6. Seltene Weibestreue.

Vormals lebte ein unermeßlich reicher junger Kaufmann, der neun hundert

neun und neunzig Schiffe hatte, welche unaufhörlich Waaren weithin in

fremde Länder führten und von da wieder andere Waaren oder baares Geld

dem Schiffsherrn zurückbrachten. Um das Tausend voll zu machen, ließ er

noch ein neues Schiff bauen. Als das Schiff fertig war und eben vom

Stapel gelassen werden sollte, geschah es zufällig, daß ein Hebebaum den

Schiffsherrn streifte und seine Hose vom Querl bis zum Beinling aufriß.

Nun ist für einen reichen Mann eine geplatzte Hose eine viel schlimmere

Sache als für einen Armen, an welchem dergleichen nicht besonders

auffällt -- während der Allen wohlbekannte Kaufherr fürchten mußte, daß

die Leute ihre Blicke auf nichts anderes mehr richten würden, als auf

seine zerrissenen Hosen. Deshalb erkundigte er sich angelegentlich nach

dem Wege zum nächsten Bockreiter, der den Schaden wieder gut machen

könnte. Man wies ihn in ein Quergäßchen in der Nähe des Hafens, wo ein

Schneider wohnte. Der kleine Nadelkönig besah den Schaden durch seine

große Brille, ließ durch seinen Lehrburschen dem Kaufherrn die Hosen

herunterziehen und gab diesem einen langen weiten Rock zur Bedeckung,

bis die Hosen wieder zugenäht wären. Und damit dem Herrn die Zeit nicht

lang würde, bat der Schneider ihn, sich so lange in ein anderes Gemach

zu seinen Töchtern zu verfügen. Gott hatte den kleinen Bockreiter mit

drei sehr schönen Töchtern gesegnet, von denen namentlich die jüngste

eben so stattlich von Ansehn als zierlich in ihrem Wesen war. Des

Kaufmannes Herz war alsbald dem jüngsten Täubchen des Schneiders

zugeflogen und die Freundschaft war schon geschlossen, ehe noch die

Hosen zusammengenäht waren. Als dann des Schneiders Bursche mit dem

ausgebesserten Kleidungsstück eintrat, ärgerte sich der Kaufmann über

die geschwinden Finger, die ihm nicht mehr Zeit gegönnt hatten, sich mit

der holden Jungfrau angenehm zu unterhalten. Nachdem er die Hosen

wieder angezogen und dem Meister eine reichliche Bezahlung eingehändigt

hatte, ging er noch einmal in das Zimmer der Töchter, um Abschied zu

nehmen und zugleich die Jungfrauen in sein Haus einzuladen, wo nach zwei

Wochen ein prächtiges Fest stattfinden würde. Die Mädchen dankten für

die Ehre der freundlichen Einladung, fügten aber mit Bedauern hinzu, daß

sie nicht so schöne Kleider anzulegen hätten, wie für ein solches Fest

erforderlich wäre. »Die Kleider seien meine Sorge,« erwiderte der

Kaufmann -- »und somit bleibt es dabei, daß ich euch am genannten Tage

unter meinem Dache empfange.«

Nach Hause gekommen, hatte er nichts Eiligeres zu thun, als vierzehn

Stück des allerschönsten Seidenzeuges aus seinem Laden auszusuchen und

den Töchtern des Schneiders zuzuschicken, die er dabei ersuchen ließ,

sie möchten sich selbdritt aus jedem Stücke einen Anzug machen lassen,

so daß jede vierzehn eigene Anzüge hätte, denn das Fest würde vierzehn

Tage währen und da müßten die drei Schwestern jeden Tag ein anderes

Kleid und zwar jedesmal alle drei von dem gleichen Stücke haben. Jetzt

flogen einmal die Nadeln in der Stadt; in zwei Wochen sollten zwei und

vierzig seidene Damenkleider mit Spitzen, Bändern und Besätzen fertig

genäht sein und sollten auch den Mädchen passen wie angegossen, so daß

nirgends eine fehlerhafte Falte zum Vorschein käme. Und wirklich wurde

die Arbeit in der genannten Zeit fertig, denn der reiche Kaufmann zahlte

doppelten Lohn für die rasche Förderung der Arbeit.

Als nun am ersten Abend des Bockreiters Töchter so reich geschmückt auf

dem Feste des jungen Kaufmanns erschienen, da machten viele Fräulein und

Demoisellen lange Gesichter, vor Neid darüber, daß sie keine so schönen

Kleider hatten. Ihr Neid stieg mit jedem Tage, als des Schneiders

Töchter jeden Abend in einem andern neuen Anzuge erschienen. Was aber

den Neid der weiblichen Gesellschaft noch höher entflammte, war der

Umstand, daß der reiche Kaufmann Niemanden so freundlich aufnahm, als

des Schneiders Töchter. Am vierzehnten Abende, am Schluß des Festes,

schenkte der Kaufmann der jüngsten Tochter des Schneiders eine schwere

Goldkette und einen goldenen mit Edelsteinen besetzten Ring, der auf

mehrere Tausend Rubel geschätzt wurde. Mit diesem Liebespfand hatte er

sich der Jungfrau verlobt. Vier Wochen später wurde die glänzende

Hochzeit ausgerichtet, worauf des Schneiders jüngste Tochter, jetzt die

Frau eines reichen Mannes, dessen stattliches Haus bezog.

