Es war einmal eine sehr schöne und schmucke Königstochter, die aller
Orten berühmt war, denn es kamen gar viele Freier zu ihr, von Morgen und
Abend, von Mittag und Mitternacht her, so daß oftmals die ganze Woche
durch der Hof von den Pferden der Bewerber nicht leer wurde. Aber das
Freien ward den Männern nicht so leicht wie unseren Zeitgenossen, die,
wenn sie auch manchmal an _einem_ Morgen vor sieben Thüren anklopfen
müssen[9], doch dabei den Hals nicht verlieren. Mit der schmucken
Königstochter war das aber anders und es durfte keinen Freier, der seine
Bewerbung anbringen wollte, an gehörigem Muthe fehlen. Die königliche
Maid hatte nämlich sehr schnelle Füße, und darum ihrem Vater fest
versichert, sie werde nicht eher heirathen, als bis sie einen Freier
fände, der eben so schnellfüßig sei, so daß er mit ihr nicht nur um die
Wette, sondern ihr auch noch ein Stück vorbeilaufen könne. Nun, das
hätte weiter nichts geschadet, wenn mit dem Wettlauf nicht noch eine
andere Bedingung verbunden gewesen wäre, nämlich, daß jeder Freier,
dessen Schritte die der Jungfrau nicht überholen könnten, sofort sein
Leben verlieren sollte. Wohl muß man sich wundern, daß trotzdem immer
noch junge Männer von vornehmer Geburt sich fanden, welche das
gefährliche Wagestück unternahmen, obgleich noch keiner einen besseren
Lohn erhalten hatte als den, daß sein erstarrter Körper um einen Kopf
kürzer gemacht wurde. Die abgehauenen Köpfe wurden dann jedesmal,
gleichsam ihnen selbst zum Spott und andern zum Schrecken, auf lange
Stangen vor des Königs Behausung aufgespießt. Mancher kluge Mann mochte
nun wohl meinen, daß in den auf ihren Stangen steckenden Köpfen doch
nicht viel Hirn und Witz gewesen sein könne, da sie thöricht genug
gewesen, ihre Haut so billig zu Markte zu tragen. Aber dergleichen kluge
Leute vergessen, daß manchem jungen Manne das feurige Blut die ruhige
Besinnung aufzehrt. Man erlebte nun freilich, daß die zur Abschreckung
aufgesteckten Köpfe die gute Wirkung hatten, das unaufhörliche Zuströmen
von Freiern zu verringern, daß sie auch manchen Ankömmling vor der
Pforte noch zur Umkehr bewogen, ehe er das Glücksspiel versuchte.
Gleichwohl stellte sich immer noch von Zeit zu ein und der andere Thor
ein, der nicht wieder nach Hause kam, sondern seinen Kopf den Raben zum
Futter ließ.
Jetzt hatten schon so lange keine Hufe von Freier tragenden Rossen den
Weg zum Königssitze gestampft, daß die Leute schon anfingen zu hoffen,
diese unsinnigen Fahrten würden gar nicht mehr vorkommen, als mit einem
Male ein von Sehnsucht getriebener Königssohn aus weiter Ferne her sich
abermals auf den Weg machte. Dieser Freier war aber ein gar schlauer
Mann und hatte deshalb schon daheim ein paar Jahre oder noch länger
seine Beine täglich im Laufen geübt. Jetzt verstand er seine Sache aus
dem Grunde, denn in dem ganzen Königreiche, welches sein Vater
beherrschte, war unter Männern und Weibern Niemand, den der Königssohn
nicht im Lauf überholt hätte. Wenn er trotzdem mit Kutsche und Pferden
auf die Freite fuhr, so wollte er einmal dadurch den Leuten seinen
Reichthum zeigen, und dann auch seinen Beinen Ruhe gönnen, damit sie
nicht noch vor dem Wettlauf ermüdeten. Einen halben Scheffel Gold nahm
der Jüngling für die Wegekost mit; dasselbe wurde, als wäre es ein
Hafersack, hinten auf der Kutsche festgebunden. Der Königssohn war auf
seiner Freierfahrt noch nicht weit gekommen, da sieht er von weitem ein
Menschenbild im Fluge herankommen, wie von Vogelfittigen getragen und
nach wenig Augenblicken saust auch der Schnellfuß wie der Wind an der
Kutsche vorbei. »Halt still, halt still!« schreit der Königssohn aus
Leibeskräften, damit das Ohr des Windfüßigen es vernehme. Alsbald hält
der Mann seinen Lauf an und bleibt stehen, um zu hören, weshalb er
gerufen wird. Da erst wird der Königssohn gewahr, daß dem Läufer an
beiden Füßen ein Mühlstein hängt. Dieser seltsame Umstand läßt die
Laufkraft des Mannes in des Königssohn Augen noch gewaltiger erscheinen,
darum fragt er: »Weshalb hast du die Mühlsteine an den Füßen?« »Meine
Füße würden sonst im schnellen Laufe nicht am Boden haften«, erwidert
der Mann -- »und ich könnte unversehens wer weiß wohin gerathen, wenn
die Füße keine schwerere Last zu tragen hätten als bloß den Körper.«
Der Königssohn denkt alsbald, einen solchen Mann könnte ich in Dienst
nehmen, wer weiß wie die Sache geht, vielleicht kann ich einen
Stellvertreter zum Wettlauf stellen, falls ich selber nicht gewiß wäre
durchzukommen. »Hast du nicht Lust in meinen Dienst zu treten?« fragte
er den Mann. »Warum nicht, wenn wir Handels einig werden. Was versprecht
ihr mir denn für Lohn?« Der Königssohn erwidert: »Alle Tage frisches
Essen und Trinken, soviel dein Herz begehrt, schöne vollständige Sommer-
und Winterkleidung und einen Stof[10] Gold als Jahreslohn.«
Der Mann war damit zufrieden und der Königssohn hieß ihn sich hinter der
Kutsche auf den Goldsack zu setzen. »Wozu?« fragte der Mann. »Glaubt
ihr, daß eure Pferde schnellere und stärkere Beine haben als ich? Seid
unbesorgt, ich werde ihnen immer voraus sein.« So zogen sie denn weiter.
