7. Aschen-Trine.

Einmal lebte ein reicher Mann mit seiner Frau und einer einzigen

Tochter, welche die Eltern mehr als ihren Augapfel liebten, und deshalb

auf's zärtlichste erzogen; und die gute Tochter war dieser Liebe werth.

Die Mutter hatte einst einen Traum gehabt, aus dem sie auf ein schweres

Mißgeschick schloß, und sie hätte viel darum gegeben, wenn Jemand ihr

den Traum richtig hätte deuten können. Aber noch ehe sie einen klugen

Traumdeuter fand, erkrankte sie schwer an einer Brustentzündung und

fühlte schon am andern Tage ihre Todesstunde herannahen. Der Mann war

fortgegangen um Aerzte zu holen, da rief die Frau ihr Töchterchen an

ihr Bett, streichelte ihm die Wangen und sagte mit betrübter Miene: »Der

Himmel ruft mich aus dieser Welt ab zur Ruhe; ich muß in's Grab und dich

Lämmchen zurücklassen. Dein Vater und ein anderer höherer im Himmel

werden für dich Sorge tragen, und mein mütterliches Auge wird von jener

Welt her über dich wachen. Wenn du ein frommes und gutes Kind bleibst,

so werden unsere Herzen ewig vereinigt bleiben, denn auch Tod und Grab

können die Liebesbande zwischen Mutter und Kind nicht zerreißen. Pflanze

auf meinem Grabhügel zum Schmuck eine Eberesche, damit die Vögel im

Herbste Beeren darauf finden und dir gutes dafür erweisen, wenn du keine

andern Freunde mehr haben solltest. Sollte dein Herz einmal einen

heimlichen Wunsch hegen, dann schüttle den Wipfel der Eberesche, damit

ich Kunde davon erhalte; oder sollten bittere Stunden in dein Leben

treten, dann schlüpfe unter den Schatten der Eberesche, welche dich

trostreich aufnehmen wird wie der Schooß einer Mutter und deinem

betrübten Herzen Erquickung bringen wird.« Nicht lange darnach und noch

ehe der Vater von seinem Gange nach dem Arzte zurück war, schlossen sich

die Augen der guten Mutter auf immer. Das Töchterchen weinte bitterlich

und wollte weder bei Tage noch bei Nacht aus der Nähe der Todten

weichen, bis der Mutter kalter Leichnam in den Sarg gelegt und zu Grabe

getragen wurde. Die Tochter pflanzte eine Eberesche auf das Grab, grub

die Wurzeln in die Erde und feuchtete sie mit ihren Thränen; und als

später das Naß der Wolke dazu kam, wuchs der Baum in die Höhe, daß es

eine Lust war zu sehen. Das Kind setzte sich gar oft unter diesen der

Mutter geweihten Baum, der ihm jetzt der liebste Platz auf Erden

geworden war.

Den nächsten Herbst ging der Vater wieder auf die Freite und brachte

nach einigen Wochen eine neue Heerdeskönigin in's Haus. Allein er hatte

nicht daran gedacht, beim Freien _darauf_ zu sehen, ob die Frau auch eine

Mutter für seine Tochter werden könne. -- Zwar wird es einem vermöglichen

Wittwer nicht schwer, eine Frau zu bekommen, aber selten ist der Fall,

daß die Waise in ihr eine Mutter findet. -- Die Stiefmutter hatte zwei

Töchter aus ihrer ersten Ehe; sie brachte dieselben mit in's Haus und da

Blut doch immer dicker ist als Wasser, so war es selbstverständlich, daß

des Mannes Tochter auf keine goldenen Tage zu hoffen hatte. -- Die

Mutter achtete ihre Töchter für golden, des Mannes Tochter für irden,

und als die Goldtöchter das sahen, faßten sie auch flugs den Gedanken:

wir sind die Gebieterinnen, sie ist unsere Sclavin! Da indessen ein

neuer Besen immer gut fegt, so zeigte die neuvermählte Wittwe ihrer

Stieftochter in den ersten Tagen nach der Hochzeit ein freundliches

Gesicht, und dasselbe thaten zum Schein ihre beiden Töchter -- aber die

Freundlichkeit kam nicht von Herzen. Ihre Herzen waren hart und voll von

Stolz und Tücke und anderen sündhaften Regungen, so daß darin für den

Keim der Liebe kein Raum blieb, sich zu entfalten. Der armen Tochter des

Mannes wurde das Leben von Tag zu Tag saurer gemacht, aber der Vater

hatte weder Augen zu sehen noch ein Herz, seines Kindes Leid zu fühlen.

