12. Der Findling.

Eine Frau fand an einem Sonntag Morgen, als sie zur Kirche ging, im

Walde ein Knäblein, das etwa zwei Jahre sein konnte. Das Kind weinte

bitterlich vor Hunger und wußte nichts darüber zu sagen, von wo und wie

es hier in den Wald gekommen. Der feine Anzug schien dafür zu sprechen,

daß das Knäblein vornehmer Leute Kind sei. Die Frau nahm es auf, brachte

es in ihr Haus, reichte ihm Nahrung und machte sich dann wieder auf zur

Kirche, wo sie zu erfahren hoffte, wohin das gefundene Knäblein gehöre.

Als sie aber weder an diesem Sonntage noch an dem folgenden in den

benachbarten Kirchen über die Eltern oder Verwandten des Kindes durch

Kundmachung von der Kanzel Auskunft erhielt, so beschloß sie, im

Einverständniß mit ihrem Manne, das Knäblein als Pflegekind zu sich zu

nehmen; es schien ein aufgewecktes Geschöpf zu sein und konnte deshalb,

wenn Gott ihm Leben und Gesundheit schenkte, ihnen zur Freude

aufwachsen. Sie hatte zwar selbst schon sechs Kinder, so daß der

Pflegling als siebente Brotratte in's Haus kam; aber Gott segnete ihren

Acker und ihre Herde, so daß sie alle Kleidung und Nahrung fanden und

Keines Mangel litt.

Als der Pflegling zum jungen Manne herangewachsen war, sprach er eines

Tages zu seinen Pflegeltern: »Ich danke euch für alle eure Liebe und

Wohlthat, aber jetzt ist für mich die Zeit gekommen, in der Welt

umherzustreifen. Vielleicht glückt es mir, irgendwo einen Dienst zu

finden, der mir mehr Lohn bringt, als für meine geringen Bedürfnisse

aufgeht, dann erstatte ich euch, was ihr für meine Erziehung aufgewandt

habt, obwohl ich niemals im Stande sein werde, euch eure Liebe zu

vergelten.« So nahm er Abschied, warf den Brotsack über und eilte fort.

Nachdem er seine Wanderung schon einige Tage gen Süden fortgesetzt

hatte, kam er eines Tages in einen dichten Wald, aus welchem ein

schweres Stöhnen an sein Ohr drang. Er horchte eine Weile scharf hin,

von welcher Seite her das Stöhnen komme und schritt dann, der Stimme

nachgehend, weiter. Unter einem dichten Gebüsch fand er einen

verwundeten Alten, dessen Kopf und Gesicht blutete, sowie auch das Moos

und der Rasen um ihn mit Blut gefärbt waren. Der Alte hatte die Augen

geschlossen, so daß nur die schweren Athemzüge und das Stöhnen einen

Beweis dafür gaben, daß noch Leben im Körper sei. Der junge Mann eilte

nach Wasser und fand in der Nähe ein Rinnsal mit klarem frischen Wasser;

er füllte davon in seinen Hut und brachte es dem Alten, damit dieser

durch einen Trunk sich stärke und belebe. Der Alte schluckte begierig

von dem gebotenen Wasser, gerieth dann in ein starkes Husten und fiel

endlich unter den Händen des ihm Beistehenden in Ohnmacht. Der junge

Mann hob ihn auf seine Schultern und trug ihn zur Quelle, wo er dem

Alten so lange kaltes Wasser über den Kopf goß, bis er aus seiner

Ohnmacht erwachte und sich wieder erholte. -- Den zerschlagenen Kopf des

Alten verband er mit seinem Halstuche, reinigte Gesicht, Haare und

Kleider vom Blute, bereitete dann aus Moos ein weiches Lager und ließ

den Alten darauf nieder, damit er ausruhe.

