Einmal war ein junges Weib in den Wald gegangen, um Beeren zu pflücken.
Ihr Körbchen war gerade voll und sie wollte eben wieder nach Hause
gehen, als ihr plötzlich unter den Bäumen eine Gestalt in die Augen
fiel, die von Ferne einem Menschen ähnelte. Als das Weib näher ging,
fand es ein junges Frauenzimmer mit bleichem Antlitz, Mund und Wangen
blutig, ohnmächtig unter einem Busche liegend. Unsere junge Frau eilte
zur nahen Quelle, schüttete die gepflückten Beeren in die Schürze und
füllte das Körbchen mit kaltem Wasser, womit sie Augen und Schläfen der
Jungfrau wusch, bis diese aus ihrer Ohnmacht erwachte, die Augen weit
öffnete und befremdet um sich blickte. Als sie ein fremdes Weib an ihrer
Seite fand, erschrak sie anfangs, aber bald vergingen Schrecken und
Furcht; sie faßte das junge Weib freundlich bei der Hand, dankte und
sagte: »Deine Güte hat heute mein Leben aus großer Gefahr gerettet! Wer
weiß, was aus mir geworden wäre, wenn du dich nicht meiner erbarmt
hättest: Der schlimmste Feind unseres Geschlechts, der alte
Waldesvater[14], begegnete mir heute zufällig und schlug mich halb todt,
sodaß ich bewußtlos hinsank. Ohne deine Hülfe wäre ich wohl hier am
Platze geblieben! Heute kann ich dir keine größere Belohnung geben als
den Ring, den ich dir hier an den Finger stecke. Siehe, jetzt sind wir
bis an unser Lebensende eng mit einander verbunden[15]! Wenn du das, was
du jetzt unter dem Herzen trägst, einst zur Welt bringst, dann mußt du
mich zu Gevatter bitten und mich sammt meinen beiden jüngeren Schwestern
aufnehmen, wenn wir selbdritt zur Taufe kommen. Halte reinen Mund und
laß gegen Niemand ein Wörtchen von dem heutigen Vorfalle verlauten:
sollte man dich über den Ring befragen, so sage, du habest ihn im Walde
gefunden.« Mit diesen Worten hatte sie den goldenen Ring von ihrem
Finger gezogen und an den Finger des jungen Weibes gesteckt. Dieses bot
ihr jetzt Erdbeeren aus der Schürze, die Jungfrau nahm das freundlich an
und verzehrte über die Hälfte. »Du hast mich heute aus der Ohnmacht
erweckt, mir Hunger und Durst gestillt -- diese Wohltaten will ich
dereinst an deiner Tochter vergelten, wenn sie in meine Jahre kommt und
heirathet.« Unter fernerem freundlichen Gespräch waren sie aus dem Walde
in's Freie gekommen, wo die dann Jungfrau Abschied nahm und sich wieder
in den Wald zurückwandte. Die Frau wollte erst noch Beeren pflücken, um
ihr Körbchen wieder voll zu machen, aber der Tag neigte sich schon, und
als sie die übrig gebliebenen Beeren aus der Schürze in den Korb
schüttete, wurde derselbe gehäuft voll. Das schien ihr wunderbar, hatte
sie doch mit eigenen Augen gesehen, daß die Jungfrau über die Hälfte der
Beeren verzehrt hatte. Aber ihr Erstaunen sollte noch wachsen, als sie
nach Hause kam. Als sie nämlich die Beeren aus dem Korbe in die Schüssel
schüttete, fand sie die untere Hälfte mit Silbergeld angefüllt. Was
hatte das zu bedeuten? Da die Jungfrau ihr verboten hatte, von dem, was
im Walde mit dem Ringe geschehen war, zu sprechen, so meinte die Frau
auch die Sache mit dem Gelde geheim halten zu müssen. Sie legte also das
Geld auf den Boden ihrer Truhe zwischen zusammengerollte Leinwandpacken,
um daran in bösen Tagen einen Nothpfennig zu haben.