»Was hat sich die unnütze Brotratte[21] im Zimmer umherzutreiben!« sagte

die Stiefmutter. »Ist nicht in der Küche am Heerde Platz genug? Die

Traghölzer um den Hals und Wasser vom Brunnen geholt, dann in den Stall,

an den Back- und Wasch-Trog! Wer Brot essen will, muß seinen Bissen auch

verdienen können.« Dazu prahlten die Töchter noch: »Ja, sie soll unsere

Leib-Magd sein.« Darauf wurden der Waise alle guten Kleider weggenommen,

die Truhe der verstorbenen Mutter wurde geleert, aller Putz den Töchtern

der Stiefmutter ausgeliefert und der Tochter des Mannes ein alter grauer

Kittel angezogen, in welchem sie vom Morgen bis zum Abend, mit Asche und

Staub bedeckt, die häusliche Arbeit thun mußte. Da sie nun weder glatt

gekämmt, noch sauber sein konnte, so schalten die Stiefmutter und die

Stiefschwestern sie _Aschen-Trine_. Sie fügten der Waise Leid und Verdruß

zu, wo sie nur konnten und machten sie auch heimlich beim Vater

schlecht, so daß das Kind auch bei ihm keine Hülfe fand, wenn es ihm

einmal seine Noth klagte. Aschen-Trine duldete lange Zeit schweigend,

sie weinte und betete, ging aber nicht zu der auf der Mutter Grab

gepflanzten Eberesche, um ihres Herzens Kummer auszuschütten. Da begab

es sich, als sie eines Tages am Bache Wäsche spülte, daß eine Elster vom

Wipfel eines Baumes herunter sprach: »Thörichtes Kind, thörichtes Kind!

Warum gehst du nicht zur Eberesche, Klage zu führen und um Rath zu

bitten, wie du dir deine schwere Lage erleichtern könntest.« -- Diese

Worte riefen ihr die letzte Rede der sterbenden Mutter in's Gedächtniß

zurück und sie beschloß, so bald als möglich ihre Bitte bei der

Eberesche anzubringen. Bei Tage war es ganz unmöglich, aber in der

Nacht, wo die andern schliefen, stand sie heimlich vom Lager auf, zog

sich an, ging zum Grabe der Mutter, setzte sich auf den Grabhügel und

begann die Eberesche zu schütteln. Ein Stimmchen fragte: »Ist dein Herz

noch rein und fromm wie sonst, oder bist du schon in Sünde verfallen?«

Trine erwiderte: »Gott allein sieht und erforscht des Herzens Trachten,

soviel meine Seele weiß, lastet keine Sünde auf ihr.« Jetzt fühlte sie,

als ob unsichtbare Hände ihr Haupt und Wangen streichelten, die Stimme

aber rief im Säuseln der Luft: »Wenn dein Leben gar zu dornig wird und

du mit der Arbeit nicht mehr fertig werden kannst, dann rufe dir Hahn

und Henne zu Hülfe!« Das Mädchen konnte anfangs nicht recht begreifen,

was für Helfer ihr diese Hausvögel werden könnten; auf dem Heimwege aber

fiel ihr ein, wie die Halbschwestern ihr oft zum Schabernack die Erbsen

und Linsen in die Asche streuten, aus welcher sie dann Korn für Korn

heraussuchen mußte, um Speise zu kochen. Da wollte sie doch einmal

Spaßes halber versuchen, ob nicht die Schnäbel der bezeichneten Helfer

ihr die zeitraubende Arbeit erleichtern könnten.

