15. Der närrische Ochsenverkauf.

Ein Bauer hatte drei Söhne: die beiden älteren waren klug genug, der

dritte aber etwas schwer von Begriffen. Vor seinem Tode traf der Vater

die Anordnung, daß die älteren Söhne mit einander den Bauerhof

übernehmen und ihren jüngeren Bruder ernähren sollten, da dieser nicht

viel Hoffnung gab, daß er sich selber würde ernähren können; der Vater

sprach ihm daher auch kein größeres Erbtheil zu als einen jungen

Pflugstier. Da nun aber der Besitzer desselben nichts zu pflügen hatte,

so nahmen die älteren Brüder wechselweise der eine heute, der andere

morgen, den Stier ihres jüngeren Bruders zum Pflügen. Es läßt sich

denken, daß bei solchem täglichen Pflügen kein Ochs gedeiht, zumal wenn

die Peitsche dem Pflüger und der Ochs einem Andern gehört. Da kommt

eines Tages zufällig ein Fremder, sieht die Geschichte mit dem Ochsen

und setzt dem jüngeren Bruder einen Floh[44] in's Ohr, indem er sagt:

»Meinst du, daß der Ochs vor dem Pfluge gedeiht, wenn du ihn täglich

fremden Händen überlässest? Sei kein Thor, nimm lieber deinen Ochsen,

verkaufe ihn auf dem Markte und stecke das Geld in die Tasche, dann

weißt du was du hast.« Der junge Mann sah ein, daß der Bauer Recht habe,

nahm seinen Brüdern den Ochsen weg, fütterte ihn bis zum Herbst, band

ihm dann einen Halfter an seinen Hörnern fest und machte sich auf, den

Markt zu besuchen. Sein Weg führte durch einen großen Wald und ein

schneidender Wind blies in die Wipfel, daß sie unaufhörlich hin und her

schaukelten. Zwei dicht beisammen stehende Bäume streiften einander beim

Hin- und Herschwanken und verursachten von Zeit zu Zeit ein Gequiek. Der

Besitzer des Ochsens horcht auf, wieder trifft ein Quiek! sein Ohr, da

fragt er: »Was? -- fragst du nach meinem Ochsen?« Quiek! tönt es vom

Wipfel her zurück. Der Mann sagt: »Der Ochs ist mir feil; willst du den

geforderten Preis zahlen, so nimm ihn.« Quiek! schallte es wieder von

oben herab. Der Mann fragt weiter: »Willst du funfzig Rubel geben? so

sind wir Handels einig!« Quiek! ist wieder die Antwort. »Gut,« sagt der

Mann, »so sei es denn, willst du das Geld gleich zahlen?« -- Die

Windstöße hörten jetzt eine Weile auf, und darum blieb der Wald ruhig.

»Oder vielleicht nach einem Jahre?« Quiek! erscholl zur Antwort. »Ganz

wohl« spricht der Mann, »ich kann warten.« »Aber du Alter mußt

Bürgschaft leisten, damit ich nicht um das Meinige komme,« so spricht er

zu einem hohen Baumstumpf, der in seiner Nähe stand, »willst du?« Quiek!

