======================================================================
Anmerkungen zur Transkription.
Das Original ist in Fraktur gesetzt. Schreibweise und Interpunktion des
Originaltextes wurden übernommen; lediglich offensichtliche Druckfehler
sind stillschweigend korrigiert worden.
Das Umschlagbild wurde vom Bearbeiter umgestaltet. Ein Urheberrecht
wird nicht geltend gemacht. Das Bild darf von jedermann unbeschränkt
genutzt werden.
Worte in Antiqua sind so +gekennzeichnet+; gesperrte so: ~gesperrt~
=======================================================================
Onkel Tom's Hütte
oder die
Geschichte eines christlichen Sklaven.
Von
Harriet Beecher Stowe.
Aus dem Englischen übertragen
von
L. Du Bois.
Zweiter Band.
S. Zickel.
Nro. 19. Dey-Street.
NEW-YORK.
Zwölftes Kapitel.
Ausgewähltes Beispiel von gesetzlichem Handel.
»Man hört eine klägliche Stimme und
bittres Weinen auf der Höhe; Rachel
weinet über ihre Kinder und will sich
nicht trösten lassen über ihre Kinder,
denn es ist aus mit ihnen.«
Mr. Haley und Tom trabten weiter in ihrem Wagen, während jeder
eine Zeit lang seinen eigenen Betrachtungen nach hing. Es ist ein
sonderbares Ding um die Betrachtungen zweier Männer, die dicht neben
einander sitzen, -- auf demselben Sitze, dieselben Augen, Ohren,
Hände und Organe jeder Art haben, und deren Blicken sich dieselben
Gegenstände darbieten, -- es ist wunderbar, welche Verschiedenartigkeit
sich oft in denselben findet!
Zum Beispiel, Mr. Haley: er dachte zuerst an Tom's Länge und Breite
und Höhe, und für wie viel er ihn verkaufen könne, wenn er ihn fett
und in gutem Stande erhielte, bis er ihn auf den Markt brächte. Er
dachte daran, wie er seinen Trupp zusammen bringen solle; er dachte
an den verschiedenen Marktpreis gewisser, noch zu erlangender Männer,
Weiber und Kinder, aus denen er bestehen solle, und an andere Arten
geschäftlicher Gegenstände; dann dachte er an sich selbst, wie
menschenfreundlich er sei, indem andre Leute ihre Nigger an Händen
und Füßen schlössen, er nur aber Fesseln an ihre Füße lege und Tom
den Gebrauch seiner Hände lasse, so lange er sich gut betrage; und er
seufzte, während er ferner daran dachte, wie undankbar die menschliche
Natur sei, so daß er sogar Ursache zu zweifeln habe, daß Tom seine
Menschenfreundlichkeit gehörig würdige. Er war von den »Niggers,« die
er begünstigt hatte, so sehr hintergangen worden, und war deshalb
erstaunt zu sehen, wie gutmüthig er noch immer sei!
Was Tom betraf, so dachte er an die Worte eines altmodischen Buches,
die immer und immer wieder durch seinen Kopf liefen, und also lauteten:
»Denn wir haben hier keine bleibende Stätte, sondern die zukünftige
suchen wir; darum schämet sich Gott ihrer nicht, zu heißen ihr Gott;
denn er hat ihnen eine Stadt zubereitet.« Diese Worte eines alten
Buches, das meist von »ungelehrten« Leuten verfaßt worden ist, haben
von jeher eine wunderbare Macht über den Geist armer, einfacher
Wesen, wie Tom, geäußert. Sie regen die Seele in ihren Tiefen an, und
erwecken, wie durch Trompetenschall, Muth, Kraft und Enthusiasmus da,
wo zuvor nichts als dunkle Verzweiflung war.
Mr. Haley zog aus seiner Tasche verschiedene Zeitungen hervor und
begann die Bekanntmachungen mit besonderem Interesse zu studiren. Er
war kein sonderlich gewandter Leser, und pflegte gewöhnlich in einem
halblauten Recitative zu lesen, um die Schlüsse seiner Augen dadurch
zu beglaubigen, daß er sie in seine eigne Ohren rief. In dieser Weise
recitirte er langsam den folgenden Paragraph:
»~Meistbietender Verkauf.~ -- ~Neger!~ -- In Gemäßheit
gerichtlichen Befehles sollen am Dienstage, den 20. Februar, vor
der Thür des Gerichtshauses, in der Stadt Washington, die folgenden
Neger verkauft werden: Hagar, 60 Jahr alt, John, 30 Jahr alt, Ben,
21 Jahr alt, Saul, 25 Jahr alt, Albert, 14 Jahr alt, für Rechnung der
Gläubiger und Erben der Besitzungen des weiland Jesse Blutchford,
Squire.«
Samuel Morris,
Thomas Flink.
»Nu, das hier, das muß ich mir ansehen,« sagte er zu Tom, in
Ermangelung eines Andern, mit dem er sprechen konnte. »Siehst Du, ich
will 'nen Trupp erster Klasse zusammen bringen, und ihn mit Dir 'nunter
nehmen, Tom; will 's Dir gesellig machen und angenehm, wie 's gute
Gesellschaft thut, -- verstehst Du. Wir müssen vor allen Dingen graden
Wegs nach Washington fahren, und ich will Dich da so lange in's Loch
stecken, bis ich meine Geschäfte abgemacht habe.«
Tom empfing diese angenehme Nachricht ganz sanft und dachte in seinem
eignen Herzen nur daran, wie viele dieser unglücklichen Männer wohl
Weiber und Kinder haben möchten, und ob ihnen die Trennung von
diesen eben so schwer fallen werde, wie ihm. Es kann auch nicht in
Abrede gestellt werden, daß diese naive, aus dem Stegereif gemachte
Mittheilung, daß er in's Gefängniß geworfen werden solle, keineswegs
einen angenehmen Eindruck auf einen armen Menschen machte, der stets
auf seinen ehrlichen und rechtschaffenen Lebenswandel stolz gewesen
war. Ja, Tom war, wir müssen es bekennen, etwas stolz auf seine
Rechtschaffenheit: -- er hatte ja nichts Anderes, worauf er hätte stolz
sein können. Inzwischen verfloß der Tag, und der Abend sah Haley und
Tom in ihren verschiedenen Herbergen zu Washington, -- den Einen in
einem bequemen Gasthofe, den Anderen im Gefängnisse.
Am folgenden Morgen, ungefähr um elf Uhr, versammelte sich eine
gemischte Volksmenge vor dem Gerichtshause, -- rauchend, kauend,
speiend, fluchend, und sich unterhaltend, je nach dem verschiedenen
Geschmacke der Einzelnen, -- und Alle auf den Anfang des Verkaufs
wartend. Die zu versteigernden Männer und Weiber saßen abgesondert in
einer Gruppe, und sprachen unter einander mit leiser Stimme. Das Weib,
welches unter dem Namen Hagar angekündigt worden war, trug in Gestalt
und Zügen die Merkmale ächt afrikanischer Abkunft. Sie mochte sechszig
Jahre alt sein, aber schien älter durch harte Arbeit und Krankheit, und
war theilweis blind, und halb verkrüppelt durch Rheumatismus. An ihrer
Seite stand ihr einziger, ihr gebliebener Sohn, ein munterer Bursche
von vierzehn Jahren. Der Knabe war das einzige überlebende Kind einer
starken Familie, deren übrige Mitglieder nach und nach einzeln nach
südlichen Märkten hin verkauft worden waren. Die Mutter hielt sich an
ihm fest mit ihren beiden, zitternden Händen, und beobachtete Jeden,
der zu ihm heran trat, um ihn näher zu untersuchen, mit heftigem Beben.
