17. Die nächtlichen Kirchengänger.

Meines Großvaters Vetter lebte als junger Mensch in einem Bauerhofe

unweit der Kirche, die im Winter nicht ganz zwei Werst entfernt war,

weil der Weg dann über den gefrorenen Morast führte. An einem

Weihnachts-Samstag-Abend legten sich die Bewohner des Hofes zeitig

schlafen, weil sie am ersten Festtag in der Morgenfrühe aufstehen und

zur Kirche gehen wollten, wo an diesem Tage der Gottesdienst bei

Kerzenschein gehalten wurde. Der Hofbesitzer erwachte von Allen zuerst,

ging hinaus um nach dem Wetter zu sehen, und gewahrte, daß die

Kirchenfenster schon im Lichterglanz strahlten. Als er wieder in's

Gemach trat, weckte er die Leute aus dem Schlafe: »Steht auf, wir haben

zu lange gesäumt; die Lichter in der Kirche sind schon angezündet.« Da

brannte es den Leuten unter den Sohlen, alle sprangen vom Lager auf,

wuschen sich, und zogen sich an; die Jüngeren machten sich dann zu Fuße

auf, während die Andern die Pferde anspannten und ihnen nachfuhren. Das

Nebelwetter gönnte ihnen nicht viel Sternenlicht -- aber die von

Kerzenlicht erhellte Kirche stand da wie eine geschmückte Jungfrau, und

war ihnen ein leuchtender Wegweiser. Als sie näher kamen, tönte ihnen

der Gesang der in der Kirche Befindlichen entgegen; derselbe schien aber

etwas Fremdartiges zu haben. Die Kirchenthüren standen weit offen und

die Kirche schien gedrängt voll von Menschen, dennoch war nicht ein

einziges Gespann in der Nähe zu sehen. Die Männer schritten nun voran,

in der Hoffnung, doch in dem Gedränge noch irgendwo Platz zu finden

-- die Weiber gingen hinterdrein. Als die Männer eben an die Kirchenthür

gekommen waren und den Fuß über die Schwelle setzen wollten, verstummte

der Gesang und die Lichter erloschen plötzlich, sodaß die Kirche mit

einem Male stockfinster war[49]. Ein fremder Mann kam ihnen an der

Kirchenthür entgegen und sagte: »Ihr mit geweihtem Wasser getauften

Leute habt hier jetzt nichts zu schaffen! jetzt ist _unsere_ Kirchenzeit;

euer Gottesdienst beginnt erst am Morgen!« -- Die Leute sahen einander

an und wußten nicht was sie von dem wunderlichen Vorfall halten sollten;