Bosheit und Neid über das unerwartete Glück der Schneiderstochter machte

die Leute in der Stadt fuchswild; aber den größten Verdruß davon hatte

ein verarmter Graf, dessen nicht unter die Haube gekommene Schwester

gern dem Kaufmann ihre Hand gereicht und ihm statt der Mitgift den Glanz

ihrer vornehmen Geburt in's Haus gebracht hätte; es wäre dann auch wohl

in den leeren Beutel des Bruders manches Goldstück aus dem Vermögen des

reichen Schwagers gefallen. Die Heirath des Kaufmanns hatte beider

Hoffnung zunichte gemacht, was ihm der Graf nicht verzeihen konnte; er

sann also im Stillen darüber nach, wie er die Verschmähung seiner

Schwester an des Schneiders Eidam rächen könnte. Der Kaufmann pflegte

des Abends ein Wirthshaus zu besuchen, um sich mit seinen Bekannten die

Zeit zu vertreiben; hier traf er auch manchmal mit dem Grafen zusammen.

Eines Abends setzte dieser dem Kaufmann einen Floh in's Ohr, indem er

folgendermaßen zu reden anhub: »Ihr habt ein gar hübsches junges Weib zu

Hause, ich wundere mich, wie ihr euch getraut, Abends von Hause zu gehen

und die junge Frau allein zu lassen. Glaubt ihr denn an Weibestreue? Es

ist sicherlich noch nirgends in der Welt vorgekommen, daß ein hübsches

Weib ihrem Manne treu geblieben wäre.« Der Kaufmann erwiderte: »Ihr

verläumdet meine Frau aus Neid; aber wie könntet ihr eure Rede wahr

machen, wenn ich euch nach Beweisen fragen würde?« -- Der Graf machte

sich sogleich anheischig, seine Worte wahr zu machen, wenn ihm der

Kaufmann erlauben würde, die junge Dame öfter zu besuchen. Der Kaufmann

erzürnte ob des Grafen unverschämten Rede mehr, als er sich merken ließ;

gleichwohl war sein Sinn zweifelhaft geworden und er machte endlich mit

dem Grafen eine Wette, kraft welcher sein großes Vermögen dem Grafen

zufallen sollte, wenn dieser die schmachvolle Bezüchtigung wahr machen

könnte. Die Frau durfte natürlich von der Wette nichts erfahren. Nachdem

die Uebereinkunft vor Zeugen geschlossen war, sollte der Graf nun sein

Glück versuchen.

Als der Kaufmann Abends nach Hause kam, sagte er seiner jungen Frau, er

müsse auf längere Zeit in Geschäften verreisen und könne wohl erst nach

einigen Wochen von der langen Reise zurück sein. Alle Geschäfte des

Hauses wolle er bis dahin dem Herrn Grafen anvertrauen, der deshalb noch

heute einziehen werde. Die Frau äußerte, mitreisen zu dürfen, als ihr

aber der Mann dies abschlug, sagte sie: »Thut was ihr wollt, ich muß mit

Allem zufrieden sein.« Als der Kaufmann am andern Morgen noch manches,

auf die Wette Bezügliche insgeheim mit dem Grafen besprochen hatte,

machte er sich auf den Weg, von den Thränen der jungen Frau begleitet.