»Fürchte nichts, Tante Hagar,« sagte der Aelteste unter den Männern,
»ich habe mit Master Thomas davon gesprochen, und er dachte, er könne
es einrichten, Euch beide zusammen zu verkaufen.«
»Sie brauchen mich noch nicht abgenutzt zu nennen,« sagte sie, ihre
zitternden Hände aufhebend; -- »ich kann noch kochen, und scheuern, und
arbeiten; -- ich bin 's kaufen werth, wenn ich billig gehe; -- sage
ihnen das, -- sag's ihnen!« fügte sie dringend hinzu.
In diesem Augenblicke drängte sich Haley in die Gruppe, trat an den
alten Mann heran, riß seinen Mund auf und sah hinein, befühlte seine
Zähne, und ließ ihn aufstehen und sich ausstrecken, seinen Rücken
beugen und verschiedene Körperbewegungen machen, um seine Muskeln zu
zeigen; und dann ging er zum Nächsten, um mit ihm dieselbe Untersuchung
vorzunehmen. Endlich kam er an den Knaben. Er befühlte seine Arme, ließ
ihn seine Hände ausstrecken, untersuchte seine Finger und ließ ihn
dann springen, um seine Beweglichkeit zu prüfen.
»Er nicht verkauft wird ohne mich!« sagte die alte Frau mit
leidenschaftlicher Heftigkeit; »er und ich geht zusammen; ich bin noch
stark, Master, und kann groß viel Arbeit thun, -- groß viel, Master.«
»In der Plantage?« sagte Haley mit einem verächtlichen Blicke. »Sehr
wahrscheinlich!« und anscheinend mit seiner Untersuchung zufrieden
gestellt, verließ er die Gruppe wieder und blieb dann in der Nähe
stehen, die Hände in der Tasche, die Cigarre im Munde, den Hut auf eine
Seite gedrückt, und vollständig bereit, an's Geschäft zu gehen.
»Was haltet Ihr davon?« sagte ein Mann zu ihm, der Haley's Untersuchung
gefolgt war, als habe er die Absicht, seine eignen Pläne darnach zu
reguliren.
»Je nun,« sagte Haley speiend, »werde dran gehn, denk' ich, an die
Jungen und den Buben.«
»Der Bube soll mit dem alten Weibe zusammen verkauft werden,«
entgegnete der Mann.
»Ist 'ne harte Bedingung, -- ist nichts als ein altes Knochengerippe,
-- das Salz nicht werth.«
»Ihr mögt sie also nicht?« sagte der Mann.
»Ein Narr, wer sie mag; ist halb blind, und bucklig von Rheumatismus,
und verrückt dazu.«
»Manche kaufen diese alten Geschöpfe, und sagen, 's steckt noch mehr
drin, als Einer denkt,« bemerkte der Mann nachdenklich.
»Geht nicht,« sagte Haley, »möcht' sie nicht haben für umsonst, --
sicher, hab' sie gesehen.«
»Mag sein, 's ist ein Jammer, sie nicht zu kaufen mit ihrem Jungen, --
's scheint, sie hat ihr ganzes Herz auf ihn gesetzt, -- glaube, sie
wird billig mit hinein gehn.«
»Für die, die Geld auf solche Weise wegschmeißen können, ist's
ganz gut. Ich werde auf den Buben bieten, -- ist gut zu 'nem
Plantagenarbeiter; -- mit ihr mag ich mich nicht 'rum scheren, nicht,
wenn sie sie mir umsonst gäben,« entgegnete Haley.
»Sie wird sich verzweifelt geberden,« sagte der Mann.
»Natürlich wird sie,« erwiederte Haley kaltblütig.
Die Unterhaltung wurde hier durch ein geschäftiges Summen in der
Versammlung unterbrochen, und der Auktionator, ein kleiner, wichtig
thuender Mann, bahnte sich mit Hülfe der Ellbogen seinen Weg durch die
Menge. Das alte Weib hielt den Athem an, und griff instinktmäßig nach
ihrem Sohne.
»Bleibe dicht bei Deiner Mamme, Albert, -- dicht, -- sie werden uns
zusammen ausbieten,« sagte sie.
»O Mamme, ich fürchte, sie werden's nicht thun,« sagte der Knabe.
»Sie müssen, Kind; -- kann nicht leben, gar nicht, wenn sie's nicht
thun,« sagte das alte Wesen leidenschaftlich.
Die Stentorstimme des Auktionators, Platz zu machen, verkündete nun,
daß der Verkauf beginnen solle, und die Gebote nahmen ihren Anfang. Die
verschiedenen Männer auf der Liste waren bald für Preise zugeschlagen,
die ein starkes Bedürfniß auf dem Markte verriethen, und zwei davon
hatte Haley erstanden.
»Komm' nun, Bursche,« sagte der Auktionator, den Knaben mit dem Hammer
berührend, »steige hinauf, und zeige Deine Sprünge nun.«
»Stellt uns zusammen aus, zusammen, -- bitte, Master!« sagte die alte
Frau, den Knaben fest haltend.
»Fort!« fuhr sie der Mann an, ihre Hand weg reißend. »Du kommst
zuletzt! -- Nun, Affe, spring hinauf!« und mit diesen Worten stieß er
den Knaben nach dem Blocke zu, während hinter ihm ein schweres, tiefes
Stöhnen erklang. Der Knabe stutzte und schaute sich um, aber er hatte
keine Zeit zu weilen, und die Thränen deshalb aus seinen großen,
glänzenden Augen wischend, stand er im Augenblick oben.
Seine hübsche Figur, seine geschmeidigen Glieder und sein offenes
Gesicht veranlaßten sofort starke Concurrenz unter den Bietern,
und ein halbes Dutzend Gebote trafen fast gleichzeitig das Ohr des
Auktionators. Aengstlich, halberschreckt, blickte sich der Knabe von
einer Seite zur andern um, während der Lärm des Bietens fortdauerte,
bis der Hammer fiel, -- Haley hatte ihn erstanden. Er wurde von dem
Block hinunter, seinem neuen Herrn zugestoßen, aber stand einen
Augenblick still, und schaute sich um, als seine arme, alte Mutter,
zitternd an allen Gliedern, ihre bebenden Hände nach ihm ausstreckte.
»Kauft mich auch, Master, -- um des lieben Jesus willen! -- kauft mich
auch, -- oder ich komme um!«
»Du wirst umkommen, wenn ich Dich kaufe, -- das ist die Sache,« sagte
Haley, -- »nein!« und drehte sich um.
Die Versteigerung des armen, alten Geschöpfes war bald geschehen. Jener
Mann, welcher Haley zuvor angeredet hatte, und nicht ohne alles Mitleid
zu sein schien, erstand sie für eine Kleinigkeit, und die Zuschauer
begannen sich zu zerstreuen.
Die armen Opfer des Verkaufes, welche jahrelang an einem Orte zusammen
aufgebracht worden waren, versammelten sich um die verzweifelnde alte
Mutter, deren Schmerz wirklich jammervoll anzusehen war.
