20. Localsagen.

a. Warum Reval niemals fertig werden darf.

Jeden Herbst ein Mal steigt in finsterer Mitternacht ein kleines graues

Männlein aus dem oberen See, geht den Berg hinunter an das Stadtthor und

fragt den Thorwächter: »Ist die Stadt schon fertig oder giebt es dort

noch etwas zu bauen?« In großen Städten pflegt es nun so zu sein, daß

die Bauarbeit selten feiert, denn wenn auch keine neuen Gebäude

aufgeführt werden, so giebt es doch aller Orten an den alten zu bessern

und zu flicken und Sonstiges zu thun, so daß kaum eine Zeit eintritt, wo

alle Werkleute ruhen. Sollte aber auch einmal alle Arbeit still stehen,

so darf man doch das dem Seemännlein nicht verrathen. Deßhalb ist von

der Obrigkeit wegen allen Thorwächtern strenger Befehl gegeben, auf die

Frage des alten grauen Männleins jedes Mal zu antworten: »Die Stadt ist

noch lange nicht fertig, viele Gebäude sind erst zur Hälfte aufgeführt,

und es kann noch manches liebe Jahr währen, bis alle Arbeiten zu Stande

gekommen sind.« Das fremde alte Männlein schüttelt dann zornig den Kopf,

murmelt etwas in den Bart, was der Wächter nicht versteht, dreht sich

rasch um und geht zum oberen See zurück, wo sein bleibender Aufenthalt

ist. -- Sollte ihm auf seine Frage jemals die Antwort gegeben werden,

daß es in der fertig gewordenen Stadt nichts mehr zu bauen gebe, so

würde Reval zur selbigen Stunde ein Ende nehmen, weil der obere See mit

seiner ganzen Wassermasse vom Laaksberge herab in's Thal stürzen und die

Stadt, sammt Allem was darinnen ist, ersäufen würde[63].

[Fußnote 63: Die Entstehung dieser Sage erklärt sich durch den Umstand,

daß der obere See wirklich, bei ungenügender Ableitung oder heftigem

Sturme die Niederungen Revals überschwemmt. L.]

b. Der Gerbleder-Verkäufer.

»Um Mitternacht der Thorwart fragt:

Wer reitet gespenstig durch die Stadt?«

In alter Zeit erblickte man am Laaksberge in mondhellen Nächten oftmals

einen gepanzerten Mann auf hohem weißen Rosse, der ein Bündel gegerbten

Leders unter dem Arme trug, welches er den Wanderern, auf die er stieß,

zum Kauf anbot. Aber Niemand mochte die angebotene Waare kaufen, weil

ein widriger Geruch wie von Menschen daran haftete, der die Käufer

abschreckte. Eines Nachts kam ein kleiner alter Mann mit einem

Ziegenbarte des Weges und fragte: »Was für einen Preis verlangst du für

deine Felle, Brüderchen?« Der Gepanzerte erwiderte: »Die Ruhe im Grabe,

die mir bis jetzt nicht gegönnt war.« Der Alte forschte weiter, um

welcher Schuld willen der stattliche Reiter die Grabesruhe nicht finde

und wer ihn zwinge hier allnächtlich umherzureiten. Der Gepanzerte gab

zur Antwort: »Ich war zu meiner Zeit ein berühmter Kriegsmann, mit Namen

_Pontus_; ich ließ den im Kriege Gefallenen die Häute abziehen, sie gerben

und dann statt thierischer Felle verwenden, so daß in meinem Hause keine

anderen Ledersachen zu finden waren als solche, die aus gegerbter

Menschenhaut gemacht waren. Die Stiefel die ich anhabe, Wamms und Hosen,

die ich unter dem Panzer trage, ebenso der Sattel, die Zügel und alles

andere Riemenwerk, was du hier siehst, sind aus gegerbten Menschenhäuten

gemacht. Vor meinem Tode blieb noch eine Menge von dem gegerbten Leder

übrig, weil ich ja nun keinerlei Ledergeräth mehr brauchen konnte. Als

ich an die Pforten jener Welt kam und eben eintreten wollte, rief der

Thorwächter: »Halt! dich darf ich nicht eher einlassen, als bis du das

noch unverarbeitete Menschenleder verkauft hast und da es dir nicht

gestattet ist, bei Tage das Grab zu verlassen, so mußt du dir bei

nächtlicher Weile Käufer suchen. Reite drum immer von Mitternacht bis

zum Hahnenschrei in der Nähe des Laaksberges[64] umher, bis du Jemanden

findest, der dir die gegerbten Häute abnimmt.« Obgleich ich nun schon

zwei Generationen hindurch den Leuten meine Waare angeboten habe, so

wollte sie doch Niemand kaufen, weil ihr ein widriger Geruch wie von

Menschen anhafte.« »Nun« -- erwiderte der Alte -- »um dieses Fehlers

willen werde ich deine Waare nicht verschmähen. Wenn du dafür keinen

höheren Preis forderst, als die Erlösung von dem nächtlichen Reiten, so

wollen wir den Handel durch Handschlag fest machen. Steige vom Pferde

und komm mit mir.« -- Pontus freute sich daß er einen Käufer gefunden

hatte, nahm sein Bündel und ging mit dem Alten. Aber der Käufer brachte

ihn geraden Wegs in die Hölle. Als der Alte an die Schwelle kam, nahm er

seine wahre Gestalt an -- Hörner am Kopfe und einen Schwanz hinten --

stieß den Pontus hinein und rief mit gräulicher Stimme: »Ihr von Pontus

geschundenen Männer, tretet her!« Da kamen schaarenweis Männer ohne Haut

heran, welche sämmtlich die Hülle für ihr blutiges Fleisch

zurückforderten. Der alte Höllenwirth aber sagte zähnefletschend: »Zieht

ihm die Haut vom Leibe und reckt sie alle Tage so lange aus bis ihr

genug habt, um euer Fleisch und Bein damit zu bedecken.«

[Fußnote 64: Der ostwärts von Reval von Norden nach Süden sich in's

Land erstreckende Felsrücken. L.]

c. Das Fräulein von Borkholm[65].

»Welch' hellen Schein hat auf dem Teich

Der Wächter Nachts gesehen?

Ist Volksgedächtniß wohl so reich,

daß wir die Mär' verstehen?«

Von einem wunderbaren Feuerschein, der fast allmitternächtlich auf dem

Borkholmer Teiche zu sehen war, wußten die Leute der Umgegend in alter

Zeit viel zu erzählen, wie sie es von den Wächtern vernommen hatten. Das

Feuerchen schoß wie eine brennende Kerze plötzlich aus dem Wasser in die

Höhe und erlosch wieder nach Verlauf einer Stunde. Wiewohl aber dieses

Teichfeuer schon von Alters her den Leuten eine bekannte Sache war und

viele Menschen dasselbe mit eigenen Augen gesehen hatten, so wußte doch

Niemand genauer anzugeben, wie es sich mit der Sache eigentlich

verhielt. Endlich fand sich im Kirchspiel Halljal ein Alter, der in

dieser Beziehung nähere Auskunft geben konnte. Seine Aussage lautete so:

Viele hundert Jahre vor der Russenzeit lebte in dem festen Schlosse

_Borkholm_ ein tapferer Ritter, der als lediger Mann die Haushaltung mit

seiner jungen Schwester führte. Der Ritter mußte als Kriegsmann häufig

abwesend sein, und so kam es, daß die Schwester mit einem jungen Manne

eine Freundschaft schloß, die weiter führte als Beide voraussehen

mochten. Als das Fräulein ihres Zustandes so weit inne wurde, daß sie

einsah, der Frauenhaube nicht mehr entrathen zu können, entschloß sie

sich das geschehene Unglück ihrem Bruder zu bekennen. Sie kam eines

Tages in seine Kammer, warf sich ihm zu Füßen, gestand ihren Fehltritt,

und bat um Erlaubniß sich mit dem jungen Manne trauen zu lassen. Der

Bruder stieß sie voller Wuth mit dem Fuße fort wie einen Hund, ließ den

Verführer seiner Schwester rufen, hieb ihm mit dem Schwerte den Kopf ab,

so daß das Blut das Fräulein bespritzte, welches vor Entsetzen in

Ohnmacht fiel. Dann befahl der Ritter, mitten im Teiche ein Loch in's

Eis zu hauen, schleppte selber seine Schwester bei den Haaren dahin und

stieß sie lebendig kopfüber unter's Eis; er selbst hielt so lange am

Rande des Loches Wache, bis das unglückliche Geschöpf rettungslos

verloren war.

Da aber das unglückliche Fräulein unbußfertig einen gewaltsamen Tod

hatte erleiden und ohne den Segen der Kirche in ihr nasses Grab sinken

müssen, so konnte auch ihre Seele darin keine Ruhe finden, sondern der

ruhelose Geist mußte allnächtlich als Licht auf dem Teiche schimmern. --

Als dem Prediger diese Erzählung des alten Mannes zu Ohren gekommen war,

begab er sich eines Tages auf einem Kahne an die Stelle des Teiches, wo

der nächtliche Feuerschein aufzusteigen pflegte, segnete die Grabstätte

mit den üblichen Worten ein und verrichtete ein langes Gebet, wodurch

die Seele des Fräuleins der ewigen Ruhe theilhaftig ward. Späterhin hat

keines Menschen Auge mehr auf dem Borkholmer Teiche nächtliches Leuchten

gesehn.

[Fußnote 65: In Wierland, dem nordöstlichen Striche Estlands. L.]

d. Der winselnde Fußknöchel.

»Was erregt sein schrilles Schreien,

Was erweckt die Klagelaute?«

Kalewipoeg (Einl. 131 u. 132)

Wenn man aus dem _Jõmper_'schen Dorfe Aruküla nach der St.