da wurde die Kirchenthür von innen geschlossen und jetzt war kein

besserer Rath als wieder nach Hause zu gehen, weil weder Prediger noch

Küster schon Feuer auf dem Heerde hatten. Der fremde Mann aber nahm

meines Großvaters Vetter bei der Hand, führte ihn einige Dutzend

Schritte von den Andern abseits hinter eine Kirchenecke und flüsterte

ihm zu: »Komm drei Tage vor Johannis-Samstag um Mitternacht hierher, so

will ich dir den Weg zum Glücke zeigen; aber laß gegen Niemand das

Geringste von meiner Einladung verlauten, sonst könntest du zu Schaden

kommen.« Mit diesen Worten war er auch verschwunden. Beim Nachhausegehen

fiel der Nebel und der Himmel klärte sich auf, so daß die Sterne

schimmerten, und am Stande derselben erkannten die Männer, daß

Mitternacht angebrochen sei, was auch der Hahnenschrei ankündigte, der

ihnen vom Hause her entgegen tönte. Die Aelteren legten sich noch einmal

zu Bette, während das junge Volk wach blieb, um den Anbruch des Tages zu

erwarten. Erst nach einigen Stunden war die rechte Kirchenzeit

angebrochen und man machte sich von Neuem auf. Die Leute erzählten

später dem einen und dem andern ihrer Bekannten von dem Kirchgange in

der Weihnachtsnacht, so daß sich die Sache herum sprach und zuletzt auch

dem Geistlichen zu Ohren kam. Der Geistliche ließ die Männer zu sich

berufen, fragte sie genau über den Vorfall aus und verbot ihnen dann

weiter davon zu reden, da ihr vermeintlicher Kirchgang in der

Weihnachtsnacht nichts weiter gewesen sein könne als ein lebhafter

Traum. Obgleich nun die Männer ihrerseits das klare Bewußtsein hatten,

daß sie wirklich zur Kirche gegangen waren und mit wachen Augen die

Sache erlebt hatten, so mochten sie doch nicht länger mit ihrem Prediger

streiten, sondern versprachen zu schweigen. Aber was half das jetzt

noch, da das Gerücht schon nach allen Seiten hin ausgesprengt war und

sich von Tag zu Tage weiter verbreitete. Eben so gut kannst du die Luft

greifen, als das einmal losgelassene Gerede der Leute wieder bannen.

Meines Großvaters Vetter war anfangs fest entschlossen den ihm

angegebenen Glückspfad aufzusuchen, allein je näher die Zeit

heranrückte, desto mehr sank ihm der Muth. Konnte er doch nicht darüber

in's Klare kommen, wer der Einladende oder wer die nächtlichen

Kirchengänger gewesen, und wie weit ein Christenmensch ihnen trauen

durfte? Ja, wäre es ihm vergönnt gewesen, mit einem andern zuverlässigen

Manne sich zu berathen, wer weiß ob seine Zweifel nicht geschwunden

wären, aber daß ihm der fremde Mann eingeschärft hatte, die Sache geheim

zu halten, machte ihm eben die meiste Pein. Er hatte sich schon mit dem

Gedanken vertraut gemacht, von dem Versuche abzustehen, als vierzehn

Tage vor Johanni sich etwas Unerwartetes zutrug, was ihn wieder anderen

Sinnes machte. Als er nämlich eines Abends nach Sonnenuntergang nach

Hause ging, fand er ein fremdes altes Mütterchen am Wege sitzen. Der

Mann grüßte und wollte vorübergehen, aber die Alte fragte ihn, weßhalb

er denn in so tiefen Gedanken sei, daß er wie im halben Traume

einhergehe. -- Unser Freund getraute sich nicht die Frage der Alten zu

beantworten, weil er die Wahrheit nicht sagen _konnte_ und nicht lügen

_wollte_. Die Alte schien indeß seine Gedanken zu errathen, als sie

fragte: »Willst du mir nicht deine Hand zeigen, Söhnchen, damit ich sehe

was dein Herz drückt und ich dir einen guten Rath geben kann?« -- Der

Mann stand unschlüssig und wußte nicht ob er das Verlangen der Alten

erfüllen sollte oder nicht. Die Alte aber fuhr freundlich fort: »Fürchte

nichts! ich will ja nicht in schlimmer Absicht deine Hand besehen; ich

wünsche nur dein Glück und das kannst du wahrlich brauchen, weil du noch

jung und unerfahren bist und die größere Hälfte deines Lebens noch vor

dir hast. Prophezeiung künftiger Geschicke kann dem Menschen bisweilen

von Nutzen sein; sollte ich in deiner Handfläche etwas finden, was

besser verborgen bliebe, so werde ich's dir verschweigen.« »Nein, nein!

Goldmütterchen!« rief meines Großvaters Vetter, »verkünde mir Alles, es

sei gut oder schlimm, ich werde nicht vor dem erschrecken was mir

auferlegt ist!« und damit reichte er der Alten die Hand zur

Besichtigung. Die Alte setzte ihre Brille auf die Nase und begann in

seiner Hand zu lesen. Die Züge mußten wohl etwas verworren sein, denn

erst nach geraumer Zeit gab sie dem Wartenden folgenden Bescheid: »Du

bist ein ausgemachtes Glückskind, dir steht ein großes Glück nahe bevor,

wenn du gescheidt genug bist, das Glück so bei den Hörnern zu packen,

daß es dir nicht mehr entrinnen kann. Deine Besorgniß wegen des

unbekannten Mannes ist grundlos, du kannst ihm dreist vertrauen, weil er

dein Glück wünscht und keinen Vortheil für sich sucht. Geh ohne Furcht

dahin, wohin du gerufen wirst, Böses hast du dort nicht zu fürchten. Nur

dein eigenes Herz kann dir einen Streich spielen; hüte dich vor Bedenken

und Zweifeln und erfülle zuversichtlich, was weisere Leute dir anrathen.