»Konnten sie mir nicht Einen lassen? -- Master hat immer gesagt, ich
sollte Einen behalten, -- er hat's immer gesagt!« wiederholte sie
fortwährend mit herzbrechenden Tönen.
»Vertraue auf den Herrn, Tante Hagar,« sagte der Aelteste unter den
Männern mit wehmüthiger Stimme.
»Was hilft es mir denn?« entgegnete sie unter heftigem Schluchzen.
»O Mutter, Mutter! -- nein -- nein -- sei ruhig!« rief der Knabe. »Die
Leute sagen, Du habest einen guten Master bekommen.«
»Frage nichts danach, -- frage nichts danach. O, Albert, o mein Kind,
mein letztes, einziges Kind! O Herr, wie kann ich!«
»Kommt hier, nehmt sie weg, -- kann's denn keiner?« sagte Haley
trocken, -- »thut ihr gar nicht gut, wenn sie so fortfährt.«
Die älteren Männer des Trupp's lösten endlich, theils durch Anwendung
von Gewalt, den verzweifelnden Griff des armen Geschöpfes, und
versuchten, sie zu trösten, während sie sie nach dem Wagen ihres neuen
Herrn geleiteten.
»Nun, hier!« rief Haley, seine drei Einkäufe zusammen stoßend; holte
ein großes Bündel Handschellen hervor, welche er um ihre Handgelenke
schloß; befestigte diese sodann an einer langen Kette, und trieb sie
vor sich her dem Gefängnisse zu.
Wenige Tage später befand sich Haley mit seinen Errungenschaften
wohlbehalten auf einem der Ohio-Dampfboote. Es bildeten diese nur den
Anfang zu seinem Truppe, welcher während des Laufes des Bootes durch
andere ähnliche Artikel vergrößert werden sollte, welche von seinen
Agenten an verschiedenen Punkten des Ufers in Bereitschaft gehalten
wurden.
Das Boot, +La Belle Rivière+, ein so schönes und braves Fahrzeug,
als je den namensverwandten Strom befuhr, glitt munter unter einem
glänzenden Himmel, den Fluß hinab, während oberhalb die Sterne und
Farben des freien Amerika's wehten und flatterten, und auf dem Verdecke
Herren und Damen umherwandelten, um den schönen Tag zu genießen. Alles
war lebendig, fröhlich und heiter, -- Alles, nur Haley's Leute nicht,
welche im unteren Verdecke mit anderen Waarenartikeln ihren Platz
erhalten hatten, und sich der verschiedenen Annehmlichkeiten durchaus
nicht zu freuen schienen, während sie, in einen Knäuel zusammen
gedrückt, beisammen saßen, und leise mit einander sprachen.
»Na, Jungens,« sagte Haley, lebhaft zu ihnen heran kommend, »ich hoffe,
Ihr habt guten Muth, und seid heiter. Keine mürrischen Gesichter, hört
ihr! Müßt die Ohren steif halten, Jungens; macht's gut mit mir, und ich
will's gut mit Euch machen.«
Die angeredeten Unglücklichen antworteten das gewöhnliche: »Ja, wohl,
Master!« seit Jahrhunderten die Loosung des armen Afrika's; aber wir
müssen eingestehen, daß sie nicht besonders heiter schienen, denn sie
hatten ihre verschiedenen kleinen Vorurtheile für Weiber, Mütter,
Schwestern und Kinder, denen sie für immer Lebewohl gesagt hatten, --
und obgleich »Die, die sie gefangen hielten, sie hießen in ihrem Heulen
fröhlich sein,« so wurde doch keine Freude sichtbar.
»Ich habe eine Frau,« sagte der als »John, dreißig Jahr alt«
bezeichnete Artikel, während er seine gefesselte Hand auf Tom's Knie
legte, -- »und sie weiß nichts von allem diesem, das arme Weib!«
»Wo wohnt sie denn?« fragte Tom.
»In einem Wirthshause, etwas weiter den Fluß hinunter,« sagte John.
»Ich wünschte, ich könnte sie nur noch einmal in dieser Welt sehen,«
fügte er hinzu.
Armer John! Es war so natürlich; und während er sprach, tropften die
Thränen aus seinen Augen so natürlich nieder, als wenn er ein Weißer
gewesen wäre. Tom holte tiefen Athem aus einer wunden Brust, und
versuchte, ihn in seiner einfachen Weise zu trösten.
Und über ihren Köpfen, in der Kajüte, saßen Väter und Mütter, Gatten
und Frauen, und fröhlich tanzende Kinder sprangen um sie herum,
gleich eben so vielen Schmetterlingen, und Alle fühlen sich wohl und
behaglich.
»O Mamma,« sagte ein Knabe, der grade von unten herauf kam, »da ist
ein Negerhändler auf dem Schiffe, und hat vier oder fünf Sklaven unten
sitzen.«
»Die armen Geschöpfe!« entgegnete die Mutter in einem Tone zwischen
Betrübniß und Unwillen.
»Was ist das?« fragte eine andre Dame.
»Es sind einige unglückliche Sklaven unten,« erwiederte die Mutter.
»Ja, und sie haben Ketten an,« sagte der Knabe.
»Welche Schande für unser Land, daß solche Schauspiele sich darbieten!«
bemerkte eine andre Dame.
»Es läßt sich sehr viel für und gegen sagen,« äußerte eine Frau von
feinem Aeußeren, welche an der Thür der Kajüte saß, und mit Nähen
beschäftigt war, während ihre beiden Kinder, ein Knabe und ein Mädchen,
um sie herum spielten. »Ich bin im Süden gewesen, und muß sagen, ich
glaube, daß die Neger sich dort besser befinden, als wenn sie ihre
Freiheit hätten.«
»Ich gebe zu, daß sich Manche von ihnen in manchen Beziehungen wohl
befinden,« entgegnete die Dame, auf deren vorangegangene Bemerkung
Letztere geantwortet hatte; »allein der schrecklichste Theil der
Sklaverei besteht, nach meiner Ansicht, in der Grausamkeit, mit der die
Gefühle und Neigungen derselben behandelt werden, -- in dem Zerreißen
der Familien, zum Beispiele.«
»Das ist allerdings ein böser Umstand,« entgegnete die andre Dame, ein
Kinderkleid empor haltend, welches sie so eben beendigt hatte, und sehr
aufmerksam die Nähte desselben betrachtend; »allein ich glaube, daß das
nicht sehr oft vorkommt.«
»O, wohl kommt es sehr oft vor,« sagte die erstere Dame eifrig; »ich
habe viele Jahre in Kentucky und Virginien gewohnt, und genug gesehen,
um mit Schauder daran zu denken. Wenn Ihnen, zum Beispiel, Madame,
Ihre beiden Kinder genommen und verkauft würden?«
»Wir können die Gefühle dieser Klasse von Personen nicht nach den
unsrigen beurtheilen,« erwiederte die andre Dame, während sie unter
einer Quantität Zwirn auf ihrem Schooße umher suchte.