Ein halbes Jahr nach der beschriebenen Beerenlese war sie in die Wochen
gekommen und hatte ein Töchterlein zur Welt gebracht. Als der Tag des
Tauffestes herankam, machte es der Mutter schwere Sorge, daß sie der
fremden Jungfrau Wohnort nicht erfragt hatte. Sie wußte nun nicht, wohin
die Botschaft senden. Der Taufgäste Schlitten hielten vor der Thür, mit
den Fiemerstangen zur Pforte gekehrt -- man wollte eben in die Kirche
fahren. Die Mutter schaute mit thränenden Augen auf des Kindes Trägerin,
bedauernd, daß die fremde Jungfrau nicht eingeladen war. Da hört sie vom
Hofe her Glockengeklingel, und siehe! ein hübscher deutscher Schlitten
mit zwei Pferden fährt zur Pforte herein; drei in Pelze gehüllte
Frauenzimmer sitzen im Schlitten. »Ihr seid schon auf dem Wege zur
Kirche«, -- ruft eine der Jungfrauen aus dem Schlitten heraus --
»verliert keine Zeit. Unser Kutscher wendet und dann fahren wir mit
einander zur Kirche; wir können die Mutter des Täuflings begrüßen, wenn
wir zurückkommen.« -- Obwohl nun die Wöchnerin drinnen diese Worte nicht
hörte, so dachte sie doch gleich, daß die drei Fremden im deutschen
Schlitten Niemand anders sein könnten als die schon früher angemeldeten
Gevatterinnen, denen aber keine weitere Einladung geworden war. Das
Herz, am Morgen noch so kummervoll, wollte ihr jetzt vor Freude
springen! Doch that es ihr leid, daß die lieben Gäste trockenen Mundes
vom Taufhause zur Kirche gefahren waren und sie konnte die Rückfahrt
kaum abwarten, um ihnen den geziemenden Imbiß vorzusetzen. Zum Glück
ahnte ihre Seele nichts von dem Streite, den indessen in der Kirche die
Gevatterinnen wegen des dem Kinde beizulegenden Namens hatten. Als der
Prediger fragte, was dem Kinde für ein Name beigelegt werden solle,
antwortete eine der fremden Jungfrauen: »_Masikas_« (Erdbeere)! -- »Wie
sagtet ihr?« -- fragte der Prediger -- »Marie oder Martha oder Margret?«
-- »_Masikas_« war abermals die Antwort. Der Vater des Kindes und die
Gevattern sahen sich einander verwundert an und Niemand wußte, was er
von der Sache halten sollte. Der Geistliche aber sagte streng: »Ich
bitte, macht hier keine Späße, saget ernsthaft, was für einen Namen das
Kind bekommt, oder ich taufe es mit einem Christennamen, ohne euch
weiter zu befragen.« Jetzt wurden auch der Jungfrau Wangen roth vor Zorn
und sie erwiderte mit gehörigem Nachdruck: »Gott hat die Menschen, die
Thiere und die Pflanzen auf die Erde gesetzt, aber keinem Geschöpfe hat
er Namen gegeben, sondern das haben die Menschen gethan. Wer darf mir
verwehren, dem Kinde einen Taufnamen beilegen zu lassen nach meinem
Gefallen?« -- »Glaubt ihr mir mit Gewalt beizukommen?« fragte der
Prediger nicht minder erzürnt. »Wenn ihr mich so leicht zu beherrschen
vermeint, so will ich euch erstens in's Gedächtniß zurückrufen, wer ich
bin, und zweitens auch fragen, wer ihr seid, und ob ich euch überhaupt
ordnungsmäßig als Pathe des Kindes annehmen darf?« -- Ohne ein Wort zu
sagen, zog die stolze Jungfrau ein Blatt Papier aus dem Busen und gab es
dem Prediger zu lesen. Dieser wurde, als er es las, bleich wie der Tod
und stammelte mit erschreckter Stimme: »Verzeiht, verzeiht, geehrte
hochgeborene --« allein die Jungfrau hob drohend den Finger und sagte:
»Still, still! taufet das Kindlein, wir haben weiter nichts zu reden!«
-- Der Geistliche taufte das Kind und gab ihm den Namen _Masikas_, doch
zitterten dem Manne die Hände, während er die heilige Handlung vollzog.
Die stolze Jungfrau hatte das Kind über die Taufe gehalten und dann dem
Geistlichen eine Goldmünze und dem Küster einen silbernen Rubel
eingehändigt, was die anderen Gevattern deutlich gesehen hatten. Alsdann
fuhr man zum Taufhause zurück. Unterwegs berechneten die Bauerfrauen,
wie groß wohl das Pathengeschenk für Mutter und Kind ausfallen möge, da
schon so reichliche Taufgebühren bezahlt worden waren.
