8. Reichlich vergoltene Wohlthat[25].

Brennende Sonnenhitze drohete einen Gewitterregen; rasch suchte deshalb

ein junger Bauer die Schwaden auf der Wiese zusammenzunehmen, damit das

trockene Heu noch vor Ausbruch des Regens bedeckt würde. Als er nach

rasch abgethaner Arbeit sich auf den Heimweg machte, stieg am südlichen

Himmel schon dunkles Gewölk auf und kam rasch näher. Der junge Mann

beschleunigte seine Schritte, um noch vor dem Regen nach Hause zu

kommen. Am Saume des Waldes gewahrte er einen fremden Mann, dessen Haupt

an einen Baumstamm gelehnt war, in so tiefem Schlafe, daß der nahende

Donner ihn nicht erweckte. Dies Männlein könnte heute ärger bethaut

werden, als ihm lieb wäre, wenn ich es nicht wecke -- dachte der Bauer

und trat näher. »Höre Brüderchen!« rief er und schüttelte den

Schlafenden an der Schulter. »Wenn du nicht einen Pelz wie eine

Gänsehaut anhast, so spring' auf und suche Schutz vor dem Regen; ein

schweres Gewitter ist im Anzuge.« Der fremde Mann sprang erschrocken auf

die Füße und sagte: »Dank dir, tausend Dank, Bauersmann, für dein gut

gemeintes Aufwecken!« Dann fühlte er hastig in seinen Taschen herum, als

suchte er nach Geld, um es als Belohnung anzubieten. Da er aber in den

leeren Taschen nichts fand, wandte er sich halb beschämt wieder zum

Bauer und sagte: »Zum Unglück habe ich gerade nichts in der Tasche, was

ich dir als Belohnung bieten könnte, aber doch soll dir deine Belohnung

nicht vorenthalten bleiben. Ich habe gewaltige Eile, wenn ich mich vor

dem drohenden Regenguß retten will; achte deshalb auf, was ich dir kurz

sagen will und behalte es wohl. Nach zwei Jahren wird man dich zum

Kriegsdienst nehmen und du wirst in ein Reiterregiment eingestellt

werden. Eine Zeit lang wirst du mit dem Heere von einem Orte zum andern

ziehen, bis ihr endlich im Norden, in Finnland, in Quartier kommt. Eines

Tages wird dir das Herz von Heimweh schwer werden, wenn gerade an dir

die Reihe ist, die Pferde auf die Weide zu führen. Eine kleine Strecke

weit von deinem Standquartier, auf einer weiten Rasenfläche, wird eine

krumm gewachsene Birke dir in's Auge fallen. Tritt an die Birke heran,

klopfe drei Mal unten auf den Stamm und frage: ist der _Krumme_ zu Hause?

Dann wirst du den Lohn für die heute mir erwiesene Wohlthat empfangen.

Und nun Gott befohlen!« -- Damit eilte er davon und war in kurzer Zeit

den Augen des Bauers entschwunden. Dieser sah ihm mit spöttischem

Kopfschütteln nach und ging dann rasch nach Hause. Als er beim Ausbruch

des Regens sein Haus erreicht hatte, war der Fremde sammt seinen

Prophezeiungen vergessen.

