11. Der zaubermächtige Krebs und das unersättliche Weib[38].

Mann und Weib gingen eines Morgens früh zum Heuen und arbeiteten bis

eilf Uhr, dann sagte die Frau zum Manne: »Geh, fang' im Fluß Krebse oder

Fische, was dir gerade aufstößt, damit wir Zukost haben.« Obgleich der

Mann von der Arbeit müde war, unterstand er sich doch nicht sich zu

sträuben, weil, wie das ja oft der Fall ist, das Weib die Hosen anhatte.

-- Als er an den Fluß gekommen war, zog er gleich aus der ersten tiefen

Stelle einen Krebs von der Größe eines Fausthandschuhes heraus. Was für

ein Glücksfang, dachte der Mann -- einen größeren Krebs haben meine

Augen solange ich lebe nicht gesehen. Aber in demselben Augenblicke

überfiel ihn ein Schrecken, als der Krebs mit deutlicher Menschensprache

anhub zu bitten: »Laß mich frei, Goldbrüderchen! Bei der brennenden

Hitze war ich in meinem Schlupfloch eingeschlafen, so daß ich deine

Annäherung nicht eher merkte, als bis deine Finger meine Scheeren schon

gepackt hatten. Mein mehr als hundertjähriges Fleisch, zäher als

Wolfsfleisch, würde dir doch nicht schmecken. Was für Nutzen hättest du

von meinem Tode? Ueberdies bin ich ein durch böse Zauberkraft in einen

Krebs verwandelter Mensch!« Der Mann erwiderte verwundert: »Lieb'

Brüderchen Krebs, nimm es nicht übel, wenn ich deine Bitte nicht zu

erfüllen wage. Ich für mein Theil würde dich gleich frei lassen, hätte

ich nur nicht eine böse Frau, die mir arg mitspielen würde, wenn ich mit

leeren Händen nach Hause käme und noch obendrein berichten müßte, daß

ich schon einen großen Krebs hatte und den Glücksfang wieder aus den

Händen ließ.« »Nun« -- sagte der Krebs -- »am Ende brauchtest du das der

Frau ja nicht zu erzählen.« Der Mann kratzte sich hinter'm Ohr und sagte

dann mit scheuer Geberde: »Wüßtest du nur, Brüderchen, wie listig meine

Frau ist und wie sie mir alle Geheimnisse abzupressen weiß, so würdest

du anders sprechen. Was sie mit glatten Schmeichelworten nicht aus mir

herausbringt, das entreißt sie mir mit Tücke, so daß es mir ganz

unmöglich ist, etwas vor ihr verborgen zu halten.« Der Krebs erwiderte

lachend: »Ich sehe wohl, lieber Freund, daß du zu der Zunft derjenigen

gehörst, die nach der Frauen Pfeife tanzen müssen, und ich bedauere dich

deßhalb von ganzem Herzen. Da dir aber das bloße Bedauern nichts helfen

würde, so will ich dafür sorgen, daß ich dir für meine Freilassung Gaben

spende, mit denen du die Bosheit der Frau besänftigen kannst. Obwohl ich

dir gegenüber klein erscheine, bin ich dir dennoch an Macht weit

überlegen.« Der Mann stand eine Weile zweifelnd und erwiderte endlich:

»Ja, wenn du das möglich machtest, daß ich wegen deiner Freilassung

keinen Verdruß mit der Frau hätte, so würde ich dich augenblicklich

freigeben.« Der Krebs fragte: »Welche Art Fisch ißt deine Frau wohl am

liebsten?« -- Der Mann erwiderte: »Das weiß ich selber nicht, aber ich

glaube, es käme darauf gar nicht an, wenn ich ihr nur überhaupt frische

Fische bringen könnte, und nicht mit leeren Händen zurück käme.« Da hieß

ihn der Krebs den Hut am Ufer niedersetzen und rief dann: »Hut voll

Fische!« Wer hat je etwas Wunderbareres auf der Welt gesehen? Des Mannes

Hut war augenblicklich gehäuft voll von Fischen. »An diesem kleinen

Stückchen erkennst du meine Macht,« sagte der Krebs -- »und du kannst

jetzt mit dem eben gehörten Spruche deinen Hut alle Tage füllen. Sollte

dir noch ein anderer Wunsch in den Sinn kommen, so mußt du mich zu Hülfe

rufen, um die Erfüllung desselben zu bewirken; rufe nur in Fluß hinein:

»Brüderchen Krebs, aus der Höhle!