Im Festhause angekommen, ging die stolze Jungfrau sofort die Taufmutter
zu begrüßen, fiel ihr um den Hals, streichelte ihre Wangen und sagte,
mit dem Finger auf die anderen Jungfrauen deutend: »Meine jüngeren
Schwestern, die ich zur Taufe mitzubringen versprochen hatte. Wir
geloben dir alle drei, für dein Töchterlein zu sorgen, falls Gott dich
aus dieser Welt abrufen sollte, ehe noch das Kind herangewachsen ist.«
Sodann händigte jede der Jungfrauen der Mutter des Kindes ein goldenes
Schächtelchen ein mit den Worten: »In diesem Schächtelchen sind die
Pathengeschenke für's Töchterchen, zeige sie Niemandem, du selbst kannst
sie schon besehen, aber verliere die kostbaren Dinge nicht.« Wohl bat
man jetzt die vornehmen Jungfrauen, sie möchten sich zu Tisch setzen, um
sich zu stärken, aber sie wollten weder essen noch trinken, sondern
verließen nach herzlichem Abschiede von der Mutter das Fest und fuhren
in ihrem prächtigen Schlitten davon.
Die Gäste brannten vor Begier zu erfahren, wer die stolzen Jungfrauen
gewesen, und was wohl in den goldenen Schächtelchen enthalten wäre.
Dieses Verlangen konnte ihnen freilich Niemand befriedigen. Selbst der
Vater des Kindes wurde unruhig, als er nach dem Aufbruch der Taufgäste
von seiner Frau keine nähere Auskunft erhielt. Er wollte nicht glauben,
was ihm seine Frau der Wahrheit gemäß versicherte, nämlich daß ihr die
wunderbaren Fremden eben so unbekannt seien wie allen Uebrigen. Einige
Tage später ging er heimlich an die Truhe, um die Goldschächtelchen zu
besehen, damit er erführe, was für ein kostbarer Schatz in der goldenen
Hülle stecke. Er fand nichts weiter als drei kleine Steinchen[16] in
jeder Schachtel. Obgleich er über diesen Fund einigermaßen verwundert
war, sprach er doch gegen Niemand davon.
Die kleine _Masikas_ war sieben Jahre alt geworden, als ihre Mutter
plötzlich schwer erkrankte, so daß man schon nach einigen Tagen keine
Hoffnung mehr haben konnte. Die Kranke sehnte sich, vor ihrem Tode noch
das heilige Abendmahl zu nehmen, und so wurde der Geistliche
herbeschieden. Diesem erzählte sie, was ihr vor der Geburt ihrer Tochter
im Walde mit der fremden Jungfrau begegnet war. Der Geistliche tröstete
sie: »Darüber sei ruhig! aus diesem Zusammentreffen kann deiner Seele
kein Schaden erwachsen, und auch deiner Tochter wegen kannst du ruhig
sterben, die Gevatterinnen werden für die Erziehung derselben schon
Sorge tragen.« Nachdem sie Gottes Gnadenmahl, Brot und Wein, genossen
hatte, segnete sie ihr Töchterlein, nahm Abschied und entschlief. Am
Tage nach der Begräbnißfeier kam die vornehme Gevatterin und wollte ihre
Pathe als Pflegling mit sich nehmen; aber der Wittwer mochte sich von
der Tochter nicht trennen und bat, sie ihm zur Freude und zum Troste
noch zu lassen. Auf sein Bitten wurde ihm das Kind gelassen, aber die
Jungfrau sagte: »Eine von uns Schwestern wird jeden Tag kommen, nach der
kleinen Masikas zu sehen.« So geschah es auch wirklich; täglich kam eine
Jungfrau, um das mutterlose Kind zu sehen, und brachte ihm schöne
Kleider, süße Kuchen und vielerlei hübsche Spielsachen.
