Da war ihre Befangenheit plötzlich verschwunden, mit einem Male. Sie
setzte ein.
Das Uhlandsche Lied sang sie, nach der Komposition von Franz Schubert:
„Die linden Lüfte sind erwacht,
Sie säuseln und weben Tag und Nacht --“
Es war merkwürdig, sie staunte selbst. Noch nie vielleicht war sie so
gut disponiert gewesen wie im diesen Augenblicken. Sie fühlte, wie
sie ihr Organ meisterte, wie es sich ihrem Willen fügte gleich einem
gehorsamen Instrument. Fühlte, wie sie von Atemzug zu Atemzug freier
wurde, wie ihre Stimme sich immer weiter entfaltete --
„Es blüht das tiefste, tiefste Tal,
Nun armes Herz vergiß der Qual,
Nun muß sich alles, alles wenden.“
Rauschender Beifall tönte herauf, als sie geendet. Und plötzlich,
während sie sich verneigte, kam wieder die große Verwirrung über sie.
Keine Angst, aber etwas Beschämung.
Noch immer wollte der Beifall nicht aufhören. Noch einmal mußte sie
sich verneigen.
Aber als sie sich nun wieder aufrichtete und sich zurückziehen wollte,
unterschied sie zum ersten Male in der vordersten Reihe ein paar
bekannte Gesichter. Omama neben Wilhelm -- Martha --
Aber wer war denn das? Zwischen Mutter und der Schwägerin?
Kantor Flehr saß da mit den gefalteten Händen im Schoß, die blauen
Augen leuchteten aus dem lederfarbenen Gesicht wie in Entzückung zu ihr
hinüber --
Das war sicher Marthas Werk! Keine größere Freude hätte sie ihr an
diesem Abend bereiten können! Und sie neigte sich zum drittenmal und
nickte ihm zu, nur ihm unter all den Hunderten.
„Das haben Sie brav gemacht, Helene“, meinte dann Frau Harriers. „Brav
ist eigentlich zu wenig. Es soll auch nur den Zoll für Ihre Tapferkeit
ausdrücken. Wenn ich so an mein erstes Debüt zurückdenke -- wie eine
Heldin haben Sie sich benommen! Aber sagen Sie, wer ist denn der alte
wunderliche Mann neben Ihrer Frau Schwägerin, der Sie angestaunt hat
wie ein Wunder --“
„Mein erster Lehrer --“
„Der alte Kantor, von dem Sie mir so oft erzählt haben? Den muß ich
kennen lernen. Den bringen Sie mir morgen, und ich will ihm ganz allein
alles aus seinem geliebten Mozart vorsingen, was er nur hören mag.“
Es war eine seltsam frohe Stimmung über Helene gekommen, seit sie den
Alten gesehen und erkannt hatte. Wie ein lieber Grußbringer aus der
märkischen Heimat erschien er ihr. Sie dachte zurück an ihre ersten
Versuche bei ihm, dachte dankbar zurück an die entscheidende Stunde, in
der er, der Schüchterne, so tapfer vor Vater um ihre Kunst gestritten
hatte.
Und dann flogen ihre Gedanken wieder weit weg, nach dem
Kriegsschauplatz, zu Gaston. Daß der heut hier fehlte! Wenn er unten
gesessen hätte, sie gehört und den Beifall! Sie gehört und gesehen in
dem weißen Kleide, das sie nun zum zweiten Male trug, mit so ganz, ganz
anderen Empfindungen im Herzen, als damals -- als damals --
„Frau von Merivaux!“
Sie sang das Lied der Prascovia aus Meyerbeers „Feldlager“. Wieder
tönte der Beifall. Und ein großes Blumenarrangement stand plötzlich vor
ihr auf dem Podium, ein mächtiger Korb mit Rosen, den die Kameraden
von der Ersatzkompagnie der Gardeschützen geschickt hatten. Nun sah
sie auch die wohlbekannten Uniformen unter den Zuschauern, und wieder
dachte sie an den fernen Geliebten.
Noch einmal mußte sie auf das Podium.
Frau Harriers hatte darauf bestanden, daß sie das Mignonlied singen
sollte. Sie hatte sich ein wenig gesträubt.
Jetzt, während sie das Lied sang, kam ihr die beseligende Empfindung:
‚Du singst es ja für Gaston‘ --
„Dahin! Dahin!
Möcht ich mit dir, o mein Geliebter, ziehen.
Kennst du den Berg und seinen Wolkensteg?
Das Maultier sucht im Nebel seinen Weg ...“
Ihr war’s, als zöge sie mit ihm in sein Heimatland. Und ihre Stimme
gewann, ihr ganz unbewußt, noch einen besonderen Klang, einen
schwermutsvollen süßen Zauber.