Kathrinenkirche[66] geht, so führt der Weg durch eine Schlucht, wo

vormals, wie sich alte Leute noch deutlich erinnern, bei nächtlicher

Weile oftmals ein Winseln gehört wurde, welches wie die Klage eines

gequälten Geschöpfes klang. Mancher Vorübergehende hatte auch in

mondheller Nacht einen kreiselförmig sich drehenden Gegenstand

wahrgenommen, von dem das Gewinsel etwa herrühren konnte. Bei Tage fand

sich am Orte nichts weiter als ein menschlicher Fußknöchel, der

unbeweglich da stand. Niemand wußte mit Bestimmtheit zu sagen, ob der

Fußknöchel mit dem nächtlichen Winseln und Drehen etwas gemein habe oder

nicht. Nun hatte aber ein beherzter junger Mann aus dem Dorfe Aruküla

keine Ruhe, bis er Klarheit in die Sache brächte. Er war schon einige

Male stehen geblieben, wenn die Andern erschreckt davon eilten, und da

hatte er gesehen, daß allerdings die Drehung des Fußknöchels das

Gewinsel hervorbrachte, weshalb er im Stillen den Vorsatz faßte, der

Sache völlig auf den Grund zu kommen.

In einer mondhellen Nacht machte er sich zur Schlucht auf, hörte schon

von weitem das Gewinsel und sah, als er näher kam, die wunderliche

Drehung des Fußknöchels. Er beobachtete eine Zeitlang den närrischen

Wirbeltanz und überzeugte sich, daß das Winseln tatsächlich von der

schnellen Umdrehung herrührte. Da sprang er hinzu und packte mit beiden

Händen den Knöchel, der darin noch zappelte, als wollte er dem dreisten

Manne mit aller Gewalt entschlüpfen. Aber des starken Mannes

Lederhandschuhe, in denen eiserne Finger steckten, ließen den

eingefangenen Gegenstand nicht so leicht wieder los. Allmählich hörte

das Zappeln des Knöchels auf und plötzlich stand ein fremder Mann, wie

vom Himmel gefallen, vor unserm Freunde. Der Fremde sprach: »Habe

tausend Dank für diese Wohlthat, daß du kamst mich von der langen Pein

zu erlösen, in welcher meine arme Seele bis heute keine Ruhe finden

konnte. Wohl kamen Leute genug vorbei, aber keiner hatte den Muth den

tanzenden Knochen in die Hand zu nehmen, wie du gethan hast, wackerer

Mann. Besorge nun weiter Alles was ich dir angeben werde, damit meine

müde Seele einmal zur Ruhe komme, dann sollst du einen fürstlichen Lohn

für deine Mühe erhalten. Morgen früh, wenn die Morgenröthe heraufsteigt,

grabe da wo wir jetzt stehen, ein Grab von sieben Fuß Tiefe und sechs

Fuß Länge, lege den Knochen auf den Grund desselben an das östliche Ende

und dann geh' und bitte den Prediger her, daß er mit Gebet und den bei

Bestattungen üblichen Segenssprüchen diesen Knochen begrabe, so werde

ich aus meiner Pein erlöst und finde die ewige Ruhe. Ich war zu meiner

Zeit ein reicher und großer König in Schwedenland. Uebermuth trieb mich

an, dieses Land mit Krieg zu überziehen, wo sehr viel unschuldiges Blut

meinetwegen vergossen wurde; deßhalb mußte ich zur Strafe meiner Sünden

im Schlachtgewühl an dieser Stelle ein unglückliches Ende finden. Der

größte Theil des Heeres fiel an diesem Tage mit mir, was verschont

blieb, ergriff die Flucht, so daß Niemand Zeit behielt, sich um die

Todten zu kümmern. Die Feinde plünderten mich kapp und kahl und ließen

mich nackt liegen wie einen Hund. Darnach fraßen wilde Thiere meinen

Leichnam, so daß nichts übrig blieb als bloß dieser Fußknöchel, der hier

zum Winseln festgebannt wurde, bis sich Jemand über ihn erbarmen würde,

so daß dann der Knochen eine Grabstätte und meine Seele Erlösung von der

Sündenqual fände. Wenn der Fußknöchel nun so wie es sich gebührt

bestattet und eingesegnet ist, und der Prediger drei Schaufeln Erde auf

denselben geworfen hat, so schütte das Grab noch nicht mit Erde zu,

sondern warte bis der Prediger nach Hause gegangen ist. Dann höhle den

östlichen Rand des Grabes noch einen halben Fuß tiefer aus, so findest

du den Lohn für deine Mühe. Von dem vorgefundenen Gelde bezahle dem

Prediger 25 Thaler für die Beerdigung, funfzig Thaler laß unter die

Kirchenarmen vertheilen, und was dann noch übrig bleibt ist Alles dein,

und du kannst damit machen was du willst.« Mit diesen Worten war der

Fremde eben so wunderbar verschwunden, wie er gekommen war.

Unser Freund steckte einen Pflock in den Boden um die Stelle zu

bezeichnen, wo er das Grab graben sollte, ging dann nach Haus um eine

Schaufel zu holen und war mit Anbruch der Morgenröthe schon an der

Arbeit. Der Fußknöchel lag neben dem Pflocke wie er hingelegt worden

war, ohne sich zu rühren. Um Mittag war das Grab fertig geworden, der

Mann legte den Fußknöchel hinein und ging dann um den Prediger

herzubitten, dem er sein nächtliches Erlebniß von Anfang bis zu Ende

erzählte; doch ließ er nichts von dem Lohn für das Begräbniß verlauten,

weil er ja selbst noch nicht wußte, ob er etwas finden würde, und nicht

mit leeren Versprechungen zum Lügner werden wollte. Der Prediger

wunderte sich wohl gar sehr über das, was er von dem Manne hörte, doch

sträubte er sich weiter nicht, sondern ging mit ihm, um den ruhelosen

Menschenknochen nach christlicher Weise zu begraben. Als der Prediger

nach ertheiltem Segensspruch sich entfernt hatte, grub der Mann laut

Vorschrift das Grab um einen halben Fuß tiefer aus, da stieß er auf

einen großen kupfernen Deckel. Als er den Deckel aufbrach, fand er einen

vier Zuber großen kupfernen Kessel, der bis an den Rand mit schwedischen

Thalern angefüllt war. Er versuchte den Kessel mittels einer Stange

hinaufzuheben, es war aber ganz unmöglich: drum stand er von der

vergeblichen Arbeit ab, zog seinen Rock aus, breitete ihn auf den Boden,

und that Mal auf Mal soviel Geld darauf, als er auf dem Rücken

davontragen konnte. Die fortgebrachten Geldhaufen schüttete er etwas

weiter ab unter's Gebüsch, bis der Kessel gänzlich geleert war; auf dem

Grunde hatte er noch fast ein halbes Külimit an purem Golde gefunden.

Den leeren Kessel ließ er an Ort und Stelle, füllte das Grab mit Erde

auf, glättete die Oberfläche und ging dann um aus dem Dorfe ein Pferd

zur Fortbringung des Schatzes zu holen. Das Pferd hatte aber zweimal

schwer zu ziehen, um alles Geld fortzubringen. Jetzt zahlte der

glückliche Finder dem Prediger den Begräbnißlohn und händigte ihm auch

funfzig Thaler ein mit der Bitte, sie gleichmäßig unter die Armen des

Kirchspiels zu vertheilen. Nach einigen Tagen kaufte er sich zwei starke

Pferde und einen mit Eisen beschlagenen Wagen, lud das Geld darauf und

zog aus seinem Orte weg. Wohin? Das hat später Niemand vernommen; man

meint aber, daß er übers Meer, sei es nach Finnland oder nach Schweden

gezogen war, weil die gefundenen Thaler sämmtlich königlich schwedisches

Gepräge hatten und dort mehr werth sind als hier zu Lande.

Nach dieser Zeit hat keines Menschen Ohr mehr in der Schlucht das

Winseln des Fußknöchels gehört, welches, ehe derselbe begraben wurde,

noch mein Großvater, wenn er vorbeiging, manches Mal vernommen hat.

[Fußnote 66: Bei Wesenberg. L.]

e. Der von der Stelle gerückte See.

»Zeige, Seelein uns'ren Schritten,

Deines alten Standes Grenzen.«

Wenn man von dem Städtchen Werro[67] nach Pleskau[68] zu geht, so liegt

hinter dem siebenten Werstpfahl links von der Landstraße in einer tiefen

engen Schlucht ein kleiner See zwischen Kieshügeln. Eine halbe Werst

weiter wenn man hinter der Senkung wieder bergauf kommt, liegt ebenfalls

links vom Wege eine kleine runde von Kieshügeln eingefaßte Schlucht,

welche an ihrem Nordrande deutlich erkennen lassen, daß Wasserwellen

einst hier durchgeflossen sind und die Hügelwand niedergerissen haben.

Gegen Südost wächst jetzt am Abhange der Schlucht ein hübsches

Birkenwäldchen, und es werden in demselben ein paar kleine Bauerhöfe

sichtbar, jenseits welcher am Rande des Waldes vor einigen Jahrzehnten

ein Schulhaus aufgeführt worden ist. An den hier beschriebenen Ort

führen uns alte Sagenspuren, von denen wir Nachstehendes melden wollen,

wie es der Volksmund erzählt.

Vor einigen hundert Jahren lag in der eben bezeichneten Schlucht ein

kleiner See mit klarem silberfarbigem Wasser zwischen grünen Ufern; wo

jetzt der Birkenwald steht, erhob sich auf der Steile des Ufers ein

prächtiger Eichwald, in dessen Schatten ein einzelner schöner Bauerhof

lag, dessen Aussehn schon von weitem einen wohlhabenden Wirth verrieth.