Die große Reise ging freilich diesmal nicht weit; der Kaufmann hatte

sich in der Vorstadt eine Wohnung gemiethet, wo er still wie eine Maus

lebte, aber immer die Ohren gespitzt hielt, den Nachrichten über die

junge Frau zu lauschen. Das keusche Weib hatte sich nach dem Scheiden

des Mannes in ihre Kammer zurückgezogen, fest entschlossen, so lange der

Mann von Hause fern sein würde, nirgends hin zu Gaste zu gehen, noch

irgend Jemand als Gast aufzunehmen, mit Ausnahme ihrer eigenen

Schwestern. Dadurch hoffte sie alles leere Geschwätz der Leute

abzuschneiden. Armes Geschöpf, das die Fallstricke nicht ahnte, welche

man ihr legte! Ihre Nahrung ließ sie sich täglich durch die Magd in ihre

Kammer bringen, und wenn sie Sonntags in die Kirche ging, mußte das

Mädchen sie jedesmal begleiten. -- Nach einem Vierteljahre lief von dem

Manne ein Brief ein, des Inhalts, daß das Geschäft sich weit mehr in die

Länge ziehe, als er vorausgesetzt habe, weshalb es ihm durchaus nicht

möglich sei, den Zeitpunkt seiner Rückkehr anzugeben. Diesen Brief

übergab der Graf der Frau nicht, sondern setzte einen andern falschen

Brief auf, worin der Kaufmann das lustige herrliche Leben in der Fremde

rühmte und zuletzt der Frau rieth, sich mit dem Herrn Grafen die Zeit zu

vertreiben, damit ihr das Warten nicht langweilig werde. Die Frau

schrieb der Wahrheit gemäß zurück: »Ich lebe allein in meiner stillen

Kammer, und mich verlangt auch nicht nach einem Gesellschafter, der mir

die Zeit vertreibe, sondern ich bitte nur alle Tage Gott, daß er euch

glücklich heimkehren lasse, meine Sehnsucht zu stillen.« Auch diese

Antwort kam dem Kaufmann nie zu Gesicht; der Graf schrieb wieder einen

Lügenbrief, als von der Frau herrührend, worin sie sich rühmte, daß sie

alle Tage entweder in die Stadt zu Gaste gehe, oder zu Hause Gäste

empfange, oder auch in des Herrn Grafen Gesellschaft die Zeit verbringe,

so daß sie niemals Sehnsucht nach ihrem Manne empfunden habe. Diesen

ruchlosen Betrug verübte der Graf jedesmal, wenn Mann und Frau sich

einander schrieben, denn er verstand anderer Leute Handschrift so

künstlich nachzumachen, daß die Eheleute nicht dahinter kamen. Als

endlich der Kaufmann schrieb, er hoffe binnen einigen Wochen wieder nach

Hause zu kommen, da unterschlug der Herr Graf diesen Brief und ließ das

falsche Gerücht aussprengen, daß der Kaufmann in der Fremde sein Ende

gefunden habe. Die arme sich für eine Wittwe haltende Frau weinte und

jammerte bitterlich; ließ die Wände des Gemachs mit schwarzem Zeuge

beschlagen, legte Trauerkleider an und ließ nicht einmal ihre Schwestern

zum Besuch kommen; zur Kirche aber ging sie jeden Sonntag nach wie vor.

Alle List und Betrügerei, die der Graf bis jetzt angewandt, war

vergeblich gewesen, es war ihm nicht möglich geworden, mit des Kaufmanns

Frau zusammen zu kommen oder eine nähere Verbindung anzuknüpfen; ebenso

wenig hatte er ein Beweisstück, auf welches er die Frau hätte

bezichtigen können. Da entschloß er sich, es noch einmal mit List zu

versuchen. Er ließ eines Tages die Frau durch ihr Mädchen bitten, sie

möchte eine Kleiderkiste über Nacht in ihrer Kammer verwahren, bis er

sie am nächsten Morgen wieder wegbringen lasse, denn es sei sonst

nirgends im Hause Raum für eine Kiste. Die Frau, welche sich keiner

Arglist versah, willigte ein. Der Graf war aber selber heimlich in die

Kiste geschlüpft und auf diese Weise in die Kammer der Frau gelangt.

Beim Schlafengehen hatte die Frau eine goldene Kette vom Halse genommen

und auf den Tisch vor dem Bette gelegt; es war die Kette, die der Mann

ihr bei der Verlobung geschenkt hatte, deshalb trug sie dieselbe Kette

täglich am Halse. Als sie in der Nacht ruhig schlief, kroch der Graf

ganz sachte aus der Kiste, raffte die goldene Kette vom Tische, steckte

sie in die Tasche und eilte sich wieder in die Kiste zu verstecken, mit

welcher er dann später fortgetragen wurde. -- Die gestohlene Kette

sollte dem Kaufmanne bezeugen, daß seine Frau die Ehe gebrochen und die

Kette als Liebespfand geschenkt habe. Als die Frau am Morgen aufstand,

hatte sie in ihrem Herzenskummer der goldenen Kette nicht weiter Acht

gehabt, wiewohl sie sonst immer des geliebten Mannes Geschenk umzulegen

pflegte.

Als sie am Nachmittag zufällig zum Fenster hinaus auf die Straße sieht,

sieht sie den für todt gehaltenen Gatten zurückkommen. Augenblicklich

reißt sie die schwarzen Trauerbehänge von den Wänden, läuft in

Freudenthränen ausbrechend ihrem Eheherrn entgegen und fällt ihm um den

Hals. Der Kaufmann, fremd und kalt wie Eis, giebt keine frohe Regung zu

erkennen, da er die Freude der Frau für ein trügerisches Blendwerk hält;

der Herr Graf hatte ihm einen Floh in's Ohr gesetzt, der ihm keine Ruhe

mehr ließ. Die Frau wollte sogleich in die Küche eilen, um für den von

der Reise kommenden Gemahl Speise zu bereiten, allein dieser wehrte es

ihr, da er selber für das Abendessen sorgen wolle.

