19. Der aus Gefahr erlöste Königssohn wird der Retter seines Bruders.

In den Tagen der Vorzeit war ein junger König schwer erkrankt, weshalb

nach allen Seiten hin Boten ausgesandt wurden um Aerzte zu holen. Obwohl

nun Beschwörer und Zauberer in großer Anzahl zusammen kamen, so konnte

doch keiner von ihnen des Königs Krankheit heilen. Endlich wurde ein

berühmter Zauberer aus Nordland geholt, der mit kundigem Blicke des

Königs Krankheit gleich erkannte, daß nämlich seine Arme vom Finger bis

zum Ellenbogen von goldfarbigem und seine Beine von der Zehe bis zum

Knie von silberfarbigem, der Leib aber von indigoblauem Glase sei. Der

Zauberer sagte: »Gegen dieses Siechthum helfen keine Mittel, keine

Kräuter, sondern der König muß eine junge Gattin freien, so wird er in

dreien Tagen gesund. Die Gattin muß aber nach Farbe und Ansehn zur

Krankheit des Königs passen, sonst ist keine Heilung möglich.« Der König

gab nun Befehle, im ganzen Reiche nach einer solchen Jungfrau, die seine

Heilung bewirken könnte, zu suchen. Nach einigen Tagen ergab sich, daß

eines Kriegshauptmanns jüngste Tochter den Arzt machen könne, weil das

Mädchen hellgelbes goldenes Haar, schneeweiße silberfarbene Haut und

blaue Augen habe. Als die Jungfrau vor den König geführt wurde, rief

dieser aus seinem Bette: »Ich fühle es, diese Arznei wird mich gesund

machen!« sprang aus dem Bette und befahl alsbald die Hochzeit

zuzurüsten, die auch noch an demselben Tage gehalten wurde. Am Abend,

ehe das junge Paar zu Bette ging, trat eine alte Frau, die aus der Hand

wahrsagte, vor die junge Königin, und bat um Erlaubniß aus der Hand

derselben zu prophezeien. Nach einer Weile sagte die Alte: »Nach kurzen

Glückstagen erwarten euch lange Leidenstage um einer bösen Schwester

willen, aber Gott läßt euch endlich aus eurem Sohne den Retter erstehen.

Ihr werdet in drei Wochenbetten zwölf Söhne gebären.« Mit diesen Worten

verschwand die Alte vor den Augen der Königin, als wäre sie in Luft

zerflossen. Die ältere Schwester aber, welche selber gewünscht hatte des

Königs Gemahlin zu werden, haßte diese um ihres Glückes willen und nahm

sich im Stillen vor, ihrer jüngeren Schwester Schaden zuzufügen.

Die junge Königin brachte im ersten Wochenbette sechs Söhne auf einmal

zur Welt, lauter muntere und gesunde Kinder. Der König war gerade

damals, als seine Gemahlin in die Wochen kam, von Hause abwesend, darum

wurde ein Diener abgeschickt, der dem Könige die Botschaft bringen, und

ein anderer, der den Kindern eine Amme suchen sollte. Die ältere

Schwester der Königin dang nun um hohen Preis eine Hexenmeisterin,

welche die Kinder verderben oder heimlich bei Seite schaffen sollte, so

daß der König deshalb einen Haß auf seine Gemahlin werfen müßte. Die

Hexenmeisterin verwandelte sich in ein junges Weib und kam wie von

Ungefähr dem die Amme suchenden Diener entgegen, zu dem sie so sprach:

»Ich bin schon öfter Amme bei Kindern hochgeborner Deutschen und

vornehmer Leute gewesen, führt mich also nur zur Frau Königin, weil sie

nirgends eine bessere Amme finden kann.« So wurde das böse Geschöpf zur

Königin geführt, deren Seele keine Ahnung davon hatte, daß ihre

Schwester dieses Weib zu einer Frevelthat gedungen hatte.