Aber wenn du einmal auf die Freite gehst, dann mache deine Augen auf,

sonst stürzest du in's Unglück. Ein glattes Ei hat oft einen faulen Kern

und deine Ehestandslinien laufen etwas verworren. Durch Vorsicht kannst

du dich aus allen Schlingen lösen. Mehr darf ich dir heute nicht sagen,

aber wenn wir einmal wieder zusammentreffen sollten, wirst du mir sicher

für meine Anleitung danken.« -- Der Mann griff in seine Tasche, und

wollte einige Kopeken heraus nehmen, um sie der Alten für ihre Mühe zu

geben, aber die Alte verstand die Bewegung und rief abwehrend: »Biete

mir kein Geld an, ich nehme es von Niemandem; ich verkünde alle meine

Sprüche den Leuten umsonst, weil ihr Glück meine höchste Belohnung ist.«

Sie erhob sich, nahm Abschied und ging so raschen Schrittes von dannen,

wie ein junges Mädchen, so daß sie wie der Blitz verschwunden schien.

Obgleich nun meines Großvaters Vetter die ganze Geschichte mehr für Spaß

als Ernst nahm, so fühlte er sich doch bedeutend erleichtert, es war

ihm, als ob ihm ein Stein vom Herzen gefallen wäre, und er war nun fest

entschlossen, den gewiesenen Glücksweg aufzusuchen.

Drei Tage vor Johannis-Samstag schlug er spät Abends den Weg zur Kirche

ein, damit er um Mitternacht anlange; je näher er kam, desto unruhiger

schlug ihm das Herz, es war wie wenn ihm Jemand in's Ohr riefe: »du bist

nicht auf dem rechten Wege.« Auch hätte nicht viel gefehlt, daß er

wieder umgekehrt wäre. Da erhob sich ein schöner Gesang in den Lüften

und er vernahm die Worte:

»Weiche nicht vom Weg des Glückes,

Fürchte nichts und bange nimmer!

Dich beschirmen Schutzesgeister.

Deiner warten Glückesloose:

Weiche nicht vom Weg des Glückes.«

Durch diesen Gesang fühlte er seinen Muth wachsen, ging rascheren

Schrittes weiter und kam bald an die Kirchenthür, welche geschlossen

war. Von der linken Seite kam hinter einer Kirchenecke ein fremder Mann

hervor und sagte: »Vortrefflich, daß du meinem Rufe gefolgt bist; ich

habe schon eine Weile gewartet und fürchtete, du würdest nicht mehr

kommen und es würde mir unmöglich werden, weiter mit dir zu reden. Unser

nächtlicher Weihnachts-Kirchgang[50] findet immer nach je sieben Jahren

statt; meist zu einer Zeit, wo alle Menschen noch schlafen, weshalb ich

auch bis jetzt noch Niemanden gefunden habe, dem ich den Glücksweg hätte

zeigen können. Meine Zeit ist kurz, die Eule ruft mich beim Hahnenschrei

nach Hause. Gieb genau Acht auf das was ich dich lehre, merke dir jedes

Wort und handle nach meiner Anweisung. Auf eurem Heuschlag ist eine

kleine Erhöhung, welche die Leute den Grabhügel nennen; da wachsen drei

Wachholderbüsche, und unter dem mittleren liegt ein unermeßlicher

uralter Schatz vergraben: du kannst ihn heben, wenn du dich mit den

Hütern des Schatzes abzufinden weißt, und zu dem Ende genau so

verfährst, wie ich dir jetzt sagen will. Verschaffe dir drei schwarze

Thiere, ein befiedertes und zwei behaarte, schlachte sie den Hütern der

Geldgrube und trage Sorge, daß von dem Sühnungsblut kein Tropfen

verloren gehe, vielmehr Alles den Hütern zufließe und ihr Herz für dich

erweiche. Dann schabe von deiner Brustspange etwas feinen Silberstaub

auf das Blut, damit der Silberglanz über dem Rasen sich mit demjenigen

unter dem Rasen begegne und dadurch den Weg zeige. Darauf schneide von

dem Wachholderbusch eine drei Spannen lange Ruthe, tunke die Spitze

derselben drei Mal in das Opferblut auf dem Rasen und schreite neun Mal

von Morgen gegen Abend um den Wachholderbusch herum; nach jedem Umgange

aber schlage drei Mal mit der Ruthe auf den unter dem Busche

befindlichen Rasen und bei jedem Schlage rufe: Igrek! Beim neunten

Umgange wird von unten her Geldgeklapper an dein Ohr schlagen, und wenn

der Gang beendigt ist, so wird dir Silberglanz entgegen schimmern. Dann

kniee nieder, lege den Mund an den Rasen und rufe neun Mal _Igrek!_ so

fängt der Kessel an sich zu heben. Warte dann ruhig bis er heraufsteigt.

Ehe dies geschieht, wird dir manches Unheimliche zu Gesichte kommen,

wovor du dich nicht zu fürchten noch zu erschrecken brauchst, weil diese

Dinge dir nichts Böses zufügen können, wenn du muthig bleibst. Sie haben

weder Körper noch Seele, sondern sind leere Schattenbilder,

hervorgerufen um den Muth eines Mannes zu prüfen, ob dieser auch das

Glück verdient, daß ihm der Schatz ausgeliefert werde. Solltest du bei

ihrem Anblick die mindeste Furcht zeigen, so kannst du dir nur getrost

die Hände waschen, weil dann doch von dem Schatze nichts hineinkommen

wird. Am Abend des Johannis-Samstags, wenn ringsum die Feuer brennen und

die Leute sich beim Scheine derselben belustigen[51], mußt du mit den

drei schwarzen Thieren an die Geldgrube gehen. Den dritten Theil des

gefundenen Geldes mußt du unter die Armen vertheilen, weil du an dem

Uebrigen noch ganz genug behältst.« Diese Belehrung wiederholte der

fremde Mann Wort für Wort drei Mal, damit sie sich unserm Freunde

einprägen und ein Versehen nicht vorkommen sollte. Als beim dritten Male

eben das letzte Wort aus seinem Munde gekommen war, verkündete des

Küsters Hahn Mitternacht und alsbald war der Sprechende den Augen des

Hörenden entschwunden, als wäre er weggeblasen. Ob er in die Luft

gefahren oder in den Boden gesunken war, darüber konnte der Zeuge keine

sichere Auskunft geben.

