Mann und Weib gingen eines Morgens früh zum Heuen und arbeiteten bis
eilf Uhr, dann sagte die Frau zum Manne: »Geh, fang' im Fluß Krebse oder
Fische, was dir gerade aufstößt, damit wir Zukost haben.« Obgleich der
Mann von der Arbeit müde war, unterstand er sich doch nicht sich zu
sträuben, weil, wie das ja oft der Fall ist, das Weib die Hosen anhatte.
-- Als er an den Fluß gekommen war, zog er gleich aus der ersten tiefen
Stelle einen Krebs von der Größe eines Fausthandschuhes heraus. Was für
ein Glücksfang, dachte der Mann -- einen größeren Krebs haben meine
Augen solange ich lebe nicht gesehen. Aber in demselben Augenblicke
überfiel ihn ein Schrecken, als der Krebs mit deutlicher Menschensprache
anhub zu bitten: »Laß mich frei, Goldbrüderchen! Bei der brennenden
Hitze war ich in meinem Schlupfloch eingeschlafen, so daß ich deine
Annäherung nicht eher merkte, als bis deine Finger meine Scheeren schon
gepackt hatten. Mein mehr als hundertjähriges Fleisch, zäher als
Wolfsfleisch, würde dir doch nicht schmecken. Was für Nutzen hättest du
von meinem Tode? Ueberdies bin ich ein durch böse Zauberkraft in einen
Krebs verwandelter Mensch!« Der Mann erwiderte verwundert: »Lieb'
Brüderchen Krebs, nimm es nicht übel, wenn ich deine Bitte nicht zu
erfüllen wage. Ich für mein Theil würde dich gleich frei lassen, hätte
ich nur nicht eine böse Frau, die mir arg mitspielen würde, wenn ich mit
leeren Händen nach Hause käme und noch obendrein berichten müßte, daß
ich schon einen großen Krebs hatte und den Glücksfang wieder aus den
Händen ließ.« »Nun« -- sagte der Krebs -- »am Ende brauchtest du das der
Frau ja nicht zu erzählen.« Der Mann kratzte sich hinter'm Ohr und sagte
dann mit scheuer Geberde: »Wüßtest du nur, Brüderchen, wie listig meine
Frau ist und wie sie mir alle Geheimnisse abzupressen weiß, so würdest
du anders sprechen. Was sie mit glatten Schmeichelworten nicht aus mir
herausbringt, das entreißt sie mir mit Tücke, so daß es mir ganz
unmöglich ist, etwas vor ihr verborgen zu halten.« Der Krebs erwiderte
lachend: »Ich sehe wohl, lieber Freund, daß du zu der Zunft derjenigen
gehörst, die nach der Frauen Pfeife tanzen müssen, und ich bedauere dich
deßhalb von ganzem Herzen. Da dir aber das bloße Bedauern nichts helfen
würde, so will ich dafür sorgen, daß ich dir für meine Freilassung Gaben
spende, mit denen du die Bosheit der Frau besänftigen kannst. Obwohl ich
dir gegenüber klein erscheine, bin ich dir dennoch an Macht weit
überlegen.« Der Mann stand eine Weile zweifelnd und erwiderte endlich:
»Ja, wenn du das möglich machtest, daß ich wegen deiner Freilassung
keinen Verdruß mit der Frau hätte, so würde ich dich augenblicklich
freigeben.« Der Krebs fragte: »Welche Art Fisch ißt deine Frau wohl am
liebsten?« -- Der Mann erwiderte: »Das weiß ich selber nicht, aber ich
glaube, es käme darauf gar nicht an, wenn ich ihr nur überhaupt frische
Fische bringen könnte, und nicht mit leeren Händen zurück käme.« Da hieß
ihn der Krebs den Hut am Ufer niedersetzen und rief dann: »Hut voll
Fische!« Wer hat je etwas Wunderbareres auf der Welt gesehen? Des Mannes
Hut war augenblicklich gehäuft voll von Fischen. »An diesem kleinen
Stückchen erkennst du meine Macht,« sagte der Krebs -- »und du kannst
jetzt mit dem eben gehörten Spruche deinen Hut alle Tage füllen. Sollte
dir noch ein anderer Wunsch in den Sinn kommen, so mußt du mich zu Hülfe
rufen, um die Erfüllung desselben zu bewirken; rufe nur in Fluß hinein:
»Brüderchen Krebs, aus der Höhle!