schallt es zur Antwort. »Mag es denn sein,« -- spricht der Mann --

»unser Handel ist abgemacht, heute über's Jahr komme ich, mein Geld zu

heben, und du, Alterchen, gelobst mir dafür zu stehen, daß ich nicht um

das Meinige komme!« Wiederum: Quiek! Der Mann bindet den verkauften

Ochsen an den Stamm einer Kiefer, da er den Baum für den Käufer hält und

kehrt dann nach Hause zurück. Die Brüder fragen, wo er den Ochsen

gelassen hat. Er erwidert: »Ich habe den Ochsen für funfzig Rubel an

einen Bauer verkauft.« Wo das Geld sei? »Das Geld wird mir heute über's

Jahr ausgezahlt, so haben wir es abgemacht,« antwortet der jüngere

Bruder. »Gewiß hast du dich von einem Schelm betrügen lassen, und wirst

nicht einmal den Schwanz deines Ochsen wiedersehen, geschweige denn das

Geld,« sagten die Brüder. Der jüngste aber entgegnet: »Das hat gar keine

Gefahr. Es ist ein fester Handel und ich habe einen wackeren Bürgen, der

aus eigener Tasche zahlt, wenn sich der Käufer weigern sollte. Das ist

aber nicht zu befürchten, es sind beide ehrenwerthe Männer, sie haben

keinen Kopeken herunter gehandelt, sondern ohne weiteres meinen Preis

zugestanden.« Namen und Wohnort des Käufers und des Bürgen erfuhren

jedoch die Brüder nicht und deßhalb besorgten sie nach wie vor, daß ein

ruchloser Galgenstrick nebst seinem Helfershelfer ihren blödsinnigen

Bruder betrogen habe. Dieser aber blieb dabei, daß er zur rechten Zeit

sein Geld erhalten werde.

Nach Verlauf eines Jahres genau an dem Tage wo er vorigen Herbst seinen

Ochsen verkauft hatte, macht er sich auf, um den Kaufpreis in Empfang zu

nehmen. Die Luft war ruhig und konnte die Wipfel im Walde nicht in

Bewegung bringen, darum war auch nirgends Gebrause noch Gequieke zu

hören. Er geht weiter und findet den Ort, wo er voriges Jahr den Ochsen

verkaufte, wieder -- auch Käufer und Bürge standen auf demselben Flecke,

aber der Ochs war nicht mehr zu sehen; vielleicht war er geschlachtet

oder an einen Dritten verkauft. Der Mann fragt bei der Kiefer an:

»Willst du mir jetzt meinen Ochsen bezahlen?« Die Kiefer läßt keine

Silbe verlauten, auch auf die zweite und dritte Anfrage nicht. »Warte,

Brüderchen!« ruft der Mann -- »ich will dir den Mund öffnen!« rafft einen

tüchtigen Prügel vom Boden und läßt damit solche Hiebe auf den Stamm der

Kiefer regnen, daß der ganze Wald von dem Klatschen wiederhallt. Sieh

da! der Bösewicht erträgt den Schmerz, sagt nichts und bezahlt auch

nicht. »Auch gut« spricht der Mann. -- »Der Bürge muß mir für die Schuld

aufkommen und das Geld für den Ochsen hergeben.« »Du siehst, Alter, daß

der Hund von Käufer nicht zahlen will, also mußt du mich laut Abmachung

bezahlen. Gieb mir entweder den Ochsen wieder oder funfzig Rubel. Nun,

was zauderst du noch? Der Mund war schneller im Versprechen als die Hand

im Bezahlen!« -- Der Stumpf konnte natürlich weder schwarz noch weiß

reden, aber das setzte den Verkäufer in Feuer und Flammen. »Oho! ihr

Bösewichter!« rief er zornig -- »ich sehe, ihr seid beide Schurken!« So

schimpfend schlug er auf den Stumpf los. Plötzlich stürzt der alte

morsche Stumpf unter seinen wuchtigen Streichen krachend zu Boden. Aber,

o Wunder! unter den Wurzeln kommt ein großer Geldtopf zum Vorschein, bis

zum Rande mit Silbergeld angefüllt, das hier vor Alters, wer weiß wann,

war vergraben worden. »Da seh' einer die Spitzbüberei«! ruft der Mann.

