Vor Zeiten ging ein Mann in den Wald, Bäume zu fällen. Er kam zur Birke
und wollte sie umhauen; als die Birke die Axt sah, flehte sie kläglich:
»Laß mich leben! Ich bin noch jung und habe eine Schaar von Kleinen
hinter mir, die um meinen Tod weinen würden.« Der Mann ließ sich
erbitten und kam zur Eiche; er wollte die Eiche umhauen. Als die Eiche
die Axt sah, flehte sie kläglich: »Laß mich noch leben! ich bin noch
frisch und stark, meine Eicheln sind alle noch unreif und taugen nicht
zur Saat. Wo sollen die kommenden Geschlechter den Eichwald hernehmen,
wenn meine Eicheln zu Grunde gehen?« Der Mann ließ sich erbitten und kam
zur Esche, sie umzuhauen. Als die Esche die Axt sah, flehte sie
kläglich: »Laß mich noch leben! Ich bin noch jung und habe erst gestern
ein junges Weib gefreit, was soll aus der Armen werden, wenn ich falle?«
Der Mann ließ sich erbitten und kam zum Ahorn, den er umhauen wollte.
Der Ahorn aber flehte kläglich: »Laß mich noch leben, meine Kinder sind
noch klein, alle noch unerzogen, was soll aus ihnen werden, wenn ich
umgehauen werde?« Der Mann ließ sich erbitten und kam zur Erle, die er
nun umhauen wollte. Als die Erle die Axt sah, flehte sie kläglich: »Laß
mich leben! ich habe gerade meinen weißen Ueberzug[46] und muß viele
kleine Geschöpfchen mit meinem Safte ernähren, was soll aus ihnen
werden, wenn ich umgehauen werde?« Der Mann ließ sich erbitten und kam
zur Espe; er wollte die Espe umhauen. Die Espe aber flehte kläglich:
»Laß mich leben! Der Schöpfer hat mich geschaffen, daß ich mit meinen
Blättern im Winde raschle und Nachts die Frevler auf ihrem bösen Wege
schrecke. Was sollte aus der Welt werden, wenn ich umgehauen würde?« Der
Mann ließ sich erbitten, kam zum Faulbaum und wollte ihn umhauen. Als
der Faulbaum die Axt sah, flehte er kläglich: »Laß mich leben! Ich bin
noch in Blüthe und muß der Nachtigall Schatten geben, daß sie auf meinen
Zweigen singe. Wo fänden denn die Leute schönen Vogelsang, wenn die
gefiederten Sänger unser Land verließen, weil ich umgehauen werde?« Der
Mann ließ sich erbitten und kam zur Eberesche; er wollte die Eberesche
umhauen. Die Eberesche aber flehte kläglich: »Laß mich leben! Ich stehe
jetzt eben in der Blüthe, aus ihr sollen die Beerentrauben entstehen,
die im Herbst und im Winter den Vögeln Atzung geben müssen. Was sollte
aus den armen Thierchen werden, wenn ich umgehauen würde?« Der Mann ließ
sich erbitten und dachte bei sich: wenn mit dem Laubholze nichts
anzufangen ist, so will ich mein Heil beim Nadelholze versuchen. Er kam
zur Fichte und wollte sie umhauen. Als die Fichte die Axt sah, fing sie
gleich an kläglich zu bitten: »Laß mich leben! Ich bin noch jung und
kräftig und muß Zweige treiben, um Sommers und Winters zu grünen den
Menschen zur Lust. Wo sollten sie ein schattiges Obdach finden, wenn ich
umgehauen würde?« Der Mann ließ sich erbitten, kam zur Kiefer und wollte
die Kiefer umhauen. Aber als die Kiefer die Axt sah, flehte sie
kläglich: »Laß mich leben! Ich bin noch jung und kräftig und muß mit der
Fichte zusammen ohne Unterlaß grünen; es wäre Schade, wenn ich umgehauen
würde.« -- Der Mann ließ sich erbitten, kam zum Wachholder und wollte
ihn umhauen. Der Wachholder aber flehte kläglich: »Laß mich leben! Ich
bin der allergrößte Schatz des Waldes und ein Segenspender für Alle,
weil man mich gegen neun und neunzig Krankheiten brauchen kann. Was
sollte aus Menschen und Thieren werden, wenn ich umgehauen würde?«
Der Mann läßt sich auf dem Rasen nieder und denkt bei sich: Die Sache
kommt mir höchst wunderbar vor, jeder Baum hat seine Zunge und hat
Bittreden auf der Zunge, mit denen er gegen seine Zerstörung sich
sträubt; was soll ich machen, wenn ich nirgends mehr Bäume finde, die
sich ruhig umhauen lassen? Mein Herz kann ihren Bitten nicht
widerstehen. Hätte ich kein Weib daheim, so ginge ich mit leeren Händen
zurück. Da tritt aus der Tiefe des Waldes her ein alter Mann mit langem
grauem Barte, angethan mit einem Hemde von Birkenrinde und einem Rocke
von Fichtenrinde[47] vor unseren Freund hin und fragt: »Was sitzest du
denn so mißmuthig da auf dem Grase? hat dir Jemand etwas Böses
zugefügt?« Der Gefragte erwidert: »Wie sollte ich nicht mißmuthig sein?