Schwarzer Mann, aus dem Schlupfloch!«
so erscheine ich sofort. Aber ich möchte dir einschärfen, wenn du
gescheidt sein willst, sage deinem Weibe nichts von dem heutigen Vorfall
-- es würde dir mehr Schaden als Nutzen bringen.« -- Der Mann versprach,
so weit als möglich, das Geheimniß vor seinem Weibe zu bewahren, dankte
dem Krebse für die frischen Fische und für die erhaltene Zusage, ließ
ihn dann in den Fluß zurück und eilte frohen Schrittes und Herzens zu
seiner Frau.
Das Antlitz der Alten heiterte sich auf, als sie den reichen Fang des
Mannes gewahr wurde, sie weidete die Fische sofort aus, streute Salz
darauf und stellte sie im Grapen auf's Feuer. So viel Schmeichel- und
Liebkosungsworte wie heute, hatte der Mann lange nicht aus dem Munde
seiner Frau vernommen. »Sieh nur, Lieberchen, was du für Glück hast,
wenn du thust wie ich wünsche,« sagte die Frau, während sie ihre Fische
verzehrte. Die Woche hindurch verfloß ihnen die Zeit in Freude und
Friede, ganz wie in den ersten Tagen nach der Hochzeit; der Mann brachte
täglich einen Hut voll Fische aus dem Flusse, und Beide ließen sich's
schmecken. Am Sonntag Mittag aber rümpfte die Frau zum ersten Male die
Nase und sagte: »Na, was ist das für ein Teufelskram! Kannst du mir denn
keine bessere Speise mehr auf den Tisch bringen, als diese lumpigen
Fische? Sie sind mir zum Ekel geworden, ich kann sie nicht mehr in den
Mund nehmen!«
Der Mann fragte, was sie denn statt der Fische wohl haben möchte, und
die Frau erwiderte: »eine frische Fleischbrühe und Schweinefleisch
würden mir am besten munden.« Der Mann versprach zwar, ihr Verlangen am
nächsten Tage zu befriedigen, allein es wurde ihm doch nicht gut zu
Muth, wenn er überlegte, ob der Krebs auch im Stande sein werde, den
Wunsch des Weibes zu erfüllen.
Als er am andern Tage mit Sonnenaufgang an's Ufer des Flusses kam, rief
er schüchtern:
»Brüderchen Krebs, aus der Höhle!
Schwarzer Mann, aus dem Schlupfloch!«
Augenblicklich streckte der Krebs seine Scheren an's Ufer und fragte:
»Was willst du Brüderchen?« Der Mann erwiderte: »Ich für mein Theil
hätte weiter kein Begehren, aber meiner Frau schmecken die frischen
Fische nicht mehr, sie sehnt sich nach anderer Speise.« Der Krebs lachte
und fragte, was für Speise die Frau denn haben möchte, und sagte, als er
das Verlangen der Frau vernommen: »Geh heim, klopfe alle Morgen drei Mal
mit dem kleinen Finger an den Eßtisch, und rufe dabei: Frische
Fleischbrühe und Schweinefleisch zu Mittag auf den Tisch! so sollst du
die gewünschte Speise erhalten; aber ich bitte dich, werde nicht zum
Knecht der Gelüste deines Weibes, du könntest es einmal später bereuen,
wenn keine Reue mehr hilft.« Der Mann that den andern Tag, wie ihn der
Krebs gelehrt hatte. Ganz nach Befehl standen zu Mittag die verlangten
Speisen auf dem Tische. Wiederum war dieselbe Freundlichkeit im Hause
wie am ersten Fischtage; die Frau war sanft wie ein Täubchen und suchte
dem Manne Alles an den Augen abzusehen, um es ihm recht zu machen. Noch
war die Woche indeß nicht ganz herum, da rümpfte das Weibel wieder die
Nase und sagte: »Verfluchte Geschichte! wer Henker kann alle Tage
frische Fleischbrühe und Schweinefleisch essen. Mir ist es nicht
möglich, denn es widersteht dem Magen.« Demüthig fragte der Mann: »Sage
mir, Liebchen, was du denn haben möchtest?« Die Frau antwortete:
»Gänsebraten und süßen Kuchen!«
Dem Manne sank wohl der Muth, als er sich wieder zum Flusse aufmachen
sollte, denn er fürchtete den Krebs durch das ewige Bitten zu erzürnen;
dennoch wagte er nicht das Geheiß der Frau unerfüllt zu lassen, weil es
sonst leicht Feuer unter'm Dach hätte geben können. Nachdem er eine
Weile am Ufer hin und her gewandelt war, rief er endlich mit
schüchterner Stimme:
»Brüderchen Krebs, aus der Höhle!