Nach einer Weile sieht der Königssohn einen Mann am Wege sitzen, der
eine Flinte an die Wange gelegt hatte, als ob er auf irgend einen Vogel
ziele. Aber wie scharf auch der Königssohn und seine Diener nach allen
Seiten hin spähten, sahen sie doch weder auf der Erde noch in der Luft
irgend etwas, worauf der Schütze hätte zielen können. »Was thust du
da,« fragte der Königssohn. Der Schütze wies mit der Hand, als wollte er
zu verstehen geben, sprecht kein Wort, ihr verscheucht mir den Vogel.
»Was machst du da?« fragt der Königssohn zum zweiten, und als keine
Antwort erfolgte zum dritten Male. »Seid still«, sagte der Schütze mit
leiser Stimme, »bis ich euch Antwort gebe, ich muß erst den Vogel
herunterschießen.« Nach einem Weilchen ließ sich ein Paff hören, worauf
der Schütze sogleich aufstand und also sprach: »Ich habe den Vogel,
jetzt kann ich euch Antwort geben. Schon eine Weile kreiste eine Mücke
um den Thurm der Stadt Babylon und wollte sich auf den Thurmknopf
niederlassen; ich konnte das aber nicht dulden, denn die Mücke ist zehn
Liespfund schwer, sie hätte die feine Knopfspitze beschädigen können,
deshalb schoß ich den Feind nieder.« Der Königssohn fragt verwundert:
»Wie kannst du denn so weit sehen?« -- »Was für eine winzige Weite ist
das«, lacht der Mann, »mein Auge reicht viel weiter.« »Wartet ein
wenig,« ruft der schnellfüßige Läufer dazwischen, »ich will hin und
sehen, ob der Mann aufgeschnitten, oder die Wahrheit gesagt hat.« Mit
diesen Worten war er auf und davon wie der Wind, und nach einigen
Augenblicken hatte ihn der Königssohn aus dem Gesicht verloren.
Einen solchen Schützen könnte ich wohl auch einmal irgendwo brauchen,
denkt der Königssohn und geht sogleich daran, den Vertrag abzuschließen.
»Willst du zu mir als Diener kommen?« fragt er den scharfsichtigen
Schützen. »Warum nicht«, erwidert der Mann, »wenn wir Handels einig
werden können. Was versprecht ihr mir als Löhnung?« Der Königssohn sagt:
»Täglich frisches Essen und Trinken, soviel das Herz begehrt,
vollständige schöne Kleidung für Sommer- und Winterbedarf, und einen
Stof Gold als Jahreslohn.« Der Schütze war damit einverstanden, und eben
langte auch der Schnellfuß wieder von Babylon an, auf dem Rücken die
heruntergeschossene große Mücke, die ihm gar nicht lästig war. Der
scharfsichtige Schütze setzte sich hinter der Kutsche auf den Goldsack
und man fuhr wieder weiter.
Sie waren noch nicht viel weiter gefahren, da sah der Königssohn, der,
wie kluge Leute pflegen, Augen und Ohren überall hatte, am Wege einen
Mann, der auf der Erde lag und das Ohr an den Boden hielt, als wollte er
erlauschen; des Mannes Ohr war röhrenförmig gestaltet und drei Klaftern
lang. »Was machst du da?« fragte der Königssohn. Der Horchende
erwiderte: »In der Stadt Rom sind gerade jetzt fünf Könige versammelt,
die heimlich über einen Krieg rathschlagen; ich wollte nun eben hören,
ob der Krieg auch uns berühren wird.« Der Königssohn fragte verwundert:
»Wie kannst du in so weiter Ferne hören?« Der Mann erwiderte: »Das ist
nun gerade nicht weit, mein Ohr reicht noch weiter, es kann wohl kaum
irgendwo auf der Welt etwas gesprochen werden, was nicht an mein Ohr
dringen würde, wenn ich anders Lust hätte, von allem leeren
Weibergeschwätz Kenntniß zu nehmen.« Der Königssohn dachte gleich bei
sich, wer weiß ob eines solchen Mannes Beistand nicht manchmal nöthig
werden kann, und fragte den Ohrenmann: »Hättest du nicht Lust in meinen
Dienst zu treten?« »Warum nicht -- erwiderte der Ohrenmann -- wenn wir
Handels einig werden. Was versprecht ihr mir denn zum Jahreslohn?« Der
Königssohn gab zur Antwort: »Täglich frisches Essen und Trinken, soviel
dein Herz begehrt, vollständige schöne Kleidung und einen Stof Gold
jährlichen Lohn.« Der Ohrenmann war damit sehr zufrieden, worauf der
Handel geschlossen wurde. Der Mann drehte seine lange Ohrröhre zusammen,
damit sie den Boden nicht berührte, setzte sich neben dem
Scharfsichtigen auf den Goldsack hinter der Kutsche und so fuhren sie
weiter.