Nachts, als die Königin schlief, nahm die alte Hexe heimlich die sechs

Knaben aus der Wiege, übergab sie dem »alten Burschen« und legte sechs

junge Hunde an die Stelle der Kinder. Als der König nach Hause kam und

diese jungen Hunde sah, welche seine Gemahlin, wie man ihm sagte, zur

Welt gebracht habe, entbrannte er in heißem Zorne, so daß er befahl: die

Gemahlin sammt den jungen Hunden um's Leben zu bringen. Da aber die

Königin ein frommes und mildherziges Menschenkind war, so begaben sich

die Unterthanen in Masse zum Könige, um seine Verzeihung zu erbitten:

»Um einer einzigen Schuld willen dürfe man doch einen Menschen nicht

gleich mit dem Tode strafen!« Der König gab ihrer Bitte Gehör und

verzieh seiner Gattin für dies Mal.

Aber schon im nächsten Wochenbette sollte eine neue Schuld auf die arme

Frau fallen. Zum Unglück traf es sich, daß der König wiederum in fremden

Landen war, als für seine Gemahlin die Zeit der Niederkunft herannahte.

Die Königin brachte drei gesunde Knaben zur Welt, und als man ging den

Kindern eine Amme zu suchen, kam die Hexenmeisterin wieder des Weges

daher und bot sich zur Amme an. Damit die Königin sie nicht erkennen und

abweisen sollte, hatte sie eine andere Gestalt angenommen. Dennoch

sträubte sich das Herz der Mutter sie zuzulassen, und sie mußte sich

halb mit Gewalt als Amme aufdrängen. In der Nacht, als die Mutter

schlief, ging die Vertauschung der Kinder ganz wie das erste Mal vor

sich: die drei Knaben wurden dem alten Burschen übergeben und statt

ihrer drei junge Hunde in die Wiege gesetzt. Als der König heimkehrt,

läßt er die Hunde tödten und will auch seiner Gemahlin das Todesurtheil

sprechen. Da hebt die Königin unter bitteren Thränen an zu flehen:

»Meine Seele ist rein von Schuld, wenn ich auch nicht begreife, wie es

mit der wunderbaren Begebenheit zugeht! Ich sah mit meinen Augen, wie

ich das erste Mal sechs und das zweite Mal drei gesunde Knaben zur Welt

brachte, an deren Stelle nachher junge Hunde in der Wiege gefunden

wurden.« Die ganze Dienerschaft bezeugte die Wahrheit dieser Aussage und

bat einstimmig um Gnade. Sie sagten: Bei einem so wunderbaren Ereigniß

muß das irdische Gericht auch ein zweites Mal verzeihen, weil Gott

allein das Geheimniß durchschauen kann. Sollte aber die Sache zum

dritten Male vorkommen, dann dürft ihr eurer Gemahlin weiter keine Gnade

angedeihen lassen, sie muß dann für ihre Schuld büßen.« Der König gab

der Bitte seiner Frau und seiner Unterthanen abermals Gehör und verzieh.

Im dritten Wochenbette brachte die Königin wiederum drei Knaben zur

Welt. Die Geburt erfolgte um Mitternacht und da das Gemach dunkel war,

so nahm die Wöchnerin heimlich einen Knaben und versteckte ihn in den

Bettkissen, so daß keines Menschen Seele von diesem Kinde eine Ahnung

hatte. Diejenigen, welche eine Amme suchten, stießen wie das erste und

zweite Mal auf die Hexenmeisterin, die ihnen aus dem Walde entgegenkam,

und nahmen sie an. Nächtlicher Weile vertauschte nun die Amme die beiden

Knaben gegen junge Hunde und brachte die Knaben dem »alten Burschen«.

Als der König die Hunde erblickte, entbrannte sein Zorn und er befahl

sie sogleich zu tödten. Da holte die Königin ihren versteckt gehaltenen

Sohn hervor und sagte: »Alle Kinder die ich geboren habe, glichen

diesem. Welche Gewalt sie verwandelt hat, ist mir unbekannt.« Aber der

König fuhr zornig auf: »Wenn mir eilf Knaben zu Schanden geworden sind,

so verlohnt es sich nicht um dieses einzigen willen die Mutter am Leben

zu lassen. Besser sie wird sammt dem Kinde umgebracht, damit mir nicht

abermals ein solcher Verdruß entstehe!« Darauf ließ er die Richter

zusammenkommen und fragte sie um ihre Meinung, welche Todesart über die

Frau zu verhängen sei. Die Richter gaben diesen Bescheid: »Es ist

schrecklich ein menschliches Wesen zu verbrennen, nicht minder

schrecklich, ihm einen Strick um den Hals zu legen und es am Galgen

aufzuhängen, noch entsetzlicher aber, es mit dem Schwerte hinzurichten.