»In der That, Madame, Sie müssen sie sehr wenig kennen, wenn Sie das
sagen,« entgegnete die Erstere wieder in sehr warmem Tone. »Ich bin
unter ihnen geboren und aufgezogen worden, und ich weiß, daß sie
~Gefühle~ haben, grade eben so tiefe, -- und vielleicht noch
tiefere, -- als wir.«
Die andre Dame antwortete darauf nur: »Wirklich?« gähnte, und sah
zum Kajütenfenster hinaus, und wiederholte endlich zum Schluß die
Bemerkung, mit der sie angefangen hatte: »Uebrigens glaube ich doch,
daß sie sich besser befinden, als wenn sie frei wären.«
»Es ist ganz unzweifelhaft die Bestimmung der Vorsehung, daß das
afrikanische Geschlecht dienstbar sei, -- und in Erniedrigung gehalten
werde,« bemerkte hier ein sehr ernst aussehender Herr in schwarzer
Kleidung, ein Geistlicher, welcher an der Thür der Kajüte saß.
»Verflucht sei Kanaan, und sei ein Knecht aller Knechte unter seinen
Brüdern.«
»Hört, Fremder, ist's das was der Text meint?« sagte ein großer Mann,
der dabei stand.
»Unzweifelhaft. Es hat der Vorsehung, aus irgend einer unergründlichen
Rücksicht, vor Jahrtausenden gefallen, dieses Geschlecht zu ewiger
Sklaverei zu verdammen; und wir dürfen es nicht wagen, dem zu
widersprechen.«
»Nun, dann wollen wir alle los gehen, und Niggers aufkaufen,« sagte der
Mann, »wenn's der Weg der Vorsehung ist, -- nicht wahr, Squire?« fügte
er hinzu, sich an Haley wendend, welcher, mit den Händen in der Tasche,
am Ofen gestanden und der Unterhaltung aufmerksam zugehört hatte.
»Ja,« fuhr der große Mann fort, »müssen uns alle den Anordnungen der
Vorsehung unterwerfen. Niggers müssen verkauft und 'rum getauscht und
unter gehalten werden: dazu sind sie da. Thut Einem ordentlich wohl --
diese Ansicht, nicht wahr, Fremder?« sagte er zu Haley.
»Ich habe niemals dran gedacht,« entgegnete Haley; »hätte selbst so
viel nicht drüber sagen können, -- habe keine Gelehrsamkeit. Den
Handel hab' ich angefangen, grade nur um mir mein Leben zu verdienen;
und wenn's nicht recht ist, na, so dacht' ich, wollt' ich bei Zeiten,
versteht Ihr, mit der Reue anfangen.«
»Und nun werdet Ihr Euch die Mühe sparen, nicht wahr?« sagte der große
Mann. »Seht nun, was es für 'ne schöne Sache ist, die Schrift zu
verstehen. Wenn Ihr die Bibel studirt hättet, wie dieser gute Mann,
so hättet Ihr's vorher wissen können, und Euch 'ne Menge Umstände
sparen, Ihr hättet just sagen können: »»Verflucht sei«« -- was ist
der Name? -- und Alles wäre recht gewesen.« Und der Fremde, der kein
andrer als unser ehrlicher Pferdehändler war, den unsere Leser in dem
Kentucky-Wirthshause kennen gelernt haben, setzte sich nieder, und
begann zu rauchen, während ein seltsames Lächeln in seinem langen,
magern Gesichte spielte.
Ein großer, schmächtiger junger Mann, aus dessen Zügen Geist und tiefes
Gefühl sprachen, unterbrach hier und recitirte die Worte: »»Alles nun,
was Ihr wollet, daß Euch die Leute thun sollen, das thut ~Ihr~
ihnen;«« und fügte dann hinzu: »Ich vermuthe, dies ist eben so wohl
Heilige Schrift, wie: »»Verflucht sei Kanaan.««
»Scheint ja dummen Leuten, wie unser Einem, eben so klarer Text zu
sein,« sagte John, der Pferdehändler, und rauchte dabei wie ein Vulkan.
Der junge Mann schwieg einen Augenblick, aber schien im Begriffe,
mehr sagen zu wollen, als plötzlich das Boot anhielt, und die ganze
Reisegesellschaft, wie gewöhnlich bei solchen Gelegenheiten, sich
auf's Verdeck drängte, um zu sehen, wo gelandet werde.
»Sind wohl beide Pfaffen?« sagte John zu einem Manne, der mit ihm die
Kajüte verließ.
Der Mann nickte zur Antwort.
Als das Boot angelegt hatte, kam plötzlich ein schwarzes Weib wild das
Brett hinauf gelaufen, drängte sich unter die Menge, und flog dahin, wo
die Sklaven zusammengekettet saßen, und schlang ihre Arme um den Hals
des unglücklichen Stückes Waare, welches als: -- »John, dreißig Jahre
alt« -- bezeichnet worden ist, und jammerte und klagte unter Thränen
und Schluchzen um ihren Gatten.
Allein, wozu ist es nöthig, hier die so oft erzählte, täglich erzählte,
Geschichte von gebrochenen Herzen, von Schwachen und Hülflosen zu
wiederholen, die zum Nutzen und Frommen der Reichen mit Füßen getreten
und zerfleischt worden sind! Sie braucht hier nicht wiedererzählt zu
werden, -- jeder Tag erzählt sie, -- und zwar dem Ohre Eines, der nicht
taub ist, wenn er auch lange schweigt.
Der junge Mann, der vorher für die Sache der Menschlichkeit und Gottes
gesprochen hatte, stand mit untergeschlagenen Armen da, und schaute
jener Scene zu. Plötzlich wandte er sich um und sah Haley an seiner
Seite stehen.
»Mein Freund,« sagte er, mit tiefer Bewegung redend, »wie können Sie,
wie wagen Sie ein solches Geschäft zu treiben? Blicken Sie auf diese
armen Geschöpfe! Hier stehe ich und freue mich im Herzen, daß ich nach
Hause zu meinem Weibe und meinen Kindern gehe; und dieselbe Glocke, die
mir das Zeichen gibt, daß ich ihnen näher gebracht werde, trennt diesen
armen Mann von seinem Weibe für ewig. Glauben Sie mir, Gott wird Sie
dafür vor seinen Richterstuhl ziehen.«
Der Sklavenhändler wandte sich um und ging schweigend davon.
»Hört doch,« redete ihn der Pferdehändler an, seinen Arm berührend,
»ist doch ein großer Unterschied zwischen Pfaffen, nicht wahr? 's
scheint, »Verflucht sei Kanaan,« gilt bei Dem nichts -- nicht wahr?«
Haley ließ ein unbehagliches Räuspern hören.
»Und das Schlimmste ist,« fuhr John fort, »'s wird vielleicht bei Gott
auch nichts gelten, wenn Ihr mit ihm Abrechnung halten müßt, nächstens,
wie wir alle müssen, glaub' ich.«
Haley ging gedankenvoll nach dem andern Ende des Bootes.
»Wenn ich gute Geschäfte mache mit den nächsten ein oder zwei
Lieferungen,« dachte er, »so will ich den ganzen Handel aufgeben; fängt
an ganz gefährlich zu werden.« Und er zog sein Taschenbuch hervor
und begann seine Rechnungen zu summiren, -- ein Geschäft, welches
schon viele Andere, außer Mr. Haley, als ein Spezialmittel gegen ein
unruhiges Gewissen benutzt haben.
Das Boot schwamm stolz vom Ufer ab, und Alles war fröhlich wie zuvor.
Die Männer schwatzten, politisirten, lasen und rauchten; die Weiber
nähten, und Kinder spielten, und das Boot verfolgte seinen Lauf.