Sie waren wieder eine Strecke Wegs gefahren, als sie auf einen großen
Wald stießen. Schon eine Weile vorher, ehe der Wald sich vor ihnen
aufthat, hatte der Königssohn bemerkt, wie seltsam einzelne Wipfel von
Zeit zu Zeit klafterhoch über die andern Bäume des Waldes sich empor
hoben und dann plötzlich wieder ganz verschwanden. Er fragte seine
Diener, was die Sache zu bedeuten habe, aber keiner konnte ihm darüber
Aufschluß geben. Stand Jemand am Baume und hieb ihn mit der Axt um, so
konnte der Baum wohl, sobald er zu Boden fiel, dem Gesichte
entschwinden, aber wie ein Baum erst den Wipfel ein Paar Klafter hoch
gen Himmel streckt, bevor er niederfällt, das konnte menschlicher
Verstand nicht erklären. Allgemach betraten nun unsere Wanderer den Wald
und hier sollten sie denn glücklicher Weise durch eigene Anschauung
erfahren, wie es mit dem wunderbaren Emporsteigen der Bäume zuging. Sie
waren noch gar nicht lange im Waldesdickicht gefahren, als sie den
Baumlupfer gerade bei der Arbeit erblickten. Ein Mann nämlich wählte
sich einen passenden Baum aus, trat dann darauf zu, packte mit beiden
Fäusten den Stamm und zog ihn sammt den Wurzeln aus dem Boden, als wäre
es ein Kohlkopf oder eine Steckrübe gewesen. Als er sah, daß die Kutsche
hielt, unterbrach er die Arbeit und trat einige Schritte näher, weil er
meinte, der in der prächtigen Kutsche fahrende Herr könnte wohl des
Waldes Eigenthümer sein, der ihm zu wehren komme. Deswegen sagte er
demüthig: »Geehrter Herr! nehmt es nicht für ungut, wenn ich ohne
Erlaubniß etwas mageres Kleinholz aus eurem Walde genommen habe, das
größere habe ich nicht angerührt; die Mutter wollte Brei kochen und
schickte mich deshalb in den Wald, daß ich eine Tracht Holz nach Hause
brächte, um Feuer unter den Grapen zu machen. Ich wollte eben noch
einige Stücke zulegen, und mich dann auf den Weg machen, als ihr
herbeikamt.« Der Königssohn wunderte sich sehr über des Mannes Stärke,
doch dachte er, ich will mich Spaßes halber als den Herrn des Waldes
geberden, bis ich seine Kraft noch besser erprobe, deshalb sagte er zum
Baumlupfer: »Ich wehre dir nicht, nimm meinetwegen noch einen viel
stämmigeren Baum dazu.« Mit vergnügtem Gesicht schritt der Mann zurück,
packte sofort einen Baum den er mit den Händen nicht umspannen konnte
und riß ihn krach! aus dem Boden heraus. »Hast du nicht Lust in meinen
Dienst zu treten?« fragte der Königssohn. »Warum nicht, wenn wir Handels
einig werden«, erwiderte der Mann. »Was für einen Jahreslohn versprecht
ihr mir denn?« Der Königssohn erwiderte: »Jeden Tag frisches Essen und
Trinken, soviel das Herz begehrt, vollständige Kleidung und jährlich
einen Stof Gold.« Der Mann kratzte sich hinter den Ohren, als wäre er in
Betreff des Lohnes noch unentschlossen, sagte dann aber: »Gönnet mir nur
erst noch soviel Zeit, daß ich die Tracht Holz der Mutter bringe und ihr
zugleich sage, wohin ich gehe, sie könnte sonst bis zum Sterben warten,
dann eile ich sogleich zurück.« Nachdem er die Erlaubniß erhalten, nahm
er das ausgerissene Holz auf, ging raschen Schrittes von dannen und kam
auch ohne viel Zeitverlust zurück. Der Königssohn war vergnügt, daß er
wieder einen Knecht gewonnen hatte, dessen Hülfe ihm in unerwarteter
Gefahr zu Statten kommen konnte.
Man hatte den Wald schon längst im Rücken und war ein gutes Stück im
offenen Felde weiter gefahren; in weiter Ferne erblickte man eine Stadt
und eine Strecke diesseits der Stadt sieben Windmühlen, welche sämmtlich
auf einer Seite des Weges in einer Reihe neben einander standen. Der
Königssohn, welcher scharf auf Alles achtete was vorging, bemerkte
sogleich, daß die Flügel sämmtlicher Windmühlen sich drehten, obwohl die
Luft ringsum so ruhig war, daß kein Blättchen und Federchen sich rührte.
Weiter fahrend spürte er dann plötzlich einen heftigen Wind, wie aus
einer Röhre oder wie er aus einem Mauerloch zuweilen in's Gemach dringt,
nachdem er sich aber einige Schritte von der Stelle entfernt hatte,
hörte der Wind eben so plötzlich wieder auf. Der Königssohn ließ die
Blicke überall umher schweifen, gewahrte aber lange nichts
Absonderliches, woraus er auf den Winderzeuger hätte schließen können.
