Ein Bauer hatte drei Söhne: die beiden älteren waren klug genug, der
dritte aber etwas schwer von Begriffen. Vor seinem Tode traf der Vater
die Anordnung, daß die älteren Söhne mit einander den Bauerhof
übernehmen und ihren jüngeren Bruder ernähren sollten, da dieser nicht
viel Hoffnung gab, daß er sich selber würde ernähren können; der Vater
sprach ihm daher auch kein größeres Erbtheil zu als einen jungen
Pflugstier. Da nun aber der Besitzer desselben nichts zu pflügen hatte,
so nahmen die älteren Brüder wechselweise der eine heute, der andere
morgen, den Stier ihres jüngeren Bruders zum Pflügen. Es läßt sich
denken, daß bei solchem täglichen Pflügen kein Ochs gedeiht, zumal wenn
die Peitsche dem Pflüger und der Ochs einem Andern gehört. Da kommt
eines Tages zufällig ein Fremder, sieht die Geschichte mit dem Ochsen
und setzt dem jüngeren Bruder einen Floh[44] in's Ohr, indem er sagt:
»Meinst du, daß der Ochs vor dem Pfluge gedeiht, wenn du ihn täglich
fremden Händen überlässest? Sei kein Thor, nimm lieber deinen Ochsen,
verkaufe ihn auf dem Markte und stecke das Geld in die Tasche, dann
weißt du was du hast.« Der junge Mann sah ein, daß der Bauer Recht habe,
nahm seinen Brüdern den Ochsen weg, fütterte ihn bis zum Herbst, band
ihm dann einen Halfter an seinen Hörnern fest und machte sich auf, den
Markt zu besuchen. Sein Weg führte durch einen großen Wald und ein
schneidender Wind blies in die Wipfel, daß sie unaufhörlich hin und her
schaukelten. Zwei dicht beisammen stehende Bäume streiften einander beim
Hin- und Herschwanken und verursachten von Zeit zu Zeit ein Gequiek. Der
Besitzer des Ochsens horcht auf, wieder trifft ein Quiek! sein Ohr, da
fragt er: »Was? -- fragst du nach meinem Ochsen?« Quiek! tönt es vom
Wipfel her zurück. Der Mann sagt: »Der Ochs ist mir feil; willst du den
geforderten Preis zahlen, so nimm ihn.« Quiek! schallte es wieder von
oben herab. Der Mann fragt weiter: »Willst du funfzig Rubel geben? so
sind wir Handels einig!« Quiek! ist wieder die Antwort. »Gut,« sagt der
Mann, »so sei es denn, willst du das Geld gleich zahlen?« -- Die
Windstöße hörten jetzt eine Weile auf, und darum blieb der Wald ruhig.
»Oder vielleicht nach einem Jahre?« Quiek! erscholl zur Antwort. »Ganz
wohl« spricht der Mann, »ich kann warten.« »Aber du Alter mußt
Bürgschaft leisten, damit ich nicht um das Meinige komme,« so spricht er
zu einem hohen Baumstumpf, der in seiner Nähe stand, »willst du?« Quiek!