Eines Tages, als es eine kurze Zeit vor einer kleinen Stadt in Kentucky
vor Anker lag, ging Haley in den Ort, um ein kleines Geschäft, wie er
sagte, zu besorgen. Tom, dessen Fesseln ihm erlaubten, sich in einem
mäßigen Umkreise zu bewegen, war an die Seite des Bootes getreten und
schaute gedankenlos über das Geländer. Nach einiger Zeit sah er Haley
eiligen Schrittes zurück kommen und zwar in Begleitung einer farbigen
Frau, welche ein junges Kind auf ihren Armen trug. Sie war ganz
anständig gekleidet und ein farbiger Mann folgte ihr, einen kleinen
Mantelsack nachtragend. Die Frau schien heiteren Sinnes, während sie
sich näherte, schwatzte mit dem Manne, der ihr Gepäck trug und stieg so
das Brett hinauf in das Boot. Die Glocke erklang, der Dampfer pfiff,
die Maschine stöhnte und hustete, und fort flog das Schiff den Fluß
hinunter.
Die Frau begab sich nach dem untern Ende des Verdeckes, wo Ballen und
Kisten aufgeschichtet lagen, setzte sich nieder und begann mit ihrem
Kinde zu spielen.
Haley ging ein paarmal das Boot auf und ab, kam dann zurück und setzte
sich bei ihr nieder, und sagte ihr Etwas in gedämpfter Stimme.
Tom sah gleich darauf eine schwere Wolke an ihrer Stirn aufsteigen und
hörte, daß sie schnell und mit großer Heftigkeit antwortete:
»Ich glaub's nicht, -- ich will's nicht glauben! -- Ihr wollt mich nur
zum Narren halten!«
»Wenn Du's nicht glauben willst, schau hier!« entgegnete Haley, ein
Papier hervorziehend, -- »hier da, das ist der Verkaufsbrief, und da
ist Dein Master sein Name darunter, und hab' ihm gute ächte Münze dazu
bezahlt, -- kannst's glauben, -- also nun?«
»Ich glaub' es nicht, daß Master mich so betrügen konnte! es kann nicht
wahr sein!« sagte die Frau mit zunehmender Heftigkeit.
»Kannst fragen hier, wen Du willst, der lesen und schreiben kann. --
Hier!« rief er einem Manne zu, der grade vorüber ging, »seid doch so
gut und le'st das hier! Das Weib da will mir nicht glauben, wenn ich ihr
sage, was es ist.«
»Dies? nun, das ist ein Verkaufsbrief, unterzeichnet von John Fosdick,«
sagte der Mann, »und überweis't an Euch das Weib Lucy und ihr Kind. Es
ist Alles ganz in der Ordnung, so weit ich sehen kann.«
Die leidenschaftlichen Aeußerungen des Weibes versammelten sehr bald
eine große Anzahl Zuschauer um sie, denen Haley kurz auseinander
setzte, was die Veranlassung zu dieser Bewegung sei.
»Er sagte mir, daß ich nach Louisville gehen solle, um mich in
demselben Wirthshause als Köchin zu vermiethen, wo mein Mann arbeitet;
-- das ist's, was mir Master sagte, er selbst, und ich kann's nicht
glauben, daß er mich belogen hat,« sagte die Frau.
»Aber er hat Dich verkauft, meine arme Frau, darüber ist kein Zweifel,«
sagte ein gutmüthig aussehender Mann, nachdem er die Papiere untersucht
hatte, »er hat es gethan, das ist gewiß.«
»Dann nützt alles Reden nichts,« sagte das Weib, plötzlich ruhiger
werdend, und setzte sich, ihr Kind fester in ihre Arme drückend, mit
abgewandtem Gesichte auf ihren Koffer nieder und blickte finster auf
den Strom hinab.
»Findet sich doch darin,« sagte der Händler, »ich sehe, 's Weib hat
Vernunft.«
Die Frau schien ruhig, während das Boot weiter fuhr, und ein sanfter,
milder Sommerhauch flog über ihr Haupt hin, wie ein mitleidiger Geist,
-- jene wohlthätige Luft, die nie fragt, ob die Stirne heiter oder
bewölkt ist, über die sie hinweht. Und sie sah Sonnenschein im Wasser
funkeln und das goldene Kräuseln der Wellen, und hörte heitere Stimmen,
voll von Lust und Fröhlichkeit auf allen Seiten um sich her; aber ihr
Herz war so schwer, als wenn ein großer, großer Stein darauf ruhe. Das
Kind richtete sich gegen sie auf und begann ihre Backen mit seinen
kleinen Händen zu streicheln und schien fest entschlossen, sie durch
Springen und Schreien und Lachen aufwecken zu wollen. Sie drückte
es plötzlich fester in ihre Arme, und langsam fiel eine Thräne nach
der andern auf das verwunderte, ahnungslose kleine Gesicht; und dann
schien sie allmählig ruhiger zu werden und begann sich eifriger mit der
Wartung des Kindes zu beschäftigen.
Das Kind, ein Knabe von zehn Monaten, war ungewöhnlich groß und stark
für sein Alter. Nie einen Augenblick ruhig, hielt er seine Mutter in
fortwährender Thätigkeit, ihn zu wahren und seine Sprünge zu bewachen.
»Das ist ein hübscher Junge!« sagte ein Mann, mit den Händen in der
Tasche, plötzlich vor ihm stehen bleibend. »Wie alt ist er denn?«
»Zehn und einen halben Monat,« erwiederte die Mutter.
Der Mann pfiff dem Knaben zu und reichte ihm ein Stück Zuckerbrod,
wonach dieser eifrig griff und es sofort in die gewöhnliche
Vorratskammer der Kinder, den Mund, deponirte.
»Ein prächtiger Bursche!« sagte der Mann, »versteht sich drauf!« und
ging pfeifend weiter. Als er an die andere Seite des Bootes gelangte,
stieß er auf Haley, der, auf einer hohen Schicht Kisten sitzend, seine
Cigarre rauchte.
Der Fremde holte ein Schwefelholz hervor und zündete seine Cigarre an,
während dessen er zu Haley sagte:
»Habt da ein ganz nettes, saubres Frauenzimmer, Fremder.«
»Denke, ja, ist ganz leidlich,« entgegnete Haley, den Rauch aus dem
Munde blasend.
»Nehmt sie mit hinunter nach Süden?« fragte der Mann.
Haley nickte und rauchte weiter.
»Plantagen-Arbeiterin?« fragte der Mann weiter.
»Weiß nicht,« entgegnete Haley. »Richte grade 'nen Auftrag für 'ne
Plantage aus und denke, werde sie mit hineinstecken. Ich habe zwar
gehört, sie soll 'ne gute Köchin sein, und dann können sie sie dazu
gebrauchen oder können sie auch Baumwolle zupfen lassen. Sie hat die
richtigen Finger dazu, -- hab' sie angesehen. Verkauft sich immer gut,«
sagte Haley, während er seine Cigarre wieder in Thätigkeit setzte.
»Das Junge werden sie auf 'ner Plantage nicht gebrauchen,« bemerkte der
Mann.
»Ich werde 's verkaufen -- erste Gelegenheit,« entgegnete Haley, eine
neue Cigarre anzündend.
»Vermuthe, Ihr werdet 's billig verkaufen,« sagte der Fremde, die
Schicht Kisten hinauf steigend und sich oben bequem niederlassend.