Als sie nur noch einige Feld Weges vom Stadtthor entfernt waren, sieht
der Königssohn plötzlich einen Mann von mittlerem Wuchse, der, die Füße
gegen einen großen Stein gestemmt und den Leib etwas rückwärts gebogen,
eine ganz eigenthümliche Arbeit zu verrichten schien. Der Königssohn
ließ halten und fragte den fremden Mann: »Was machst du da, Brüderchen?«
Der Mann erwiderte: »Was soll ich armer Schlucker machen? Da ich
nirgends einen besseren Dienst fand, der mich hätte ernähren können,
mußte ich nothgedrungen das Amt übernehmen, bei stillem Wetter, wenn
kein Wind geht, die Stadtmühlen durch Blasen in Gang zu bringen. Aber
kann ich mir mit diesem dummen Geschäft wohl Geld verdienen? Kaum so
viel, daß ich nicht Hungers sterbe.« »Ist es dir denn ein so leichtes
Geschäft, die Mühlen durch Blasen in Gang zu bringen?« fragte der
Königssohn. »Nun«, erwiderte der Mann, »das könnt ihr mit eigenen Augen
sehen. Mein Mund bleibt immer geschlossen und mit den Fingern drücke ich
ein Nasenloch zu, damit nicht zuviel Wind entsteht, weil sonst die
Windmühlenflügel sammt der Mühle in die Luft fliegen würden.« »Hast du
nicht Lust in meinen Dienst zu treten?« fragte der Königssohn. »Warum
nicht«, erwiderte der Mühlenbläser, »wenn wir Handels einig werden und
ihr mir soviel gebt, daß ich nicht länger Hunger zu leiden brauche. Was
für einen Lohn versprecht ihr mir, wenn ich zu euch in Dienst treten
soll?« Der Königssohn erwiderte: »Was ich den andern Knechten gebe, das
sollst du auch bekommen. Alle Tage frisches Essen und Trinken, soviel
dein Herz begehrt, schöne vollständige Kleidung und obendrein noch einen
ganzen Stof Gold als Jahreslohn.« Der Windbläser sagte mit fröhlicher
Miene: »Damit kann sich ein Mann schon begnügen, bis er einmal zufällig
etwas Besseres findet. Es sei so, schlagen wir ein! Den Mann am Wort,
den Stier am Horn, sagt ein alter Spruch.« Der Königssohn nahm den neuen
Knecht mit und zog dann mit seinen vier Dienern der Königsstadt zu, um
Glück oder Unglück zu erproben: mochte er nun des schönen Mädchens
Gemahl werden, oder seinen Kopf auf die Stange liefern.
Als er in die Königsstadt kam, ließ er für sich und seine Diener in dem
besten Gasthof Wohnung nehmen und befahl dem Wirthe noch ausdrücklich,
den Dienern reichliches Essen und Trinken zu geben, jeglichem was er
selber wünsche. Eine Hand voll Gold auf den Tisch werfend, sagte der
Königssohn: »Nimm das Wenige als Handgeld, wenn wir wieder scheiden, so
werde ich schon noch zulegen, was fehlt.« Dann befahl er, Schneider und
Schuster aus der ganzen Stadt zusammenzurufen, die seinen Dienern
stattliche Gewänder fertigen sollten, denn obwohl jeglicher in dem was
seines Amtes war vortrefflich Bescheid wußte, so war doch keinem deshalb
ein besseres Gefieder gewachsen, so daß man an ihnen recht bestätigt
finden konnte, was ein altes Wort sagt: »Neun Gewerbe, das zehnte
Hunger«, oder: »Einem schönen Singvogel ist nicht immer ein hübscher
Rock gewachsen!«
Der schnellfüßigen Jungfrau Vater, der alte König, hatte indeß schon
durch's Gerücht von der Pracht und dem Reichthum des neuen Freiers
gehört, noch ehe der Jüngling selbst vor ihm erschien, was erst am
dritten Tage geschah. Die schönen Kleider und Schuhe für die Diener
waren nicht früher fertig geworden. Als der alte König den stattlichen,
blühenden Jüngling erblickt hatte, sagte er mit väterlicher Huld:
»Lasset, werther Freund, diesen Wettlauf lieber unversucht; wären eure
Füße auch noch so geschwind, so könntet ihr doch nichts gegen meine
Tochter ausrichten, da sie Füße hat wie Flügel. Mich dauert euer junges
Leben, das ihr unnütz hingeben wollt.« Der Freier erwidert: »Geehrter
König! ich höre von den Leuten, daß, wenn Jemand nicht selbst mit eurer
Tochter um die Wette laufen wolle, es ihm gestattet sei, seinen Diener
oder Lohnknecht zu schicken.« -- »Das ist allerdings wahr«, erwiderte
der König, aber aus solch' einem Gehülfen erwächst auch nicht der
geringste Nutzen. Bleibt der Gehülfe zurück, so wird nicht sein Kopf
genommen, sondern der eurige muss dafür haften und wird vom Rumpfe
getrennt und auf die Stange gesteckt werden.« Der Königssohn sann eine
Weile nach und sagte dann mit Entschlossenheit: »Sei es denn so. Einer
meiner Diener soll das Glück versuchen und mein Haupt soll, wenn er
Unglück hat, büßen. Ich bin einmal in dieser Angelegenheit von Hause
gekommen, und ehe ich, ohne die Sache verrichtet zu haben, zurückgehe
und mich zum Gespött der Leute mache, verliere ich lieber meinen Kopf.