An Stelle der umliegenden Höfe, welche jetzt zu beiden Seiten der Straße

hie und da dem Wanderer sich zeigen, stand in alter Zeit ein

ausgedehnter Laubwald. Aber kehren wir jetzt zu dem kleinen See zurück,

in dessen Fläche beim Sonnenschein Eichwald und Bauerhof sich spiegeln

und dessen Wellen selten gekräuselt sind, weil ihn zwischen seinen hohen

Ufern das Spiel von Wind und Wetter wenig berührte. Die Bewohner des

Hofes holten täglich aus dem See das nöthige Trink- und Kochwasser und

im heißen Sommer erfrischten sie ihre erschlafften Glieder im See. --

Der höchste und herrlichste Schatz des Hofes aber war des Wirths einzige

Tochter, die wie ein Kleeblümchen[69] mit fünf kräftigen Brüdern

zusammen aufwuchs und auf's schönste erblühte, so daß weit und breit

kein Mädchen zu finden war, das ihr gleich kam. Ihr frommes unschuldiges

Herz glich auch darin einer Blume, daß sie selbst nicht wußte, welche

Freude sie durch ihren Liebreiz den Andern, besonders jungen Männern,

machte. Freier meldeten sich oft genug und von allen Seiten, aber sie

hatte gar kein Verlangen sich so früh das Ehejoch auf den Nacken legen

zu lassen. »Zum Heirathen habe ich noch Zeit genug« sprach sie lachend

zu ihren Eltern und Brüdern, wenn die Freier nach vergeblicher Werbung

wieder davon ritten.

Eines Tages geschah es, daß ein junger Ritter von vornehmer Geburt auf

dem Wege von Schloß Kirumpä nach Schloß Neuhausen[70] am Hofe vorbei

ritt, und die schöne Jungfrau am Ufer des Sees erblickte. Dieser Anblick

weckte in seinem Herzen ein solches Verlangen, daß er fortan Nacht und

Tag das Mädchen nicht mehr aus dem Sinne bringen konnte. Als er deßhalb

nirgends Ruhe fand, schlug er unter dem Vorwande verschiedener Geschäfte

oftmals den Weg zum Bauerhofe ein, wo denn der Wirth und dessen Söhne

sich wohl mit ihm unterhielten, das Mädchen ihm aber niemals zu Gesicht

kam. Da diese List also nicht anschlug, so nahm der junge Ritter zu

einem andern Mittel seine Zuflucht. Er schlich Tage lang heimlich um

den See herum, bis er einmal den Augenblick fand, mit der Jungfrau

allein zu reden und ihr seines Herzens Wünsche kund zu thun. Obwohl nun

die Jungfrau nicht die geringste Liebe für ihn fühlte, so wagte sie doch

nicht den ungestümen vornehmen Jüngling rundweg abzuweisen, der, wenn er

sich so verschmäht sah, ihren Eltern und Brüdern viel Böses zufügen

konnte. Nothgedrungen mußte sie also die Liebeswerbung des Ritters

ertragen, wiewohl sie ihm nicht die geringste Annäherung gestattete,

welche ihre jungfräuliche Ehre hätte beleidigen können. Als die Eltern

und Brüder die Festigkeit des Mädchens sahen, hatten sie auch nichts

mehr dagegen, daß der vornehme Fremde fast täglich auf ihren Hof kam; er

hoffte wohl doch noch einen Augenblick zu erhaschen, wo er das Mädchen

in seine Liebesnetze verstricken könnte. Auf des Ritters Flehen gab die

Jungfrau stets die Antwort: »Geehrter Herr! zu eurer Gemahlin taugt

meines Gleichen nicht, denn ihr seid ein hochstehender Deutscher, ich

nur eine geringe Bauerntochter, und euer Kebsweib zu werden habe ich

nicht die mindeste Lust. Es wäre darum nach meinem Dafürhalten das

Beste, daß ihr mich vergässet und zu euren Standesgenossen

zurückkehrtet.«

Eines Tages saßen sie wieder beisammen am Ufer unter einer mächtigen

Eiche, als der Ritter ihr das alte Lied von seiner heißen Liebe wieder

in die Ohren sang und versicherte, er würde, wenn es möglich wäre,

lieber zehn Mal sein Leben hingeben als sich vom Liebchen trennen. Das

Mädchen flehte dagegen: »Spottet meiner nicht länger! ich darf und will

euren Betheuerungen nicht glauben; es ist eine Laune, die euch

angeflogen ist und ebenso wieder verfliegen wird. Mit euch Freundschaft

zu halten widerstrebt meiner Seele. Ihr könnt nimmer Macht über mich

gewinnen, denn ich kann euch der Wahrheit gemäß sagen, eher lasse ich

mir das Leben nehmen, als meine Ehre beschimpfen. Zwischen uns darf

nicht länger Freundschaft sein.« Der Ritter erwiderte: »So gewiß wie

dieser klare See vor uns seinen Platz nicht verlieren oder von hier an

eine andere Stelle rücken kann, -- eben so gewiß soll meine Liebe zu dir

ewig unveränderlich bleiben.« --

Auf diese Weise hatte er noch bis in den Abend hinein das Mädchen an

sich zu ziehen gesucht, bis er endlich unmuthig nach Hause ging, erzürnt

über sich selbst und das Mädchen, daß die Sache nicht besser abgelaufen

war.

Nicht gering war am andern Morgen der Schrecken und das Erstaunen auf

dem Bauerhofe, als die Leute beim Aufstehen vor die Thür tretend den See

nicht mehr vorfanden, sondern an Stelle desselben nur Schlamm und

Schmutz auf feuchtem Sandgrund. Das Mädchen hob, der gestrigen

Betheuerung des jungen Mannes gedenkend, die Augen gen Himmel, da der

alte Vater (der Himmelsvater) ihr ein so deutliches Zeichen gegeben. Der

Ritter aber wagte seitdem nicht mehr seinen Fuß auf den Seehof zu

setzen, wo die Macht des Himmels seine Betheuerungen so zu Schanden

gemacht hatte.

[Fußnote 67: In Livland. L.]

[Fußnote 68: Russ. Pskow, am östlichen Süd-Ende des Peipus-See. L.]

[Fußnote 69: Orja-wits, weißer Honigklee (Melilotus vulgaris W.). L.]

[Fußnote 70: In Livland. L.]

f. Die Kaufmannstochter von Narva.

In der Stadt Narva war vor Zeiten großer Reichthum, und derselbe wurde

durch den Handel mit der Kunglainsel[71] und mit andern Ländern jenseits

des Meeres von Jahr zu Jahr größer. Man erzählt, daß jeden Sommer

Hunderte von fremden Kauffahrern aus allen Gegenden in den Hafen von

Narva einliefen, um ausländische Waaren zu bringen und dafür die

Erzeugnisse unseres Landes zu holen. Von Narva aus nahmen die Waaren

dann eine doppelte Richtung: ein Theil wurde nach Dorpat verführt, der

andere, größere über Pleskau nach Rußland; deshalb mußten die Fahrzeuge

der narvaschen Kaufleute im Sommer ununterbrochen auf dem Flusse und auf

dem Peipus schiffen, während im Winter die Frachtfuhren über's Eis

zogen.

Zu der Zeit, wovon die Rede ist, besaß ein Kaufmann in Narva ein so

bedeutendes Vermögen, daß die großen Kellergewölbe unter seinem Hause

von der Diele bis zur Decke mit Tonnen Goldes und Silbers angefüllt

waren. Aber Gott hatte dem reichen Manne nur eine einzige Tochter

gegeben, die all das Geld nach ihrer Eltern Tode erben sollte. Es läßt

sich leicht denken, daß es ihr an Freiern nicht fehlte, weil reiche

Mädchen damals ebenso hoch im Preise standen und ebenso gesucht waren

wie heutzutage. Die Bewerber um die Hand der reichen Kaufmannstochter

strömten aus allen Landen herbei, darunter auch Söhne vornehmer Leute,

aber keines Einzigen Branntwein[72] wurde angenommen. Wie es nicht

selten geschieht, daß in Heirathsangelegenheiten reiche wie arme

Mädchen ganz anders denken und ganz andere Wünsche hegen als ihre

Eltern, so war's auch hier der Fall. Während die Eltern einen reichen

oder doch einen vornehmen Schwiegersohn wollten, hatte sich ihr

Töchterchen in der Stille einen Liebsten erwählt, der weder einen großen

Namen noch Reichthümer noch sonst Etwas besaß, was ihn über die Andern

hätte erheben können: gleichwohl liebte ihn das reiche Mädchen von

ganzem Herzen und war fest entschlossen, entweder dieses Jünglings

Gattin zu werden, oder als alte Jungfer hinter ihren Geldkisten zu

verwelken. Zwar wußte sie so gut wie ihr Geliebter, daß die reichen

Eltern einem so lumpigen Freier ihr einziges Kind nicht geben würden;

allein die Liebenden hofften zuversichtlich, daß irgend ein

unvorhergesehener Glücksfall ihnen zu Hülfe kommen werde.

Da segelte eines Tages ein stolzer junger Schwedenkönig in den Hafen von

Narva ein, stieg aus dem Schiffe und begab sich geradeswegs in die

Wohnung des reichen Kaufmanns -- wie die Leute meinten, um Geld zu

borgen. Aber nach einigen Stunden war es in der ganzen Stadt bekannt,

daß der junge König des reichen Kaufmanns Schwiegersohn werden sollte.

Der hochgeborne stolze Freier war von den Eltern sogleich mit solcher

Freude empfangen worden, daß es ihnen gar nicht eingefallen war, vor

Annahme seines Branntweins erst ihre Tochter zu fragen, ob sie diesen

Bräutigam auch wolle. Das Sträuben und Weinen der Tochter wurde als

kindische Thorheit verlacht, und ohne darauf Rücksicht zu nehmen,

verlobten die Eltern ihr Kind dem Könige; die Hochzeit sollte binnen

einer Woche gefeiert werden.