»Weiß nicht,« sagte Haley, »'s ist ein hübsches, derbes Junges, --
gerade, stark, fett, und hat Fleisch so hart wie ein Stein!«
»Ganz richtig, aber dann die Unruhe und die Kosten des Aufziehens,«
bemerkte der Andere.
»Unsinn!« sagte Haley, »die Art läßt sich just eben so leicht
aufziehen, wie jede andere Kreatur, die laufen kann; machen gar nicht
mehr Umstände als junge Hunde. Das Junge da läuft in einem Monat
überall herum.«
»Ich habe 'nen guten Platz um Junge aufzuziehen, und so dacht' ich,
wollte etwas mehr Vorrath einkaufen,« sagte der Mann. »Die Köchin
verlor ihr Junges vorige Woche, -- 's ersoff in 'nem Waschfaß, während
sie Zeug aufhing, -- und so denk' ich, will ihr dies da zum Aufziehen
geben.«
Haley und der Fremde rauchten eine Zeit lang schweigend weiter, indem
keiner geneigt schien, den Hauptpunkt der Unterredung zu berühren.
Endlich fuhr der Mann fort:
»Ihr würdet, denk' ich, nicht mehr für den Burschen nehmen als ein zehn
Dollar oder so, da Ihr ihn doch 'mal losschlagen müßt.«
Haley schüttelte mit dem Kopfe, und spie sehr nachdrücklich.
»Das geht nicht, -- lange nicht,« entgegnete er, und begann von Neuem
zu rauchen.
»Nun, so sagt mir, Fremder, was Ihr haben wollt?«
»Je nun,« sagte Haley, -- »könnte 's Junge selbst aufziehen oder
aufziehen lassen; 's ist ungewöhnlich hübsch und gesund, und bringt
seine hundert Dollar in sechs Monaten; und in ein oder zwei Jahren
zweihundert, wenn ich's am rechten Platze habe; also keinen Cent
weniger, als fünfzig Dollar jetzt.«
»Oho! Fremder! das ist lächerlich!« sagte der Mann.
»Dabei bleibt's!« bemerkte Haley trocken, aber mit sehr bestimmtem
Kopfnicken.
»Ich will Euch dreißig geben,« sagte der Fremde, »aber keinen Cent
mehr.«
»Na, ich will Euch sagen, was ich thun will,« entgegnete Haley, wieder
mit großer Bestimmtheit ausspeiend; -- »ich will das theilen, um was
wir aus einander sind, und will fünf und vierzig sagen; -- und das ist
Alles, was ich thun kann.«
»Gut, bin's zufrieden!« sagte der Mann nach einer Pause.
»Abgemacht!« sagte Haley. »Wo steigt Ihr aus?«
»Bei Louisville,« entgegnete der Mann.
»Louisville,« wiederholte Haley. »Ganz vortrefflich, -- wir kommen da
gegen Abend hin. Das Junge wird schlafen, -- macht sich herrlich, --
Ihr nehmt es still auf, 's gibt kein Geschrei, -- paßt vortrefflich,
-- mache Alles gern ruhig ab, -- hasse allen Lärm und alles Aufsehen.«
Und nachdem aus dem Taschenbuche des Mannes verschiedene Banknoten in
Haley's Tasche übergegangen waren, griff dieser wieder nach seiner
Cigarre.
Es war ein heller, stiller Abend, als das Dampfboot vor Louisville
anhielt. Die Frau hatte bis dahin still mit ihrem Kinde im Arme
gesessen, -- welches nunmehr in tiefen Schlaf gesunken war. Als sie
den Namen des Ortes ausrufen hörte, legte sie hastig ihr Kind in
eine Art kleiner Wiege, welche durch eine hohle Stelle zwischen den
verschiedenen Kisten gebildet war, breitete ihren Mantel sorgfältig
darüber und eilte dann nach der Seite des Bootes, in der Hoffnung,
ihren Mann unter den zahlreichen Kellnern zu sehen, welche sich auf den
Landungsplatz drängten. In dieser Hoffnung arbeitete sie sich durch die
Menge bis dicht an das Geländer des Bootes, streckte sich weit darüber
hinaus und heftete mit größter Anstrengung ihre Blicke auf die am Ufer
sich umher bewegenden Köpfe, während die Menge der Reisenden sich
zwischen sie und ihr Kind drängte.
»Jetzt ist's Zeit für Euch,« sagte Haley, das schlafende Kind
aufnehmend, und es dem Fremden übergebend. »Weckt 's nicht auf, und
laßt 's nicht an zu schreien fangen; es würde 'nen teufelsmäßigen Lärm
mit dem Frauenzimmer geben.«
Der Mann übernahm das Bündel vorsichtig und war bald in der Menge
verschwunden, die sich am Landungsplatze befand. Als das Schiff sich
stöhnend und knarrend vom Ufer entfernte, und langsam seinen Lauf
wieder begann, kehrte die Frau zu ihrem alten Sitze zurück. Haley saß
daselbst, und -- das Kind war fort.
»Wie -- was -- wo ist denn --?« begann sie in angstvollem Erschrecken.
»Lucy,« sagte der Händler, »Dein Kind ist fort; -- kannst es jetzt
gleich eben so gut wissen, wie später. Siehst Du, ich wußte, Du
konntest es doch nicht mit hinunter nehmen bis nach Süden, und ich habe
Gelegenheit gefunden, es an eine vornehme Familie zu verkaufen, wo es
viel besser aufgezogen wird, als Du es kannst.«
Der Händler war bis zu jenem, von einigen Predigern und Politikern
empfohlenen Stadium christlicher und politischer Vollkommenheit
gelangt, in welchem er alle menschlichen Schwächen und Vorurtheile
vollständig besiegt hatte. Der wilde, verzweiflungsvolle Blick, den
das Weib auf ihn warf, hätte zwar manchen weniger Geübten beunruhigen
können, allein er war daran gewöhnt. Er hatte solche Scenen viele
hundert Male gesehen. Du, mein Freund, kannst Dich auch an solche Dinge
gewöhnen; und es ist der große Zweck neuerer Anstrengungen geworden,
unsere sämmtlichen nördlichen Staaten, -- zur Glorie der Union, daran
zu gewöhnen. Der Händler betrachtete also den Todesschmerz, den er
in diesen dunklen Zügen arbeiten sah, die geballten Hände und den
stockenden Athem nur als nothwendige Ereignisse in seinem Handel,
und berechnete lediglich, ob sie an zu schreien fangen und einen
Zusammenlauf auf dem Schiffe verursachen werde; denn, gleich andern
Stützen unserer sonderbaren Institutionen, war er jeder Art unruhiger
Bewegung entschieden entgegen.
Allein die Frau begann nicht zu schreien. Der Schuß war zu grade durch
das Herz gegangen, um Thränen oder Schreien erzeugen zu können. Betäubt
setzte sie sich nieder, und ihre Hände fielen schlaff und blutlos an
ihrer Seite hinab. Ihre Augen starrten grade aus, aber sie sah nichts.
All' das Geräusch des Bootes, das Stöhnen der Maschinen, mischte sich
traumartig um ihr gehörloses Ohr, und ihr armes, brechendes Herz hatte
weder Schrei noch Thräne, um seinen Todesschmerz zu verrathen. Sie war
ganz ruhig.
Der Händler, der, unter gehöriger Berücksichtigung seiner Vortheile,
beinahe so menschlich war wie manche unserer Politiker, schien sich
bewogen zu fühlen, ihr so viel Trost einzusprechen, als der Fall
überhaupt zuließ.