Besser daß die Leute den todten Kopf auf der Stange als den lebenden
Mann verspotten.« Wiewohl der alte König noch gar viel redete und den
Freier mit aller Macht von seinem Vorhaben abzubringen suchte, so half
es doch nichts, sondern er mußte endlich nachgeben. Der Wettlauf sollte
am nächsten Tage vor sich gehen. Als der Königssohn fortgegangen war,
sprach der Vater zu seiner Tochter Worte, die der langohrige Mann im
Gasthof erhorchte und dem Königssohne wiedersagte: »Liebes Kind, du hast
bis zum heutigen Tage viel junge Männer in's Verderben gestürzt, was mir
schon oftmals das Herz betrübte. Aber keiner von den hingeopferten
Freiern war so sehr nach meinem Sinne, wie der junge Königssohn, der
morgen die Kraft seiner Beine im Wettlaufe mit dir erproben will, er ist
ein blühender Mann und von kluger Rede. Aus Liebe zu mir hemme morgen
die Schnelligkeit deiner Füße, damit der Freier oder sein Diener dich
besiege und ich endlich einen Schwiegersohn bekomme, der nach meinem
Tode das Reich erbe, da ich keinen Sohn habe.« -- »Was?« erwiderte die
Königstochter, während ihr Antlitz vor Stolz und Zorn sich röthete,
»soll ich um eines Burschen willen die Stärke meiner Füße verleugnen, um
dadurch unter die Haube zu kommen? Nein durchaus nicht, lieber bleibe
ich zeitlebens eine alte Jungfer. Wer hat ihn hergetrieben? Ich habe ihn
nicht gerufen, so wenig als Diejenigen, welche vor ihm hierher gekommen
sind. In unserem Walde wächst noch Holz genug, um seinen thörichten Kopf
und alle, die von seines Gleichen, zu tragen, wenn man sie an die Luft
stellt, damit sie ihre tolle Hitze abkühlen. Gefällt euch der Freier, so
schickt ihn lieber wieder heim, ehe er den Lauf versucht, aber von mir
hoffet auf keine Barmherzigkeit für ihn. Wer nicht hören will, muß
fühlen.« Der König sah, daß seine Tochter in diesem Stücke
unerschütterlich sei und gab allen weiteren Widerspruch auf.
Darnach, als der Ohrenmann dem Königssohne dies Gespräch erzählt hatte,
trat der schnellfüßige Diener in's Zimmer und sagte: »Ich schäme mich,
so vor den Leuten mit meinen Mühlsteinen herumzulaufen, kaufet lieber
sechs Ochsenfelle, lasset daraus einen Ranzen machen, dann kaufet noch
zur Beschwerung für den Ranzen so viel Eisen als meine Fußsteine wiegen,
so ist Alles in Ordnung; die Leute werden mich für einen reisenden
Handwerksburschen halten.« Der Königssohn erfüllte ohne Widerrede des
Mannes Verlangen, ließ Felle und Eisen kaufen, soviel für nöthig
erachtet wurde, und den andern Morgen war der Ranzen bei Zeiten fertig.
Der Mann nahm den Ranzen auf den Rücken und setzte sich in Gang, obwohl
die ungewohnte Last auf dem Rücken den Füßen anfangs etwas fremd vorkam;
sie wollten sich an diese weiter abliegende Fessel nicht recht kehren,
bis sie sich allmählich auch dieser Hemmung fügen lernten.
Auf dem für den Wettlauf bestimmten Platze hatte sich eine unzählige
Menge Volks versammelt; die Einen lachten über den Ranzenmann, die
Andern sagten: »Ein Vernünftiger ist darauf bedacht, wenn er laufen
will, die überflüssigen Kleider abzulegen, diesem Manne aber ist es
nicht eingefallen auch nur den Ranzen von sich zu thun.« Der Ohrenmann
meldete diese Reden sofort dem Königssohne; aber der Läufer achtete
ihrer nicht. Zur Rennbahn war eine Gasse von der Länge einer Meile
abgesteckt und zu beiden Seiten mit Bäumen bepflanzt, die den Laufenden
Schutz gegen die brennende Sonnenhitze gaben. Am Ende der Gasse
sprudelte eine kleine Quelle ihr Wasser aus dem Boden hervor. Es war
festgesetzt, daß die Wettlaufenden mit einer leeren Flasche an die
Quelle laufen und dort die Flasche mit Wasser füllen sollten, und wer
dann beim Zurücklaufen, sei es um einen oder zwei Schritte, vor dem
Andern wieder eintreffe, der solle der Sieger sein. Als nun die
Königstochter und des Freiers schnellfüßiger Diener auf das gegebene
Zeichen gleichzeitig ausliefen, dauerte es nicht gar lange, so war der
Ranzenmann wie der Wind an der Jungfrau vorüber, lief zur Quelle, füllte
die Flasche und trat den Rücklauf an. Auf dem halben Wege kam ihm die
Königstochter, die noch erst zur Quelle lief, entgegen. »Halt ein wenig
an, Brüderchen!« bat die Königstochter, »ich habe mir den Fuß etwas
verstaucht. Gieb mir aus deiner Flasche ein paar Tropfen Wasser auf den
Fuß und verschnaufe, dann gehen wir wieder vorwärts.« »Meinethalben«,
sagte der Mann, »ich habe ja keine Eile; ich bleibe, wenn ihr wollt,
hier sitzen, bis ihr von der Quelle zurückkommt, dann laufen wir mit
einander weiter.« Als er aber niedersaß um auszuruhen, und keinen Betrug
fürchtete, hielt ihm die Königstochter, als ob sie ihm schmeicheln
wollte, ein Schlafkraut unter die Nase, so daß er sofort in Schlaf fiel.
