Brennende Sonnenhitze drohete einen Gewitterregen; rasch suchte deshalb
ein junger Bauer die Schwaden auf der Wiese zusammenzunehmen, damit das
trockene Heu noch vor Ausbruch des Regens bedeckt würde. Als er nach
rasch abgethaner Arbeit sich auf den Heimweg machte, stieg am südlichen
Himmel schon dunkles Gewölk auf und kam rasch näher. Der junge Mann
beschleunigte seine Schritte, um noch vor dem Regen nach Hause zu
kommen. Am Saume des Waldes gewahrte er einen fremden Mann, dessen Haupt
an einen Baumstamm gelehnt war, in so tiefem Schlafe, daß der nahende
Donner ihn nicht erweckte. Dies Männlein könnte heute ärger bethaut
werden, als ihm lieb wäre, wenn ich es nicht wecke -- dachte der Bauer
und trat näher. »Höre Brüderchen!« rief er und schüttelte den
Schlafenden an der Schulter. »Wenn du nicht einen Pelz wie eine
Gänsehaut anhast, so spring' auf und suche Schutz vor dem Regen; ein
schweres Gewitter ist im Anzuge.« Der fremde Mann sprang erschrocken auf
die Füße und sagte: »Dank dir, tausend Dank, Bauersmann, für dein gut
gemeintes Aufwecken!« Dann fühlte er hastig in seinen Taschen herum, als
suchte er nach Geld, um es als Belohnung anzubieten. Da er aber in den
leeren Taschen nichts fand, wandte er sich halb beschämt wieder zum
Bauer und sagte: »Zum Unglück habe ich gerade nichts in der Tasche, was
ich dir als Belohnung bieten könnte, aber doch soll dir deine Belohnung
nicht vorenthalten bleiben. Ich habe gewaltige Eile, wenn ich mich vor
dem drohenden Regenguß retten will; achte deshalb auf, was ich dir kurz
sagen will und behalte es wohl. Nach zwei Jahren wird man dich zum
Kriegsdienst nehmen und du wirst in ein Reiterregiment eingestellt
werden. Eine Zeit lang wirst du mit dem Heere von einem Orte zum andern
ziehen, bis ihr endlich im Norden, in Finnland, in Quartier kommt. Eines
Tages wird dir das Herz von Heimweh schwer werden, wenn gerade an dir
die Reihe ist, die Pferde auf die Weide zu führen. Eine kleine Strecke
weit von deinem Standquartier, auf einer weiten Rasenfläche, wird eine
krumm gewachsene Birke dir in's Auge fallen. Tritt an die Birke heran,
klopfe drei Mal unten auf den Stamm und frage: ist der _Krumme_ zu Hause?
Dann wirst du den Lohn für die heute mir erwiesene Wohlthat empfangen.
Und nun Gott befohlen!« -- Damit eilte er davon und war in kurzer Zeit
den Augen des Bauers entschwunden. Dieser sah ihm mit spöttischem
Kopfschütteln nach und ging dann rasch nach Hause. Als er beim Ausbruch
des Regens sein Haus erreicht hatte, war der Fremde sammt seinen
Prophezeiungen vergessen.
Gleichwohl begab sich später etwas, was den ersten Theil der
Prophezeiung wahr machte: der junge Bauer wurde nach zwei Jahren zum
Soldaten genommen und der Reiterei zugetheilt. Man sollte meinen, daß
ihm dieses Begegniß das Zusammentreffen mit dem fremden Manne in's
Gedächtniß zurückgerufen hätte, aber dem war nicht also, vielmehr schien
jener Tag gänzlich aus seiner Erinnerung geschwunden. Er war nun schon
eine Zeit lang mit seinem Regimente von einem Ort zum andern gezogen und
endlich, nachdem er über vier Jahre lang Kronsbrot gegessen hatte, im
nördlichen Finnland in's Quartier gekommen. Hier in der Fremde, fern von
Hause und von den lieben Seinigen, wurde ihm das Herz oft schwer, und
die Sehnsucht preßte ihm Thränen aus, wenn er allein über seine Gedanken
brütete. Eines Tages traf ihn die Reihe, die Pferde auf die Weide zu
führen. Als er nun wieder so allein und mißmuthig auf dem Felde da saß
und seine sehnsüchtigen Gedanken in die Heimath wandern ließ, trafen
seine Augen zufällig auf eine krumm gewachsene Birke, die nicht weit von
ihm stand. Da wurde ihm wunderbarer Weise mit einem Male fröhlich zu
Muthe, die Tage seiner Kindheit und Jugend stiegen lebendig in seiner
Erinnerung auf, und auch der Ort, wo er sich befand, schien ihm längst
bekannt, wiewohl er sich keine klare Rechenschaft darüber geben konnte,
ob er dieses Bekanntsein träumend oder wachend empfinde. Als er sich mit
der Hand die Stirn rieb, gleichsam um sein Gedächtniß zu wecken, fiel
ihm plötzlich die Begegnung mit dem fremden Manne deutlich wieder ein,
wie ein Sonnenstrahl aus dichtem Gewölk bricht. Das Zusammennehmen der
Schwaden, die drohend aufsteigende Gewitterwolke, der fremde Schläfer am
Waldessaum und dessen bedeutungsvolle Prophezeiung -- Alles stand vor
ihm, als wäre es erst gestern geschehen. Als er nun alle seine
Lebensschicksale bis heute im Geiste durchflog, fand er, daß die
Prophezeiung eingetroffen war. Was kann mir denn der Versuch schaden,
daß ich zur Birke gehe und an ihren Stamm klopfe? dachte der Mann.