Einige Tage vor der Hochzeit hatte des Königs Braut noch einmal eine

heimliche Zusammenkunft mit ihrem früheren Geliebten, dem sie einen

kostbaren goldenen Ring zum ewigen Andenken schenkte und zugleich

betheuerte, wenn kein anderer Retter käme, so sollte der Tod sie von dem

Schwedenkönige befreien. Drohungen dieser Art hatte sie schon zuvor

ihren Eltern gegenüber wiederholt verlauten lassen, aber man glaubte

nicht daran und machte sich nicht das Geringste daraus.

Die Hochzeit wurde festlich begangen, aber in das Herz der jungen

neuvermählten Frau drang keine Freude, vielmehr war sie anzusehen wie

eine Blume, die im Sonnenbrande verdorrt. Als nun der König gleich nach

der Hochzeit zu Schiffe gehen und mit seiner Gemahlin nach der Heimath

segeln wollte, fiel die junge Frau einmal über das andere in Ohnmacht,

also daß sie halbtodt auf's Schiff getragen wurde. Am andern Tage, als

das Schiff schon auf hoher See schwamm, legte die junge Frau dieselben

Festkleider an, in denen sie getraut worden war, und verlangte auf's

Verdeck, um frische Luft zu schöpfen. Der König führte sie selbst die

Treppe hinauf; oben ging sie einige Mal auf und nieder und stürzte sich

alsdann plötzlich, ehe Jemand es hindern konnte, über Bord.

Wohl empfanden die Eltern bitteren Schmerz, als sie die Nachricht von

dem unglücklichen Ende ihrer Tochter erhielten, aber was konnte das

jetzt helfen? Den Todten kann all' unsere Reue nicht wieder in's Leben

zurückrufen.

Man erzählt, daß noch gegenwärtig, wenn der Wind von Schweden her kommt

und die Wogen peitscht, mitten im Brausen des Sturms ein feines Ohr das

Klagen und Weinen der jungen Königsfrau vernehmen kann.

[Fußnote 71: Vgl. Bd. 1, S. 102, Anm. 1 und Neus Estnische Volkslieder,

428 ff; Kreutzwald und Neus, Mythische u. magische Lieder der Esten, 30;

Verhandlungen der gelehrten Estnischen Gesellschaft zu Dorpat, IV, a,

48. 164.]

[Fußnote 72: Welchen nach estnischer Sitte der den Freier begleitende

Brautwerber anbietet.]

g. Wo Narva's früherer Reichthum liegt.

In den Tagen, als Narva noch eine reiche Stadt war, zog einst von

Rußland oder von Polen her der grimmige Feind mit großer Heeresmacht

heran, um die Stadt einzunehmen und auszuplündern. Zum Glück erhielten

die Bewohner einige Tage vorher durch ihre Spione Nachricht, so daß sie

noch Zeit hatten, den größten Theil ihres Goldes und Silbers

zusammenzuraffen und in der Mündung des Flusses unweit der See zu

versenken. Darauf wurden die Thore geschlossen und die Schanzen besetzt.

Mit Proviant war die Stadt so reichlich versehen, daß eine Hungersnoth

nicht zu besorgen stand; die festen Mauern und Werke rings um die Stadt,

der tiefe, breite Fluß einerseits und die mit Wasser gefüllten

Wallgräben andrerseits wehrten den Feind ab, so daß er nicht eindringen

konnte. Er belagerte die Stadt bis zum Herbst, mußte aber dann

unverrichteter Sache abziehen. Nach dem Abzuge des Feindes hatten die

Bürger der Stadt nichts Eiligeres zu thun, als an die Mündung des

Flusses zu gehen, um ihren Schatz aus seinem Versteck heraufzuholen.

Unglücklicher Weise aber hatten sie ihn zu nahe am Meere auf den Grund

des Flusses gesenkt; die heftigen Stürme hatten oftmals die Tiefe

aufgewühlt und die Geldfässer gegen einander geschüttelt und zerbrochen,

der vom Meere ausgeworfene Sand aber hatte später Alles bedeckt und

festgelegt, so daß man nur wenig von dem versenkten Gelde wieder

erlangte. Der größte Theil dieses Schatzes der Vorzeit ruht bis zum

heutigen Tage auf dem Grunde des Flusses und des Meeres, und Niemand

weiß, welchem Glückskinde er einmal in die Hände fallen wird.

h.[73] Das Mädchen von Waskjalasild[74].

Vor Zeiten ging einmal an einem freundlichen stillen Sommerabend ein

frommes Mädchen, sich in einem Bache unweit Waskjalasild zu baden, um

die von der Hitze des Tages ermatteten Glieder zu stärken. Der Himmel

war klar, die Luft wehte lind und aus dem nahen Erlengebüsch ertönte die

Nachtigall. Der Mond stieg am Horizonte auf und blickte liebreich auf

des Mädchens Kopfband, ihr hellgelbes Haar und ihre rothen Wangen. Der

Jungfrau Herz war unschuldig, keusch und rein wie Quellwasser, das

durchsichtig ist bis auf den Grund. Plötzlich fühlte sie in ihrem

fröhlichem Herzen ein unbekanntes Sehnen sich regen, so daß sie ihren

Blick nicht mehr vom Antlitz des Mondes wegwenden konnte. Weil sie nun

so fromm, keusch und unschuldig war, so gewann der Mond sie lieb, und

nahm sich vor, ihr die geheime Sehnsucht und das Verlangen ihres Herzens

zu stillen. Aber die fromme Maid trug nur den einen Wunsch im Herzen,

den sie nicht laut werden zu lassen wagte: aus dieser Welt zu scheiden

und am hohen Himmel ewig bei dem Monde zu leben. Der Mond errieth auch

die unausgesprochenen Gedanken ihres Herzens.

Die Luft des lieblichen Abends war wiederum mild und still, die

Nachtigall flötete im Erlengebüsch durch die Nacht, der Mond schaute in

den Grund des Baches von Waskjalasild hinab, aber nicht mehr einsam wie

vorher; der Jungfrau liebes Gesichtchen schaute mit ihm in den Bach

durch die Wellen hindurch in die Tiefe und blieb von der Zeit an bis auf

den heutigen Tag immer neben dem Monde sichtbar. Dort am hohen Firmament

zu wohnen hat das Mägdlein jetzt ihre Freude und Genüge und hegt den

Wunsch, daß auch andere Mädchen mit ihr dieses Glückes theilhaftig

werden könnten. Freundlich blickt deshalb ihr Auge in mondheller Nacht

von oben auf die Erde herab und lockt schmeichelnd die staubgeborenen

Schwestern zu sich zu Gaste. Da aber nicht eine von ihnen so fromm,

keusch und unschuldig ist wie sie, so kann auch keine zu ihr hinauf in

den Mond kommen. Das Mondmägdlein wendet drum von Zeit zu Zeit ihre

Augen trauernd ab und bedeckt ihr Antlitz mit einem schwarzen Tuche.

Gleichwohl giebt sie deswegen die Hoffnung nicht auf, vielmehr hofft sie

immer noch, es werde sich künftig einmal unter ihren irdischen

Schwestern eine finden, die so fromm, keusch und unschuldig sei, daß der

Mond sie zu sich rufen könne, um des glückseligen Lebens theilhaftig zu

werden. Darum wendet die Mondjungfrau von Zeit zu Zeit mit wachsender

Hoffnung ihre Augen zur Erde nieder, mit freundlichem Lächeln und

unverhülltem Antlitz, wie an dem seligen Abend, wo sie zum ersten Male

vom hohen Himmel herab in den Bach von _Waskjalasild_ hinunter schaute.

Aber auch die besten und verständigsten der staubgeborenen Mädchen sind

nicht ohne Fehl, und weichen, ehe man sich's versieht, vom rechten Pfade

ab, und keine von ihnen ist so fromm, keusch und unschuldig, daß sie des

Mondes Gefährtin werden könnte. Wenn das fromme Mondmädchen dessen inne

wird, so bemächtigt sich ihrer der Unmuth von Neuem und sie verhüllt ihr

Gesicht abermals mit dem schwarzen Trauertuche.

[Fußnote 73: Die Esten haben die Vorstellung von den »Mondleuten«. Das

ist ein unglückliches Ehepaar, welches zur Strafe dafür, daß es am

Sonntage in die Badstube ging, um zu baden, sammt dem Wasserzuber in den

Mond versetzt ward, wie im Vollmonde zu sehen. Vgl. Boecler-Kreutzwald

S. 103, wo auch in der Anm. auf die vorliegende schon im »Inland« Jahrg.

1, N^o 2, Sp. 26 behandelte Volkssage hingewiesen wird. L.]

[Fußnote 74: Wörtlich: Kupferfußbrücke. L.]

i. Emmujärw und Wirtsjärw[75] (Muttersee und Pfützensee).