Dann nahm ihm die Jungfrau die gefüllte Flasche aus der Hand und trat
hinkend den Rücklauf an. Der Augenmann sah den Vorfall, nahm seine
Flinte und schoß von einem Baume einen Zweig so geschickt herunter, daß
derselbe dem Schnellfuß auf die Nase fiel und ihn aus dem Schlafe
weckte. Zu seinem Schrecken findet der Mann eine leere Flasche und
sieht, daß die Maid schon eine Strecke auf dem Rückwege voraus ist.
Jetzt strengte er seine Füße an, daß Fersen Funken sprühten, flog zum
zweiten Male zur Quelle, füllte die Flasche und sauste dann wie der Wind
zurück. Richtig überholte er die Königstochter schon, als immer noch
eine gute Wegstrecke bis zum Ziel übrig war und langte einige
Augenblicke vor ihr an. So war der Sieg dem Freier geblieben, der
diesmal seinen Kopf nicht auf die Stange verkauft hatte; die
Königstochter aber ging in zornigem Muthe nach Hause, denn solch' einen
Possen hatte sie noch in ihrem Leben nicht erfahren, daß irgend ein
menschliches Wesen raschere Füße gehabt hätte als sie selber. Der
Königssohn begab sich mit seinen Dienern in den Gasthof, ließ ein
prächtiges Mahl anrichten und machte dem Läufer ein reiches Geschenk,
desgleichen auch dem Schützen, der den Läufer zu rechter Zeit aufgeweckt
hatte. Gleichwohl vermochte der Lärm des Gelages nicht das Gehör des
Ohrenmannes zu verwirren, daß er nicht vernommen hätte, was derweil im
Königshause zwischen Vater und Tochter gesprochen wurde. »Jetzt, liebes
Kind!« sagte der König, »mußt du dich vermählen, da hilft nichts mehr,
deiner Füße Schnelligkeit ist durch einen Schnelleren überwunden. Ich
bin darüber ganz froh, denn erstens werden nun keine Männer mehr
ankommen und zweitens erhalte ich einen Schwiegersohn, der in allen
Stücken nach meinem Sinne ist.« Der König wollte noch weiter sprechen,
aber da lösten sich plötzlich der Tochter Zungenbänder, welche der Zorn
bis dahin gefesselt hatte und nun stürzte aus dem schönen Munde die Rede
wie der Wasserfall auf's Mühlrad, so daß der König nicht im Stande war
noch etwas weiter vorzubringen. Da Niemand vermöchte, diese Rede Wort
für Wort wiederzugeben, so will ich nur in Kürze den Kern derselben
mittheilen. Die Tochter betheuerte mit den eindringlichsten Worten, wenn
der Vater sie mit Gewalt verheirathen wolle, so würde sie wohl vorher
ihr Leben lassen können, aber die Frau des Mannes zu werden, der durch
seinen Diener zufällig über sie gesiegt habe, dazu solle keine Macht der
Erde sie zwingen. Als endlich das Zünglein der Tochter schon müde wurde
und der König wieder ein und das andere Wort dazwischen werfen konnte,
versuchte er es bald mit Drohungen, bald mit Schmeichelworten, aber
Alles vergebens. »Meinethalben,« rief die Tochter aus, »mögt ihr ihm das
halbe Königreich als Abfindung anbieten, aber zur Frau wird er mich
nicht bekommen so lange Leben in mir ist.« Der Königssohn wurde sehr
verdrießlich, als der Ohrenmann diese Reden gemeldet hatte. Aber der
Baumlupfer sagte: »Betrübt euch darüber doch nicht, Mädchen giebt es auf
der Welt mehr als so eine Königstochter meint, und auch noch schönere
und feinere als sie ist. Verlanget aus des Königs Schatzkammer so viel
Gold, wie ein Mann in einem Sacke auf seinem Rücken fortbringen kann,
als Abfindungspreis, und lasset die Tochter in Ruhe, bis sie mit all'
ihrer Habe verschimmelt, so daß Niemand mehr kommt sie anzusehen,
geschweige denn zu freien.« Der Rath war nach des Königssohnes
Geschmack, deshalb sagte er am andern Morgen, als er aus des alten
Königs Munde vernommen, was ihm der Ohrenmann schon gestern berichtet
hatte: »So mag es denn meinetwegen mit der Freite sein Bewenden haben.
Ich will mich mit euch vertragen, wenn ihr mir aus eurer Schatzkammer
soviel Gold und Goldeswerth zum Ersatz für meine weite Reise
versprecht, als ein Mann in einem Sacke auf dem Rücken forttragen
kann.« Der König versprach das ohne Weigern, und war noch froh, daß er
so wohlfeilen Kaufes davon kam, denn hätte der Jüngling das halbe
Königreich zur Abfindung gefordert, er hätte es hingeben müssen, so aber
kam er mit einem Sack voll Gold los. Der König dachte in seinem Sinn:
ich hielt den jungen Mann für gescheidter als er ist, aber er kennt das
Gewicht des Goldes nicht, von dem doch der allerstärkste Mann nicht viel
tragen kann. So trennten sich die Männer, beide mit dem abgeschlossenen
Handel sehr zufrieden.