Als die Zeit dazu herangekommen war, wurde eine hölzerne Schüssel mit

einem Mehlbrei aufgetragen, in welchem zwei hölzerne Löffel staken. Die

Frau machte große Augen und wußte nicht, was sie davon halten solle. Der

Kaufmann aber sagte mit bekümmertem Ernste: »Heut' Abend wollen wir uns

aus der Breischüssel zum letzten Male satt essen, denn das ist Alles,

was mir von meinem großen Vermögen geblieben ist. Morgen sind wir

Bettler, die nicht das Stück Brot haben.« Weinend bat die Frau, ihr zu

sagen, durch welches unvermuthete Unglück sie mit einem Male arm

geworden wären. »Dieses Unglück hast du selbst verursacht,« -- erwiderte

der Mann -- »deine Versündigung gegen die eheliche Treue hat uns so weit

gebracht, daß wir zum Bettelstabe greifen müssen. Wo ist deine goldene

Kette, die ich dir als Verlobungspfand schenkte?« Erst jetzt bemerkte

die Frau, daß die Kette sich nicht an ihrem Halse befand; sie sprang

erschreckt vom Tische auf und lief in ihre Kammer, die vergessene Kette

zu holen, fand sie aber dort nicht. Sie wollte jetzt die Kette suchen,

aber der Kaufmann hinderte es und sagte: »Laß nur die leeren Grimassen,

womit du mich zu täuschen suchst! Ich weiß, daß du selbst die Kette

verschenkt hast, die jetzt dein Galan besitzt.« Was konnte da der Frau

ihr Leugnen helfen und ihre Vertheidigung? Der ruchlose Graf fand mit

seiner goldenen Kette überall mehr Glauben, denn die Menschen glauben

viel leichter das Böse als das Gute; konnte er doch auch vor Gericht

seine Worte durch dieses Beweisstück erhärten und obendrein beschwören,

daß er eine Nacht in der Kammer der Frau zugebracht habe. -- Ohne also

auf die Vertheidigung der Frau weiter Rücksicht zu nehmen, fällte das

Gericht schließlich den Spruch: die ehebrecherische Frau solle auf einem

Schiffe in die hohe See hinaus gefahren und dort vom Schiffe in's Meer

geworfen werden den Fischen zur Speise. Der Kaufmann aber solle zur

Strafe für seine leichtsinnige Wette und Andern zur Abschreckung auf

Lebenszeit in's Gefängniß gesetzt werden. Ueber den leichtsinnigen Mann

hatte das Gericht ein angemessenes Urtheil gesprochen, allein der

schuldlosen Frau fügte das weltliche Gesetz schweres Unrecht zu. Dem

Grafen wurde das Vermögen des reichen Kaufherrn zuerkannt. Dieser

Unglückliche erbat für seine Gattin noch die einzige Gnade, daß sie vor

der Ertränkung in ein getheertes Gewand eingenäht würde, und daß ihr

zwanzig in den Gürtel eingenähte Golddukaten mitgegeben würden, damit

die Leute bei dem an's Land geworfenen Leichnam das Geld fänden und ihm

dafür ein Grab bereiteten. Das Gericht gewährte diese Bitte.

So wurde der einst reiche Kaufherr in Ketten in's Gefängniß gebracht,

während seine unschuldige Gattin auf einem Schiffe viele Meilen weit in

die See geführt und dann über Bord geworfen wurde. Das aus getheertem

Zeuge gemachte Obergewand blähte sich hoch auf wie eine Blase und hielt

die unglückliche Frau über Wasser. Die unbarmherzigen Schiffsleute

riefen lachend: »Mit der Zeit wird das Wasser schon seine Beute

schlucken!« kehrten um und dachten nicht weiter an das arme Geschöpf,

das wie eine wilde Gans auf den Wellen dahin schwamm.

Gottes Wege waren nicht die der irrenden Menschen. Seine Huld ließ nicht

zu, daß ein schuldloses Wesen in der Tiefe des Meeres versinke, sondern

wies auf wunderbare Weise den Weg der Rettung. Die Meereswellen mußten

die in ein getheertes Gewand eingenähte Frau drei Tage und drei Nächte

auf dem Rücken tragen und endlich in einem fernen fremden Lande an's

Ufer schleudern. -- Obgleich die Frau sehr ermüdet war, als sie auf's

Trockene kam, vergaß sie doch nicht, Gott, der sie aus Todesnöthen

errettet hatte, für seine wunderbare Hülfe zu danken. Dann warf sie sich

auf den Rasen, um zu schlafen, sich von der durch das lange Treiben auf

dem Wasser verursachten Erschöpfung zu erholen und ihre Lebenskraft für

die kommenden Tage neu zu stärken. Noch hatte sie die Augenlider nicht

geschlossen, als sie zwei Raben auf hohem Fichtenwipfel so reden hörte:

»Da liegt jetzt« -- sagte der erste Vogel -- »ein unglückliches

Geschöpfchen am Strande, welches die kurzsichtigen Menschen ausgestoßen

haben. Die Arme wird hier, wo keine Menschen wohnen, doch zuletzt

umkommen, obwohl sie sich gar leicht retten könnte.« -- »Wie denn?«

fragte der andere Vogel. »Siehe,« erwiderte der erste Plauderer --

»obgleich die Arme sehr ermüdet scheint, sollte sie doch ihre letzte

Kraft zusammen nehmen und rechts am Ufer weiter gehen, da wohnt ein

frommer Dorfgeistlicher, der sie freundlich aufnehmen und ihren

ermatteten Körper stärken würde. Hat sie sich dann einige Tage ausgeruht

und ihre Kräfte erfrischt, dann könnte sie in die große Stadt gehen, die

nicht weit von da liegt und wo die Leute Mangel an Wasser leiden, weil

ein böser Zauberer vor vielen hundert Jahren alle unterirdischen

Wasseradern festgemacht hat, so daß in die Brunnen kein Wasser kommt,

als was die Regenschauer dem Schooße der Wolken entlocken. Und doch wäre

es eine Kleinigkeit, den Bewohnern der Stadt Trinkwasser zu schaffen.«

»Wie denn das?« fragte der andere Rabe. »Sieh nur,« erwiderte der erste

-- »mitten auf dem Markte liegt ein großer grauer Granitblock, welcher

alle Quelladern deckt und schließt. Es bedürfte weiter keiner Arbeit,

als diesen Verschluß-Block heben zu lassen, dann würden die Quellen aus

der Tiefe reichliches Naß ergießen. Und derjenige könnte reichen Lohn

verdienen, welcher der Stadt Wasser verschaffte. -- Aber diese arme Frau

könnte noch mehr Ehre und Glück finden, wenn sie in die Königsstadt

ginge und dort des Königs einzigen Sohn gesund machte, den bis jetzt

weder Doctoren noch Wundärzte heilen konnten. So liegt der arme Jüngling

schon sieben Jahre im Bette und findet nirgends Hülfe, weil menschlicher

Verstand seine Krankheit nicht erkennen kann. Und doch könnte der

Königssohn leicht gesunden, wenn ihm die rechte Arznei gegeben würde.«

»Was für Kräuter könnten denn seinem Uebel abhelfen?« fragte der andere

Vogel. »Es wäre eine Kleinigkeit, ihn gesund zu machen« -- ließ sich der

Sprecher weiter vernehmen. -- »Es wäre dazu nichts weiter erforderlich,

als in der Domkirche an die dritte Bank, rechts vom Altare, zu gehen und

dort die Diele aufzubrechen, unter welcher ein Mäusenest liegt. Wenn das

Nest sammt den Jungen herausgenommen, in einem Grapen oder Kessel

gekocht, und die Flüssigkeit dann durch ein Tuch geseiht und in Flaschen

gegossen würde, so wäre die Arznei fertig[20]. Jeden Morgen und Abend

ein Löffel voll von dem Mäusekraft-Trank dem Kranken eingegeben und mit

derselben Flüssigkeit die Brust eingerieben, würde den Kranken in

einigen Tagen gesund machen.« -- Wohl sehr schade ist es, daß in unseren

Tagen weder Stadt- noch Land-Aerzte die Vogelsprache verstehen, welche

sie manches Mal auf den richtigen Weg bringen könnte, wenn ihr eigener

Kopf ihnen nicht mehr aushelfen will. Und auch manchem eingebildeten

Naseweis, der menschliche Belehrung verschmäht, könnten durch die Rede

der Vögel vernünftigere Gedanken in sein einfältiges Gehirn kommen. --

Doch fahren wir jetzt in unserer Erzählung fort.

Nachdem die unglückliche Frau die Raben-Weisheit vernommen hatte,

schlief sie ein. Auf wunderbare Weise ließ Gottes Güte ihrem Körper im

Schlaf neue Kraft zuströmen; obwohl sie drei Tage ohne einen Bissen

Nahrung gewesen war, fühlte sie doch beim Erwachen weder Müdigkeit noch

Hunger. Der klugen Vögel Zwiegespräch fiel ihr alsbald ein; doch konnte

sie sich nicht klar machen, ob sie das wachend oder träumen erlebt habe.

