Helene erschrak. Sie blieb stehen. „Hab ich denn schlecht gesungen?“

Nun blieb auch er stehen. „Nicht doch! ~Au contraire.~ Wie Sie das

nur annehmen können. Gerade weil Sie sangen so schön, so wunderschön,

gerade deshalb konnt’ ich nicht applaudieren wie die anderen. Ich

konnte nicht.“

Er hatte sehr schnell gesprochen: wie dann immer, wieder mit seinem

leichten Akzent. Helene freute sich aufrichtig. Hundertmal mehr als

über den ganzen Beifall im Damastsalon. Freute sich, und zugleich wurde

der Übermut wieder in ihr lebendig. Wieder meinte sie schmollend, ein

wenig kokett: „Aber ein freundliches Wort hätten Sie doch für mich

haben können. Sie sind doch sonst nicht verlegen um Worte, Herr von

Merivaux.“

Wie sie das gesagt hatte, fühlte sie plötzlich, daß sie beide allein

waren. Die anderen waren weitergegangen, schon hinter den Taxushecken

verschwunden. Ganz leise nur klang noch das Kichern zurück, dann

und wann ein schwacher Ton der Gitarre. Ganz allein standen sie im

Mondenschein, der so hell leuchtete, daß sie jede Bewegung seines

Gesichtes erkennen konnte. Und sie sah, daß es in diesem schönen,

offenen Gesicht arbeitete.

„Wir müssen gehen,“ brachte sie beklommen hervor.

Er schüttelte den Kopf. „Bitte -- nein!“ sagte er heiß. „Ich muß Ihnen

erklären, Fräulein ’elene, warum ich nicht sprechen konnte vorhin.

Erklären, was auf mir gelegen hat seit Jahr und Tag. Warum ich Ihnen

ausgewichen bin. Ja, ausgewichen! Bis dann der Zufall mich wieder mit

Ihnen zusammenführte. Neulich! ~Une chance heureuse~ -- wer weiß

es? -- vielleicht das Unglück meines Lebens.“

„Herr von Merivaux ... bitte ...“

Da stand er vor ihr, die Hände auf der Brust, mit zuckendem Gesicht,

sah sie mit seinen großen, ehrlichen Augen an, fragend, forschend,

flehend: „Ein paar arme Minuten nur schenken Sie mir ...“

Und sie konnte nicht nein sagen, er zwang sie. Sein Wille zwang sie.

„Wie ich da stand heut abend im Salon, und Sie sangen so wunderschön,

da mußt ich denken an einen anderen Abend. Sie ’aben damals gesungen

nicht ’alb so vollendet, aber ich hab schon gespürt die Seele in Ihrem

Gesang. Vielleicht, weil ich Sie liebte. Damals schon. Aber da war der

andere. Und ich fühlte ganz deutlich, daß Ihre Gedanken nur bei ihm

waren. All Ihre Gedanken. Und ich muß Sie fragen. Um die Gnade Gottes:

Sie liebten ihn?“

Daß sie hätte fliehen können! Weit weg -- weit weg! Aber da stand er

vor ihr, mit seinem zuckenden Gesicht und den großen ehrlichen Augen,

in denen es feucht schimmerte, hatte die Hände erhoben --

Sie neigte nur leise den Kopf.

Er blickte starr auf sie hin. Fragend, forschend, flehend. Mit

zusammengepreßten Lippen. Auf eines Atemzugs Länge.

„Und nun? Nun ist das vorbei?“ stieß er hervor.

„Ja -- ganz vorbei --“ Es war nur ein Hauch. Aber es zwang sie, es

zwang sie: sie mußte aufsehen, mußte ihn ansehen.

Und wie sie ihn ansah, im hellen Mondlicht in sein Gesicht sah,

da wußte sie mit einem Male: es sind Harros Augen, die dir

entgegenleuchteten, Harros ehrliche, offene Augen, die dir sagen: ‚Ich

liebe dich!‘

Es war ein jähes Erstaunen in ihr, daß sie die Ähnlichkeit nie vorher

bemerkt hatte, ein jähes Erschrecken: wie Merivaux wäre Harro

geworden, wenn der Schnitter Tod ihn nicht hinweggerafft hätte -- wie

Harro mußte Merivaux gewesen sein, als er ein Kind, ein Jüngling war.

Gleich einem Traumbild war’s, das plötzlich vor ihrer Seele emporstieg,

das in ihrem Herzen noch einmal eine Saite aufklingen ließ, die sie für

immer zersprungen wähnte.

Sie standen und sahen sich in die Augen.

Die Saite klang und hallte leise, rief wehmütig weiches Empfinden wach.

Schmerzliches Erinnern und sanfte Zärtlichkeit. Ein Neues strömte

auf sie ein, fremd und doch wohlvertraut. Das Glück vielleicht --

vielleicht --

Und da hatte er sie schon in seine Arme geschlossen, fest und innig ans

Herz genommen, küßte sie und küßte sie wieder.

Sie hatte die Augen geschlossen, wehrte ihm nicht, lag an seiner Brust.

Seine Lippen fühlte sie, seine Wange an ihrer Wange, sein Atem ging

über ihr Gesicht. Liebesworte hörte sie dicht an ihrem Ohr, zärtlich,

flehend. Und ihr Blut pulste und rauschte. Immer enger umschloß sie

sein Arm, seine Hand glitt sanft über ihren Nacken, über ihr Haar. Ihr

Herz pochte. Pochte lauter und lauter. „Küsse mich!“ bat er. „Küsse

mich!“

Auf märkischer Erde · 第 39 / 62 题