetzen,« sagte Georg unruhig.
»Fürchte nichts, Georg, denn deshalb sind wir auf die Welt gekommen.
Wenn wir uns für eine gute Sache keinen Schwierigkeiten aussetzen
wollten, so wären wir nicht unseres Namens werth.«
»Aber um ~meinethalben~,« sagte Georg, »ich könnte es nicht
ertragen.«
»Nun, so fürchte nichts, Freund Georg, es ist nicht um Deinetwillen,
sondern um Gottes und der Menschen willen, daß wir es thun,« sagte
Simeon. »Und nun mußt Du Dich den heutigen Tag über hier ruhig
aufhalten, und heut Abend, um zehn Uhr, soll Dich Phineas Fletcher
weiter bis zur nächsten Niederlassung bringen, -- Dich und die Uebrigen
Deiner Gesellschaft. Deine Verfolger sind hart hinter Dir; wir dürfen
nicht zaudern.«
»Wenn dies der Fall ist, warum warten wir bis zum Abende?« fragte
Georg.
»Bei Tage bist Du hier sicher, denn ein Jeder in der Niederlassung hier
ist ein Freund, und Alle sind wachsam. Es ist aber sicherer, bei Nacht
zu reisen.«
Vierzehntes Kapitel.
Evangeline.
Der Mississippi! Wie durch einen Zauberstab hat sich seine Scenerie
verändert, seit Chateaubriand seine prosa-poetische Schilderung
schrieb, die eines Flusses, der seine Wogen durch eine gewaltige, nie
gestörte Einsamkeit, und durch ungeahnte Wunder der Pflanzen- und
Thierwelt rollt. Dieser Strom wildromantischer Träume ist in eine
Wirklichkeit getreten, die kaum weniger wunderbar und glänzend ist.
Welcher andere Fluß der Welt trägt auf seinem Busen, dem Oceane den
Reichthum eines ähnlichen Landes zu? -- eines Landes, dessen Produkte
Alles umfassen, was zwischen den Tropen und den Polen sich erzeugt!
Jene trüben Wellen, die sich schäumend und reißend dahin stürzen,
sind ein passendes Bild jener wilden Fluth von Geschäften, die ein
Geschlecht auf sie ausströmen läßt, das kräftiger und energischer
ist, als je eins die alte Welt sah. Wenn sie nur nicht auch eine noch
schrecklichere Last mit sich trügen, die Thränen der Unterdrückten, die
Seufzer der Hülflosen, die schmerzlichen Gebete der armen, unwissenden
Herzen zu einem unbekannten Gotte, -- unbekannt, ungesehen, und
ungehört, aber der dennoch »ausgehen wird aus seinem Orte, um alle
Leidenden zu erlösen.«
Die schrägen Strahlen der untergehenden Sonne zittern auf der
meerartigen Oberfläche des Flusses, und die schwankenden Rohre, und die
hohen, dunklen Cypressen, umhangen mit Kränzen schwarzen Leichenmooses,
glühen in den goldenen Strahlen, während das schwerbeladene Dampfschiff
seinen Lauf verfolgt.
Angefüllt mit hoch aufgeschichteten Baumwollenballen aus zahlreichen
Plantagen, die Deck und Seiten überragen und dem Schiffe in der
Entfernung das Ansehen eines großen, massiven Steinblockes geben,
bewegt es sich schwerfällig dem nächsten Markte zu. Wir werden auf
seinem überfüllten Verdecke einige Zeit suchen müssen, ehe wir unsern
bescheidenen Freund Tom wiederfinden. Hoch auf dem obersten Verdecke,
in einer kleinen Ecke zwischen den überall sichtbaren Baumwollenballen
finden wir ihn endlich.
Tom hatte, theils durch die von Mr. Shelby's Vorstellungen erweckte
gute Meinung, und hauptsächlich durch sein eignes ruhiges und
harmloses Wesen selbst einem Manne wie Haley ein gewisses Vertrauen
abgewonnen. Anfangs hatte dieser ihn des Tages über streng bewacht,
und ihm des Nachts nie erlaubt, ohne Fesseln zu schlafen; allein die
unerschöpfliche Geduld und anscheinende Zufriedenheit in Tom's Wesen
hatten ihn allmählig dazu vermocht, diese Beschränkungen aufzuheben,
und seit einiger Zeit befand sich deshalb Tom in einer Art Haft auf
Ehrenwort, indem es ihm erlaubt war, auf dem Schiffe frei umher zu
gehen, wohin er wollte.
Immer ruhig und gefällig, und mehr als bereitwillig, den
Schiffsarbeitern hülfreiche Hand zu leisten, wo sich nur immer eine
Gelegenheit darbot, hatte er sich selbst die Gunst aller Schiffsleute
erworben, und brachte manche Stunde damit zu, ihnen Beistand zu
leisten, und zwar mit einem eben so guten Willen, als er je auf einer
Kentucky'schen Farm gearbeitet hatte.
Wenn nichts für ihn zu thun war, stieg er in irgend einen Winkel
zwischen den Baumwollenballen des obersten Deckes, und beschäftigte
sich damit, seine Bibel zu studiren, und in dieser Beschäftigung finden
wir ihn grade jetzt.
Etwa hundert Meilen oberhalb New-Orleans ist der Lauf des Stromes
höher als die umliegende Gegend, und seine mächtigen Wogen rollen
zwischen +levées+ von ungefähr zwanzig Fuß Höhe. Der Reisende auf dem
Verdeck des Dampfbootes kann, wie von der Höhe eines schwimmenden
Thurmes, die ganze Gegend meilenweit übersehen. Tom hatte deshalb,
in den auf einander folgenden Plantagen eine ganze Karte des Lebens
vor sich, dem er entgegen ging. Er sah in der Entfernung die Sklaven
bei ihrer Arbeit; er sah in mancher Plantage die langen Reihen ihrer
Hütten, entfernt von den stattlichen Gebäuden und Lustplätzen des
Herrn; und während sich das Gemälde immer weiter aufrollte, wendete
sich sein armes, thörichtes Herz zurück nach der Farm in Kentucky,
mit seinen alten, schattigen Buchen, -- nach dem Hause seines Herrn,
mit den weiten, kühlen Hallen, -- und dicht dabei seine kleine Hütte,
mit Jasmin und Immergrün überwachsen. Dort glaubte er die vertrauten
Gesichter seiner Kameraden zu sehen, die mit ihm aufgewachsen waren;
er sah seine geschäftige Frau bei der Zubereitung des Abendessens; er
hörte das fröhliche Lachen seiner Kinder beim Spiele, und das Lallen
seines jüngsten Kindes auf seinem Knie, -- und dann war mit einem Male
Alles wieder verschwunden, er sah wieder die Rohrgebüsche und Cypressen
der vorüber gleitenden Plantagen, und hörte wieder das Knarren und
Stöhnen der Maschinen, was ihm nur zu deutlich sagte, daß diese Periode
seines Lebens für immer dahin sei.
In einem solchen Falle, lieber Leser, schreibst Du an Deine Frau und
sendest Nachrichten an Deine Kinder; aber Tom konnte nicht schreiben,
-- die Post existirte für ihn nicht, und über den Abgrund, der ihn
trennte, führte keine Brücke, selbst nicht die eines freundlichen
Wortes oder Zeichens.