Da ihr aber nichts Besseres übrig blieb, wollte sie es mit dem

angegebenen Wege versuchen. Mit größter Mühe erreichte sie vor Abend des

Predigers Haus, wo die guten Menschen sie freundlich aufnahmen und

pflegten. Nach einigen Tagen fühlte sie sich stark genug, weiter zu

wandern. Der Prediger und die Hausleute baten sie, noch einige Tage bei

ihnen zu Gaste zu bleiben, denn sie war ihnen allen lieb geworden; aber

sie wollte ihnen nicht länger zur Last fallen, sondern dankte für die

genossene Wohlthat, nahm Abschied und macht sich dann auf den Weg, um

der Anleitung der Vögel gemäß ihr Glück weiter zu versuchen. Da die

Wegweisung der Raben sich das erste Mal bewährt hatte, so richtete sie

ihre Schritte nach der wasserbedürftigen Stadt. Da fiel es ihr ein, daß,

wenn sie in Weiberkleidern die Stadt beträte, die Leute wohl nicht viel

von ihrer Einsicht halten würden. In der guten alten Zeit duldete man

noch nicht das Gegacker der Henne, wie in unseren Tagen, wo der Hahn

wohl selber rühmt, wie hübsch sein Schätzchen schon gesungen, als es

erst drei Spannen hoch war, weshalb er das sangreiche junge Huhn selbst

auf den Markt trägt und ruft: »Kommt und hört, wie hübsch mein Hühnchen

singt.«

Die Frau kaufte sich also Mannskleider und gab sich das Ansehn eines

Mannes. Sie schnitt ihre langen Haare kurz am Kopfe ab, zog einen Rock

an, band einen rothen Gürtel um die Hüften und zog das bunte Hemd über

die Hosen, so daß sie ganz wie ein Russe aussah. Als sie nach einigen

Tagen in die Stadt kam und in einem Wirthshause ein Quartier bezog, fand

sie auf dem Eßtische mancherlei Getränke, Branntweine und Weine, Bier

und Meth, aber kein Tropfen Wasser war zu sehen. Sie bat, man möge ihr

ein Glas Wasser bringen. »Geehrter Herr, ihr könnt in unserer Stadt alle

Arten von Getränk haben, um euren Durst zu löschen, aber frisches Wasser

können wir euch auch um den höchsten Preis nicht geben: Wasser müssen

wir in der heißen Zeit von weitem herführen, wie eben jetzt, wo Gott

keinen Regen giebt.« »Warum lasset ihr keine Brunnen graben?« fragte die

als Mann verkleidete Frau. Der Gastwirth erwiderte: »Brunnen haben wir

von Alters her genug gegraben, aber es kommt kein anderes Wasser hinein

als was der Regen hineinbringt. Unsere Obrigkeit hat schon Unsummen

daran gewendet, und hat auch demjenigen eine große Belohnung verheißen,

der Wasser in die Brunnen leiten würde, aber wenn auch von überall her

viel geschickte Brunnenmeister kamen, um ihr Glück zu versuchen, so hat

doch keiner von ihnen Wasseradern gefunden.« -- Die Frau sagte: »Die

Sache scheint sehr wunderbar! Ich will Nachmittags in eurer Stadt

umhergehen, vielleicht finde ich zufällig Pflanzen, welche auf eine

Wasserader weisen.« »Das wird wohl vergebliche Mühe sein,« -- meinte der

Gastwirth -- »doch könnt ihr ja immerhin euer Heil versuchen.«

Die Kaufmannsfrau schlenderte nun aus einer Straße in die andere, bis

sie auf den Markt kam. Da fand sie den großen grauen Granitblock, wie

es die Raben in ihrem Gespräche angegeben hatten; und da nun so die

beiden ersten Verkündigungen wahr geworden waren, so wuchs ihr der Muth,

den Wasserkerker zu erschließen. Sie ging zum Oberhaupt der Stadt, gab

sich für einen Brunnenmeister aus und versprach der Stadt Wasser zu

schaffen, wenn man ihr soviel Arbeiter und Werkzeuge geben würde, wie es

die Sachlage erfordere. Das Stadtoberhaupt aber bedachte, welchen

Geldaufwand die fruchtlose Arbeit schon verursacht hatte und sprach

deshalb die Bitte aus, den vergeblichen Versuch lieber zu unterlassen.

Der Brunnenmeister ließ sich aber nicht so leicht irre machen, sondern

sagte: »Gebt mir fünfzig oder sechzig Arbeiter und die nöthigen

Werkzeuge, wie Stangen, Stricke und dergleichen, so mache ich mich

verbindlich, eurer Stadt soviel Wasser zu schaffen, daß Menschen und

Thiere genug haben.« -- Das Stadtoberhaupt verlangte jetzt ein Pfand von

solchem Werthe, daß es alle Ausgaben decke, wenn die Arbeit den

verheißenen Nutzen nicht bringe. Die Frau entgegnete: »Geld habe ich

jetzt gerade nicht soviel, um das Pfand zu hinterlegen, aber ich mache

mich anheischig, für jeden Arbeiter fünfzig, oder wenn ihr wollt,

hundert Tage zu arbeiten, wenn ich euch das versprochene Wasser nicht

liefere. Falls ich aber meine Versprechungen erfülle, dann zahlt ihr mir

die Belohnung, welche ihr für die Auffindung von Wasser öffentlich

ausgeboten habt.« Auf diese Bedingung hin wurde der Vertrag geschlossen.

Nachdem die Vorbereitungen beendigt waren, begab sich die Frau mit

fünfzig Arbeitern auf den Markt: eine ungeheure Volksmenge zog

hinterdrein, um das Wunderwerk mit anzusehen. Die Frau Meister ließ

zuerst hart um den Block herum Gräben ziehen, dann starke Balken als

Hebel unter den Block schieben, Stricke mit dem einen Ende an die Balken

befestigen, mit dem andern um den Block legen, und als nun die Männer

auf das gegebene Zeichen mit einem Male aus Leibeskräften anzogen und

aufwanden, ging der Block in die Höhe. Und o Wunder! zischend ergoß sich

ein breiter Wasserstrahl unter dem Blocke hervor. -- Freudengeschrei

erscholl aus dem Munde von Tausenden. Das Stadtoberhaupt und die anderen

obrigkeitlichen Personen traten näher und füllten Becher und Kannen mit

frischen Wasser, das klar, kühl und erquickend war. Alle, die das Wasser

schmeckten, rühmten es einstimmig und die klugen Doctoren erklärten, es

sei der Gesundheit sehr zuträglich. Da nun der Brunnenmeister sein

Versprechen erfüllt hatte, wurde ihm die für das Auffinden von Wasser

ausgesetzte Belohnung unweigerlich ausgezahlt und überdies folgten ihm

die Dankes- und Segenswünsche der Bewohner nach.

Jetzt brauchte die Frau nicht mehr zu Fuße zu gehn, sondern konnte in

einer Kutsche mit sechs Pferden fahren, wenn sie wollte. Sie fuhr

alsbald in die Königsstadt. Als sie mit Dank gegen Gott dessen gedachte,

wie der Vögel Anleitung sie unverhofft auf den Weg des Glückes geführt

hatte, beschloß sie zugleich sich andere Kleider zu besorgen, weil denn

doch die russische Bauerkleidung für einen Doctor nicht paßte. Sie ließ

ihr Haar anders ordnen und kaufte sich einen Anzug, wie ihn die

städtischen Aerzte zu tragen pflegen. Als sie dann nach einigen Tagen

die Residenz des Königs erreichte, miethete sie in einem vornehmen

Gasthof eine Wohnung und gab sich für einen Arzt aus, der aus weiter

Ferne gekommen sei.