schallt es zur Antwort. »Mag es denn sein,« -- spricht der Mann --
»unser Handel ist abgemacht, heute über's Jahr komme ich, mein Geld zu
heben, und du, Alterchen, gelobst mir dafür zu stehen, daß ich nicht um
das Meinige komme!« Wiederum: Quiek! Der Mann bindet den verkauften
Ochsen an den Stamm einer Kiefer, da er den Baum für den Käufer hält und
kehrt dann nach Hause zurück. Die Brüder fragen, wo er den Ochsen
gelassen hat. Er erwidert: »Ich habe den Ochsen für funfzig Rubel an
einen Bauer verkauft.« Wo das Geld sei? »Das Geld wird mir heute über's
Jahr ausgezahlt, so haben wir es abgemacht,« antwortet der jüngere
Bruder. »Gewiß hast du dich von einem Schelm betrügen lassen, und wirst
nicht einmal den Schwanz deines Ochsen wiedersehen, geschweige denn das
Geld,« sagten die Brüder. Der jüngste aber entgegnet: »Das hat gar keine
Gefahr. Es ist ein fester Handel und ich habe einen wackeren Bürgen, der
aus eigener Tasche zahlt, wenn sich der Käufer weigern sollte. Das ist
aber nicht zu befürchten, es sind beide ehrenwerthe Männer, sie haben
keinen Kopeken herunter gehandelt, sondern ohne weiteres meinen Preis
zugestanden.« Namen und Wohnort des Käufers und des Bürgen erfuhren
jedoch die Brüder nicht und deßhalb besorgten sie nach wie vor, daß ein
ruchloser Galgenstrick nebst seinem Helfershelfer ihren blödsinnigen
Bruder betrogen habe. Dieser aber blieb dabei, daß er zur rechten Zeit
sein Geld erhalten werde.
Nach Verlauf eines Jahres genau an dem Tage wo er vorigen Herbst seinen
Ochsen verkauft hatte, macht er sich auf, um den Kaufpreis in Empfang zu
nehmen. Die Luft war ruhig und konnte die Wipfel im Walde nicht in
Bewegung bringen, darum war auch nirgends Gebrause noch Gequieke zu
hören. Er geht weiter und findet den Ort, wo er voriges Jahr den Ochsen
verkaufte, wieder -- auch Käufer und Bürge standen auf demselben Flecke,
aber der Ochs war nicht mehr zu sehen; vielleicht war er geschlachtet
oder an einen Dritten verkauft. Der Mann fragt bei der Kiefer an:
»Willst du mir jetzt meinen Ochsen bezahlen?« Die Kiefer läßt keine
Silbe verlauten, auch auf die zweite und dritte Anfrage nicht. »Warte,
Brüderchen!« ruft der Mann -- »ich will dir den Mund öffnen!« rafft einen
tüchtigen Prügel vom Boden und läßt damit solche Hiebe auf den Stamm der
Kiefer regnen, daß der ganze Wald von dem Klatschen wiederhallt. Sieh
da! der Bösewicht erträgt den Schmerz, sagt nichts und bezahlt auch
nicht. »Auch gut« spricht der Mann. -- »Der Bürge muß mir für die Schuld
aufkommen und das Geld für den Ochsen hergeben.« »Du siehst, Alter, daß
der Hund von Käufer nicht zahlen will, also mußt du mich laut Abmachung
bezahlen. Gieb mir entweder den Ochsen wieder oder funfzig Rubel. Nun,
was zauderst du noch? Der Mund war schneller im Versprechen als die Hand
im Bezahlen!« -- Der Stumpf konnte natürlich weder schwarz noch weiß
reden, aber das setzte den Verkäufer in Feuer und Flammen. »Oho! ihr
Bösewichter!« rief er zornig -- »ich sehe, ihr seid beide Schurken!« So
schimpfend schlug er auf den Stumpf los. Plötzlich stürzt der alte
morsche Stumpf unter seinen wuchtigen Streichen krachend zu Boden. Aber,
o Wunder! unter den Wurzeln kommt ein großer Geldtopf zum Vorschein, bis
zum Rande mit Silbergeld angefüllt, das hier vor Alters, wer weiß wann,
war vergraben worden. »Da seh' einer die Spitzbüberei«! ruft der Mann.