Ich nahm heute Morgen meine Axt, ging in den Wald und wollte Nutzholz
fällen, um es nach Hause zu führen, aber o Wunder! da finde ich
plötzlich den ganzen Wald belebt, jeder Baum hat seinen Verstand im
Kopfe und seine Zunge im Munde, und weiß sich mit Bitten zu wahren. In
mir ist kein Tropfen Blut, der ihrem Flehen zu widerstehen vermöchte.
Werde aus mir was da wolle, ich kann lebende Bäume nicht zerstören.« Der
Alte sieht ihn mit freudevollen Blicken an und spricht: »Ich danke dir,
Bauer, daß du deine Ohren vor dem Flehen meiner Kinder nicht
verschlossen hast; dir soll aus dieser Mildherzigkeit kein Schade
erwachsen; ich will sie dir vergelten und Sorge tragen, daß es dir in's
Künftige an nichts gebreche. Die nicht vergossenen Blutstropfen meiner
Kinder sollen dir Glück bringen; nicht blos an Brenn- und Nutzholz soll
es dir niemals fehlen, sondern auch in anderen Dingen soll Segen in dein
Haus kommen, so daß du fortan nichts weiter zu thun haben wirst, als
kund zu geben was dein Herz begehrt. Nur mußt du dich hüten, daß deine
Wünsche das Maß nicht überschreiten, und auch deiner Frau und deinen
Kindern schärfe ein, daß sie ausschweifende Wünsche bezähmen müssen;
ihre Wünsche dürfen sich nicht über das Mögliche hinaus erstrecken. Es
würde sich sonst das erwartete Glück in Unglück verkehren. Da, nimm
diese Goldruthe und hüte sie wie deinen Augapfel!« Mit diesen Worten gab
er dem Manne eine Goldruthe, die einige Spannen lang und so dick wie
eine Stricknadel war, und gab dazu die Belehrung: »Wenn du ein Haus
aufführen oder sonst eine nothwendige Arbeit vollbringen willst, so geh
an einen Ameisenhaufen und schwinge deine Ruthe dreimal gegen denselben,
schlage aber nicht hinein, um den kleinen Geschöpfen nicht zu schaden.
Dabei befiehl ihnen, was sie thun sollen und du findest den nächsten
Morgen die Arbeit gethan, wie du sie gewünscht hattest. Begehrst du
Speise, so nöthige mit der Ruthe den Grapen, daß er dir bereite, was du
wünschest. Willst du zur Speise noch Naschwerk, so zeige die Goldruthe
den Bienen und heiße sie an die Arbeit gehen, und sie werden dir mehr
Honigwaben bringen, als du sammat deinem Hausgesinde verzehren kannst.
Willst du Saft, so gebiete der Birke und dem Ahorn, sie werden dein
Gebot alsbald erfüllen. Die Erle wird dir Milch geben, der Wachholder
Gesundheit bringen, wenn du sie in dieser Art dazu anhältst. Fisch-und
Fleischgerichte wird dir der Grapen alle Tage kochen, ohne daß du erst
etwas Lebendes zu tödten brauchtest. Willst du Leinewand, seidene oder
wollene Kleider, so gebiete den Spinnen, sie werden dir Zeuge weben ganz
wie du sie wünschest. Dergestalt wird es dir künftighin an nichts
fehlen, sondern du wirst Alles zur Genüge haben, zum Lohn dafür, daß du
auf die Bitten meiner Kinder hörtest und sie am Leben ließest. Ich bin
des _Waldes Vater_[48], den der Schöpfer zum Herrscher über die Bäume
verordnet hat.« Darauf nahm der Alte Abschied und verschwand vor des
Mannes Augen.