Machen wir lieber ein eisernes Bette mit hohen Kanten, legen Mutter und

Sohn hinein und lassen Beide in diesem Bette auf's Meer hinausbringen

und sie dort in die Fluth stürzen.« Dieser Rath gefiel dem Könige, er

ließ ein eisernes Bett machen, Mutter und Sohn hineinlegen und sie auf

einem Schiffe weit in's Meer hinausbringen. Als die unglücklichen

Geschöpfe in ihrem eisernen Bette vom Schiffe in's Meer geworfen wurden,

ereignete sich das Wunder, daß das Bett nicht auf den Grund sank,

sondern wie ein leichtes Kissen auf den Wellen schwamm. Gottes Gnade

wollte sie schützen, damit nicht schuldlose Geschöpfe durch böser

Menschen Tücke umkämen.

Der Königssohn wuchs im eisernen Bette auf dem Meere zusehends, und

hatte nach sieben Wochen schon ganz die Gestalt und das Ansehn eines

Erwachsenen. Die Schiffsleute hatten ihnen, ehe sie zurückfuhren, einen

Brotsack und ein Milchfäßchen[58] zugeworfen, welche Mutter und Sohn

wunderbarer Weise ernährten -- denn obwohl sie jeden Tag davon zehrten,

ging doch weder Speise noch Trank zu Ende. Als der Königssohn nach

sieben Wochen zu einem jungen Manne herangewachsen war, sagte er eines

Tages zu seiner Mutter: »Mutter, ich möchte die Glieder strecken!« Die

Königin erwiderte: »Thu' es noch nicht, lieber Sohn, es würde sonst die

Fußwand des Bettes sich lösen, wir würden in's Meer fallen und dort

unser Ende finden.«

Aber der Königssohn sagte nach einigen Tagen wiederum: »Mutter, ich

möchte die Glieder strecken, weil mir die Füße und Waden von dem ewigen

Krummliegen weh thun!« Die Mutter wehrte es mit den Worten: »Lieber

Sohn, strecke die Glieder noch nicht, es könnte großes Unglück über uns

bringen.« Da rief der Sohn zum dritten Male mit Wehgeschrei: »Ich habe

große Angst im Herzen und starke Schmerzen in allen Gliedern und kann

diese Einsperrung nicht länger aushalten. Ich will die Beine

ausstrecken, komme was da wolle!« Die Mutter erwiderte: »Gleichviel! wo

der Tod ist, da ist auch das Grab. Strecke deine Glieder soviel du

willst, damit du die lange Pein los wirst!« Da streckte der Königssohn

seine Beine kräftig gegen das Fußende des eisernen Bettes, so daß die

Wand krachend herausfiel. Dennoch aber sanken sie nicht auf den Grund,

sondern fanden sich auf dem Trocknen, auf einer kleinen Insel. Die

Königin schlüpfte aus dem Bette, fiel auf die Knie und dankte dem

himmlischen Vater für die wunderbare Rettung.

Der Königssohn entfernte sich vom Ufer um nachzusehen, ob er irgendwo

auf der Insel eine Nahrung fände, mit welcher sie ihr Leben fristen

könnten. Er war eine Strecke Weges gegangen, da kam ihm aus dem Dickicht

des Waldes ein kleiner alter Mann mit grauem Barte entgegen und bot ihm

einen Feuerstahl. »Was soll ich damit machen, Goldväterchen?« fragte der

Königssohn. »Ich habe weder ein Aschenloch noch sonst eine passende

Stelle, wo ich den Feuerstahl hinlegen könnte.« Der Alte drückte ihm den

Stahl halb mit Gewalt in die Hand und sagte: »Schlage mit diesem Stahle

an einem beliebigen Orte Feuer, dann wirst du vollauf zu essen und zu

trinken haben, soviel dein Herz nur begehrt.« Der Königssohn ging mit

der unnützen Gabe zu seiner Mutter zurück, die ihn sogleich fragte:

»Sage mir, wo hast du diesen Feuerstahl her? Du hast ihn doch nicht

frevelnd Jemandem entwendet?« Der Sohn erwiderte sich gleichsam

entschuldigend in bittendem Tone: »Werde nicht böse, lieb Mütterchen,

ein fremder Alter, mit dem ich zufällig im Walde zusammentraf, steckte

mir den Feuerstahl mit Gewalt in die Hand. Auch sagte er: wenn du mit

diesem Feuerstahl Feuer anschlägst, so werdet ihr zu essen und zu

trinken bekommen.« -- Wenn nun auch weder Mutter noch Sohn die geringste

Hoffnung darauf hatten, so wollte doch der Sohn Spaßes halber den

Versuch machen. Und sieh einmal! wie die Funken aus dem Steine sprangen,

stand ein Tisch mit Speisen und Getränken vor ihnen, so daß sie sich nun

vor Hunger nicht mehr zu fürchten brauchten.

Am folgenden Tage schlenderte der Königssohn wieder im Walde umher und

abermals begegnete ihm der graubärtige Alte, der wie ein Specht an einem

hohen Baume herunter kletterte, denn er hatte an Fingern und Zehen

scharfe Krallen wie eine Katze. Der Alte bot ihm eine Axt; der

Königssohn wollte sie zwar nicht nehmen, aber der Alte sagte ernsthaft:

»Sei nicht thöricht! sondern nimm was ich dir aus gutem Herzen gebe!«

Dann drückte er ihm das scharfe Werkzeug mit Gewalt in die Hand und

fügte hinzu: »Trage die Axt heim und nöthige sie, dir ein Wohnhaus zu

zimmern, dann wirst du alsbald ein Obdach haben.« Der Königssohn brachte

die Axt heim und die Mutter erkundigte sich sogleich wieder, ob sie

nicht fremdes Eigenthum und gestohlen sei. Als der Sohn ihr mittheilte,

wie er zu der Axt gekommen sei, fühlte sich die Mutter beruhigt. Darauf

schaffte der Sohn durch den Feuerstahl Brot und sonstige Speise auf den

Tisch und sie sättigten sich wie Tags zuvor. Nach dem Essen befahl er

der Axt: »Zimmere uns ein neues Wohnhaus!« und sofort stand ein hübsches

neues Haus vor ihnen, als wäre es aus dem Boden aufgeschossen. Mutter

und Sohn traten über die Schwelle und nahmen darin ihren Aufenthalt.

Nach einigen Tagen zeigte sich auf der Höhe der See ein Schiff. Der

Königssohn ging dicht an's Ufer, ließ ein weißes Tuch flattern um den

Schiffsleuten ein Zeichen zu geben und winkte ihnen heranzusegeln; dann

kaufte er ihnen die ganze reiche Schiffsladung ab und ließ sie an's Land

bringen. Die Axt ließ, auf Geheiß ihres Herrn, unablässig Haus an Haus

sich reihen, so daß in kurzer Zeit eine Stadt daraus wurde. Der

Königssohn aber ließ das Schiff mit Korn füllen und sandte es dann

zurück in die Heimath. -- Als er darauf wieder im Walde umherstrich,

begegnete ihm der kleine Alte mit dem langen grauen Barte. Der Alte

sagte: »Eine Stadt hast du nun wohl fertig, aber Einwohner fehlen der

Stadt. Da, nimm diesen Ebereschenzweig[59], geh morgen früh an einen

Ameisenhaufen, klopfe dreimal mit der Ruthe darauf und rufe: »schaffet

Leute für meine Stadt!« so werden Einwohner genug in die neue Stadt

kommen. Der Königssohn that am andern Morgen was der Alte ihm geheißen

und fand, als er zurück kam, alle Häuser der Stadt mit Einwohnern

angefüllt, denen der Feuerstahl das tägliche Brot schaffte.