Inzwischen hatte der König ein prächtiges Fest vorbereitet und

überallhin Boten ausgesandt, welche im ganzen Reiche öffentlich kund

machen und auf Wegen und Stegen ausrufen sollten: daß alle jungen

blühenden Mädchen zwischen sechzehn und zwanzig Jahren zum Freudenfeste

des Königs kommen sollten, welches drei Tage hinter einander dauern

würde, weil sein einziger Sohn gesonnen sei zu freien, und sich aus der

Mädchenschaar diejenige auszusuchen, welche ihm die hübscheste und

verständigste zu sein dünkte. O du liebe Zeit! Was hob da für ein

Treiben an überall! Zum Glück war nicht befohlen worden, die Taufscheine

mitzubringen, so daß auch diejenigen hinkommen konnten, ihr Glück zu

versuchen, die schon eine Kleinigkeit über die Zwanzig hinaus

geschritten waren.

Der Aschen-Trine Stiefschwestern, die Goldtöchterchen der Mutter,

sollten beide auf des Königs Fest gehen; da hatte denn die Waise vom

Morgen bis zum Abend zu thun: sie wusch und plättete Kleider, nähte

neuen Putz und mußte dabei noch alle übrigen häuslichen Geschäfte

besorgen. Und als ob es daran noch nicht genug wäre, warf die ältere

Stiefschwester eine Schüssel voll Linsen in die Asche und rief: »Lies

sie heraus und setze sie auf's Feuer!« Zum Glück fiel der Trine die am

Grabe der Mutter erhaltene Weisung ein, darum sagte sie:

»Hähnelein und Hennelein!

Kommt die Linsen lesen fein!«

Augenblicklich waren die gerufenen Hülfsarbeiter da und begannen zu

lesen und in kurzer Zeit hatten sie die letzten Körner aus der Asche

gescharrt und mit ihren Schnäbeln in die Schüssel gethan. Als dann der

erste Tag des Festes anbrach, mußte Aschen-Trine die Schwestern

schmücken, ihren Kopf kämmen, ihr Antlitz waschen und sie prächtig

ankleiden, wofür sie zum Danke nur Schimpfreden und mehr als eine

Maulschelle erhielt, so daß ihr Augen und Ohren brannten. Aschen-Trine

ertrug den Frevel geduldig und seufzte nur zuweilen zum Himmel auf; als

aber die Stiefschwestern nun auf's Fest gegangen waren und sie allein

mit der Stiefmutter zu Hause geblieben war, da stieg ein heißes

Verlangen in ihrem Herzen auf, welches ihr die Thränen in die Augen

trieb. Sie wäre auch gar gern zum Feste gegangen, wenn sie Erlaubniß

erhalten oder Kleider gehabt hätte, in denen sie sich unter die andern

Gäste hätte mischen können.

Als sie sich recht satt geweint und dadurch den ersten Kummer

beschwichtigt hatte, nahm sie den Strickstrumpf zur Hand und setze sich

auf die kleine Bank am Heerde, wo ihr das Herz allmählich wieder leicht

wurde. Sie gedachte der verstorbenen Mutter und bat Gott, ihr auch einst

die Ruhe im Grabe zu verleihen, so lange sie aber noch hier im Staube

wandle, gelobte sie Alles fromm zu dulden, bis sie einst in einer

besseren Welt wieder in den Armen der Mutter ruhen werde. Plötzlich

hörte sie ihren Namen rufen; als sie aber die Augen aufschlug, sah sie

Niemanden. Nach einer Weile sagte das unsichtbare Stimmchen: »Geh und

schüttle die Eberesche!« Aschen-Trine eilte das Geheiß zu erfüllen.

Nachdem sie den Baum ein paar Mal geschüttelt hatte, wurde es hell und

auf dem Wipfel saß ein ellenhohes Frauenbild in Goldgewändern, ein

kleines Körbchen in der einen und ein goldenes Stäbchen in der anderen

Hand. Die kleine Fremde fragte das Mädchen nach diesem und jenem, wie es

ihr bis jetzt ergangen sei, und als sie Bescheid erhalten, ließ sie sich

zur Erde nieder. Sie streichelte der Waise die Wangen und sagte

tröstend: »Binnen kurzem wirst du bessere Tage erleben, du mußt aber

heute auf des Königs Fest gehen.« Aschen-Trine sah sie ungläubig an und

hielt die Rede für Spott.