Im Gasthofe sagte der Baumlupfer zum Königssohne: »Jetzt schicket Diener
in die Stadt und lasset sämmtliches Segeltuch, das in den Buden zu
finden ist, aufkaufen, dann bringet fünfzig Schneidergesellen zusammen
und lasset aus dem Segeltuch einen sechsdoppelten Sack nähen, so lang
und breit als der Stoff reichen will. Mit diesem Sacke will ich aus der
Schatzkammer das Lösegeld holen, das euch zum Ersatz für die Jungfrau
dienen soll.« Der Königssohn that also und versprach den Bockreitern
reichen Lohn, wenn sie die Nacht durch den Sack bis zum Morgen fertig
nähen würden. Wenn nun, wie man sagt, schon der Meisterin Bratenschüssel
auf dem Ofenherd[11] die Nadel des Schneiders beflügelt, so kann man
leicht denken, um wie viel mehr der vom Königssohne verheißene Lohn dies
that. Die Schneider stichelten die ganze Nacht am Segeltuch und jeder
war nur darauf bedacht, seine Augen vor dem Nebenmann zu hüten, damit
ihm dessen Nadel in ihrem Schwung nicht in's Auge fahre. Etwas vor
Mittmorgen (9 Uhr) hatten die Männer den Sack fertig und fast alle Nähte
waren doppelt genäht. Die Schneider erhielten den Arbeitslohn und noch
so viel Trinkgeld obendrein, daß sie dafür, obwohl die Arbeit nur eine
Nacht gedauert hatte, drei Tage lang in der Herberge Gelage halten
konnten. Der Baumlupfer nahm dann seinen Sack auf den Rücken und ging
damit nach des Königs Schatzkammer zum Schatzmeister, um die Füllung des
leeren Sackes zu verlangen. Als der Schatzmeister den grundlos tiefen
Sack erblickte, sagte er spottend: »Du hast wohl den rechten Weg
verfehlt, Brüderchen, du wolltest sicher in irgend eine Kaffscheune, für
das Geld hätte es eines solchen Sackes wahrhaftig nicht bedurft.« Der
Sackmann erwiderte: »Nun, der Sack wird über den frei bleibenden Rand
nicht trauern [12], auch kann ich nicht mehr hinein thun, als ich im
Stande bin fortzutragen.« So mit einander sprechend, waren sie bis zur
Schatzkammer gekommen. Als die Thüren aufgeschlossen waren und die
Goldtonnen alle zum Vorschein kamen, sagte der Schatzmeister: »Was
meinst du, getrauest du dir wohl daraus den Sack zu füllen und dann vom
Platze zu bringen?« Der Sackmann erwiderte: »Du wirst ja sehen; wer kann
eine Sache als sicher rühmen, ehe er sie versucht hat? Mein Herr hatte,
als er herkam, die feste Hoffnung, mit einer jungen Frau zurückzufahren,
bekommt aber nun keinen besseren Lohn als ein Säckchen voll Geld. Nun,
Geld ist oft besser als ein böses Weib.« Der Schatzmeister sagte
höhnisch: »Schade, daß du keine Schaufel mitgebracht hast, das würde die
Arbeit abkürzen, denn mit der Hand den Sack zu füllen ist doch
langweilig, zumal wenn der Sack so groß ist.« Der Baumlupfer entgegnete:
»Mein seliger Vater sagte oftmals scherzweise: Wenn ein Mann weder Kanne
noch Schöpfkelle hat, so muß er entweder aus dem Rande des Kübels oder
aus dem Spundloch abschlürfen.« Mit diesen Worten hob er die erste
Goldtonne auf wie ein Körbchen voll Daunen, bat, die Oeffnung des Sackes
auseinander zu halten und schüttete dann das Geld hinein, daß es
klirrte. Jetzt wurde dem Schatzmeister schon bange, als es aber der
zweiten und dritten Tonne nicht besser erging, da wurde das Männlein
bleich wie eine getünchte Wand. Nach einer Weile waren alle Goldtonnen
geleert, der Sack war aber noch nicht einmal zur Hälfte voll. Der Träger
fragte: »Hat euer König denn keinen größeren Schatz?« »Gold in Barren
findet sich noch hinten in Kasten, es ist aber eben noch nicht geprägt.«
»Nun her damit!« sagte der Baumlupfer und leerte die Kasten ebenso rein
aus wie vorher die Tonnen. Als dann alle Ecken und Winkel leer waren,
nahm er den Sack auf den Rücken und schritt zurück nach dem Gasthofe.
Das Zuschließen machte dem Schatzmeister diesmal keine Sorge, darum lief
er, wie von einer Bremse gestochen, dem Könige das Unglück zu melden.
Der alte König erschrak nicht minder, als er den Vorfall hörte, ließ
die Tochter holen und rief: »Sieh nun, was für ein Unglück deine
halsstarrige Widersetzlichkeit angerichtet hat. Aller Geldvorrath ist
dahin, der Freier hat mich kapp und kahl gemacht wie eine Kirchenmaus.
Was für ein König bin ich jetzt? Ein Herrscher ohne Geld hat weder Hand
noch Fuß, seinen Feinden die Spitze zu bieten. Wenn die Soldaten hören,
dass ich nichts mehr habe, um ihnen ihre Löhnung zu zahlen, so laufen
sie auseinander.« Da sagte die Tochter: »So kann die Sache nicht
bleiben; wir müssen mit List oder Gewalt ihnen den Schatz wieder zu
entreißen suchen.« Aber noch ehe sie Zeit hatten, irgend eine List zu
versuchen, kam schon Botschaft, daß der Königssohn die Stadt verlassen
habe. »Jetzt müssen wir Gewalt brauchen«, sagte die Tochter. »Lasset
augenblicklich das ganze Heer zusammenrufen und dem spitzbübischen
Freier nachjagen, der ja doch mit seiner schweren Last nicht schnell
vorwärts kommen kann.« Der Befehl wurde sofort vollzogen. Am andern Tage
war das Heer beisammen; man brach auf, dem das Geld fortführenden Manne
nachzusetzen, voran die Reiterei, darauf das Fußvolk und zuletzt der
König mit seiner Tochter in einer Kutsche. Ein Drittel des Goldes aus
dem Schatze, der dem feindlichen Freier wieder abgenommen werden sollte,
wurde den Kriegsleuten zum Geschenke versprochen, damit sie desto
hitziger verfolgen möchten.