Als der Schiffer an's Land gestiegen war, ging er sofort zum Könige und

erzählte ihm die wunderbare Begebenheit, wie er an eine wüste Insel

gekommen sei, auf welcher bis dahin kein lebendes Wesen zu finden

gewesen, während jetzt am Ufer eine prächtige Stadt stehe, deren

Eigenthümer ihm die Schiffsladung abgekauft, und das Schiff mit Korn

beladen zurückgesandt habe. »Mein geringer Verstand kann es nicht

begreifen,« -- so schloß der Schiffer seine Erzählung -- »wie die Stadt

so plötzlich dahin gekommen ist.« -- Der König erwiderte: »Ich muß

selber hin, um dieses Wunder zu sehen.« Er hatte sich aber mittlerweile

des Kriegsobersten älteste Tochter zur Gemahlin erkoren und diese sagte

jetzt, als sie des Königs Worte hörte: »Es ist nicht nöthig, daß ihr

dahin geht; nöthiger ist es durch drei Königreiche in _das_ Land zu

fahren, wo ein prächtiger Brunnen mit goldener Bekleidung und silbernem

Schwengel steht, eben dort ist auch eine goldene Maurerkelle und eine

andere silberne daneben.«

Zum Glück hatte der Königssohn diese Rede mit angehört, denn er hatte

sich mit des Alten Hülfe in einen kleinen Floh verwandelt[60] und saß in

des Königs Gemach am Fenster, wo Niemand ihn bemerkte. Als er der

Königin Rede hörte, dachte er: »O! stände doch dieser Brunnen vor meiner

Stadt, dann käme der König gewiß um ihn anzusehen.« Als er aber heim

kam, fand er auch wirklich einen solchen Brunnen schon vor der Stadt;

eine Katze lief an der goldenen Brunnensäule hinauf und bat um Gnade,

dann kam sie herunter und bat selbst um den Tod.

Nach diesem geschah es wieder, daß ein anderer Schiffer mit seinem

Schiffe sich der Insel näherte. Der Königssohn rief ihn an's Ufer,

kaufte ihm die ganze Schiffsladung ab und ließ das Schiff mit Korn

füllen. Als der Schiffer nach Hause kam, ging er sofort zum Könige, ihm

den wunderbaren Vorfall zu melden. Als er über die Schwelle trat,

bemerkte er nicht, daß der Königssohn in Gestalt einer Fliege ihm in

den Busen geschlüpft war. Der Schiffer erzählte dem Könige, wie er auf

einer wüsten Insel plötzlich eine sehr schöne Stelle gefunden, wo eine

herrliche Stadt stehe, deren Häuser von Gold und Silber glänzen, und am

Thore stehe ein prächtiger Goldbrunnen, der im Sonnenschein funkele. Da

verlangte es den König selbst hinzugehen, um das Wunder mit eigenen

Augen zu sehen, aber die Königin that sogleich Einspruch: »Ihr braucht

nicht dahin zu gehen, viel nöthiger wäre es durch vier Königreiche zu

fahren, dahin wo die schönen Heuschläge liegen; das Heu schichtet sich

selber ohne daß Jemand zu mähen oder zu harken braucht, thut sich selber

auf den Boden und kommt auch wieder herunter, so daß es gar keiner

Arbeiter bedarf, weder zum Aufspeichern noch zum Herunterwerfen. Und es

sollen dort drei Könige mit einander Krieg führen; der eine von ihnen

ist gewaltig, der andere noch viel gewaltiger und der dritte giebt

vollends seine Macht nicht aus den Händen. Es thäte wohl Noth, dieses

Kriegsgewühl mit anzusehn.«

Der Königssohn dachte in seinem Sinn: Wenn dergleichen bei meiner Stadt

sich fände, so käme der König gewiß hin, sich das Wunder zu besehen. So

wie ihm dieser Gedanke durch den Kopf fuhr, hatte sich auch Alles schon

so gefügt, denn der graubärtige Alte hatte es bewirkt.