Die Ankunft eines berühmten Arztes aus weiter Ferne drang rasch zu des

Königs Ohren. Er schickte seine Diener in den Gasthof und ließ den

Doctor zu seinem kranken Sohne bitten. Als der Doctor kam, redete er ihn

so an: »Ich bin ein großer König, aber bei allem Ansehn und Reichthum

ein unglücklicher Vater. Mein einziger Sohn siecht schon sieben Jahre

lang auf dem Krankenlager dahin und Niemand kann ihm helfen; obgleich

die berühmtesten Ärzte meines Landes und fremder Länder die

verschiedensten Arzeneimittel versucht haben, konnten sie doch sein

Uebel nicht heilen. Mit tiefem Kummer sehe ich, wie mein liebes Kind mit

jedem Tage rascher dem Grabe sich nähert.« Der neue Arzt bat, den

Kranken sehen zu dürfen, worauf er in dessen Gemach geführt wurde. Der

kranke Königssohn im Bette sah mehr einem Schatten als einem

menschlichen Wesen ähnlich; daß er athmete, war das einzige

Lebenszeichen, sonst hätte man ihn für eine Leiche halten können. Der

Doctor sagte: »Weil sich die Krankheit so sehr in die Länge gezogen hat,

ist die Behandlung sehr schwierig geworden, doch gebe ich die Hoffnung

noch nicht ganz auf.« Er versprach dann die nöthigen Arzeneien zu

bereiten und nach einigen Tagen die Behandlung zu beginnen.

Am andern Tage ging der vermeintliche Doctor, die herrliche Domkirche zu

besehen, wie denn jeder Fremde diese schönste Zierde der Stadt in

Augenschein nimmt. Nachdem er die Kirche von außen und von innen

genugsam betrachtet hatte, zählte er die dritte Bank rechts vom Altar

ab, brach die Diele auf, fand dort das von dem Raben angegebene

Mäusenest mit den Jungen, band Alles in sein Schnupftuch, brachte die

Diele wieder in Ordnung und eilte in seine Wohnung zurück. Hier machte

er sich in aller Stille daran, den Gesundheitstrank zu kochen, und ließ

ihn dann ein Weile stehen, ehe er die Flüssigkeit durch ein Tuch seihte,

worauf er sie in eine Flasche goß. Nach einigen Tagen ging er wieder zum

kranken Königssohn, gab ihm einen Löffel voll von dem Krafttrank ein und

rieb ihm die Brust damit. Die Kraft des Wundertranks war so stark, daß

der Kranke um Mittag zu essen verlangte und ihm auch die vorgesetzte

Speise zum ersten Male schmeckte. Der König war über das Verlangen nach

Speise anfangs erschrocken; er hielt dasselbe für ein krampfhaftes und

meinte, die Todesstunde sei gekommen, in welcher zuweilen die schwersten

Kranken Eßlust zeigen. Da aber der weibliche Doctor nichts dagegen

hatte, so wurde des Kranken Begehr erfüllt. Als der Königssohn nach dem

Essen einige Stunden geschlafen hatte, war sein Aussehen beim Erwachen

freundlicher und er sagte, daß er sich stärker fühle. Schon am andern

Tage richtete er sich allein im Bette auf, am sechsten Tage aber fühlte

er sich stark genug, aufzustehen und sich auf einem Stuhle

niederzulassen.

Während er so saß, fielen seine Blicke häufig auf den jungen Doctor, den

der alte König nicht eher ziehen lassen wollte, als bis der Sohn sich

vollständig erholt habe. Eines Tages sagte der Königssohn seufzend zum

Doctor: »Es thut mir herzlich leid, daß Gott euch nicht ein Frauenzimmer

hat werden lassen. Mir ist in meinem Leben noch kein schöneres Antlitz

vorgekommen als das eurige -- ich würde euch gewiß freien, wenn ihr ein

Weib wäret.« Der Doctor erwiderte: »Seid zufrieden mit dem, was Gott

gemacht hat, und danket ihm dafür, daß ihr von schwerer Krankheit

genesen seid. Ihr könnt euch jetzt, da ihr wohlauf seid, jeden Tag aus

den edelsten Geschlechtern eine Lebensgefährtin wählen.«

Des Königs Freude über die glückliche Wiederherstellung seines Sohnes

war grenzenlos. Er hätte dem Arzte gern das Zehnfache der versprochenen

Belohnung gezahlt -- der Arzt aber lehnte diese Gnade ab und verlangte

keinen größeren Lohn als ein Stück Land in der Gegend des Reiches, wo

seine Geburtsstadt stand, und wo der Gatte gefangen saß, wenn ihn der

Tod nicht befreit hatte. Die Bitte wurde nicht nur ohne Weiteres

zugestanden, sondern der König befahl auch, die Grenzen des geschenkten

Landstriches so weit auszudehnen, daß beinahe der vierte Theil des

Reiches an Land und Leuten des Doctors Erbeigenthum wurde. Nach einigen

Tagen war die Schenkungsurkunde gerichtlich ausgestellt und mit dem

königlichen Insiegel bekräftigt. Dann verließ der neue Grundeigenthümer

des Königs Palast, nahm dankend Abschied und schlug den Weg nach seinem

künftigen Wohnsitz ein.