Der Alte schlief gleich ein und ruhte über einen halben Tag von der

durch seine Wunde verursachten Ermattung aus. Der junge Mann saß neben

ihm und verscheuchte mit einem Baumzweige die Fliegen von dem

Schlafenden. Endlich öffnete der Alte das eine Auge ein wenig, sah

seinen Helfer freundlich an und sagte dann: »Von ganzem Herzen danke ich

dir für das Werk der Barmherzigkeit, das du an mir gethan hast und für

welches ich diesmal dein Schuldner bleiben muß, weil Räuber mich so kahl

geplündert haben, wie eine Kirchenmaus. Künftig, wenn wir wieder einmal

zusammentreffen, hoffe ich dir deine Mühe zu lohnen. Deine Wanderung

könnte vielleicht länger dauern, als der von Hause mitgenommene

Brotsack reicht, darum bitte ich dich, stecke mein

Strömlings-Schächtelchen in den Sack -- es ist Alles, was mir die Räuber

gelassen haben.« -- Der junge Mann sträubte sich zwar Anfangs, die

dargebotene Aushülfe anzunehmen, die der Alte doch wohl selber viel

nöthiger haben könne, allein er mußte endlich nachgeben, als er sah, daß

der alte Mann seine Weigerung übel nahm. Dieser steckte nun sein

Schächtelchen in des Jünglings Brotsack mit den Worten: »Ich habe von

hier nach Hause nicht weit, allein einem Wanderer lauert immer allerlei

Gefahr auf.« -- Als der Alte dann fortging, mußte der junge Mann sich

über die Schnelligkeit desselben wundern; je weiter der Alte kam, desto

beflügelter wurden seine Schritte, so daß er bald wie ein Vogel aus dem

Gesichtskreise entschwand. Da der junge Mann über einen halben Tag

geruht hatte, machte er noch ein Stück Weges, bevor er sich zur

Nachtruhe legte. Als er sich anschickte, sein Brot zu verzehren, kam es

ihm vor, als wäre dasselbe heute im Sacke größer und zugleich frischer

geworden. Das geschenkte Schächtelchen war voll gesalzener Strömlinge,

die dem Manne gar sehr mundeten. Als er den anderen Morgen sein

Frühstück nahm, fand er das Schächtelchen voll Butter und Mittags wieder

voll Schweinefleisch. »Gesegnet sei der freundliche Geber!« rief der

Mann, »der mich mit diesem spendenreichen Schächtelchen beglückt hat!