Der Königssohn war mit seinem Schatze schon eine gute Strecke vorwärts
gekommen, denn der sechsfache Geldsack hemmte des Trägers Schritte
nirgends; auf jede andere Weise freilich wäre es schlechterdings
unmöglich gewesen, die schwere Last fortzubringen. Zugvieh hätte man
wohl für gutes Geld soviel kaufen können, als die Schwere der Last
erforderte, aber woher ein Fuhrwerk nehmen, das unter dem Gewichte nicht
gebrochen wäre? Der Schatzträger war eben über einen hohen Berg gekommen
und hatte sich am Fuße desselben unter einem Busche niedergelassen, um
auszuruhen, als der Mann mit den langen Ohren ihnen Alles erzählte, was
hinter ihnen in der Königsstadt angezettelt und vorgenommen wurde. Der
Augenmann hatte vom Kamm des Berges aus das nachsetzende Heer deutlich
erblickt -- darum schlug dem Königssohne das Herz doch etwas bänglich.
Aber der Windbläser sagte: »wir müssen uns etwas weiter vom Berge
entfernen, damit, wenn die Truppen herankommen, der Windstoß meines
Mundes sie um so sicherer treffen kann.« So gingen die Männer weiter,
bis sie einen passenden Ort gefunden hatten. Als nun der Augenmann
meldete, daß die voranziehende Reiterschar den Kamm des Berges schon
erreicht hätte, begann der Windmann zu blasen. Und hast du nicht
gesehen! als hätte ein Wirbelwind leichten Staub und Schutt vom Berge in
die Höhe gefegt, so flogen Mann und Roß bis in die Wolken und fielen
dann nieder, so daß kein Glied bei dem andern blieb. Ganz eben so flog
dann auch das Fußvolk in die Luft, so daß zuletzt nichts weiter übrig
blieb, als die Kutsche, in welcher der alte König mit seiner
schnellfüßigen Tochter saß. »Soll ich sie auch auffliegen lassen?«
fragte der Windmann. Aber der Königssohn verbot es ihm, indem er sagte:
»Versuchen wir es noch einmal in Güte.« Darauf fuhr er in seiner Kutsche
auf den Berg zurück, dem Könige entgegen, grüßte höflich und sagte:
»Jetzt seid ihr auf einmal zum armen Manne geworden, ihr habt weder
Schatz noch Heer, was für ein König könnt ihr da sein? Versprecht mir
eure Tochter zur Frau, so hat alle Trübsal ein Ende.« Weder der alte
König noch die halsstarrige, schnellfüßige Tochter konnten sich jetzt
länger widersetzen, sondern gaben ihre Zustimmung. Darauf sagte der
Königssohn zu seinem Schwiegervater: »Seid ohne Sorge, den Schatz lasse
ich sofort zurücktragen, und unter einer weisen Regierung wird die
Bevölkerung rasch zunehmen, so daß die Plätze derer, welche heute in die
Luft flogen, wieder aufgefüllt werden. Bis dahin aber, daß die Jugend
heranwächst, werden meine starken Diener das Reich beschützen, von denen
der eine mit seinem Auge die kleinste Mücke in der Wolke gewahr wird,
der andere mit seinem Ohr das Niesen einer Maus hundert Klafter tief in
der Erde hört, der dritte mit seiner Stärke alles Gold und Silber einer
Schatzkammer auf dem Rücken davonträgt und der vierte mit seinem Munde
jedes Heer in die Luft blasen kann.«
Man zog dann in die Königsstadt zurück, wo ein prachtvolles
Hochzeitsfest begangen wurde, das vier Wochen dauerte; der Schwiegersohn
aber blieb im Hause des alten Königs und wurde nach dessen Tode
Beherrscher des Reichs.
[Fußnote 9: Wörtlich: Durch sieben Feuerstellen gehen. L.]
[Fußnote 10: Ein Stof ist gleich einer halben Kanne; (3/4 Stof = 1
Bouteille). L.]
[Fußnote 11: Keris, Hitzherd. Der Ofen ist doppelt; die untere
Abtheilung enthält das Feuer und ist halb in der Erde; oben hat er ein
durchbrochenes Gewölbe und eine Lage feuerbeständiger Geröllsteine
(kerise kiwid), die von der Flamme umspielt werden und Wärme absorbieren
und bewahren. Diese Steine werden als Rost zum Braten benutzt, so wie
zum Dampfbade, indem man Wasser darauf gießt. Vgl. _Bertram_, Wagien,
Dorp. 1868, S. 20 und _Blumberg_, Quellen und Realien des Kalewipoeg 1869.
In den Verhandlungen der gel. estn. Gesellsch. zu Dorpat Bd. 5, Heft 4.
L.]
[Fußnote 12: Sprichwörtliche Redensart, die überall angewandt wird, wo
man der Bemerkung, daß ein Gefäß größer sei als der dafür bestimmte
Inhalt, entgegnen will. Nach Kreutzwald's gef. Mittheilung. L.]