Schwarzer Mann, aus dem Schlupfloch!«

so erscheine ich sofort. Aber ich möchte dir einschärfen, wenn du

gescheidt sein willst, sage deinem Weibe nichts von dem heutigen Vorfall

-- es würde dir mehr Schaden als Nutzen bringen.« -- Der Mann versprach,

so weit als möglich, das Geheimniß vor seinem Weibe zu bewahren, dankte

dem Krebse für die frischen Fische und für die erhaltene Zusage, ließ

ihn dann in den Fluß zurück und eilte frohen Schrittes und Herzens zu

seiner Frau.

Das Antlitz der Alten heiterte sich auf, als sie den reichen Fang des

Mannes gewahr wurde, sie weidete die Fische sofort aus, streute Salz

darauf und stellte sie im Grapen auf's Feuer. So viel Schmeichel- und

Liebkosungsworte wie heute, hatte der Mann lange nicht aus dem Munde

seiner Frau vernommen. »Sieh nur, Lieberchen, was du für Glück hast,

wenn du thust wie ich wünsche,« sagte die Frau, während sie ihre Fische

verzehrte. Die Woche hindurch verfloß ihnen die Zeit in Freude und

Friede, ganz wie in den ersten Tagen nach der Hochzeit; der Mann brachte

täglich einen Hut voll Fische aus dem Flusse, und Beide ließen sich's

schmecken. Am Sonntag Mittag aber rümpfte die Frau zum ersten Male die

Nase und sagte: »Na, was ist das für ein Teufelskram! Kannst du mir denn

keine bessere Speise mehr auf den Tisch bringen, als diese lumpigen

Fische? Sie sind mir zum Ekel geworden, ich kann sie nicht mehr in den

Mund nehmen!«

Der Mann fragte, was sie denn statt der Fische wohl haben möchte, und

die Frau erwiderte: »eine frische Fleischbrühe und Schweinefleisch

würden mir am besten munden.« Der Mann versprach zwar, ihr Verlangen am

nächsten Tage zu befriedigen, allein es wurde ihm doch nicht gut zu

Muth, wenn er überlegte, ob der Krebs auch im Stande sein werde, den

Wunsch des Weibes zu erfüllen.

Als er am andern Tage mit Sonnenaufgang an's Ufer des Flusses kam, rief

er schüchtern:

»Brüderchen Krebs, aus der Höhle!

Schwarzer Mann, aus dem Schlupfloch!«

Augenblicklich streckte der Krebs seine Scheren an's Ufer und fragte:

»Was willst du Brüderchen?« Der Mann erwiderte: »Ich für mein Theil

hätte weiter kein Begehren, aber meiner Frau schmecken die frischen

Fische nicht mehr, sie sehnt sich nach anderer Speise.« Der Krebs lachte

und fragte, was für Speise die Frau denn haben möchte, und sagte, als er

das Verlangen der Frau vernommen: »Geh heim, klopfe alle Morgen drei Mal

mit dem kleinen Finger an den Eßtisch, und rufe dabei: Frische

Fleischbrühe und Schweinefleisch zu Mittag auf den Tisch! so sollst du

die gewünschte Speise erhalten; aber ich bitte dich, werde nicht zum

Knecht der Gelüste deines Weibes, du könntest es einmal später bereuen,

wenn keine Reue mehr hilft.« Der Mann that den andern Tag, wie ihn der

Krebs gelehrt hatte. Ganz nach Befehl standen zu Mittag die verlangten

Speisen auf dem Tische. Wiederum war dieselbe Freundlichkeit im Hause

wie am ersten Fischtage; die Frau war sanft wie ein Täubchen und suchte

dem Manne Alles an den Augen abzusehen, um es ihm recht zu machen. Noch

war die Woche indeß nicht ganz herum, da rümpfte das Weibel wieder die

Nase und sagte: »Verfluchte Geschichte! wer Henker kann alle Tage

frische Fleischbrühe und Schweinefleisch essen. Mir ist es nicht

möglich, denn es widersteht dem Magen.« Demüthig fragte der Mann: »Sage

mir, Liebchen, was du denn haben möchtest?« Die Frau antwortete:

»Gänsebraten und süßen Kuchen!«

Dem Manne sank wohl der Muth, als er sich wieder zum Flusse aufmachen

sollte, denn er fürchtete den Krebs durch das ewige Bitten zu erzürnen;

dennoch wagte er nicht das Geheiß der Frau unerfüllt zu lassen, weil es

sonst leicht Feuer unter'm Dach hätte geben können. Nachdem er eine

Weile am Ufer hin und her gewandelt war, rief er endlich mit

schüchterner Stimme:

»Brüderchen Krebs, aus der Höhle!