Das kleine Frauenzimmer nahm jetzt ein Hühnerei aus dem Korbe und

berührte es mit dem goldenen Stäbchen -- sofort stand eine schöne

Kutsche auf dem Rasen. Dann nahm sie wieder sechs junge Mäuse heraus,

und verwandelte sie in sechs schöne isabellfarbene Pferde, welche vor

die Kutsche gespannt wurden. Aus einem schwarzen Käfer wurde dann ein

Kutscher gemacht und zwei bunte Schmetterlinge wurden in Diener

verwandelt. Diese baten Aschen-Trine, sich in die Kutsche zu setzen und

auf des Königs Fest zu fahren. Wie durfte aber die Waise in schmutzigen

Kleidern zum Feste kommen? Die kleine Zauberin, oder was sie sonst sein

mochte, berührte mit ihrem Goldstäbchen Trinen's Kopf und siehe!

augenblicklich war sie zum stattlichsten deutschen Fräulein geworden,

das man nur sehen konnte; ihre alten schlechten Kleider waren in einen

kostbaren Anzug verwandelt, der ganz aus Sammt und Seide bestand und von

Gold und Silber schimmerte. Am schönsten aber war ein goldener Kranz auf

dem Haupte, der von Edelsteinen funkelte, die wie die Sterne am Himmel

glänzten.

Die kleine Zauberin mahnte: »Fahre jetzt zum Feste und genieße mit den

Andern alles Wohlsein und Vergnügen, damit das Andenken an die

vergangenen Leidenstage in deinem Herzen erlösche und die Freude darin

aufdämmere. Wenn aber der Hahn um Mitternacht drei Mal kräht, dann

darfst du keinen Augenblick länger bleiben, sondern mußt nach Hause

eilen, als ob es dir auf den Nägeln brenne[22]. Sonst hört die

Zauberkraft auf, und Kutsche, Pferde, Kutscher, Diener und du selbst

verwandeln sich wieder in das, was sie vorher waren. Darum vergiß meine

Mahnung nicht, sonst geräthst du in Schande und verscherzest dein

Glück.«

Aschen-Trine versprach die Zeit genau in Obacht zu nehmen; setzte sich

in die Kutsche und fuhr in gestrecktem Galopp auf des Königs Fest. Als

sie aber in den Festsaal trat, war es als ob die Sonne aufgegangen wäre,

so daß alle andern Fräulein und Damen neben ihr erbleichten, wie der

Mond und die Sterne in der lichten Morgenröthe. Die Stiefschwestern

erkannten sie zwar nicht in dieser Pracht und Schönheit, aber doch

drohte ihr Herz vor Neid zu bersten. Der Sohn des Königs hatte für keine

Andere mehr Auge noch Ohr, sondern wollte der Aschen-Trine keinen

Augenblick von der Seite weichen; mit ihr unterhielt er sich auf's

Angenehmste, mit ihr scherzte und tanzte er, als ob sonst Niemand weiter

im Saale wäre. Auch der alte König und seine Gemahlin beeiferten sich

dem stattlichen Fräulein, an dem sie eine Schwiegertochter zu bekommen

hofften, alle Ehre zu erweisen. Aschen-Trine war wie im Himmel, so daß

die Freude ihr nicht Zeit ließ, an irgend etwas Anderes zu denken, als

das Glück des Augenblickes zu genießen. Beinahe hätte sie die Mahnung

der kleinen Zauberin gänzlich vergessen, hätte nicht der Hahnenschrei um

Mitternacht sie aufgescheucht und angetrieben nach Hause zu eilen. Als

sie den Saal verließ, krähte der Hahn schon zum zweiten Male, aber ehe

sie sich in die Kutsche setzen konnte, hatte er zum dritten Male

gerufen. In demselben Augenblicke verschwanden aber auch Kutscher,

Pferde und Diener, als wären sie in die Erde gesunken; Aschen-Trine

fühlte sich wieder in ihren alten schmutzigen staubigen Kleidern und

eilte nun in vollem Laufe nach Hause -- mit solcher Hast, daß ihr der

Kopf rauchte und der Schweiß von den Wangen troff. Sie warf sich dann

auf ihr Lager am Heerde, dachte an die schmeichelhafte Ehre, welche ihr

im Hause des Königs erwiesen worden und konnte lange den Schlaf nicht

finden. Endlich entschlummerte sie und schlief ruhig bis zum Morgen,

obwohl bunte Träume das glückselige Fest ihr wieder vor Augen brachten.