»Der Käufer war ein Ehrenmann, der dir das Geld einhändigte und du
wolltest es verleugnen und für dich behalten! Na, dafür hast du jetzt
den gebührenden Lohn, da ich dich zu Boden geschlagen habe.« -- Dann
spricht er zur Kiefer: »Nimm's nicht übel, braver Mann, daß ich dir ohne
Grund eine Tracht voll Prügel aufgeladen habe, aber du hast selbst die
meiste Schuld, warum thatest du nicht zur rechten Zeit den Mund auf und
sagtest mir, daß du ihm das Geld gabst, der uns jetzt Beide betrügen
wollte.« Dann nahm er den Geldtopf auf die Schulter und machte sich auf
den Heimweg. Die schwere Last zwang ihn, öfters auszuruhen. Unterwegs
begegnet ihm der Prediger, der fragt: »Was trägst du so Schweres auf dem
Nacken?« Der Mann erwidert: »Vorigen Herbst verkaufte ich einen Ochsen,
der Kaufpreis ist mir heute ausgezahlt worden.« Darauf erzählt er
umständlich, wie der Bürge ihn habe betrügen wollen, weßhalb er ihn auch
zu Boden geschlagen habe. Der Prediger, der ihn als blödsinnig kannte,
merkt bald wie die Sache mit dem Gelde eigentlich zugegangen ist,
zugleich aber denkt er: hat der ein unverhofftes Glück gehabt, so kann
er mir auch einen und den anderen Rubel verehren. »Gieb mir auch eine
Handvoll von deinem Reichthum, Brüderchen, so hast du leichter zu
tragen.« Der Mann wirft ihm eine Handvoll hin: »Da, nimm!« Da sagt der
Prediger: »Gieb mir noch eine für meine Frau,« der Mann giebt sie,
ebenso auch für die beiden Töchter, jeglicher ihr Theil. Da die Sache so
glatt geht, denkt der Prediger, er könne auch für seinen Sohn betteln.
»Unersättlicher Geizhals« ruft der Mann mit dem Gelde -- »was lügst du?
Du hast ja gar keinen Sohn! Meinst du vielleicht mir ebenso mitzuspielen
wie der schuftige Bürge? Warte, ich will dir zeigen, wie man Betrügern
lohnt!« Mit diesen Worten schlägt er dem Prediger mit dem Geldtopf
dermaßen vor den Kopf, daß der Topf zerbricht und der Prediger todt
hinfällt. Unser Freund nimmt seinen Quersack von der Schulter, sammelt
das Geld vom Boden auf und thut auch das hinein, welches er dem Prediger
gegeben hatte; dann geht er nach Haus. Groß war am Abend das Erstaunen
der älteren Brüder, als der von ihnen verspottete Ochsenverkäufer mit
einem schweren Geldsack in's Zimmer trat, der lauter gutes Silber
enthielt. Da erzählte er ihnen seine Begegnisse, und wie er erst den
schurkischen Bürgen und danach den lügenhaften Prediger zu Boden
geschlagen. Der letztere Fall weckte in den Brüdern die Besorgniß, daß
sie mit verantwortlich gemacht werden könnten, sie gingen darum
selbander fort, und brachten in der Dunkelheit des Predigers Leichnam
heimlich nach Hause, wo sie ihn verbargen, um ihn bei erster Gelegenheit
in aller Stille zu bestatten, damit die Leute der Sache nicht auf die
Spur kommen und ihnen die That zuschreiben könnten. Aber ihr jüngster
Bruder hatte ihren Gängen nachgespürt und den Ort entdeckt, wo sie den
Prediger hingelegt hatten.
Als nun Frau und Töchter des Predigers sahen, daß derselbe spurlos
verschwunden war, fürchteten sie, der alte Bursche (Teufel) möchte ihn
geholt haben und wollten doch ein solches Gerücht nicht aufkommen
lassen. -- Sie sagten also, der Prediger sei ganz plötzlich verschieden,
rüsteten einen prächtigen Begräbnißschmaus und legten statt des Todten
Steine und Stroh in den Sarg. Die älteren Brüder, welche gemerkt hatten,
daß der jüngste den todten Prediger hinter ihrem Rücken aufgefunden
hatte, gruben in der Nacht ein Loch und legten den Todten hinein. Da
aber dennoch zu befürchten war, daß ihres einfältigen Bruders Mund
unnützes Zeug über sie schwatzen werde, so entschlossen sie sich einen
Bock zu schlachten, der an derselben Stelle geborgen wurde, wo vorher
der Todte gelegen hatte. Der Bock wurde mit einem weißen Leintuch
bedeckt, dabei aber der Kopf dergestalt gelegt, daß der Bart ein wenig
herausguckte.