Schwarzer Mann, aus dem Schlupfloch!«

Augenblicklich streckte der Krebs seine schwarzen Scheeren an's Ufer und

fragte: »Was willst du, Brüderchen?« Der Mann erwiderte: »Ich für mein

Theil hätte weiter kein Begehren, aber meiner Frau schmeckt die frische

Fleischbrühe nebst Schweinefleisch nicht mehr, sondern sie verlangt nach

anderer Speise.« Der Krebs fragte, was denn die Frau haben möchte und

sagte, als er es gehört hatte: »Geh nur heim, deiner Frau Wünsche sollen

alsbald erfüllt werden, ohne daß du dabei weitere Anstalten zu treffen

brauchst.« Als nun am anderen Tage Mittag herankam, schaute der Mann

oftmals mit ängstlichem Blicke auf den Eßtisch, ob des Krebses Zusage

auch wohl in Erfüllung gehen werde? Und je höher die Sonne stieg, desto

tiefer sank des Mannes Hoffnung, da der Tisch noch immer leer blieb. Nun

siehe das Wunder! Zur bestimmten Zeit standen Gänsebraten und süße

Kuchen auf dem Tische. Die Frau war ganz glücklich; die Schmeichelworte

liebster Mann, Goldmann, kamen häufiger über ihre Lippen als am ersten

Tage nach der Hochzeit. Abends beim Schlafengehen hatte sie dann den

Mann so lange geliebkoset und umschmeichelt, bis er ihr den Vorfall mit

dem Krebse erzählt hatte. »Was fehlt uns nun noch«, sagte die Frau --

»wenn wir einen solchen Helfer haben? Wir wollen jetzt einmal ein

besseres Leben führen. Schon längst sind mir diese Bauerkleider

widerwärtig und wünschte ich mir einen stattlicheren Anzug; geh und

schaffe mir Damenkleider.« Der Mann versuchte zwar Widerstand zu

leisten, indem er sagte, er wisse nicht, ob der Krebs dergleichen

hervorzubringen vermöge -- aber die Frau ließ ihren Einfall nicht

fahren, sondern setzte dem Manne Tag für Tag so lange zu, bis sie ihn

bewog an den Fluß zu gehen. Da der Mann weder Tag noch Nacht mehr Ruhe

hatte, ging er eines Morgens an den Fluß mit dem festen Vorsatze: kann

der Krebs mein Begehr nicht erfüllen, so ersäufe ich mich im Flusse.

Nachdem er eine Weile unschlüssig am Ufer auf und abgegangen war, faßte

er sich endlich ein Herz und rief mit schüchterner Stimme:

»Brüderchen Krebs, aus der Höhle!

Schwarzer Mann, aus dem Schlupfloch!«

Der Krebs streckte augenblicklich seine schwarzen Scheren an's Ufer und

fragte: »Was willst du, Brüderchen?« Der Mann erwiderte: »Ich für meinen

Theil hätte weiter kein Begehren, aber meines Weibes Wünsche nehmen kein

Ende; obwohl jetzt alle Tage Gänsebraten und süße Kuchen auf dem Tische

stehen, so ist sie doch mit den guten Bissen nicht mehr zufrieden.« »Was

will sie denn?« fragte der Krebs. Der Mann erwiderte: »Prächtige

Damenkleider statt ihrer eigenen Lumpen!« Der Krebs lachte und sagte:

»Geh heim, deines Weibes Wunsch soll vollständig erfüllt werden.« Der

Mann dankte dem Krebs für sein gütiges Versprechen und machte sich auf

den Heimweg, sehr vergnügt über das leichte Gelingen dessen, was er

besorgen sollte. Schon an der Hofthür kam ihm seine Frau in stattlichen

Kleidern entgegen, die er im ersten Augenblicke nicht kannte, bald aber

als seine eigene, zur Dame erhobene Frau erkennen mußte. Jetzt lebten

sie einmal im Glücke: alle Tage Gänsebraten und süße Kuchen auf dem

Tische und die Frau mit stattlichen Damenkleidern angethan. Zu Ende der

Woche sagte die Frau eines Abends zum Manne: »Ich habe mir die Sache hin

und her überlegt und gefunden, daß unser Leben auf diese Weise nicht

fortgehen kann. Stattliche Damenkleider, Gänsebraten und süße Kuchen

vertragen sich nicht mehr mit einer Bauernhütte, der Krebs muß uns einen

Gutshof schaffen, in welchem ich, Tag aus Tag ein, wie eine gnädige Frau

wohnen kann.« Zwar sträubte sich der Mann auf alle Weise, weil er

glaubte, daß der Krebs ein solches Verlangen übel nehmen könnte, aber

die Frau gab ihre eigensinnige Grille nicht auf, sondern quälte den Mann

so lange, bis er sich endlich fügte.