Schwarzer Mann, aus dem Schlupfloch!«
Augenblicklich streckte der Krebs seine schwarzen Scheeren an's Ufer und
fragte: »Was willst du, Brüderchen?« Der Mann erwiderte: »Ich für mein
Theil hätte weiter kein Begehren, aber meiner Frau schmeckt die frische
Fleischbrühe nebst Schweinefleisch nicht mehr, sondern sie verlangt nach
anderer Speise.« Der Krebs fragte, was denn die Frau haben möchte und
sagte, als er es gehört hatte: »Geh nur heim, deiner Frau Wünsche sollen
alsbald erfüllt werden, ohne daß du dabei weitere Anstalten zu treffen
brauchst.« Als nun am anderen Tage Mittag herankam, schaute der Mann
oftmals mit ängstlichem Blicke auf den Eßtisch, ob des Krebses Zusage
auch wohl in Erfüllung gehen werde? Und je höher die Sonne stieg, desto
tiefer sank des Mannes Hoffnung, da der Tisch noch immer leer blieb. Nun
siehe das Wunder! Zur bestimmten Zeit standen Gänsebraten und süße
Kuchen auf dem Tische. Die Frau war ganz glücklich; die Schmeichelworte
liebster Mann, Goldmann, kamen häufiger über ihre Lippen als am ersten
Tage nach der Hochzeit. Abends beim Schlafengehen hatte sie dann den
Mann so lange geliebkoset und umschmeichelt, bis er ihr den Vorfall mit
dem Krebse erzählt hatte. »Was fehlt uns nun noch«, sagte die Frau --
»wenn wir einen solchen Helfer haben? Wir wollen jetzt einmal ein
besseres Leben führen. Schon längst sind mir diese Bauerkleider
widerwärtig und wünschte ich mir einen stattlicheren Anzug; geh und
schaffe mir Damenkleider.« Der Mann versuchte zwar Widerstand zu
leisten, indem er sagte, er wisse nicht, ob der Krebs dergleichen
hervorzubringen vermöge -- aber die Frau ließ ihren Einfall nicht
fahren, sondern setzte dem Manne Tag für Tag so lange zu, bis sie ihn
bewog an den Fluß zu gehen. Da der Mann weder Tag noch Nacht mehr Ruhe
hatte, ging er eines Morgens an den Fluß mit dem festen Vorsatze: kann
der Krebs mein Begehr nicht erfüllen, so ersäufe ich mich im Flusse.
Nachdem er eine Weile unschlüssig am Ufer auf und abgegangen war, faßte
er sich endlich ein Herz und rief mit schüchterner Stimme:
»Brüderchen Krebs, aus der Höhle!
Schwarzer Mann, aus dem Schlupfloch!«
Der Krebs streckte augenblicklich seine schwarzen Scheren an's Ufer und
fragte: »Was willst du, Brüderchen?« Der Mann erwiderte: »Ich für meinen
Theil hätte weiter kein Begehren, aber meines Weibes Wünsche nehmen kein
Ende; obwohl jetzt alle Tage Gänsebraten und süße Kuchen auf dem Tische
stehen, so ist sie doch mit den guten Bissen nicht mehr zufrieden.« »Was
will sie denn?« fragte der Krebs. Der Mann erwiderte: »Prächtige
Damenkleider statt ihrer eigenen Lumpen!« Der Krebs lachte und sagte:
»Geh heim, deines Weibes Wunsch soll vollständig erfüllt werden.« Der
Mann dankte dem Krebs für sein gütiges Versprechen und machte sich auf
den Heimweg, sehr vergnügt über das leichte Gelingen dessen, was er
besorgen sollte. Schon an der Hofthür kam ihm seine Frau in stattlichen
Kleidern entgegen, die er im ersten Augenblicke nicht kannte, bald aber
als seine eigene, zur Dame erhobene Frau erkennen mußte. Jetzt lebten
sie einmal im Glücke: alle Tage Gänsebraten und süße Kuchen auf dem
Tische und die Frau mit stattlichen Damenkleidern angethan. Zu Ende der
Woche sagte die Frau eines Abends zum Manne: »Ich habe mir die Sache hin
und her überlegt und gefunden, daß unser Leben auf diese Weise nicht
fortgehen kann. Stattliche Damenkleider, Gänsebraten und süße Kuchen
vertragen sich nicht mehr mit einer Bauernhütte, der Krebs muß uns einen
Gutshof schaffen, in welchem ich, Tag aus Tag ein, wie eine gnädige Frau
wohnen kann.« Zwar sträubte sich der Mann auf alle Weise, weil er
glaubte, daß der Krebs ein solches Verlangen übel nehmen könnte, aber
die Frau gab ihre eigensinnige Grille nicht auf, sondern quälte den Mann
so lange, bis er sich endlich fügte.