Der Mann aber hatte eine schlimme Frau, die ihm schon auf dem Hofe
belfernd wie ein böser Hund entgegen kam, als sie den Mann mit leeren
Händen aus dem Walde zurückkommen sah. »Wo bleibt das Holz, welches du
bringen solltest?« schrie das Weib; der Mann erwiderte ruhig: »es bleibt
im Walde und wächst.« Zornig fuhr das Weib ihn an: »O hätten doch alle
Birkenreiser sich zu Ruthenbündeln zusammengebunden und dein träges Fell
gegerbt.« Der Mann schwang heimlich die Goldruthe und sprach, ohne daß
die Frau es hörte: »Der Wunsch erfülle sich an dir!« Da fing das Weib
plötzlich an zu schreien: »Ai, ai! ai, ai! o wie weh! ai, ai! das geht
durch Mark und Bein! ai, ai! Gnade, Gnade!« So schreiend sprang sie von
einem Ort zum andern, und faßte bald hier, bald dort nach ihrem Leibe,
als hätte ein schmerzhafter Ruthenstreich die Stelle getroffen. Als der
Mann glaubte, daß es genug der Strafe sei, gab er der Goldruthe den
entsprechenden Befehl. An diesem ersten Versuche erkannte er, was für
ein herrliches Geschenk der Waldesvater ihm gemacht hatte, da ihm in der
Glücksruthe zugleich eine Zuchtruthe für seine Frau geworden war. -- Er
hatte auf seinem Hofe eine alte halb verfallene Klete, und wollte darum
noch selbigen Tages die Kraft der Ameisen im Häuserbau erproben. So ging
er an den Ameisenhaufen heran, schwang dreimal die Goldruthe und rief:
»Macht mir eine neue Klete auf dem Hofe!« Als er am andern Morgen
aufstand, fand er die Klete fertig. Wer konnte wohl jetzt glücklicher
sein als unser Freund? Die Bereitung der Speise machte ihm nicht die
geringste Sorge; was das Herz begehrte, das kochte der Kessel sobald es
ihm befohlen war, trug es auch täglich selber auf den Tisch, so daß die
Hausleute nichts weiter zu thun hatten als zu essen. Spinnen webten
ihnen Zeuge, Maulwürfe pflügten ihre Aecker, Ameisen streuten den Samen
aus und ernteten im Herbste das Korn vom Felde, so daß es der
Menschenhand nirgends bedurfte. Wenn die Kinnladen des bösen Weibes
einmal zu arg klapperten oder dem Manne etwas Schlimmes anwünschten, so
mußte es der Hausdrache jedesmal selber erleiden, weil die Goldruthe
ihre Schuldigkeit that. Hier seufzt gewiß mancher Ehemann: O! hätte ich
doch eine solche Goldruthe!
Der Besitzer der Goldruthe hatte seine Lebenstage im Glücke beendigt,
weil er sich niemals Dinge gewünscht hatte, welche die Grenzen der
Möglichkeit überschritten. Vor seinem Tode vererbte er die Goldruthe
seinen Kindern, gab ihnen dieselbe Unterweisung, die er vom Waldesvater
erhalten hatte und warnte sie vor unmöglichen Wünschen. Die Kinder
richteten sich danach und brachten ihr Leben nicht minder glücklich zu.
In der dritten Generation aber geschah es, daß die Ruthe in den Besitz
eines Mannes kam, der, ohne sich an die Warnung seiner Eltern zu kehren,
viele unnütze Dinge wünschte und deßhalb die Goldruthe zwecklos bemühte;
indeß entstand zunächst aus diesen Wünschen noch kein Schade, weil die
gewünschten Dinge doch wenigstens möglich waren. Der übermüthige Mann
gab sich aber damit nicht zufrieden sondern vermaß sich, um die Kraft
der Ruthe auf die Probe zu stellen, Unmögliches zu wünschen. So hatte er
eines Tages der Goldruthe geboten, die Sonne vom Himmel herunter zu
holen, damit er einmal seinen Rücken ganz dicht an der Sonne wärmen
könne. Die Ruthe wollte zwar ihres Herrn Befehl ausführen, da aber das
Herunterkommen der Sonne ein unmögliches Ding ist, so sandte der
Schöpfer dem Wünschenden so flammende Strahlen aus der Sonne herab, daß
er sammt allen Gebäuden verbrannte, ohne daß auch eine Spur davon zurück
blieb. Ob nun die Glücksruthe im Feuer geschmolzen ist oder nicht --
Niemand weiß jetzt Ort und Stelle anzugeben, wo man sie zu suchen hätte.
Auch glaubt man, daß die heißen Sonnenstrahlen, welche an diesem
unglücklichen Tage herabschossen, die Bäume im Walde dermaßen in
Schrecken versetzt hatten, daß ihre Zungen gebunden blieben und Niemand
später ein Wort mehr aus ihrem Munde vernommen hat.
[Fußnote 45: Vgl. zwei von Rußwurm mitgetheilte abweichende Fassungen
dieses Märchens, die eine schwedisch, die andere estnisch. _Rußwurm_,
Sagen aus Hapsal &c. 1861. S. 187, 188. Vgl. auch die erste Hälfte
dieser Märchen S. 60 u. d. Anm. L.]
[Fußnote 46: Von Insecten. L.]
[Fußnote 47: Vgl. eben Märchen 5. Seite 27 Anm. L.]
[Fußnote 48: S. Seite 27. Anm. L.]