Jetzt zeigte sich nach einigen Tagen abermals ein Schiff auf hoher See,

der Königssohn lockte es wieder an seine Küste, kaufte die ganze Ladung,

füllte das Schiff mit Korn bis zum Rande und sandte es zurück. Sich

selbst aber verwandelte er in eine Stecknadel und that sich in des

Schiffers Rock. Als der Schiffer nach Hause kam, eilte er zum Könige und

erzählte von all' den Wundern auf der wüsten Insel. »Dort sind« -- sagte

der Schiffer -- »so wunderbare Dinge, wie sie sicherlich nirgends sonst

in der Welt gefunden werden, gold- und silberfarbene Häuser, allerlei

Goldbrunnen und Heuschläge, welche selber das Heu mähen, aufnehmen, auf

den Boden bringen und vom Boden wieder herunterwerfen, ohne daß Hülfe

von Menschenhand erforderlich ist. Ueberdies bekriegen sich dort

unaufhörlich drei Könige, die einander nicht bezwingen können.« Da

erwachte in des Königs Brust ein heftiges Verlangen dahin zu gehen und

mit eigenen Augen diese Wunderdinge zu schauen. Die Königin aber sagte,

als sie seine Absicht vernahm: »Dahin zu gehen thut nicht Noth, sondern

vielmehr durch fünf Königreiche zu fahren, wo die elf Männer am Tische

sitzen, deren Arme bis zum Ellenbogen goldfarben und deren Beine bis

zum Knie silberfarben sind[61]; diese Dinge sind viel wunderbarer.«

Dennoch nahm sich der König vor, zur Insel zu fahren um das zu sehen,

wovon die Schiffsleute ihm erzählt hatten. Die Königin aber widersetzte

sich hartnäckig und wollte den König nicht ziehen lassen; dagegen sagte

der König: »Bis heute habe ich zweimal auf euren Widerspruch gehört,

aber länger habe ich nicht Lust nach eurer Pfeife zu tanzen, sondern

will nun das dritte Mal meinen Willen durchsetzen. Uebrigens sind ja

alle eure Angaben falsch gewesen; ich bin überall hingegangen, wohin ihr

mich gehen hießet, habe aber nirgends auch nur eine Nagelspitze von den

gerühmten Wunderdingen gefunden.«

Als der Königssohn diese Rede vernommen, eilte er nach Hause und

erzählte seiner Mutter was er gehört hatte und fragte wo jene elf Männer

wohl sein könnten. Die Königin muthmaßte sogleich, wie es sich mit den

elf Männern verhalte, deßwegen buk sie drei Kuchen; zwei derselben

knetete sie mit Milch aus ihrer Brust, in den Teig des dritten aber that

sie Gift. Dann unterwies sie ihren Sohn folgendermaßen: »Verfüge dich in

Gestalt einer Stecknadel auf die Schwelle der Thür, wo die elf Männer zu

Tische sitzen, und warte bis der Hausherr aus der andern Kammer kommt

und sich oben am Tische niedersetzt. Wenn sie nun im Begriff sind die

Mahlzeit zu beginnen, dann verwandle dich in einen Mann und tritt zu

ihnen ein, grüße sie ehrerbietig und biete ihnen deine Kuchen als

Gastbrot an. Den Kuchen mit dem Gifte reiche dem Hausherrn ganz, die

beiden andern brich in elf Theile, lege jeglichem ein Stück auf den

Tisch und lade sie ein, das Gastbrot zu essen.« Der Sohn vollführte

Alles wie die Mutter ihm aufgetragen hatte. Der Hausherr aß zuerst von

seinem Kuchen, aber sowie er einen Bissen hinunter geschluckt hatte,

barst er mitten von einander[62]. Die jungen Männer erschracken sehr und

fragten einander: was hat dieser schlimme Vorfall zu bedeuten? Der

Königssohn aber forderte sie auf, nur dreist zu essen. Doch keiner hatte

den Muth von dem Kuchen zu kosten, vielmehr sagten sie: »Iß du zuerst,

so wollen wir dann auch essen.« Er nahm jetzt ein Stück von dem Kuchen,

aß und die andern aßen nach ihm. Nach dem Essen bat er seine Brüder sich

zu Gast. Die Brüder fragten: »Auf welche Weise sollen wir gehen? In

Gestalt von Pferden oder in menschlicher Bildung?«

Er aber unterwies sie: »Laßt uns als Tauben dahin fliegen.« So geschah

es auch und binnen kurzer Zeit langten sie an.