Nachdem Altvaters Güte dem Menschengeschlecht hier zu Lande Wohnsitze

bereitet, den Boden gesegnet, daß er ihnen Frucht bringe, die Wälder mit

Vögeln und Vierfüßern angefüllt hatte, schuf er auch einen See mit

klarem, kaltem und erquickendem Wasser, aus welchem die Menschen sich

jederzeit einen stärkenden Trunk holen konnten. Am hohen Ufer des Sees

wuchsen grüne Eichen- und Lindenwälder, in deren Schatten die schönsten

Blumen blühten, während in den Wipfeln der Bäume Morgens und Abends

Vogelsang ertönte, so daß eitel Wonne und Jubel das Menschenherz

erfüllen mußte. Solch' ein glückliches Loos hatte Altvater's Wille

seinen Kindern bereitet. Aber dies Glück war nicht von langer Dauer,

denn die Menschen wurden übermüthig, thaten was ihr böses Herz ihnen

eingab und wurden endlich so verderbt, daß Altvater länger kein

Wohlgefallen an ihnen haben konnte; die Ohren sausten ihm, da er

immerfort von ihrer Bosheit hören mußte. Da sprach Altvater eines Tages:

»Ich will meine entarteten Kinder für ihre Ruchlosigkeit züchtigen und

zwar dadurch, daß ich das erquickende Wasser mit sammt dem See ihnen

entziehe, vielleicht daß die Qual des Durstes sie bessert und allmählich

auf den rechten Weg zurückführt. Und siehe! eines Tages stieg im Süden

eine schwarze drohende Gewitterwolke auf, und zog näher und näher, bis

sie über dem See stand, wo sie gleichsam ausruhte und ihren Rand

säulenartig zum See hinabstreckte. Plötzlich begann das Wasser des Sees

zu zischen und zu steigen und sich so lange aufzublähen, bis es, die

Wolkensäule berührend, mit ihr sich vereinigte: dergestalt verschwand in

wenig Augenblicken alles Wasser aus dem See bis auf den letzten Tropfen.

Die schwarze Gewitterwolke schwebte mit ihrer Ladung weiter und

entschwand vor Abend den Blicken der Zuschauer. Das vormalige Becken des

Sees war leer und es war nur ein sumpfiger Schlamm für Frösche

zurückgeblieben; aber auch diesen trockneten nach einigen Tagen die

Sonnenstrahlen und der Wind aus. Jetzt erhob sich groß Geschrei und

Wehklagen unter den Leuten: der Durst quälte sie, weil sie nirgend mehr

ein anderes Trinkwasser fanden, als was der Regen in Vertiefungen des

Bodens sich ansammeln ließ. Allmählich füllten zwar Regenschauer und die

Schneeschmelzen des Frühlings den früheren Raum des Emmujärw wieder bis

zum Rande, aber es war weiches Pfützenwasser, was weder den Durst

hinlänglich stillte noch den Körper zu erquicken vermochte. Die Leute

legten dem See wie zum Schimpfe den Namen _Wirtsjärw_ (Pfützensee) bei und

dieser Name ist ihm auch bis auf den heutigen Tag geblieben. Die schönen

hohen Ufer mit den grünen Laubholzwaldungen und den blühenden Blumen

sind aus der Umgebung des See's längst verschwunden; an ihrer Stelle

bildeten sich Moräste, in denen nicht viel Andres wächst, als einige

kränkliche Kiefern.

Als späterhin des Durstes Pein die frevelnden Menschen etwas gebessert

hatte und ihre Klagen und Bitten mit jedem Tage wehevoller zu Altvaters

Ohr emporstiegen, erweichte er sein Herz und erbarmte sich ihrer

wiederum. Gleichwohl wurde ihnen der frühere See nicht wieder

zurückgegeben, sondern Altvater ließ überall schmale unterirdische

Rinnsale entstehen, goß das vormalige Wasser des Emmujärw hinein und

befahl zugleich dem Wasser so zu fließen, daß es hie und da aus dem

Boden hervorsprudele, damit die Menschen ihren Durst löschen könnten.

Damit aber die unterirdischen Wasseradern im Winter nicht zu kalt und im

Sommer nicht zu heiß würden, ordnete Altvater's Weisheit an, daß im

Frühling ein Kältestein in die Quellen gelegt werde, der im Herbst

herausgenommen und zum Winter mit einem Wärmesteine vertauscht wird:

wodurch bewirkt wird, daß die Quellen niemals gefrieren können -- wie

sonst Bäche, Flüsse und Seen sich mit Eis bedecken.

[Fußnote 75: Vgl. über diese offenbar mit geogonischen Anschauungen

zusammenhängende Sage _Kreutzwald_ zu _Boecler_ S. 8 und _Rußwurm_ Sagen

aus Hapsal u. s. w., S. 101. Der Wirtsjärw liegt im Felliner Kreise. L.]

k. Die Tochter des Strandbewohners von Tolsburg[76].

Am Strande von Tool wohnte vor Zeiten ein unermeßlich reicher Fischer,

der schon von vielen Geschlechtern Geld und Gut geerbt hatte,

ungerechnet das, was er selbst zusammengescharrt oder was der

Hausgeist[77] ihm zugeführt hatte. Er besaß eine einzige Tochter, die

von außen wohl einem hübschen Blümchen glich, inwendig aber voll Tücke

war. Der Reichthum ihres Vaters reckte die Nase des Dirnleins so sehr in

die Höhe, daß es ihrer Meinung nach im ganzen Lande keinen Burschen

geben konnte, den sie hätte heirathen können. Daran wäre nun auch weiter

nichts gelegen gewesen, hätte sie nicht selbst die jungen Leute zu sich

herangelockt und sie dann hinterdrein mit Spott und Schande

heimgeschickt und vor aller Welt gelästert. In dem Maße freilich, wie

mit der Zeit die Geschichte der verschmähten Freier überall bekannt

wurde, hörten endlich auch die Brautfahrten auf, weil die jungen Leute

dachten: mag die Uebermüthige hinter ihren Geldkasten zur alten Jungfer

verwelken, an deren Fleisch dann auch nicht einmal ein Wolf mehr

anbeißt.

So verstrichen ein paar Jahre ruhig, während welcher kein Freier mehr

erschien. Eines Morgens aber kam ein fremder vornehmer Freier auf einem

schwarzen Pferde, er selbst von Gold und Silber schimmernd, so daß man

ihn durchaus für nichts Geringeres als einen Königssohn halten konnte.

Einen solchen Freier durften nun freilich weder die Eltern noch die

Tochter verschmähen, vielmehr wurde er mit großen Ehren- und

Freudenbezeugungen empfangen. Als jedoch der Freier zu Tische gebeten

wurde, nahm er weder Speise noch Trank in den Mund, sondern bat die

Braut sich schleunigst anzukleiden und mit ihm in seine Wohnung zu

kommen, welche nicht weit entfernt sei und wo Hochzeitsschmaus und Gäste

schon des neuen Paares harreten. Als die Maid sich geschmückt hatte, hob

der Bräutigam sie auf den Rücken seines Pferdes, schwang sich selbst in

den Sattel und ritt wie der Wind davon, so daß man von ihm nichts weiter

gewahr wurde als die Funken, welche des Pferdes Hufe aus den Steinen

schlugen. Sie erreichten ein freies Feld, wo ein prächtiges steinernes

Schloß vor ihnen stand, aus welchem ihnen der Festlärm der

Hochzeitsgäste dumpf entgegentönte. Der Bräutigam sprang vom Pferde,

half der Braut absteigen, nahm ihren Arm und trat mit ihr in den

Festsaal. Ein häßliches Hohngelächter, welches dem Mädchen durch Mark

und Bein drang, empfing die Beiden. Dann erhob sich ein lautes Krachen,

als ob ein Donnerschlag die Erde zum Bersten gebracht hätte! In

demselben Augenblicke war das schöne Schloß mit allen Hochzeitsgästen

wie weggefegt und von Allem keine Spur mehr vorhanden.

Als die umwohnenden Leute auf das Getöse herzueilten, zu sehen was es

gebe, konnte man nichts weiter entdecken, als einen steinernen Pfosten

von Menschenhöhe, an dessen oberer Hälfte viele Streifen hinliefen, wie

Perlenschnüre um einen Hals. So steht der steinerne Pfosten bis zum

heutigen Tage bei _Karlshof_ vor dem Dorfe _Raudlep_ zum Schreckbild für

übermüthige Mädchen.

[Fußnote 76: Tolsburg: ein alter ganz herabgekommener Hafenort in der

Nähe von Port Kunda. L.]

[Fußnote 77: Tont war sonst bei den Esten ein Geist, der dem Hause

Schätze zubrachte und deshalb auch schlechtweg meddaja d. h. Zuführer

heißt. Jetzt bedeutet tont ein (gefürchtetes) Gespenst. Die Tonttu kamen

auch in der finnischen Mythologie in der Bedeutung schützender und

helfender Hausgeister vor. Das Wort hängt nach alten Autoritäten mit dem

schwedischen tomtkubbe, tomtkarl, tomtrå-»lar« zusammen. Vgl. noch über

den, in mancher Beziehung verwandten kratt (schwed. skratt) eine Reihe

von Sagen bei _Rußwurm_, Sagen aus Hapsal &c., Reval 1861, S. 107-111.

_Desselben_ Eibofolke Th. 2, S. 241-248. Bd. 1 dieser Märchen, S. 32, Anm.

1. L.]

l. Die Steindenkmale der Hungersnoth[78].