Nach einem Jahre beschloß der Wittwer eine andere Frau zu nehmen. Drei
Tage vor der Hochzeit kam die älteste der Jungfrauen und sagte: »Masikas
darf nicht länger bei dir bleiben, ich will sie heute mit mir nehmen. Du
bekommst wohl eine zweite Frau und kannst mit der Zeit wieder Vater
werden, aber Masikas findet keine zweite Mutter wieder. Alles was wir
bis jetzt der Pathe geschenkt haben, bleibe dir und deiner jungen Frau,
nur die drei goldenen Schachteln, welche wir am Tauffeste dem Kinde
schenkten, muß ich mitnehmen.« Der Mann sträubte sich zwar nach Kräften
dagegen, allein es half ihm nichts. Weinend bat die kleine Masikas: »Ich
will zur Taufmutter gehen!« und der Vater mußte endlich nachgeben. Er
ging der geheimnißvollen Jungfrau eine Strecke weit nach, um zu sehen,
wo denn ihre Behausung liege, die ja doch nicht sehr entfernt sein
konnte, da täglich eine der Jungfrauen gekommen war, nach dem Kinde zu
sehen. Die vornehme Jungfrau schritt, das Kind an der Hand, auf jenen
Wald zu, in welchen die verstorbene Mutter als junge Frau gegangen war
um Beeren zu pflücken, und wo sie das erste Mal mit der Jungfrau
zusammengetroffen war. Als die Jungfrau nun mit dem Kind an einen großen
Felsblock gelangt war, der am Saume des Waldes frei dalag, entschwand
sie plötzlich den Blicken des nachsehenden Mannes, als wäre sie unter
die Erde gesunken. Zwar eilte der Mann an den Ort, ging viele Male um
den Stein herum, suchte nach Fußstapfen und stampfte von Zeit zu Zeit
mit der Ferse gegen den Boden, ob er nicht eine glückliche Stelle finde;
aber alle Mühe war vergeblich, weder das Kind noch die Taufmutter bekam
er zu sehen. In Gesellschaft seiner jungen Frau vergaß er dann
allmählich das Töchterlein seiner verstorbenen Frau.
Wir müssen jetzt von dem Lebenslaufe der kleinen Masikas erzählen.
Unweit des bezeichneten Felsblockes lag drei Spannen tief unter dem
Rasen eine Fliese, eine Klafter breit und anderthalb Klafter lang, die
sich beim richtigen Drauftreten wie eine Kellerluke aufthat, den
Ankömmling hereinließ und dann augenblicklich wieder zufiel. Das geschah
mit so wunderbarer Geschwindigkeit, daß, wer von weitem zusah, nicht
daraus klug ward, sondern meinte, daß der noch eben sichtbare Mensch
plötzlich entweder unter den Boden gesunken oder unsichtbar in die Luft
gefahren sei. Bestärkt wurde man in dieser Meinung noch dadurch, daß
nirgends ein Streifen oder sonst eine Spur auf dem Rasen zurückblieb,
vielmehr war die Rasendecke wie aus einem Stücke gegossen. Unter der
Fliesendecke befand sich eine breite, aus edlem Gestein gehauene Treppe,
welche weiter in die Tiefe führte. Die Stufen hinabsteigend, gelangte
die kleine Masikas mit ihrer Taufmutter auf einen schönen Hof, in
welchem ein aus Glas aufgeführtes Gebäude stand; das war die Wohnung der
Jungfrauen, man nannte sie den Sitz der Grottennymphen[17]. Hier
befanden sich viele dienende Frauenzimmer, welche allerlei feine
weibliche Handarbeit fertigten. Auch die kleine Masikas wurde in solchen
Handarbeiten unterrichtet, wiewohl sie sonst nicht wie eine Dienerin
gehalten, sondern wie ein verwöhntes deutsches Kind, dem es an nichts
fehlt, aufgezogen wurde. Ihre Taufmütter sorgten für sie und liebten sie
mit mütterlicher Zärtlichkeit. So erreichte sie das Alter von sechzehn
Jahren und war nun zu einer schönen Jungfrau aufgeblüht.