»Ich weiß, so was geht im Anfange hart an, Lucy,« sagte er; »aber
so ein derbes, verständiges Frauenzimmer wie Du bist, wird nicht
nachgeben. Du siehst, 's war ~nothwendig~, 's mußte geschehen!«
»O laßt mich! Master, -- laßt mich!« sagte das Weib mit einer Stimme,
welche der eines Erstickenden ähnlich war.
»Bist 'ne derbe Dirne, Lucy,« fuhr er dennoch fort, »ich meine 's gut
mit Dir, -- will Dir unten, den Fluß hinunter, 'nen rechten guten Platz
ausmachen; -- und sollst bald wieder 'nen andern Mann haben, -- so ein
hübsches Frauenzimmer wie Du. --«
»O Master! wenn Ihr ~nur~ nicht jetzt mit mir sprechen wolltet,«
sagte die Frau mit einer Stimme so tiefen, schneidenden Schmerzes,
daß der Händler fühlte, dieser Fall liege über die Wirkung seiner
gewöhnlichen Operationen hinaus. Er stand auf, und das Weib wandte sich
um, und barg ihren Kopf in ihrem Mantel.
Der Händler schritt eine Zeit lang auf und ab, und blieb von Zeit zu
Zeit stehen, um sie zu beobachten.
»Läßt sich's verdammt nahe gehen,« monologisirte er, »aber ist
doch ruhig; -- mag 'ne Weile schwitzen, wird sich dann schon geben
allmählig!«
Tom hatte den ganzen Vorgang, vom ersten bis zum letzten Augenblicke
genau beobachtet, und hatte eine deutliche Ahnung von seinen
Folgen. Ihm erschien er als etwas unaussprechlich Schreckliches und
Grausames, weil die arme, unwissende schwarze Seele nie gelernt hatte,
umfassendere Ansichten zu fassen und in sich aufzunehmen. Wenn er nur
bei gewissen christlichen Geistlichen unterrichtet worden wäre, so
würde er im Stande gewesen sein, richtiger darüber zu urtheilen, und
darin nichts anderes, als ein tägliches Ereigniß in einem gesetzlichen
Handel zu erkennen, -- einem Handel, der eine wesentliche Stütze für
eine Institution ist, von der ein amerikanischer Gottesgelehrte, Dr.
Joel Parker, in Philadelphia, uns sagt, daß »~sie keine andern Uebel
mit sich führe, als solche, welche von allen anderen Beziehungen im
socialen und häuslichen Leben unzertrennlich seien~.« Allein Tom,
der, wie wir sehen, ein armer, unwissender Mensch war, dessen ganze
Lektüre sich auf das neue Testament beschränkte, konnte sich mit
dergleichen Ansichten nicht beruhigen und trösten. Sein Herz blutete
ihm um des ~Unrechts~ willen, was seiner Ansicht nach jenem armen
leidenden Wesen zugefügt war, das dort wie ein gebrochenes Rohr auf
den Kisten lag; das fühlende, lebende, blutende, unsterbliche Wesen,
welches amerikanische Staatsgesetze gefühllos unter die Klasse der
Waarenballen und Kisten rechnen, unter denen es jetzt liegt.
Tom näherte sich ihr, und versuchte etwas zu sagen; allein sie stöhnte
nur. Mit aufrichtigem Schmerze, und während Thränen an seinen eignen
Wangen hinab liefen, sprach er von einem Auge der Liebe über den
Wolken, von einem barmherzigen Jesus und einer ewigen Heimath; aber
das Ohr war taub vom Schmerze, und das gelähmte Herz konnte nicht mehr
empfinden.
Die Nacht kam heran, -- ruhig, still und glänzend, mit ihren zahllosen,
feierlichen Engelaugen herab blickend, schön, aber schweigend. Von
jenem fernen Himmel ließ keine Sprache, keine barmherzige Stimme sich
hören, keine helfende Hand streckte sich daraus hervor. Die Laute der
Geschäfte, wie der Freude, erstarben einer nach dem andern: Alles auf
dem Schiffe schlief, und deutlich hörte man die kräuselnden Wellen
gegen das Boot schlagen. Tom hatte sich auf einer Kiste ausgestreckt,
und während er dort lag, hörte er von Zeit zu Zeit ein unterdrücktes
Schluchzen und Weinen, und ähnliche Worte wie diese: -- »O! was soll
ich thun? O Gott, guter Gott, hilf mir!« -- bis auch diese Laute
endlich erstarben.
Nach Mitternacht erwachte Tom plötzlich. Ein schwarzer Schatten fuhr an
ihm vorüber nach der Seite des Bootes zu, und er hörte einen schweren
Fall in das Wasser. Niemand außer ihm hatte irgend etwas davon gesehen
oder gehört. Er richtete seinen Kopf auf, -- der Platz, wo die Frau
gelegen hatte, war leer! Er stand auf, und suchte umher, vergeblich!
Das arme blutende Herz war endlich still, und die Wellen kräuselten
sich wieder so sanft und schön, und funkelten wieder so hell, als wenn
sie sich über nichts geschlossen hätten.
Geduld! Geduld! Ihr, deren Herzen vor Unwillen schwellen beim
Anblicke solcher Ungerechtigkeiten wie diese. Nicht ein angstvoller
Herzschlag, nicht eine Thräne der Unterdrückten wird vom ~Manne der
Schmerzen~, vom Herrn der Herrlichkeit vergessen werden. In seinem
langmüthigen, barmherzigen Busen trägt er den Schmerz einer Welt. Trage
auch Du, gleich ihm, und arbeite in der Liebe; denn so wahr er Gott
ist, »wird das Jahr, die Seinen zu erlösen, kommen.«
Haley wachte am andern Morgen früh auf, und kam heraus, um seinen
lebendigen Waarenbestand in Augenschein zu nehmen. Jetzt war an ihm die
Reihe, sich verwundert umzuschauen.
»Wo in aller Welt ist die Dirne?« sagte er zu Tom.
Tom, der die Weisheit gelernt hatte, schweigen zu können, fühlte sich
nicht für berufen, seine Beobachtungen und Vermuthungen zu offenbaren,
sondern sagte nur, er wisse es nicht.
»Sie hat unmöglich in der Nacht irgendwo an's Land kommen können, denn
ich war munter, und habe immer aufgepaßt, wenn das Boot anhielt; --
vertraue solche Sachen niemals andern Leuten an.«
Diese Rede war ganz vertrauensvoll an Tom gerichtet, als enthielte sie
etwas, was für ihn von besonderem Interesse sein müsse. Tom gab indeß
keine Antwort.
Der Händler durchsuchte das Schiff von einem Ende zum andern,
unter Kisten, Ballen und Fässern, in der Maschinerie und in den
Schornsteinen, -- aber vergeblich.