Die Stiefschwestern waren erst gegen Mittag erwacht, so sehr hatte das

Fest sie ermüdet. Als sie aus dem Bette stiegen, mußte Aschen-Trine sie

waschen, anziehen und kämmen, wobei sie von nichts Anderem sprachen, als

von dem gestrigen Feste beim Könige und von dem unbekannten fremden

Fräulein, dessen Schönheit, Pracht und zierlicher Anstand die andern so

sehr überstrahlt hatten, daß von dem Augenblicke an, wo sie über die

Schwelle getreten war, des Königssohnes Augen sich nicht mehr von ihr

gewendet hatten. War sie überhaupt eines sterblichen Menschen Kind

gewesen, so konnte sie nur eines steinreichen Königes Tochter, etwa aus

Land Kungla[23] sein. Als sie fortgegangen, sei der Königssohn mißmuthig

geworden, und habe nicht mehr getanzt, noch mit irgend Jemand sich

unterhalten. Der Aschen-Trine hüpfte das Herz vor Freude, als sie

solches vernahm, sie brachte deshalb dreimal mehr Zeit als gewöhnlich

damit zu, ihre Stiefschwestern anzukleiden und achtete weder ihre

Schimpfreden noch ihre Schläge: Alles glitt von ihr ab wie Wasser, das

auf eine Gans gegossen wird. Am Heerde hatte sie den Tag über keinen

andern Gedanken als an das gestern genossene Vergnügen und an den

Königssohn, der -- sie zweifelte kaum -- ein Auge auf sie geworfen

hatte.

Als nun am Abend die Stiefschwestern wieder zum Feste gingen, blieb

Aschen-Trine ruhig zu Hause und ging auch nicht wieder die Eberesche zu

schütteln, da sie Alles der Fürsorge des himmlischen Vaters überlassen

wollte. Noch vor Mitternacht kamen die Schwestern von des Königes Fest

zurück und sprachen davon, daß der Königssohn die Flügel habe hängen

lassen, mit Niemanden getanzt noch gesprochen, sondern nur unverwandten

Blickes nach der Thür gesehen habe, ob nicht das Fräulein von gestern

wieder kommen würde. Der König hatte deshalb erklärt, sein Sohn sei

unwohl und der dritte Tag des Festes könne nicht gefeiert werden.

Wir haben vergessen zu erwähnen, daß Aschen-Trine bei ihrem raschen

Ausbruch aus dem Festsaale einen ihrer goldenen Schuhe draußen an der

Schwelle verloren hatte. Am andern Morgen hatte der Königssohn den

verlorenen Schuh gefunden und die Hoffnung gefaßt, dadurch dem Mädchen

auf die Spur zu kommen. Seine Sehnsucht ließ ihm nicht Tag noch Nacht

Ruhe; er wäre eher in den Tod gegangen, als daß er die unbekannte fremde

Dame für immer aufgegeben hätte, aber wo sollte er sein Liebchen finden?

-- Nach einigen Tagen ertheilte er Befehl, in Stadt und Land überall zu

verkünden, daß es sein fester Entschluß sei, diejenige Jungfrau zu

seiner Gemahlin zu machen, deren Fuß in den zurückgelassenen goldenen

Schuh passen würde. Auf diesen Ruf eilten nun alle jungen Mädchen

herbei, ihr Heil zu versuchen, ob ihr Fuß so gebaut sei, daß er sie zur

Gemahlin des Königssohnes machen könne.

