Der lange Labammel stand militärisch stramm: „Vorschrift, Herr Baron.“

„Ach was, Vorschrift! Na, spazieren Sie nur herauf. Was gibt es denn

Schönes?“

„Sechstausend vierhundert Taler, Herrn Baron zu dienen, und einhundert

achtundsechzig Taler fünf Groschen Kosten.“

„I, sieh mal einer an. Ja, wissen Sie, Wilke, da gehen Sie nur morgen

mit der Chose zu Ephraim Herz. Der wird’s bezahlen.“

„Unmöglich, Herr Baron. Wie der Lateiner sagt: ~Hinc Rhodus, hinc

saltus!~“

„Ihr Latein ist schwach, Wilke. So, nun setzen Sie sich erst mal.

Höllisch heiß heut. Was? Erst ’ne kleine Stärkung. Höhne, besorgen

Sie ein Frühstück und eine Flasche Burgunder. Unser Herr Wilke ist

ein Kenner. Bringen Sie aber auch einen guten Korn mit herauf. Na, so

setzen Sie sich doch, Wilke.“

Der lange Mann stand noch immer, hatte das rote Schnupftuch

herausgezogen, wischte sich die Schweißtropfen von der Stirn und von

der großen roten Nase, die es mit der berühmten Koralle des Doktor

Tiburtius aufnehmen konnte. Er zögerte sichtlich. „Gnädigster Herr

Baron,“ meinte er, „so geht das nicht. Erst der Dienst. ~Officinum

ante omnia.~ Ja, Herr Baron, das vom vorigen Male -- das passiert

mir nicht wieder. Da können der Herr Baron Gift drauf nehmen.“

„Aber wo werd ich denn, Wilke. So, hier setzen Sie sich, alter Freund

und Bogenschütze, und heben Sie erst einen Kleinen. Alles der Reihe

nach.“

Helene hatte das wunderliche Gespräch, etwas neugierig, etwas

ängstlich, aus dem halbdunklen kühlen Korridor mit angehört. Dann war

sie zu Tante Marie geflitzt, die in einem hellblauen Batistkleide, das

über und über mit weißen Spitzen besäumt war, im Gartensalon auf der

Chaiselongue lag und in dem neuen Roman von Fanny Lewald blätterte;

hatte Grüße von den Eltern gebracht, war auf ihrem Stübchen, diesmal

der „Bärenhöhle“, gewesen, hatte sich ein wenig eingerichtet. Als

sie wieder herunterkam und auf die Veranda hinauslugte, saß da immer

noch Onkel Ernst, und ihm gegenüber saß Herr Wilke; zwischen ihnen

standen die Reste eines stattlichen Frühstücks und einige dickbäuchige

Flaschen. Onkel Ernsts Vollmond glänzte eitel Wonne, und Wilkes Nase

glänzte in dem alten Unteroffiziersgesicht wie Purpur.