Gleichwohl begab sich später etwas, was den ersten Theil der

Prophezeiung wahr machte: der junge Bauer wurde nach zwei Jahren zum

Soldaten genommen und der Reiterei zugetheilt. Man sollte meinen, daß

ihm dieses Begegniß das Zusammentreffen mit dem fremden Manne in's

Gedächtniß zurückgerufen hätte, aber dem war nicht also, vielmehr schien

jener Tag gänzlich aus seiner Erinnerung geschwunden. Er war nun schon

eine Zeit lang mit seinem Regimente von einem Ort zum andern gezogen und

endlich, nachdem er über vier Jahre lang Kronsbrot gegessen hatte, im

nördlichen Finnland in's Quartier gekommen. Hier in der Fremde, fern von

Hause und von den lieben Seinigen, wurde ihm das Herz oft schwer, und

die Sehnsucht preßte ihm Thränen aus, wenn er allein über seine Gedanken

brütete. Eines Tages traf ihn die Reihe, die Pferde auf die Weide zu

führen. Als er nun wieder so allein und mißmuthig auf dem Felde da saß

und seine sehnsüchtigen Gedanken in die Heimath wandern ließ, trafen

seine Augen zufällig auf eine krumm gewachsene Birke, die nicht weit von

ihm stand. Da wurde ihm wunderbarer Weise mit einem Male fröhlich zu

Muthe, die Tage seiner Kindheit und Jugend stiegen lebendig in seiner

Erinnerung auf, und auch der Ort, wo er sich befand, schien ihm längst

bekannt, wiewohl er sich keine klare Rechenschaft darüber geben konnte,

ob er dieses Bekanntsein träumend oder wachend empfinde. Als er sich mit

der Hand die Stirn rieb, gleichsam um sein Gedächtniß zu wecken, fiel

ihm plötzlich die Begegnung mit dem fremden Manne deutlich wieder ein,

wie ein Sonnenstrahl aus dichtem Gewölk bricht. Das Zusammennehmen der

Schwaden, die drohend aufsteigende Gewitterwolke, der fremde Schläfer am

Waldessaum und dessen bedeutungsvolle Prophezeiung -- Alles stand vor

ihm, als wäre es erst gestern geschehen. Als er nun alle seine

Lebensschicksale bis heute im Geiste durchflog, fand er, daß die

Prophezeiung eingetroffen war. Was kann mir denn der Versuch schaden,

daß ich zur Birke gehe und an ihren Stamm klopfe? dachte der Mann.

Einmal weiß doch hier Niemand, weshalb ich es thue und dann sieht mich

ja auch jetzt kein Mensch, der mich später wegen meines närrischen

Beginnens verspotten könnte.

So denkend, näherte er sich der Birke und sah sich eine Weile nach allen

Seiten um, ob in der Nähe nichts Störendes zu erblicken sei; dann faßte

er sich rasch ein Herz und klopfte dreimal leise an den Stamm, während

seine Zunge halb widerstrebend fragte: »Ist der _Krumme_ zu Hause?« Es kam

keine Antwort. Der Kriegsmann fühlte seinen Mut wachsen, klopfte noch

einmal stärker, so daß der Stamm wiederhallte und rief mit starker

Stimme: »Ist der _Krumme_ zu Hause?«

In der Birke erhob sich ein Geräusch und plötzlich stand der fremde

Mann vor ihm, wie vom Winde hergeblasen. »Nun, mein Lieber!« sagte er

freundlich -- »es ist sehr gut, daß du mir mein Versprechen in's

Gedächtniß zurückgerufen hast. Ich glaubte, du habest ganz vergessen,

was ich dir einst sagte, und es wäre mir sehr leid gewesen, wenn es mir

deshalb nicht möglich geworden wäre, dir meine Schuld abzutragen.

Kinder, he!« rief er in die Birke hinein: »wer von euch kann am

schnellsten sein?« -- »Ich« -- erwiderte eine Stimme -- »kann so schnell

sein, wie der Vogel fliegt.« -- »Schon gut,« sagte der Krumme, »aber wer

kann noch schneller sein?« Ein andere Stimme erwiderte: »Ich kann mit

dem Winde um die Wette laufen!« -- »Wollen wir sehen ob ein anderer noch

schneller sein kann« -- sagte der Alte und fragte dann zum dritten Male.

Darauf erwiderte ein feines Stimmchen: »Vater, ich kann so schnell sein,

wie der menschliche Gedanke!«[26] »Komm, mein Sohn,« rief der Krumme --

»dich kann ich heute gerade brauchen.« Darauf stellte er einen

mannshohen, mit Gold- und Silbermünzen gefüllten Sack vor den Kriegsmann

hin, faßte diesen am Hute und sagte: »Kriegsmann und Hut auseinander!

und Mann und Sack nach Hause!« Augenblicklich fühlte der Reitersmann,

wie sein Hut ihm vom Kopfe flog, als er sich aber umsah, wo der Hut

hingekommen sei -- fand er sich plötzlich daheim in Mitte der Seinigen

und der gewaltige Geldsack stand neben ihm auf dem Boden. Anfangs hielt

er das Begegniß für einen Traum, bis er sich endlich überzeugte, daß

sein Glück ein wirkliches sei.

Da kein Mensch auf ihn als einen Ausreißer fahndete, so kam er endlich

auf die Vermuthung, daß der abhanden gekommene Hut an seiner Statt im

Dienste geblieben sei. Vor seinem Tode erzählte er die wunderbare

Begebenheit seinen Kindern und sprach dabei die Meinung aus: da das

geschenkte Geld ihm Glück gebracht habe -- so könne der Geber kein böser

Geist gewesen sein.

[Fußnote 25: Vgl. Boecler u. Kreutzwald S. 112. Der fremde Mann, der

Krumme, ist nach der Aussage desjenigen der Kreutzwald die Sage

mittheilte, der _Baumelf_. Vgl. auch Bd. 1, S. 60, Anm. L.]

[Fußnote 26: Man vgl. das Lessingsche Fragment des »Faust«. Die

Schnelligkeit des menschlichen Gedankens nimmt hier die fünfte Stufe ein

-- die siebente und höchste Stufe ist -- der Uebergang vom Guten zum

Bösen. (Faust spricht mit den sieben schnellen Geistern der Hölle.)

Lessings sämmtl. Schriften, Berl. 1827, Bd. 28, S. 174. L.]

Ehstnische Märchen. Zweite Hälfte · 第 9 / 22 题