Was fehlt mir jetzt auf meiner Wanderung?«

Eines Tages hatte er sich am Wege niedergesetzt, um auszuruhen, da kam

ein kleiner rother Hund übers Feld zu ihm gelaufen, leckte seine Hand,

wedelte mit dem Schwanze und packte von Zeit zu Zeit seinen Rockzipfel,

als wollte er den Mann zum Aufstehen verlocken und ihn irgend wohin

führen. Der junge Mann sah dem Treiben des Hundes eine Weile zu und

erhob sich dann, worauf der Hund freudig um ihn herum lief und dann

wieder den Rockzipfel packte und so den Mann mit sich fortzuziehen

suchte. Der junge Mann begriff des Hundes stummen Wunsch und folgte ihm

über das Feld zum Walde hin, der etwa eine halbe Werst entfernt sein

mochte. Von Zeit zu Zeit blieb der Hund stehen, um zu sehen, ob sein

Begleiter auch hinter ihm sei. Im Walde fand der junge Mann eine

Frauensperson, die mit starken Stricken an den Stamm einer Kiefer

festgebunden war, so daß sie sich nicht rühren konnte; auch hatte sie

keine andere Körperbedeckung, als ein feines leinenes Hemde. Der Mann

machte sie sogleich vom Baume los und hörte, daß Räuber sie gänzlich

ausgeplündert und dann an den Baum gebunden hätten. »Ich kann dir zwar

keine Frauenkleider geben« -- sagte der Mann -- »aber nimm meinen Rock

und bedecke dich damit, bis wir unter Menschen kommen und einen besseren

Anzug finden.« Dankend wickelte sich die Jungfrau in den Rock und ging

in Begleitung des jungen Mannes weiter; der kleine rothe Hund lief als

Führer voraus. Abends kamen sie an die Ruinen eines alten Schlosses und

wollten da ihr Nachtlager aufschlagen, weil sie in der Nähe kein anderes

Obdach gewahr wurden. Ein Wanderer hatte schon vor ihnen unter demselben

Mauerwerk sich niedergelassen. Der junge Mann nahm seinen Brotsack zur

Hand und bat die beiden Andern zu Gast: alle drei aßen sich satt. Nach

dem Essen erzählte der Fremde, der ein gelernter Schmiedegesell war, daß

er vorhabe, in die Königsstadt zu gehen, wo gerade Schmiede sehr nöthig

seien und gut bezahlt würden. Die Jungfrau sagte, sie sei eines

vornehmen Gutsherrn Tochter, habe ihre Tante besuchen wollen und sei

Räubern in die Hände gefallen, welche sie gänzlich ausgeplündert und an

den Baum gebunden hätten, worauf sie mit Kutsche und Pferden davon

gegangen seien. Nun wurde Rath gehalten, wie man der Jungfrau Kleider

verschaffe, in denen sie wieder unter die Leute gehen könne; aber Keiner

von ihnen hatte einen Kopeken in der Tasche und sie fürchteten, daß sie

Niemand finden würden, der ihnen Kleider leihe. Beim Schlafengehen sah

der junge Mann, daß der kleine rothe Hund verschwunden sei und fragte

deshalb die Jungfrau, wo der Hund geblieben wäre. Diese machte große

Augen und erwiderte: »Ich habe _deinen_ Hund nicht mehr mit Augen gesehen,

seit wir hierher gekommen sind.« Jetzt war der junge Mann nicht minder

erstaunt und erzählte, wie er, dem Hunde folgend, den Weg in den Wald

gefunden und deswegen geglaubt habe, der Hund gehöre der Jungfrau und

habe ihn zu Hülfe gerufen.

Den andern Morgen gingen der junge Mann und der Schmiedegesell um zu

versuchen, ob sie irgendwo Kleider für die Jungfrau borgen könnten,

kamen aber Beide nach Mittag mit leeren Händen zurück. Man legte sich

Abends mit schwerem Herzen schlafen, da der Plan ganz fehlgeschlagen

war. Ein freundliches Traumgesicht tröstete die Jungfrau. Sie erlebte im

Traume, wie ein kleiner alter Mann ihr Kleider und Geld versprach, wenn

die Männer Muth genug hätten, den andern Tag ein Wagestück zu

unternehmen. Es seien nämlich in dem alten Gemäuer Keller und in diesen

befinde sich ein unermeßlicher Schatz. Es stehe den Männern aber ein

harter Kampf bevor, ehe sie sich im Rücken der Wächter des Schatzes

bemächtigen könnten. -- Die Jungfrau erzählte am Morgen den Männern

ihren Traum, der ihr so lebhaft vor den Augen stand, daß sie beim

Erwachen die Gestalt des alten Mannes noch immer neben sich zu sehen

glaubte.

Unverweilt gingen die Männer aus, um die Keller zu suchen, die sie auch

bald fanden; es war aber der Eingang so finster, daß sie ohne Feuer

nicht die Hand vor Augen sehen konnten. Zum Glücke fand sich das

getheerte Ende eines Balkens im Sand-und Kalkschutt, das wurde zu

Brennspänen geschliffen und nun ging man bei Fackelschein den Glücksweg

zu suchen. Nachdem sie eine Strecke in einem engen Hohlwege fortgegangen

waren, kamen sie vor eine eiserne Thür, die so fest war, daß sie trotz

allen Schlagens und Stoßens sich nicht rührte, geschweige denn aufging.

Entmuthigt kehrten die Männer zurück und erzählten ihr Mißgeschick. Der

Schmiedegesell sagte, daß seine muthigsten Hammerschläge nichts

ausgerichtet hätten gegen die feste Thür, welche unbeweglich geblieben

sei, wie eine Felswand. -- Als sie nun selbdritt zu Mittag aßen,

gesellte sich der kleine Alte zu ihnen und bat um Speise, die ihm

gereicht wurde. Nachdem er sich gesättigt, sagte er: »Ich habe mit der

Jungfrau ein Wörtchen zu sprechen, das andere Ohren nicht hören dürfen.«

Die Jungfrau hatte sofort den Alten als denselben erkannt, von dem sie

die Nacht so bedeutsam geträumt hatte, sie hatte deshalb nicht die

mindeste Furcht, sich mit dem Alten von den beiden Andern zu entfernen.