„Ja, ja, mein lieber alter Wilke, man hat seine Not“, klang Onkel

Ernsts sanfte, einschmeichelnde Stimme. „Aber man muß sich die Laune

nicht verderben lassen. Erst noch ein Schlückchen Burgunder. Das ist

1848er Romané, mein Bester, so was kriegen Sie nicht alle Tage. He?“

„Hab ich mein Leblang noch nicht getrunken, Herr Baron. ~Nullum vinum

nisit franciscum.~ Aber man soll des Guten nicht zu viel tun. Der

Dienst, gnädigster Herr Baron --“ Er knöpfte an seinem Rock und zerrte

eine dicke Brieftasche heraus. „Sechstausend vierhundert --“

„Legen Sie’s nur dahin, Wilke. Alles der Reihe nach. Erst noch ein

Gläschen. Prosit! -- Ach, da bist du ja, Leneken. Komm, setz dich ein

bissel zu uns. Wilke, Sie kennen doch das Rohlbecker gnädige Fräulein?“

„Wo werd ich denn nich?“ Herr Wilke erhob sich etwas schwer und

umständlich, schwenkte ein weniges mit dem langen Oberkörper. „Ich war

schon mal beim gnädigen Herrn in Rohlbeck, als das gnädige Fräulein

noch in die Windeln lagen, mit Respektus zu melden.“

„Ja, Ihr segensreiches Wirken, mein lieber Wilke, geht durch

Generationen. Wir wissen es. Immer im Dienst voran. Immer die Pflicht

über alles. Der Mensch braucht Stärkung, um für Dienst und Pflicht die

rechte Kraft zu finden. Prost, mein lieber alter Wilke.“

„Danke, Herr Baron, danke untertänigst. Ein wunderbares Weinchen, das

der Herr Baron im Kellerchen haben. Ist ja auch berühmt, der Rackower

Keller. Aber nu müssen wir doch wohl --“

„Nachher, lieber Wilke. Alles zu seiner Zeit. Erst das Vergnügen und

dann die Pflicht. Ja, alter Wilke, wie lange kennen wir uns eigentlich?

Aber so trinken Sie doch. Das ist ja geradezu beleidigend, Sie so

sitzen zu sehen, so trocken.“

„Na, gnädigster Herr Baron, das wird woll sohner Jahre zwanzig her

sein. Vor dem Einzug von der gnädigsten Frau. Damals liefen immer die

Wechsel von Hartwich Stern aus Frankfurt!“

„Sieh mal einer an, was Sie für ein Gedächtnis haben. Den wackeren

Geschäftsfreund deckt nun auch schon die kühle Erde. Aber wir beide

wollen auf sein Gedächtnis mal gleich ein stilles Glas trinken.“

Helene Hackentin saß an der Querseite des Tisches und wußte nicht

recht, ob sie sich schämen oder ob sie lachen sollte. Doch wohl lieber

lachen. Um etwas Wichtiges konnte es sich ja nicht handeln. Onkel Ernst

lachte ja auch sein ganz leises, fast unhörbares Lachen, bei dem sich

die beiden Mundwinkel so seltsam nach unten zogen. Dann und wann sah

er unter seinem Einglas, das wie angemauert vor dem Auge lag, „um die

Ecke“ und nickte Lene zu.

Sicher: das Ganze war ein Witz. Sonst wäre Tante Marie ja auch nicht

so ruhig gewesen. Sie hatte vorhin sogar zu Höhne gesagt: „Sorgt nur

dafür, daß der alte Wilke sein ordentliches Maß bekommt.“

Und jetzt gab Onkel Ernst dem Höhne ein geheimnisvolles Zeichen.

Der stellte neue Gläser und eine Flasche Champagner auf den Tisch.

Worauf Herr Wilke die Hände spreizte: „~Apage Satanum!~ Nee, Herr

Baron, das geht wirklich nicht. Über allem der Dienst. Sechstausend

vierhundert --“

„Legen Sie’s nur dahin, Wilke. Alles der Reihe nach. Erst werden wir

mal dieser Pulle nähertreten. Leneken, du trinkst auch ein Schlückchen

mit.“ Der Korken fuhr gegen das Verandadach. „Veuve Cliquot, braver

Wilke. Die edelste aller Witwen soll leben! Na, Witwe? Da haben Sie’s

anders gemacht -- was? Seit wann sind Sie denn Witwer?“

„Seit acht Jahren, Herrn Baron zu dienen.“

„Also, das nächste stille Glas der teuren Verewigten. Schlimm, was? --

So als einsamer Witmann.“

„Es geht, Herr Baron, es geht. Man muß sich trösten.“

„Da haben Sie ganz recht, guter Wilke. Und ein stattlicher Mann wie Sie

findet schon Trost. Darauf müssen Sie mal trinken.“

Es wurde allmählich Helene zu bunt. Sie schlich sich fort, ging

hinunter zu den Beeten am See, wo Tante Marie vom Mai bis in den Herbst

hinein Erdbeeren zur Reife zu bringen wußte. Es gab da heut etwas

Besonderes zu sehen. Quer über die Senke hinweg steckten Arbeiter mit

langen Stangen eine schnurgerade Linie ab; drüben am Hang stand eine

kleine Gruppe Männer um ein dreibeiniges Gestell, das ein Etwas, fast

wie ein Fernrohr, trug. „Unse Isenbahn!“ erklärte der alte Gärtner mit

Stolz.