Beide älteren Brüder waren zum Begräbniß des Predigers geladen, während
der jüngste allein zu Hause blieb. Die Langeweile machte das Männlein
verdrießlich: war er denn etwa schlechter als die anderen, daß er nicht
zum Gastmahl geladen worden? Dann dachte er: haben sie mich nicht
gebeten, so will ich ungebeten hingehen und ihnen zeigen, daß ich noch
mehr Recht habe Theil zu nehmen als die Andern, weil ich ja doch die
Veranlassung zu dem Gastmahl bin.
Als sich die Gäste nun eben um den Tisch setzten, trat er ein, und
sagte: »Na, was soll denn das bedeuten? Ihr eßt und trinkt hier, mich
aber vergeßt ihr einzuladen, der ich doch von Rechtswegen des Mahles
Meister bin? Oder habt ihr vielleicht, oder haben meine Brüder den
Prediger todt geschlagen? Keineswegs: denn ich versetzte ihm mit dem
Geldtopfe einen Schlag an den Kopf für seine schamlose Habgier, da er
mir durch Lügen mehr Geld abzwacken wollte als ihm ziemte. Erst gab ich
ihm Geld, dann erhielt er für seine Frau und seine beiden Töchter je
eine Handvoll für die vier, da wollte er auch noch für seinen Sohn
haben. Ihr wißt aber so gut wie ich, daß so ein Sohn gar nicht vorhanden
ist? Für diese unverschämte Lüge schlug ich ihm an den Kopf, obgleich
ich nicht die Absicht hatte ihn todt zu schlagen, sondern nur für seine
Habgier und Lüge zu züchtigen. Als meine Brüder ihn später nach Hause
schafften, war er schon längst todt.«
So sprach der Blödsinnige der drei Brüder auf dem Leichenschmaus des
Predigers. Obgleich nun die Leute wußten, daß er schwachköpfig war und
daß man auf seine Reden nicht viel geben könne, so hielten es doch
Einige für gut, die Sache näher zu prüfen. Die Brüder stellten Alles in
Abrede und straften ihres Bruders Reden Lügen. Dennoch begab man sich an
den Ort, wo des Predigers Leichnam angeblich versteckt war, um
nachzusehen. Der jüngste Bruder ging selber als Führer mit und zwar
dahin, wo, wie er wußte, die Brüder den Todten versteckt hatten. Als man
dort angekommen war, fand sich in der That ein todter in ein weißes
Leintuch gehüllter Körper, dessen weißer Bart unter der Hülle
hervorragte. Da rief der Führer ganz vergnügt: »Nun seht ihr jetzt? Sie
haben den Alten schon mit dem Laken zugedeckt, aber der Bart guckt doch
heraus. Nehmt das Laken fort, so werdet ihr den Prediger finden, den ich
zu Boden schlug und werdet inne werden, daß mir von Rechtswegen der
erste Platz an der Gasttafel gebührt!« Man zog die Decke vom Todten weg
und fand einen -- geschlachteten Bock, dem Hörner und Bart noch nicht
abgeschnitten waren. Jetzt merkten die Männer, daß der Narr sie -- mit
oder ohne Absicht -- angeführt hatte, gingen zum Leichenschmause zurück
und das Gerede vom Todtschlag verstummte. So kam es, daß die Sache mit
dem im Wald gefundenen Schatz wie auch mit der Tödtung des Predigers bis
auf den heutigen Tag nicht aufgeklärt worden ist.
[Fußnote 44: Wörtlich: eine Bremse. L.]