»_Die_ Männer seien hochgeehrt,

Die Volksgedächtniß hält so werth.«

Wer je nach Palms[79] gekommen ist, der hat wohl auch jene Steinhaufen

gesehen, welche an vielen Orten auf den Gutsfeldern stehen. Wie die

alten Leute zu erzählen wissen, sind jene Steinhaufen alle zur Zeit

einer schweren Hungersnoth zusammengetragen worden, was so zuging: Die

Herren von Pahlen hatten seit unvordenklichen Zeiten die Gewohnheit,

einen reichen Getreidevorrath in den Gutskleten anzusammeln, auf daß,

wenn einmal die Leute durch Mißwachs Mangel litten, die Gutsklete sie

bis zur neuen Ernte ernähren könnte. Da geschah es, daß eines Jahres

eine so bittere Hungersnoth in Estland herrschte, daß die Leute aller

Orten hinstarben wie die Fliegen. Wer aber zu seinem Glücke noch soviel

Kraft hatte, sich nach Palms aufzumachen, der war gerettet. Daher kamen

hier nach und nach Hunderte von Menschen zusammen, welche der Herr von

Pahlen aus seiner Klete versorgte und es war ein so reicher Gottessegen

vorhanden, daß die Kornkasten nicht leer wurden. Obgleich nun der Herr

dafür keine Arbeit von den Leuten verlangte und sie zu keinerlei

Leistung anhielt, sondern ihnen aus Erbarmen das Brot gab, so hielten es

doch die Leute ihrerseits für Pflicht, für den Herrn irgend eine Arbeit

zum Dank für seine Wohlthat auszuführen. Weil nun die Pahlenschen Felder

sehr steinig waren, so faßten die Leute einmüthig den Beschluß, alle

Steine von den Feldern aufzusammeln und in Haufen aufzuthürmen. Diese

Steinhaufen führen deshalb den Namen: »Steindenkmale der Hungersnoth.«

Man sagt ferner, daß seit der Zeit bis auf unsere Tage herab die

Pahlenschen Felder reich gesegnet sind, und wenn auch ringsum Mißwachs

eintritt, so bleiben diese Felder doch bewahrt, weil die Thränen der

Hungrigen sie bethaut haben und die Dankgebete der Gesättigten zu Gottes

Ohr gedrungen sind.

[Fußnote 78: Der Herausgeber, Dr. Kreutzwald, macht zu diesem und den

folgenden Sagen nachstehende Bemerkung (in estnischer Sprache): »Die

folgenden alten Erzählungen haben sich als unvergängliche Ehrendenkmale

für die Erbherren von Palms im Gedächtniß des Volkes erhalten. Meines

Wissens giebt es hier zu Lande kein anderes Adelsgeschlecht, welchem die

alten Sagen einen solchen Ehrenkranz geflochten haben, als das

Geschlecht der Barone Pahlen. Wo Hörige ein derartiges Gedächtniß für

ihre Herren bewahren, da darf man wohl den Schluß ziehen, daß jene

Männer Freunde des Volkes waren und daß das Band, welches sie mit dem

Volke verknüpfte, ein solches war, wie es zwischen Eltern und Kindern

besteht.« L.]

[Fußnote 79: So heißt das Gut derer von Pahlen. L.]

m. Der Herren von Pahlen Schutzgeist.

Schon von Alters her war es den Leuten wohl bekannt, daß die Herren von

Pahlen einen Schutzgeist hatten, der sie in jeglicher Noth vor Schaden

hütete. Alle Männer aus dem Geschlechte der Pahlen waren von hohem

Wuchse und starkem Körperbau, so daß sie immer mindestens um eines

Kopfes Länge Andere überragten und ihre Schutzgeister waren wieder noch

um einen Kopf höher als sie selbst. So erzählt man von einem dieser

Herren, daß seine Höhe derjenigen der gekappten Fichten gleich kam, die

wie eine Gasse den Gemüsegarten durchschnitten. Wenn er nun unter diesen

Bäumen lustwandelte, ging der Schutzgeist ihm zur Seite, an

Gesichtsbildung und Gestalt dem Herrn gleich und auch wie er gekleidet,

der Kopf aber ragte über die Fichten hinaus. Zuweilen hörte man beide

auch mit einander reden, aber in einer fremden Sprache, welche kein

Anderer verstand. Hatte der Herr sich zur Tafel niedergelassen oder

sonst auf einem Sitze Platz genommen, so kauerte der Geist neben ihm am

Boden, ohne sich je zu setzen, Nachts aber schlief er mit dem Herrn in

einem Bette. Doch konnte es immer für einen Ausnahmefall gelten, wenn

der Geist von anderen Leuten erblickt wurde, meist blieb er fremden

Augen unsichtbar. Es geschah einmal während einer schweren Pest, daß die

Seuche die Menschen zu Hunderten hinraffte und die Kranken allerwärts

darnieder lagen, ohne daß Jemand ihnen zu Hülfe kam. Da ging der Herr

von Pahlen täglich in den Dörfern umher nach den Kranken zu sehen,

brachte ihnen Getränk und andere Stärkungen und tröstete sie auf

jegliche Weise, so daß er den Bedrängten wie ein rettender Engel

erschien. Auf solchen Gängen wurde sein Schutzgeist immer neben ihm

erblickt, ein schwarzes Säckchen in der Hand, aus welchem er unablässig

Nebel ausstreute, so daß sein Herr wie im dichten Nebel dahinschritt.

Dies geschah, damit die Seuche ihn nicht anstecken könne.

Als derselbige Herr in seiner Jugend Kriegsmann gewesen war, hatte ihm

weder eine Degenschneide noch eine Flintenkugel etwas anhaben können,

sondern Beide waren immer von ihm abgeprallt. Wenn er gefragt wurde, ob

ihm denn die Kugeln nicht weh thäten, so antwortete er lachend: »Ich

habe nur das Gefühl, als ob mich Jemand mit Wachholderbeeren würfe.« Als

der Lebensabend des alten Herrn herangekommen war und derselbe aus

dieser Welt abberufen wurde, war der Schutzgeist von ihm geschieden. In

der Nacht vor seinem Tode vernahm das ganze Gutsgesinde einen gewaltigen

Lärm im Waffensaale und es kam ihnen vor, als würden die Waffen von

einer Wand an die andere geworfen, so daß Wände und Estrich erbebten.

Niemand hatte Muth genug hinzugehen um das grause Spiel mit anzusehen,

das bis über Mitternacht dauerte; aber wunderbar war es, daß der kranke

Herr in seinem Bette nichts von dem Getöse hörte. Als die Diener am

nächsten Tage im Waffensaal nachsahen, wo nach ihrer Meinung Alles wirr

durcheinander am Boden liegen mußte, da fanden sie zu ihrem Erstaunen,

daß jedes Stück an seinem alten Fleck am Nagel hing und auch nicht ein

einziges Spinngewebe auf den Waffen zerstört war. Das vernommene

nächtliche Gelärme hatte nichts Anderes zu bedeuten gehabt, als daß es

den Leuten die Todesstunde des alten Herrn verkünden sollte.

n. Der aus den Klauen eines Adlers gerettete Königssohn.

Von einem andern Herrn _von Pahlen_, der in seiner Jugend im Russenheere

gedient hatte, wird ebenso wie von dem vorher erwähnten erzählt, daß er

gegen Hieb und Schuß gefeit gewesen sei. Noch in späteren Lebensjahren,

wo er von seines Tagewerkes Last und Hitze in Palms ausruhte, sollte er

durch Zufall der Lebensretter eines Königssohnes werden. Er war eines

Tages auf der Jagd von seinen Begleitern abgekommen und an das Ufer

eines kleinen Flusses gerathen, da hörte er plötzlich ein seltsames

Sausen und Brausen in der Luft wie von einer heranfahrenden Hagelwolke.

Dennoch war, soweit das Auge reichte, der Himmel überall klar, von einer

Wolke nirgends eine Spur; als aber der Herr schärfer hinsah, bemerkte er

am südlichen Horizont ein schwarzes Klümpchen, welches rasch näher kam

und immer mehr aufschwoll -- es war die Ursache des vernommenen

Geräusches. Zu seinem Erstaunen wurde der Herr gewahr, daß die schwarze

Masse nichts Anderes war als ein ungeheuer großer Adler; in seinen

Fängen hing ein Kind, ob todt oder lebendig? wer konnte es wissen. Der

alte Herr schloß alsbald aus der Beschaffenheit des Adlers, daß es hier

nicht mit rechten Dingen zugehe, riß einen silbernen Knopf von seinem

Wamms, stieß ihn in die schon mit Pulver geladene Flinte, zielte und

schoß auf des Adlers Leib. Der schlimme Vogel ließ das Kind fahren und

suchte mit furchtbarem Flügelschlage das Weite. Das Kind fiel in den

Fluß, aber ein auf den Knall der Büchse herzugeeilter Diener sprang dem

Kinde nach und rettete es glücklich aus der neuen Gefahr. Am Halse des

Kindes hing an goldener Kette ein kleines goldenes Täfelchen auf welchem

eingegraben stand, daß das Kind ein Königssohn aus fernen Landen sei.

Der alte Herr sandte nun das Kind durch zwei zuverlässige Männer den

Eltern zurück, welche um den Verlust desselben in schwerer Sorge waren.

Der König bot nun dem Retter seines Kindes reiche Dankesgaben, die

jedoch der Herr von Pahlen nicht annahm, indem er sagte: für ein

gerettetes Menschenleben bedarf es keines zeitlichen Lohnes, denn ich

habe damit nur meine Pflicht gethan. Später ließ er an der Stelle, wo

das Kind in's Wasser gefallen war, eine Mühle bauen, welche noch

gegenwärtig die _Adlermühle_ genannt wird, doch besorge ich, daß heut zu

Tage unter den Besuchern der Mühle nicht Viele sind, welche zu sagen

wissen, wovon die Mühle ihren Namen erhalten hat.

o. Die Meermaid und der Herr von Pahlen.

Vor Zeiten erging sich einmal ein Herr von Pahlen am Strande des Meeres,

da sah er auf einem Steine eine Jungfrau sitzen, die bitterlich weinte.