Unsere Eisenbahn: Wilhelms Eisenbahn! In zwei Jahren mochte sich hier

ein hoher Damm über das Tal spannen, und die Lokomotive schnob pustend

und fauchend darüber hin, hinter ihr drein polterte und ratterte der

Zug, und eine endlose graue Rauchwolke zog sich bis drüben zum Waldsaum

hin.

„Da wer’n se noch ihre liebe Not mit han“, meinte Marhenke, der

Gärtner. „Des is allens Sumpf, man bloß ’n bißken Sand druf. Wenn sie

hier Boden ruff karrn, schlingt der Sumpf allens runter. Das geiht so

nich, wie se sich dat denken. Dat weeß ich beter.“

Helene lächelte. Sie wußte es erst recht besser: der Ingenieur fand

schon Abhilfe. Und wenn der Sumpf wirklich den einen Damm fraß, dann

türmte man den zweiten auf ihn; und wenn der unersättliche Grund

auch den verschlang, legte die Technik den dritten von Hang zu Hang

oder warf eine Eisenbrücke über die Senke. Die Eisenbahn war der

Fortschritt, und der Fortschritt ließ sich nicht aufhalten.

Langsam schlenderte sie zwischen den schmalen Beeten des Gemüsegartens

hin. Ihr kam Bruder Fritz, der rote Kreisrichter, in den Sinn. Da

hatte sie ja eben dessen Schlagwort nachgebetet: Der Fortschritt läßt

sich nicht aufhalten. Du lieber Gott, war das nicht am Ende auch nur

ein +Wort+? Solch ein Wort, das nur den Weg in ödes Land wies,

wenn man es verallgemeinerte. Ein an sich gutes Wort, das zur Phrase

geworden war in einem unfruchtbaren Kampf.

Der Bruder tat ihr leid, und Vater erst recht. Zwischen beiden hatte

das eine Wort Zwietracht gesät. Da half kein Brückenschlagen. Der große

Sumpf, Politik geheißen, verschlang jeden Versuch der Verständigung.

Als Martha, die immer versöhnen wollte, gestern von Fritzens Besuch

in Berlin erzählte, hatte Vater bloß gesagt: „Laßt mich mit dem roten

Kreisrichter zufrieden. Das heißt, die Stunde wird ja wohl noch kommen,

wo er sein Unrecht einsieht.“

Die Sonne stand hoch am Himmel. Es mußte fast Mittag sein. Nun hatte

wohl auch endlich der lange Wilke das Feld geräumt.

Aber als Helene wieder vor der Veranda stand, saß der gestrenge Beamte,

der Schrecken dreier Städtchen und von zehn Dörfern, immer noch auf

seinem Stuhl. Saß freilich ganz in sich zusammengesunken, mit vornüber

geneigtem roten Kopf, aber immer noch die Hand am Glase.

„Prosit, Wilkechen!“ sagte Onkel Ernst gerade. „Nun noch ein

Schlückchen auf die Konstitution. Ich meine natürlich Ihre

vortreffliche Konstitution!“

„Jawoll ... Herr Baron ... die Konstitution ...“ Es war nur noch ein

Lallen. „Sechstausend vierhundert ...“

„Legen Sie’s nur dahin, Wilke“, meinte Onkel Ernst. „So, Leneken, nun

könntest du eigentlich mal zum Großknecht laufen, der Ochsenwagen

soll kommen.“ Dabei sah er prüfend unter dem Einglas um die Ecke,

diesmal auf Herrn Exekutor Wilke, und lächelte zufrieden. Der hatte

jetzt die Augen geschlossen und schnarchte wie das Vollgatter einer

Schneidemühle, wenn die Sägen solch recht dicken Knorren im Stamm

anfassen.