Als sie im Gemäuer eine einsame Stelle gefunden hatten, sagte der Alte:

»Ihr werdet die Eisenthür nicht eher sprengen können, als bis ihr drei

Kröten getödtet und mit ihrem Blute drei kleine Kreuze auf die Thür

gemacht habt. Geht die Thür dann auf, so müssen die Männer sich brav

halten, damit sie die Wächter des Schatzes überwältigen. Der Kampf wird

ihnen nicht leicht werden, aber dafür ist der Lohn auch unermeßlich

groß. Mehr darf ich dir nicht offenbaren.«

Die Jungfrau erzählte, als sie zurück kam, was sie aus des Alten Munde

vernommen hatte. Die Männer gingen ungesäumt der Vorschrift des Alten

gemäß Kröten zu fangen, an denen es hier in den feuchten Kellergruben

nicht fehlen konnte; auch brauchten sie nicht lange danach zu suchen.

Der Schmiedegesell nahm nun seinen schweren Hammer, der junge Mann einen

starken eichenen Knüttel, und so gegen den Feind gerüstet machten sie

sich zum zweiten Male auf den Weg, in der Hoffnung, jetzt die

Schatzkammer leer zu machen. -- Sobald die Eisenthür mit dem Krötenblut

kreuzförmig bestrichen war, sprang sie von selbst auf, so daß die

Männer ungehindert über die Schwelle und in einen andern Keller treten

konnten, der beim Fackelschein so geräumig erschien wie eine Kirche.

Alsbald fuhr ein großer schwarzer Hund[39] mit Gebell auf die Männer los

und wollte des jüngeren Schenkel packen, aber der Schmiedegesell war

geschwinder als der Hund und traf mit seinem großen Hammer den Kopf des

Thieres so gut, daß ein zweiter Schlag nicht mehr nöthig war. Nach einem

Weilchen kam ein anderer schwarzer Hund, bedeutend größer als der erste,

der hatte zwei Köpfe und vier Augen. Obwohl ihm der Schmied mit dem

ersten Schlage einen Kopf herunterschlug, so drang er doch mit dem

andern um so ärger auf die Männer ein. Des jungen Mannes Knüttel

splitterte beim Schlagen ohne dem Hunde etwas anzuhaben. Da schwang der

Schmied seinen Hammer mit aller Macht auf des Hundes Nacken, so daß das

böse Thier todt zu seinen Füßen niederfiel. Jetzt kam ein dritter noch

größerer Hund, der drei Köpfe und sechs Augen hatte. Der Schmied schlug

den einen Kopf ab, und bald darauf den zweiten, worauf der Hund mit dem

dritten Kopfe davon lief und winselnd den Augen der Männer entschwand.

Als der Hund fort war, wurde der finstere Keller mit einem Male so hell,

als wären viele Dutzend Kerzen entzündet worden, obgleich nirgends weder

Lichter noch Lampen zu erblicken waren.

Als die Männer noch immer voll Verwunderung in die Helle starrten, trat

hinter der Wand eine junge Dame hervor, herrlicher zu schauen als die

schönste Blume, in hellseidenen Kleidern und eine fingerdicke goldene

Kette um den Hals; sie reichte den Männern freundlich die Hand und

sagte: »Ich danke euch von ganzem Herzen, daß ihr mich aus der Haft

erlöst habt, in welche ein böser Zauberer mich gebannt hatte.« Dann kam

eine andere nicht minder schöne Dame hinter der Wand hervor, dankte wie

die erste und fügte hinzu: »Nun macht auch unsern Schatz frei, der in

des Hexenmeisters Keller liegt.« Die Männer baten, ihnen den Weg zu

zeigen und machten sich auf, um die Schatzkammer zu leeren. Die

Jungfrauen aber fielen einander um den Hals und weinten vor Freuden.