Der Herr trat alsbald näher und fragte sie, was ihr fehle, daß sie so

bitterlich weine. Die Jungfrau sah ihn eine Weile mit thränenden Augen

an, seufzte tief auf, antwortete aber nicht. Da streichelte ihr der Herr

sanft Kopf und Wangen und fragte abermals mit liebreicher Rede: »Sage

mir deines Herzens Kummer, denn ich frage nicht zum bloßen Zeitvertreib,

sondern will, wenn irgend möglich, dir helfen und deine Thränen

trocknen.« Die Jungfrau erwiderte weinend: »Du bist ein sterblicher

Mensch, darum kannst du mir keine Hülfe bringen, da ich unter einem

höheren Gesetze stehe, aber da du freundlich gegen mich warst, so will

ich dir meine Noth klagen. Sieh, ich bin des _Meervaters_[80] einzige

Tochter und muß seine Befehle unweigerlich ausführen, wenn mir auch das

Herz zu springen droht und die Thränen mir aus den Augen stürzen. Heute

morgen erhielt ich den Befehl, vor Abende die Wellen hoch aufschäumen zu

machen und sie die Nacht durch im Toben zu erhalten. Denke ich daran,

wie viele Schiffe und Menschen da zu Grunde gehen werden, so kann ich

mein kummervolles Herz nicht beschwichtigen[81].« Der Herr forschte nun

weiter, weßhalb der Meeresvater ein so grauenvolles Spiel liebe, welches

Niemandem Nutzen bringe, worauf das Mädchen erwidertet: »Ich glaube, er

wirkt die Verzauberung der Wellen lediglich der _Windesmutter_ zum

Ergötzen, mit welcher er heimlich Freundschaft geschlossen hat und nach

deren Pfeife er jetzt tanzen muß. Wenn Jemand den Machtring mir vom

Finger ablösen könnte, so daß es mir unmöglich würde die Wellen zu

erregen, dann hätte der Vater von mir gar keine Unterstützung, sondern

müßte die häusliche Arbeit allein vollbringen.« Der Herr bat, den Ring

besehen zu dürfen, und fand daß derselbe ganz in's Fleisch hinein

gewachsen war, und daß keine Gewalt ihn abzuziehen vermochte. Nachdem

nun der Herr den Machtring eine Zeit lang betrachtet hatte, bat er die

Jungfrau, sie möchte ihm erlauben zu versuchen, ob es nicht möglich sei

den Ring durchzubeißen. »O, wenn dir das möglich wäre!« rief sie freudig

-- »dann würde ich dir ewig dankbar sein und dir reichen Lohn für deine

Mühe zahlen!« Darauf packte der Herr den Ring kräftiglich mit den

Zähnen, die Jungfrau schrie vor Schmerz auf -- ein Ruck! und der Ring

war mitten durchgebrochen. Jetzt fiel die Jungfrau dem Herrn um den

Hals, dankte und reichte ihm den durchgebissenen Ring mit den Worten:

»Nimm ihn zum Andenken und verliere ihn ja nicht, er wird dir Glück

bringen. Morgen sollst du den Lohn für deine Mühe empfangen.« Dann ging

sie singend und hüpfend dem Meere zu, setzte sich auf den Kamm einer

Welle und schwamm wie eine Wildgans bald so weit, daß der Herr sie aus

den Augen verlor.

Als der Herr am andern Morgen erwachte und die Augen weit aufthat,

standen zwei mit starken Eisenreifen beschlagene Tonnen vor seinem

Bette. Niemand konnte Auskunft darüber geben, wie die Tonnen dahin

gekommen waren, denn soviel das Gutsgesinde wußte, war keine fremde

Seele, weder am Abend noch am Morgen da gewesen, und in der Nacht waren

alle Thüren verschlossen geblieben. Die Tonnen wurden so schwer

gefunden, daß drei starke Männer sie nicht vom Flecke schieben,

geschweige denn aufheben konnten. Als man die Deckel aufbrach, fand sich

daß beide Tonnen bis zum Rande mit Silber gefüllt waren. »Gott sei

gedankt!« rief der Herr aus -- »jetzt kann ich meines Herzens Sehnsucht

stillen und den Armen Gutes thun!« Noch selbigen Tages ließ er die Leute

des Gebiets zusammenrufen und theilte jedem Gesinde eine Handvoll Geld

aus -- damit erschöpfte er die eine Tonne. Von der andern Tonne schenkte

er die Hälfte zu Kirchenbauten, die andere Hälfte der Stadt Reval, damit

ihre Ringmauern verstärkt würden. Daher also stammt der alte Reichthum

des Pahlenschen Gebiets, der sich bis auf den heutigen Tag erhalten hat.

[Fußnote 80: Offenbar identisch mit dem Bd. 1, S. 12 Anm. besprochenen

Ahti. Sehr bezeichnend ist die weiterhin vorkommende heimliche

Freundschaft des Meervaters mit der Windesmutter. L.]

[Fußnote 81: M. vgl. die ähnliche Empfindung der Tochter Prospero's in

Shakespeares »Sturm«. L.]

p. Der Kapellenbau.

Weil die Kathrinenkirche sehr weit war und zur Zeit der schlechten Wege

der Kirchenbesuch den Leuten sehr schwer fiel, ließ ein Herr von Pahlen

seinen Gebietsinsassen auf seine Kosten eine Kapelle aufbauen. Als das

neue Gotteshäuschen fertig war, machte es dem Herrn großen Kummer, daß

die Kapelle keine Glocke hatte und Glockengießer gab es damals bei uns

zu Lande nicht. Der Herr betete oftmals zu Gott, er wolle nach seiner

eigenen Fügung helfen, das halb gebliebene Werk durchzuführen. Da erhob

sich eines Tages ein heftiger Sturm auf dem Meere und brachte ein mit

reicher Fracht beladenes Schiff in große Gefahr. Der Schiffer gelobte in

der höchsten Noth, er wolle, wenn Gott ihnen helfe, lebendig das Ufer zu

erreichen, der nächsten Kirche zwei Glocken schenken. Nach einigen

Stunden legte sich der Sturm und das beschädigte Schiff erreichte

glücklich den Strand von Palms, wo es ausgebessert wurde; die Kapelle

aber erhielt auf diese Weise zwei schöne Glocken.

q. Ein Herr von Pahlen rettet Reval aus Feindeshand[82].

Reval, welches darum das jungfräuliche heißt, weil kein Feind es jemals

bezwungen hat, war einst einen ganzen Sommer hindurch von einem

feindlichen Heere umzingelt. Obgleich nun die rings um die Stadt

laufenden Mauern und Schanzen stark genug waren, den Feind abzuwehren,

so kam es doch mit der Zeit dahin, daß der Hunger die Bewohner quälte

und daß bei der von Tage zu Tage wachsenden Noth die Schwächeren schon

verzweifeln wollten. In dieser Bedrängniß wurde wieder ein _Pahlen_ ihr

Retter. Listiger Weise ließ er, als wollte er den hungernden Bewohnern

der Stadt Proviant zuführen, eine Frachtfuhre vom Laaksberge her in die

Nähe des feindlichen Lagers abgehen, wo denn die mit Lebensmitteln und

Bier beladenen Wagen sofort festgehalten wurden. Im Lager aber herrschte

nicht viel weniger Mangel als in der Stadt, weswegen die Kriegsleute

sich wie hungrige Wölfe auf den Proviant stürzten, so daß Niemand Zeit

hatte auf die Stadt viel Acht zu geben. Diesen kurzen Zwischenraum

suchte nun der Herr von Pahlen zur Rettung der Stadt zu benutzen. Er

ließ zur See einen gemästeten Ochsen nebst einigen Scheffeln Malz

heimlich in die Stadt bringen. Die Einwohner brauten nun alsbald

frisches Bier, brachten zur Nachtzeit große Kufen auf die Stadtwälle,

kehrten sie um und gossen das gährende Bier darauf, so daß der Schaum

über die Ränder floß. Dann wurde der Stier auf den Wall gelassen, der

brüllend umher lief und mit den Hörnern die Erde aufwarf. Als nun die

Feinde die schäumenden Bierfässer und den gemästeten Ochsen gewahr

wurden, da sank ihnen plötzlich der Muth: »Hol' euch der und jener!«

riefen die Kriegsleute -- »wer noch soviel Bier brauen und Mastochsen

auf den Wällen umherlaufen lassen kann, den können wir nicht durch

Hunger aus der Stadt treiben, vielmehr werden wir noch früher dem Hunger

verfallen als jene.« Am andern Morgen sah man wie der Feind das Lager

räumte und den Rückmarsch antrat; Reval aber war wiederum gerettet.

[Fußnote 82: _Rußwurm_, Sagen aus Hapsal &c. S. 28., theilt eine ähnliche

Geschichte mit, welche die Befreiung des von Polen belagerten Hapsals

behandelt. L.]

r. Der Frauen von Pahlen Todesboten.

Alte Leute erzählen, daß Gott den Frauen von Pahlen das besondere Glück

verlieh, daß er ihnen jedesmal, wenn das Scheiden aus dieser Welt

bevorstand, ihre Todesstunde voraus verkünden ließ. Dies geschah so, daß

sie einige Tage vor ihrem Tode sich selber erblicken mußten, sei es nun,

daß ihre eigene Gestalt ihnen irgendwo entgegentrat, oder auf demselben

Stuhle saß, wo sie täglich selbst zu sitzen pflegten oder vor ihren

Augen schlafend im Bette lag. Hatte eine Frau von Pahlen ihr eigenes

Bild auf diese Weise erblickt, so wußte sie, daß nach einigen Tagen ihr

Ende bevorstehe, denn es war mit ihren Müttern und Großmüttern ganz

ebenso gewesen. -- Einer dieser Frauen war ihr Ebenbild auf der Schwelle

erschienen und hatte sie mit betrübtem Blicke angesehen. Eine andere

wollte sich eben zu Tische setzen, als sie sich selbst schon auf ihrem

Stuhle sitzend gewahrte.

s. Der Heimgänger-Schütze[83].

Mein seliger Großvater erinnerte sich aus seinen Kinderjahren, wie noch

mancher von dem alten Herrn von Kersel zu erzählen wußte, der als

berühmter Heimgänger-Schütz keine nächtliche Wanderung anders unternahm

als mit einer Flinte bewaffnet, die mit silbernen Kugeln geladen war.