Da sagte eines Tages die älteste Taufmutter zu ihr: »Meine liebe
Masikas! Die Zeit ist da, wo wir uns trennen müssen. Hoffen wir aber von
der Güte unseres Gottes, daß die Trennung nicht lange dauern werde. Wenn
alles glücklich abläuft, so kommen wir wieder zusammen und dann kann uns
nichts mehr trennen, als der Tod. Zwei treue Diener und deine drei
goldenen Schächtelchen mußt du mitnehmen; in den Schächtelchen findest
du alle Bedürfnisse, deren du auf der langen Reise nicht entrathen
kannst.« Nachdem sie dem Mädchen noch mancherlei Unterweisung in Betreff
der Reise ertheilt, eröffnete sie ihr zuletzt, daß sie nach drei Tagen
aufbrechen müsse. Wohl empfand Masikas großes Herzeleid, aber nicht
geringer war die Betrübniß der Taufmütter, als die Stunde des Scheidens
kam. Sie wollten in Thränen zerfließen, als sie ihre Pathe umarmten und
ihr Kuß auf Kuß gaben. Endlich wurden die beiden Diener gerufen,
bejahrte Männer, welche Masikas vorher nie gesehen hatte, und es wurde
ihnen bedeutet, daß sie das Mädchen auf der Reise zu beschützen hätten.
So machte man sich denn auf den Weg; Masikas trug das kleine Körbchen,
in welchem sich die goldenen Schächtelchen befanden.
Sie waren eine Weile im Walde vorwärts gegangen und des Mädchens
Abschiedsthränen waren trocken geworden, da sagte der eine ihrer
Begleiter: »Wir können nun doch den langen Weg nicht zu Fuße
zurücklegen.« Masikas fragte: »wo sollen wir denn Pferde hernehmen?« Der
Mann erwiderte: »Pferde und sonstige Reisebedürfnisse stecken in eurem
Korbe in den goldenen Schächtelchen.« Masikas sah ihn zweifelhaft an,
als wollte sie den Sinn dieser Spottrede herausbringen. Aber der Mann
sagte ganz ernsthaft: »Nehmt ein Steinchen aus dem Schächtelchen, so
werden wir alsbald Wagen und Pferde haben.« Obgleich das Mädchen keinen
Glauben daran hatte, that sie doch nach des Mannes Geheiß, nahm eins der
Steinchen, wie es ihr gerade in die Finger kam und übergab es dem Manne.
Dieser blies drei Mal darauf und sagte: »Kutsche mit vier Pferden
vorgefahren!« Augenblicklich stand die Kutsche mit den Pferden da.
Masikas ward als Herrschaft in die Kutsche gesetzt, der eine Mann setzte
sich als Kutscher auf den Bock, der andere als Lakai hinten auf, und
dann ging die Reise rasch vorwärts. Die Sonne stand schon hoch im
Mittag, als der Kutscher fragte, ob sie nicht Appetit verspüre. Masikas
erwiderte: »wir haben keinen Mundvorrath von Hause mitgenommen!« »Aber
doch die Steinchen,« -- versetzte der Lakai hinter der Kutsche -- »gebt
nur wieder eins her!« Masikas reichte ein Steinchen hin, der Mann blies
wieder darauf und rief: »Her gedeckter Tisch mit Speisen!« --
Augenblicklich stand ein gedeckter Tisch mit köstlichen Speisen vor
Masikas. Sie aß sich satt und gab dann den Dienern soviel sie begehrten.
Darauf blies der Mann abermals auf den Tisch und plötzlich verschwand
Alles und das Steinchen flog der Masikas in die Hand zurück. Am Abend
ging es mit dem Nachtessen ebenso, und darauf wurde ein anderes
Steinchen in ein Bett mit Kissen verwandelt, auf welchem das Fräulein
die Nacht über von der Anstrengung der Reise ausruhte. Ganz so geschah
es die folgenden Tage, so daß es ihnen an nichts mangelte -- nur wurde
der Masikas auf der weiten Reise die Zeit lang; sie wünschte sich
weibliche Gesellschaft. Mehr zum Spaße als in Absicht nahm sie ein
Steinchen zwischen die Finger, blies darauf wie sie es bei den Männern
gesehen, und rief: »Zofe herbei!« Augenblicklich saß ein feines Mädchen
neben ihr. Warum hätte Masikas nun nicht in der schönen Kutsche weiter
fahren mögen, da sie vom Morgen bis zum Abend sich angenehm unterhalten
konnte!
