4. Loppi und Lappi.

Es lebte einmal ein armer Käthner mit seiner Frau in einer einsamen

Hütte abseits vom Dorfe. Der Mann hieß Loppi und das Weib Lappi. Es

schien als wären die Beiden zum Unglück geboren, denn es wollte ihnen

gar nichts gelingen. Gott hatte ihnen in den früheren Jahren ihrer Ehe

auch Kinder geschenkt, es war aber keines derselben leben geblieben, das

den Eltern eine Stütze im Alter hätte sein können. Wie zwei dürre

Baumstümpfe saßen Mann und Frau alle Abend auf der Ofenbank, und da lief

ihnen oft ohne Grund die Galle über und es gab Zank. Wie bekannt, sucht

der Mensch im Verdruß meist die eigene Schuld auf den Nächsten zu wälzen

und oft auch da, wo menschliche Bosheit nicht im Spiele war, dennoch

andern Menschen die Ursache des Unglücks aufzubürden. So konnte man

nicht selten den Loppi im Aerger sagen hören: »Hätte ich nur das Glück

gehabt, eine bessere Frau zu bekommen, was hätte mir da gefehlt, ich

könnte heute ein reicher Mann sein.« Aber Lappi hatte eine beflügeltere

Zunge, die gegen _ein_ Wort des Mannes gleich Dutzende bereit hatte. Wenn

also der Mann Worte wie die angeführten wieder vorbringen wollte, so kam

er nicht weit über den Anfang hinaus, vielmehr belferte Lappi flugs

dagegen: »Da seh' Einer den Lumpenkerl! Wenn ich in meiner kindsmäßigen

Einfalt keinen besseren Mann zu wählen wußte, so ist das freilich zum

Theil meine Schuld, aber ich glaube auch sicherlich, daß nur Hexenkünste

im Stande waren mich zu bethören, und der Teufel mag wissen, was du mir

heimlich in's Essen oder Trinken gethan hast, bis mein Sinn sich dir

zuwandte. An Freiern hat es mir nicht gefehlt, und wärest du

abgerissener Gesell mir nicht zum Unglück in den Wurf gekommen, so

könnte ich heute als Dame am gedeckten Tische sitzen. Um dich

nichtsnutzigen Menschen muß ich jetzt Hunger und Kummer leiden, bis der

Tod mich erlöst. Daß alle unsere Kinder gestorben sind, daran bist du

auch schuld, da du weder für Weib noch für Kind zu sorgen wußtest« --

und so floß der einmal losgelassene Redestrom noch lange weiter und

hörte oft nicht eher auf, als bis der Mann ihr mit der Faust das Maul

stopfte.