»Der Käufer war ein Ehrenmann, der dir das Geld einhändigte und du

wolltest es verleugnen und für dich behalten! Na, dafür hast du jetzt

den gebührenden Lohn, da ich dich zu Boden geschlagen habe.« -- Dann

spricht er zur Kiefer: »Nimm's nicht übel, braver Mann, daß ich dir ohne

Grund eine Tracht voll Prügel aufgeladen habe, aber du hast selbst die

meiste Schuld, warum thatest du nicht zur rechten Zeit den Mund auf und

sagtest mir, daß du ihm das Geld gabst, der uns jetzt Beide betrügen

wollte.« Dann nahm er den Geldtopf auf die Schulter und machte sich auf

den Heimweg. Die schwere Last zwang ihn, öfters auszuruhen. Unterwegs

begegnet ihm der Prediger, der fragt: »Was trägst du so Schweres auf dem

Nacken?« Der Mann erwidert: »Vorigen Herbst verkaufte ich einen Ochsen,

der Kaufpreis ist mir heute ausgezahlt worden.« Darauf erzählt er

umständlich, wie der Bürge ihn habe betrügen wollen, weßhalb er ihn auch

zu Boden geschlagen habe. Der Prediger, der ihn als blödsinnig kannte,

merkt bald wie die Sache mit dem Gelde eigentlich zugegangen ist,

zugleich aber denkt er: hat der ein unverhofftes Glück gehabt, so kann

er mir auch einen und den anderen Rubel verehren. »Gieb mir auch eine

Handvoll von deinem Reichthum, Brüderchen, so hast du leichter zu

tragen.« Der Mann wirft ihm eine Handvoll hin: »Da, nimm!« Da sagt der

Prediger: »Gieb mir noch eine für meine Frau,« der Mann giebt sie,

ebenso auch für die beiden Töchter, jeglicher ihr Theil. Da die Sache so

glatt geht, denkt der Prediger, er könne auch für seinen Sohn betteln.

»Unersättlicher Geizhals« ruft der Mann mit dem Gelde -- »was lügst du?

Du hast ja gar keinen Sohn! Meinst du vielleicht mir ebenso mitzuspielen

wie der schuftige Bürge? Warte, ich will dir zeigen, wie man Betrügern

lohnt!« Mit diesen Worten schlägt er dem Prediger mit dem Geldtopf

dermaßen vor den Kopf, daß der Topf zerbricht und der Prediger todt

hinfällt. Unser Freund nimmt seinen Quersack von der Schulter, sammelt

das Geld vom Boden auf und thut auch das hinein, welches er dem Prediger

gegeben hatte; dann geht er nach Haus. Groß war am Abend das Erstaunen

der älteren Brüder, als der von ihnen verspottete Ochsenverkäufer mit

einem schweren Geldsack in's Zimmer trat, der lauter gutes Silber

enthielt. Da erzählte er ihnen seine Begegnisse, und wie er erst den

schurkischen Bürgen und danach den lügenhaften Prediger zu Boden

geschlagen. Der letztere Fall weckte in den Brüdern die Besorgniß, daß

sie mit verantwortlich gemacht werden könnten, sie gingen darum

selbander fort, und brachten in der Dunkelheit des Predigers Leichnam

heimlich nach Hause, wo sie ihn verbargen, um ihn bei erster Gelegenheit

in aller Stille zu bestatten, damit die Leute der Sache nicht auf die

Spur kommen und ihnen die That zuschreiben könnten. Aber ihr jüngster

Bruder hatte ihren Gängen nachgespürt und den Ort entdeckt, wo sie den

Prediger hingelegt hatten.

Als nun Frau und Töchter des Predigers sahen, daß derselbe spurlos

verschwunden war, fürchteten sie, der alte Bursche (Teufel) möchte ihn

geholt haben und wollten doch ein solches Gerücht nicht aufkommen

lassen. -- Sie sagten also, der Prediger sei ganz plötzlich verschieden,

rüsteten einen prächtigen Begräbnißschmaus und legten statt des Todten

Steine und Stroh in den Sarg. Die älteren Brüder, welche gemerkt hatten,

daß der jüngste den todten Prediger hinter ihrem Rücken aufgefunden

hatte, gruben in der Nacht ein Loch und legten den Todten hinein. Da

aber dennoch zu befürchten war, daß ihres einfältigen Bruders Mund

unnützes Zeug über sie schwatzen werde, so entschlossen sie sich einen

Bock zu schlachten, der an derselben Stelle geborgen wurde, wo vorher

der Todte gelegen hatte. Der Bock wurde mit einem weißen Leintuch

bedeckt, dabei aber der Kopf dergestalt gelegt, daß der Bart ein wenig

herausguckte.