Als man eines Morgens vom Nachtlager aufbrach, sagte der Kutscher zu
Masikas: »Heute kommen wir zum Hofe eines berühmten Weisen; da müsset
ihr hineingehen und genau darauf achten was für Anweisung der alte Weise
euch geben wird. Seinem Geheiße müssen wir in allen Stücken nachkommen,
sonst wird es mit dem, was wir vorhaben nichts. Eins der Steinchen müßt
ihr heute zum Geschenk für den Weisen verwenden, damit wir freundlich
aufgenommen und gut berathen werden.« -- Noch vor Abend langten sie bei
dem Weisen an; die Männer mußten ihm einen schweren, halb mit Silber,
halb mit Gold gefüllten Sack bringen, der aus einem der Steinchen
hervorgerufen war. Der Weise sagte, nachdem er die Hand der Masikas
betrachtet hatte: »Eure Reise führt morgen in einen dichten Wald, und da
werden euch drei Thiere entgegenkommen, erstens eine Hirschkuh, dann ein
alter Wolf und endlich ein Bär. Suchet diese wilden Thiere zu locken, so
daß sie an sich kommen lassen und leget dann jedem derselben sein
Zeichen an, damit ihr sie das nächste Mal erkennet, wenn ihr wieder mit
ihnen zusammentrefft. Der Hirschkuh legt einen seidenen Gürtel an und
dem Wolfe einen ledernen Riemen um den Hals, dem Bären aber steckt euren
Ring, der euch aus eurer seligen Mutter Habe noch geblieben ist, an die
Vorderpfote. Nach drei Tagen wird eine gräuliche wüthende Schlange auf
euch eindringen, da könnt ihr euch nicht anders retten, als daß ihr ein
Steinchen in einen Nord-Adler verwandelt und euch sammt euren Dienern
auf den Rücken desselben setzet, er wird euch mit Windesschnelle bis
unter die Wolken hinauftragen, wohin die Schlange euch nicht folgen
kann. Kutsche und Pferde wird sie allerdings verschlingen, aber das
schadet euch weiter nichts. Dieser Bissen wird auch ihr letzter sein,
sie verendet sieben Tage darauf und dann kommen Pferde und Wagen wieder
aus ihrem Rachen heraus. Was weiter geschieht, bleibe jetzt noch
ungesagt, denn auch euren Taufmüttern in der Grotte wird Glück zu Theil
werden.«
Am anderen Tage kamen unsere Reisenden in einen dichten Wald, wo sich
Alles so begab, wie es der Weise vorausgesagt hatte. Zuerst kam ihnen
die Hirschkuh, sodann der alte Wolf und zuletzt ein Bär entgegen.
Masikas lockte die Thiere eins nach dem anderen zu sich und heftete dann
jedem sein Zeichen an: der Hirschkuh einen blauen Seidengürtel, dem
Wolfe einen Lederriemen um den Hals, und dem Bären steckte sie ihren von
der Mutter ererbten Ring an die Vorderpfote. Der Bär leckte ihr wie zum
Danke die Hand und lief brummend in den Wald zurück. Viel gräßlicher
war, was ihnen nach drei Tagen begegnete. Schon von weitem hörte man ein
Sausen und Rauschen als würde das schwerste Heufuder am Boden
hingeschleift. Endlich wurde des Schlangenkönigs[18] Kopf mit goldener
Krone sichtbar, aber in demselben Augenblicke hatte Masikas ein
Steinlein in einen Nord-Adler verwandelt, setzte sich mit ihren drei
Dienern auf seinen Rücken und der Vogel trug sie hoch in die Lüfte. Von
da oben sahen sie, wie die ungeheure Schlange Wagen und Pferde
hinunterschluckte, als wären es junge Mäuslein gewesen. Sieben Tage flog
der Nord-Adler mit seiner Last in Wolkenhöhe weiter; die Nächte schlief
er auf dem Wolkenrande[19] und die auf seinem Rücken Sitzenden litten an
Nichts Mangel, da ihnen die Steinchen in den Goldschächtelchen der
Masikas alles gewährten was sie brauchten.