Mit schwerem Herzen und unmuthigen Schritten ging der Mann den andern
Morgen an den Fluß; oftmals stand er still und sann darüber nach, wie er
sich wohl dieser schlimmen Aufgabe entziehen könnte; da ihm aber kein
besserer Rath kam, mußte er doch endlich seinen mächtigen Helfer angehen
und rief:
»Brüderchen Krebs, aus der Höhle!
Schwarzer Mann, aus dem Schlupfloch!«
Augenblicklich streckte der Krebs seine schwarzen Scheeren an's Ufer und
fragte:
»Was willst du, Brüderchen?« Der Mann erwiderte: »Ich für meinen Theil
hätte weiter kein Begehren, aber meine Frau hat trotz ihrer guten Kost
und ihrer Damenkleider keine Ruhe mehr und quält mich alle Tage wie der
böse Feind, daß ich deine Hülfe anrufen soll.« Als der Krebs hörte, daß
die Frau abermals Wünsche hege, fragte er, was sie denn nun wieder
Neues wolle? Der Mann berichtete, daß die Frau nach einem prächtigen
Gutshof und nach dem Titel einer gnädigen Frau Verlangen trage und
bekannte zuletzt, daß er ihr eines Abends sein Zusammentreffen mit dem
Krebs erzählt habe. »O du Armer!« rief der Krebs, »dann hast du deinem
Glücke und deinem Frieden ein Ende gemacht! Deines Weibes Wünsche werden
dir keine Ruhe lassen, bis ihr all' euer jetziges Glück wieder eingebüßt
habt. Dennoch magst du dieses Mal ruhig nach Hause gehen, deines Weibes
Begehr soll vollständig erfüllt werden.«
Als der Mann vom Flusse nach Hause kam, glaubte er sich verirrt zu
haben, weil er seine frühere Hütte nicht mehr vorfand und die ganze
umliegende Gegend ihm fremd vorkam. Ein stattliches Hofgut lang vor ihm,
mitten in einem schönen Nutzgarten, und während er noch zweifelnd
dastand und nicht wußte, was er thun sollte, kam ihm eine stattliche
Dame in seidenen Kleidern entgegen. An der Stimme erkannte er seine
angetraute Gattin, die ihn zärtlich umarmte und sagte: »Jetzt sind meine
Wünsche befriedigt; ich danke dir und deinem Helfer dem Krebse!« Der
Mann wußte nicht, was er vor Freuden anfangen sollte; jetzt hatte er
eine Frau, die ihn lieb und werth hielt. Um die Speisen hatten sie keine
Sorgen mehr, da die Köche jeden Tag herbeischaffen mußten, was der
gnädigen Frau Herz begehrte. Ein besseres Loos konnte einem Menschen
nirgends auf Erden zu Theil werden.
Dennoch fand das unersättliche Herz der Frau keine Ruhe, vielmehr begann
sie nach eigen Wochen den Mann wiederum zu quälen, er möchte sie mit
Hülfe des mächtigen Krebses zur Königin erheben. Der Mann sträubte sich
aus allen Kräften, aber es half nichts, denn die Frau summte ihm Nacht
und Tag ihre Gelüste nach der königlichen Würde in's Ohr und ließ ihm
nirgends Ruhe. Wohl ächzte und seufzte das arme Männchen und kratzte
sich hinter den Ohren, da er sich aber nicht anders zu helfen wußte, so
mußte er endlich gehen, um beim Krebse Hülfe zu suchen.
Als er an den Fluß kam, war er mehr todt als lebendig; er versuchte
mehrmals seinen Helfer zu rufen, aber die Zunge versagte ihm den Dienst.
Endlich gelang es ihm jedoch, die Worte hervorzustottern:
»Brüderchen Krebs, aus der Höhle!