Dann erzählten sie den Männern, sie seien eines reichen Königs Töchter,

und von ihrer Stiefmutter, welche den eigenen Kindern den Schatz

zuwenden wollte, durch Zauberkraft hier eingesperrt und in Hunde

verwandelt worden, so daß die ältere als einköpfiger, die jüngere als

zweiköpfiger Hund die Schatzkammer zu hüten hatten. Die Zauberknoten

seien so geschürzt gewesen, daß sobald ein Sterblicher die Hunde todt

schlüge, die Königstöchter erlöst wären. In der Schatzkammer, sagten

sie, lägen Gold und Silber in großen Massen, aber ein durch Zaubermacht

starker Bär sei als Wächter vor die Thür gestellt. Die Männer hatten

Muth genug, das grausige Wagestück zu unternehmen; sie kamen deßhalb

überein, daß der junge Mann mit seinem Knüttel dem Bären in die Augen

stoßen solle, während der Schmied ihm auf den Rücken springen und von

dort aus mit seinem Hammer den Kopf bearbeiten werde. Doch zeigte sich

die Aufgabe viel schwerer, als sie sich vorgestellt hatten, und es

verging wohl eine Stunde, ehe sie des Feindes Herr wurden. Die Männer

waren beide blutig gekratzt. Als der Bär zu Boden fiel, erfolgte

plötzlich ein Krach, als wäre die Erde unter ihren Füßen geborsten. Die

hintere Mauerwand sank ein und die Männer erblickten jetzt die Kasten,

welche den Schatz enthielten; neben den mit Gold und Silber gefüllten

Kasten lagen so viel Spangen und Silberperlen aufgestapelt, daß man

damit allein schon mehr als _ein_ Pferd hätte beladen können. Ein junger

Mann in prächtigen Kleidern trat hinter dem Kasten hervor, grüßte und

dankte für seine Erlösung, auch er war ein Königssohn, welchen ein

Zauberer in einen Bären verwandelt und als Wächter seines Schatzes

hingestellt hatte. »Dem Vater im Himmel, der euch hierher geführt hat,

sei Dank!« -- sagte der Königssohn. »Der alte Zauberer, der die Gestalt

des dreiköpfigen Hundes angenommen hatte, hat jetzt keine Macht mehr

über uns, weil ihm die beiden Köpfe, in denen seine stärkste Zauberkraft

steckte, abgehauen sind. Jetzt wollen wir seinen Schatz unter einander

theilen, und da wird einem Jeden von uns so viel zufallen, daß er genug

hat.« Die Königstöchter gaben dem Edelfräulein von ihren Kleidern so

viel es brauchte, dann wurde die Theilung des Schatzes vorgenommen, mit

welcher sie über eine Woche zubrachten.

Als die Theilung beendigt war, kam der kleine alte Mann und freute sich,

daß Alles so gut abgelaufen war. Dann sagte er: »Jetzt darf ich euch

alle Geheimnisse enthüllen, die bis heute verborgen blieben. Du -- so

sprach er zu unserem jungen Manne -- bist eben so gut ein Königssohn,

wie die andern hier Königskinder sind. Böse Menschen stahlen dich als

Kind aus der Behausung deiner Eltern, denn da du das einzige Kind warst,

hofften sie durch diesen Frevel nach dem Tode des alten Königs sich der

Herrschaft bemächtigen zu können. Ich war von deiner Geburt an dein

Beschützer und trug stets Sorge, daß dir in dem Bauerhause nichts

schlimmes widerfahre. Wiewohl dein Auge mich nicht sah, war ich doch

Nacht und Tag um dich. Als du dann später auf die Wanderung gingst,

wollte ich dein innerstes Herz erforschen, darum verwandelte ich mich in

den verwundeten Mann, dem du im Walde zu Hülfe kamst, und schenkte dir

das Strömlings-Schächtelchen, das nie leer werden durfte. In

Hundsgestalt führte ich dich dann zu der geplünderten Dame und endlich

in diese Schloßruine, wo das Glück deiner wartete. Jetzt wählt euch

Jeder eine Lebensgefährtin nach eures Herzens Trieb, denn Reichthümer

habt ihr ja mehr als genug.«

Darauf freite der aus dem erschlagenen Bären hervorgegangene Königssohn

die eine und der in der Bauerhütte aufgewachsene Königssohn die andere

Königstochter; des reichen Gutsherrn Tochter gab Herz und Hand dem

Schmiedegesellen. Der als Findling aufgewachsene Königssohn schickte

seinen Pflegeeltern die Hälfte seines Schatzes, so daß diese mit einem

Male reiche Leute wurden, welche ihren Kindern und Kindeskindern ein

großes Vermögen vererben konnten.

[Fußnote 39: Vgl. Bd. 1, S. 98 u. 359. L.]

Ehstnische Märchen. Zweite Hälfte · 第 13 / 22 题