Am Morgen des siebenten Tages ließ sich der Nord-Adler mit seiner Last
nieder. Sie kamen gerade dazu, als die Pferde sammt dem Wagen aus dem
Rachen des todten Schlangenkönigs wieder herausfuhren. Während sie
dieses Wunder noch anstaunten, sahen sie einen alten Mann und eine alte
Frau in prächtigen königlichen Gewändern herantreten. Der Mann trug
einen ledernen Riemen und die Frau einen blauen Seidengürtel, und beide
Stücke erkannte Masikas sofort als diejenigen, welche sie dem Wolfe und
der Hirschkuh umgethan hatte. Bald darauf nahte sich auch ein blühender
Jüngling, an dessen Finger der Ring glänzte, den Masikas dem Bären
gegeben. Der Fremde Alte sagte: »Dank dir, Masikas, theures Glückskind!
du hast uns aus langer Gefangenschaft erlöst. Ich war vor siebenhundert
Jahren ein reicher König im Südlande, hier steht meine Gemahlin und dort
mein Sohn; unsere drei Töchter sind dahin. Der böse Schlangenkönig des
Nordens überwältigte mein Reich und verschlang alle meine Unterthanen.
Mich verwandelte er in einen Wolf, meine Gemahlin in eine Hirschkuh und
meinen Sohn in einen Bären. Wohin die Töchter gekommen sind, habe ich
nicht erfahren, möglich, daß die Schlange sie gefressen hat.« -- Masikas
vermuthete sogleich, daß ihre Pathen aus der Grotte die verschwundenen
Töchter sein könnten, aber sie wollte nichts sagen bis sich ihre
Vermuthung bestätigen würde, damit die Freude der Eltern desto größer
wäre. Sie ließ nun aus einem Steinchen eine zweite Kutsche entstehen, in
welche sich der König nebst Gemahlin und Sohn setzten, und dann machte
man sich auf den Heimweg. Schon am dritten Morgen kamen ihnen die Pathen
der Masikas entgegen. Aber wer vermöchte der Eltern und der Töchter
Freude zu schildern, als sie nach siebenhundertjähriger Trennung sich
plötzlich wieder zusammenfanden! Des Königs Sohn nahm dann die Masikas
zu seiner Gemahlin und wurde Herrscher im Reiche seines Vaters, da
dieser seines Alters wegen nicht mehr selbst regieren wollte. Auch die
drei Töchter vermählten sich mit der Zeit, aber Niemand hat je aus ihrem
Munde gehört, wohin ihre Goldschächtelchen mit den Steinchen gekommen
und wo dieselben schließlich geblieben seien.
[Fußnote 14: Die Vorstellung vom Waldgotte ist in der finnischen
Mythologie reich ausgebildet, wo er am häufigsten unter dem Namen _Tapio_
vorkommt und an der Spitze einer großen Hofhaltung (Tapiola) stehend
gedacht wird. Er erscheint als ein alter Mann mit dunkelbraunem Barte,
mit einem hohen Hut aus Föhrennadeln und einem Pelz aus Baummoos. Die
hohe Verehrung, die ihm geweiht wird, theilt er mit seiner Gemahlin
Miellikki. Wenn die Jagd ungünstig ausfällt, zürnt Tapio, der oft auch
Waldgreis, Tapiola's (Tapioheim's) Alter heißt und zuweilen als
Erdenwirth, Waldkönig, Gabenspender ja als erster Gott und großer
Schöpfer oder Spender bezeichnet wird, so daß man an den späteren
griechischen Pan erinnert wird. Spuren der Verehrung dieses Gottes sind
wohl in dem Feste metsa- oder metsiku-pidu, das noch bis zum Ende des
vorigen Jahrhunderts in Estland gebräuchlich war, erhalten. Es wurde
nämlich eine (am Tage Mariä Verkündigung angefertigte) große Strohpuppe
auf eine lange Stange gesteckt, im Dorfe unter Gesang herumgetragen und
dann in den Wald gebracht und auf einen Baum gestellt. Ein wildes
ausgelassenes Fest schloß sich an. Vgl. Castrén, Vorles. über finn.
Mythol. S. 92 ff. Boecler-Kreutzwald: Der Esten Gebräuche, S. 12-13,
81-82 L.]
[Fußnote 15: Wörtlich: »verlobt«. L.]
[Fußnote 16: Vgl. d. Anm. zur ersten Hälfte S. 84. L.]
[Fußnote 17: Kiwi-alused, wörtlich: die unter dem Steine Befindlichen.
L.]
[Fußnote 18: Vgl. Bd. 1, S. 26. L.]
[Fußnote 19: Vgl. Bd. 1, S. 128. L.]