Meines Großvaters Vetter machte sich am folgenden Tage auf, um die drei

bezeichneten Thiere zu suchen, fand auch glücklich einen schwarzen Hahn

und eben solchen Hund auf dem Nachbardorfe und fing in der Nacht einen

Maulwurf; diese Thiere hielt und fütterte er zu Hause, bis die Zeit

gekommen war, zur Geldgrube zu gehen. Am Abend des Johannis-Samstags,

als die Sonne untergegangen war und alle Leute aus dem Dorf zum

Johannisfeuer gegangen waren, steckte er den Maulwurf in den Sack, nahm

den schwarzen Hahn unter den Arm, band dem schwarzen Hunde einen Strick

um den Hals, damit er nicht davon liefe und ging dann in aller Stille

fort, um auf dem Glückswege dem Schatze nachzuspüren. In der hellen

Sommernacht waren alle Gegenstände deutlich sichtbar. Um Mitternacht

begann er seine Arbeit angewiesener Maßen, schlachtete erst den Hahn,

dann den Maulwurf und endlich den Hund, trug Sorge, daß auch der letzte

Blutstropfen auf den ihm bezeichneten Rasenfleck floß, schabte von

seiner Brustspange Silberstaub und schüttete ihn auf das Blut, und

schnitt dann eine drei Spannen lange Wachholderruthe aus dem Busch,

tunkte die Spitze derselben dreimal in den blutigen Rasen und begann

darauf den neunmaligen gegen Morgen gewendeten Umgang; schlug auch bei

jedem Gange dreimal auf den Rasen unter dem Busche und rief bei jedem

Schlage: »Igrek!« Beim achten Gange schlug Geklapper von Geld an sein

Ohr und beim neunten schimmerte ihm Silberglanz in's Auge. Da warf er

sich nach dem neunten Gange auf dem Rasen auf die Knie und rief neunmal

in den Boden hinein: »Igrek.« Plötzlich stieg unter dem Wachholderbusche

ein feuerrother Hahn mit goldenem Kamme auf, schlug mit den Flügeln,

krähte und flog davon. Hinter dem Hahn her schleuderte der Boden dem

Manne ein Külimit[52] Silbergeld vor die Füße. Dann erschien eine

feuerrothe Katze mit langen Goldkrallen unter dem Wachholderbusch,

miaute und rannte davon, hinter ihr spie die Erdöffnung abermals ein

Külimit Silbergeld dem Manne vor die Füße, was sein Herz mit Freude

erfüllte. Darauf erhob sich ein feuerrother Hund mit goldenem Kopf und

Schwanz aus dem Busche, bellte ein paar Mal und lief davon; mehrere

Külimit Silberrubel flogen hinter ihm her aus dem Boden dem Manne vor

die Füße. In derselben Weise kamen der Reihe nach ein feuerrother Fuchs

mit goldenem Schwanz, ein feuerrother Wolf mit zwei goldenen Köpfen, ein

feuerrother Bär mit drei goldenen Köpfen aus dem Busche und hinter

jeglichem Thiere wurde eine immer größere Masse Geld auf den Rasen

geschleudert, hinter dem Bären fielen nach des Mannes Schätzung ein Paar

Loof (Scheffel) vor ihm nieder, wodurch denn der Haufe schon die Höhe

eines kleinen Heuschobers (»Sade«) erreichte. Nach dem Verschwinden des

Bären erhob sich ein Gebrause und Getöse unter dem Busche, als ob

funfzig Schmiede-Bälge arbeiteten. Dann aber kam aus dem Gebüsche hervor

ein schauerlicher großer Kopf zum Vorschein, der halb menschliche halb

thierische Bildung zeigte: das Geschöpf hatte neun fußlange goldene

Hörner am Kopfe und zwei ellenlange goldene Hauer im Maule. Noch

schauerlicher als die Gestalt waren die Feuerfunken die wie von

glühendem Eisen aus Maul und Nasenlöchern sprühten und das Getöse

verursachten. Der Mann glaubte, die Funken müßten ihn jeden Augenblick

verbrennen und als jetzt das Ungethüm immer höher heraufstieg und dabei

den Kopf gegen ihn wandte, ließ ihm das Entsetzen nicht mehr Zeit, sich

des fremden Mannes Vorschrift in's Gedächtniß zu rufen. Vielmehr ergriff

meines Großvaters Vetter die Flucht, wobei ihm die Haare am ganzen Leibe

wie Borsten in die Höhe starrten. Auf der Flucht spürte er noch eine

Weile des Gespenstes feurigen Athem im Nacken und dankte seinem Glücke,