Mit schwerem Herzen und unmuthigen Schritten ging der Mann den andern

Morgen an den Fluß; oftmals stand er still und sann darüber nach, wie er

sich wohl dieser schlimmen Aufgabe entziehen könnte; da ihm aber kein

besserer Rath kam, mußte er doch endlich seinen mächtigen Helfer angehen

und rief:

»Brüderchen Krebs, aus der Höhle!

Schwarzer Mann, aus dem Schlupfloch!«

Augenblicklich streckte der Krebs seine schwarzen Scheeren an's Ufer und

fragte:

»Was willst du, Brüderchen?« Der Mann erwiderte: »Ich für meinen Theil

hätte weiter kein Begehren, aber meine Frau hat trotz ihrer guten Kost

und ihrer Damenkleider keine Ruhe mehr und quält mich alle Tage wie der

böse Feind, daß ich deine Hülfe anrufen soll.« Als der Krebs hörte, daß

die Frau abermals Wünsche hege, fragte er, was sie denn nun wieder

Neues wolle? Der Mann berichtete, daß die Frau nach einem prächtigen

Gutshof und nach dem Titel einer gnädigen Frau Verlangen trage und

bekannte zuletzt, daß er ihr eines Abends sein Zusammentreffen mit dem

Krebs erzählt habe. »O du Armer!« rief der Krebs, »dann hast du deinem

Glücke und deinem Frieden ein Ende gemacht! Deines Weibes Wünsche werden

dir keine Ruhe lassen, bis ihr all' euer jetziges Glück wieder eingebüßt

habt. Dennoch magst du dieses Mal ruhig nach Hause gehen, deines Weibes

Begehr soll vollständig erfüllt werden.«

Als der Mann vom Flusse nach Hause kam, glaubte er sich verirrt zu

haben, weil er seine frühere Hütte nicht mehr vorfand und die ganze

umliegende Gegend ihm fremd vorkam. Ein stattliches Hofgut lang vor ihm,

mitten in einem schönen Nutzgarten, und während er noch zweifelnd

dastand und nicht wußte, was er thun sollte, kam ihm eine stattliche

Dame in seidenen Kleidern entgegen. An der Stimme erkannte er seine

angetraute Gattin, die ihn zärtlich umarmte und sagte: »Jetzt sind meine

Wünsche befriedigt; ich danke dir und deinem Helfer dem Krebse!« Der

Mann wußte nicht, was er vor Freuden anfangen sollte; jetzt hatte er

eine Frau, die ihn lieb und werth hielt. Um die Speisen hatten sie keine

Sorgen mehr, da die Köche jeden Tag herbeischaffen mußten, was der

gnädigen Frau Herz begehrte. Ein besseres Loos konnte einem Menschen

nirgends auf Erden zu Theil werden.

Dennoch fand das unersättliche Herz der Frau keine Ruhe, vielmehr begann

sie nach eigen Wochen den Mann wiederum zu quälen, er möchte sie mit

Hülfe des mächtigen Krebses zur Königin erheben. Der Mann sträubte sich

aus allen Kräften, aber es half nichts, denn die Frau summte ihm Nacht

und Tag ihre Gelüste nach der königlichen Würde in's Ohr und ließ ihm

nirgends Ruhe. Wohl ächzte und seufzte das arme Männchen und kratzte

sich hinter den Ohren, da er sich aber nicht anders zu helfen wußte, so

mußte er endlich gehen, um beim Krebse Hülfe zu suchen.

Als er an den Fluß kam, war er mehr todt als lebendig; er versuchte

mehrmals seinen Helfer zu rufen, aber die Zunge versagte ihm den Dienst.

Endlich gelang es ihm jedoch, die Worte hervorzustottern:

»Brüderchen Krebs, aus der Höhle!