In dem schönsten der Gemächer des Königssohnes stand der hübsche goldene

Schuh auf einem seidenen Kissen; dahin wurden die Mädchen, hoch und

nieder, eine nach der andern geführt, damit jegliche den Schuh anpassen

könne. Aber der Einen war der Schuh zu lang, der Andern wieder zu kurz,

der Dritten zu eng, so daß keiner Einzigen Fuß hineinpaßte. Manche Zehe

und manche Hacke mußte Pein leiden, ohne daß es half. Eines Tages waren

auch Aschen-Trine's Stiefschwestern hingegangen, ihr Glück zu versuchen.

Nach ihrer Meinung hatten sie so kleine Füße, daß ihnen schon der

Frauenschuh[24] hätte passen müssen. Darum schoben, stopften, drückten

und stießen sie mit Gewalt den Fuß in den goldenen Schuh, daß das Blut

unter den Zehen durchschien. Aber alle ihre Mühe war umsonst. Die

jüngere Schwester sagte mit Nasenrümpfen: »Das ist ein dummer Schuh, den

man zum Schabernack gemacht hat und in den kein menschlicher Fuß

hineingeht.« Im nächsten Augenblicke schon sollte ihre Rede Lügen

gestraft werden.

Groß war nämlich der Schwestern Erstaunen, als plötzlich die Thür

aufging und -- Aschen-Trine eintrat, in ihrem alltäglichen mit Staub und

Asche bedeckten Anzuge, den sie immer am Heerde trug. Zornig gaben die

Schwestern Befehl, das schmutzige Ding hinauszuwerfen, aber noch ehe

Jemand diesem Befehl nachkommen konnte, hatte Aschen-Trine schon ihren

Fuß in den goldenen Schuh gesteckt, der ihr paßte wie angegossen. Und

ehe die Zuschauer noch Zeit hatten, sich von ihrem Erstaunen zu erholen,

begab sich etwas noch Seltsameres vor ihren Augen. Das Gemach erfüllte

sich plötzlich mit dichtem Nebel, so daß man keinen Schritt weit vor

sich sehen konnte. Aus dem Nebel schimmerte dann plötzlich etwas wie ein

helles Feuer hervor, und aus diesem entwickelte sich die glänzende

Gestalt der kleinen Zauberin; sie berührte mit dem Goldstäbchen

Aschen-Trine, deren geringe Hülle mit Gedankenschnelle von ihr abfiel,

so daß sie als die leuchtende Jungfrau da stand, welche an jenem ersten

Festabend dem Königssohne als die lieblichste von allen erschienen war.

Dieser stürzte nun jauchzend auf die schöne Jungfrau zu und umarmte sie

mit den Worten: »Diese Jungfrau hat Gott mir zur Gefährtin geschaffen.«

Die kleine Zauberin, oder wer sie sein mochte, schenkte der Aschen-Trine

eine so große Mitgift, daß man sie fuhrenweise in die Stadt bringen

mußte, wo dann ein prächtiges Hochzeitsfest gefeiert wurde, welches

einen vollen Monat dauerte. So war aus der verachteten Waise die

Gemahlin eines Königssohnes geworden. Ihre Stiefschwestern wollten vor

Neid bersten, daß die Aschen-Trine sich so hoch über sie erhoben hatte

-- Aschen-Trine, welche sie bis dahin schlimmer als den Hofhund gehalten

hatten. Aber Aschen-Trinen's gutes Herz mochte ihnen nicht Böses mit

Bösem vergelten, sondern verzieh ihnen all' ihr Unrecht, ja sie that

ihnen noch obendrein Gutes, als sie nach des Schwiegervaters Tode

Königin geworden war.

Obwohl sie nun schon längst unter dem Rasen ruht, so lebt doch ihr

Andenken noch ungeschwächt im Munde des Volkes, und sie wird gepriesen

als die beste und auch als die schönste der Königinnen.

[Fußnote 21: Wörtlich: das ungelegene Brotwiesel. L.]

[Fußnote 22: Wörtlich: als ob Feuer in deiner Tasche brenne. L.]

[Fußnote 23: S. Bd. 1, S. 102, Anm. 2. L.]

[Fußnote 24: Cypripedium Calceolus. L.]

Ehstnische Märchen. Zweite Hälfte · 第 8 / 22 题