Beide älteren Brüder waren zum Begräbniß des Predigers geladen, während

der jüngste allein zu Hause blieb. Die Langeweile machte das Männlein

verdrießlich: war er denn etwa schlechter als die anderen, daß er nicht

zum Gastmahl geladen worden? Dann dachte er: haben sie mich nicht

gebeten, so will ich ungebeten hingehen und ihnen zeigen, daß ich noch

mehr Recht habe Theil zu nehmen als die Andern, weil ich ja doch die

Veranlassung zu dem Gastmahl bin.

Als sich die Gäste nun eben um den Tisch setzten, trat er ein, und

sagte: »Na, was soll denn das bedeuten? Ihr eßt und trinkt hier, mich

aber vergeßt ihr einzuladen, der ich doch von Rechtswegen des Mahles

Meister bin? Oder habt ihr vielleicht, oder haben meine Brüder den

Prediger todt geschlagen? Keineswegs: denn ich versetzte ihm mit dem

Geldtopfe einen Schlag an den Kopf für seine schamlose Habgier, da er

mir durch Lügen mehr Geld abzwacken wollte als ihm ziemte. Erst gab ich

ihm Geld, dann erhielt er für seine Frau und seine beiden Töchter je

eine Handvoll für die vier, da wollte er auch noch für seinen Sohn

haben. Ihr wißt aber so gut wie ich, daß so ein Sohn gar nicht vorhanden

ist? Für diese unverschämte Lüge schlug ich ihm an den Kopf, obgleich

ich nicht die Absicht hatte ihn todt zu schlagen, sondern nur für seine

Habgier und Lüge zu züchtigen. Als meine Brüder ihn später nach Hause

schafften, war er schon längst todt.«

So sprach der Blödsinnige der drei Brüder auf dem Leichenschmaus des

Predigers. Obgleich nun die Leute wußten, daß er schwachköpfig war und

daß man auf seine Reden nicht viel geben könne, so hielten es doch

Einige für gut, die Sache näher zu prüfen. Die Brüder stellten Alles in

Abrede und straften ihres Bruders Reden Lügen. Dennoch begab man sich an

den Ort, wo des Predigers Leichnam angeblich versteckt war, um

nachzusehen. Der jüngste Bruder ging selber als Führer mit und zwar

dahin, wo, wie er wußte, die Brüder den Todten versteckt hatten. Als man

dort angekommen war, fand sich in der That ein todter in ein weißes

Leintuch gehüllter Körper, dessen weißer Bart unter der Hülle

hervorragte. Da rief der Führer ganz vergnügt: »Nun seht ihr jetzt? Sie

haben den Alten schon mit dem Laken zugedeckt, aber der Bart guckt doch

heraus. Nehmt das Laken fort, so werdet ihr den Prediger finden, den ich

zu Boden schlug und werdet inne werden, daß mir von Rechtswegen der

erste Platz an der Gasttafel gebührt!« Man zog die Decke vom Todten weg

und fand einen -- geschlachteten Bock, dem Hörner und Bart noch nicht

abgeschnitten waren. Jetzt merkten die Männer, daß der Narr sie -- mit

oder ohne Absicht -- angeführt hatte, gingen zum Leichenschmause zurück

und das Gerede vom Todtschlag verstummte. So kam es, daß die Sache mit

dem im Wald gefundenen Schatz wie auch mit der Tödtung des Predigers bis

auf den heutigen Tag nicht aufgeklärt worden ist.

[Fußnote 44: Wörtlich: eine Bremse. L.]

Ehstnische Märchen. Zweite Hälfte · 第 16 / 22 题