So saß eines Abends das Ehepaar der Hütte wieder zankend auf der

Ofenbank, als eine stattliche Frau in Kleidern von deutschem Schnitt

eintrat und durch ihr Erscheinen des Weibes Zungenwerk plötzlich zum

Stehen und des Mannes gehobenen Arm zum Sinken brachte. Nachdem sie

freundlich gegrüßt, sagte die Fremde: »Ihr seid arme Schlucker und habt

bis heute viel Noth zu leiden gehabt; aber nach dreien Tagen wird alle

Noth mit einem Male aufhören; darum haltet Frieden im Hause und saget

selber, was für ein Loos ihr euch als das beste wünschen wollt. Ich bin

nicht, was ich euch scheine, ein menschliches, sondern ein höheres

Wesen, das die Wünsche der Menschen vermöge göttlicher Kraft in

Erfüllung gehen lassen kann. Drei Tage habt ihr Zeit zu überlegen und

_drei_ Wünsche dürft ihr aussprechen, hinsichtlich der Lage oder der guten

Gabe, die ihr begehrt. Dann sprechet eure Wünsche nur aus, sie werden

sich in demselben Augenblicke durch geheime Kraft verwirklichen. Aber

seid gescheidt, daß ihr euch nicht etwa unnütze Dinge herbeiwünschet.«

Nach diesen Worten grüßte die stattliche Frau abermals und war wie der

Blitz zur Thür hinaus. Loppi und Lappi, welche ihren Zank vergessen

hatten, starrten jetzt sprachlos auf die Thür, zu der die

Wundererscheinung hereingekommen und durch die sie wieder verschwunden

war; endlich sagte der Mann: »Legen wir uns zur Ruhe; wir haben drei

Tage Zeit zu überlegen, und wollen sie weislich anwenden, damit wir uns

das allerbeste Glücksloos wünschen mögen.« Allein obgleich ihnen drei

Tage Bedenkzeit vergönnt waren, so verbrachten sie doch schon über die

Hälfte derselben Nacht unter der Last der Gedanken und überlegten,

welcher Wunsch wohl der allerbeste wäre. O, was für ein köstlicher

Friede jetzt drei Tage ununterbrochen in der Hütte wohnte! Loppi und

Lappi waren andere Menschen geworden, sprachen freundlich mit einander

und suchten einander an den Augen abzusehen, was Jegliches verlangte.

Den größten Theil des Tages saßen Beide stumm im Winkel und überlegten,

was sie wünschen sollten. Am dritten Tage, nach Tisch, ging Loppi in's

Dorf, wo den Morgen ein Schwein geschlachtet war und der Wurstkessel

gerade auf dem Feuer stehen mußte. Er nahm von Hause den Butternapf

sammt Deckel und wollte des Nachbars Frau um etwas Wurstwasser bitten,

Abends seinen Kohl darin zu kochen. Loppi dachte, wenn der Magen mit

guter Speise gefüllt ist, so kommen dem Menschen gleich bessere

Gedanken. Als er wieder heim kam, stellte er den Kohl auf's Feuer, damit

die Speise zu rechter Zeit auf den Tisch käme.

Als nun die Abendstunde und mit ihr die Zeit herangekommen war, die

Wünsche kund zu thun, dampfte die Schüssel mit Kohlsuppe auf dem Tische

und Mann und Frau setzten sich zum Essen -- zugleich sollten sie nun

auch ihre Wünsche sich vollziehen lassen. Sie hatten schon manchen

Löffel von dem schmackhaften Süppchen hinuntergebracht, da sagte Lappi

vergnügt: »Gott sei gedankt für das schöne Süppchen, davon kann der

Mensch schon satt werden; aber noch viel besser würde die Suppe

schmecken, wenn nur auch eine Wurst dabei wäre!« -- Bums! fiel von der

Zimmerdecke eine große Wurst mitten auf den Tisch. Mann und Frau waren

ein Weilchen über das Geschenk so erschreckt, daß es ihnen nicht einfiel

sich der Wurst sofort zu bemächtigen. Loppi merkte, daß mit der Wurst

der erste Wunsch in Erfüllung gegangen war, und das brachte ihn so auf,

daß er mit vollem Munde rief: »Daß dich der Böse hole und dir die Wurst

an die Nase setze! wenn --« Aber das arme Männlein konnte vor Schrecken

nicht weiter sprechen, denn die Wurst hing der Lappi schon an der Nase;

und zwar nicht mehr als wirkliche Wurst, sondern als ein mit der Nase

aus einer und derselben Wurzel hervorgewachsenes Stück Fleisch. Was

jetzt thun? Zwei Wünsche waren schon verpufft und der zweite hatte

obendrein die Nase der Frau so verunstaltet, daß sie sich nicht getrauen

konnte, den Leuten unter die Augen zu treten. Immerhin blieb noch ein

Wunsch und der war noch nicht ausgesprochen: mit diesem konnten sie

kluger Weise Alles zum Guten wenden. Aber die arme Lappi hatte in diesem

Augenblicke keinen sehnlicheren Wunsch als den, daß ihre Nase von der

langen Wurst befreit würde, darum sprach sie diesen Wunsch aus und die

Wurst war verschwunden. Jetzt war es mit den drei Wünschen vorbei und

Loppi und Lappi mußten wieder wie früher armselig in ihrer Hütte leben.

Wohl warteten sie eine Zeit lang darauf, daß die schöne Frau

wiederkomme, allein die theure Fremde erschien nicht mehr. Wer ein

unerwartetes Glück nicht gleich beim Schopf oder Zipfel[13] zu fassen

und festzuhalten weiß, der hat es verscherzt.

[Fußnote 13: Estnisch: »beim Schwanz oder Horne.« L.]

Ehstnische Märchen. Zweite Hälfte · 第 5 / 22 题