Schwarzer Mann, aus dem Schlupfloch!«

Augenblicklich streckte der Krebs seine schwarzen Scheeren an's Ufer und

fragte: »Was willst du, Brüderchen?« Der Mann antwortete schüchtern:

»Ich für meinen Theil hätte weiter kein Begehren, aber meinem Weibe will

der Stand einer gnädigen Frau auf ihrem Hofsitz nicht mehr behagen.« Der

Krebs fragte: »Was für einen Stand wünscht sie sich denn?« Der Mann

erwiderte: »Meine Frau will Königin werden.« »Oho!« rief der Krebs,

»indeß da ich einmal dein Schuldner bin, will ich dieses Mal noch deinem

Weibe den Willen thun. Geh heim, deines Weibes Wunsch soll in Erfüllung

gehen.«

Wie der Krebs es verheißen hatte, so fand der Mann, als er nach Hause

kam, seine Frau zur Königin erhöht. Knechte, Diener und Zofen gab es zu

Dutzenden und alle mußten der neuen Königin Befehle vollziehen. Gott sei

gedankt! dachte der Mann, jetzt werde ich einmal Ruhe haben, denn das

höchste Begehr meines Weibes ist erfüllt; dazu auf Schritt und Tritt

soviel Dienerschaft, daß sie es gar nicht merkt, wenn ich abseits gehe,

um nach all' der Mühe und Noth auszuruhen.

Ueber ein paar Monate verstrichen der Frau in ihrer königlichen Würde

gar angenehm, so daß kein Wunsch sie mehr plagte. Eines Tages aber ließ

sie ihren Mann rufen und sagte: »Ich habe nicht länger Lust, Königin zu

sein, sondern will noch höher steigen! Darin müssen du und dein Helfer,

der Krebs, mir behülflich sein.« Der Mann fragte: »Was willst du denn

noch, wenn die königliche Würde dir nicht frommt?« Die Frau erwiderte:

»ich will Gott werden!« Der Mann erschrak dermaßen, daß er eine Zeit

lang kein Wort hervorbringen konnte, dann legte er sich auf's Bitten und

als all sein Bitten nichts half, fuhr er endlich heraus: »Mach' was du

willst, aber diese Bitte werde ich dem Krebse nicht vorlegen.« »Sieh den

Lausangel!« rief das Weib zornig, »darfst du dich mir widersetzen, die

ich deine angetraute Frau und obendrein noch Königin bin! Augenblicklich

erfülle meinen Befehl, oder ich lasse dir das Leben nehmen!«

Der Mann dachte: sterben müssen wir Alle, gleichviel wie ich um's Leben

komme, ob durch meine böse Frau, oder durch den Krebs, ich will den

Befehl vollziehen. So denkend, machte er sich mit kecken Schritten auf,

aber je näher er dem Flusse kam, desto kürzer wurden des Männleins

Schritte. Endlich faßte er sich ein Herz und rief:

»Brüderchen Krebs, aus der Höhle!

Schwarzer Mann aus dem Schlupfloch!«

Ringsum blieb Alles still, weder der Krebs noch ein lebendes Wesen ließ

sich blicken. Es rief noch ein Mal, ebenso fruchtlos, endlich rief er

zum dritten Male. Da streckte der Krebs erst die eine dann die andere

Scheere, langsam an's Ufer und fragte: »Was willst du von mir?« Der Mann

sagte: »Ich für meinen Theil hätte weiter kein Begehr aber meine zur

Königin erhobene Frau läßt mir nirgends Ruhe.« »Was begehrt sie denn

noch?« fragte der Krebs. Der Mann erwiderte: »Sie will Gott werden.«

Zornig versetzte der Krebs: »In den Schweinestall alle Beide! Deine Frau

ist toll und du bist noch schlimmer als toll, weil du nach ihrer Pfeife

tanzest.«

Der Mann hatte eine Empfindung, als ob der Boden unter seinen Füßen

erschüttert würde. Als er sich prüfend umsah, wurde er weder Fluß noch

Krebs gewahr, etwas weiterhin stand eine Hütte im Freien. Als der Mann

darauf zuging, fand er einen Schweinestall und seine Frau in elenden

Lumpen im Winkel auf schmutzigem Stroh am Boden. Da mußten sie bis an

ihr Ende wohnen und des alten Wortes gedenken: »Allzu scharf macht

schartig.«

[Fußnote 38: Neben dem analogen deutschen Märchen in der Grimmschen

Sammlung vgl. man die höchst charakteristische Behandlung desselben

Stoffes in dem »Märchen vom Fischer und der Fischerin« von _Puschkin_. Aus

dem Russ. in der Bibl. ausl. Classiker, von E. _Löwe_. Bändchen 107.

Hildburgh. 1870. L.]

Ehstnische Märchen. Zweite Hälfte · 第 12 / 22 题