Schwarzer Mann, aus dem Schlupfloch!«
Augenblicklich streckte der Krebs seine schwarzen Scheeren an's Ufer und
fragte: »Was willst du, Brüderchen?« Der Mann antwortete schüchtern:
»Ich für meinen Theil hätte weiter kein Begehren, aber meinem Weibe will
der Stand einer gnädigen Frau auf ihrem Hofsitz nicht mehr behagen.« Der
Krebs fragte: »Was für einen Stand wünscht sie sich denn?« Der Mann
erwiderte: »Meine Frau will Königin werden.« »Oho!« rief der Krebs,
»indeß da ich einmal dein Schuldner bin, will ich dieses Mal noch deinem
Weibe den Willen thun. Geh heim, deines Weibes Wunsch soll in Erfüllung
gehen.«
Wie der Krebs es verheißen hatte, so fand der Mann, als er nach Hause
kam, seine Frau zur Königin erhöht. Knechte, Diener und Zofen gab es zu
Dutzenden und alle mußten der neuen Königin Befehle vollziehen. Gott sei
gedankt! dachte der Mann, jetzt werde ich einmal Ruhe haben, denn das
höchste Begehr meines Weibes ist erfüllt; dazu auf Schritt und Tritt
soviel Dienerschaft, daß sie es gar nicht merkt, wenn ich abseits gehe,
um nach all' der Mühe und Noth auszuruhen.
Ueber ein paar Monate verstrichen der Frau in ihrer königlichen Würde
gar angenehm, so daß kein Wunsch sie mehr plagte. Eines Tages aber ließ
sie ihren Mann rufen und sagte: »Ich habe nicht länger Lust, Königin zu
sein, sondern will noch höher steigen! Darin müssen du und dein Helfer,
der Krebs, mir behülflich sein.« Der Mann fragte: »Was willst du denn
noch, wenn die königliche Würde dir nicht frommt?« Die Frau erwiderte:
»ich will Gott werden!« Der Mann erschrak dermaßen, daß er eine Zeit
lang kein Wort hervorbringen konnte, dann legte er sich auf's Bitten und
als all sein Bitten nichts half, fuhr er endlich heraus: »Mach' was du
willst, aber diese Bitte werde ich dem Krebse nicht vorlegen.« »Sieh den
Lausangel!« rief das Weib zornig, »darfst du dich mir widersetzen, die
ich deine angetraute Frau und obendrein noch Königin bin! Augenblicklich
erfülle meinen Befehl, oder ich lasse dir das Leben nehmen!«
Der Mann dachte: sterben müssen wir Alle, gleichviel wie ich um's Leben
komme, ob durch meine böse Frau, oder durch den Krebs, ich will den
Befehl vollziehen. So denkend, machte er sich mit kecken Schritten auf,
aber je näher er dem Flusse kam, desto kürzer wurden des Männleins
Schritte. Endlich faßte er sich ein Herz und rief:
»Brüderchen Krebs, aus der Höhle!
Schwarzer Mann aus dem Schlupfloch!«
Ringsum blieb Alles still, weder der Krebs noch ein lebendes Wesen ließ
sich blicken. Es rief noch ein Mal, ebenso fruchtlos, endlich rief er
zum dritten Male. Da streckte der Krebs erst die eine dann die andere
Scheere, langsam an's Ufer und fragte: »Was willst du von mir?« Der Mann
sagte: »Ich für meinen Theil hätte weiter kein Begehr aber meine zur
Königin erhobene Frau läßt mir nirgends Ruhe.« »Was begehrt sie denn
noch?« fragte der Krebs. Der Mann erwiderte: »Sie will Gott werden.«
Zornig versetzte der Krebs: »In den Schweinestall alle Beide! Deine Frau
ist toll und du bist noch schlimmer als toll, weil du nach ihrer Pfeife
tanzest.«
Der Mann hatte eine Empfindung, als ob der Boden unter seinen Füßen
erschüttert würde. Als er sich prüfend umsah, wurde er weder Fluß noch
Krebs gewahr, etwas weiterhin stand eine Hütte im Freien. Als der Mann
darauf zuging, fand er einen Schweinestall und seine Frau in elenden
Lumpen im Winkel auf schmutzigem Stroh am Boden. Da mußten sie bis an
ihr Ende wohnen und des alten Wortes gedenken: »Allzu scharf macht
schartig.«
[Fußnote 38: Neben dem analogen deutschen Märchen in der Grimmschen
Sammlung vgl. man die höchst charakteristische Behandlung desselben
Stoffes in dem »Märchen vom Fischer und der Fischerin« von _Puschkin_. Aus
dem Russ. in der Bibl. ausl. Classiker, von E. _Löwe_. Bändchen 107.
Hildburgh. 1870. L.]