Dann kam der Leiterwagen, mit zwei Ochsen bespannt. Der Amtmann

Schmidhals schritt höchstselbst daneben her und half den Schlafenden

aufladen. Wie ein Toter lag er da. Onkel Ernst legte ihm die Mütze und

das dicke Taschenbuch auf den Bauch und faltete ihm die Hände darüber,

schob ihm auch noch den Kopf recht bequem auf dem Strohbündel zurecht.

„So --“ meinte er dann. „Christian, du fährst hübsch langsam nach

Stellberg und ladst Wilken vor seinem Hause ab. Und sagst dem ältesten

Jungen, der Vater sollte morgen zu Ephraim Herz gehen, der brächte

alles in Ordnung. Pascholl, Christian!“

Und da war plötzlich auch Tante Marie, besah sich von der Veranda aus

durch ihr Lorgnon das Schauspiel und lachte über das ganze kleine

Gamingesicht. „Eigentlich scheußlich“ sagte sie dabei, „~... un

ivrogne! Fi donc!~“ Und lachte wieder.

Die Ochsen zogen an. Schwer rüttelte der Leiterwagen. Das Vollgatter

rasselte dazwischen.

Onkel Ernst kam langsam die Treppe hinauf, legte zärtlich seinen

dicken Arm um die dünne Taille seiner Frau, die neben ihm wie ein

winziges, zierliches Püppchen aussah, und meinte: „Können wir nicht

bald essen, Mariechen? Das hat mir Hunger gemacht. Und einen Durst

habe ich -- einen Durst! Komm, Leneken ... wir wollen uns ein kleines

Erdbeerböwlchen brauen ...“

Am liebsten wäre Helene Hackentin schon am nächsten Tage nach Rohlbeck

zurückgefahren. Sie konnte einen leisen Ekel nicht überwinden. Das

elegante Rackow übte auch nicht mehr den früheren Reiz auf sie aus.

Jetzt, plötzlich, empfand sie, wie schal und inhaltlos doch das Leben

hier war, wie ganz auf das Äußere gestellt, ein Leben völlig in den Tag

hinein. Und zum erstenmal hatte sie einen Blick hinter die Kulissen

getan: der Glanz hier war auch nur Schein, mühsam genug vielleicht

aufrechterhalten.

Ganz wunderliche Gedanken kamen ihr, ganz revolutionäre Gedanken. Da

waren die Rackower: jetzt wußte sie, schwer verschuldet waren sie,

hatten ihren Reichtum vergeudet. Da saßen die Eltern in Rohlbeck:

die hatten immer sparsam gelebt und doch so schlecht gewirtschaftet,

daß sie nun arm waren wie die Kirchenmäuse, wenn man’s klipp und klar

heraussagen wollte. Nicht viel anders stand es wohl, mit Ausnahme

vielleicht von Onkel Grucker, der auf seinem schönen Majorat saß, mit

den anderen Verwandten und Nachbaren im Kreise.

Hatte da Bruder Wilhelm nicht recht, wenn er hinausgegangen war von

der Klitsche in die Großstadt, um sich neue Erwerbsmöglichkeiten zu

erschließen?! Aber freilich: er hatte das Hackentinsche Blut mit

hinübergenommen. Auch er verstand das Zusammenhalten nicht. Das

Geld zerrann ihm unter den Händen. Gerade jetzt wieder. Eigentlich

trieb er’s mit seinem Gewinn aus der Bahnkonzession auch nicht viel

anders, wie es die Eltern getrieben hatten, als ihnen die letzte große

Erbschaft ins Haus gebracht worden war und sie die Geldtönnchen unters

Bett gestellt und aus ihnen geschöpft hatten, bis das letzte Goldstück

fort war.

Das Hackentinsche Blut! Vielleicht, gewiß war’s nicht nur das

Hackentinsche. Ganz ähnlich, ganz gleich mochte das Blut in den Adern

der anderen Verwandten und Nachbaren rollen. Wer wirtschaftete denn

hier im Kreise wirklich erfolgreich? Die einen verschwendeten, die

andern darbten fast und kamen doch auf keinen grünen Zweig, zehrten

auch nur vom Ererbten und mehrten es nicht.

Einer machte vielleicht eine Ausnahme: Holfen. Aber der gehörte eben

schon einer neuen Generation an.

Lag bei dieser neuen Generation wohl die Zukunft?

Helene mußte an die Jungens denken, an Wilhelms Söhne, Hans und Thedi.

Und dabei wieder an Martha. Vielleicht schlug in ihnen Marthas Blut

durch. Vielleicht erbten sie von ihr die Gabe des Festhaltens, den

gesunden, aufs Praktische gerichteten Sinn.

Eigentlich waren ihr die Jungens fremd geblieben. Wie einem wohl oft

das Nächste am fremdsten bleibt. Als unartige Bengels, die oft lästig

wurden, hatte sie sie meist empfunden. Nun grübelte sie ihnen nach.

Der Älteste hatte doch viel von der Mutter, einen nachdenklichen Sinn;

ein Bücherwurm war er. Thedi war äußerlich ganz hackentinsch, war auch

Vaters Liebling. Glänzend begabt, hieß es; es flog ihm alles zu, was

der Hans mühsam erobern mußte. Aber er hielt nichts recht fest. Um ihn

konnte man Sorge haben.

Eine ordentliche Sehnsucht nach den Jungens überkam Helene, fast als

wäre sie seit Wochen von ihnen getrennt. Auch das zog sie wieder nach

Rohlbeck zurück.

Aber aus Rackow kam man nicht so leicht fort. Onkel Ernst und Tante

Marie waren von einer Güte und Liebenswürdigkeit, der man gar nicht

widerstehen konnte. Mochten sie sonst sein wie sie wollten: sie übten

geradezu einen Zauber aus in ihrer grenzenlosen Gastlichkeit.

Jetzt war auch das Haus wieder voll. Die kleine, mollig runde Grete

Waldegg wohnte im „Alpenröschen“; Vetter Mollard, der gerade von

Florenz zurückgekommen war, wo er zwei Jahre lang Attaché gespielt

hatte, war in der „Bleikammer“ einquartiert, und Merivaux, der sich

plötzlich angesagt hatte, war gestern abend in den „Pfau“ eingezogen.

In der „Nachtigall“ aber hauste Bernhard Rose, ein mittelloser junger

Student, der nun schon zum zweiten Male ein paar Sommermonate in Rackow

zubringen durfte, um sich ein wenig herauszufüttern. Helene kannte ihn

bereits. Im vorigen Sommer war er mit hohlen, blassen Wangen gekommen

und wesentlich erholt abgereist. Das war auch etwas, was immer wieder

mit Tante Marie versöhnte: ihre Gutherzigkeit war so grenzenlos wie

ihre Gastlichkeit -- beide freilich gaben sich oft nach Laune und

fragten nicht viel nach wie und warum.

Das junge Volk war sehr fidel, und Onkel Ernst und Tante Marie taten

mit. Immer stand etwas Neues auf dem Tagesprogramm. Einmal fuhr die

ganze Gesellschaft nach dem Walde hinaus, in die Haselberge, auf zwei

mächtigen Leiterwagen, um draußen herumzutollen; ein andermal gab’s

eine festliche Krocketpartie, in der die Sieger mit Rosenkränzen

belohnt wurden; im Dorfwirtshaus wurde ein Preiskegeln veranstaltet,

oder es ging nach Nugow, um den alten Grafen Delkowitz, Edlen von

Kastricz, in seiner grauen Johanniterburg zu überfallen, seine

Segelboote mit Beschlag zu belegen und ein paar Schläge über den großen

Nugower See zu machen.

An den Abenden wurde oft musiziert.

Der kleine, blasse Student war ein ganz tüchtiger Klavierspieler,

der sogar vor schwereren Aufgaben nicht zurückzuschrecken brauchte.

Aribert Mollard klimperte schlecht und recht die Gitarre, und die

rundliche, mollige Grete Waldegg sang dazu mit offenbarem Wohlgefallen,

mehr schlecht als recht, irgendwelche Liedchen. Merivaux hatte sein

Instrument mitgebracht.

Helene war begierig, ihn zu hören. Geradeso begierig, wie sie

überrascht gewesen war, als er ihr davon erzählte, daß er Violine

spiele.

Nun: er war kein Meister. Sie hörte es sofort heraus. Aber er war auch

kein Stümper, und sein Spiel hatte eine angenehme persönliche Note. Es

war so frisch, so natürlich und so anspruchslos, wie sein ganzes Wesen.

Sie konnte nicht anders: sie mußte ihm nach seinem Vortrag ein paar

freundliche Worte sagen.

Er legte gerade sein Instrument in den Kasten zurück, sah auf,

lächelte, fast ein wenig trübe: „Der gute Wille ist das beste an meinem

Spiel, glaub ich ...“ und setzte dann rasch hinzu: „Aber ich bin sehr

glücklich, wenn es Ihnen wenigstens nicht mißfiel!“

Da wurde Helene gerufen. Fast immer mußte sie ja zum Schluß singen.

Onkel Ernst steckte jedesmal eine komisch-feierliche Miene auf, wenn er

sie dazu aufforderte: er zwang seinen ungeheuerlichen Körper zu einigen

tänzelnden Schritten, machte ihr eine großartige Verbeugung, sprach in

seinem weichsten Tonfall von der Gnade, die die erhabene Künstlerin

seiner niederen Hütte antue --, und stellte ein fürstliches Honorar in

Aussicht. Unter tausend Louisdor tat er es nicht.

Als sie zum erstenmal im roten Damastsalon an den Flügel getreten war,

kam ein leises Beben über sie. Die Erinnerung wurde wach an jenen

Abend, da sie hier, hier vor Schwarz gesungen hatte. Aber eine kleine

Willensanspannung genügte, und sie war darüber hinweg. Und war froh,

daß es nicht schwerer gewesen.

Heut sang sie den Schubertschen „Erlkönig“.

Während sie sang, freute sie sich nur des verständnisvollen Begleiters,

des kleinen Studenten. Aber auch das und alles andere, das Äußerliche,

versank wie immer vor ihrer Seele.

Sie versetzte, versenkte sich ganz in die Dichtung. In die

Märchenstimmung. Sie fühlte mit dem Vater, der mit seinem Kinde durch

Nacht und Wind reitet; sie empfand die angstvollen Fragen des Kleinen

mit. Sie kämpfte mit dem Reiter gegen das Phantom, sie erlebte mit

ihm die wilde, rasende Flucht und daß sie umsonst blieb gegen die

Naturwelt. Und ihr selbst war’s wunderbar, wie sie nun gelernt hatte,

all das im Gesang auszudrücken. Frage und Antwort von Kind und Vater,

die Lockungen des Erlkönigs, den ganzen Stimmungsgehalt des Liedes.

Sie dachte, während sie sang, an nichts als an ihre Kunst. Am wenigsten

dachte sie an Merivaux.

Aber als sie geendet hatte und sich umsah, sah sie zuerst ihn. Der

Zufall wollte, daß er genau an der Stelle stand, wo an jenem Abend

Schwarz gestanden: hinter all den fröhlichen Beifallsspendern, allein,

an der Tür. Er klatschte auch nicht, wie die anderen. Still stand er,

mit leichtgesenktem Kopf. Er kam auch nachher nicht zu ihr, um ihr

irgendeine Liebenswürdigkeit zu sagen, ein Wort der Anerkennung.

Ein wenig verdroß es sie doch. Sie wußte ja, daß sie gut gesungen

hatte. Gar so schweigsam, gar so zurückhaltend brauchte er auch nicht

zu sein.

Recht zur Besinnung darüber kam sie nicht. Denn Onkel Ernst schlug,

nachdem „sich der Beifall ausgetost“, wie er meinte, noch einen

Mondscheinspaziergang vor. „Und am Brockenhäuschen soll unsere

~Primadonna assoluta~ ihr fürstliches Douceur erhalten.“

Es war herrlich im Park. Der Mond stand hoch am sternhellen Horizont,

die Taxushecken, die Baumgruppen warfen lange Schatten auf die

bekiesten Wege. Auf den heißen Julitag war die abendliche Abkühlung

gefolgt. Ganz im Westen, auf Rohlbeck zu, wetterleuchtete es.

Das junge Volk tollte um das Rackowsche Ehepaar herum, das Arm in Arm,

im langsamsten Tempo, den leichten Hang zum Brockenhäuschen hinaufging.

Es war ein ewiges leises Kichern, Plaudern, Raunen, Flüstern.

Oben, unter dem Brockenhäuschen, stand Höhne, ein Tablett in der

Hand, auf dem ein geheimnisvolles Etwas unter der Serviette lag. Auf

dem Tisch neben ihm stand eine Bowle in Eis. Ein paar Windlichter

leuchteten. Und Onkel Ernst hielt eine kleine Rede, an deren Schluß

er das geheimnisvolle Etwas gleich einem Denkmal enthüllte: „Unserer

Primadonna, unserer Rohlbecker Helene!“

Es war eine Torte. Eine große Torte mit Marzipanguß, der einen Kranz

von lauter Goldfüchsen darstellte: „Das Süße der Süßesten“, verkündete

Onkel Ernst und füllte die Gläser. „Aber nun gleich anschneiden!

Vorwärts, Höhne! Die ersten beiden Stücke müssen zwei um die Wette

essen: Grete und Aribert! Keinen Widerspruch. Hier, Grete, hier stellst

du dich hin, dort, Mollard, du ... und nun soll Lene zählen: eins,

zwei, drei!“

Da standen sie nun wirklich, wie zwei gehorsame Kinder, hatten jedes

ihr Tellerchen in der Hand mit einem Stück Torte darauf, und Helene

zählte: eins -- zwei -- drei --

Aber sie hatten kaum zum erstenmal hineingebissen, so gab es ein

ungeheures Spucken, Prusten und Husten. Die mollige Grete ließ den

Teller zur Erde fallen, Mollard schluckte verzweifelt und rollte die

Augen wie ein Erstickender. Onkel Ernst und Tante Marie wollten sich

totlachen.

Die Torte, dies Meisterwerk von Monsieur Bombourdon, war aus Sägespänen

gebacken. Aus richtigen holzigen, kienigen, märkischen Sägespänen, die

sich wie Harz an die Zähne der unglücklichen Opferlämmer festsetzten,

die wie Leimbrocken an Lippen und Zunge klebten. Bis Höhne jedem als

Erlösungstrank einen Becher Bowle brachte.

Es war wieder einer jener Momente, in denen Helene nicht recht

mitkonnte. Sie sah und hörte, wie alle lachten und kicherten, bald

Grete und Aribert am meisten. Aber sie stand ein wenig abseits, ein

wenig verlegen. Und plötzlich bemerkte sie, daß auch Merivaux sich

abgesondert hatte. Der Neuchateller schien gleich ihr für diesen

märkischen Junkerscherz kein rechtes Verständnis zu haben.

Die Bowle war schnell geleert, und wieder unter Plaudern und Lachen

ging es durch die Mondscheinnacht dem Schlosse zu. Höhne hatte die

Gitarre holen müssen, Mollard sang sinnig-minnig: „Guter Mond -- du

goldne Zwiebel --“ und die mollige Grete machte schwärmerische Augen.

Es war wohl Zufall, daß Helene Hackentin und Merivaux ein wenig

zurückblieben.

Aber als Helene das fröhliche Kichern und Raunen da vorn hörte, in

das sich manchmal Onkel Ernst mit einer seiner, im leisen Hofton

vorgebrachten drolligen Bemerkungen mischte, überkam auch sie etwas wie

Übermut. Eine jugendliche, unbezwingbare Lust, den Neuchateller ein

wenig aus seiner Verschlossenheit herauszuwerfen.

„Sie sind heute wirklich gar nicht nett, Herr von Merivaux --“ sagte

sie schmollend.

Er zuckte zusammen, wie aus einem Traum aufgestört.

„Wodurch ’ab ich mir die Ungnad zugezogen?“ fragte er dann.

„Der einzige waren Sie, der mir kein Wort über meinen Gesang gesagt hat

...“

Auf märkischer Erde · 第 37 / 62 题