Rings um Kersel waren endlich alle diese Nachtgespenster fortgeschafft,

so daß sich keins derselben mehr getraute, sich vor den Menschen sehen

zu lassen, aber an andern Orten wurden sie noch häufig gefunden. So hat

einst der Prediger von Halljal[84] die Hülfe des seligen alten Herrn

angerufen, weil er, in der Nähe des Kirchhofes wohnend, Nachts keine

Ruhe hatte. Als der alte Herr hinkam, hatte er die ersten Nächte sehr

viel zu thun, ehe er dem Kirchhofe Ruhe schaffen konnte. Vier und fünf

Flintenschüsse wurden fast in jeder mondhellen Nacht vernommen, bis

endlich dem Schützen diese Vögel nicht mehr zu Gesicht kamen. Nur

spottete seiner doch noch eine Weile eine lange weibliche Gestalt,

welche jeden Abend beim ersten Hahnenschrei mitten auf dem Kirchhofe

über einem Grabe aufstieg, auf den Schuß des Herrn wie ein Nebel

verschwand, aber nach einigen Augenblicken wieder auf dem alten Flecke

war. Ein paar Dutzend silberner Kugeln hatte der Herr schon an sie

verschwendet, ohne dem Feinde beizukommen. Da erschien eines Tages ein

altes Väterchen vom Strande von Tolsburg[85] und schlug dem Herrn vor,

das die silbernen Kugeln nicht fürchtende Weibsbild den Wölfen[86]

entgegen zu jagen, wobei es gewiß sein Ende finden werde. »Ich habe«

-- sagte der Strandbewohner -- »einen mit Zauberkräutern beräucherten[87]

Hund, der sie von hier vertreiben und in die Flucht jagen wird, nur

müssen wir warten bis zum Monat Februar, wo die Wölfe ihre Brunstzeit

haben und ihrer viele beisammen sind.« -- Da der Herr keinen besseren

Anschlag gegen den Feind wußte, nahm er den Beistand des Strandbewohners

mit Dank an, und versprach bis zur angegebenen Zeit zu warten und dann

mit ihm und dem beräucherten Hunde auf die Jagd gegen die Heimgängerin

zu ziehen.

In einer mondhellen Februarnacht machte man sich auf, das Werk zu

vollführen. Einige Werst weit von der Kirche stand eine mit Heu gefüllte

Scheune. In diese stellte der Strandbewohner einen ihm bekannten

beherzten Mann mit einer tüchtigen dreizackigen eisernen Gabel zum

Wächter, damit er die vor den Wölfen die Flucht Nehmende zurückscheuche,

falls sie einen Zufluchtsort in der Scheune suchen würde. Eine gute

Stunde vor Mitternacht ging der Herr mit dem Strandbewohner auf den

Kirchhof, wo die bekannte Gestalt schon vor ihnen auf einem der Gräber

stand. Der Herr wollte nun zuerst noch ein Mal sein Heil mit der Flinte

versuchen, weswegen er diese stark lud und drei silberne Kugeln

hineinthat; dann zielte er gut und schoß los! -- die Gestalt verschwand,

stand aber im nächsten Augenblicke wieder vor ihnen. Jetzt wurde der

Hund darauf gehetzt, der die weiße Gestalt alsbald vom Kirchhof

verscheuchte und gerade nach dem Sumpfe zu trieb. Die Gestalt schwebte

voraus, der Hund war ihr bellend auf den Fersen. Nicht gar weit vom

Sumpfe kam eine Wolfsherde daher, es mochten ihrer mindestens zehn Stück

sein; der Hund kehrte um und die Wölfe waren gleich der Heimgängerin auf

den Fersen. Aber die weiße Gestalt schien wie Flügel unter den Sohlen zu

haben, so daß die Wölfe ihr durchaus nicht nachkommen konnten. Drei oder

vier Schritt vor der Scheune sprang sie wie ein Eichhörnchen mit einem

Satze durch die obere Thüröffnung in die Scheune, setzte sich auf die

Schwelle nieder und streckte die Füße hinauf, so daß sie über die Thür

hinausragten. Nach einiger Zeit langten auch die Wölfe hier an und

blickten mit glühenden Augen hinauf nach dem Sitze der Heimgängerin,

konnten aber an der Thür-Wand nicht hinan. Da höhnte sie die

Heimgängerin! Sie streckte abwechselnd den rechten und den linken Fuß

den Wölfen hin und rief dabei jedesmal: »Da! nehmt diesen Fuß! da! nehmt

den andern Fuß! keinen kriegt ihr: beides sind meine Füße[88]!« -- Der

hinter ihr aufgestellte Wächter sah das Spiel eine Zeit lang mit an,

packte dann mit beiden Händen die Gabel am Stiel und stieß mit einem

kräftigen Schlag das Gespenst kopfüber hinunter vor die Wölfe.

Augenblicklich zerrissen die Wölfe sie, so daß kein Fetzen von ihr

nachblieb.

Den andern Morgen ging der Herr mit dem Strandbewohner, die Stelle zu

besehen, wo in der Nacht die Wölfe der Heimgängerin das Garaus gemacht

hatten, allein sie fanden da keine andere Spur als ein handbreites Stück

eines feinen leinenen Gewandes und einen goldenen Ring. Als der Herr die

Inschrift auf der Innenseite des Ringes beobachtete, wurde sein Antlitz

bleich wie Schnee, denn in dem Ringe stand der Name einer benachbarten

Gutsfrau. Er fuhr sogleich hin und vernahm von dem Gesinde, daß in

diesem Augenblicke Niemand von den Herrschaften zu Hause sei. -- Nach

einigen Tagen aber kehrte der Herr des Gutes in Trauerkleidung allein

zurück und erzählte, die Frau sei plötzlich in Reval gestorben. Im

Frühjahr verkaufte er das Gut und zog in die Fremde, aus der er nimmer

wiederkehren mochte.

Nach dem Wegzug des Herrn lösten sich die Zungen der Leute; man erzählte

erst im Stillen, dann öffentlich, daß es mit der Frau nicht habe mit

rechten Dingen zugehen können, denn das ganze Gutsgesinde wußte gar

wohl, daß sie nicht _eine_ Nacht zu Hause geschlafen hatte, sondern, wenn

der Herr eingeschlafen war, räucherte sie ihm, wer weiß mit was für

Kräutern, unter die Nase, und ging dann im weißen Nachtgewande ihrer

Wege, von denen sie erst gegen Morgen zurückkam. Andere wieder

erzählten, daß die verstorbene Frau niemals Speise und Trank zu sich

genommen, sondern, wie von der Luft gelebt habe, wenn sie nicht etwa auf

ihren nächtlichen Wanderungen irgendwo an einem fremden Orte sich

gesättigt habe.

[Fußnote 83: Es wurden und werden vielleicht noch an vielen Orten

Estlands die Todten mit allerlei Dingen ausgestattet, die man als die

für das Jenseits unentbehrlichsten betrachtet, z. B. Nadel, Zwirn,

Kopfbürste, Seife und Brot, Branntwein, eine kleine Münze: Kindern legt

man wohl auch Spielzeug in den Sarg. Solche Verstorbene nun, welche in

dieser Beziehung vernachlässigt wurden, gehen als nächtliche Heimgänger

um und werfen den Angehörigen ihre Versäumniß vor. Boecler-Kreutzwald,

S. 68, 69, 111. Die Inselschweden an den estnischen Küsten wissen von

bösen Menschen, die aus ihren Gräbern zurückkommen, in den Stuben

lärmen, sich in allerlei Gestalten verwandeln, Menschen und Thiere

erschrecken u. s. w. Wenn der Hahn kräht, fliegen sie fort. Diese

Wiedergänger heißen schwedisch ådelaupas. S. Rußwurm Eibofolke Th. 2, S.

262 ff, wo eine Menge Sagen und Züge von diesen gespenstischen Wesen

gesammelt sind: Nach Ernst _Willkomm_ kennt der Inselfriese ebenfalls

Wiedergänger oder »Gonger«, Menschen, die in den Wellen ihren Tod

gefunden haben und in Gestalt und Haltung Ertrunkener früheren Bekannten

am Lande wieder erscheinen. S. dessen: Im Wald und am Gestade. Skizzen

u. Bilder Thl. 1, S. 173. Vgl. noch Rußwurm, Sagen aus Hapsal, S. 122.

Hurt, Beiträge zur Kenntniß estn. Sagen und Ueberlieferungen, Dorp.

1863, S. 21 ff. L.]

[Fußnote 84: In Wierland. L.]

[Fußnote 85: S. oben Anm. zu S. 167. L.]

[Fußnote 86: Diese sollen nach Wiedergängern sehr lecker sein; ein

schwed. Sprichwort sagt: Ohne die Wölfe wäre die Welt voller Trollen. S.

_Rußwurm_ Eibofolke, 2, 264. Rußwurm bemerkte auch daselbst, daß der Wolf

eine dunkle Erinnerung an den Fenriswolf sei, den Bruder der Hel (des

Todes), der die Seelen verschlingt. L.]

[Fußnote 87: Das Räuchern mit verschiedenen Kräutern wird von den Esten

in Fällen angewendet, wo man Einwirkungen böser Mächte voraussetzt, z.

B. wenn eine Kuh nicht ordentlich melkt, vgl. Kreutzwald-Boecler, S. 86

u. oben Märchen 10, S. 68. Hier ist der Hund gegen solche im Voraus

gefeit. L.]

[Fußnote 88: Aehnlich neckt der Geist die Wölfe in der von _Rußwurm_

Eibofolke § 388, 6 (Th. 2, S. 264) beigebrachten Erzählung aus Worms.

L.]

Ehstnische Märchen. Zweite Hälfte · 第 21 / 22 题