daß die Beine ihn nur weiter trugen. Auch hatte er nicht Zeit rückwärts

zu sehen, da der Feind ihm unaufhörlich auf den Fersen saß und ihm

jeden Augenblick das Garaus machen konnte. So rannte er aus

Leibeskräften, daß ihm die Brust zu springen drohte, bis er endlich

seinen Hof erreichte, wo er wie todt niederfiel. Erst am Morgen weckten

ihn die Sonnenstrahlen -- ob aus dem Schlafe oder der Ohnmacht, wer

konnte es wissen? Der Kopf war ihm schwer und betäubt, so daß eine

geraume Zeit verging, ehe er sich von dem nächtlichen Begegniß klare

Rechenschaft geben konnte. Dann aber war es sein erstes Geschäft, aus

der Klete drei sechslofige Säcke zu nehmen und damit zu dem Hügel zu

gehen, um das in der Nacht auf den Rasen geschleuderte Geld zu sammeln,

ehe Andere ihm zuvorkämen. Da fand er wohl alle drei Wachholderbüsche an

der alten Stelle, auch die Leichname der drei geschlachteten Thiere und

die Wachholderruthe, aber weder Geld noch die leiseste Spur davon, daß

in der Nacht ein Geldhaufen auf dem Rasen gelegen hatte. Auch war nicht

das geringste Merkmal von der Oeffnung vorhanden, zu welcher die Thiere

und das Geld herausgekommen waren. Hätten nicht die Leichname der

geschlachteten Thiere bekräftigt, was in der Nacht geschehen war, so

hätte man das Ganze für einen Traum halten können. Sicher war das Geld

wieder unter die Erde zurückgewandert, wo es vielleicht noch bis heute

auf einen kühneren Mann wartet, der vor schauerlichen Schattenbildern

nicht die Flucht ergreift, sondern den Schatz hebt.

Wie es mit der zweiten Vorhersagung der Alten später geworden, ob sie

wahr oder falsch gewesen, davon weiß ich nichts zu berichten. Wiewohl

der Vetter meines Großvaters von seinem Schatzhebungs-Versuche oftmals

sprach, so ließ er doch nie ein Wort von seiner Freite und dem was ihm

hiebei begegnete, verlauten. Möglich, daß ihm auf seiner ehemaligen

Laufbahn Manches in die Quere kam, was er Andern nicht mittheilen

mochte, indem er es vorzog sein Kreuz in Geduld allein zu tragen.

[Fußnote 49: Wörtlich: sackfinster. L.]

[Fußnote 50: Die Esten unterscheiden zwischen wanad jõulud alte

Weihnacht und uued jõulud neue Weihnacht. Die letzteren sind identisch

mit Neujahr, so daß in vorchristlicher Zeit das estnische Jahr um

Weihnacht begonnen haben muß, wie in Skandinavien und Deutschland. Die

Benennung jõulud kommt dem nord. Julfest zu nahe, als daß man den

Zusammenhang beider Namen bezweifeln könnte. (Vgl. _Boecler-Kreutzwald_

der Ehsten abergl. Gebr. S. 92 u. 93. Rußwurm Eibofolke § 340).

Uebrigens ist in diesem Märchen, wie in manchen andern der Sammlung eine

gewisse Sympathie für die heidnischen Erinnerungen noch nicht erloschen

-- ein Bestreben, die heidnischen Anschauungen gegenüber dem

Christenthum noch nicht ganz fallen zu lassen. Der estnische Landmesser

J. Lagus in Walk, dem wir die Aufnahme alt-estnischer Gebets- und

Zauberformeln verdanken, erhielt (1849) über den »Versöhnungsglauben

oder Taaradienst« folgende Auskunft: Der Versöhnungsglauben oder

Taaradienst war vor dem Mönchsglauben, und zu des Mönchsglauben Zeit

ward in den Kirchen in lateinischer Sprache gelesen und die Mönche

fürchteten des Versöhnungsglaubens Zauberer (Weise) sehr, welche die

alten Gebete und Opferworte verstanden. Vgl. _Kreutzwald_ und _Neus_, myth.

und mag. Lieder der Ehsten S. 11 u. 12. L.]

[Fußnote 51: Am Jõulofeste, das zugleich ein Todtenfest, mußte die

größte Ruhe und Stille beobachtet werden, während im Gegensatze dazu am

Sommerfest um Johannis Alles seine Freude laut äußerte. S.

Kreutzwald-Boecler S. 86 u. 87. Vgl. Kreutzwald und Neus myth. und mag.

Lieder der Ehsten S. 61. L.]

[Fußnote 52: S. Anm. zu Bd. 1, S. 178.]

Ehstnische Märchen. Zweite Hälfte · 第 18 / 22 题