Einmal weiß doch hier Niemand, weshalb ich es thue und dann sieht mich
ja auch jetzt kein Mensch, der mich später wegen meines närrischen
Beginnens verspotten könnte.
So denkend, näherte er sich der Birke und sah sich eine Weile nach allen
Seiten um, ob in der Nähe nichts Störendes zu erblicken sei; dann faßte
er sich rasch ein Herz und klopfte dreimal leise an den Stamm, während
seine Zunge halb widerstrebend fragte: »Ist der _Krumme_ zu Hause?« Es kam
keine Antwort. Der Kriegsmann fühlte seinen Mut wachsen, klopfte noch
einmal stärker, so daß der Stamm wiederhallte und rief mit starker
Stimme: »Ist der _Krumme_ zu Hause?«
In der Birke erhob sich ein Geräusch und plötzlich stand der fremde
Mann vor ihm, wie vom Winde hergeblasen. »Nun, mein Lieber!« sagte er
freundlich -- »es ist sehr gut, daß du mir mein Versprechen in's
Gedächtniß zurückgerufen hast. Ich glaubte, du habest ganz vergessen,
was ich dir einst sagte, und es wäre mir sehr leid gewesen, wenn es mir
deshalb nicht möglich geworden wäre, dir meine Schuld abzutragen.
Kinder, he!« rief er in die Birke hinein: »wer von euch kann am
schnellsten sein?« -- »Ich« -- erwiderte eine Stimme -- »kann so schnell
sein, wie der Vogel fliegt.« -- »Schon gut,« sagte der Krumme, »aber wer
kann noch schneller sein?« Ein andere Stimme erwiderte: »Ich kann mit
dem Winde um die Wette laufen!« -- »Wollen wir sehen ob ein anderer noch
schneller sein kann« -- sagte der Alte und fragte dann zum dritten Male.
Darauf erwiderte ein feines Stimmchen: »Vater, ich kann so schnell sein,
wie der menschliche Gedanke!«[26] »Komm, mein Sohn,« rief der Krumme --
»dich kann ich heute gerade brauchen.« Darauf stellte er einen
mannshohen, mit Gold- und Silbermünzen gefüllten Sack vor den Kriegsmann
hin, faßte diesen am Hute und sagte: »Kriegsmann und Hut auseinander!
und Mann und Sack nach Hause!« Augenblicklich fühlte der Reitersmann,
wie sein Hut ihm vom Kopfe flog, als er sich aber umsah, wo der Hut
hingekommen sei -- fand er sich plötzlich daheim in Mitte der Seinigen
und der gewaltige Geldsack stand neben ihm auf dem Boden. Anfangs hielt
er das Begegniß für einen Traum, bis er sich endlich überzeugte, daß
sein Glück ein wirkliches sei.
Da kein Mensch auf ihn als einen Ausreißer fahndete, so kam er endlich
auf die Vermuthung, daß der abhanden gekommene Hut an seiner Statt im
Dienste geblieben sei. Vor seinem Tode erzählte er die wunderbare
Begebenheit seinen Kindern und sprach dabei die Meinung aus: da das
geschenkte Geld ihm Glück gebracht habe -- so könne der Geber kein böser
Geist gewesen sein.
[Fußnote 25: Vgl. Boecler u. Kreutzwald S. 112. Der fremde Mann, der
Krumme, ist nach der Aussage desjenigen der Kreutzwald die Sage
mittheilte, der _Baumelf_. Vgl. auch Bd. 1, S. 60, Anm. L.]
[Fußnote 26: Man vgl. das Lessingsche Fragment des »Faust«. Die
Schnelligkeit des menschlichen Gedankens nimmt hier die fünfte Stufe ein
-- die siebente und höchste Stufe ist -- der Uebergang vom Guten zum
Bösen. (Faust spricht mit den sieben schnellen Geistern der Hölle.)
Lessings sämmtl. Schriften, Berl. 1827, Bd. 28, S. 174. L.]