»Nun, höre, Tom, sprich rein heraus,« sagte er, als er nach fruchtlosem
Suchen an den Ort zurück kam, wo Tom stand. »Du weißt darum, ja; --
sag' mir nichts, -- bin gewiß, Du weißt darum. Ich habe die Dirne hier
liegen sehen um zehn Uhr, und dann wieder um zwölf Uhr, und wieder
zwischen ein und zwei Uhr, -- und um vier Uhr war sie fort, und Du hast
die ganze Zeit grade hier gelegen und geschlafen. Ich weiß, Du mußt
was drum wissen.«
»Master,« sagte Tom, »gegen Morgen fuhr 'was an mir vorbei, und ich
wachte halb auf; und dann hört' ich, als wenn was Schweres in's Wasser
fiel, und dann wacht' ich ganz auf, und 's Weib war fort. Das ist
Alles, was ich weiß davon.«
Der Händler war weder erschreckt noch erstaunt; denn, wie vorher
erwähnt worden, er war an viele Dinge gewöhnt, an die Du, lieber
Leser, nicht gewöhnt bist. Selbst das Erscheinen des Todes ließ ihn
keinen Schauer empfinden. Er hatte den Tod so oft gesehen, war ihm in
seinem Handelsverkehr so oft begegnet, und bekannt mit ihm geworden,
-- und dachte an ihn jetzt nur als einen lästigen Gast, der seinen
Erwerb schwer beeinträchtige, und schwur deshalb nur, daß die Dirne
ein elendes Mensch gewesen sei, und daß er teufelsmäßig unglücklich
sei, und daß, wenn die Sachen so fort gingen, er keinen Cent auf der
ganzen Reise verdienen werde. Mit einem Worte: er hielt sich für einen
mißhandelten Menschen. Allein es war an Allem nichts zu ändern, da
das Weib in einen andern Staat entflohen war, der ~nie~ einen
Flüchtigen wieder ausliefert, -- selbst nicht auf das Verlangen der
glorreichen Union. Und somit setzte sich der Händler mit seinem kleinen
Rechnungsbuche mißmuthig nieder und vermerkte den vermißten Körper,
nebst Seele, unter der Kategorie von Verlusten.
Dreizehntes Kapitel
Die Quäker-Niederlassung.
Eine stille Scene steigt jetzt vor uns auf. Es ist eine große,
geräumige Küche, deren gelber Fußboden glatt und glänzend ist,
und nicht das kleinste Theilchen Staub auf sich trägt; mit einem
reinlichen, wohlgeschwärzten Kochofen, langen Reihen glänzenden
Zinnes, die an namenlose, gute Dinge für den Appetit erinnern, und mit
glänzenden grünen, aber alten und festen Holzstühlen. Ein kleiner,
niedriger Wiegenstuhl, mit einem Kissen, dessen Decke künstlich aus
zahlreichen Stücken buntfarbigen Tuches zusammengesetzt war, stand
darin; auch ein größerer Lehnstuhl befand sich daselbst, alt und
mütterlich, der mit seinen weiten Armen und weichen Federkissen wie
eine freundliche Einladung aussah, -- und endlich ein wirklich bequemer
alter Stuhl, der, im Sinne eines ehrbaren, häuslichen Genusses,
mehr als ein Dutzend Eurer vornehmen, blankpolirten Plüschstühle in
Staatszimmern werth ist; und darin saß, sich behaglich hin und her
wiegend, die Augen auf eine feine Näherei geheftet -- unsere alte
Freundin Elisa. Ja, sie war es, obgleich etwas blässer und dünner, als
sie in ihrer Heimath, in Kentucky, gewesen war, und mit einer Welt
stiller Sorgen, unter dem Schatten ihrer langen Augenwimpern, und
in den feinen Zügen um ihren sanften Mund. Es war unverkennbar, wie
alt und fest das junge weibliche Herz in der Schule schwerer Leiden
geworden war; und wenn sie von Zeit zu Zeit ihr großes, dunkles Auge
aufschlug, um dem Spiele ihres kleinen Harry's zu folgen, der gleich
einem tropischen Schmetterlinge sie umflatterte, so sprach sich darin
eine solche Tiefe von Festigkeit und Entschlossenheit aus, wie nie
früher darin zu erkennen gewesen war.
An ihrer Seite saß eine Frau mit einer blanken Zinnschüssel auf dem
Schooße, in der sie getrocknete Pfirsiche sorgfältig aussuchte. Sie
mochte fünfundfünfzig bis sechzig Jahr alt sein, allein ihr Gesicht
war eins von denjenigen, welche die Zeit nur zu berühren scheint, um
sie zu verschönern und zu verklären. Die schneeige Tüllhaube, nach der
strengen Quäkerform gemacht, das einfache weiße Tuch von Mousselin,
welches sich in glatten Falten über ihren Busen kreuzte, und das grobe
Kleid verriethen augenblicklich die Brüderschaft, der sie angehörte.
Ihr rundes, rosiges Gesicht von pflaumartiger Sanftheit erinnerte
an eine reife Pfirsich; ihr Haar, das bereits theilweis silbern
schimmerte, war glatt gescheitelt auf einer hohen, ruhigen Stirn, auf
der die Zeit keine andere Inschrift zurückgelassen hatte, als »Friede
auf Erden und den Menschen ein Wohlgefallen«; und darunter leuchteten
ein Paar großer, ehrlicher, liebevoller, brauner Augen. Man brauchte
nur grade in diese hineinzuschauen, um bis auf den Grund eines so
guten und wahren Herzens zu blicken, als je in einem weiblichen Busen
schlug. Es ist die Schönheit junger Mädchen so vielfach besungen
worden, -- warum findet sich denn Niemand, die Schönheit alter Frauen
zu preisen? Wenn Jemand zu diesem Zwecke der Begeisterung bedarf, so
verweise ich ihn an unsere gute Freundin, Rachel Halliday, wie sie
grade jetzt da in ihrem kleinen Wiegenstuhle sitzt. Dieser Stuhl hatte
die Eigenschaft, zu knarren und zu quieken, -- entweder in Folge einer
Erkältung in seiner Jugend, oder vielleicht von asthmatischen Anfällen;
gewiß ist, daß während sie sich darin langsam hin und her wiegte, er
fortwährend eine Art leises »krietschie-krantschie« hören ließ, was an
jedem anderen Stuhle unerträglich gewesen sein würde. Allein der alte
Simeon Halliday erklärte oft, daß ihm dies ebenso lieb wie Musik sei,
und die Kinder versicherten sämmtlich, daß sie um Alles in der Welt
nicht die Musik von Mutters Stuhle entbehren möchten. Und weshalb? Weil
seit zwanzig Jahren und länger nichts als liebevolle Worte, sanfte
Ermahnungen und ächt mütterliche Herzlichkeit aus ihnen gesprochen
hatten, -- weil zahlloses Kopf- und Herzweh darin geheilt, -- geistige
und zeitliche Leiden darin gelöst worden waren, -- und das Alles von
~einer~ guten, liebevollen Frau; -- Gott segne sie!
»Und so hast Du also noch die Absicht, nach Kanada zu gehen, Elisa?«
sagte sie, während sie ruhig auf ihre Pfirsiche blickte.
»Ja, Madame,« entgegnete Elisa mit Festigkeit. »Ich muß weiter; ich
wage nicht zu bleiben.«
»Und was gedenkst Du zu thun, wenn Du dahin gelangst? Du mußt daran
denken, meine Tochter.«
Der Ausdruck »meine Tochter« klang so natürlich aus Rachel Halliday's
Munde, denn sie besaß grade die Züge und die Formen, für die das Wort
»Mutter« die allernatürlichste Bezeichnung zu sein schien.
Elisa's Hand zitterte, und ein Paar Thränen fielen auf ihre feine
Arbeit; aber sie antwortete mit derselben Festigkeit: