„Weshalb haben Sie mit mir in Rackow nie von Ihrer Liebe zur Musik
gesprochen?“ Fast vorwurfsvoll, ein wenig schmollend, sagte sie es.
„Ja -- weshalb nicht? Vielleicht ist mein Interesse erst später recht
erwacht.“ Merivaux ging einige Schritte schweigend weiter. „Vielleicht
sprach ich auch aus Trotz nicht. Ich weiß nicht recht.“
„Das verstehe ich nicht.“
„Vielleicht ... nun, vielleicht wollte der Dilettant die Konkurrenz mit
dem ... wie sagt man doch -- mit dem Mann von Beruf nicht aufnehmen.“
Er hatte das letzte zögernd gesprochen, fast wie widerwillig. Und es
schien ihm sofort leid zu tun. Denn er sah wohl, wie Helene Hackentin
ablehnend den Nacken straffte, daß sie starr geradeaus blickte und
ihren Schritt beschleunigte.
Sie ärgerte sich. Eigentlich traf’s ja doch den Kern der Sache, war’s
ganz richtig, was Merivaux eben gesagt hatte: der Dilettant tritt immer
vor dem Berufskünstler zurück.
Nun war er wieder an ihrer Seite.
„Was studieren Sie jetzt mit Frau Harriers, wenn ich fragen darf?“
Noch immer konnte sie sich nicht ganz überwinden. Ganz kurz gab sie
zurück: „Die Partie der Elsa ...“
„Eine schöne ... eine sehr schwere Aufgabe. Schwer wie fast alles von
diesem Maestro Wagner. Man muß sich ganz in ihn hineinleben, wenn man
ihn recht verstehen will. Ich ’ab es versucht, aber es will nicht ganz
glücken. Vielleicht muß man ganz ein Deutscher sein dazu?“
„Warum das, Herr von Merivaux? Die Musik, die Kunst überhaupt ist doch
wohl international?“
„O nein! Nein doch, gnädiges Fräulein. Das sagt man wohl so, das ist
aber nicht wahr. Man empfindet wohl nach, aber man empfindet nicht
ganz. Es gibt Differenzen. Man kann Mozart überall verstehen und kann
Auber überall verstehen. Aber Wagner nicht. Oder doch nicht gleich.
Gerade weil er so ganz deutsch ist.“
„Aber Wagner hat doch auch in Paris viele Bewunderer.“
„Wenige, glaub ich. Man wollte ihn in Mode bringen, aber es ist nicht
geglückt, trotz der Fürstin Metternich. Sie sollten nur sehen, wie sich
die Karikatur über ihn lustig macht. Gavarni und Cham und Noël. Wie man
spottet ...“
„Das ist sehr häßlich.“
„~Sans doute.~ Aber der Pariser liebt das so. Und das ’indert
nicht, daß Wagner sich vielleicht doch Bahn machen wird, langsam,
langsam --“
Da waren sie wieder am Ende der Promenade angelangt, und Wilhelm
unterbrach ihr Gespräch. Er hatte einen freien Tisch unter einer der
Hallen erspäht und behauptete, einen unendlichen Durst zu haben.
Man kam sehr spät nach Hause. Weit nach Mitternacht. Aber Helene lag
noch lange, ohne Schlaf finden zu können. Eigentlich klang immer nur
das eine Wort, das Merivaux gesprochen, in ihr nach, das Wort von dem
Dilettanten und dem „Mann des Berufs“ -- dem Künstler, hätte er sagen
sollen. Ja, dem Künstler! Die Gestalt Alfreds stieg wieder auf, aber es
war nur noch ein Schatten. Nur daß sie daran dachte: merkwürdig, daß er
in all den Stunden, die wir zusammen waren, fast nie ernst über seine,
über unsere Kunst gesprochen hat. Immer glitt er darüber hin, berührte
höchstens das Persönliche, soweit es ihn und vielleicht noch mich
anging ... nie gab er mehr ...
Es war ja auch nichts Tiefgründiges, was sie mit Merivaux gesprochen
hatte. Gewiß nicht. Aber es war ihr so überraschend gekommen, weil sie
den Neuchateller so ganz anders eingeschätzt hatte, lediglich als den
lustigen, flotten Leutnant. Wie man sich doch im Menschen irren kann,
dachte sie. Und dachte auch flüchtig an Holfen. Auch bei ihm hatte sie
Interessen gefunden, die sie nicht erwartete. Aber es war doch wieder
ein Unterschied dabei: Holfen war gewiß ein gescheiter, liebenswürdiger
Mann, aber er hatte kein Temperament. Und bei Merivaux verriet
sich das überall und immer. Merkwürdig, auch in Äußerlichkeiten. Er
war anders als die meisten. Wie eigen er ihr beim Abschied die Hand
gedrückt hatte, so gar nicht konventionell. Sehr frei und frank, und
doch sehr ehrerbietig.