Als sich die Frau demselben näherte, fielen ihr mancherlei Gedanken und

Gefühle schwer auf's Herz, wenn sie sich die Vergangenheit zurückrief

und überdachte, wie sie als Kind in Dürftigkeit aufgewachsen, dann

plötzlich im Hause des Kaufmanns reich gewesen sei, und endlich solche

Trübsal erlebt habe. Doch Reichthum und Trübsal waren ohne ihre Schuld

über sie gekommen, und ihr Gewissen fühlte sich nicht beschwert. -- Sie

trug noch immer männliche Kleidung und wollte sie auch nicht eher

ablegen und sich zu erkennen geben, als bis Alles geordnet wäre. Vor

ihrem früherem Hause ließ sie die Kutsche halten und durch einen Diener

anfragen, ob sie da wohl auf einige Tage eine Wohnung miethen könne. Der

gegenwärtige Besitzer, der uns wohlbekannte Graf, obwohl jetzt durch

schnöden Betrug steinreich geworden, war doch äußerst geldgierig und

suchte, wo er konnte, seinen Mammon zu vermehren. Er war darum gleich

bereit, dem reichen fremden Herrn eine Wohnung zu vermiethen, als ihm

der hohe Preis, den er unverschämter Weise forderte, unweigerlich

zugestanden wurde.

Die Frau legte am folgenden Tage eine reiche Männerkleidung an und

erschien vor der Obrigkeit, wo sie den königlichen Schenkungsbrief

vorzeigte und sich als Grundherrn zu erkennen gab. Man kann leicht

denken, daß der neue Gebieter mit großer Ehrerbietung und

Unterwürfigkeit empfangen wurde. Sein erster Befehl lautete dahin, den

vormals reichen Kaufmann, der vor Jahren wegen leichtsinnigen Wettens

in's Gefängniß gesetzt worden, sowie den Grafen, der dessen Vermögen

erhalten, desgleichen die Magd, welche damals bei der Frau des Kaufmanns

gedient habe und jetzt beim Grafen diene -- diese drei Personen

vorzuführen. Der Befehl wurde sofort vollzogen.

Der in der langen Haft schwach und bleich gewordene Kaufmann hatte schon

graues Haar bekommen und einen langen Bart, der ihm bis zur halben Brust

reichte. Hände und Füße waren gefesselt und ein zerfetztes Gewand

bedeckte seinen Leib. Der Herr Graf trat stolzen Schrittes in den

Gerichtssaal; für ihn, den reichen, hochgeborenen Mann, gab es wohl

keinen Grund zur Furcht. Der neue Grundherr befahl sogleich, dem bis

dahin gefangen gehaltenen Kaufmanne die Fesseln abzunehmen und sie dem

Grafen anzulegen. Obwohl die Gerichtsherren einander verwundert ansahen,

wagte doch keiner ein Wort gegen die Anordnung des gebietenden

Grundherrn vorzubringen. Jetzt fragte die in Männerkleidung dastehende

Frau den Grafen: »Bekennet, wie ist damals die goldene Kette der

Kaufmannsfrau in eure Hände gekommen?« Der Graf erwiderte mit

schamloser Frechheit: »Die Frau schenkte mir die Kette als

Liebespfand.« -- Darauf wurde die Magd in Ketten gelegt und in's Verhör

genommen; sie sollte erklären, wie es sich mit der Kette verhalte. Die

erschrockene Magd deckte nun den ganzen Betrug auf. Hierauf fällte das

Gericht den Spruch, daß der Graf und die Magd auf Lebenszeit in's

Gefängniß kommen sollten und zwar wurden sie in denselben Thurm

gebracht, in welchem der Kaufmann bis jetzt gesessen hatte.

Nachdem so die Uebelthäter ihren verdienten Lohn erhalten hatten,

entfernte sich die Frau, legte ihre Frauenkleider an und gab sich ihrem

Manne zu erkennen. Der Kaufmann bereute voll Scham sein Vergehen und

wagte nicht zu seiner Frau, die er ohne ihr Verschulden verstoßen und in

den Tod geschickt hatte, die Augen aufzuheben. Die liebende Frau aber,

welche ihrem Manne die am Altare gelobte Treue stets rein bewahrt hatte,

verzieh ihm all' sein Unrecht. Darauf segnete der Geistliche ihre Ehe

zum zweiten Male ein und es wurde eine stattlichere Hochzeit gefeiert

als die erste war. Aber der Vater der Frau, der alte Schneider, schlief

schon im Grabe und hatte den Freudentag, wo seine verläumdete Tochter

wieder zu Ehren kam, nicht mehr erleben sollen. Vom Tage der zweiten

Hochzeit an lebte das Paar glücklich bis an's Ende und dem Kaufmann

stieg niemals wieder ein Zweifel an der Treue seiner Frau auf. Und

glücklich darf man den Mann preisen, der eine fromme Frau gewonnen hat,

deren Leben so klar dahinfließt, wie ein Quellbach, auf dessen Grunde

nicht Schlamm noch Schutt gefunden wird.

[Fußnote 20: Nach Kreutzwald's gef. briefl. Mittheilung gilt bei den

Esten Mäusedreck mit Honig als Hausmittel gegen die Bräune, sowie eine

frisch abgezogene Mausehaut gegen nässende Flechte. L.]

Ehstnische Märchen. Zweite Hälfte · 第 7 / 22 题