Am andern Tage nun kam auch der König zur Insel um die Wunderdinge zu

schauen, von denen er vernommen, und er fand sie alle ganz so wie man

ihm berichtet hatte. Zuletzt trat er auch in das Haus, in welchem seine

verstoßene Frau wohnte, die ihm schon auf der Schwelle freundlich

grüßend entgegenkam. Der König aber erschrack im ersten Augenblicke

heftig und wußte nicht was er von der Sache denken sollte, ob ein

Schattenbild der Frau oder ob sie selber leibhaft vor ihm stehe. Da

sagte die Frau mit holdseliger Rede: »Hier stehen meine zwölf Söhne so

wie ich sie zur Welt gebracht habe, und nicht als die jungen Hunde,

welche euch gezeigt wurden.« Jetzt kam auch der wunderthätige Alte und

erklärte dem Könige umständlich, wie sich Alles begeben und wer die

Kinder vertauscht habe.

Am andern Morgen fuhr der König mit seiner Frau und seinen zwölf Söhnen

heim, versteckte sie aber an einem verborgenen Orte und ließ sämmtliche

Oberrichter zusammenkommen, auch seine gegenwärtige Gemahlin mußte unter

ihnen Platz nehmen. Dann erzählte der König, was neuerdings einen

geringen Mann betroffen habe, welches Unrecht man ihm zugefügt habe und

daß ein naher Blutsverwandter als der Hauptschuldige da stehe. Noch ehe

die Richter den Mund öffnen konnten, rief die Königin mit zorniger

Stimme: »Einem solchen Uebelthäter gebührt kein besserer Lohn, als daß

man ihn in eine große Tonne legt, welche inwendig mit eisernen Stacheln

versehen sein muß, und daß man die Tonne so lange rollt, bis die

scharfen Stacheln ihm das Fleisch von den Knochen herunter gerissen

haben und er unter großen Schmerzen den Geist aufgiebt. Seine

Helfershelfer müssen von Pferden auseinander gerissen und ihre Glieder

auf's Rad geflochten werden.« Die Richter billigten einstimmig den

Ausspruch der Königin.

»Sehr wohl!« sprach der König, befahl die Thüren zu öffnen und die

Abgesperrten aus ihrem Versteck zu holen. Als aber nun die frühere

Gemahlin des Königs mit ihren Söhnen eintrat, da wurde die zweite Frau

todtenbleich; dann warf sie sich dem Könige zu Füßen und bat um Gnade.

Der König erwiderte mit strengem Antlitz:

»Nicht ich, sondern ihr selbst habt das Urtheil gesprochen; euer Wille

geschehe!«

Als darauf die ruchlose Frau sammt der Hexenmeisterin den über sie

verhängten Tod erlitten hatte, nahm der König seine erste Gemahlin

wieder zu sich, blieb aber nicht da wohnen, sondern begab sich mit ihr

und seinen Söhnen in die neue Inselstadt, die in jeder Hinsicht viel

prächtiger war als sein bisheriger Wohnort.

[Fußnote 58: Vgl. die Anm. Bd. 1, S. 84. L.]

[Fußnote 59: Vgl. die Goldruthe in dem Märchen 16 vom mildherzigen

Holzhacker S. 123. L.]

[Fußnote 60: Vgl. das Märchen 10, Klugmann in der Tasche. L.]

[Fußnote 61: Vgl. oben Märchen 19 S. 142 L.]

[Fußnote 62: Es ist auffällig, daß hier der »alte Bursche« nicht blos

überlistet und gezüchtigt wird, sondern geradezu umkommt. In den

Mythologien der meisten Völker und auch in Kalewipoeg kann das böse

Princip, weil ewig dem Guten widerstrebend, nicht sterben -- mindestens

nicht vor einer gewaltigen an's Ende der Tage verlegten Katastrophe,

nach welcher eine neue Weltschöpfung und Weltordnung anhebt. L.]

Ehstnische Märchen. Zweite Hälfte · 第 20 / 22 题